Nr. 69 Zweites Blatt 158. Jahrgang Samstag 2 L. März 1908 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Gießener ZamlIlenblStter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für bett Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen 8eit- frageu" erscheinen monatlich zweimal. Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Sberheffen Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- ftraße 7. Expedition und Verlag: 51. Redaktion:^-^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen. mrnisch, Flach, Rogatzky, Zimmermann, K. Metger, Deutscher Reichstag. Die Vertreter der Presse versammelten sich heute mittag um Uhr im Lesezimmer, um zu! dem gestrigen Zwischenfall Stellung zu neh^ men. Im Namen der gestern zu dem Präsidenten Graf Stolberg entsandten Kommission erklärte deren Sprecher, daß sie der Präsident mit großer Liebenswürdigkeit empfangen habe. Die Kommission habe den Präsidenten darauf aufmerksam gemacht, daß seine Erllärung die Pressevertreter nicht befriedigt hätte und daß sie ihn bäten, weitere Schritte zu unternehmen. Graf Stol^ berg erwiderte, daß es ihm nur schwer möglich sei, nachträglich auf die Sache Aurückzukommen, er teile vollkommen den Standpunkt der Presse, und wenn er den Zwischenruf gehört hätte. . würde er gegen den Abg. Groeber in schärfster Weise eingeschritten sein. Er wolle aber versuchen, dadurch einen Ausgleich herbetzu^ führen, daß er sich an das Zentrum wenden werde und dieses uni Rücknahme des beleidigenden Ausdruckes bitten wolle. Herr Drl Eisele, Vertreter der „Kölnischen Volkszeitung" teilte darauf mitt daß das Zentrum der Ansicht wäre, daß seit dem 13. Dezember 1906 die Journalistentrtbime in demonstrativer Weise gegen das Zentrum vergehe; es seien wiederholt bei Zentrumsrednern verletzende Zwischenrufe gemacht worden und das Zentrum sei bet Ansicht, daß der Abg. Groeber seine Beleidigung nicht eher wieder zurücknehmen könne, bis nicht von der Journalistentribüne ein Bedauern über diese angebliche Störung ausgesprochen worden ser. Dieser Erklärung des Herrn Dr. Eisele, der sich auch der Herausgeber einer Zentrumsparlamentskorresponoenz, Herr Ahrens, anfchloß, traten die sämtlichen sonstigen Redner auf9 Entschiedenste entgegen. Wenn auch von der Journalisten^ tribune hie und da Zwischenrufe oder Lachen erfolgt sei, so hätte sich daS^ in keiner Weste gegen das Zentrum gerichtet, sondern solche Störungen, insoweit sie überhaupt vorgekommen seien, hätten auch während der Reden von Mitgliedern anderer Parteien ftattgefunden. Es wurde entschieden verlangt, daß der Abg. Groeber als Gentleman seine Beleidigung zurücknehmen müßte, denn bte Presse bestände ebenso aus Politikern wie der Reichstag selbst und könne sich eine solche Beleidigung vor der ganzen Welt nicht bieten lassen, sonst würden die Pressevertreter zu Tintenkulis herabsinken. Unter anderen erklärte sich auch der Bor- Drese Herren, die Vertreter ausländischer, auswärtiger und hieilger Blätter sind, erklärten, daß sie für ihre Zeitungen weder Parlamentsbericht, noch Stimmungsbilder liefern würden, bevor nicht der Zwischenfall zu allgemeiner Zufriedenheit beigelegt feL Ferner ließen noch folgende Zeitungen besonders ihre Solidarität viit den Rerchstagsjournalisten dadurch erklären, daß sie bis auf kcttereS feine Berichte aus dem Reichstag bringen würden: Köl. nische Zeitung, Berliner Tageblatt, Deutsche Tageszeitung, 93er- .^euefte Nachrichten, Frantfurter Zeitung, Berliner Politische Nachrichten, Breslauer Zeitung, Tägliche Rundschau, Börsen, tourier, Vossische Zeitung, Vorwärts, Hannoverscher Courier, Leipziger Neueste Nachrichten, Hamburger Nachrichten, Schlesische Zeitung, Nationalzeitung, Deutsche Zeitung, sämtliche im Ullstein- schen Verlage erscheinenden Blätter. Auch das Wolffsche Tel» graphenbureau ließ erklären, daß es an die Zeitungen keinen Bericht abgeben werde, sondern nur für die Ministerien und Reichsämter Bericht erstatten wolle. Von dieser Einmütigkeit schloß sich nur das Zentrums-Par- laments-Bureau aus. Es ließ durch einen Vertreter erklären, daß es sein 93ureau verstärkt habe und dafür sorgen wolle, daß ein vollkommen ausreichender Bericht über den Reichstag erstattet wer- den sollte. Wie weiter mitgeteilt wurde, ist von Mitgliedern des Zentrums an den Direktor beim Reichstage, Geheimrat Jung-Heun, ^rangetreten worden, damit vom amtlichen Reichstagsbureau ein varlameutsbericht hercmSgegeben und an dis Zeitungen versandt derben solle. Am Nachmittag traten die Vertreter der fresse nochmals zusammen und beschlossen nahezu einmütig folgende Erklärung, die den ^raktionsvorständen und dem Präsidenten des deutschen Reichstages übermittelt werden soll: „Tie versammelten Vertreter der Presse im Reichstage erklären, daß sis in der Aenßerung des Herrn Abg. Gröber unter allen Umständen eine schwere Beleidigung ihres gesamten Standes "blicken. Wenn auf der Jourualistentribüne Störungen vorgr« kommen sind, so sind die Vertreter der Presse die ersten, die das mißbilligen. Stellen aber fest, daß niemals eine Kundgebung Segen irgend eine Partei beabsichtigt gewesen ist. Falls der Herr Abg. Gröber seine beleidigenden Acußerungen nicht mit dem Ausdruck deS Bedauerns zurückuimmt, oder nicht von anderer maß, gebender Seite eine ausreichende Zurückweisung erfolgt, überlassen sie das Urteil darüber der breitesten Ocffentlichkeit. Zum Zeichen deS Protestes gegen die ihrem Stande zugefügte Beleidigung werden sie bis auf weiteres über die Reichstagsverhandlungen »lcht berichten. sitzende deS Vereines der ausländischen Journalisten, Dr. Shaw, [mit folgenden Worten mit den deutschen Reichstagsjournal isten solidarisch: Meine Herren Kollegen! Mir, als dem Vertreter der ausländischen Presse« liegt es fern, mich in Vorgänge im deutschen Reichstage irgendwie einmischen zu wollen. Da ich aber nicht nur Ausländer, sondern auch Journalist bin, darf ich wohl in meinem Namen wie im Namen aller hier anwesende^ Vertreter der ausländischen Presse erklären, daß wir uns mit den deutschen Kollegen vollständig solidarisch fühlen. (Lebhafter Beifall.) Von den Journalisten des Abgeordnetenhauses war ebenfalls eine Sympathiekundgebung eingegangen. An Den Verhandlungen beteiligten sich folgende Herren: Curt Baake, Emil Zimmermann, Rudolf Friedemann, Ph. Berkowitz, Dr. P. Hamburger, Alfred Schultz, Hugo Franz, Dr. Schmelzer, Dr. Elkan, Adolf Stein, Petrenz, I. Dahns, Max Lesser, Passavanh M. Wießner, Chefredakteur Cuno, M. Winterberg, O. Hennings, Dr. Pietsch, Dr. Hermann Rosemeier, Hubert, A. Schmidt, Wil^ liams (Reuter-Bureau), P. Jorke, H. Guttmann, G. ErbmcmnS- börfer, Steinbauer, Dr. Borchardt, I. H A. Schwerin, H. Jänich, Ahrens, A. Zu A. Levi, G. Thomas, Abrahamsohn, Ranneforth, O. v. Loßberg. W. Ohm, Hink, M. Schröber, M. Bäckler, M. Berry (Associe de Presse), der Berliner Vertreter des .Standard", Dr. Beerli. G. Shaw, I. Blum, F. Lorentzen, E. Woth, Dr. Neumann, Dr. P. Goldmann (.Neue Freie Presse"), der Berliner Vertreter der „Newyork Times", Dr. E. Leimbörfer, A. Nagel, Dr. R. Grosse, M. Schirmer, A. Kuntze, Heilmann, Dr. Bahr, C. Bürger. H. Kerris, F. Göbel. Berlin, 20. MöVz. Auch die ,,Germania" kommt heute auf öen gestrigen Zwischenfall inv Reichstage, der Veranlassung zum öOiirnaUftcnftrcif gab, zurück, und auch sie bedauert die Äeuße- rung des Abg. Gröber inv Interesse oes Ansehens der Presse. ü>citer bemerkt das Zentrumsblati: Indem der Abg. Gröber eine Bemerkung gegen dieselben einzelnen Personen machte, hat er keineswegs die ganze Jonrnalistentribüne und noch viel weniger Sstnzen Journalistenstand angreifen oder beleidigen wollen, ew wurde auch gewiß sein Bedauern über die in der Erregung ge- !^uene Bemerkung aussprcchen, »oenn auf der andern Seite zuerst Bedauern über das durchaus ungehörige Benehmen der bewegenden Journalisten ansgesprockien würde. Weiterhin kommt 01 ob denn devPräsident des Reic^tases eure Bemerkung,. die aewissermasien in einer Privatunterhaktung im Sitzungssaale gefallen ist, zum Gegenstand einer anltlich-en Rüge machen tann. Berlin, 20. März. Tie auf der Journalistentribüne des Abgeordnetenhaufes tätigen Vertreter der Presse haben an ihre Kollegen im) Reichstage eine Sympathiekundgebung gerichtet, in der sie ihrer Entrüstung über das Verhalten des Abg. Gröber Ausdruck geben, ihren Kvllegen ihre Billigung des Verhaltens der ReichStagsjournÄisten aussprechen und erwarten, daß den Beleidigten für die ihnen zugefügte Ehrverletzung volle Genugtuung zuteil wird. München, 20. Mürz. Ter Vorstand deS M ünchener Journalisten- und Schri ftstellervereins beschloß, den Journalisten der Reichstagstribüne folgende Kundgebung zu übermitteln: Die Vorstandschaft des Münchener Jourualisten- und Schriststellervereins bekundet den Kollegen auf der Reichstags- tribune ihre lebhafte Zustimmung zu dem Prozeß gegen die schwere Beleidigung aus der Mitte des Hauses." Tas Berliner Tageblatt meldet aus Rom: Die „Tribuna" schreibt zu dem Zwischenfalle im Deutschen Reichstage: Dieser Vorfall, der in jedem anderen politisch l)öherstehenden Lande undenkbar wäre, ist nur eine natürliche Folge der Stellung, welche die Presse in Deutschland noch genießt. Selbst im Reichstage duldet man die Presse höchstens als Eindringling, versteht aber ihre Mitwirkung an der politischen Arbeit nicht zu schätzen. Deutscher handetstag. Berlin, 20. März. Im Langenbeckhcmse wurde heute vormittag die 34. Vollversammlung des Deutschen Handelstages unter zahlreicher Beteiligung von Vertretern des Handels und der Industrie eröffnet. Kurz vor Beginn der Verhandlungen erschienen die Staatssekretäre v. Bethmann-Hollweg und Krätke und Minister Dr. Delbrück mit den Herren ihrer Ministerien, sowie den anderen Regierungsvertretern, ferner Vertreter der Bundesstaaten und der Freien Hansestädte. Präsident Kampf eröffnete die Vollversammlung mit einem Hoch aus den Kaiser, die deutschen Bundessürsten und die Freien Hansestädte. Staatssekretär von Bethmann-Hollweg begrüßte die Vollversammlung namens des Reichskanzlers, der zu feinem lebhaften Bedauern verhindert sei, der heutigen Versammlung beizuwohnen. In seiner Rede sagte der Staatssekretär, er könne den Herren die Versicherung geben, daß den Beschlüssen des Deutschen Handelstages wie früher auch von ihm das Gewicht beigelegt würde, das dem Zentralorgan von Deutschlands Handel und Industrie zukomme. Alle seien sich darüber klar, daß die Zeit angespanntester Tätigkeit im Abnehmen begriffen sei und die Industrie einer ruhigeren Zeit entgegengehe. Die Veränderung werde am deutlichsten in unserem Außenhandel in die Erscheinung treten, doch möchte er davor warnen, der Neigung, den Außenhandel zum alleinbestimmenden Maßstab für die Beurteilung des Standes unserer Volkswirtschaft zu machen, allzusehr nachzugeben. Neben der rastlosen Energie unserer Exportpreise verdanken wir nicht zum mindesten der gewachsenen Verbrauchstätigkeit des Inlandes, insbesondere auch der handarbeitenden Bevölkerung, den Aufschwung der letzten Jahre. Die vermehrte Kaufkraft der heimischen Bevölkerung zu erhalten und weiter zu entwickeln, müsse unsere besondere Aufgabe sein und bleiben. Diese Aufgabe könne aber nicht allein durch staatliche Maßnahmen gelöst werden; auch die Produzenten selbst, vor allem die Industrie, müßten daran mitarbeiten. Zum Schlüsse sagte der Staatssekretär, es sei sein lebhafter Wunsch, baß alle wirtschaftlichen Interessenvertretungen und industriellen Verbände sich die Bedeutung und Bewahrung der Lebenshaltung und damit die Kaufkraft der werktätigen Bevölkerung in Zeilläuften wie den gegenwärtigen bei ihren Maßnahmen vor Augen halten. Gerade bei dem Deutschen Handelstage hoffe er ein besonderes Verständnis für diese Anschauungen zu finden, weil die Herren durch die Bereinigung von Handel, Industrie und Schiffahrt in ihren Reihen veranlaßt worden seien, die größeren allgemeinen Gesichtspunkte mehr in den Vordergrund zu stellen. Er sei sicher, daß auch die diesjährigen Beratungen von diesem Geist getragen sein werden. Nachdem das Andenken der im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder durch Erheben von den Sitzen geehrt worden war, trat man in die Tagesordnung ein. Ue6et den Punkt „F ern - sprech gebühr en" gelangte eine ssiesolution zur Annahme, in der es heißt: Der Deutsche Handelstag erblickt in der Beseitigung der Pauschgebühren und der ausschließlichen Behebung von Grund- und Gesprächsgebühren eine wesentliche Verteuerung dieses unentbehrlichen Verkehrsmittels und eine neue ungerechte Belastung von Handel unb Industrie zu Gunsten des platten Landes und spricht sich entschieden gegen die geplante Neuerung und für Beibehaltung der Pauschalgebühren aus. — Daraus folgte ein Referat über das Börse ngesetz durch den ersten Vizepräsidenten der Handelskammer Berlin, Franz v. Mendelssohn, der ausführte, daß die fortgesetzten Enttäuschungen berechtigter Hoffnungen hinsichtlich einer durchgreifenden Reform des Börsengesetzes, namentlich innerhalb des unmittelbar betroffenen Berufsstandes, eine tiefgehende Erbitterung erzeugte. Der von der Regierung dem Reichstage vorgelegte Entwurf könne als ernsthafter Versuch, die schlimmsten Mißstände zu bekämpfen und als^eine geeignete Grundlage für eine die Vertragstreue unt> die Verkehrssicherheit im Börsengeschäft hebende Reform bezeichnet werden. Dagegen sei die gegenwärtige Börsengesetzkommission des Reichstages zu Beschlüssen gekommen, die, wenn sie Gesetzeskraft erhielten, dazu führen würden, die bestehenden Verhältnisse noch wesentlich zu verschlechtern, und die sich in ihrer Gesamtheit wie ein Hohn ausnehmen auf die jahrelangen Klagen und Wünsche des deutsck)en Handelsstandes. Der Referent schloß mit der Aufforderung an den Handelstag, feinen Zweifel darüber zu lassen, daß ein Scheitern der Novelle, und ebenso eine Annahme in verstümmelter Form von unberechenbaren Folgen nicht allein für unsere Börse, nicht allein sür unseren Handclsstand, sondern für unsere nationale Volkswirtschaft sein werde. Der Redner beantragt eine R e- olution, in der es heißt: Der Deutsche Handelstag gibt feiner Uebecjeugung Ausdruck, daß die von der Regierung eingebrachte Börsengesetznovelle unter Berücksichtigung der von dem Ausschuß des Deutschen Handelstages in feiner Erklärung vom 6. Dez. 1907 als notwendig bezeichneten Ergänzungen und Acnderungen eine geeignete Grundlage, für eine die Vertragstreue und die Verkehrssicherheit im Börsengeschäft hebende Reform bietet Er mißbilligt aufs schärfste die von der Börsengesetzkommission des Reichstags gefaßten Beschlüsse und richtet an die gesetzgebenden Körperschaften das dringende Ersuchen, mit aller Entschiedenheit diesen Beschlüssen entgegenzutreten, sowie der deutschen Börse endlich die Möglichkeit wiederzugeben, ihre nationalen und wirtschaftlichen Aufgaben zu erfüllen. Diese Resolution lourde eilt* stimmig angenommen. Nachdem die Resolution betr. des Börsengcsetzes einstimmig zur Annahme gelangt war, erstattete der Präsident des Deutschen Handelstages Kampf über die Frage desSchcck-undHeber- weifungsverkehrs Bericht. Derselbe sagte u. a.: Er begrüße zunächst die Tatsache als erfreulich, das; der deutsche Handel in überraschend kurzer Zeit nicht nur zu einem Schcckgesetz, sondern sogar zu einem guten Scheckgesetz gekommen sei, das, wenn man auch über einzelne Punkte noch streiten konnte, doch im großen und ganzen den Bedürfnissen des Verkehrs und den Wünschen entspreche, welche seitens des Handelsstandes seinerzeit zum Ausdruck gebracht worden seien. Es werde durch dieses Gesetz der Regreß gegen die Aussteller und Indossanten geregelt, unb es werbe bie Stempclfreiheit bes Schecks ausgesprochen; cs seien keine Strafbestimmungen in bas Gesetz ausgenommen worben, vielmehr unterliege ber Scheckverkehr lediglich ben allgemeinen Bestimmungen bc3 Strafgesetzbuchs. Die Präsentationsfrist fei auf zehn Tage bemessen, was einen Kompromiß darstelle zwischen ben Anschauungen derjenigen, die den Scheck als Zahlungsmittel, unb berjenigen, bie ihn als Umlaufsmittel betrachten wollen; auch sei bie Unwiberruslichkeit bes Schecks bis zum Ablauf ber Präscntationsfrist ausgesprochen. Endlich sei der Scheck zur Verrechnung auf eine gesetzliche Basis gestellt. Wenn somit das Schcckgesetz mit Genugtuung begrüßt werden könne, so dürfe doch nicht vergessen werden, daß es allein noch keinen Scheckverkehr Hervorrufe, baß cs vielmehr nur bazu berufen fei, bie Hinbcrnisse aus bem Wege zu räumen, bie sich bisher ber Ausbehnung unb ber Popularisierung des Scheckverkehrs in den Weg gestellt hätten. Der Redner unterbreitete der Plenarversammlung schließlich folgende Erklärung: „Der Deutsche Handelstag begrüßt das Reichs-Scheckgesetz mit Genugtuung, da es in feinen Hauptbestimmungen die von dem Handelslage geäußerten Wünsche erfüllt und geeignet erscheint, den Bedürfnissen des Verkehrs zu entsprechen. Es ist zu hoffen, baß dieses Gesetz die Bestrebungen, die auf die Einbürgerung des Ueberweisungs- unb Scheckverkehrs in Deutschland gerichtet sind, wirksam unterstützen wird. Der Deutsche Handelstag fordert alle seine Mitglieder auf, biese Bestrebungen unausgesetzt zu fördern unb vertraut, baß auch bie Staats- und Gemeindebehörden sich mehr unb mehr biesen Bestrebungen anschließen werben, damit bie wirtschaftliche Bebeutung bes Ucberweisungs- unb Scheckverkehrs in vollem Umfange zur Geltung gelange und burch die Ersparung barer Zirkulationsmittel int Zahlungsverkehr dauernd zur Erleichterung des beutschen Geldmarktes beigetragen werbe." Diese Resolution wurde gleichfalls ein stimmig angenommen. Heber die Detailliftenkammern berichtete fobann ber Generalsekretär bes Deutschen Handelstages, Dr. Sötbcer- Berlin. Gewöhnlich werde nicht unterschieden, ob cs sich um eine Vertretung des Kleinhandels, ber bie Waren dem Verbraucher zuführe unb baher auch Großbetrieb sein könne, ober um eine Vertretung ber Kleinbetriebe im Hanbel hanble. Neben ber be- sonberen, in ben Bundesstaaten verschiebenen Vertretung des Kleinhandels unb ber kleinsten Betriebe hätten bie Handelskammern in allen Bundesstaaten bie Interessen des gesamten Hanbels, wie ber Jnbuftris wahrzunehmen. Gewiß seien der Kleinhandel unb bie Kleinbetriebe nicht entsprechend ihrer großen Zahl in ben Hanbelskammern vertreten, barum Imirben ihre Interessen aber nicht vernachlässigt. Nicht nur alle Hanbelskammern, auch bie Detaillisten selbst wollten größtenteils von Detaillistenkammern nichts wissen, wie durch die Verhanblungen bes ZentralverbonbeS bcutscher Kaufleute unb Gewerbetreibender bewiesen werde, da sic nicht Kaufleute zweiter Klasse werden wollten. Die Befürworter der Detaillistenkammern erstrebten in ihnen hauptsächlich Organe zur Bekämpfung beS Großbetriebs im Kleinhandel. Ein solcher Kampf bürste nicht gesetzlich organisiert werben. Heber biesen Gegenstand entspann sich eine sehr aus- gebehnte Diskussion, an ber sich Geheimrat Metz-Freiburg, Wahl- Barmen, van Rhein-Krcfelb, Höchberg-Frankfurt a. M., HandelS- kammersekretär Stumpf-Osnabrück, Synbikus Dr. Planer-Karlsruhe, Dr. Kanter-Braunschweig, Kommerzienrat Seligmann-Köln, Synbikus Dr. Ehlcrs-Berlin, Fürfter-Görlitz, Hoyer-Delmenhorst, Bahr-Landsberg, sowie ber Referent beteiligten. Die von einzelnen Diskussionsrebnern eingebrachten Anträgs würben sämtlich abgelehnt, unb ber Ausschußantrag mit einer kleinen Acnbcrung in folgenber Fassung angenommen. Die Errichtung besonderer Körperschaften zur Vertretung des Kleinhanbels ober ber kleinen Hänbler entspricht nicht bem allgemeinen Wunsche ber Beteiligten, wird vielmehr zurzeit ausbrücklich von ihnen abgclehnt. Hnbeschabet befonbercr Einrichtungen in einzelnen VunbeSstaaten haben bie Handelskammern die Bestimmung, die Interessen des gesamten Handels, wie der Jnbustrie wahrzunehmen, und sie sind in der Lage, ihrer Bestimmung gerecht zu werden. Eine Ausscheidung ber Kreise des Kleinhanbels aber der kleinen Händler würde für diese Kreise nicht von Vorteil sein, ba eine eigene Vertretung weniger wirkungsvoll unb kostspielig wäre. Vor allem aber würbe sie eine bebauerliche Zersplitterung in ber Interessenvertretung für Hanbel unb Industrie herbeiführen mtd gegenüber ber geschlossenen Vertretung ber Landwirtschaft unb bes. Handwerks, sowie gegenüber ber Regierung von großem Nachteil sein. Der Deutsche Hanbelstag erklärt sich baher gegen die Errichtung b e» ionberer Körperschaften ber bezeichneten Art. Aus und LtruS. Gleßen, 21. März 1908. •• Tageskalenber. Stadttheater: Sonntag nachmittag 3*/2 Uhr: „Robert und Bertram*; abends 71/, Uhr: „Zapfenstreich". Geistliche Musikauführung des Evang. Kirchen* gesangvercins Sonntag abend 6 Uhr in der Stadttirche. Kolosseum: Samstag abend und Sonntag nachmittag Gastspiel von Danny Gürtler (gewöhnliche Preise). Sonntag abend ebenfalls Vorstellung. Klnematographen-Theater: Programmwechsel. Kaiserpanorama: Programinwechsel:Salzkamnrergut. ♦ ** Kaiser in Oberhesfen. Wie man uns aus L-chli tz niitteilt, trifft der Kaiser nach seiner Reise von Korfu etwa Mitte Mai zum Besuche des Grafen zu Schlitz genannt von Görtz, in Schlitz ein. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß gleichzeitig der in Aussicht gestellte dritte kaiserliche Besuch in Gießen erfolgen wird. *♦ Zur Landtag § w a'hl. Tas hiesige Antisennten- blüttchen will gebärt haben, daß unser Landtagsabg. Geh. Justizrat Dr. GutNeisch bei der nächsten Wahl nickt mehr kandidieren wolle und Stadkv. Eichenauer als sein Nachfolger ausersehen sei, wenn es nicht gelinge, Herrn Dr. Gutslcisch zur Wiederan- nahme zu bewegen. Es sei dazu mitgeteilt, baß die Naclyücht aus der Lust gegriffen ist. lieber die Landtagswahlkandidatur ist in hiesigen liberalen Kreisen überhaupt noch nicht gesprochen worden, Da eine Verzichtleistung Tr. Gulfleischs ausgeschlossen erscheint. ** Eine Abschiedsfeier für den neuen Gießener Landg erichts - Präsidc nten Dr. Güngerich fand gestern in Darmstadt statt, wie uns von dort drahtlich gemeldet wird. Der Darmstädter Landgerichts-Präsident Herzberger widmete dem von Darmstadt Scheidenden herzliche Worte des Dankes und der Anerkennung. ** Zum Büdinger Bankkrach. Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, hat man nunmehr eine Spur von Losrat Rothschild. Ein Herr, der mit Rothschi.d zusammen tzandelskaminer,nitglied war, und ihn genau kennt, hat ihn am Montag oder Dienstag in Zürich auf dem Weg zwischen Lahnhof und See gesehen. Leider war dem Herrn nid}t bekannt, daß R. steckbrieflich verfolgt wird, sodaß er unbehelligt blieb. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft von der Sache Kenntnis erhalten und die entsprechenden Schritte eingeieiteL " Sympathiekundgebungen aus Hessen für die Reichstagsjournalisten. Sämtliche auf der Journalistentribüne der 2. hessischen Kammer tätigen Journalisten haben eine gemeinsame Kundgebung an ihre Kollegen im Reichstag gerichtet, in der Dank und Anerkennung für das mannhafte Eintreten für die Berufsehre des deutschen Jour- nalistenstandes ausgesprochen wird. Der Landesverband hessischer Aeitungsredakteure hat eine ähnliche Kundgebung telegraphisch nach Berlin übermittelt. Auch die Redaktion des Gießener Anzeigers sandte ein Telegramm ähnlichen Inhalts an die Reichstagsjournalisten. ** Lehrerfortbildungskurs. An der Landes» Universität soll auch in diesem Sommersemester ein Wissenschaftlicher Fortbildnngskursus für Volksschul- lehrer stattfinden. Da sich die früheren fünf Kurse stets eines starken Besuchs erfreuten, hofft man ailch für dieses Jahr wieder auf zahlreiche Hörer. Die Vorlesungen beginnen am 29. April und finden jeden Mittwoch nachmittag statt. Professor Dr. Kinkel liest über „Aesthetik", Professor Dr. Kaiser über „Die Geologie von Hessen und der angrenzenden Gebirge". ** Ein Vermächtnis für das hiesige Hessen- Haus. Im Anschluß an das Böbinger Stimmungsbüd „nach der Katastrophe" in Nr. 67 wird uns mitgeteilt, daß das birin erwähnte Vermächtnis des Kammerdiretcors Korell nicht den Gießener Hessen," sondern dem Verland alter Herren des Korps „Hassia," dessen stellv. Vorsitzender Direktor Staren war, zug es allen ist. 2 er Verband bezweckt die Erhaltung des ihm gehörigen und von ihm erbauten, völlig schuldenfreien Korpshaufes. * * Alice-Schule. Donnerstag und Freitag fanden die Prüfungen der in der Schule ausgebildeten Handarbeitslehrerinnen unter Aufsicht der Prüfungskommission statt. Sämtliche Kandidatinnen bestanden. Ihre Arbeiten, sowie die Schülerinnenarbeiten aus den anderen Klassen sind Sonntag und Montag im Schullokale ausgestellt. Wir machen hiermit nochmals auf die Anzeige im Inseratenteil aufmerksam. ~ * * Aus dem Bureau u c 5 Stadttheaters Es sei darauf hingewiesen, daß die beiden Sonntags-Aufführungen (des Nachmittags: „Robert und Bertram", abends: „Zapfenstreich") in dieser Saison nicht wiederholt werden. — Einen Glanzpunkt der Saison dürfte das Gastspiel von Frau Irene Trlesch am Freitag den 3. April bilden. Frau Triesch wird in Hauptmanns „Elga" und in Hartlebens ,S ittlicher Forderung" gastieren. Berufene Beurteiler erklären die „Elga" für die bedeutendste Rolle des berühniten Gastes. — Vormerkungen für das Gastspiel werden zu den Kassestunden im Theaterbureau angenommen. " Geistliche Musikaufführung. Die morgende Aufführung des Evang. Kirchengesangvercins beansprucht ein ganz besonderes Interesse. Schon um des so selten gehörten Werkes des alten Meisters Haydn „Die sieben Worte des Erlösers" willen, das uns dabei vorgesührt werden soll. Trotzdem es unserer Geschmacks- richtung und unserem religiösen Empfinden etwas fremdartig geworden sein mag, wird doch seine unvergängliche Schönheit des tiefen Eindruels nicht verfehlen. Dabei wird ein sehr interessanter Versuch gemacht werden. Bei den beklagenswerten Schwierigkeiten, die gegenwärtig hier für die Aufführung von Orchesterwerken bestehen, mußte der Kirchen- gesangoereln, dessen Mittel ihm nicht erlauben, ein Orchester von auswärts kommen zu lassen, leider auf Orchesterbegleitllng verzichten. Das bot bei diesem Werk, das ursprünglich nur für Orchesterbegleitung gedacht war, besonders große Bedenken, da die Orgel ihrer Natur nach eine solche bewegte Begleitung nicht leisten kann. Es wurde darum versucht, die Orgel durch einen Flügel zu ergänzen, der die Figurationen übernimmt. Nach der gestrigen Probe muß der Versuch als sehr gelungen bezeichnet werden. Es gehört freilich ein solcher Begleiter, wie unser Herr Prof. Trautmann, dazu, um daS zu leisten. — Noch möge darauf aufmerksam gemacht werden, daß man sich durch Zahlung eines Jahresbeitrages von 3 Mk. zwei Plätze für jede Aufführung sichern kann. Für die Finanzen des Vereins wäre es sehr erwünscht, daß noch mehr davon Gebrauch gemacht würde. * * Danny Gürtler hat die beste Aussicht, ein populärer Mcmn in Gießen zu iberben. Gestern abend zwang er die zahlreichen Besucher des Kolosseums wieder lüimnich in fernen Bann. Es geht bau' diesem, Künstler eine merkwürdige Kraft aus, gleichsam eine hypnotische .Nacht, mit weicher er sich die gerade erforderliche Stimmung für jede im Augenluick beabsichtigte Wirkung seines Vortrages bei den Zuhörern zu verschonen weiß. Silit ein pa >r derben Worten ober mit einem eleganten Scherz, häufig itur mit einer Handbewegung, gelingt ihm das vollständig. Dann folgt sein Vorwag. Atemlose Stille herrscht im Saal. Ter Inhalt steigert sich ost beinahe bis zur Brutalität. Unmittelbar u raui eine humorvolle Wenoung — und die Schärfe ist wieder ausgeglichen. Es. lohnt sich wirklich, dem eigenartigen Künstler m allen leinen tollen Einfällen und Launen mitzufolgen. Er streu! seine Gaben weit über eine Stunde lang ver,chwLnderisch aus: man tünnk aber noch länger zuhören. * * Einbruch. In verflossener Nacht wurde das an der Bahnüberführung vom Bahnhof nach der Frankfurter Straße stehende Wasser Hänschen erbrochen und vollständig ausgeraubt. Gestohlen sind außer 2 Kistchen Zigarren Schokolade und Zuckerwaren im Werte von etwa 20 Mt. Zum Erbrechen hat der Dieb eine Maurerklammer von einem dort in der Nähe befindlichen Neubau benutzt. *® Gute Sitten in der Politik. Man schreibt uns aus Annerod, 20. März: Gestern abend sprach in der Wirtschaft „Zur Krone" Herr Oswald Riedel über die gegenwärtige politische Lage in Deutschland. Ausgehend von der Rcichstagsauflösung begrüßte Redner das Zustandekommen des „Blocks" und beleuchtete hierauf den gegenwärtigen Stand unserer äußeren und inneren Politik. Am Schluffe polemisierte er gegen die Parteien des Antiblocks und die Deutsch-sozialen. In der Diskussion wandte sich Herr Reuther aus Gießen von den Deutschsozialen gegen die Ausführungen Riedels. Sein Redeschwall währte bis kurz vor Mitternacht und wollte gar kein Ende nehmen. Er bewegte sich dabei meistens in solch persönlichen Wendungen, daß dem unbefangenen Zuhörer gar oft die Haare zu Berge standen. Schreiber dieses treibt keinerlei Politik und sieht derartige Vorgänge absolut nicht durch die Parteibrille an; umsomehr erwartet er, daß auch im Parteihader die gute Sitte eine Grenze zieht. (Auch von anderer Seite ist uns ein Bericht zugegangen, der das Verhalten des Herrn R. in dieser Versammlung in sehr eigentümlichem Licht erscheinen läßt. Red.) O Klein-Linden, 20. März. Ter Maschinenwärter Ludwig Lu h, der bei der Finna I. Barnaß in Gießen gestern 25 Jahre in Arbeit stand erhielt vom deutschen Papier-Jndustrwverein ein prachtvolles Ehrcndiplom. Herr Barnaß übergab ihm eine goldene Uhr mit Widmung und die Arbeitskollegen schenkten ihm eine goldne Uhrkette und einen schönen Bliimensiänder. Das Arbeitszimmer des Jubilars hatten seine Kollegen aiisgefchmückt. I). Fran E f n r t a. M., 2.0. März. Der in einer Maschinenfabrik tätige 20 jährige Buchhalter Karl Görtz entwendete Geldbriefe und einen Scheck und brannte mit 10 000 Mt., die er auf diese Weise enangt hatte, durch. Er wurde jedoch bald fesr- gcnomni.n. Tie Fir.na ist um 4000 Mk. geid^ibigt, das übrige Geld 1k t sie wieder erhalten. TaS Urteil gegen Görtz lautet aus 1 Jahr Gefängnis. — Ter Arbeiigeoer-Verbaiid im Schreiner- gciD:r^e hat seine Mitglieder gezwungen, die Arbeiter, die an den März-Vwwnimlimgen teKnehw.en, als 4 nlraktbrüchig zu erklären und drei Tage auszusperren. 138 Mann sind ausge- spcrrt. Tie Schuh,abrik Vreimig u. Collin in Oberrad hat die Arbeiter, die am 18. Adärz vor Feierabend Schluß gemacht haben, bis Montag ausgesperrt. X. Hanau, 20. März. Wie bei der Festsetzung des städtischen Haushaltsplanes für 1908 in der Stadt- verordnetensitzung bemerkt wurde, soll die Gehaltsaufbesserung der städtischen Beamten entsprechend der Aufbesserung der Staatsbeamten erfolgen und bis zur Neuregelung der Slaatsbeamtengehätter zurückversetzt werden. Gießener Strafkammer. )( Gießen, 20. März. Hochstapeleien. Der Kaufmann G. E. aus Dessau war nn vorigen Sommer in einer hiesigen Druckerei als Auonneensaminler tätig und halle sich in einer Wirlfcha't emlogicvt. In der ersten Zeit zahlte er täglich Kost und üliieie, brachte es aber unter falscher Angabe über seine Stellung und sein Einkommen fertig, daß ihm der Wirt kreditierte. Ais feine Schuld erheblich angewachjen >var, forderle er Rechnung, indein er bemerkte, er bekäme jetzt sein Salair ausbezahlt. Seit diesem Tage hat ihn der Wirt nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er trat dann ui einer andern Druckerei ein, um in der nämlichen Eigenschaft in der Umgebung von Alsfeld taug zu werden. Es wurde ihm eine Mappe mit Mustern überlassen und ihm ein R'öisevorschuß gewährt, womit er sich nach Alsfeld begab. Nach einigen Tagen verlangte er von feinem Auftraggeber tele- graphifch einen weiteren Vorschuß, der ihm jedoch verweigert ivurde, da er überhaupt keine Auckräge emgejandt hatte und er über feine Tätigten keinen Bericht erstattete. Während seines Au'enrhalts in "Alsfeld verübte er verschiedene Zechprellereien: In der einen Wirtschaft schwindelte er vor, er habe fein Geld verloren, man möge ihm borgen Ui» Geld von Gießen emtreffe und in der andern ließ er sich 50 Pig. geben, um sich Geld auf telegraphischem Weg zu erbitten, bei dessen Ankunft er die Zeche begleichen wolle. Er enuernte sich unter der Angabe, auf die Post gehen zu wollen, «in das Geld zu holen, ließ sich aber nicht mehr sehen. In einem weiteren Falle verließ er die Wirtschaft ohne zu zahlen unter der Vorspiegelung, er wolle sich Zigaretten holen u,id ließ sich nicht mehr bilden. Es stellte ficg heraus, daß man es mit einem viel- >ach bestraften, gewerbsmäßigen Betrüger zu tun hatte. Entgegen dem Antrag des Staatsanwalts, der nulderiide Umstände erbeten hatte, verurteilte das Gericht den "Angeklagten unter Freisprechung bezüglich eines Falles, wegen Betrugs in drei Fällen zu z w e'i Jahren Zuchthaus und 500 "JJiL Geldstrafe, deren Eventual- lirafe, da die Geldstrafe doch uneinbringlich ist, durch die Uiucv= juchungshait für verbüßt erachtet wird. töci’icbtsSatU. A Marburg, 20. Marz. Der 70 Jahre alte Sandsuhrmann Georg Becker aus Wief ck bei Gießen stand heute wegen Gefahr d ii n g eines Eisenbahntransports vor der Strafkammer. Der (Genannte tarn am 23. November v. I. mit feinem Einspännerfuhrwerk aus der Richtung von Gladenbach und fuhr hier im Trab über den bei der Aurorahütte befindlichen Bahnübergang. Zu demselben Augenblicke naht ein Güterzug, der den Hinteren Teil des Wagens noch erfaßte und bcnfelbeu total zertrümmerte. Ter alle Mann wurde mit fortgefchleudert, kam aber später, ohne Schaden erlitten zu haben, wieder zu sich. Tas Pferd erlitt einige Verletzungen. Ter Angeklagte machte geltend, daß er das Nahen des Zuges überhort und diefeu auch vorher nicht gesehen habe. Vecker wurde zu 3 0 Al k. Gestdstrafe verurteilt. Elbing, 20. Niarz. Tas Schwurgericht verurteilte den ehemaligen Direktor der Marienburger Privatbank, Woelte, wegen betrügerischen Bankerotis, Unterschlagung von Depots, Lilanzsälschung und Beisetteschafiung von Bermögens- objeften zu 10 Jahren Zuchthaus, und den srüheren Prokuristen der Bank, Schneider, wegen Beihilfe zu fünf Jahren Gefängnis. VeDnrLßctzre». "Der Senator und ber König. Es heißt, daß der amerikanische Senator E lki n s, der Vater'von Katharina Elkius, sich weigere, ferne Einwitligung zur Heirat feiner Tochter mit dem Herzog der Abruzzen zu erteilen. Er beruft sich habet auf das Beifviel der Ehen des Grafen Eastellane etc., die zwischen Amerikanerinnen und "Ausländern gefchlossen worden waren und unglücklich aussielen. In Rom dagegen tuirb offiziös bie bevorstehende Heirat des Herzogs mit Kail). Elkins bestätigt. Ter Koni g^ foll feine Einwilligung zu Heirat erteilt haben! Giornale b'Jtlalia führt allerbmgs aus, die Trauung des Herzogs mit Frl. Elkins könne nur auf italienischem Boden und nicht "in Amerika vollzogen werben, ba laut Gesetz bei Prinzen bcs fönigl. ital. Hauses bev Senats-Präsibcnt als Stanbcsbeamler funairen müsse. * Der M u t eines Maschinisten namens Berry rettete ben Damp'er „Sanbai" in ber Nähe von Ponlanb. Tas Schiss brannte unb bie "Matrosen wurden durch die Flammeil ge- zwtmgeu, bas Steuer zu verlassen. Jnfolgebessen würbe ber kampier gegen große Felsen durch ben eigenen Dampf getrieben. Berry schritt mit beivunberinigswürdigenr Heroismus burch bie Flammen und stoppte bie Maschine gerabe zur rechten Zeit, um bas Schiff zu retten. Dabei erlitt er gefährliche Brandwimben und wird vielleicht fein Leben einbüßen. Kleine Tageschronik. Schon wieder scheint Berlin um eine Mordtat reicher zu sein. Der Arbeiter Dombrowsky wurde in einer Blutlache liegend tot auf. gefunden. Die Leiche zeigte mehrfache Verlehungeil am Kopfe. Neben ihr lag ein Beil. Tic Fran des Dombrowsky lebte getrennt von ihm. In Cöln wurde der Fremdenführer Heinr. Mingcls vom Schöffen« gericht wegen Beleidigung des Kriminalkommissars Honig und des Polizei« Präsidiums zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Als der Kommissar das Gerichtsgebäude verlassen wollte, feuerte Mingels aus einem Revolver vier Schüsse auf ihn ab, von denen, da der Komimffar die Geistesgegenwart harte, Mingels festzunchmeu, nur einer den linken Arm des Beamlcn traf. Ter Täler wurde sofort verhaftet. In Debreczin explodierten durch den Ausbruch eines Feuers in einem Kausmannsladen mehrere Fässer Benzin, wodurch daS Gebäude zum größten Teile zerstört wurde. Da im Keller noch eine Anzahl Fässer Benzin lagern und das Feuer noch nicht gelöscht ist, werden weitere Explosionen befürchtet. Mehrere Feuerwehrleute wurden bei ben Lösch, arbeiten verletzt. Der ungarische Graf Nikolaus Banfsy und dessen Chauffeur wurden verhaftet, weil sie nut ihrem Automobil bei Bjano (Ungarn) ein Kind überfahren und tätlich verletzt hatten. Der Seinepräfekt hat die Absicht ausgesprochen, 500 Millionen zur Erweiterung und Verschönerung des Pariser Stadtbildes zu verlangen. Aus Calcutta wird gemeldet: Während einer Versammlung im Nathause, bie sich mit ber Hungersnot in Jnbicn beschäftigte, wicS der Vizekönig Lord 2)iinto darauf hin, daß bie Hungersnot einen bisher unerreichten Umfang angenommen habe. Die Zaht ber Hungerleibenben betrage etwa 50 Millionen. l'/2 Millionen Personen seien bereits aus StaaiSumerstützung angewiesen, um ihr Leben zu fristen. Der Schaben durch ErnteauSfatl wird auf 300 Millionen geschätzt. Es wurde ein Ausschuß ernannt, um Mittel unb Wege aus biesem DerhängmS aus« fuibig zu machen. Auttft und — V 0 m Kai., er unb der K u n st. Der Kaiser bc* suchte am Freitag mittag das alte Akademiegebäude zu Berlin und besichtigte die Hilssnwdelle der dekorativen Figuren, welche die Fassaden des ersten Stockwerks schmücken werden. Die Figuren versinnbildlichen alte Bildungsstätten, Padua, Salerno, Bologna, Paris, ferner deutsche Universitäten und technische Hochschulen, Königsberg, Breslau, Marburg, Greifswald, Charlotten- burg, Hannover, Aachen, 2anzig. Am Eingang zur Königl. Bibliothek werden Statuen des großen Kurfürsten und Friedricks des Großen Platz finden. — Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht nachstehende Erclärpng des Generaldirektors der Kgl. Museen, Geheimrat 2r. Bode: „Die von der „Wiener Zeit" gebrachte unb von anderen Blättern wiederholte Behauptung eines Interviews durch den hiesigen Reporter dieser Zeitung, ist nur insoweit richtig, als ich diesen Herrn, der sich mir als Geistlicher vorstellte, dringend gebeten habe, mich mit Fragen in Bezug auf ben Fall v. Tschudi zu verschonen. Als er mich wegen der Grunde oer MiMimmu.ig gegen v. Tschudi bedrängte, verwies ich ihn auf Herrn Prof. Meyerheim, der ihm vielleicht näheres mitteilen würde, weil er über die Nichtausstellung seines Frieses verstimmt wäre. Auf seine Frage sagte ich ihm noch, datz ich meinen Abschied nicht genommen hätte, wohl auch, dag ich von Tschudi, der zunächst nur auf ein Jahr beurlaubt sei, als Kunsthistoriker sehr schätze. Ich müsse aber bedauern, daß er die historische Entwicklung der Berliner Kunst in seinen Ankäufen und in seiner Ausstellung vernachlässigt habe. Die Namen der Herren A. v. Werner, Graf Harrach und Knaus füid meines Wilsens von mir überhaupt nicht genannt worden, insbesondere habe ich von keinem der in dem Artikel erwähnten vier Künftler ausgesprochen, daß sie ihren Einfluß bei dem Kaiser zu Ungunst en v. Tschudis geltend gemacht hätten, oder in ihrer Haltung durch den ^Nichtaiikaus ihrer Bilder beeinilußt seien. Alles, was hierüber gesagt worden ist, beruht auf Kombination sonstiger Gerüchte." hanScl. Konkurse in Helsen. Ueber das Vermögen des am 23. Tezember 1907 zu Bab - Nauheirn verstorbenen Sprachlehrers H. Fritzel baselbst würbe, ba der Nachlaß überschuldet ist, auf "Antrag des Nachlaßpflegers Joh. Pauli II. zu Bab^lauheim am 0. "März bas Konkursverfahren eröffnet. Rechtsanwalt Tr. Brücher in Bab-Nauhetm würbe zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforberiingen finb bis zürn 25. März bet bem "Amtsgericht Bab-Nauheun anzumelben. — Ueber ben Nachlaß ber Kaih. Marg. geb. Fischer in Westhofen, Witwe des baselbst lvohnhatt gelvejenen Dietrich Orb III., würbe am 11. Marz bas Koukursverfahreii eröffnet. Notarsgehllfe Philipp Bassemir in O|t» Hofen würbe zum Konkursverwalter ernannt. Konkurssorberungen sinb bis zum 4. April bei bem "Amtsgericht Osthofen anzumelben.— Ueber bas Vermögen bes Abcrm Robert Spengler, Bäcker in Gonsenheim, würbe am 11. Marz bas Koukursverfahreii eröffnet. Der "Anwaltsgehilfc Steffan in "Mainz würbe zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforberungen sind bis zum 31. März bei bem Amtsgericht Main^ anzumelbeii. — Ueber baS Vermögen bev Piivatiu Maria "Anna Schmitt m P f a f f e n- S ch w a b en- h e i m würbe am 14. März vormittags 9 Uhr, bas Konkursverfahren eröffnet, ba ein Gläubiger wegen Ueberjcfjulbung bev Gc- memfd)ulbnenn bas Konkursverfahveu über ihr Vermögen beantragt unb Gemeiufchulbnerin ihre Ueberfchulbung zugegeben hat. 9lotariat5fetvetäv Pctev Krauet in Sprenblingen würbe zum Konkursverwalter ernannt. Konkurssorberungen sinb bis zum 4. "April bet bem Amtsgericht Wöllstein anzumelden. Märkte. > Butzbach, 20. MD,. ~.r gestrige Prämierungs- markt hatte viele Einwohner der umliegenden Dörser in unsere Stadt gelockt. Hier tonnte man sich wieder einmal mit eigenen Augen überzeugen, aus lüeul) hoher Stu,e die Rinbvieh- zuchl in . der Wellerau steht. Aus dem sehr dicht mit Bich bestandenen Marckplatze tonnte man wahre Prachtexemplare der „Siinmentaler ' yiane erblicken. Der Handel ging rege; es wurde sehr viel schönes, kräsliges Vieh zur Prämierung vvrgcsühct. Unter anderen erhielten Peeise: ,ur Bullen, ben 1. Preis Landwirt Fey aus Langsoorf, den 2. Preis Bürgermeister Krumm aus Kvhden bei Nidda, ben 3. Preis Landw. Fleiychhauer von Ätelbac.> uci Frwdoerg, den 4. Pr. Landwirt Reis aus Münzen- berg und den 5. Preis Landw. Maloch von Meioach. Den 1. Preis für Rinder erhielt Joh. Wimer aus dckeder-Wei|el. Auck) der Schweinehandel ging selw levhast. Nicht unerwähnt darf "eitolich die Ausstellung landwirtschaitlicher Akaschinen bleiben. Den von der Firma Troster-Butzoach ausgestellten Pflügen, Eggen, Sümaschinen, Seperatoren usw. wurden von den Landwirten lebhaftes Interesse entgegengebracht. Durch Karrusscls usw. war hinreichend für Belustigung gesorgt. Der Festzug mit den mit Preisen ausgezeichneten Tieren bewegte sich unter Boraiitritt einer Musikkapelle mittags durch die -dichtgedrängte Menge. GriKSttaL-Drahtsneldunge«. Wien, 21. 'jatrz. Der Kaiser hat bie heutige Nacht sehr g u t verbracht. 2er Scklas wurde durch Husten nicht gestört. iLchnupfen mtb Katarrh sind im Rückgänge begriffen. "Auch waren keine besonderen 2empcraturfteigerungen zu verzeichnen. Madrid, 21. März. Das Blatt Correspondencia Espana versichert, der B e f 11 d) des japanischen Prinzen Kuni habe eine hohe politische Bedeutung. Er verfolge nämlich den Zweck des Abschlusses cin.es fpanisch-japanischen Einvernehmens. 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