Mittwoch 11. November 1908 Erstes Blatt Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten. von feinem Verständnis geleitet. Karl Neurath. 158. Jahrgang Nr. 206 Lei Sieyener ansetget er>it>eu<; (äflhct), außer €>onniofl6. - Beilagen: d i e i m a I roörbenthcf) Ltebener^amtlirndiutter, troeiimil iDocbenll.Ktets» lall für öen Kreis öiefoen (Tienetny uuvtitetimv. gmeminl monutl Land- ctrhd)afth(ht SetNrogen *toch verdient um das Reich, daß auch sie ihn nicht stürzen wollen. Im Gegenteil. Und ein Bei.allschor der Rechten, verstärkt durch ZusUmmung auch von den anderen Blockparteien, bekräftigt biefe Erklärung. Noch ein paar zustimmende Worte des Fürsten Hatzfeld als Interpellanten der Neichspartei zu den Erklärungen der Deutfch- konscrvativen Fraktion, und dann erhebt sich der Reichskanzler uc spriclst ernst, sehr ernst, und in lapidaren Sätzen. Vieles was er vorbringt, mackst starken Eindruck. Freilich, hierzu gehört nickst feine Versicherung, daß das Auswärtige Amt seit 1- Jahren tadellos arbeite und jetzt zum erstenmal entgleist fei. Umsomehr wirkt anderes. So gleich zu Anfang sem Zugeständnis, daß durch die Veröffentlichung im „Daily Telegraph deutsckn' Intcresfen geschädigt worben seien. Seine Versicherung, baß die Stunde ernst fei und daß diesen Verh.nwlungen weittragende politische Bedeutung innewohne. Die Feststellung, daß die Buren 18U9 rchtzeitig benachrichtigt worden seien, zuletzt durch Vermittelung der holländischen Regierung, dast fic auf unsere Helfe nicht zu rechnen hätten. Bor allem die Zusicherung, daß oer Kaiser sich künftig auch in Privatgesprächen diejenige Zurückhaltung aus- crlcgeit werde, ohne die kein Kanzler im Amt bleiben rönne, und mit Ernst nahm man von dem elegisckieu Nachsatz des Kanzlers Kenntnis, er werde das Amt weiter führen, so lange es ihm möglich sei. Im übrigen stellte der Kanzler die selbstverständliche Tatsache fest, daß in Deutschland trotz der bcbauerlid)en Mitzverstano- niife jedermann friedliche und sreundlick)e Beziehungen zu England will auf der Basis gegenseitiger Achtung, und daß unsere Flotte nicht für den Stillen Ozcan gebaut wird. Was den Kaiser anlangt, so suchte er zu erklären nach dem Worte: Tont eomprendre c’ est tont pardonner! Bei der Mitteilung, der berühmte Feldzugsplan habe nur aus afabemnajen, für die praktische Kriegführung belangten Erörterungen beftan- ixn, setzte Heiterkeit ein. Der Kanzler verbat fie sich ut ernster würdiger Weise. „ . . Die Bravorufe sind nicht allzu stürmisch, als der Kanzler sich setzt. Und bann gibt es einen Hammelsprung. Man konnte cs dem Zentrum nachsühlen, daß es als einzige Niastinterpellantin unter den großen Parteien nun heute nickst mehr zu Wort tommen wollte. Aber der Block mackste es ihm nicht so bequem, er wies pen Vertagungsantrag des Herrn von Hertling ab. Auger diefern — Ein Rätseldichter. In Heidelberg ist dieser Tage eine eigenartige literarische Persönlichkeit, der Feuilleton-Redakteur des Heidelberger Tageblattes, L e o Z i e g l e r, auf einem Gange nach seinem Redaktionsbureau von einem Schlaganfalle betroffen moroen und gestorben. Die große Welt, die von jeher nur die funkelnden Sterne am deutschen Dichterhimmel kennt und gelten läßt, wird von dem Tode diejes schlichten Poeten nicht sonderlich berührt werden; gleichwohl ist mit ihm ein Literat gestorben, der ein freund- lich-dcmlvares Wort an dieser Stelle wohl verdient. Ziegler war, wie die „K. Z." meldet, aus dem Gymnasiallebccr- Beruf hervorgegangen und hatte sich sodann in Heidelberg bem Journalismus gewidmet. Seine Liebhaberei war das Ratseldichten. Aus einsamen Gängen über die waldigen Höhen der schönen Nectarstadt bejchajtigte er sich mit diesen literarischen Stiefkindern und veröffentlichte sie später in verschiedenen Zeitschriften und in seiner eigenen Zeitung, bis sie schließlich von ihm in zwei Meinen Bänden herausgegeben werden konnten. Was die meisten Rätfetdichler nicht besitzen, nämlich wirtliches Formtalent und dichterisches Gemüt, war ihm im vollen Maße gegeben. Seine Scharaden, Palindrome, Homonyme und wie diese Nätselarten alle heißen, g.iajen ost stimmungsvollen lyrischen Gedichtchen, zu denen Ail-Heidelberg mit seinem Strom und seinen traulichen Bergen den Hintergrund abgaben. Ein enger Freundeskreis, zu dem der jüngst verstorbene Studenten- lieder-Kornponist Lob gehörte, schloß sich um den Ent- schlasenen zusammen und 'schätzte fei.te heilere,Geselligkeit und sein g^siciwicy-wihiges Plaudern. D^s große Mühirad Zeit wird nun schnell über ihn hinweggehen und feinen Namen zerstäuben; als ehrenhafter Tagesschri.tsteller und ivahrhaft guter Mensch wird er aber in dem Andenken feiner Freunde weiterlebeu. Innere Mission. 4 4. Jahresversammlung des Landesvereins deck Inneren Mission und 3 0. Jahr es fest des Oberh. Vereins für Innere Mission. Friebberg, 11. 9toty. 1. Tag. 10. Now Den eigentlichen Verhauotungcn im Saale des Hotels Trapp ging eilte Sitzung des Ausschusses für L.and kra n k e n-- p siege voraus, bie vom Geh. Negierungsrat e y - Friedberg eröffnet wurde. Rackst)em er die Anwesenden, darunter auch Ver- creicr von sieben Großh. Hessischen Kreisüm-tern, des Hess. Dia. tzonissenveveliis und des hiesigen Frauenverems begrüßt, hielt Pfarrer Schwabe-Gießen einen eingehenden Vortrag ubci „Neue Aroeitsziele" in der Landkrankeiipsiege. Er besprach zu- näajft die Einrichtung der Dekanatsschweftern im Dekanat Gießen, Oie mit gutem Erfolg arbeitet und von mehreren anderen Dekanaten Oocrhefscns mit Glück nachgeal/mt worden ift Im streife Eroach bat liaj bie dort bcftcljcnbe streiskrankenpflege gut bewahrt. Auch e Frau als Pflegerin ausgebildet l-aben, ow in oortommenden Fällen die nötige Pflege übernimmt. Auch tnt Rheinland ist biefe Art der Krankenpflege bekaimt. In Helfen sinb viele Sckstveskru, besonbers ans dein Hesfischen Diakonifien- yaus beschäftigt, doch sino bas so wenige, baß sehr viele Lauborte keine geeignete Pflege besitzen. Es wäre bahin zu wirken, baß in t/rJfjcren Gemeinden Krankenschwestern,)ür diese Orte und ihre Umgebung von den Gemeinden oder größeren kirchlickf-en oder jtaatliujcii Boröänden angestellt würden. Wo das nicht angehi, fei die Anstellung von Helferinnen anzustrebeu nach dem Vorgang einiger Fraucnvereine. Weiter ist zu empfehlen die Austdellung von strankenpflegelosten, sog. Charlotteupslegen, bie sich auch bereits in Hessen gut eingeführt haben. Zur Einführung empfehlenswert find auch der Wöchnerinnenkorb uiti> die Vorrichtungen -nut stvankentransport. , Die nötigen Geldmnkeln werden teils von den Verfickxerungs-t anstalten, teils von den politischen Gemeinden,, teils von den! . Kirchen lassen, teils durch freiwillige Gaben aufzubringen fein. An den trefflichen Vortrag sch^ß sich dann eine ausführlich Diskussion. Geh. Regierungsrat Fey weist darauf hin, daß vor allem das nötige Interesse in den Gemeinden dafür geweckt werden müsse. Das gelobe z. B. durch die wandernden pau^ l^ltungssck^uken. Die Einsährung der Eharlottenm'lege sei sehr zu empfehlen. Der christ.ickstn Liebestätigkeit in dieser Beziehung müsse die ftaatlidjc Mithilfe zur Seite gcheil. Krc^rat S chl i e p- Hackc-Erbach wünscht, daß zunächst mit dem Vaterländischen: Frauenverein-Berlin Fühlung genommen werden möchte. Sodantt verickstet er über bie Einrichtung des Pflegcvereins an Kreise Erbach und gibt mancherlei Anregungen zur allgemeinen Einführung der Land krau kenpslege, besonders die Gründung eines interkonfefsionellcn liess. Landesverbandes. Letzterer Vorschlag unterstützt Pfarrer 0.. G u y o t - Heppenheim, wendet sich aber gegen zu kurze Ausbildung der Pflege,'chvcsterw Pfarrer Schwatz e kann letzterem nicht beipflichten. Kirchenrat V.L-chlof f er- Gießen verspricht sich auch viel von einem Landesverband, unfr — Napoleons letzte Tage. In einem demnächst^ erscheinenden Buche behandelt der betannte französische: Historiker Frederic Masson die letzten Lebenstage Napoleons auf St. Klena; in den Annales wird eine interessante! Stelle aus dem Werke veröffentlicht, die auf dokumentarische Beweis sich stützend ein erschütterndes Bild gibt von dem tragischen Sterben des großen Kaisers. Einsam verbringt er seine Tage und als Schmerz und tfranfijeit ihn überfallen, steht zunächst kein Arzt ihm zur Seite. „Erst einen Monat vor seinem Tode, am 6. April, zwingen ihn bie furchtbaren Schmerzen dazu, den Dr. Arnott rufen zu lassen, den einzigen Arzt auf der Insel, der so etwatz wie einen Ruf besaß; an ihn wendet sich Napoleon, wenngleich er weiß, daß der Arzt dem Gouverneur sofort Bericht erstatten wird. „Er scheint zu glauben," so schreibt Sir Thomas Read an Hudson Lowe, „daß der General (nämlich Napoleon) von keinerlei ernstlicher Krankheit ergriffen ist und daß sein Leiden mehr moralischer als körperlicher Art sei. Graf Berlrand fragte ihn um seine Meinung und er antwortete, daß es keinerlei Gefahr gäbe." Noch drei Tage vor dem Tode, am 2. Mai, schreibt der 5wmmissar des Königs von Frankreich und des Kaisers von Oesterreich, der Marquis de Montehenu an den Fürsten Metternich: „Ich hatte die Ehre, Eurer Hoheit in meiner letzten Depesche mitzuteilen, daß Napoleon wieder angefangen hat, sich als krank auszugeben. Da wir, seit fünf Jahren, an diese angeblichen Krankheiten gewöhnt sind, sobald er irgend einen neuen Plan faßt, so sagt das uns nicht mehr als: feien wir auf der Hut." So wird bis zum letzten Tage der Auftrag der heiligen Allianz streng durchgeführt. „Um zu beweisen, daß er trank war," so sagt Masson, „blieb Napoleon nur ein Mittel: sterben. Erft als er tot ist, kann man feststellen, ob seine Leiden eine Komödie waren. Man öffnet seinen körper: der Magen ist mit der linken Wölbung der Leber verwachsen; einen Zoll neben der unteren Magenöfsnung hat ein Geschwür das Gewebe zcrsressen und ourchtöchert; das Loch ist groß genug, um den kleinen Finger durchzulassen. Tie Eingeweide sind innen von einem Gewirr von Krebs- stoffen und von Drüsenverhärtung bedeckt. Zur chronischen Lederentzündung hatte rid) der Krebs gesellt. In welcher Tauer hatte er |iaj entwickelt? Wann war er auf getreten? Vor zwei Jahren, vielleicht i'or drei. Und baöei keine Hilfe, kein Linderungsmittel, fein Schlafmittel, feine Betäubung des Schmerzes, nichts, nicht einmal ein Arzt . . GicheimAiizeiger General-Anzeiger für Oberhesfen Kotatiottstrud und Verlag der vrNHI'ichen Unle.-Bud)- und Sieindruderel R. lange. NedaMoii, Grpeöitton und Drudcrci: SchMratz« 7. (beantragt, bi? £berl;cijifdje Kommission für Landkrankenpflege Zu einer Landesorganisation zu erweitern und bk Einführung der Ckarlottenpflcge energisch zu betreiben. Die Ausbildung von i'og. Pflegerinnen mit geringerer Ausbildungszeit tarnt er aus Erfahrung empfehlen. Ebenso Pfarrer Fritsch-Ruppertsburg, der aber vor allzu kurzer Ausbildung warnt. Kreisrat Fey ft'ht der Gründung eines Landesvcreins sympathisch gegenüber. In die erweiterte Kommission werden auf seinen Vorschlag gewähr: die Kreisräte Schlieph.ickc, Wols und Dr. Kayser, Pfarrer D. ,'Guyot, Kreisrat Dr. Kratz (als Vertreter des Alicevereinss, und sein Vertreter des Hess. Tiakonissenhauses Elisabethstift in Tarm- ftabt. Außerdem sollen die ärztlichen Kreisvereine gebeten werden, hierzu zwei Vertreter aus ihren Kreisen zu bestimmen. Damit war .diese Angelegenheit erschöpft. In der Mitgliederversammlung des Nachmittags hielt nach der Erledigung verschiedener geschäftlichen Angelcgenhei'en und nach Vornahme der Vorstandswahl, bei welcher der alle Vorstand (wieder- und Professor D. Schian Gießen ncugcwählt worden war, letzterer den angekündigten Vortrag übet den Einfluß der Inneren Mission auf die Auffassung von Pfarramt und Gemeinde. Redner gibt zuerst einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung dieser Auffassung: sodann zeichnet er den Einfluß, den ibie Innere Mission auf diese Anschauung ausgeübt und wie sie die Gewissen schärfend, allseits anregend gewirkt hat. Der Vortrag wurde mit großem B ifall ausgenommen und gab zu einer eingehenden Besprechung Anlaß. Aus Stabt und Land. Gießen, 11. November 1908. Schüler und Schulkrankheiten. Zn bet Turnhalle der Statuknabenschule versammelten sich ,ttm Montag die Lehrer aus den Landorcen des Kreises zur Koniferen; In ihrem Verlaufe führte Krcisassistenzarzt Dr. L a n g e r- ,m a n n in einem interessanten Vortrage etwa folgendes aus: >Die meisten Krankheiten, denen unsere Kinder im schulpflichtigen Alter unterworfen sind, sind Infektionskrankheiten. Sie werden durch kleine Lebewesen, Bakterien genannt, h-ervorgerusen, die ,auf irgend einem Wege in den Organismus eindringen und dort krankhafte Veränderungen Hervorrufen. Ter Form nach unterscheidet man Kugelbakterien, Stäbchen, Spirillen, Vibrionen usw. Alle vermehren sich in kurzer Zeit gewaltig. Innerhalb 10 Stunden steigt die Nachkommenschaft von einem Dutzend Bazillen bis in die Tausende. Nicht alle Temperaturen find der Entwickelung bet Keime gleich günstig, auch vertragen sie das Auslrocknen und und den Aufenthalt in Licht und Luft schlecht. Der größte Teil der Bakterien ist beweglich. Dünne Fasen an ihren Enden verleihen ihnen diese Eigenschaft. Um Bakterien studienhalber künstlich zu züchten, hat man verschiedene Nährböden erfunden, welche sich in flüssige (Bouillon, Milch) und feste Blutsamen, -Gelatine, Ager) gruppieren lassen. Auf welche Weise tönerne nun der Mensch mit ihnen in Berührung? — Dazu ist vielfach Gelegenheit vorhanden. Die Absonderungen der Kranken .(Speichel, Auswurf, Exkremente usw.), Bettwäsche oder von 'Stranfen benutzte Utensilien, verdorbene Wohnungsluft, 'verunreinigte Abwässer, Nahrungsmittel (rohesObst, .Fleisch, Milch), Staub usw. usw, übertragen die Krankheit aus (Gesunde. Auch das Ungeziefer (Flöhe, Wanzen, Schnaken) spielt (hierbei eine traurige Vermittlerrolle. Nicht alle Menschen sind für Infektionskrankheiten gleich empfänglich. Einige zeigen sich ibon Natur aus dazu geneigt, während andere kaum darunter 'leiden. Ihre Immunität beruht darauf, daß in ihrem Blute lGcgengifte enthalten sind, welche die eindringenden Krankheits-- /erreger abtöten. Diese Immunität sucht man auch künstlich durch die Impfung zu erreichen. Es sei hierbei an die Schutzpocken- jimpfung, Schweinevotlaufserunl, Tiphcheriescrum, Impfung gegen Typhus erinnert. Scharlach, Masern, Diphtherie, Wasserblattern, Keuchhusten, Mumps sind wohl die häufigsten durch Bakterien hervorgerufenen Kinderkrankheiten. Wir I'ennen ihre Erreger, außer bei Scharlach, Masern und Kcuch- jTmften. Auch die Influenza, hervorgeruseu durch einen in kleinen Kolonien lebenden Stäbchcnbazillus, tritt hier und da (im schulpflichtigen Alter häufiger auf. Die Tuberkulose, ibie verbreitcste aller Infektionskrankheiten, hat -ffür die Schule /wenig Bedeutung, weil ihre für die Umgebung gefährlichste Form, die sog. offene Tuberkulose, bei Kinder ziemlich selten vorkvmmt. Sie leiden in diesen Jahren meistens an Skrophulose. Ter vor 'etwa 25 Jahren von R. Koch entdeckte Tuberkelbazillus gelangt ,durch die Atmungswerkzeuge, seltener durch den Mund in den Organismus. Wie befä pfm t man Infektionskrankheiten? 1. Durch Ausschluß der Erkrankten und Krankheitsverdächtigen, sowie der Geschwister und Mitwohnen vom Unter- irichte, 2. durch Tesinfekllon (Formallndesinfektion>. Mehr als 'durch diese Mittel wird die Schule zur Bekämpfung der Krankheiten beitragen können, wenn sie vorbeugend die Jugend zu Pein- -lichster Reinlichkeit erzieht und ihr Anregung und Gelegenheit gibt den Körper abzuhärten, damit eindringende Krankheitskeime einen für ihr Fortkommen ungünstigen Nährboden (finden. Weiter verbreitete sich der Redner über sog. Schul- Krankheiten, die durch den Aufenthalt des Schülers in der Schule und durch die der Schule gewidmete häusliche Beschäftigung 'entstehen. Blutarmut, Ernährungsstörungen, N a - s e n b l u t e n, Kopfweh, nervöse Erscheinungen, deu- 'ten meistens auf Veranlagung und ungünstige häusliche Verhält- .Tttffc hin, doch ist nicht zu verkennen, daß der Aufenthalt in der .Schule die liebel verschlimmert. Gute Ernährung und Dispen- .sation vom Unterricht bessern diese Zustände. Weit schwieriger sind ^Rückgratverkrümmungen, die meistens eine Folge schlechter Haltung beim Sitzen in der Schule sind, uicd die besonders in höheren Schulen so häufige Myopie wieder zu korrigieren. ■Stier gilt es, durch zweckm.äßige 'Sitzgelegenheit und möglichst (günstige Beleuchtuugsverhältnisse vvrzubeuge.l. Eine Menge Zeichnungen und Neinkulturen von Bakterien darstellende Präparate veranschaulichten den Inhalt des mit großem Beifall ausgenom- ‘menen Vortrags. ** Erledigt ist die Stelle cmc3 Hauptsteueramtsdieners bei dem Hauptsteueramt Mainz. ,e Tagesordnung für die Sitzung der Stadt- verordneten - Versammlung Donnerstag, 12. Nov., nachm. 4 Uhr: 1. Auslosung von Schuldverschreibungen. 2. Mitteilungen. 3. Errichtung einer Waldschule. 3. Herstellung einer Zwischendecke über dem Stcficlranni der höheren Mädchenschule ö. Uebertassung emes Schulsaales an die Stenographen-Gesellschaft (Babelsberger. 6. Desgleichen an den (Babelsberger Stenographen-Verein. 7. Anlage einer Waschküche im Hause Sonnenstraße 2. 8. Benutzung eines städtischen Grundstückes an den Bahnhöfen. 9. Abtretung eines Geländestreifens an der Ost-Anlage an das Garnison- lazarett. 10. Verbreiterung der Tammslraße. 11. Polizei- Verordnung, betreffend den Fuhrverkehc in dec Dammstraße. 12. Aufstellung von Laternen am Riegclpfab; hier: Vertrag mit der Bahnvermaltuug. 13. Verwertung des Nutzholzes -im Jahre 1908/09. 14. Wegweiser durch Gießen (Angebot der Verlagsbuchhandlung von iHolh). 15. Dienstfreie Zeit des Friedhofsaufsehers Sier. 16. Medizinalkasse für staatliche und kommunale Uuterbeamte. •• Ucbcrfüllte Eisenbahnwagen. Vor einiger Zeit brachten Tageszeitungen Artikel über die durch den neuen Falnkartenlarif und die dadurch cnlünnbene Verteucr- -ung des Nelsens erfolgte Abwanderung vieler Neisender in niedrigere Klassen. Gleichzeitig wurde auch angeführt, daß die Zllsanuiienjctz'.lng der Elfenbahnzügc immer noch die alle sei und den veränderten VcrlehrSvcrhältmssen von der Elfen» bahnverwattung bisher in nicht hinleichendcr Weise Rechnung getragen lvorden feu Von der R'chUgteil dieser Ausjühr- ungen hat man täglich Gelegenheit, sich am hiesigen Bahnhofe zu überzeugen. Bei dem abends gegen 727 Uhr nach Marl) u r g abgehenden Persouenzlig herrscht fast ständig Platzmangel, besonders in 3. Klasie, ivelchem Nebelstande leicht diirch Einstellung eines weiteren Wagens 3. Klasse ab- geholfen werden könnte. Sodann führen einzelne Zuge von Frankfurt a. M. Reiseivageu, die meistens nur bis Gießen fahren. Die in diesen Wagen befindlichen Neisenden sind dann gezwungen, in den vorderen Wagen sich andere Plätze zu suchen, was bei der ohnehin guten Besetzung dieser Wagen vielfach mit nicht wenig Umständen verknüpft ist. Hier konnte dadurch 9lbhilfe geschaffen werden, indem man die Reise- wagen bis Marburg durchlaufen läßt, von welcher Station ab durch den Abgang der bezw. von Reifenden an den Zivi chenslalionen nach Lumda, Herborn, Biedenkopf, Frankenberg nordwärts bekanntlich em nicht so starker Verkehr besteht, als zwischen Gießen und Marburg. *• Baumfällen. In der Zeit des Baumstillons werden an den Straßen und in den Cvndinttcu die Reichs-Tclegraphen- Mid F"riisvrecbleiliUigen bmcb umslürzende Bälime oder biird) herabfn[Ient)c Aelle häufig beschädigt, iociI die Personen, deiien da? '13a umfäll en obliegt, in der Regel die zur Sicherung der Tele (iraubenanlaqen gegen Beschädigungen erforderlichen Vorkehrungen überhaupt nicht oder in ungenügendenr Maße treffen ui'd es inner- lasseii, von den bevorslebei'den Arbeiten der nädiftcn Postaustalr rechtzeitig Mitleilnng zu machen. Da auch f a b r l ä s s i g Be- schäoigungen der Tclegravbenanlagen im § 318 des Reichs-Strafgesetzbuches mit Strafe bedroht sind, wird den Baumbesitzern em- v olsten, die nächste Postanslalt von der bevorstehenden Baum- fälhmg so zeitig zu beuachrichligen, daß die Eiitselidnng eines Beamten zur Sicherung der Leitungen veranlaßt werden kann. Dadurch erspar t fiel) der Baumbesitzer Unamrehmlich.teilen ; alle Kosten für die Sicherung der Tellgravhenleimngen trägt außerdem m diesem Falle die Telegrapbenvcrivalluug. ** Kolossen m. Am Freitag und Samstag gibt hier der Hof-» und Kammervirtiiose des Königs von Gricchen- land, Giovanni Darusso, ein zweitägigiges ©aftfpicl. nachdem er bisher in Deutschland nur im Darmstädter Orpheum und im Frankfurter Albert Schumann-Theater aufgetreten ist. Das „Darmst. TagbL4 schreibt über ihn: .Mit stolzer Sicherheit betritt Giovanni Darusso im kllidsameu 4tationalkostüm die Bühne, um zunächst in einer selbsikompo- nicrtcn Elegie feine fabelhafte Technik und Vertrarltheit mit dem Instrument kundzrllun. In einer gleichfalls eigenen Komposilion Maznrka - Konzertante, die er mit verbundenen Augen spielt, überrascht er durch die spielende Leichtigkeit, mit der er namentlich den schwierigen Läufen und Doppelgriffen gerecht wird. Wenn er dann schließlich Perpetuum mobile in A-dur von Paganini mit verbundenen Augen und mit Glaces - behandschuhten Händen in tadelloser Reinheit und blendender Technik zum Besten gibt, kennt der Beifall keine Grenzen." ** Wandervogel, deutscher Bund für Jugend- iv and er un gen. Am Freitag den 13. Nov., 6—7 Uhr abends, findet im geographischen Jnstitiit, Landgraf Philipps- Platz, ein Vortrag über Skilauf von Lehramtsreferendar F. Peppler statt. Wandervögel, deren Angehörige, sotvie solche, die durch Wandervögel eingeführt werden, haben freien Zutritt. 8 Lollar, 10. Nov. Vergangenen Sonntag fand in dem Gasthaus .Zur Linde4 hier die Gen eraminlung des nationalliberalen Vereins statt, die gut besucht wag. "Nach dem von dem Vorsitzenden erstatteten Jahresbericht, ist der Verein, dessen Mitgliebcrzalsi ständig wächst, in günstiger Entwicklung begriffen. Nach Erledigung der Tagesordnung hielt Prof. Dr. Lutey-Gießen einen interessanten Vortrag über die nationalliberale Partei und deren Mitwitklmg an dem Ausbau sowie Ausbau des Deutschen Reiches. Ter Redner erntete mit seinen Ausführungen lebhaften Beifall. Q Laubach, 10. Nov. Ein nettes Früchtchen scheint der 17jäbrige Schlosserlehrling K. von hier zu sein. Als er zum Oesfuen eines Schlosses in eine Gastwirtschaft bestellt war, schlich er sich in das Wohnzimmer und entnahm auS dem Pulte, in dem das Geld verwahrt war, eine Schweinsblase mit 170 Mark. Das Kleingeld brachte er anderen Tages auf der DNtterfelder Kirchweih durch; offenbar war er in Verlegenheit, wohin er mit dem Einhundertmarkschein sollte. Wegwerfen war das einfachste. Am Kirch- weihmontag fand ihn der Briefträger, der ihn auf dem Bürgermeistcrburcau ablieferte. Bekanntmachung im Orte war erfolglos. 2((§ endlich eine solche im Anzeiger erfolgte, merkte der Bestohlene den Verlust und io wurde der Diebstahl entdeckt. Das Bürschchen wird sich vor dem Gerichte für seine Tat zu verantivarten haben. Ein gemeinnütziger Nabatisparverein in Eiehcn. Am Montag abend hatte der D e t a i l l i ft e » -B e r e i n zu einer Versammlung nach dem Einhorn eingeladen, um über die Frage der Nützlichkeit und Notwendigkeit eines Rabatt-Sparvcrcirs in unserer Stadt zu beraten. Der Einladung waren etwa 10u Geschäftsleute, unter denen fast alle in Frage kommenden Branchen vertreten waren, Folge gegeben. Der Vorsitzende Röhr eröffnete die Versammlung und erteilte dem als Referenten in der Frage bestellten Generalsekretär des Verbandes der Nabatt-Sparvereine Deutschlands, B e y t h i c n - Bremen, das Wort. Dieser ging einleitend auf die Entwicklung des Kleinhandels in den lehren 15 Jahren ein. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts hatten wir bei der Zerrissenheir Deutschlands fein einheitliches Oandelsgebiet, es fehlten die Verkehrsbedürgungen und der 5?anbel5treibenbe Halle es nicht fchwer, in den alten Bahnen sein Geschäft zu betreiben. Dies kam mit einem Schlage anders, als Deutfchland geeinigt war und der Verkehr, der Dampf und die Elektrizität, andere Bedingungen fck>ajfte, mit denen der Sbanoel zu rechnen hatte und die einen Umschwung unserer gesamten Verhältnisse und ganz besonders des Detailhandels brachte. Da tauchte auch die Lehre von dem unverdienten Gewinn des Kaufmanns auf. Dann kamen die Warenhäuser, die den kleinen und mittleren GesckKften die Existenzbedingungen erschwerten, und die Konsumvereine, die dem Kleinlaufmann das Leben schwer machten und den Zwischenhandel auszuschalten drohten. Der Redner wies darauf hin, wie jährlich 350 Mill. Mk. durch die Lande der Kon- silmvereine gehen, ohne volkswirsichastlich befruchtend zu ioirken. Die Gefahr, die besonders einzelnen Branchen, mittelbar aber dem gesamten Detailhandel durch die Konsumvereine droht, sei nicht zu unterschätzen. Rührig ist man an der Arbeit, diesen Aufsaugungsprozeß des Kleinhandels zu beschleunigen mit allen Mitteln der Agitation, mit der Behauptung, der Kaufmann sei unnötig, er gebe vielfach falsches Gewicht, wir, die Konsumvereine, geben bic Waren viel besser und frischer. Hiergegen sich zu wehren, ist der einzelne Detaillift zu schwach, und deshalb ist ein Zusammenschluß der Kleinhandeltreibenden zu einer mächtigen, über ganz Deutschland sich ausbreitenden Organisation, in der die einzelnen Zweige untereinander sich sammeln können, unbedingt nö.ij. Es ist bedauerlich, daß weite Kreise unseres Beamtentums und des Mittelstandes so kurzsichtig sind und mit anderen Volkskreisen, die es aus volitsichen Gründen tun, das K'onsumvereinswesen I unterstützen und daß das Bürgertum jich dem anschließt. Es • helfe dem Kaufmann nichts, sich dieser Sucht gegenüber teil* na hm los zu Verhalten und so sei man denn mit Erfolg in Lannover, in Bremen und an vielen anderen kleinen Orten dazu gekommen, Rabatt-Sparvereine zu gründen, die im Kampfe mit den Konsumvereinen ziffernmäßig etwas erreicht haben. In diesen Vereinigungen seien Kaufleute und Handwerker, besonders Bäcker und teilweise Metzger, vereinigt. Besonders die Bäcker sollen daran denken, daß die Konsumvereine jährlich für mehr als 30 Millionen Mark Backwaren nmsetzen und den Gedanken nicht von der Hand weisen, sich an der Sache zu beteiligen. Ter Redner schildert eingehend die lokale Organisation der Vereine, bereit Verwaltung ehrenamtlich besorgt wirb, unb bte ganz nach ben örtlichen Verhältnissen eingerichtet werben können. Ti?se Organisation werbe es fertig bringen, erzieherisch auf ihre einzelnen Mitglieber zu wirken, um unlautere Konkurrenz zu beseitigen. Mit bein Rabattsparsyftem werbe man auch den ungesunben Borg, bekämpfen unb manchen anberen Vorteil erzielen, ben ber Einzelne nicht erringen kann. Bereits bestehen 500 solcher Vereinigungen, bic sich zu einem Verbände zusammengetan haben. Ob in Gießen' die Verhältnisse es nötig machen, der Gründung eines Rabatt- Sparvereins näher zu treten, dies zu entscheiden überließ der, Redner ber Versammlung. An ben Vortrag knüpfte sich eine leb-' haste Aussprache. Man erkannte vielfach an, baß für große Branchen, für gewisse Geschäfte die Gründung eines Rabatt-Spar- vereins in Gießen fegensreich sein würbe, man mißbilligte, wie bies wieberholt sckwn geschehen ist, baß einzelne Geschäfte dem Eisenbahn-Konsumverein unb bem Gießener Konsumverein für' Einkäufe ihrer Mitglieber Rabatte unb sogar sehr hohe Rabatte gewähren unb biesc Vereinigungen burch Zuführung Verhältnis-' mäßig großer Summen erst in ben Staub setzen, ihren Mitgliedern^ hohe Divibenbe zu bezahlen. Für einen ins Leben zu^ rnsenben! Rabatt-Sparverem melbeten sich aus ber Versammlung 25 Firmcn- Inhaber verscksiebener Branchen. Man wirb mit biesen in einer, späteren Versammlung wegen Vcrwsilllchuug bes Gedankens weiter beraten. Die Bäcker-Innung ließ durch ihren Vertreter Valentin Frey erllären, baß sie sich in der Frage vorerst abwartend verhalten wolle. Der Versammlung wohnten der Prasibent ber Großh. Han-, belskammer Kommerzienrat Koch unb Synbikns Dr. Zeibler. söwie( Vorstanbsmitglieber bcs Sübwestbeutschen Detaillisteii-Verbanbcs' aus Frankfurt a. M. bei. fiaitöd. Frankfurter Bier brau creiaeseHscßcrkt vor in. Öeinrich Henninger und Söhne. Ter Bruttogewinn dieser Gesellschasr für das am 31. August ds. Irs. beendete Geschäftsjahr bctiäat einschließlich Vortrag 646 010 M. gegen 713939 M. iin Vorjahr. Nach den üblich n Abichreibungen unb Extraabfchrcibnn- aen von 50 000 Al. soll ber Generalversammlung die Verteilung Don, 8% Tiü’benbe voraeschlagen werben, gegen f)°/0 im Vorjahr. Briefkasten der Bedaktion. iAnonuuie Anfragen bletbcu uuberücknchttg1.> G. B. in H. Wenden Sie sich an das Kommando ber Werft- division in Kiel. Meteorolofirscire Beosiuchrnttgen der Station Gießen. Hoch ’te Temperatur am 9.—10. 2 Wetter Nov. I Nov 'Jliebrinfti 9.—10. + 3,4 0 C. — 7.4 v C. o - = c ® 10. 10. 11. 749 1 4- 2.8 30 52 84 93 216 735 751.0 ! - 4.7 2,7 752,9 -11,6 1,7 November 1908 2 Klarer Himmel ! R Telefonische Blursberic «te des Giessener Anzeigers, mitgeteüt von der Bank für Handel und Industrie. Giesson. Fr.’nkfnrter Bör*e. 3^°/0 Beichsanleihe . . 93 95 3% do. . . 84 45 3k°/0 Konsols .... 83.90 3% do 84.35 • }£°/0 Hessen .... 92.65 °/6 Oberbessen . . . 92 < 0 4 % Oesterr Goldreute. 58.0-> 4*/a?6 Oesterr. Siiberreute 99 20 4 V6 Ungar Goldreute . . 92.70 4% Italien. Bente . . . — 3% Portugiesen Serie I 57 50 3% Portugiesen „ III 59.50 4>i0/8 russ.Staatsaul. 1905 97.15 4)4% japan. Staatsanleihe 91.00 1 % Conv.Türkeu von 1903 91 10 Türken ose 142 70 \% Gricch. SIonopol-Anl.. 4905 4 Jo äussere Argentinier . 85.80 j°/0 31exikaner . . . C3.4U t>au/o Chineseu .... 97.1u Aktien: Bochum Guss 219 55 Buderus E. W 112.00 11. November, 1.15 Uhr. Llektnz. Lahineyer . . . 116 50 Elektriz. 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