Nr. 231 Zweites Blatt 158, Jahrgang Donnerstag 1. Oktober 1908 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«. Die „Eichener Zamklienbiätter" werden dem „Anzeiger" viernral wöchentlich beigelegl, das „Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal. Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhessen Rotationsdruck und Verlag der Drü Hirschen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: 51. Redaktion:e-^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen» Politische Tagesschau. Der deutsch-französische Konflikt. Die franz. Regierung scheint ehrlich bestrebt zu sein, einen erlösten ftonflift mit Deutschland wegen Marokko zu vermeiden. Pichon hat die Rote, die gemeinsam mit Spanien als Antwort auf Deutschlands Bemerkungen den Algeciras-Vertragsmächten überreicht werden soll, vorgestern abend der spanischen Negierung mitgeteilt. Sie wird in der Haupt sachedendeutschenBorbe halten gerecht, namentlich was die Forderung betrifft, daß in den Verhandlungen mit Mulay Hafid als Wortführer Europas der -Senior des diplomatischen Korps in Tanger auftreten soll. An der Anerkennung der Entschädigung für die Morde und der Kriegskosten hält Frankreich fest. Alle Pariser Blätter stellen die ver- söhnlichc Haltung der maßgebenden deutschen Presse in der Be- hmrdlung des Casablancazwischenfalles fest und rechnen auf eine rasche befriedigende Beilegung der Sache. Sonderbar bleibt die Haltung der französischen Militärbehörden. General d'Amade hat nämlich endgültig die Auslieferung der deutschen Legionäre an das deutsche Konsulat verweigert. Der Daily Telegraph meldet aus Casablanca, daß die sechs Deserteure der französischen Fremdenlegion vor ein Kriegsgericht gestellt und wahrscheinlich zu längen und harten Gefängnisstrafen verurteilt werden. General d'Amade hat dem deutfchen Konsulat mitgeteilt, daß er keine Intervention bei feinen Mannschaften dulde. Der französische General hält feinen Protest gegen das Vorgehen der deutfchen Konsulatsbehörden auftecht und erklärt mit Bestimmtheit, daß die ftanzösischen Offiziere sich ruhig und korrekt benommen hätten. Wenn man die Haltung des Generals d'Amade mit der Haltung der französischen Regierung vergleicht, liegt der Gedanke nahe, daß der General, wie schon so oft, seine eigenen Wege geht, ohne die Direktiven feiner Regierung zu beachten. Das deutsche Reich wird sich mit der Haltung d'Amades nicht zufrieden geben.. Schon wieder eine Extratour! Die Italiener sind wieder einmal dreibundsmüde, und die italienischen Tagesblätter aller Parteien einschließlich der sozialistischen besprechen mit großer Befriedigung die Annäherung Italiens an Rußland. Die Radikalen sehen darin das Ende des Dreibundes. „Secolo" erklärt unverhohlen, „wir begrüßen die politische Annäherung an Rußland, um nns vom diplomatischen Druck Deutschlands zu beßreien und Oesterreichanjcdem weiteren Vordringen auf dem Balkan zu verhindern." Der „Corricre della Sera" sieht in der Begegnung Tittonis und Iswolskis die Besiegelung einer im Laufe einiger Jahre in ihren Hauptpunkten bereits festgelegten Verständigung. Italien und Rußland hätten den Vorteil begriffen, ihre Sonderinteressen durch ein gemeinsames solidarisches Vorgehen zu schützen, d. h. der Status quo auf dem Balkan werde keine Aenderung erfahren, ohne daß Rwßland und Italien eng geeinigt bleiben und ibre Gesichtspunkte mit den geeigneten Mitteln zur Geltung Dringen. ■ Gegen die Kurpfuscher. lieber den vorläufigen Entwurf eines Gesetzes über die Aus- übuitg Der Heilkunde durch nichtapprobierte Personen und den Gehermmittelverkehr referierte Regierungs- und Medizinalrat Dr. Dütschke-Erjurt am Dienstag in der Hauptversammlung des Deutschen Medizinalbeamtenvereins zu Berlin. Er führte aus: Nachdem der 'Norddeutsche Reichstag 1869 den ß 144 der Reichsgewerbeordnung dahin abgeändert hatte, daß die für Medizinalpersonen bisher geltenden Sonderbestimmungen, die ihnen den Zwang zur ärztlick-en Hilfeleistung unter Androhung von Strafe auferlegten, aufgehoben wurden, war die Kurierfreiheit in Deutschland eingesührt und die Heilkunde sank nunmehr immermehr zum Heilgewerbe herab. Jeder Mensch konnte jetzt ohne irgendwelche Kenntnisse oder Vorbildung das Heilgewerbe ausüben, Inur durfte er sich keinen Titel beilegen, durch den der Anschein 'erweckt werden konnte, als sei er eine approbierte Medizinal- person. Dem jahrelangen, immer wiederholten Drängen der deutschen Aerzteschaft ist nunmehr nachgegebcn und aus dem Schoße des Reichsamts des Innern ein Gesetzentwurf hcrvor- gegangeu, der in glücklicher Weise das Kurpfuscherei- und Ge- bcimmittelroefen gleichzeitig behandelt, da beide Materien eng miteinanber zusammen hängen. Wenngleich der Entwurf, was anfangs von der Aerztewelt mißbilligend bemerkt wurde, zwar fein direktes Kurpfuschereiverbot bringt, so enthält er doch eine Reihe wertvoller Bestimmungen, die geeignet erscheinen, wenigstens die gröbsten Auswüchse des Pfuscherttims und des Geheimmittelunwesens zu beschneiden. Daneben bietet das Gesetz noch die Möglichkeit, den Gewerbebetrieb ganz zu untersagen, wenn Tatsachen vorliegen, welche die Annahme begründen, daß durch Ausübung des Gewerbes das Leben der behandelten Menschen oder Tiere gefährdet oder deren Gesundheit geschädigt wird, ober daß Kunden schwindelhaft ausgebeutet werden. Die gesetzliche Festlegung der Tätigkeit des beamteten Arztes bei der Durchführung des zukünftigen Gesetzes ist durchaus erforderlich, da mit der Tätigkeit des Medizinalbeamten das ganze Gesetz steht und fällt und seine Mitwirkung nicht von dem mehr oder minder ausgeprägten Verständnis der Polizeibehörden sür die Notwendigkeit der Zuziehung des beamteten Arztes abhängig fein darf. — Auf den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag folgte eine Generaldiskussion. Dr. Pflanz vom Berliner Polizeipräsidium verlangte die Verschärfung verschiedener Bestimnrungen. Die Behandlung aller mit Hautausschlägen verbundenen Krankheiten müsse den Kurpfuschern verboten werden. Ebenso müßten das Gesundbeten und bte Magnetopathie ausdrücklich verboten werden. Weiter verlangte der Redner, daß trunksüchtigen, geistesschwachen und geisteskranken Personen untersagt werde, andere Leute zu behandeln. Des weiteren forderte der Redner ein Einschreiten gegen die meist ausländischen Inserate, die z. B. Mittel gegen Korpulenz oder Magerkeit anpreisen, ferner Mittel zur Erlangung einer üppigen Büste, zur Verlängerung des Körpers und auch von Nahrungs- imd.Kräftigungsmitteln, die meist auf Schwindel beruhten. — Medizmalrat Dr. Räuber- Cöslin wandte sich gegen die Hebe- ammenpfuscherei, d. h. gegen die Personen, die Hebeammendienste .verrichten, ohne dazu berechtigt zu sein. — Medizinalrat v. Guß- mann- Stuttgart forderte eine genaue Definition des Begriffes der mystischen Krankheiten. Es soll auch das Handauflegen, das Bestreichen mit den Händen, das Besprechen und das Gesundbeten ausdrücklich verboten werden. — Medizinalrat Hosch- Potsdam verlangte, daß bei Kranken, die unter dem Seuchen- «esetz stehen, die Mitwirkung von Kurpfuschern untersagt werden solle. — Darauf schlug der Vorsitzende Geh. Medizinalrat Dr. R a p m u n d folgende Resolution vor: „Die Hauptversammlung des preußischen Medizinalbeamtenvereins erklärt sich mit den Abänderungsvorschlägen des Referenten zu dem vorläufigen Entwurf des Reichsgesetzes betreffend die Ausübung der Heilkunde durch nichtapprobierte Personen und den Geheimmittelverkehr einverstanden. Die andern Anregungen unb Gesichtspunkte, die in der Aussprache zu Tage getreten sind, werden dem Vorstande zur Berücksichtigung überwiesen." — Rach einem kurzen Schlußwort des Referenten Dr. Dütschke, der diese Resolution empfahl, wurde jü einstimmig angenommen. Neue Skandalszenen im böhmischen Landtage. Die gestrige Sitzung des böhmischen Landtages hat wiederum einen sehr stürmischen Verlauf genommen. Es wurde gepfiffen, Trompete geblasen, gesckrieen, gezischt. Am Schlüsse der Sitzung kam es nach einer Rede des Abgeordneten Schreiner zu stürmischen Szenen, in deren Verlauf die tschechischen Abgeordneten deir deutschen zuriefen: Geht nach Preußen oder in die Provinz Hohenzollem, geht zu Klais er Wilhelm. Als der Oberlandmarschall sich erhob, um aus den Antrag eines deutschen Mgeordneten die namentliche Abstimmung Mm Budget vornehmen zu lassen, entstand ein fürchterlicher Lärm. Da sich der^Tumult nicht legen wollte, vertagte der Oberlandmarschall die Sitzung. Die deutschen Abgeordneten haben beschlossen, die Obstruktion mit allen Mitteln fortzusehen. In Prag sind inzwischen der deutsche und der tschechische Landsmannminister ringe troffen und verhandeln, wie es heißt, erfolgreich mit den Führern der Deutschen und Tschechen wegen einer Einigung im Landtage, so daß es voraussichtlich zu keiner Auflösung kommen wird. König Peter und der Belgrader Mord. Die am 3. Oktober erscheinende Nummer der „Oefterreichischen Rundschau" bringt, augenscheinlich unter einem Pseudonym, einen sensationellen Artikel über König Peter und die großserbische Bewegung. Es wird darin erwähnt, daß man in Belgrad eine Verbrüderung Serbiens mit Bulgarien angestrebt und den Fürsten Ferdinand zu beseitigen getrachtet habe. An der Hcnrd von Dokumenten, darunter des Schwures des Königs Peter, den er vor der Ermordung Alexanders und Tragas von Genf aus den Verschwörern zu kommen ließ, daß er sic und ihre Nachkommen nicht nur nicht gerichtlich verfolgen, sondern ihnen vielmehr die höchsten Stellen nn Lande überlassen werde und mehrerer genau zitierter Telegramme wird zu erweisen gesucht, daß König Peter nicht nur von Dem Belgrader Diordplan gewußt, sondern, daß er ihn auch gefördert habe. Dadurch hat er ftd) vollständig in Die Hand Der Berichwörer gegeben. Bulgarien und die Turke!. Jetzt hat auch Frankreich, ebenso wie die übrigen Mächte, in Sosia gegen die Besetzung der Orientbahnen Einspruch erhoben. Trotzdxm will Bulgarien nicht nachgeben. Der bulgarische Ministerrat setzte gestern die Beratungen über die beiden Streitfragen mit der Türkei fort, lieber die Orientbahn frage wurde ein ausführliches Memorandum ausgcarbeitet, das den Ursprung der Beschlagnahme der Orientbahn darlegt und die Beschlag- nahnre durch die Staatsvaison zu erklären sucht. Danach ist die bulgarische Regierung entschlossen, die Ori- entbabn keinesfalls zurückzugeben. Der Finanzminister soll mit der Einleitung von Ablösungsverhandlungen mit der Orientbahngesellschaft beauftragt und das Memorandum soll noch heute allen Vertretern der Signatarmächte des Berliner Vertrages übersandt werden und derart zugleich eine Antwort auf Den türkischen, den österreichisch-ungarischen und den deutschen Protest bilden. Der frühere französische Marineminister de La- nessan veröffentlicht nun in dem Blatte „Siöcle" einen Artikel über den türkisch-bulgarischen Konflikt. Er erklärt an dessen Schluß, Fürst Ferdinand wisse, was die Zukunft Bulgariens sei, und daß Bulgarien eines Tages unabhängig sein wettie im Eirr- verständnis mit der liberalen Türkei. Es sei daher angez-eigt, daß augenblicklich sowohl in Sofia als auch in Konstantinopel die Ratschläge befolgt würden, die auf die Aufrechterhaltung des Friedens hinzielen. Die liberale türkische Partei würde sich aber ins Verderben stürzen, wem: sie eine Unabhängigkeitserklärung! Bulgariens hinnehmen würde. Deutsches Aeich. Der König von Spanien, der gestern vormittag in Landau die Parade über das 5. Artillerie- und das 18. Infanterie-Regiment abgenommen hatte, reifte abends mit feiner Gemahlin von München nach Budapest ab. Die Enthüllung Der Bismarck-Büste am 18. Oktober in der Walhalla wird sich im engsten Rahmen vollziehen. Eine Beteiligung des bayerischen Hofes ift nicht in Aussicht genommen. Auch in jßeriin erachtet man die Enthüllung der Bismarck-Büste als eine bayerische Angelegenheit. Dieser Auffassung entsprechend, wird auch der Kaiser bei der Feier nicht vertreten sein. Dagegen dürfte Reichskanzler Fürst Mllow kommen. Umgestaltung • der SchankkonzessionSsteuer. Der Bund der Landwirte in Leipzig hat auf seine Anfrage wegen der Meldungen übet eine Umgestaltung Dec Schankkonzessionssteuer vom Staatssekretär des Innern folgende Antwort erhalten: Reise Pläne für eine weitere Umgestaltung der Gewerbeordnung, als in der dem Reichstage bereits ^gegangenen Novelle enthalten sind, liegen zurzeit nicht vor. EinePrivatklageSchückings. Die „Deutsche Tageszeitung" bestätigt, daß der Geheime Justizrat Träger vom Bürgermeister Dr. Schücking beauftragt worden sei, wegen eines Artikels über den Fall Schücking Privatklage gegen das Blatt zu erheben. Ausland. T i e A n n e x i o n B o s u i e n s. In Wiener wohlinsormierlen Kreisen wird mit großer Bestimmtheit das Gerücht verbreitet, Oesterreich-Ungarn werde demnächst die Annexion Bosniens und der Herzegowina proklamieren. Dieser Entschluß Oesterreich - Ungarns habe bei den in der letzten Zeil gcsührten Unterhandlungen die Zustimmung sämtlicher Kabinette gefunden. Nur die englische Negierung soll sich gegen die Annexion ausgesprochen haben. Wegen des Zustandes der Zarin bringen die Aerzte auf einen Aufenthalt in Süditalten. Eine Begegnung des Kaisers von Rußland mit dem König von Italien soll in Venedig ftatt- finden. D i e Wahlen zur zweiten schwedischen Kammer sind beendet. Das ungefähre Wahlergebnis ist folgendes: Die Rechte erhält in der neuen Kammer ö6 Sitze (bisher 100). Die Linke etwa 10j (bisher 90). Die Gemäßigten etwa 10 (bisher 20), Die Sozialdemokraten 33 (bisher 17). Insgesamt zählt die Kammer 230 Mitglieder. Aus Stadt und Land. Gießen, 1. Oktober 1908/ Anteilen von Lehrlingen im Handwerk. Eine für das gesamte Handwerk bedeutungsvolle Vorschrift ist am 1. Oktober in Kraft getreten und damit eine langjährige Forderung weiter Kreise zur Verwirklichung gelangt. Seit Jahren bereits ist immer Mieder im Handwerk die Forderung nach dem allgemeinen Befähigungsnachweis aufgetauchr und der Tätigkeit des Hanüwerts- und Gewerbelammertags, bezw. der einzelnen Handwerts- und Gewerbeiammern ist es zu bauten, daß das deutsche Hand- werk sich je.ck darüber Har ist, daß dieser bei der modernen Entwicklung per Verhältnisse im Handwerk nicht mehr durchführbar er|ü)cinL Dagegen mußte den Wünschen des Handwerks dahrn st.rttgegeven werden, daß die Befugnis zum Anleiten von Lehrlingen für die Folge nur noch dem zustehen soll, der selbst den. Rachw/is. einer guten, technische.lt und theoretischen Ausbildung führen kann. Diese Forderung hat zweifellos ihre Berechtigung, denn wenn man die Gesundung und wirtschaftliche Kräftigung des Handwerks fördern will, dann muß man auch verlangen, daß der Nachwuchs im .Handwerk eine tüchtige und gewissenhafte Ausbildung erhält. Von diesem Gesichtspunkte aus ist auch das Reichsgesetz, die Abänderung der Gewerbeordnung betr., zu betrachten, welches am 1. Oktober in Kraft getreten ist. Es bringt allerdings für die älteren Meister eine scheinbare Unbequemlichkeit mit sich, das ist die Bestimmung, daß sie, selbst wenn sie seit langen Jahren Lehrlinge gehalten haben, nachträglich noch die Befugnis zum Meiteranleiten von Lehrlingen |icf) müssen verleihen lassen. Diese Vorschrift ist in das Gesetz aufgenommen, um den betreffenden Handwerkern zur Vernteidung späterer Zweifel und Streitigkeiten einen zuverlässigen Ausweis über den Fortbesitz der Anleitungsbefugnis zu verschaffen. Kurz zusammengefaßt gelten ab 1. Oktober folgende Bestimmungen: In Handwerksbetrieben steht die Besugnis zur Anleitung von Lehrlingen nur noch den Personen zu, welche das 24. Lebensjahr vollendet und eine Meisterprüfung bestanden haben. Hinsichtlich der Handwerker, die am 1. Oktober 1908 Lehrlinge gehalten haben, gilt die Vorschrift, daß sie die zu diesem Zeitpunkt bereits in das Lehrverhältnis eingetretenen Lehrlinge auslehren dürfen. Die weitere Befugnis zum Anleiten muß den älteren Handwerkern verliehen werden, wenn sie am 1. Oktober mindestens 5 Jahre die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen schon besessen haben, im anderen Fall kann sie ihnen von der Verwaltungsbehörde verliehen werdest. Daraus ergibt sich, daß alle, die bis zum 1. Oktober keine Meisterprüfung gemacht haben, sich die weitere Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen durch die zuständigen Verwaltungsbehörden müssen verleihen lassen und als weitere Folge dürste wohl zu erlvarien sein, daß alle, die noch keine fünf Jahre lang Lehrlinge angeleitet haben, sich nachträglich der Meisterprüfung unterziehen. ♦ LU. Landes-Universität. Der Geh. Medizinalrat Dr. Eugen Bostroem ist heute vor 25 Jahren als ordentlicher Professor der Pathologie bei der medizinischen Fakultät unserer Universität eingetreten. Der zeitige Rektor hat dem im Schwarzwalde weilenden Jubilar telegraphisch die Glückwünsche des Lehrkörpers übermittelt. Eine besondere Feier ist für einen späteren Termin beabsichtigt. • • Pfarrpersonalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Pfarroerwalter Karl De icke zu Rendel, die evang. Pfarrstelle daselbst übertragen. * * Ge h. Ba u r a t Kar l Reu l i n g, der 12 Jähre hin» durch hier Bauinspektor war und seit seiner vor etwa drei Jahren erfolgten Ruhestandsversetzung in Darmstadt lebte- ist dort, wie uns drahtlich gemeldet wird, heute vormittag im Alter von 69 Jahren g e st o r b e n. Der Verstorbene, der hier u. a. das alte Aulagebäude in der Ludwigsstraße erbaute, genoß seiner trefflichen Charaktereigenschaften wegen hier große Wertschätzung und sein Ableben ruft gewiß bei seinen vielen, Bekannten schmerzliches Bedauern hervor.' * * 103 Jahre wurde heute unser ältester 9Jtitbürger, der Geometer 1. Klasse Georg Euler, alt. Das letzte Jahr ist an dem Greise fast spurlos vorübergegangen, noch immer nimmt er Anteil an allem, was um ihn her vorgeht und an schönen Sommertagen macht er, geleitet von seiner ihn treu pflegenden Tochter, Spaziergänge in unseren Anlagen. Wünschen wir dem alten Herrn, der ein lebendiges Zeugnis dafür ist, wie gut es sich in Gießen leben läßt, noch viele weitere Tage. ” Jubiläum. Ihr dreißigjähriges Dien st- jubiläum feierten heute Polizei-Wachtmeister Kasp er und Kriminal-Wachtmeister Pfeffer. Aus diesem Anlaß versammelten sich heute mittag 12 Uhr die Beamten und die Schutzmannschaft des Großh. Polizetzunts auf der Wachstube, wobei der Amtsvorstand Regierungsassessor Reinhart an die Jubilare eine herzlich gehaltene Ansprache hielt, in der er besonders ihre langjährigen und mit stetem Eifer geleisteten ersprießlichen Dienste heroorhob. Hieran anschließend überreichte er ihnen je eine fein ausgeführte und mit entsprechender Widmung versehene Lampe mit einem hübschen Blumenarrangement, worauf die Beamten und die Schutzmannschaft ihre Glückwünsche aussprachen. — Die Jubilare dankten in bewegten und herzlichen Worten für die ihnen bereitete Ueberraschung und gaben der Versicherung Ausdruck, allezeit doch nur ihre Pflicht freudig erfüllt zu haben. •• Der Kaufmännische Verein eröffnet seine Wintcrtätigkeit mit der Feier seines 3 6. Stiftungsfestes am Sonntag, 3. Oktober in Steins Saalbau. Das reichhaltige Programm der Veranstaltung besteht aus einem Konzert der Berliner Künstlervereinigung (Soprangesang, Harfen-, Violincello- und Harmoniumoorträge) und Ball. Am Sonntag sindet als Nachfeier ein Ausflug nach dem Windhof statt. — Der Vortragszyklus im Winter 1908/09 umfaßt 6 Abende: „Gut und Böse am häuslichen Herd und die Macht des Beispiels" von Frau Ottilie Stein aus Karls- ruhe, „Die Eroberung der Luft und modernes Reisen im Luftschiff", von Hauptmann Härtel aus Leipzig, „Korfu" von Jens Lützen aus Berlin, „Suggestion und Hypnotismus" von Dr. med. Fulda aus Frankfurt, „Will). Busch-Abend" von Georg Fritzschler aus Lage, und „über Wesen und Lehre der Volkswirtschaft von Handelskammer-Syndikus Dr. Zeidler hier. Das Winterfest des Vereins ist auf den 6. März fest- gesetzt. ** Der Experimentalvortrag, den HerrJ.W Jgnot gestern abend im großen Saale von Steins Garten abhrelt, hatte leider nicht bas Interesse gefunben, bas ihm eigenthd) gebührt. Bei den Versuchen handelt es sich um auch wissenichaftlich sehr beachtenswerte Willensbeeinflussungen an vollkommen wachen Personen, deren Bewußtsein nicht ansgeschaltet ist So suggerierte er einem Herrn, er sei ein LOjährtger Mann, und sofort nahm er eine gebückte Haltung an und humpelte mit zitternden Gliedern em her, um gleich darnach einen kleinen munteren Knaben nachzuahmen, der vergnügt im Sande spielte. Dabei sind sich bie Versuchspersonen vollkommen klar gewesen, baß alles nur tvcrr, aber die Macht der Beeinflussung war derartig stark, daß sie sich ihr nicht entziehen konnten. — Wir können unfern Lesern den Besuch des heute abend statt find en den giveitkm und letzten Vortrags nur empfehlen. •* Lebensretter. Der Realschüler Wilh. Schäfer aus Gambach hat am 30. Juni unter Mitwirkung des Realschülers Karl Böck aus Butzbach einen Mitschüler vom Tode des Ertrinkens gerettet. Diese mit Mut und Entschlossenheit ausgeführte Rettung wird nunmehr vom Ministerium zur ehrenden Anerkennung öffentlich mitgeteilt. •• Späte Belohnung. Jin Jahre 1873 erregte das Entweichen des schweren Verbrechers Michael Schmidt von Hessental aus dein Staatsgefängnis zu Würzburg großes Aufsehen. Auf die Wiederergreifung des Entsprungenen wurde zuerst eine Belohnung von 50 Gulden ausgesetzt, die dann auf 100 Gulden erhöht wurde. Einen Tag vor der Erhöhung dec Summe gelang es dem Gendarmen Gustav Zotz in Darinstadt, den Verbrecher zu verhaften. Infolgedessen erhielt er, trotzdenr er die 100 Gulden beanspruchen zu können glaubte, nur 50 Gulden ausbezahlt. Auf ein neuerliches Gesuch vom 10. August 1908 hin wurden dem inzwischen pensionierten Gendarmen nunmehr nachträglich vom Oberstaatsanwalt beim Oberlandcsgericht in Bamberg die verlangten 50 Gulden (85.71 Mk.) ausbezahlt. " Die Welt gieht inner! Als vorige Woche im Hinterland das Korps'manöver stattfand, da gerieten die Truppen besonders zwischen Biedenkopf, Gladenbach und Dillenburg in eine Gegend, in der seit Menschengedenken kein Militär manövriert hatte. Als nun an einem der letzten Schlachttage die Kanonen mit furchtbarem Gebrüll in den Kampf griffen und schließlich noch die Haubitzen der Fußartillerie Nr. 3 dazwischen donnerten, geriet eine Großmutter des Dorfes B. in große Besorgnis. Aengstlich rief sie die Hausbewohner zusammen und rief händeringend: „Ihr Kean beat, die Welt gieht inner!" ? Staufenberg, 1. Okt. Der Turn-Verein Staufenberg beabsichtigt, nächsten Sonntag den 4. Okt. sein Abturnen abzuhalten. Morgens ist Preisturnen und nachmittags Schauturnen und Tanzbelustigung. ):( Hausen, 1. Okt. Am Sonntag hielt der hiesige Turnverein, begünstigt vom schönsten Wetter, sein Äb- turnen ab, verbunden mit Zögtingswetturnen und Re- krutenabschied. Die gut ausgeführten, teils sehr schweren Hebungen, sowie die vom Turnwart o. d. Heid vocgeführten Stabübungen ernteten großer: Beifall und zeugten von einem guten, echtdeutschen Turnergeiste. Nach Schluß der Hebungen hielt das hierauf folgende Konzert mit Tanz alle Anwesenden bis in die späte Nacht zusammen. s. Rabertshausen (Kr. Gießen), 30. Sept. Frau Lehrer Ehantre Witwe feierte hier bei voller Rüstigkeit ihren 9 0. Geburtstag. d. Bad-Nauheim, 30. Sept. Das Gießener Stadttheater, das hier im Sommer.als Kurtheater tätig ist, hat seinen Spielplan beendet. Er enthielt mit Rücksicht auf die kranken Kurgäste zumeist Lustspiele und Operetten in reicher Auswahl, aber auch eine Anzahl Schauspiele und Dramen (z. B. „Das Johannisfeuer" von Suder- mann; „Nathan der Weise" von Lessing). Gleich nach Saisonschluß wird das hiesige Wintertheater, wenn manS so nennen will, das vom Bildungs-Verein engagierte Nhein-Mainische Verbandstheater, das sich im vergangenen Jahre so gut bewährt hat, seine Eröffnungsvorstellung geben. Es gelangen vor Weihnachten zur Aufführung: 19. Okt.: Gutzkows „Königsleutnant"; 29. Okt.: Goethes „Iphigenie"; 12. Nov.: Heyermanns „Hoffnung auf Segen"; 1. Dez.: Molieccs „Der Geizige"; 16. Dez.: Halbes „Der Strom". Nach Weihnachten sollen dann an noch zu bestimmenden Tagen gespielt werden: Sudermanns „Glück im Winkel", Shakespeares „Dec Widerspenstigen Zähmung", Grillparzers Unsicherheit öcs Urteils beim männlichen und weiblichen Geschlecht. Tie Zuverlässigkeit des Zeugen vor Gericht wie jedes Berichterstatters ist von der Urteilsvorsicht abhängig. Mr haben einen geistigen Warner in uns, der uns mahnt, wenn wir undeutlich beobachten, vage erinnern, gewagt schließen. Mer diej'e warnende Stimme genügt nicht; mancher" weiß recht wohl, daß er eigentlich seiner Sache nicht sicher ist und urteilt doch, läßt fünf gerade sein; ein anderer wird durch heftiges geistiges Unbehagen vor solchem Mangel an Gewissenhaftigkeit bewahrt und zur Zuruckhaltung oder zur genauen Dosierung des Urteils genötigt. Beachtenswerte experimentelle Untersuchungen, die Tr. Richard Baerwald in der Wochenschrift „Allgemeine Zeitung" (München, mitteilt, zeigen eine geradezu nieder- schlagendes Resultat. „Schon frühere, von W. Stern in Breslau veranstaltete Bildversuche hatten die Deutung zugelassen, daß das männliche und weibliche Geschlecht sich im Punkte der Urteilsvorsicht nicht gleichartig verhalte. Die aus der Erinnerung niedergeschriebenen Schilderungen des gesehenen Bildes lieferten bei den Frauen mehr Angaben, aber auch einen größeren Prozentsatz von Fehlern. Dieses Resultat ließ die Auslegung zu, daß die Frau mehr behält, aber minder vorsichtig urteilt als der Mann. In manchen Versuchen ließ Stern diejenigen Angaben unterstreichen, deren die Versuchspersonen so gewiß waren, daß sie sie vor Gericht Hütten beschwören können. Die Frauen unterstrichen viel mehr als die Männer (85 v. H. gegen 71 v. H.), aber diese beschworenen Angaben waren bei ihnen mehr als doppelt so fehlerhaft, sie enthielten saft ebensoviel Fehler wie die nichtbeschworenen. Gerade da also, wo höchste Urteilsvorsicht gefordert wurde, blieb die Frau weit hinter dem Manne zurück." Tie Untersuchungen, über die Dr. Baerwald in dem erwähnten Aufsatz berichtet, führten zu demselben Ergebnis. Tr. Baerwald wirft daher die Frage auf: „Wo derartige Unterschiede zwischen den Geschlechtern sich ergeben, werden Pädagogen, Volkswirte und Frauenrechtlerinnen sogleich die weitere Frage aufwerfen: Ist diese Verschiedenheit angeboren oder anerzogen, physiologisch oder nur kulturell bedingt? Oder ist die Selbstkritik dec Frau deshalb geringer, weil ihr regeres Gefühl leichter das Urteil überwältigt, ihre lebhafte Phantasie den Unterschied zwischen Gesehenem und Hmzugedachtcm verwischt? Oder i|t sie es deshalb, weil vielleicht die Schulerziehung des Mädchens weniger auf Korrektheit des Denkens achtet als die des Knaben oder weil die Berufstätigkeit, die die Frau als Mutter, Hausfrau oder» Haustochter ausübt, wenn sie auch an praktischem Wert den Männcrberufen sicherlich nicht nachsteht, so doch minder verantwortungsvoll „Sappho" und Sheridans „Die Nebenbuhler". Es ist ein schönes Stück Volksbildungsarbeit, was mit diesen Aufführungen geleistet wird. — Flensungen, 30. Sept. Die in Nr. 229 des Gieß. Anz. gebrachte Notiz von hier beruht auf einer Verwechslung. Nicht der hiesige Gastwirt K. R., sondern ein gewisser K. R. von Stockhausen hat auf seinen Sohn geschoffen. l. Ulfa, 30. Sept. Bei der Versteigerung des Gemeindeobstes wurden allein für Aepfel 1203 Mk. gelöst, ein sehr ansehnlicher Betrag, wenn man erwägt, daß die meisten Bäume aus Wüstungen und Feldrainen stehen, wo sonst keine Erträge zu erzielen sind. Für Kelteräpfel werden hier von Händlern zurzeit 5 Mk. pro Doppelzentner bezahlt. Unsere Obstbaumzüchter sind mit der diesjährigen Aepselernte sehr zufrieden. — Auch die Kartoffelernte hat nun ihren Anfang genommen. Wenn auch die Quantität der vom Vorjahre nicht entspricht, so sind die Erträge doch reichlicher als bei der diesjährigen nassen Witterung allgemein erwartet worden war. L Nidda, 30. Sept. Nachdem Bürgermeister Roth die endgültige Erklärung abgegeben hat, däß er auch weiterhin bereit sei, das Amt der Bürgermeisterei zu führen, so gilt dessen Wiederwahl als gesichert. R. Babenhausen II, 30. Sept. Heute wurde unser Gemeinde-Obst versteigert. Trotz der sehr großen Menge Aepfel und Birnen, die es in unserer Gemarkung gibt, wurden sehr hohe Preise erzielt; das wurde dadurch bewirkt, daß zahlreiche Käufer an Oct und Stelle waren, besonders stack vertreten war Ulrichstein und Feldkrücken, wo es überhaupt lein Obst gibt. Zwetschen sind hier ebenfalls gut geraten. Heute waren Händler hier und kauften solche ein, den Zentner zu 3 Mark. w. Mainz, 30. Sept. Die Stadtverordneten ernannten in geheimer Sitzung den hessischen Gesandten in Berlin, Exz. Frhr. v. Gagern, seither Prooinzialdicektor in Rheinhessen, zum Ehrenbürger der Stadt Mainz. Ferner erfolgte die Wiederwahl des Baurats Huhn zum Beigeordneten auf Lebenszeit mit 10 000 Mk. Gehalt und 1000 Mk. Repräsentationszulage. Das Gehalt des Oberbürgermeisters Dr. Göttelmann wurde von 15 000 auf 17 000 Mk. erhöht, das des Beigeordneten Dr. Schmidt von 9400 auf 10 000 Mk. — Die Festfahrt der Teilnehmer an dem internationalen Pressekongreß fand heute nachmittag hier in Mainz ihren Abschluß mit einem von der Sektfirma Kupferberg gegebenen Kellerfest. Oberbürgermeister Dr. Göttelmann hielt eine mit großem Beifall aufgenommene Begrüßungsansprache. Krofdorf, 30. Sept. Gestern verunglückte ein hiesiger alter Mann dadurch schwer, daß er, als ec in der Scheuer Stroh heruntecholen wollte, von dieser herab in die Tenne fiel und sich dabei einen doppelten Armbruch, Knöchelbruch am Fuße und einen Nippenbruch des Brustkastens zuzog. Dec Mann ist um so mehr zu bedauern, als er in hohem Alter steht und auch sehr schwach ist. [] Marburg, 30. Sept. In der hiesigen Klinik starb heute nach achttägigen schweren Leiden der 13 Jahre alte Sohn des Produktenhändlers Freund aus Rhoden in Waldeck, der einen Revolver in der Tasche getragen und sich' in den Leib geschossen hatte. Schwurgericht. -th. Gießen, 30. September. (Schluß.) Die weitere Zeugenvernehmung in der Verhandlung gegen Hofrat Rothschild ergab: Bankier Ad. Ster n-Franksurt hat Wechsel von R. diskontiert, darunter zwei Ober-Mockslädter, für die er ein Depot als Sicherheit verlangte, weil er gemerkt hatte, das; es sich vielfach um Erneuerungswechsel handelte. Ter Zeuge meinte, es handelte sich damals um zwei Wechsel, die er lombardiert habe und die Rothschild gegen Wertpapiere später auswechseln wollte. Unter den später gegebenen Wechseln befanden sich auch zwei Mäntel, bei denen die Zins- ist; eine ungebrannte Suppe kostet nicht die Karriere, und die Morte, die man anläßlich einer folgenschweren geschäftlichen Unterhandlung spricht, hat inan mehr auf die Gold- wage zu legen als diejenigen, die man mit Mann und Kindern wechselt. Ich habe einmal versucht, zur Lösung dieser Frage bettutragen. An einem der geschilderten Experimente nahm eine Anzahl von Lehrerinnen teil. Die Lehrtätigkeit, zumal in einer Schulklasse, verlangt ein hohes Maß von Selbstkontrolle und Exaktheit im Handeln, Denken und Reden, muß also die Urteilsfunktion in ähnlicher Weise trainieren wie irgendein verantwortungsvoller Beruf der Männer. Ich berechnete nun den durchschnittlichen Wert des Quotienten der Urteilsvorsicht getrennt für die Lehrerinnen und für die übrigen an dem Versuch teilnehmenden Damen. Ter Unterschied, der sich dabei ergab, war geringfügig, was denn dafür sprechen würde, daß die Verschiedenheiten in der Urteilsvorsicht der Geschlechter nicht aus kultureller, sondern auf physiologischer Grundlage ruhen. * Z. Aus Frankfurt a. M. wird uns u. d. 30. Sept, geschrieben: Mit aufrichtigem Bedauern muß man bei jedem neuen Stück von neuem konstatieren, daß Max Halbes dichterische Kraft nicht ausgereicht hat, um die gestellte Aufgabe zu bewältigen. Auch sein historisches Drama „Das wahre Gesicht", das gestern, nach München und Hamburg, nun auch an unserem Schauspielhause aufgeführt wurde, hat keinen Erfolg, und es war nur der Respekt vor der künsllerischen Gesamtpersönlichkeit Halbes, wenn man ihn nach dem dritten und vierten Akte auf die Bühne nötigte. Das Stück ist trotz aller Streichungen viel zu breit und undramatisch, zudem unllar und verworren, und nteber der Konflikt noch die Personen vermögen uns ernstlich zu interessieren. Uebrigens war auch die Aufführung sehr mäßig. — Die Dreißigmillionen-Stiftung, die der Multimillionär Samson in Brüssel vermacht hat, ist nicht der Akademie der Künste, sondern der Akademie der Mssenschaften gemacht worden. — Eine Strafe für minderwertige Kunst- leistungen hat die Stadtverordnetenversammlung in Brandenburg dem Theaterdirekwr Frenzel zudiktiert. In Brandenburg ist es üblich, daß dem Leiter der Schauspieltruppe die Lustbar- keitssteuer erlassen wird. Diesmal hat man dagegen beschlossen, von der 400 Mk. betragenden Steuer für die verflossene Saison nur 200 Mk. zu erlassen, tveil das Theater nur das „flache Amüsement" und nicht die ernste Kunst gepflegt habe. In der Stadtverordnetenversammlung kam es zu einer Kunstdebatte, in der die Redner sich darüber beklagten, daß das Sommertheatcr seine Aufgabe, eine Pslegestätte ernster Kunst zu sein, nicht erfüllt habe. Der Hinweis des Oberbürgermeisters, daß der Theaterleiter doch in erster Linie auf den Geschmack des Publikums Rücksicht nehmen müsse und erst zu dem leichten Programm habe greifen müssen, nachdem seine Versuche, ernste Knn>t zu geben, an der Teilnahmlosigkeit des Publikums gescheitert seien, wurde nicht beachtet. Ter Magistratsantrag wurde abgelehnt und mit großer Mehrheit beschlossen, nur die Hälfte der Lustoarkeitssteuer zu erlassen. (Wir. können nicht einsehen, warum der Tbeater- kbeinc sohlten. R. erklärte, er habe die Kupons zu Hause liegen lassen und werde sie später einsenden. Später habe R. ihm einmal Hypotheken angeboten. Der Zeuge lehnte cs aber ab, mit R weitere Geschähe zu machen. Es habe keinen guten Eindruck auf ihn gemacht, daß Rothschild stets mit Wechseln fnm, denen man ansah, daß es sich um Prolongationen handelte. _ Rechtsanwalt K e i l-Büdmgen, Konkursverwalter der Maye Rothschild, erkläu, es seien zur Masse Mk. 3 354 000 angemeldet, ivorin die großen Summen Ober-Mockstadt, Burk ;c. enthalten seien Tie Jorderimgen der Gläitbiger werden sich aus 2-27, Millionen reduzieren, die anerkannt werden müssen. Gegenüber stehen 50 000 Alk. einschl. einer Vergleichsstimme der Lebensversicherung, zu denen ev. noch 60 000 Mk. Vergleichssninme von der Landgräflich Hessen-PhilippSthaler Linie inr die Obligationen kommen. Ohne diese 60 000 Alk. liegen 2—2% Proz. in der Blasse. Bankdirettor F e st o r - Aranhnrt a. M. erklärt, daß sein Institut die 6600 Mk. Hyvothelen-Pfandbriefe nur in Kommission überlassen hat, damit sie an Kunden abgegeben würden. Wäre das Geschäft mit diesen Papieren ordnungsmäßig vor sich gegangen, so hätte Rothschild bei jedem Verkauf dies unter Ausgabe der Nummern nach Frankfurt mitteilen müssen und auch das Geld abgeführt werden müssen. Tic vorgenommene Lombardierung der Stücke war unberechtigt, sie sei zweifellos geschehen, um Kapital daraus zu machen. Ter Zeuge disponiert weiter, daß Rothschild etwa 1—2 Tage vor Jeinem Verschwinden versucht habe, bei seiner Bank Wechsel aus Ober-Mockstadt zu diskontieren, was aber abgelehnt wurde. Der Zeuge Karl K a u f m a n n s c n. von der Firma Kaufmann Söhne in Schotten hat Rothschild am Tage von seinem Versch winden im Hotel Parst er Hof in Frankfurt a. M. getroffen. Er habe geklagt, daß ihm von den Banken das Leben sauer gemacht werde. Weiter bat R, daß er ihm 18 000 Mk. Ober» Mockstädter Wechsel bei der Mitteldeutschen Kreditbank diskontieren wolle. Er habe sich dazu bereit erklärt, auch der Bank gegenüber Bürgschaft geleistet und habe den Betrag an Rothschild im Betrage von 18 000 Mk. abzüglich des Diskonts abgeliefert. Arn' Tage darauf habe er vernommen, daß Rothschild ins Ausland gereist resp. verschwunden sei. Seine Firma sei im Konkurse Rothschild mit 400 000 Mk. durch Giros und Gefälligkeiten beteiligt. Er hätte ein armer Mann bei der Geschichte toerben können, wenn nicht Landtagsabg. Dr. Weber und anbcrc Geschäftsfreunde ihm geholfen hätten. Wenn auch die ganze Forderung nicht in Verlust gehe, so liege doch das Geld fest und ein Teil werde sicher verloren werden. ' Prokurist S ch m i v von der Pretlß. Psandbriesbank in Berlin deponiert, daß sein Institut mit 3000 Mk. in Kommission gegebenen Papieren in Verlust geraten ist. Die Art, wie Rothschild mit den Papieren verfahren, er hat sie lombardiert, war gegen die Abmachung und gegen jede Usance. Bankier Herz von der Firma Joseph Herz-Gießen bekundet, daß lveder Rothschild noch Acker ihm persönlich Papiere, die sie angeblich in Depot hatten, übergeben habe, sondern daß Rothschild diese 'mit der Post eingesandt hat. Rothschild habe ihm u.a. auch für 4000 Mk. Schieferberg-Obligationen in Depot gegeben, die bereits ausgelost und zurückgezahlt mären, er höbe icdoch keinen Schaden dabei gehabt, da er. für den Ausfall ander- weit gedeckt war. Referendar Bnrck-Gießen hat am Montag vor dem Zusammenbruch. Rothschild in Frcmsturt auf dessen Wunsch hin, im Pariser Hos aufgejucht. Er traf ihn ziemlich verwirrt und aufgeregt. Währeno er noch bei ihm war, wurde R. ans Telephoit gerufen, (er erhielt die Ackersche üiachricht, daß seine Machi- nationen entdeckt seien). Rothschild erklärte, er brauche Geld, worauf Burck sich bereit finden ließ, 20 000 Mk. Wechsel zu akzeptieren. Der Zeuge will auf Drängen des R. diesem noch 1500 Mk. in bar gegeben haben, was R. aber bestreitet. Rothschild behauptet, Burck habe bei ihm 300 000 Mk. und bei Joseph Herz in Gießen den gleichen Betrag verspekuliert und das Geld, das er von Burck bekommen habe, sei nur zur Deckuna seiner Verluste gezahlt worden. Ter Zeuge erklärt jedoch, Rothschild habe weit mehr erhalten als dies ausmache. Kommis Müller- Büdingen und Kommis Meyer, früher in Büdingen, jetzt in Frankfurt, bekunden, daß Äcker r ... ‘nenn es sich um Lombardierung der Werte handelte, mit dem Ehef konferiert oder, roenn R. verreist war, sich telephonisch mit ihm unterhalten hat. Auf Befragen. Ackers, bekundet Meyer, daß Rothschild sich um die kleinsten Details im Geschäft gekümmert hätte. Selbständig sei Acker eigentlich nur im Verkehr mit dem Publikum gewesen. Bücherrevisor Z u b r o d- Offenbach erklärt, daß er, als Roth> schild im Jahre 1889 das Büdinger Bankgeschäft übernahm, ein Vermögen von 8000 Mk. besessen hat. Er nahm sich damals einen Kommanditär, der 45 000 Mk. einlegte. Nach den ordnmms- mäßig aufgestellten Belegen wurden im Jahre 1890 14 000 Mk. direkter den „flachen Sinn" dec edlen Bürger B:andenburgs bezahlen soll, da er es doch mit „ernster sfunft" versucht hatte. Schließlich tnuß der Direktor doch atich ettvas zum lieben haben, was den StadtverorLmeten der guten Stadt Brandenburg aber nicht einzuleuchten scheint. Tie Red.) — Wie sind die Jupitermonde entstanden? lieber den Ursprung des neu entdeckten achten Jupitermondes herrschen in der astronomischen Welt widerstreitende Ansichten. Während der englische Gelehrte Forbes die Ansicht ausgesprochen hat, daß der jüügst entdeckte Jupitertrabant der seit langer Zeit verloren gegangene Lexellschc Komet von 1770 sei, der in der Anziehungssphäre des riesigen Ge- stirrts im Jähre 1779 festgehalten wurde, gibt ^äofessor Tarrida des Marmol der Vermutung Raum, daß der sechste, siebente mtd achte Mond eher Asteroiden sein könnten, die in der gleichen Entfernung wie der Jupiter um die Sonne kreisen und von ihm abgefanaen wurden. Der gleiche Gelehrte weist auch auf die Atöglichkeit hin, daß die Satelliten des Saturn, Hyperion, Themis und Phoebe, gleicher Herkunft sein könnten. Auf eine Anfrage der Nature hat sich nun der Entdecker des achten Jupiterntondes, Melotte, dahin ausgesprochen, daß die photographischen Bllder des Mondes keinerlei Anhaltspunkte für eine diffuse Beschaffenheit geben, wie sie bei einem Kometen vorhanden sein müßte, sondern daß der achte Jüpitermond von ebensolcher Beschaffenheit sei wie alle übrigen. Dagegen hat der Lexellsche Komet in seiner größten Erdnähe ganz deutlich eine ALebelhülle um den Kern erkennen lassen. Melotte weift ferner darauf hin, daß andere große Planeten wohl auch noch von Monden umkreist sein können, die infolge ihrer Kleinheit bisher der Beobachtung entgingen und gleichfalls rückläufig ihr Zen- tralgesttrn umkreisten, wodurch wettere Belege für das rätselhafte Verhalten der jüngst entdeckten Trabanten geschaffen würden. — Kleine Cbronik aus Kunst und Wissenschaft. Der Kongreß der A s s o c i a t i o n littöraire et artistiqur internationale in Mainz beschloß in seiner soeben beendeten Verhandlung bei dem Reichsjustizamt zu beantragen, daß die Schutzfrist für Kun st werke usw. auf 50 Jahre verlängert werde. — Der Verwaltungs-Ausschuß des Theaters in Weinberge (Böhmen) hat sämtlichen Angestellten gekündigt und das Theater aus u n b e st i m m t e Zeit geschlossen. Gleichzeitig erklärt die Gesellschaft, liquidieren gu wollen. — Rudolf von Gottschall, der Senior der deutschen Dichter, beging gestern in Leipzig seinen 85. Geburtstag. Zugleich sind es 60' Jahre her, seit Gottschall als Dramatiker mit dem Schauspiel „Ter Blinde von Alcara" debütierte. Am bekanntesten von Golt- schalls Dramen ist sein historisches Suftjpiel „Pit und Fox" geworden. — Der Forschungsreijende Wilhelm Reiß, früherer Vorsitzender der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, ist in der Nähe seines Schlosses Könitz in Thüringen auf der Krähenjagd durch unvorhergesehenes Entladen seines Gewehres tödlich verunglückt. — Gestern nachmittag wurde in der medizinischen Fakultät zu Paris der 1. internationale Urologenkongreß unter Vorsitz des Unterrichtsministers eröffnet.