Nr. 270 Drittes Blatt 157. Jahrgang Samstag 16. November 1907 G^chetnt tögttch mit Ausnahme befl Sonntags. Sie „etefienct §a«MendNMer- werden dem ,91nteiflete viermal wöchentlich beigelsqt, das „Kretsblati für den Kreis Gietzen" zweimal ipöchenUrch. Der ..hesflfche tanbwirt4* erscheint «wnatlid) einmal. General-Anzeiger für Gberhefien RotattonSdruck und Verlag der Br üblichen Universität- - Buch» und Stet nD ruderet 9t Lange. Gietzen. Redaktion. E^veditton und ®ruderet: Schul- Itrabe 7 (Srpeöitton und Verlag feö» t>L Redaktion: 112. Tel.-Adr- Anzeiger Bietzen. Z'oUz.chanbe. Unser L. 8ch.-Korrespondent schreibt uns aus Berlin: Unsere Polizeiofsiziersfamilien sind aus den Hund gekommen Im wahren Sinne des Wortes. Nicht im übertragenen. Freilich $ ihnen gleichzeitig auch eine neue Vergünstigung zuteil geworden. Ter neue Pollzeioberst Hal eine Verfügung erlassen, in der es heißt, daß mit Hein schiveren Dleiist, den die Berliner Polizeiost'iziere haben, einem Lienste, Der nervös mache, auch genügende Erholung und Ruhe oervunden sein müsse. Infolgedessen mache er es ihnen zur Pflicht, ^ede Woche 2-LStuiiden frei zu nehmenes stünde aber jedem ivei, auch drei Tage auf einmal vom Dienste sich zu befreien, ohne lange LegründungSschristen und Umständlichkeiten anderer Art. Eine sehr verständige Maßnahme, die natürlich nicht mir von den Difi- gieren, sondern auch von deren Familien mit größter Freude begrüßt worden ist. Ach, wenn es in allen anderen Bernsen doch auch so einsichtige und entgegenkommende „Obersten" gäbe. Die den aufgeregten Nerven ihrer Untergebenen die nötige mehrtägige Ruhe gönnten! Tiötzdem aber sind diese Familien doch aus den Hund gekommen. Es gibt nämlich zurzeit kaum eine Polizeiosfiziers- fQiinlie m der ReichShanptsiaDt, die nicht mindestens einen Hund hat, nut einen deutsch. -Lchäserhund reinster Rasse mit langem Stammbaum. Er ist sozusagen Polijeiavantageur. Und wenn es sich zeigt, day er mit seinen äußeren Vorzügen auch innere, geistige verbindet, daß er nicht nur schön, sondern auch klug und gelehrig ist mid sich als tüchtig erweist ziir Ausübung polizeiamtlicher Tätigkeit, bann kann et eine glänzende Karriere machen; er kann es zu Ansehen und gut dotierter Stellung mit Pensionsberechtigung bringen als kgl. prenß. Polizeihund. Em solcher kgl. pteuß. Polizeihund ist eine Zfrrde seines Geschlechtes. Et nimmt von niemandem einen Bissen an als von jemem Herrn und Meister, seinem hohen Vorgesetzten, Sr. Hochwohlgeboren dem Herrn Polizeilenmant; er hat die feinste Schnüffel- uase für Spitzbuben und Gauner und andere üble Sumpfpflanzen der Großstadt; mit tödlicher Sicherheit weiß er einen Strolch von einem Gentleman zu unterscheiden, unb wahrend er den letzteren mit der Gleichgültigkeit eines Grandseigneurs allenthalben passieren läßt, verhaftet er unweigerlich jeden zweifelhaften Gesellen. Er nimmt ihn fest^und zitiert ibn zur Polizeiwache, ohne ihn iiides je zu beigen. Seinen Herrn läßt er von niemandem berühren, und weirii es desseii zärtlicher Gaum deikommen sollte, ihren Ehelichsten in seiner Gegenwart etwa zu umhalsen, er würde eine solche Um jchicllichkeit aus der Stelle energisch sich verbitten; er würde trotz des herablassenden Wohlwollens, das er ihr sonst auch entgegen» bringt, sie wütend anipringen und ihr so solche Ungehörigkeit em für allemal untersagen. So zeigt er sich als Fetnd von allem, was „shocking“ ist, und als Freund Der Wohlanständlgkeit. Diese Tagend trägt er aber nicht nur dem Menschengeschlecht, sondern auch seinen Stalidesgenossen, überhaupt allen Hnndeherren und Hundedamen entgegen. Nie wird es ihm emfallen, einer Hundeschönen oder falls er selbst eine solche ist, einem eleganten Hnndejüngling nach- tulauien, nach verliebter, also in seinen Augen verächtlicher junger Menschen üblem Vorbitde. Nie auch läßt er sich etwa gar verführen, von den Düften eines Privathmides irgendwie und irgendwo iu kosten. Nachts wird ihm dafür das Vorrecht vor allen Beiliner Hunden zuteil, ohne Maulkorb und ohne ^eine zu „arbeiten", während bekanntlich in ganz Berlin alle Hunde dieses Zeichen ihrer lleriichen Unfreiheit niemals außerhalb des Hauses los werden — ein Vorzug des kgl. Polizeihundes freilich, Der nicht sonderlich hoch anzuschlagen ist, da ja andere Hunde nicht in großer Zahl nachts ipazieien geführt werben dürften. Nun ist den kgl. Polizeihunden die hohe Ehre zitteil geworden, dem Kronprinzen des deutschen Reiches und voii Preußen vor- gestellt zu werden. Und zwar auf dem Gelände bet der Kadettenanstalt in Großlichterfelde. In Begleitung des Kronprinzen befanden sich Der Minister des Innern von Mollke, Polizeipräsident Dr. von Bornes rc. Zur Stelle waren je zibei Airedale-Terriers, Tober- Niann-Pinscher, Schäferhunde. Die Hunde wurdeii geprüft m folgendeii Leistungen: Lemenführigkeil, Beivachen von Gegenständen, auf Befehl Laut geben, Verweigern von Futter aus fremder Hand, Meldung überbringen, Apportieren, Verlorensuchen, über Hindernisse im Fang tragend, Verteidigung des Führers ohne Befehl, Schuß- feuigE.it und dergl. Uber die bisherigen Leistungen der vorgeführten Hindernisse, ist folgendes zu erwähnen: Der Hund Bosco von 9tet;eim OAiredale- Rüde) hat in 37 Fällen den ihn führendeti Beamten vor tätlichen Angriffen verteidigt, darunter einmal gegen fünf Angreifer, wobei cs dem Beamten mit Hülfe des Hundes, trotzdem er sowohl als das Tier durch Messerstiche verletzt worden waren, gelang, zwei der Täter nach der 2 km weit entfernten Wache zu transportieren. Bei 26 Diebstählen hat Bosco die Verfolgung der Täler nut Erfolg ausgenommen. 19mal ljat er durch Ueberbnugen von Meldungen Verstärkung an Polizeibeamten nach entfernt gelegenen Straßen geholt, die Leichen von zwei Verniißten im Walde auigcfimbeu 14 Fluchtversuche vereitelt. Der Hund Monlwitz (Dobermann-Rude) hat in vielen Fällen im Freien liegendes Gesindel amgestobert. Seine Spezialität ist, Ruhestörer zur Räson zu bringen. Emen flieheiiden Verbrecher stellt dasTier auf Geheiß unter allen Umflänben. Tie Schäferhündin Herta vom Niederrhein ist seit Öloücinber 1906 im Polizeidienst. In der Nacht zum 1. Januar wurde m einer Zechenkolonie bei Hamborn m Westfalen fortgesetzt geschossen. Herta stellte bet einer Entfernung von 300 m bei einer Gruppe von acht Personen den Täter, bet Dem der noch warme Revolver vorgefunden wurde. Als ihr Führer von drei Italienern angefallen ivurde, griff das Tier ein. Die Täter entflohen, doch wurde einer von dem Hunde gestellt und so konnte die Festnahme der beiden andern erfolgen. Als im Oktober ein ausländischer Arbeiter auf dem Transport nach Dem Polizeigefängnis sich nut einem Messer auf den Beamten stürzte, wurde er mit Hülle von Herta zur Räson gebracht. Die Airedalchündin Ladt) von Schmidthorsi hat auf eine Eim'ermma von 1000 m ein Portemonnaie mit 36 Mk. Inhalt gesucht und gefunden, das ein Mädchen verloren hatte. Der Führer hatte dem Hund von dein Umschlagetiich des Mädchens Witterung gegeben. Die Schäferhündin Rosa vom Niederrhem, seit 4. Inti im Dienst, hat im August einen angetrunkenen Mann, der seine Familie mißhanDelte und Dem hinzugerulenen Beamten heftigsten Wlderstaiid entgegensetzte, zu Boden gerisseii unD kampfunfähig gemacht. Jin Anynst gab em Beamter zur Nachtzeit ein Notsignal. Das hörte Der Führer De6 Polizeihundes aus größerer Entfernung. Er entfeilte Die Rosa, Die nach Der Stelle jagte, an Der das Signal gegeben war und dort einem mit zwei Personen im Kampfe befindlichen Polizeibeamten Beistand leistete. Tie Schäferhündm Eilly von der Schanze hat in 19 Fällen fliehende Personen verfolgt und gestellt und in fünf Fällen ihren Führer mit Erfolg verteidigt. In einem Falle hat die Hündin eine flüchtige Person aus einem Eisenbahn- tunnel herausgeholt. Kann man mehr von diesen königlichen Hunden verlangen? Man sieht, es be>vahrheitet sich immer mehr des größten deutschen Dichters Wort: „Dem Hunde, roenn er gut gezogen, Wird selbst em weiser Mann gewogen." Aus StaM und CanO. Gießen, 16. Nov. 1907. ** Lehramtspersonalien. S. K. H. der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 13. Nov. d. I. Den proo. Lehrer an dem Lehrerseminar zu Alzey Kaplan Wendelin Einil Seibel zum Oberlehrer ernannt. — Durch Entschließung des Großh. Mmtsteriums des Innern wurden die Lehramls- reserendare Dr. Adam Heid zu Worms und Wtlh. Fuchs zu Friedberg, zu Lehramtsasiessoren ernannt. ** Gießener Frei studentische Bewegung. Nachdem die hiesige Organisation der Freistudenteu über U/2 Jahre geruht hat, haben mehrere ehemalige Gießener und Leipziger Finten beschlossen, in einer am Samstag, 16. Nov., stattsindenden Versammlung von Freistudenten zu beraten, wie in Gießen ein engerer Zusammenschluß von Nichtlorporierten zu ermöglichen ist. lieber 33 Freistudentenschaften bestehen augenblicklich in Deutschland. $ Nieder-Weisel, 1-1. Nov. Der Gemeinderat hat beschlossen, von dem Dorfe bis zur Haltestelle Ost- heim einen gepflasterten Fußsteig anzulegen, wie ihn oie Gemeinde Ost he im bereits besitzt, die Bürgerschaft begrüßt dies mit Freuden. (sd.) Lengfeld, 14. Nov. Im Irrsinn hat sich gestern die schon längere Zeit lewende Frau des Bries- 1 rügers H. mit einem Ace,ser oie P u l s a d e r n g e ö f f n e t. Sie wuroe jedoch halbverblutet und bewußtlos aus gefunden und konnte durch rasche ärztliche Hilfe gerettet werden. Die Frau wurde in das Lanoes-Phttippsyolpital ausgenommen. (sd.) Traisa b. Darmstadt, 15. O^ov. (Tel.)'In der Odenwälder Hartstein-Jüdustrie verunglückte der 37 Jahre alte Arbeiter Ludw. Falter dadurch tödlich, daß er von der Drahtseilbahn ersaßt und vollständig zermalmt wurde. Der Verunglückte hinterläßt Fxau und 2 Kinder. (?) Rodheima. d. 53z 14. Sept. Aus Anregung unsers komm. Landrats Dr. Daniels-Biedenkopf ist hier eine s r e i - willige Sanitätskolonne bearünoet worden. Dr. Klingelyöser hat die Leitung des ÄrsbildungStursus zu- gesagt. In einer gut besuchten Versammlung legte er den Zweck und die Au,gaben einer Sanitätskolonne dar. Es traten sofort 20 der Anwesenden diesem gemeinnützigen Verein bei, neben ehemaligen Soldaten auch mehrere Arbeiter der Sanitätskolonne. Als Vorstandsmitglieder wurden Dr. 5ilingelhöfer (Vorsitzender), Heinrich Bender (Ko- lonnensührer) und Jaiob Peppler (Schriftführer) gewählt. Der Uebungskursus, der vier Monate in Anjpruch nehmen wird, soll schon in nächster Zeit beginnen. — Auch in diesem Jahre hat der Vorstand der hiesigen Spar- und Darlehn s k a s s e unsarn Gewerbevereur, die freiwillige Feuerwehr und die Kranken schw es ter wieder mit Zuwen^ düngen bedacht. p. Hohensolms, 15. Nov. In Erda beabsichtigt man, eine Wasserleitung zu bauen. Beim Nachjuchen am „Lappenoerg" — Gemarkung Hohensolms — fand man eine Quelle, die mehr als genug Wasser für Erda liefern wird. In unserem Flecken aber machten bei dem Anbohren der Quelle, obgleich der Ort zwei Kilometer von der Quelle entfernt liegt, einige Ortseinwohner die unangenehme Erfahrung, daß ihre Brunnen versiegten. Wie eine nun angestellte Messung ergab, so spendet oie Quelle hinreichend des Wasser für beide Orte, und auch für Hohensolms wird eine Wasserleitung gebaut werden. Eine nähere und ergiebigere Quelle als die erschlossene gibt eS für Höhens solms, dem am höchsten gelegenen Orte deS Kreises Wetzlar, nicht. Es handelt sich jetzt nur noch um die Ausbringung der Baukosten. Bemerkt sei noch, daß man auch in unserem Nachbardorfe Groß-Alten st Übten nach einer ausreichendert Quelle für eine Wasserleitung sucht, deren Ausbau noch dieses Jahr in Angriff genommen werden soll. Frankfurt a. M., 14. Nov. Der in Müncherr verhaftete internationale Hoteldieb Peter C a r l s 0 h n, der heute zur Vernehmung nach Wiesbaden transportiert wurde, ist auf dem Fran^urter Polizeipräsidium einem Verhör unterzogen worden. Er gestand, in einem Wiesbadener Hotel eine Perlennadel im Wert von 11000 Mark gestohlen zu haben und gab zu, daß er auch hier in allerersten Hotels gewohnt habe. Ferner ist er verdächtig, einer Dame in einem Hotel am Bahnhof ein Paar Ohrringe im Werte von 5000 Mark gestohlen zu haben. Carlsohn ist Schweoe und von Berus Bauernlnecyt; nachher wurde er Maurer, Hotel-Portier, Billard-Markeur und endlich Hochstapler. Er wohnte nur in größeren Städten und befand sich fortgefetzt auf Reisen. h. Frankfurt a. M., 14 Vcrv Der Milchhöndler Georg Hau, der anii O Üb ahn Hof von eben amjefommencr Milch den Rahm abschöpfte und in eine befonbere Kanne tat, wuroe wegen Nahrungsmittel-Fälschuna bum Schöffengericht zu 2 Wochen Gefängnis und 100 Mark Geldstrafe verurteilt Aus seine Berufung erhöhte die Strafkammer Die Geldstrafe auf 200 Mark unb beließ es bei der Lwöchentlichen Gefängnis-- strafe. München, 14. Nov. Die Strafkammer verurteilte den Direktor Der Vereinigten Kunstanstalten München-Kaufbeuren, Paul H i e r z 1, wegen Vergehens gegen §17 5, begangen an einem 13 jährigen Lehrling und einem 14 jährigen Boten, zu einem Jahr Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. Die beiden jungen Leute wurden freigefproä)en. Solingen, 14. vwv. Die Untersuchung gegen den verhafteten Redakteur Schiwara ist beendet. Die Akten, find nunmehr Per ONrreichsamvallschaft behufs Erhebung Den Anklage auf Hochverrat in 17 Fällen zugestellt. SAFETY FÜLLFEDER Unbegrenzte Haltbarkeit — ist stets schreibfertig — wird nicht undicht — Klecksen cder Beschmutzen der Finger ausgeschlossen. Bezug durch Papiergeschäfte. Die Cnw befriedigt dauernd. Belehrung darüber durch Caw's Ulustr. KaLdog; kostenfrei erhältlich durch Schwan-Eieistift-Fabrik, Nürnberg. Marke suf der Sohle Nur echt mitDreieck- /I86O\ /t.p.a.p.mX C.DHEFBYPrV ss“/i erhalten Sie: Uhren, Gold- und Silberwaren, Fahrräder, Wasch-, Wring- u. Näliinnschin., Mangeln, Sprechapparate u. Pho- no^raphen, sowio Platten u Walsen, Spieldosen, »Kinmtliche Mtmikln- strnenente u. Apparate, Feldstecher, Photogr. Apparate, Lederwnren, Ä SebasswafiTen, Koller, Lampea und Kin- derwagea etc. bei Gebr.Gerhard, Mainz. Verlangen Sie reich- BHB illuatr. 2000 Abbildg. MMN enthaltend. 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