Mittwoch 17. April 1907 157. Jahrgang Erstes Blatt Nr. 89 •ef*etnt tS-"4 außer Vonntags. Dem Lietzener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessische« Lmdwirt die «ietzmer Kamil len- biatta viermal l* der Woche beige legt um zweimal wöchentlich dak KieUblatl für de« Krets -letze«. Fernsvrech-Arv- schlutzf.d. Redaktion 111 Verlag tu Expedition &1 sibrefi. für Dep^chm! NotatiEdruz und Verlag der vrühl'schen Unlo.-Vuch- und Steindruckerei. B. Lange. BedaMau, t.; durch die Post Atk.S.— viertel- fährt, ausscht ‘Befledg. Annahme 001 Anzeige« für die LageSnuinirrtt bis Donntitaae 10 Uhr. ZeilenpreiS. total 16tNw ausioarts 20 Veranirvortltch ukx den pollt und allflim. ALe üeutige Kummer umfaßt 10 Seiten. Der starrköpfige König. (Von unserni Korrespondenten.) Brüssel, den 16. April 1907. Jetzt hat Belgien auch seinen Staatsstreich. Sonst hörte man von dem kleinen Königreich nur, wenn Kongo- greueln gen Himmel schrieen, wenn ein grober sozialistischer Streik entstand, wenn der König in Paris Abenteuern nach- geht. Jetzt aber hat König Leopold einen schweren Konflikt mit dem Parlament heraufbeschworen, indem er von Nizza au» durch ein königliches Dekret die Zurückziehung des bereits seit 6 Monaten beratenen und auch schon angenommenen Grubengesetzes befahl, baß durch diese Annahme die Demission des Kabinetts Smet de Nayer herbeigeführt hatte. LS handelte sich bei dem Gesetzentwurf um die Festsetzung der Arbeitszeit in den Minen und nachdem die Vorlage von der Linken abgeändert war, hatte das Ministerium die jetzige Fassung für unannehmbar erklärt, da es auf die kons. klerikale Regierungsmehrheit baute. Von dieser waren aber im entscheidenden Moment 14 Mitglieder abgefallen und hatten sich zu einer Gruppe unter dem Namen .Qungübcrale* vereinigt und dem Gesetz mit 76 gegen 70 Stimmen zur Annahme verhalfen. Man glaubte, daß nach der Demission deS Kabinetts der König den bisherigen Kammerpräsidenten Schollaert mit der Neubildung betrauen würde und von den sezessionistlschen Iungliberalen sah sich manch einer schon, im im Ornate eines Ministers, die Geschicke des Landes lenken. Diese Hoffnungspflänzchen hat nun der Entschluß deS Königs jäh geknickt und man behauptet, Leopold habe sich mit diesem Schritt an der Kammer für die Kongodebatte rachen wollen. Und um allen etwaigen Geschehnissen persönlich die Spitze bieten zu können, hat Leopold, der 72 jährige, seinen Erholungsaufenthalt an der Riviera unterbrochen und ist nach Brüssel zurückgekehrt, wo ihn Militär und Gendarmerie erwartete und in sein Palais begleitete. Die jetzige Situation drängt zu einem Vergleich mit der Lage im Frühjahr 1902, da die Agitation für das allgemeine Stimmrecht zu blutigen Unruhen im ganzen Lande führte. Auch damals kehrte der König, der außer Landes weilte, in seine Hauptstadt zurück, um seinem schwankenden Minister- präsidenten zur Seite zu stehen. Brüssel war stürmisch bewegt und als der König (gerade an seinem Geburtstage) am Bahnhof sein Auto bestieg, sah er sich bald inmitten einer Schar von Demonstranten, die ihm mit roten Fahnen .gratulierten* 1 Allerdings hatte damals die Regierung sowohl im Senat wie in der Kammer eine Mehrheit hinter sich, was heute nicht niehr der Fall ist. Trotzdem scheint cs Leopold auf eine Kraftprobe ankommen lassen zu wollen. Doch verdankt Belgien sein Dasein als Königreich der Septembercevolution von 1830, die heute alljährlich noch in den Tagen des Nationalfestes ihre Verherrlichung erfährt. Von jener Zeit stammt auch noch die militärische Organisation des Bürgertums, die „Garde civique“, die geeignet ist, den Truppen deS Königs Gewalt entgcgenzusetzen. Wenn sich zu einem aufrührerischen Bürgertum die an und für sich schon stets zu Krawallen geneigte Acbciterbeoölkerung dec Jndustriebezirke gesellt, so wäre es möglich, daß Deutschland an seiner Westgrenze eine zweite Republik entstehen sehen könnte. Ueberdies ist die einstige Popularität des Königs im Schwinden begriffen. Die Art, mit der er zwei Tächter verstieß und die dritte zur weltflüchtigen Einsiedlerin machte, hat ihm viele Sympathie geraubt. Das belgische Volk verzieh ihm seine Aoentiuren, seine Seltensprünge und Lebemannsfahrten, aber es verzieh ihm nicht die Kongogreueln und seine Hartherzigkeit als Vater. Sein Neffe und Nachfolger, Prinz Albert, hat es ebenfalls nicht verstanden, sich Zuneigung zu gewinnen und so kann man sich auch nicht wundern, daß selbst unter den regierungsfcommen Klerikalen viele Elemente sind, die nichts dagegen hätten, wenn das Königtum ein Ende nehmen würde. König Leopold weiß baS alles. Die Geschichte seines Großvaters, des Königs Ludwig Philipp, nicht nur, sondern seine eigene Weltklugheit haben ihn gelehrt, stets die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, und sich nicht Schemgebilde vorzutäuschen. Er weiß, daß er ein gewagtes Spiel begonnen, daß ec seine Krone auf eine Karte gefetzt hat. Eine Kritik hat ihn mit König Lear verglichen: sollte er dessen Schicksal teilen und als Greis den Thron verlieren, ihm wird feine Cordelia die Arme offnen, um ihm eine gastliche Stätte zu bereiten. Er hat zwar viel geliebt, ist aber nie selber ebenso viel geliebt worden und so sieht er heute im Alter allein — und trotzt doch noch mit seiner Kraft und seiner Festig- keit....... Deutscher Reichstag. 30. Sitzung am 16. Apru, 1 uljr. Die Beratung des Etats des Reichsamts deSJnnern, Befoldungstitel „Staatssekretär", wird fortgesetzt. Abg. Sachse (S-oz.) beklagt sich über Polizeichikanen gegen» über Gewerkschaften, über Saalabtreibereien durch Einwirkung auf die Wirte, und wendet sich dann gegen den Abg. von Dwcksen und dessen Matholdi: zu polemisieren, direkt gegen die bet sozialdemokratischen Partei angehörigen Mitglieder des Laufes. Herr v. Dircksen habe die sozialdemokratischen Lüge- ordneten beschuldigt, von erpreßten Arbeitergroschen zu leben. MC Beschuldigungen des Herrn v. Dircksen seien Unwahrheiten. Auch von dem Terrorismus der sozialdemokratischen Arbeiter habe Herr v. Dircksen wieder gesprochen; von dem Terwrismus- der Arbeitgeber aber sage er kein Wort. Wie stehe es denn damit z B. jetzt bei der Arbeiter-Aussperrung im Holzge- rotrbe? Und sei es etwa fein Terwrismus, wenn im Bergbau Arbeiter gekündigt würden, bloS weil sie sich weigerten, Heber» chichten zu machen. Geheimrat Beckmann vom Reichsverficherungsamt bittet um Absetzung der Resolution Pauli, in der Wiederherstellung der trüberen Bestimmungen über Ansammlung des Reservefonds gewünscht werde. Affbg. v. Staudy pflichtet den Ausführungen des Abgeordneten v. Dircksen bei. Soweit der Staatssekretär sich dagegen verwahrt habe, daß der Gang der sozialpolitischen Gesetzgebung ein zu langsamer sei, stimmten feine Freunde ihm durchaus zu. Daß die sozialpolitische Gesetzgebung fortgeführt werde, darin seien mit Herrn Naumann wohl alle Parteien in diesem Hause einig. Andererseits sei aber auch das Mißtrauen berechtigt gegen diejenigen Elemente, die alles niederreißen wollen, was uns und auch wohl dem Abg. Naumann teuer sei und die nur die niedrigen Instinkte wachrufen. Redner halt dann dem Staatssekretär vor, daß sich in dessen Aeußerungen über die Zusammenlegung der drei Versicherungsgesetze in den letzten Zahlen und neulich mehrfach Widersprüche vorfanden. Staaatssekretär Graf Posadowsky erwidert, wenn die Zusammenlegvng zustande komme, würden sehr viel jetzige Reibungen zwischen den Verwaltungen der einzelnen Gesetze Wegfällen und es werden viel sachliche Ausgaben erspart bleiben, die jetzt nötig seien. Die ganze Sache werde vereinfacht werden. Aber bei einer völligen Verschmelzung zu einem bureaukratischen Organismus für das ganze Land würde auch die Sachkenntnis der jetzigen Denvaltungen, z. B. die der Berufsgenosfenfchafun, verloren gehen. Eine solche Verschmelzung würde er daher nicht in Aussicht stellen können, ja er möchte sie sogar für einen Rückschritt halten. Ob sich das Markensystem ersetzen lasse sei lebhaft erwogen worden. Aber die Regierung sei dabei zu der Ansicht gekommen, daß zwei wichtige Momente: die Dauer der Arbeitszeit und die Höhe der Löhne sich am besten nur durch das Markensystem erfassen ließ«m. Die Kontrolle möge lästig fein, aber gebe man das Markensystem auf, so würde die Kontrolle vielleicht noch lästiger gestaltet werden müssen. Gegenüber dem Abg. v. Dircksen erklärt der Staatssekretär, müsse et nochmals' auf die Aufhebung des Verbindungsverbots eingehen. Der Reichskanzler habe in dieser Beziehung sein Wort verpfändet und nur dadurch habe er es erreicht, daß nicht eine entsprechende Bestimmung gleich in das bürgerliche Gesetzbuch ausgenommen worden sei. Als der Reichskanzler jenes Versprechen abgab, sei von dem ArbeitÄvilligengesetz noch gar feine Rede gewesen. Abg. T r i m b o r n (C.) bemängelt in einem Punkte die Fassung der Resolution Ablaß zum Kvalitionsrecht. Abg. Müller-Meiningen verbreitet sich über die verschiedenen vorliegenden Resolutwnen, von denen übrigens einzelne inzwischen zurückgezogen worden sind. Zu bedauern sei, daß Graf Posadowsky in seiner großen Rede übet den Schutz des Kvalitionsrechles fein Wort gesprochen habe. Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte gestellt und angenommen gegen die Sozialdemokraten und den tleineren Teil des Zentrums. Der Titel Staatssekretär wird bewilligt. Von den Resolutionen werden teils einstimmig, teils mit großer Mehrheit angenommen : Resolution Albrecht betr. Maßnahmen in Exploftostoffabriken, ferner die Zentrums- und die sozialdemokratische Resolution bett. Arbeits- Verhältnisse in den Glashütten (doch wurde hier der Passus in der sozialdemokratischen Resolution betr. achtstündigen Arbeitstag abgelehnt): ferner Zentrums-Resolution betr. Revision der Bestimmungen über die Ausnahmen von der gewerblichen Sonntagsruhe: die nationalliberale Resolution wegen Arbeitszeit und Sonntagsruhe in Kontoren; Resolution Schack wegen allgemeiner Neuregelung der Sonntagsruhe: die nationalliberale Resolution betr. Sonntagsruhe in der Binnenschiffahrt; die freisinnigen Resolutionen wegen des Koalitionsrechts und des Vereinsrechts. — Weiter gelangen zur Annahme die freisinnige Resolution wegen Regelung des Submissions-Verfahrens; Schack betreffend Vereinheitlichung der Stenographie; Neuner(C.) betr. Unfallfürsorge bei Arbeitern zur freiwilligen Rettung von Personen und zur Bergung von Gegenständen; endlich Naab-Nieseberg betr. Denkschrift über die Erfahrungen mit dem Gesetze über den unlauteren Wetto ewer b. Abgelehnt wurde nur die Resolution Pauli betr. Wiederherstellung der früheren Bestimmungen über Ansammlung des Reservefonds der Berufsgenossenschaften. — Bei der Etatsposition „Förderung der Seefischerei" plaidiert Abg. Held (ni.) lür eine Resolution betr. wettere Unterstützung der Segelschisfahrt. Staatssekretär Gras Posadowsky erklärt, schon Mt würden von Reichswegen s/4 Millionen für diesen Zweck autgeroenbet Er werde sich aber noch mit dem Nautischen Verein dieserhalb in Verbindung setzen. Nach weiterer unwesentlicher Debatte schließt die Besprechung. Die Resolution Held wird angenommen. Bei dem Titel „Subvention von Postdampferlinien nach Ostafrika" bringt Abg. Erzberger (Ztr.) allerlei Beschwerden vor, über die hohen Frachtsätze naaj Dar-es-Salaam rc. Die Regierung müsse auf Ermäßigung der Tarife hinwirken. Staatssekretär Graf Posadowsky entgegnet, eS handle sich bei dem Vertrage vorläufig nur um eine Versuchseinrichtung auf dem Verwaltungswege. Er empfehle dieses Provisorium einst- roeilen fortbestehen zu lassen. Geheimrat o. I o n a u i ö r e s fügt noch hinzu, daß die in dem Vertrag abgemachte Häufigkeit der Verbindung im wesentlichen dem Gesetze von 1900 entspreche und daß die Tarife nicht zu hoch seien, wenn man berücksichtige, daß dieselben doch in Verbindung mit der Subvention der Gesellschaft eine gewisse Rentabilität sichern müßten. Zu bedenken sei, daß es vielfach an Rückfracht fehle. Abg. Dr. S e m I e r (nl.) gibt dem Abg. Erzberger zu bedenken, daß bei der Ostafrika-Linie von einem guten Geschäft nicht die Rede sei, kaum von einer mäßigen Verzinsung des Kapitals. Abg. Tr. Arendt (Rp) bemerkt, man sollte hier, wo es sich um die Interessen der Kolonie handele, überhaupt nicht so kalkulatorisch zu Werke gehen. Damtt schließt diese Debatte. Ohne bemerkenswerle Debatte erledigte das HauS den Rest des Kapitels „Allgemeine Fonds", ferner den Abschnitt „Reichs- Lomnnnariate für .Äuswanoerungswesen, desgl. Reichsschnltom- mtifion, Bundesamt für Hettnatsweien. Von bei.; ivay.;cL „Gesundheitsamt" vertagte man sich auf morgen. Tagesordnung: Fortsetzung der heutigen Beratung. Aus dem Reichstag. R. Berlin, 16. April. Tie inS Aschgraue sich verlierende sozialpolitische Debatte Hai das Interesse an den Verhandlungen stark abgcfiumpft. Auch was heule rednerisch geboten wurde, wirkte im allgemeinen nicht erfrischend. Der greife Abg. v. Staudy (kons.) unternahm es z. B., das soziale Programm deS Abg. Naumann zu kritisieren. Doch wie fiel schon das kaum ver- ständliche Murmeln deS Konservativen ab gegen den glän- zenden Vortrag deS Kritisierten. ES fehlte auch heule nicht an von agrarischem Geiste eingegebenen Bemängelungen an die Adresse des Grafen Posadowsky. Ter Staatssekretär hielt gelassenen ToneS seinen Standpunkt aufrecht, und da er gerade über die großen Richtlinien der Sozialreform sprach, so setzte er sich auch mit einem — englischen Kritiker auseinander, nämlich nut dem liberalen Staatsmanne Lord Nosebery, der in einer Zuschrift an die .Times" zur Bezugnahme des Staatssekretärs auf die englischen Sozialverhältuisse sich geäußert hatte. Nachdem noch Abg. Dr. Niü Iler - Meiningen (Frs. Vlksp.) den Staatssekretär zu einer freiheitlichen Reform des Vereins- und Versammlungsrechts ausgefordert hatte, trat die.Guillotine" des Schlußantrages erfolgreich in Wirksamkeit. Die Redeflut der Generaldebatte war abgedämmt, unter Mithülfe auch des Zentrums. Es folgten d'e Abstimmungen über die zahlreichen Anträge. Eine Zeitlang ging alles glatt, einmal konnte sich aber das Bureau nicht einigen, ob die Mehrheit oder die Minderheit steht. Durch .Hammelsprung" wurde der Zweifel gelöst und zugleich die Anwesenheit von 284 Abgeordneten festgestellt. Also ein reichlich beschluß- fähiges Haus, doch der Block, der nur mit 163 Köpfen vertreten war, wird sich mehr anstrengen müssen, um bei den in den nächsten Wochen zu erwartenden belangreicheren Entscheidungen Herr der Situation zu bleiben. Aufs blaue Wasser, zu den kleinen Segelschiffern an Nord- und Ostsee, führte die weitere Einzeldebatte. Die berufliche Notlage dieser Seeleute wurde von allen Seiten anerkannt. r_____________________________ politische Lagesscharr. Die Maifeier. Nur wenige Jahre sind es her, als die Maifeier als ein Hauptagttations-- und Demonstrationsmittel der Sozialdemo krarie gegenüber dem Bürgertum hingestellt wurde. Allein die Arbeitgeber wollten sich das nicht gefallen lassen, daß man ihren Fabriken und Werkstätten Arbettsrnhe auf» zwinge, und so tarn es wegen der Maifeier verschiedentlich zu recht scharfen Differenzen, die lange Aussperrungen zur Folge hatten. Auch in der Arbetterschaft selbst war man teilweise nicht recht bei der Sache und befolgte vielfach die ausgegebene Order überhaupt nicht, sondern begnügte sich höchstens mit Versammlungen am Abend oder am nächsten Sonntay. Trotz alledem hielt man noch bis zum Vorjahr die Fiktion der Maifeier aufrecht, aber nachdem sich in den letzten Monaten in den Gewerkschaften große Abneigung gegen die Maifeier gezeigt hat, weil man bei den unvermeidlichen Differenzen mtt den Arbeitgebern die Zeche zu zahlen hat, so scheint man sich auch im Parteivorstande dazu entschlossen zu haben, die Maifeier als offizielles Gebot vom Parteiprogramm abzusetzen; wenigstens veröffentlicht, wie wir gestern bereits mitteilten, der „Vorwärts" einen Aufruf an die Genossen, in welchem angeraten wird, überall dort, wo Kämpfe ine Folge sein könnten, von einer Arbeitsruhe am 1. Mai abzusehen und sich auf Abendversammlungen zu beschränken. Das Ganze wird natürlich von Ausführungen umrahmt, welche diesen Rückzug verdecken und es so darstellen sollen, als wenn alles beim alten sei und der Gedanke der Maifeier sogar noch an Kraft gewonnen habe. Man geht wohl nicht fehl, diesen Beschluß des Partei- Vorstandes als eine Folgeerscheinung des Ausfalles der Reichstagswahlen anzusehen. Die soz. Führer wollen es zwar nicht wahr haben, daß die Partei verloren habe, indem sie immer wieder darauf Hinweisen, daß der Stimmenzuwachs eine halbe Million betragen habe, wobei man allerdings wohlweislich unterläßt, mitzuteilen, daß der Stimmenzuwachs der bürgerlichen Parteien zur gleichen Zeit siebenmal größer ist. Immerhin aber müssen sie sich im stillen doch sagen, daß viel Schuld an der Mederlage das schroffe Halten an der Parteidoktrin und andere taktische Fehler der Parteileitung getragen haben. Sie sind, wenn sie es auch nach außen nicht zugeben wollen, zur Einsicht gekommen, daß eine Aenderung unbedingt notwendig ist und daß den oft genug innerhalb der Partei geäußerten Wünschen nach der einen oder anderen Richtung hin Rechnung getragen werden müsse, wenn man nicht noch mehr verlieren will. Hierzu gehört zweifellos auch der Beschluß, in der Begehung der Maifeier eine Aenderung eintreten zu lassen und es ist sehr woyl möglich, daß noch andere Maßnahmen folgen weroen. Der Beschluß wird in einem Augenblick veröffentlicht, wo man gerade von dem Grabe des alten sozialistischen Führers Auer zurück- gekehrt ist, der von bloßer Prinzipienretterei nichts wissen, jottbem den Strömungen Rechnung tragen wollte. Sein Standpunkt scheint nunmehr den Sieg davongetragen zu haben, und man darf vielleicht die Ansicht auSsprechen, daß der in Frage stehende Beschluß des sozialdemokratischen Parteivorsumdes ein a^araüeri|ii)d)ed Moment jür eine jid) jht der Stille doiMreitende Wendung'Her sozialdenwkrctt. Kakttk bildet.__________________________________________________ Die Silberhochzeit des lippischen Fürsteupaares. Bückeburg, 16. April- Heute vormittag fand in Anwesenheit des Kaisers die kirchliche Einsegnung des Fürstenpaares statt. Am Nach- imittag zog ein Festzug der Landbevölkerung des Fürstentums vor dem Residenzschloß vorüber. Den Zug Eröffnete die Kapelle der Jäger, dann folgten drei Bauern !in weißen Kitteln zu Pferde, von denen der mittelste als ^Geschenk für das Jubelpaar an einem standartcnartigen Stab einen großen Silberkranz trug, ein Meisterwerk der Silberschmiedekunft. Mehrere hundert Reiter in weißen Kitteln und mit Pelzmützen auf mit Bändern und Blumen geschmückten Pferden schlossen sich an. Ein Bauer sprach einen hübschen poetischen Spruch. Dann kamen Gaben- ,Präger und Gabenträgerinnen, die zum Teil in Platt in fkurzen Reimen Geschenke überreichten: Blumen, lebendiges Geflügel im Korb, lebendige Fische im Retz, Landesprodukte, Stickereien, Fruchtwein, Torf, Honig, Linnen, Würste, Schinken, Spinnräder usw. Das Fürstenpaar nahm die Geschenke eigenhändig entgegen. Nun kamen, nach Kivch- spielen geordnet, etwa 12 000 Personen, Frauen und Mädchen, in der prächtigen Landestracht, rotem Faltenrock, buntem Brusttuch, geblümter Seidenschärpe, sowie Kopfputz mit Verzierung, Gold- und Silberstickerei und riesiger Bandschleife von schwarzem Sammet oder Seide., Man gewahrte viele hübsche frische Gesichter im Zuge. Die Männer waren im weißen Stock gekommen, vielfach zu Pferde mit ^Schärpen in den Landesfarben Meiß-Rot-Blau. Es folgten em Leiterwagen, von Girlanden überspannt, sodann ein Fischer mit seinen Fischgeräten, und Wagen, die die Leinenindustrie und den Kalibergbau darstelllen, dann die fürstl. Jägerei mit Meute, den Fürstengruß blasend, die Knappschaft mit Fahnen, junge Burschen, bunt geputzt, nach .der Harmonika Äeder singend, ein Erntewagen, Hochzeits- Mtter, Brautwagen, mehrere Wagen mit der Mitgift einer ^Braut, Truhen, Bänke, Pferde und Rinder, Wagen mit Hoch- izeitsgästen und so fort. Der Vorübermarscy des Zuges .dauerte zwei Stunden. Dann entwickelte sich ein Volksfest. Am Wend fand im Schlosse Tafel statt. Im Verlaufe bed Mahles brachte der Fürst einen Trinkspruch aus, in dem er dem Kaiser für das Geschenk des lippeschen Stammschlosses, der Schaumburg, dankte. Darauf antwortete der Kaiser mit folgender Rede: „Tief bewegt von den Worten Ew. Durchlaucht, wage ich e§, 'im Namen der Anwesenden nochmals unsere herzlichen und innigsten Glück- und Segenswünsche dem hohen Paare auszusprechen. Wir sind ergriffen von den schönen Bildern, die in diesen beiden Tagen an uns vorbeigezogen sind. Wir haben mit Freude und Bewunderung ein Familienfest mitfeiern dürfen, bei dem ein ganzes Volk mit seinem Fürsteuhause bereinigt war und in rührender Weise die Zusammengehörigkeit zwischen Für st und Volk zum Ausdruck brachte. Es ist mir persönlich besonders eine Freude, daß es mir gestattet wurde, an dieser Familienfeier teilzunehmen. Es lag mir daran, den Ausdruck meiner innigen Freundschaft zu betätigen und für alle Beweise von seiner und seiner Gattin Freundschaft zu danken. Zum andern Male ist es mir eine ganz besondere Freude gewesen, daß ich den von Fürst und Land schon längst gehegten Wunsch enolich habe in Erfüllung bringen können, daß nun wie in alten Zeiten von der Schaumburg die alten Farben wieder im Winde flattern. Wie die Beziehungen deines Hauses zum Hohenzollern- hause sind, das lehrt die Geschichte, und ich brauche bloß auf die Bilder der Vorfahren an den Wänden hinzuweisen, deren Brust der Schwarze Adlerorden ziert. Und so wünsche ich denn nicht nur ein weiteres reich gesegnetes Leben für dich und deine 'Frau, sondern auch, daß in dem heranblühenden Stamm der Schaumburger ein Geschlecht heranwachsen werde, von dem das deuftche Volk einst sagen möge, das sind wahre deutsche Männer, das sind Schaumburger! Den Gefühlen, die unsere Herzen bewegen und uns erfüllen, geben wir Ausdruck, indem wir rufen: Das hohe Silberpaar Hurra, Hurra, Hurra!" Ruch der Rede des Kaisers küßten sich der Kaiser und der Fürst. Ter Kaiser küßte der Fürstin die Hand- An das Diner schloß sich ein Hofkonzert an. Stach dem Hostonzert wurde das Souper eingenommen. Kurz vor 12 Uhr verabschiedete sich der Kaiser und fuhr mit der Bahn nach Homburg v. d- H. Deutsches Reich. Berlin, 16. April. Die Kaise«rin und Prinzessin Viktoria Luise sind heute abend nach Homburg v. d. Höhe abgereist. Im Gefolge der Kaiserin befinden sich: Hosstaatsdame Gräfin von Keller, Hofdame Gräfin zu Rantzau, Kamm er Herr von Winterfeld, Leibarzt Generalarzt Dr. Zunker; im Gefolge der Prinzessin Obergouvernante Fräulein von Saldern, Gouvernante Miß Tophan und Professor Dr. Porger. — Das Abgeordnetenhaus erledigte in feiner Abend- sitzung das Kapitel höhere Lehranstalten und ging dann zum Kapitel Kun ft und Wissenschaft über. Rostock, 17. April. Der Volksschuldirektor Sell- schvpp hat neben den städtischen Schulen auch die höhere Töchterschule und das Lehrerinnenseminar zu inspizieren. An den letzteren Anstalten unterrichten nur akademisch gebildete Lehrer, die sich einer Inspizierung durch einenVolks- schuldirekwp widersetzen und den Unterricht nieder- legten. bKöln, 17. April. Die Aufstellung des Zentrums-Kan- aten Regierungsrat F e r v e r s für Schleiden-Malmedy anstelle Verstorbenen Prinzen von Arenberg stößt auf den Widerstand der ländlichen Wählnschaft, die etwa 90 Prozent ausmacht und di» den Grafen Spee als Nachftlger Arenbergs fordert. Straßburg, 16. April. Der erste elsaß-lothringische Städtetag faßte mit Rücksicht ;oiuf die im Jahre 1910 eintretende Aufhebung des Oktrois, der bisher wichtigsten Einnahmequelle des Landes, eine Resolution, in der verlangt wird, den Gemeinden ein weitergehendes Besteuerungsrecht einzuräumen und Möglichst bald eine Besteuerung der Grund ft ücke nach dem gemeinen Wert und nach dem unverdienten Wertzuwachs einzuführen. Gleichzeitig wurde eine Erhöhung der H u n d e st e u e r bis zum Betrage von 25 Mk. als Höchststeuer beschlossen. Man einigte sich ferner dahin, den Städtetag zu einer Kündigen Einrichtung zu machen. Statthalter Fürst Hohenlohe-Langenburg hatte für heute dre Mitglieder des Landesausschusses zu einem Diner geladen. Hierbei hielt er eine Ansprache, in der er sagte: Die ersten Tage der Verhandlungen hatten Erinnerungen an die Wahl- b e w e g u n g gebracht. Es tue not, daß Aufregungen und Anfeindungen infolge der politischen Wahlen einer ruhigeren Stimmung weichen. Man erweise sich und der Heunat keinen Dienst, toenn man dse Wunden, die der Wahl- kmnpf ge] (Qiagen habe, nicht vernarben lasse und immer wieder Oel ms tfeuer gieße, um die politischen Leidenschaften aufs neue anzufachen. Ausland London, 16. April. Bei der Verleihung des Bürgerrechts in der City of London an die Premier- Minister der Kolonien zog ein Vorgang allgemeine Auf- merksamkeit auf sich. Als der Locdmayor, Earl Roberts und Botha zusammen auf der Estrade Platz genommen hatten, schüttelte Botha dem Lorvrnayor die Hand und wendete sich dann zu dem Feldmarschall Earl Roberts, der sich ihm näherte, und schüttelte auch ihm die Hand. Der kanadische Premierminister, Sir Wilhred-Lanzier, sagte ttn Laufe einer Rede, es sei ein einzigartiges Schauspiel, Botha und Ja meson nebeneinander sitzen zu sehen. Er sei der Ansicht, keine Nation außer England würde es gewagt haben, Transvaal solche Freiheit zu gewähren, wie England gewährte. Bukarest, 16. April. Das Militär geht bei der Wiederherstellung der Ordnung mit Energie vor und begeht dabei zum Teil Ausschreitungen, Ebie Empörung Hervorrufen. Im Dorfe Corcova wurden der Priester und der Ge- meindesekretär erschossen. In Menti wurden fünf Unschuldige getötet, Opischora, Balocita und Quardnitza wurden bombardiert. Einwohner wurden massenweise hingerichtet. In Patula wurden 13 Bauern, in Gio- borent der Primas Georgescu erschossen. In Cirn- pekmari wurden auf einmal 5 0 Bauern mit verbundenen Augen erschossen, ferner ein Eczpricster, der eine Proskriptionsliste verfaßt hatte. Nachdem die ganze Beoölker* ung gestüchtet, wurden 2 4 Greise aufs Feld geschleppt und vor den Augen ihrer Kinder nie der geschossen.__________ Neues aus Rußland. Duma. Das Haus behandelte am 16. d. M. die Interpellation über die Ereignisse in Riga, wo bei einem Fluchtversuche am 13. April sieben Gefangene getötet und 17 verwundet wurden, während die übrigen 74 vor das Feldkriegsgeeicht gestellt werden sollen. Die Sitzung nimmt den Charakter von Duells zwischen der äußersten Linken und dein Zentrum an. Dieses verlangt Verweisung der Interpellation an eine besondere Kommission, die für alle Arten von Interpellationen besteht, während die äußerste Linke bie Interpellation als dringlich an den Ministerrat überweisen ivill. Kuzmin Karawäw verliest eine Depesche des Generalgouverneurs von Riga, welcher erklärt, daß keinem Verhafteten die Todesstrafe drohe. Aleslincke verliest eine von seinen Wählern in Riga unterzeichnete Depesche, in der es heißt, daß alle 74 Verurteilung zum Tode zu gewärtigen haben. Das Mitglied der äußersten Rechten, Schulguin, wendet sich an die Sozialisten und sagt: .Sie protestieren gegen die Todesstrafe, aber, sagen Sie mal offen, haben Sie nicht eine Bombe in der Tasche?" Hierauf erhebt sich ein unbeschreiblicher Lärm. Man ruft: .Hinaus!" Vizepräsident Posnansky läutet und stellt mit Mühe die Ruhe wieder her. Die Sozialdemokraten verzichten sodann auf Dringlichkeit der Interpellation, die einer Kommission überwiesen wird. Die Duma beschließt mit großer Mehrheit, Schulguin wegen Beleidigung von Deputierten von der Sitzung auszuschließen. Wlawlakon gibt Erläuterungen über die Interpellation betreffend Kassierung eines Urteils des Feldkriegsgerichts durch den Generalgouverneur von Moskau Herschelrnann. Das Kriegsgericht hatte vier Personen, die des Versuchs angeklagt waren, einen Polizeibeamten zu ermorden, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Herschelrnann hat entgegen der Zirkularverfügung des Ministerrats, das Urteil kassiert. Ein anderes Kriegsgericht hat die vier oben erwähnten Personen zum Tode durch Erhängen verurteilt. Das Urteil wurde vollstreckt. Der Interpellation über Mißbrauch der Amtsgewalt Herschelmanns wurde einstimmig zugestimmt. • In Warschau wurde der angesehene Arzt Dr. Joses Drzewieck von zwei jungen Leuten überfallen und durch Revolverschüffe schwer verletzt. Er starb auf dem Transport ins Krankenhaus. Die verhafteten Mörder erklärten bei ihrem Verhör, von einem unbekannten Manne um 3 0 Rubel zu dem Morde gedungen worden zu fein. In Petersburg traten 4 junge Leute in das Zimmer des Universitätskassierers, bedrohten diesen sowie dessen Gehilfen unter dem Rufe: .Hände hoch" mit Revolvern, raubten 2 000 Rubel und entflohen. Aus SraSt und Lund. Sprechstunden der Redaktion: l/z 12—1 Uhr Darin., Vs 7—1/2 8 Uhr nachm., (mit Ausnahme von Samstag und Sonntag). Gießen, 17. April. •• Aus dem Militär-Wochenblatt, v. Conta, Oberstlt. beim Stabe des Jns.-Rgts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, zum Obersten; Wehner, Fähnrich m demselben Rgt., zum Lt. befördert. ** Erledigte Lehrer st eilen. Erledigt sind: die mit einem evang. Lehrer zu besetzende 2. Lehrerstelle an der Gemeinde-Schule zu Wohnbach, und eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Watzenborn-Steinberg. ** Der Finanzausschuß der 2. Kammer beschäftigte sich am Dienstag in einer gemeinsamen Sitzung mit den Regieruugsvertretern, Staatsminister Ewald, Finanzminister Dr. Gn auth und Minister des Innern Braun, mit der allgemeinen Beratung über die Regierungsvorlage, die Herstellung! mehrerer Nebenbahnen betreffend. Die Regierung stellt darin den Antrag 1. dem Unternehmer einer normalspurigen Nebenbahn von Lich nach Grünberg den Betrag von 30 vom Hundert der wirklichen Baukosten, ausschließlich der Koster; für den Geländeerwerb, aber einschließlich der erstmaligen Beschaffung der Betriebsmittel, 2. dem Unternehmer einer normalspurigen zweigeleiftgen Nebenbahn von Heddernheim nach Homburg 15 000 Mk. für das Kilometer der im Großherzogtum Hessen gelegenen Strecke und 3. dem Unternehmer einer vollspurigen Nebenbahn von Büdesheim nach Dietersheim 18000 Mk. für das Kilometer zu bewilligen. Im Ausschuß herrschte im allgemeinen eine günstige Stimmung über die Regierungsvorlage, doch trat ein Abgeordneter lebhaft dafür ein, daß zunächst einmal eine gründliche Aussprache über den Bau von Nebenbahnen und besonders über die noch von anderen Kammermitgliedern gestellten Anträge auf Projektierung weiterer Nebenbahnen erfolgen möge. Der Fttranzminister trat aber diesem Verlangen entgegen und bat, sich zunächst auf die Regierungsvorlage zu beschränken, bemt mit einer allgemeinen großen Debatte und der Vorbringung anderer Lahnprojekte werde sich das Verlangen irach wetteren unrentablen Bahnen nur noch mehr steigern. Mehr als die drei jetzigen Bahnstrecken könne Sie Regierung zurzeit nicht unterstützen. .Um Z/-2 Uhr wurde die. Debatte abgebrochen- Die Weiterberatung und Beschlußfassung soll in der heutigem Sitzung erfolgen. " Auswanderungen nach Rumänien. Deutsches Dieustpersoual, das aus ber Heimat weg Stellung in Rumänien annimmt, gerät bort oft in große Notlage, weil es an anbere Behandlung gewöhnt ist, als sie den Dienstboten dortselbst vielfach zu teil wird, bann aber auch, weil bie bärtigen Dienst, gebet selbst schriftlich eingegangene Verpflichtungen oft nicht erfüllen, so daß sich ber in Dienst Getretene infolge ber Schwierigkeiten, mit benen eine Prozeßführung in solcher Materie in Rumänien verbunben ist, halb gezwungen sieht, seine Stellung auszugeben. Unb bauen ist bann Notlage in der Regel bie nächste Folge, ba bie betreffenben Personen meistens nicht Mittel besitzen. Das nämliche gilt auch für bentsche Erzieherinnen, bie, wie beobachtet hat werben können, durch Wiener Vermittelungsbureaus in leichtfertiger Weise in unpassende Stellungen nach Rumänien verschickt werden. Es wirb daher hiermit aus die Gefahren, denen Personen ber in Rebe stehenden Art in Rumänien entgegengehen, warnend aufmerksam gemacht unb sie werben barauf hingewiesen, baß sie vorerst bei bem zustänbigen Kaiserlichen Konsulat über ben Dienstgeber Erkunbigung einziehen mögen. ** Wohltätigkeitsfest für die Hinterblie- benen der Afrikakämpfer. Dem Beispiele anderer deutscher Städte folgend, foll auch in Gießen ein Wo hl- tätigkeits fest, verbunden mit Basar, am 8. und 9. Juni int Neuen Saalbau zum Besten der Hinterbliebenen unserer im Kamps für Kaiser und Reich' in Südwestafrika gefallenen Helden stattfinden. Zur würdigen Vorbereitung der Veranstaltung waren auf Einladung eines aus den Sitzen der militärischen, staatlichen und städtischen Behörden, der Militärvereine und einigen anderen Herren bestehenden Komitees gestern nachmittag einige Damen und etwa 40—50 Herren aus allen Kreisen der Bevölkerung zu einer Besprechung tn Steins Garten versammelt, tn ber die Abhaltung des Festes allseitig fteudig begrüßt und ihm allgemeine Unterstützung und Förderung zugesagt wurde. Oberst v. Lindenau gab nach Begrüßung der Versammlung einen interessanten Ueberblick über die Verluste unserer braven Afrirakämpfer und verglich damtt die Verluste der preußischen Truppen, die 1864 gegen Dänemark kämpften. Erst durch eine derartige Vergleichung erhält man ein richtiges Bild von den Strapazen und dem Heldenmut, denen sich unsere freiwilligen Afrikakämpfer unterzogen, und erfährt damit zugleich, wie groß die Dankesschuld ist, die das deutsche Volk an die Hinterbliebenen der in der Ferne für das Vaterland Gestorbenen zu tilgen hat. In Südwestafrika betrug die Zahl der deutschen Streitkräfte rund 20 000 Mann. Hiervon fielen ober ft arbeit infolge der erlittenen Munden 75 Offiziere unb 714 Mann; verwundet wurden (ausschließlich der infolge Verwundung Gestorbenen) 91 Offiziere und 775 Mann; an Krankheiten gestorben sind 29 Offtziere und 769 Mann. Von den rund 61500 preußischen Kombattanten des Feldzuges von 1864 fielen ober starben infolge Verwundung- 37 Offiziere und 701 SRann, verwundet wurden 148 Offiziere und 1988 Mann, und an Krankhetten starben 310 Mann. Sonach betrug ber Gesamtverlust in Südwestafrika 2453 Köpfe oder 12,27 Pro z. der Kombattanten und im Feldzug gegen Dänemark 3184 Köpfe oder 5,18 Proz. der Gesamtstärke, lieber das in Aussicht genommene Fest wurde mitgeteilt, daß es Samstag, den 8. und Sonntag, den 9. Juni, jeweils nachmittags 4 Uhr beginnen soll. W wird aus Monstrekonzert unserer Regimentsmusik und der Veteranen-Kapelle bestehen, die teils zusammen, teils einzeln spielen werden, ferner aus turnerischen Aufführungen und Bajonettübungen von Angehörigen des Regiments Kaiser Wilhelm. Ein aus Soldaten gebildeter Chor von etwa 200 Sängern wird einfache Chöre, Volks- unb Soldatenlieder (teilweise mit Musikbegleitung) vortragen. Ein Theaterstück und ein Singspiel werden jich anreihen. Je 12 Damen und Herren aus oer Bürgerschaft sollen einen Reigen (Tanz) aufführen und ein von 8 Damen und Herren ausgeführtes Reiterfestspiel' wird wettere Abwechslung in das Programm bringen. Verkaufsbuden und Stände für Eafö, Konditoreien, Mein, Bier, Sekt, Zigarren, Zigaretten und Obst werden zum Besuche einladen, und fliegende Handle- rinnen und Händler werden Postkarten und Blumen feil* bieten. Für diesen Teil des Festes wird auf die Mitwirkung einer größeren Anzahl Damen und Herren gerechnet, an die noch eine besondere Aufforderung ergeben wird. Die Leitung des Festes liegt in den bewährten Händen des Stadtv. Jean Kirch und des Fabrikanten Kllngspor, für die Vorberettuug und Durchführung der einzelnen Ausführungen usw. wurden bereits einzelne Herren bestimmt. Der Ausschuß, dessen Leiter Oberst v. Lindenau ist, wird sich, nach Bedarf durch Zuwahl ergänzen. Bezüglich des Eintrittspreises wurde bestimmt, daß er am Sonntag bedeutend niedriger sein soll, wie am ersten Tag, um allen Kreisen der Bevölkerung Gelegenheit zu bieten, sich an dem Feste zu beteiligen. Hoffentlich gestattet das Wetter die ungehio- derte Abhaltung des Festes, damtt dem guten mit der Veranstaltung verfolgten Zweck ein recht großer Betrag zugeführt werden kann. ** Eine SonderauSstellung moderner Druck* schriften, Zierate und Mu st erdrücke der Firma Gebrüder K l i n g s p o r, Schriftgießerei und chenrigraphische Anstalt, Offenbach, wird in dem Oberlichtsaal des Gewerbe-Ätüseums in Darmstadt (Neckarstraße 3) in der Zett vom 14. bis 80. April L Js. veranstaltet. Die zum Teil im Original vorgesührten Entwrse zu den ausgestellten Schrillsten, Zieraten unb Landschaften rühren von einer Anzahl namhafter Künstler her. Sehr anheimelnd erscheinen die an die Biedermeierzeit erinnernden Zierate von H. Vogeler-Worpswede, sowie die in gleicher Ge- schmacksrichtung gehaltenen „Jahreszeiten" und „Monatsbilder" desselben Künstlers. In gleicher Linie hiermit sind zu nennen: Rhein- rc. Landschaften von I. V. Cissarz, „Stationen" und „Jahreszeiten" darstellende Zierleisten Robert Engels-München und Landschaften von Prof. Emil Doepler b. J.-Berttn. Bildnisse bekannter Persönlichkeiten fertigte Prof. H. Fechner-Berlin. Die von F. H. Ehmke und anderen in großer Zahl entworfenen „Gildezeichen" enthalten die charakteristischen Wahrzeichen einzelner gewerblicher Berufsarten in eigenartiger Zuiammen- ftellung. Geschmackvolle Schriften, teilwehe mit zugehörigen Zieraten, rühren her von Otto Eckmann, Peter Behrens, Otto Hupp- Schleißheim, H. König-Lüneburg und Ludwig Fuchs. Im weiteren umfaßt die Ausstellung Photographien, |otoi.e Netz- und Strichätzungen der chemigraphischen Anstatt ber Firma. Belehrend auch für Nichtfachleute ist ber Teil der Ausstellung, der den Werdegang bei der. Herstellung der Druckschriften, der Autotypien, Netzätzungen n.sw. veranschaulicht. Geradezu erzieherisch wirkt die Gegenüberstellung von Druchachen allerer Geschmacksrichtung und solchen in geschmackvoller, moderner Ausführung. — Um die Besichtigung zu erleichtern, wird das Geweroemusemn an Sonn- unb Werktagen von 11 bis 1 Uhr unb von 3 bis 5 Uhr, sowie Dienstags und Freitags abends von 7 bis 9 Uhr geöffnet. ** Das Grubenunglück in Reben hat, wie wn schon früher mittcillen, bie hessischen Knappen veranlaßt, bem Andreae. Heichelheim «t wurden 148 r nkheüen starben. bern sucht. * kleine Mitteilun gen aus Dessen und den Nachbarstaaten. Landwirt Joh. Georg Loh zu Rodenbach ist zum Bürg er meist er gewählt unb verpflichtet worden. — Kreisstraßenmeister Maringer m Grünberg beging am 12. April sein Lchähriges Dienstjubiläum. — Das Motiv zu der bedauerlichen Ausschreitung in Staufenberg am vorletzten Sonntag, ine em blühendes Menschenleben vernichtete, soll nicht Eifersucht, sondern Roheit gewesen sein. — Der Frankfurter Reichstags- unb Landtags-Abgeordnete Oes er ist an Brust- und Rippenfell- entzündung erkrankt und kann sich infolgedessen m der nächsten Zett an den parlamenrarrschen Arbetten nicht beteiligen. Die Zeichnung auf obige Teilschuldverschreibungen findet statt: am Freitag, den 19. April 1907, in Giessen bei der Filiale der Mitteldeutschen Creditbank zum Kurse von Zeichnung auf Nominal Mark 8,200,000 41/3% Teilschuldverschreibungen der „Siemens“ Elektrische Betriebe-Aktiengesellschaft rückzahlbar ä lOS0/, Mitteldeutsche Creditbank Filiale Giessen iOOVü Prozent nebst 4*/,% Zinsen vom 1. April 1907 bis zum Abnahmetag. Prospekte liegen an unserer Kasse zur gefL Einsicht auf. I weil ez. ' Mne j,;”1 «i 3®>rung । k: ilb QP J ln » Sä’* ÄS- WLl ..«bteta ^9 eines ayz ^.onberen Herren !neT^c?amen UÄ ber Bevölkerung “ L^euhig begchi 0*9 der -W über die Bei. verglich bomü 'ie 1864 gegen Däne, Wkge Bergleichuno Strapazen und der- ügen Afrikakänyfei ach, wie groß du >olk an die hintei) üerland Gestorbener. 9 die Zahl der btw Hiervon fielen ober en 75 Offiziere mt . Mßlich der infolx- ; re und 775 Man- jiere und 769 Maur ibattanten des fZeb infolge Verwunde drahtlose Telegrafie rc. m c O Lich, 16. April. Gleichzeitig mit Erbauung der Bahn nach ® r ünberfl will dle Behörde die F e l d b e r e i n ig u n g in den betreffenden Genearkungen einsühren. Während sich die Döder abwartend verhalten, beschlossen die hiesigen Landwrrte tue Einführung der Feldbereinigung. kä Lengfeld, 16. April. Mord und Selbstmordversuch hat der ca. 40 Jahre alte Stationsafiistent Lang hier heute früh begangen, als seine Frau in der Kirche weilte. Anscheinend in plötzlicher Geistesver- wirrung hat er mit einem scharfen Beil seine zwölfjährige Tochter (sein Lieblingskind) erschlagen und sich dann selbst mit dem Beil verschiedene Schläge an den Kopf bei- gebracht, auch versuchte er sich durch Oeffnen der Pulsadern zu tödten. DaS Kind lag noch schlafend im Bett, eß war nach der UnglÜckStat sofort tot. Wie man hört, war der Mann so aufgeregt, weil er infolge einer bedenklichen Krankheit auf Anraten des ArzteS sich einige Zeit nach einer Lungenheilanstalt begeben sollte. Man hofft, ihn am Leben zu erhalten. «= Offenbach a. M., 16.April. Dem nach 24jahriger Tätigkeit aus dem Amte geschiedenen Oberbürgermeister Brink brachten gestern abend die bürgerlichen Vereine und Korporationen einen imposanten Fackelzug. An dem Fackelzug nahmen über 80 Korporationen unb Vereine, 5 Musikkapellen und etwa 2500 Mann teil. Der Hinmarsch erfolgte durch die Biederer-, Frankfurter- unb östliche Seite der Kaiserstraße; hier zog ber Zug an dem Hause bes Oberbürgermeisters vorbei unb nahm auf dem Platz vor dem Hause unb in der Kcnserstraße Aufstellung. Die Serenade eröffnete die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr mit Beethovens »Die Himmel rühmend Die vereinigten Sänger trugen dann unter Mitwirkung der Kapelle des Infanterie- Regiments ,D Schutzgeist alles Schönen" vor. Hierauf folgte die Ansprache und anschließend die beiden Volkslieder .Wie könnt ich dein vergessen" unb „Ich hört ein Vöglein pfeifen". Ein Vortrag bes Katholischen MusikvereinS „Viktoria" leitete dann zum Schlußgesang, dem „Dankgebei" in der Bearbeitung von Kremser über. Auch hier hatte die 168er Kapelle die Orchesterbegleitung übernommen. Für die ihm gewordene Ehrung dankte Herr Brink in einer längeren Ansprache. s. Aus dem Kreise Wetzlar, 16. April. In der gestern dem Abgeordnetenhause zugegangenen Sekundärbahnvorlage wird für die durch das Solmsbachtal (Wetz- lar-Albshausen-Gravenwiesbach) projektierte Bahn ein Betrag von 6 300 000 Mk. angefordert. — Auch bezüglich einer Verbindung nach Norden zwischen Lahnbahn mit der Gießen-Deutzer Strecke schweben Verhandlungen. Es ist nämlich der Ausbau einer Bahn von Stockhausen-Biskirchen über Bellstein-Driedorf nach Haiger gevlant. Diese Verbindung würde in erster Linie unserm Ulmbachtale mit seinen reichen Eisen-, Tongruben und Basaltlagern zugute kommen. Viele dieser unterirdischen Schätze konnten nicht verwendet werden, weil der hoch- preisige Achsentransport die Rentabilität fraglich macht. In Haiger tagte dieserhalb ein Komitee, das dieses Projekt zu för- Die Zustände in der Edclschen Privat-Irreuanftalt. -i- Berlin, 16. April. Vor einigen Jahren haben längere Prozeßverhandlungen, in denen schreckliche Zustände in privaten Irrenanstalten enthüllt wurden, die Leisentlichkeit in gerechte Entrüstung versetzt. Nattir- lich war die erste Forderung die, daß bie sorgfältigsten gesetzlichen und polizeilichen Vorkehrungen getroffen werden müßten. An beruhigenden amtlichen Erklärrmgen hat es nicht gefehlt, es sind auch die Ueberwachungsvorschristen verschärft worden. Was trotz der Ueberwachüng geschehen kann, zeigte gleich der heutige erste Tag der gestern angekündigten Schwurgerichtsverhandlung. Der eine angellagte Pfleger war noch bis vor drei Jahren — Schmiedegeselle ! Er mußte heute zugeben, daß er einen angeblich widersetz- ichen gemütskranken Arbeiter wiederholt mißhandelt hatte und selbst im Lazarett nochmals auf den Patienten losging. „Ich war nervös", sagt der Angeklagte zu seiner Entschuldigung, obwohl er, wie der Präsident feststellte, tags zuvor keinen Dienst gehabt hatte. Das Aussehen erregendste aber bekundete der zweite Be- ichuldigte, ein Oberpfleger, der dem geschlagenen Kranken „zur Beruhigung" Chloral eingab. Der Lber- psleger erklärte, daß Ehloral, Opium unb andere Betäubungsmittel ohne ärztliche Amveisung nach Belieben aufgeregten Patienten eingegeben wurden. In der Regel sei den Aerzten von der Anwendung solcher Mittel auch nachträglich nichts gemeldet LuM Lie W g;, SÄ' »TO» s101 . „ii - Mriginal-Vraynnelorrnsen. Köln, 17. April. Ein L.p,er gelohnter oujuio wurde ein hiesiger sehr bemittelter Fabrikant. Der Mann hatte vor langen Jahren erhebliche Vorstrafen erlitten, dann aber mit Httse eines Bekannten eine Maschinen-Werkstätte errichtet und geheiratet. Wegen eines unbedeutenden Vergehens gegen das Krankenkassengesetz wurde er vor Gericht gestellt. Hier verlas der Vorsitzende seine sämtliu) en Vorstrafen. Der Angeklagte verließ, von Scham erfüllt, den Gerichtssaal und irrte zwei Jahre in der Wxlt umher, bis er schließlich aufgegriffen und wegen Betruges abermals zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt wurde. Königsberg i. Pr., 17. April. Staatssekretär v. Stengel hat der Königsb. tzartungschen Ztg. zufolge einem Besucher, der ihn fragte, ob die Nachricht über seinen baldigen Rücktritt irgendwie begründet sei, erwidert: ,,Mir ist nicht bekannt, daß an maßgebender Stelle mem Rücktritt gewünscht würde. Sollte aber ein derartiger Wunsch laut roerbat, so trete ich jeden Augenblick gern zurück. Sie glauben wohl, es ist angenehm, im Reichstage immerfort neue Steuern zu verlangen?" Rom, 17. April. Der Anarchist Sencbctti au5‘Sto vvrno hat den revolutionären Führer Lilla ermordet. Er erschoß ihn vor einem Kaffeehause und mischte sich dann unter die vorübergehenden Passanten. Ein Polizeikommissar hatte js- doch die Tat gemertt und nahm die Verhaftung des Mörders vvr. Saloniki, 17. April. Ho chwaf ser richtet in ganz Makedonien enormen Schaden an. Der Eisenbahnverkehr ftodti auf den meisten Linien. In Ueskueb steht das Armeuoierte^ unter Wasser. Die Obdachlosen mußten in Eisenbahnwagen unten gebracht werden. In Kvpruelu und Gewgeli sind infolge lieben schwemmnng mehrere Häuser eingestürzt und eine Anzahl Menschen unb Vieh ums Leben gekommen. Die Ortschaft Karasuli steht unter Wasser. Die Zufuhr von Lebens-, mitteln nach Saloniki gestaltet sich äußerst schwierig. Dia Lebensmittelpreise steigen ganz bedeutend in bu Höhe. Da ber Verkehr mit Serbien unterbrochen ist, wird die Post 'über Eonstanza geleitet. Oeffeutliche Beleidigung. Wegen unrichtiger Auffassung der Begri.-ff5 ber Oeffentlichkeithat das O b er l a n d e s g er i ck t ein ötraH kammerurteil aufgehoben und zur nochmaligen Verhandlung unb Entscheidung an die Borinstanz zurückoerwiesen. Ein Bewohner von Hungen hatte seinen im nämlichen^Hofe wohnenden Nack- bar „Tagdieb" geschimpft, wofür er vom Schöffengericht mit einer Geldstrafe belegt wurde. Semem Ansinnen, ihm die Publllations- besugnis zuzusprechen, wurde nicht Folge geleistet, weshalb er Berufung erhob, mit der Behauptung, die Beleidigung sei öffentlich erfolgt, was aus der Laae der in Betracht kommenden Lokalitäten hervorgehe unb die Beleidigung von einer unbestimmten Personenmehrheit, nämlich allen Personen, die sich damals in dem betreffenden Hofraum und in den angrenzenden Wohnhäusern aufgehalten hätten, habe wahrgenommen werden können. Die Strafkammer pflichtete aber diesen Ausführungen nicht bei unb entschied, daß eine Beleidigung nur dann öffentlich sei, wenn sie von einem größeren, durch persönliche Beziehungen nicht zusammengehaltenen Kreise von Personen wahrgenommen werden konnte. Tie Bewohner von Wohnhäusern, die einen Hofraum umschließen, sind aber, ebenso wie die Bewohner der einzelnen Wohnhäuser, als ein durch solche persönliche Beziehungen zu- sammengehaltener Personenkreis anzusehen; ihre Zahl ist be, stimmbar unb bestimmt. Zufällige Anwesenheiten sind dabei als belanglos nicht zu berücksichtigen. Auch sei der Tatort nicht jedermann zugänglich; wieoiele Personen die Beleidigung gehört hoben, sei gleichgültig. Das Oberlandesgericht wies daraus hin, daß eine Aeußerung auch dann öffentlich sein kann, wenn sie innerhalb eines bestimmten Personenkreises getan wird, wenn die mehreren Personen, welche die Aeußerung gehört haben, oder hätten hören können, dem Täter so fern stehen, daß sie mit ihm keinen engeren in sich verbundenen unb bestimmt abgeschlossen anzusehenden Kreis von Personen bilden. Auch sei zu unrecht angenommen worden, daß der Durchgang im Privateigentum stehend, nicht ohne Erlaubnis der Eigentümer benutzt werden darf. Es komme darauf an, wieviel der Durchgang benutzt wird und wieviele Passanten die Aeußerung hätten hören können. Nachdem vor der Verhandlung an Ort und Stelle richterlicher Augenschein stattgefunden hatte, entschied die Strafkammer im Sinne des Ober- landesaerichts und sprach dem Kläger die Befugnis zu, das Urteil in der Hungener Landvost zu veröffentlichen. schönen Gefühl ber Zusammengehörigkeit aller Bergleute durch Veranstaltung einer Sammlung für die Hinterbliebenen ihrer auf Reden verunglückten Kameraden Ausdruck zu verleihen. 650 Mark konnten bereits als Ergebnis dieser Sammlung durch Vermittelung ber Bergbehörbe nach Saarbrücken über- wiesin werden. Inzwischen sind wettere 66 40 Mark von Beamten und Bergleuten de§ Gießener Braunstein- bergwerkS und 50 Mark von Beamten und Bergleuten der Gewerkschaft Elisenburg in Hungen gesammelt und gleichfalls durch Vermittelung ber Bergbehörde nach Saar- brücken abgeführt worden, lieber die genannten Betrage wirb hiermit öffentlich quittiert. . ** Landeslehrerverein. Eine BezirkSmanner- Versammlung, die sich mit der bevorstehenden Ob- mannSwahl beschäftigen soll, findet auf Einladung deS BezirkSvereins Lampertheim am nächsten Sonntag nachmittag in Frankfurt a. M. statt. - ©in wissenschaftlicher FortbildungS- xursus für Volksschullehrer an der Landesumver- sität soll auf Veranlaffung deS Gießener LehreroereinS auch in diesem Jahr im Mai und Juni wieder stattflnden. Es lesen Profeffor Dr. Kinkel über „Ethik" und Privatdozent Dr. Schmidt über „Physik, Röntgenstrahlen, Radioaktivität, STZeltdeckeneSandheimer SStrapp OlUJlC ^rantrurt aJÖLlhv*/, ro°rtXf den Fortgang dieses Prozesses wird sich die Aufinerk- samkett der Oeffentlichkell zu richten haben. Kurz vor Schluß der Redaktion erhielten wir folgende Nach- ^Der Prozeß gegen die der Mißhandlung von Geisteskranken mit tödlichem Ausgange angeklagten Pfleger Robert Fietz und Paul von Malotka nahm einen überraschenden Ausgang. Die Geschworenen bejahten bezüglich des Ersteren die Schuldfrage nach einfacher Körperverletzung und verneinten sonst alle übrigen Fragen. Da gegen Fietz wegen einfacher Körper- Verletzung kein Strafantrag gestellt war, so mußte das Versa h r e n gegen ihn eingestellt werden. Gegen v. Malotka wurde dem Anträge des Staatsanwalts gemäß auf Frer- svrechung ertonnt. Arbeiterbewegrrng. Paris, 16. April. Der Ausstand der Bäcker flaut ab. Heute zählte man nur 451 Ausständige. Gestern und heule nach! sind 18 Ausständige wegen Behinderung der Freiheit der Arbeit sestgenommen worden. Ausständige Bäcker haben heute Rachniit- lag durch das Kellerloch einer Bäckerei auf am Backofen Arbeilende Bi triol geschleudert, wodurch ein Arbeiter verletzt worden ist. lust in Süöwesi-si >mbattanten iti im ober 5,18 Pvz. toi * t genommene Fch !N 8. und t heg 'm i'olb & kegüM/Musik un M Mscumuen, tei- Menschen AuM porigen des ftp ten gebildeter M Chöre, W iB Leitung) Mtryen. xben sich m* ^erschast Meinen tarnen unb i AbwechslMtoto- nd Stande pir W :ren, ZigaieM tf nd fliegende W en und Amnen> wird auf die nen und Herren Aufforderung erg^ )en bewährten HM ikanten ÄingM l- bei einzelnen W Herren beituMd^ indenau Ä gt&mmagto* H um to: - Set«: bie b® 0»'tt. SW KS-S sAssr GM Lsanvel. Neue Obligation en der ^Siemens" Elektrische Betriebe Akt. Ges. Berlin. Wie aus dem Jnseraterneil ersichtlich, wurden 1 200 000 Alk. 4l/,°/0 zu 1U3°/O rückzahlbare Obligationen der Siemens Elektr. Betriebe Akt. Ges. Berlin bei ber hiesigen Filiale der Aiitteldeutschen Kreditbank am 19. d. MtS. zur öffentlichen Zeichnung gebracht. Der Zeichnungspreis beträgt 1001/,. Märtte. le. Frankfurt a. Dl., 17. April. lOrig.-Telegr. befl „Gieß. Anz.") Biehmarkt. Zum Verkaufe standen 00 Kälber, 00 Schafe il Hämmel, 1734 Schweine, 0 Ziegen. Schweine: 1. CuaL 57—58 Lebendaewlcht 45.00-00 Pf., 2. Qual. 55—56 Pi., Lebendgewicht 43 00—44 Pfg., 3. Qual. 50—52 Pfg. Kälber 1. Qual. 00-00 Pf., Lebendgewicht 00—00 Pig., 2. Qual. 00—00 Pfg., Lebendgewicht 00-00 Pfg., Schlachtgewicht 00-00 Pfg. Schafe 1. Qualität 00-00 Pfg., 2. Qualität 00-00 Pfg. Geschäft bei Schwemen: gut, Ueberstand unbedeutend. ____________________ Wietzener Wetterd teuft. «orauösichtliche Bsitterung für Hetzen am Donnerstag den 18. April: Meist trüb. Leichte Regenfalle. Kühl. Ataßige närb- Uche Winde. --- ♦ Erdbeben in Mexito. Aus Rewyork wird gemeldet, daß zwei mexikanische Städte, Chilpancingo und C h i l a p a, durch ein heftiges Erdbeben vernichtet wurden. Von beiden Städten bHeben nur Trümmerhaufen übrig. Bisher wurde sestgestellt, daß elf Personen getötet und 27 verletzt wurden, man befürchtet aber, daß noch viele Personen unter den zerstörten Häusern liegen. Unter ber ganzen Bevölkerung herrschte wilde Panik. Alle flüchteten nach dem flachen Lande. Während ber Flucht spielten sich Szenen wilder Brutalttät ab. Männer schlugen, bei ihren verzweifelten Versuchen schneller vorwärts zu kommen, aufeinander los. Tas Erdbeben wurde in allen Teilen dRexikos verspürt. Auch die Hauptstadt Mexiko wurde derartig erschüttert, daß die Einwohner aus den Betten sprangen und auf die umliegenden Felder flüchteten. Die Mauern der Häuser krachten und große Risse zeigten sich in den gepflasterten Straßen. In anderen mexikanischen Städten ereigneten sich aus demselben G-runde ähnliche Panikszenen. Seit einem Vierteljal)rhundert wurde dort kein Erdbeben von ähnlicher Stärke verspürt. — Nach anderen Meldungen sollen in Chilpancingo unb Chilapa wenigstens 500 Personen durch das Erdbeben getötet worden sein. Die Erdstöße dauern fort, und in den betroffenen Städten und Dörfern herrscht großer Mangel. Gietzcner Strafkammer. ff Gießen, 16. April. Der Alkohol. Die Bahnarbeiter L. B. von Allendorf a. d. Lahn, H. H. und L. M. von Dutenhofen, sowie K. M. von H ö r n s - h e i m betraten im verflossenen Winter in angetrunkenem Zustande nachts nach 12 Uhr eine Wirtschast hinter beut hiesigen Bahnhof. Um Streit zu vermeiden, verabfolgte ihnen die Wirtin noch ein Glas Bier. Als sie weiter Getränke verlangten, wurden sie ausgefordert, sich zu entfernen. Statt der Aufforderung nachzukommen, sprang B. auf und schlug der Frau mehrnials ins Gesicht; diese wehrte sich so gut sie tonnte nut einem Stuhl, den ihr aber B. entriß und damit auf sie einschlug. Nuri eilte die Frau hinaus um Hilfe zu rufen und schloß die Türe von außen ab. B. sprang ihr zum Fenster hinaus nach, warf sie zu Boden und mißhaiidelte sie durch Fußtritte und Faustschläge, sodaß die Frau am ganzen Körper blutunterlaufene Stellen und Schwellungen davontrug. Erst auf das Herbeieilen eines Rangierers ließ B. von fernem Opfer ab und ergriff die Flucht. Das Schöffengericht verurteilte B. wegen Hausfriedensbruch und K ö r p e r l e tz u n g zu 4 Ai o n a t e n G e f ä n g n i s. H. H. und L. M. erhielten wegen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruch je3WochenGefängiiis, während K. M. mit 2 Wochen davon kam. Letzterer beruhigte sich bei der Strafe, die übrigen dagegen erhoben Berufung zivecks Freisprechung bezw. Herabsetzung der Strafe. Das Berufungsgericht hielt angesichts des brutalen Vorgehens des B. die Straie für angemessen, dagegen setzte es die des H. unb M. auf je 2 Wochen herab. LS Versammlung des DKieter*Vereins LosuerMg, hn 18. April, aSe»Ss 8* 1/, Uhr, im Leszsches KlsellkeSer Tagesordnung: Die von den Stadtverordneten Veschloffene Kanalabgabe. 2718 Wir laden unsere Mitglieder und Mieter, die e§ werden wollen, hierzu freundlichst ein. 3n uevinivten 6 Zimmer Durchaus neu hergerichtete L-Äimme r w ob uuu g mit allem Zubehör p. L Ltat ob. fpäter zu vermieten. 2619] Bismarckstraße 10. Elegante [1959 6-Zimmerwohnung zu vermieten. Goetbestraße 35. Attcestratze 2 ist die 1. Etage, mit Hentralheiz. rc versehen, per 1. Juli zu vermieten. Näheres parterre.________[2666 [ ö Zimmer | ’uiiuiiuiueiuuüUHUiin, u Ztumrer und Zubehör, wegen Wegzug bald ober für 1. Juli zu vermieten. 2706] Grünberger Straße 3 Schöne 5-Zimmerw., L Stock, zu verm. Ebelstraße 23, I. [2708 Asterweg 45 vart., 5-Ziuuner- wohnung, Gas, Anschi, für Bab unb ßroßem Bleichplatz zu verm. 2725] Näheres Eoerstr. 6. 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