Mittwoch, 6 März 1907 157. Jahrgang Nr. 55 ÄtzÜrg, Erscheint ISgNch mit Ausnahme des Sonntags. Er hätte »en, der zur Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Rotationsdruck und Verlag der Brükl'ichen UnwersualS - Buch- und Sremdruckereu R. Lange, Gießen. Di« „Siebener ZamisienblStter" werden dem ain^Tflcr* viermal wöchentlich beigelegt, das .'xreisblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchemlich. Der „hessische Landwirt"' erscheint monatlich einmal. und Beifall rechts.) Abg. Erzberger (Zentr.): Ter Abg. Tr. Paasche hat dem Zentrum heute eine Stand- redc gehalten. Ter Haupivorwurf war, daß wir die Regicrungs- dorlage nicht mit dreimaligem Hurra begrüßen. Aber die' Na- tionallibcralcu haben Anfang der neunziger Jahre die Panzer- kreuzervor'.-men auch nicht so begeistert ausgenommen. UebrigcnS Redaktion, Exvedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expeditton und Verlag: 5L Redaktion: e-K 113. Tell-Adru AnzeigerGreßen. daran nicht gedacht worden ist. Wir wollen nach tote vor Weiterarbeiten auf den Gebieten der Soziale, der WirtsLaftZ-, der Kolonialpolftik; und wenn das Zentrum in nationalen Fragen seine Hilfe versagen sollte, so haben toir, die nationale Mehrheit, die doppelte Pflicht, die kleinen Gegensätze zu vergessen und gemeinsam zusammenzuhalten, damit die nationalen Aufgaben auch trotz des Zentrums durchgeführt werden tönneu. (Lebhafter Beifall.) Der Abg. v. Hertling hat nicht mit Unrecht gesagt: Es ist gewiß nicht staatsmännisch toeitschauend, daß man den Gegensatz zwischen Evangelischen und Katholischen vertieft hat. Er hätte diesen Vorwurf der Regierung nicht machen sollen; er weiß, daß 6,111 ES** )UtottÄu M Deutscher Reichstag. 10. Sitzung vom 5. März. 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: Frhr. v. S t e n g e l , Dern- burg, Graf Posadowsky u. a. Tie erste Lesung des Etats und des E r g ä n z u n g s - etats wird fortgesetzt. Jrt" Abg. Dr. Paasche (nl.): Ich halte mich für vervflichtet und bin von meiner Frccktion beauftragt, zu der gestrigen Rede deS Abg. v. yerthng etniße Worte zu sagen. Iw bedauere, daß Herr v. Hcttltng erst alr, letzter Redner 'einer Fraktion zu Worte gekommen qt. Hatte er allem rm Namen des Zentrums gesprochen, so hatte das Zentrum m meiern Kampfe sehr viel besser crbgeschnittcn. («ehr richtigI) —enn vieles von dem, was er in seiner ruhig-vornehmen Weise hter vor- gctragen hat, könnten auch tch und meine freunde mit unterschreiben. Gleichwohl müssen wir die Prämissen.bekämpfen, von denen er in seiner Beweisführung ausgmg. — Wenn tch vorhin bedauerte, daß der Abg. v. Hertling nicht als einziger Redner seiner Fraktion aufgetreten ist, so erinnere ich daran, das; aus ihm noch die Hoffnung basierte, daß eventuell noch im Zentrum eme nationale Strömung Platz greifen könne. Seme Stimme M aber nicht gehört worden, sondern man hat mit Hilfe der «oztaldemo-- kratie Front gegen den Liberalismus gemacht. Wenn der Abg. h. Hertling dann sagte, wir Nationalliberalen hätten unter von Bennigsen ebenfalls eine Nebenregierung angestrebt, so weise ich ^loß darauf hin, daß Herr v. Bennigsen niemals danach gestrebt tat, in ein hohes Staatsamt einzutreten. (Sehr richtig! bei den Nationalliberalen.) Und wenn gar gesagt worden ist, die natto- -toHiherale Fraktion hätte beansprucht, daß ihr die Gesetzesvorlagen bereits vorher vorgelegt würden, so sind das Behauptungen, für die wohl schwerlich der Beweis erbracht werden kann. Tay ter Wunsch geäußert worden ift, gebe ich zu, aber ist das nicht bei isder Partei heute ebenso? Der Vorwurf fällt also tn sich selbst jammen. .... Herr v. Hertling meinte, das Zentrum sei sa immer tn einer »relärcn Lage geweien, weil <*v immer eine Minderheitspartei war. ui dieser Lage habe es immer auf andere Rücksicht nehmen, habe es die mittlere Linie in der Wirtschaftspolitik halten müssen, und Zuweilen auch nur mit Hilfe der äußersten Linken fernen Willen durchsetzen können. Prekäre Lage! Das klingt so schön und unschuldig, als ob das Zentrum niemals eine Machtstellung gehabt hätte. Nun, von anderen Seiten ist oft genug das Gegenteil behauptet worden, und auch aus Ihren Reihen selber. Ich erinnere nur daran, daß Herr Dr. Bachem einmal triumphierend in Elberfeld gesagt hat: „Wit haben ein Ansehen und eine Machtstellung, wie sie selten nher niemals eine Partei gehabt hat. Und wie wird's erst nach nung auftrat, es könnte im Zentrum doch auch eine nationale R'ck- tung plahoreiien, da haben Sie den letzten Redner vorgeschickt, der in feiner feinen Art erklärt hat: Nein, auch daraus ist leine Hoffnung, die oppositionelle Richtung wird weiter herrschen! Nun, wir werden die Lehre auch daraus ziehen. (Zuruf im Zentrum: „Fürchten toir nicht!") Wir auch nicht. Denn der andere Teil der Wahlparole ist um so bester gelungen. Ter Kamps gegen die Sozialdemoftatte bat sich bewährt — ftotz der Dahlh'.lse des Zentrums Tie Furcht vor dem roten Gesvenst wird bei allen und verständigen und denkenden Politikern mit der Zeit ganz und gar verschwinden! (Zustimmung bei den Natl.) Nun meinte der Abg. Hertling, der Reichskanzler habe den Reichstag aufgelost, weil er gesehen habe, er brauche das Zentrum nicht mehr, nachdem die wirtschaftlichen Fraaen beigelegt seien. O, nem cs ist der Truck gewesen, den die Nebenregierung des Zentrums allmählich au-- gcübt hatte, und welcher der großen Maste bc5 deutschen Volkes immer unerträglicher geworden war. Tie Beschlüsse vom 13. Dezember sind n-cht bloß der äußere Anlaß, sondern auch der innere Grund für die Auflösung gewesen. Wenn der Abg. v. Hertling dann sich beschwert, daß über den Zentrumsanftog ja gar nicht ab- gestimmt worden sei, so ist doch jedem klar, daß dasselbe negative Resultat herausgekommen wäre. Ter Regierung ist es jedenfalls nicht genug zu danken, daß sie damals mannhaft jeden Kuhhandel abgelehnt hat. (Bravo! b. d. Natl.) Ter Abg. von Hertling faßt auch die Frage der Nebenregie- rung sehr harmlos auf, indem er sagt: was gehen mich die beiden sichalterneii Beamten an? Ja, der Kern der Sache ist doch ein aanz anderer: die ausschlaagebende Stellung des Zentrums wurde da-u benutzt, in die adminisftative Gewalt der Regierung, in Dis- ziplmarfragen. in schwebende Gerichtsverfahren einzugreifen. (Sehr richtig! b. d. Natl.) Und wenn Herr Noeren und Herr Erzberger auf eioenc Faust gehandelt hatten, warum ist dann kein Wort der Mißbilliguna aus den Reihen des Zenftums gekommen? Im Gegenteil. Monn für Mann haben Sie diese Mitglieder gedeckt. Natürlich bat auch Herr v. Hertling den „Kulturkampf" herangezopen. Da möchte ich meine politischen Freunde doch aufs entschiedenste dagegen verwahren, daß toir einen solchen gewollt hätten. Notizen in irgend einem Blättchen sind keine Beweise, sondern die Kundgebungen der Partei ober der Parteiführer. Tort werden Sie aber nirgends eine Spur davon finden. Der Kulturkampf wurde zuerst am 13. Dezember an die Wand gemalt von dem Abg. Ledcbour. Und dieser Partei haben Sie Wahlbilfe geleistet! Den Vorwurf weisen toir also weit von uns zurück. Am Gegenteil verlangen wir Freiheft der Relioionsübung in allen Konfessionen. Weil aber Sie selbst den Kulturkampf an die Wand malen wollten, deshalb haben Sie uns derartige Vorwürfe gemacht. /Zuruf bei den Nattonalliberalen: Das zieht!) Ja, das zieht leider bei der katholischen Bevölkerung viel zu sehr, weil Sie diese ganz anders im Zug haben durch Ihre geistliche Drga- nisatton, als das jemals bei der evangelischen Bevölkerung der Fall ist. In Kreuznach sind die katholischen Versammlungen mft dem Ruf: „Nieder mit dem Protestantismus, nieder mit dem Liberalismus!" geschlossen worden! Wer von uns hat gerufen: „Nieder mit dem Katholizismus!" (Zuruf: Bei mir ist's geschehen; da hieß es: „Nieder mit den Schwarzen und Roten und den Christlich-Sozialen!") — Ja, „nieder mit den Schwarzen und Roten!" Tas mißbillige ich nicht. Aber nicht: „Nieder mit dem Katholizismus!" Es ist von einem Boykott in Duisburg erzählt worden. In meinem Wahlkreis haben die katholischen Pfarrer von der Kanzel erklärt: ..Kauft nicht bei evangelischen Kaufleuten, laßt nicht bei evangelischen Handwerkern arbeiten!" «'Hört, hört! bei den Nationalliberalen und Unruhe ftn Zentrum.) >8° Bille. SsS «ZU- Beu. mau verr, sassÄ ÄÄ'S una- L-elblge üZ yjWW Lch? auf einen unt 01241 -et erbeten. Abg. von Kröcher (kons.): Der Abg. Tavid hat gestern mir und einigen meiner politischen Freunde die Absicht zugesprochen, daß wir das Reichstagswahlrecht abschaffen wollten. Tas ist ein Irrtum. Ich habe Zwar sehr oft das Reichstagswahlrecht scharf kritisiert, ich habe nament- ' ließ gesagt, daß ich das geheime Wahlrecht für verderblich für unser Vaterland halte (Hört, hört!) — ja, für verderblich, wenn es jeden berechtigten Einfluß lahmlegt. (Höhnische Zurufe bei den Soz.: „Berechtigte" Einflüsiel?) Na ja, nut Ausnahme der Sozialdemokraten werden Sie mir wohl zugeben, daß es berechtigte Einflüsse gibt. (Widerspruch im Zentrum und bei den Freis.) Ich will nur einen nennen: das ist der Einfluß des Vaters auf seinen 25jährigen Sohn. (Heiterkeit und Widerspruch.) Also weil es jeden berechtigten Einfluß lahmlegt, dagegen jedem unberechtigten Tür und Tor öffnet. Aber in jeder Versammlung, wo ich dies ausführte, sagte ich auch: ich stelle gleichzeitig fest, daß ich nicht ausspreche, daß ich das allgemeine, geheime und direkte Wahlrecht abschaffen will. Was ich darüber denke, ist meine Sache. (Stürm' Heiterkeit.) Ich habe ja auch im Reichstag den Sozialdemokraten gegenüber schon einmal erklärt: „Für so naiv müssen Sie mich nicht halten, daß ich Ihnen noch die Mittel angebe, mit denen ich Sie bekämpfen will." (Heiterkeit.) Was nun meine politischen Freunde anlangt, so weiß ich, daß ein konservatives Mitglied des Herrenhauses für die Abschaffung des Reichstagswahlrechts ernt ritt. Ich mißbillige das (Hort, hört!), weil ich es taktisch für falsch halte, einen Wunsch auszusprechen, der zur Zeit nicht erfüllt werden kann. (Stürmische Heiterkeit.) Aber ich muß doch auch sagen, wenn Sic uns vorwerfen, daß wir das Reichstagwahlrecht antasten, ist es nicht genau dasselbe, wenn die Herren das mecklenburgische, daS sächsische, das preußische Wahlrecht abschaffen wollen? Da gilt dock) wirklich das öfter .ingezogene Gleichnis vom Splitter und Balten, nur daß der Splitter hier ganz besonders klein und der Balken ganz besonders groß ist, weil das, was Sie uns imputieren, unt:chtig ist. Damit bin ich mit meiner kurzen Bemerkung fertig. ^Heiterkeit wefteren 25 Jahren sein?" Da? eine Wort genügt wohl, um Ihnen zu zeigen, datz eie Selber sich dieser Machtstellung vollauf bewußt gewescn«sind. Und "rie Tatsache, daß Sie jederzeit imstcnde waren, mit der Sozialdemokratie zusammen der Regierung oft Ihren Willen aufzudrücken, bat Ihnen ja. wie Sie wissen, diese Machtstellung gegeben. Herr von Hertling har sich sehr darüber aufgeregt, als der Reichskanzler von dem Bündnis zwilchen Schwarzen und Roten ;eswwchen hat. Das habe ihn verletzt. Er hat mit Recht darauf ; - ’iri’fen, daß die Gegensätze zwischen Zenirum und Sozialdemokratie ja so tiefgreifend sind, daß ein wirkliches Bündnis nie« als möglich ist. Ja, das hat niemand geleugnet Aber Ihre Machtstellung beruht ja nicht auf einem ausgesprochenen Bündnis, sondern darauf, daß Sie jederzeit diese Bundesgenoffen oder Hilfsrruppen zur Verfügung hatten, wenn es galt, der Regierung Schwierigkeiten zu machen. Nun fragt Herr von Hertling: „Ja, aaS haben wir denn erreicht? Man toirft uns Kuhhandel vor. Zeigen Sie mir doch das, was toir erreicht haben!" Ich glaube, e§ ist nicht nötig, daß ich Ihnen die Kühe hier einzeln vorführeI -'Heiterkeit. Zurufe im Zenftum: Bitte!) Na, wenn Sie's Nollen, will ich Ihnen auseinandersetzen, wie cs in der Gesetz- gebungsmaschinc der letzten Jahre noch immer und immer wieder gewesen ist. Wenn irgend eine nationale Frage an das Haus tarn, bat da das Zentrum ein einziges Mal einen Redner vor- gesckicki, der gesagt hätte: Wir erkennen die Berechtigung dieser ,Forderung durchaus an?! Stets hieß es: Für diese Vorlage sind wir nicht zu haben, daS Zentrum wird niemals bereit sein, derartige neue Opfer und Lasten zu tragen! (Zurufe bei den Soz.) Genau so ist es in der Budgetkommission gegangen. Manchmal haben toir die Bemerkung gehört: Wir wollen es noch eine Weile auf die lange Bank schieben. Wie oft schloß die zweite Lesung mir einem Vacuum ab! Ju dritter Lesung wurde das Gesetz dann nach den Anträgen des Zentrums angenommen, weil Konservative und Narionalliberale sich sagen mußten: Lieber etwas, als garnichtS. (Zuruf aus der Mitte: Jetzt kommen die Kühe!) .'Heiterkeit.) Ja, meine Herren, das Bewußtsein, daß Sie die einflußreichste Partei sind, das Sie so oft ausgenutzt haben, ist für Sie ganz gewiß eine recht fette Kuh gewesen. (Lebhafter Widerspruch in der Mitte: Zuruf: Beweis!) Ich appelliere an die Anwesenden, ob Sie von diesen Ihren Machtmitteln nicht ausreichend Gebrauch gemacht haben. Das Bei- spiel vorhin war typisch. So war es immer. Und wenn jetzt das deutsche Volk aufgeatmet hat, daß der Druck des Zentrums von uns genommen ist, glauben Sie, daß das eine künstliche Mache war? Eine wahre Begeisterung kam in den evangelischen Gemeinden uns entgegen, wenn man hörte: Endlich hat man Männer gefunden, die die Eiterbeule aufgestochen und gegen die Machtpolitik des Zentrums sich eingesetzt haben. (Beifall bei den Natl.) Was war unser Wahlschlachtruf? „Los vom Zentrum und gegen die Sozialdemoftatie!" Tas war unsere offizielle Parole, daran kann irgend ein Wurstblättchen nichts ändern. Sie lehnen ja das Bündnis ab. Herr v. Hertling sagte, cs hätte ihm wehe getan. Aber seine Stimme ist ja bei den Stichwahlen nicht gehört worden. Uns hat man den Vorwurf gemacht, daß wir in einzelnen Kreisen der Sozialdemokratie zu einem Mandat verhalfen hätten. Aber Herr Sclzaedftr sagte ja neulich: „Wir müßten gonessttäslich dumm sein, loenn wir daS Messer uns selbst an die Kehle setzeir, wenn wir Die Hilfe der Parteien nicht nehmen wollten!" Tic Parole „Los vom Zentrum und gegen die Sozialdemokratie!" hat durchaus gesiegt. Vom Zentrum sind wir losgekommen, und ich glaube: recht gründlich. Und wenn die Kluft zwischen dem Zentrum und den MehrheilSpacteien immer vertieft worden ist, so liegt das nicht an uns, sondern an dem groben Geschütz, das erst Herr Spahn, Dann Herr Grober und dann noch eine gröbere Nummer (Heiterkeit) aufgcfahrcn haben. Und als hier die Mei hat auch das Zenftum bei einer ganzen Reihe von Vorlagen sich sofort bereit erklärt, sich auf ihren Boden zu stellen. Herr Paaschc warf uns dann weiter vor, dStz toir unsere Machtstellung miß« brauchten. Sollen wir das Gewicht unserer 100 Stimmen etwa nicht in die Dagschale werfen? Die Nationalliberalen haben, als sie noch 150 Mandate hatten, ihren Einfluß in ganz anderer Weise ausgenutzt. So viel über Herrn Tr. Paasche. Nun zu Herrn von Löbell. Am 4. Dezember 1906 konnte ich erklären, daß es nach den Erfahrungen des 3. Dezember unmöglich sei, vertrauliche Unterredungen als vertraulich zu behandeln, wenn darüber Aktennotizen angefertigt werden, die zu geeigneter Zeit dann publiziert werden. Solche einseitigen Notizen stellen ja die Abgeordneten schlechter als Angeklagte, die einen Einfluß auf die Abfassung solcher Protokolle haben. Aus solchen Notizen kann irgend em schlüssiger Bc. weis nicht gefolgert werden. Graf Posadowsky hat ja nicht ein. mal den Notizen resp. Denkwürdigkeiten seines früheren Chefs, des Fürsten Hohenlohe, volle Beweiskraft beigemessen. (Sehr gut. im Zenlr.) Man har mir vorgeworfcn, daß ich nicht zu den betreffenden Behörden mit meinem Material gegangen sei. Tagegen habe ich festgestellt, datz ich das getan,, aber nicht daS geringste Entgegenkommen gefunden habe. Ich soll ihm freilich eine „5u« mutung" gemacht haben. Wie kam es aber, datz Herr v. Löbell sväter, im Mai, an mich mit einem überraschenden Vorschlag rn Samen der Schaffung des Kolonialamts herantrat? (Hört, hört! im Ztr.) Das hätte ec Wohl schwerlich getan, wenn ich vorher chm irgend etwas „zugemutet" hätte. (Sehr richtig!) Ich soll Niederschlagung der Untersuchung gegen Pöplau verlangt haben, und zwar unter Drohung. Was ich getan habe, war nichts weiter, als einen Ausgleich zu schaffen, um eine Angelegenheit weiter behandeln zu können, mit der sich die Oeffentlichkeft besser niem be* schästigen sollte. Herr Pöplau selber bestätigt mir in einem Brief, datz es ihm nie eingefallen fei, ihn zu bitten, den Reichskanzler um Einstellung des Verfahrens gegen mich zu ersuchen. (RcdnV verliest den Brief.) Er hat das überhaupt gar nicht getouniait, sondern er wollte eine Untersuchung der Mißstände., Herr von Löbell hat auch nicht unsere ganze Unterredung protokolliert. Wir haben z. B. auch über den preußischen Schulgesetzentwurf gesprochen (Hört! hört! hört! im Zentrum und große Heiterkeit), und davon steht kein Wort in den Notizen. Herr v. Löbell hat dann eine von mir beeidigte Aussage gegen mich auszuspiewn versucht. Aber darin steht fein Wort Davon, daß ich die Einstellung des Verfahrens verlangt hätte. Ick habe lediglich eine generelle Untersuchung gefordert. Also ein Mißverständnis! Es ist nur eigentümlich, daß dem früheren freisinnigen Abg. Dr. Müller-Sagan mit her Reichskanzlei ganz genau dasselbe „Mißverständnis" passiert ist! (Sehr gut! im Zentrum). Drei Jahre wußte die Regierung von den Mißständen, von den Fällen Putt« ferner, Kannenberg, von Horn, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Auf eine dieser Eingaben vom Jahre 1904 schrieb der Reichskanzler: „Applanieren!" Aber es wurde nichts applaniert, blieb alles beim alten. Der Abgeordnete Müller-Sagan nahm sich der Angelegenheften an, er verlangte, gerade tote nachher ich, eine generelle Untersuchung. Aber es geschah nichts. Nach Pöplaus Meinung liegt die Hauptschuld an hem Personalreferenten Dr. von König. Dr. Müller- Sagan verlangte auch eine Disziplinaruntersuchung gegen Herrn v. König. Sie wurde ihm auch zugesagt, aber nicht gegen den schuldigen ging man vor, sondern gegen den Anschuldiger, gegen Pöplau! Wieder so ein Beispiel eines Mißverständnisses! Dem Abg. Dr. Müller hat aber niemand den Vorwurf einer „Nebenregierung" gemacht, obgleich er genau dasselbe getan heft, rote ich! Der Reichskanzler selber hat ja meine Methode gebilligt, denn er hat ja dem Abg. Roeren Den Rat gegeben, meinem Beispiel zu folgen, und nicht dem des ALg. Ledebour. (Heitcrkeft.) Nun, wir sind belehrt. Wir werden niemals wieder versuchen, in vertraulichen Besprechungen Mißstände aus dec Welt zu schaffen. l'Beifall bei den Soz.) Ick werde alles Material fortan hier im Hause selber vortragen'. (Beifall im Zentrum und bei den Soz.) Chef der Reichskanzlei v. Löbell: Gießener Anzeiger General-Anzeiger für GberheUn Trotz des großen dialektischen Geschicks, das Herr (Srgberget auch heute entfaltet hat, werden die Herren, die meine gestrigen Ausführungen mit seinen heutigen vergleichen, genau wissen, auf welche Seite sie sich zu stellen haben. Aber einige Punkte muß ich doch noch erläutern. Herr Erzberger hat einen Vergleich gezogen zwischen seinem Vorgehen Und dem des Tr. Müller-Sagan und behauptet, auch diesem fei ein Mißverständnis passiert. Die Aktennotiz, die Herr Erzberger zu meiner Ueberraschung — ich weiß nicht, wie er dazu gekommen ist — hier verlesen hat, ist gans richtig, nämlich die Mitteilung des Reichskanzlers über die Unterredung mit Tr. Müller-Sagan, worin er chm das Pöplausche Material übergeben hat, und richtig ist auch die Anweisung „quam citissime" die Tisziplinaruntersuchung einzulcften und zwar, um den Sachverhalt klar zu stellen. (Hört! Hört!) Ich habe das Material sofort der Kvlonialverwaltung übergeben. Tie Reichskanzlei kann nicht alles, was dem Reichskanzler übergeben wird, fehlt bearbeiten, dazu mußte sie den zehnfachen Beamtenapparar haben; wir vermitteln nur den Verkehr mit den einzelnen Refforts. Herr Erzberger bemängelt, daß meine Regiftrattir-Zkottz nicht vol^ ständig sei. Ich gebe das vollkommen zu; ich habe mich natürlich darauf beschränkt, das Wesentliche festzulegen und nicht das, was auf die Sache keinen Bezug hatte. Es steht in der Registratur kein Wort davon, daß Herr Erzberger mft Wiffen seiner Fraktion den Vorstoß unternommen hat. Ich hatte damals die lleberzeugung und habe sie nach, daß er auf eigene Hand gehandelt hat. Tas schließt aber nicht aus, daß er mir gesagt hat, daß nach 1 einer Ansicht cs dem Zentrum unmöglich sein würde, noch für koloniale Forderungen/zu stimmen, wenn daS Pöplausche^ Material im Reichstage ztir Sprache käme. Herr Erzberger sagt, das Motiv seines Besuches in der Reichskanzlei sei nicht die Einstellung des Disziplinarverfahrens gewesen, sondern sein Wunsch, sämtliche Mißstände generell zur Untersuchung gezogen zu sehen. Es ist mir ziemlich überraschend, warum Herr Erzberger diesen für die Sacke außerordentlich bedeutungsvollen Punkt erst jetzt erwähnt. Warum hat er es mir bei der Unterhaltung im November 1906 nicht gesagt? Warum hatte er nicht in den beiden Zeitungserklörun- gen, die er der Veröffentlichung der Registratur folgen ließ, diesen Hauptpunkt gar nickt erwähnt? Tas ist also schon die dritte Version, die toir von Herrn Erzberger haben. (Hört! Hört!) Aber darauf erkläre ich, daß ich auf das allccenffchicdenste seine gestrige und heutige Dacsiellung unserer Untcrhaltniig bestreiten muß (Hört! Hört!), und ich muß da auf die eidliche Aussage des Herrn Erzberger zu- rückkommen und avch den Anfang zum Verständnis des gestern von mir verlesenen Passus erwähnen. Der Coef der Reichskanzlei verliest das Aktenstück. Es heißr darin: „Pöplau hat mich ersuch:, u Herrn von Löbell zu gehen und zu versuchen, ob seine Angelegenheit nicht auf 1 ■ ’ ■ ‘ t r : f u.erdeu könne als durch ein Trs- ziplinarverfahren." (Stürmisches Hört! Hörri) Herr Erzberger hat also eidlich selbst erklärt, der Zweck bet Unterredung e 'chijorderungen an ch bit Archnungkn bis cj in unstrMohmmg da wir am 13. Dläq tdafien. [U14W ■ 2u. Prof.Miijch, jjordcnmg. Slachlahlache bei aw u da. Je. dahier vei> Will). Ilraji iüiderr :chüHedieMl-Mlmchr nen oder ionmoe fteM Wadjlnß Oi’lienb uulcheo ie aißhflU uni ud öen lö. My -ö. ist zumeldeii. stÜ )tn 1 X/ldti IM •ledr. bwckf eget, DrrmmiliM » MüMgM^Um'SMV 17>u(uvui loll vfidt'ben Jmemiemen «"den Ihre Liierten fe MdemPe-^uM V'li _ jaiunieiW erteilt v Tanzlebm ^ZMienittave 0. _ Äület ein« ik it keoeuolle WuihM ih.kjeaunidltißuiw^ imilie in den ewM 5.UnternM äss 'S«01 £ 'S“*“ istüii al __. ZKZs-Ä sitenktfW1 s-L n TonuersAjcin 0 Schluß 5k Uhr. "M^erfler^Linie"' I>ie Veseifigimg der Di§zivlinar-Un Buchung gewesen. (Hörti -tpöri) Ich frage Sie nun, ob meine Registratur nicht iibcrcinslimmt mit der eidlichen Aussage des 'Herrn Erzberger vom 16. Juli 1906. (Lebhafte Zustimmung. Hört! Hört!) Ich habe nun die verschiedenen Aussagen Herrn Erzbcrgers Ihnen nebeneinander gestellt, die nicht mit einander !übereinstimmcn. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich die vereidigte, und die stimmt mit meiner Registratur überein, die er als unwahr bezeichnet. (Hortl Hört!) Ich habe gestern auf meine Unterredung mit dem LcgationZrat Helfferich Bezug genommen. Ich bekam heute folgenden Brief: „Ich habe soeben in dem Parla- mentSbcricht von Ihrer gestrigen Erklärung gehört und halte mich angesichts des Verhaltens des Herrn Erzberger verpflichtet, jJhncn in aller Form zu bestätigen, daß Sie mir alsbald nach der ^Unterredung mit Herrn Erzberger von dem Inhalt der Unterredung Mitteilung gemacht haben und dieser in allen Punkten der Aktennotiz entsprach. Ich entsinne mich der Einzelheiten genau deshalb, weil Herr Erzberger den überraschenden Schritt bei Ihnen gerade zu einem Zeitpunkt tat, in welchem er mit der Kolonial- verwaltung wegen eines anderen Falles in einer heftigen Polemik ilag. Ich entsinne mich guck' genau, das; Sie bei der Besprechung d,cse§ Schrittes eine Parallele zogen zwischen der von Herrn Erzberger versuchten Pression und dem loyalen Verhalten eines anderen Abgeordneten,. der ein paar Monate vorher in der An- legenheit Pöplau beim Reichskanzler gewesen ivar. (Hört! Hort!) Der andere Abgeordnete hat das Material dem Reichskanzler zu dem Zwecke gegeben, um eine Untersuchung einzuleiten; Herr Erz- bcrgcr dagegen bot es der Regierung an, falls das Disziplinär- -verfahren d eingestellt würde. (Stürmische Heiterkeit.) Sie erzählten mir weiter, daß Herr Erzberger nach der kategorischen Zurückweisung geantwortet hat: Eine andere Antwort hat er kaum erwartet, hat aber geglaubt, sich eines Auftrags des Herrn Pöplau entledigen zu müssen. (Hört! Hört!) Bei der ganzen Angelegenheit stellt sich Herr Erzberger bin al? den harmlosen Wanderer, der plötzlich von einem Wegelagerer Äberfallen und aufs äußerste kompromittiert worden ist. Ich überlasse dem Urteil des Hauses den Wegelagerer und auch die harmlosen .Wanderer-Qualitäten des Herrn Erzberger. (Heiterkeit.) Aber ich bintn der ganzen Angelegenheit tatsächlich nicht der Angreifer gewesen. Ich habe Ihnen gestern erklärt und wiederhole es beute: Die ganze Angelegenheit wäre von mir unter keinen Umständen zur Sprache gebracht wovden, wenn ich nicht von Herrn Erzberger wiederholt öffentlich auf das schwerste angegriffen worden wäre. Es ist ein starker Angriff auf einen Beamten, der seit reichlich 30 Jahren im Staatsdienste steht, wenn ihm vorgeworfen wird, er habe seine Mitwirkung bei Abstellung großer Mißstände versagt. (Sehr wahrl) Tas zwang mich, von meiner einzigen Waffe Gebrauch zu machen, der Veröffentlichung der Aktennotiz. Das Urteil der Oeffentlichkeit erwarte ich in vollster Ruhe. Ich bin mir vollkommen bewußt, durchaus loyal und entgegenkommend gehandelt zu haben. Ich bin ebenso überzeugt, daß diejenigen, die Diesen Streitfall, der zu meinem Bedauern dieses Hobe Haus nun schon mehrere Tage beschäftigt, objektiv prüfen, mich von jeder ^schuld freisprechen, und, daß nicht bloß in diesem Hause, sondern auch im Lande das Verfahren des Herrn Erzberger nicht gebilligt wird. (Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Ncnm nun-Hofer (freis. 8?et.)x - v Ich mutz mich ganz entschieden gegen den Abgeordneten von Kröcher wenden, der ausführte, daß es einen berechtigten Einfluß bei den Wahlen geben könnte. Einen solchen Einfluß darf es bei der Abstimmung nicht geben, darin sind sich alle Liberale einig. — Bedauerlich ist es, daß sich jetzt alle kleineren Staaten und auch die Mittelstaaten Deutschlands in einer sehr prekären finanziellen Lage befinden. Es macht Mühe, den Etat zu bilanzieren, wichtige Kulturaufgaben können nicht erfüllt werden, trotzdem die Steuerschraube aufs äußerste angespannt ist. So muß bei uns in Lippe jedes Dienstmädchen Steuern zahlen. Da ist es lein Wunder, daß man in den kleinen Staaten oft da? Wort hört: „Unsere Selbständigkeit ist uns zu teuer, wir wollen uns lieber von Preußen verschlucken kaffen." Das ist kein erwünschter Zustand, das Deutsche Reich ist ein Foderativstaat, auch für dic 'kleinen Staaten muß gesorgt werden. Sie verlangen keine Bevor- -'itoifniT, aber wollen auch keine Benachteiligung. Nötig wird 'deshalb eine. Aenderung der Verteilung der Matrikularbeiträge sein; kenn, die Aufbringung nach der Kopfzahl ist ungerecht. Ferner müffen im.Eisenbahnwesen Aenderungen getroffen werden, jetzt werden die Eisenbahnen in den Kleinstaaten nicht zu den Kommunalabgaben herangezogen, die Einnahmen aus den Eisenbahnen fließen in . die Tasche Preußens. Am richtigsten wäre es, wenn das Reich die Bahnen übernähme, wenigstens sollte man zur Herabminderung der Matrikularbeiträge eine Reichssteuer auf die Reinerträge der Eisenbahnen legen. Auch bei der.Militärkonvention mit Preußen werden die Kleinstaaten benachteiligt. Ich wäre dafür, daß die Militärkonvention mit Preußen gelöst wird, vielleicht werden Bayern oder Sachsen ent- iflegeiuomm.enbcr sein. (Heiterkeit.) Wenn man den kleinen Staaten nicht bald entgegenkommt, wird eine Reichsverdrosseriheit •in die kleinen Staaten einziehen, die es dort zum Glück noch nicht gibt. b:; Ans SraSt und Land. Sprechstunden der Redallion 11-1 Uhr vorm., i '37—1/28 Uhr abds. Gießen, den 7. März 1907. *' Heber d i c Schöffengerichts-Verhandlung c n luirb, soweit es sich um allgemeiner interessierende Sachen handelt, uon jetzt ob regelmäßig berichtet werden. ** D e r Universitäts-Bibliothek sind durch eine Schenkung eines Freundes des verstorbenen Germanisten und Folkloristen Professor Dr. Adolf Strack die von der Bibliothek unter Ausscheidung des schon Vorhandenen ausgewählten Bestände der Strack'schen Bibliothek einverleibt ivorden. Die volkskundliche Abteilung der Univcrsitäts- Bibliothek, wie auch deren Bestände an neuerer deutscher Literatur erfahren durch diese Schenkung eine äußerst wertvolle Bereicherung. Promotionen von Ober Hessen unb Angehörigen benachbarter Gebiete an unserer Landesuniversität. Im Jahr 1906 promovierten als Doktoren der Rechtswissenschaft: Regierungsreferendar Rob. Wenzel aus Gießen und Gerichtsrefcrendar Leop. Katz auS Gcofeen- Buscck; als Doktoren der Medizin: Ernst Wagner aus Ltangenrod, Fritz Schaad aus Kaulstos, Aug. Keller aus Gießen, Hugo Schaaf aus Rainrod, Fritz Ploch aus Gießen, Alfr. Loebell aus Marburg, Karl Kahn aus Ranitadt und Ludwig Leun aus Großen-Linden; zu Doktoren der Tierheilkunde: Karl Seitz aus Laubach und Slug. Hofmann zu Alsfeld; zu Doktoren der Philosophie: Sch. Orbig ans Gießen (Chcm.), Hch. Gräf aiis Gießen (Phil.), Lehramtsrefcreiidar Perm. Lotz aus Vilbel, Lehr- amtsreferendar Ludw. Diehl aus Rodhelm a. d. B„ Lehramtsassessor Otto Knatlß aiis Atzenheim, ,Wilh. Süß aus Friedberg (Phil.), Julius Lorsch aus Alsfeld (Phil.), Herrn. Lehr aus Ruppertsburg (Chem.), Wassa Klein aus 'Alsfeld (Cheiii.) und Aug. Burg aus Kloster Arnsbura (Landw.). J ** In Amerika verstorbene Hessen. Champagner- Agent Charles Riink aus Gießen, 58 Jahre alt, 511 Rew- Dork. — Peter Orthwein aus OckerShausen, 65 Jahre olt zu Oivosso, Mich. — Frau Elisabeth Minerva Keller, geb. Schnauber, aus Wallernhausen b. Ridda, 86 Jahre olt, zu Syracuse, R.-Y. — Fran Katharina Mohr, geb. Heil, aus Schlitz, 90 Jahre alt, zu Victor, Ja. — Georg Gundermann aus Lmdheim, 88 Jahre alt, zu Pittsburg, . Abg. Gamp (Reichsp.) 'danÄ dem Staatssekretär dafür, daß er eine Prüfung der Verhältnisse der Reicbsbank angeregt habe. Von einer Meinungsverschiedenheit bezüglich der Sozialpolitik ist in der Reichspartei feine. Rede, alle meine Freunde sind für eine energische Sozialpolitik, wenn mir auch meinen, daß die Väckereiverordnung zu weit geht. Redner tritt sodann für eine Erweiterung der Kom- peü:nz .der Berufsgenossenschaften ein. ’ "■ 1/ Staatssekretär Graf PosadowSky: . Daß eine Bundesratsvcrordnung ohne die genaueste Prüfung der einschlägigen Verhältnisse zustande kommt, das ist nach dem Geschäftsgang völlig ausgeschlossen. Erst kommt die Erklärung jbeS preußischen Ministeriums, dann der übrigen Bundesstaaten. Jedes Ministerimn loieder setzt sich, bevor es sich äußert, mit ben; 'ihm unterstellten Provinzial- und Lokalbehördcn in Verbindung,! !irm ihre Meinung zu hören; und diese wiederum hören erst die! ^nicreffenten. Also von oben herab wird nichts dekretiert. Natürlich ist solch eine Verordnung dann gar manchem nicht recht. Es rst daher Wohl auch allgemein bekannt, daß gegen mich persönlich gehässige, ßtfttgc und verleumderische Angriffe gerichtet werden. j(Hört! Hort!) Es gibt eben Richtungen, die einen Staatssekretär gegen Sozialpolitik wollen. (Hört! Hört!) Ter will ich aber nicht fein. Ich will ein Staatssekretär für Sozialpolitik bleibenI [(SetfalL), f Abg. Fürst Radziwill (Pole) u y. . bemerkt früheren Aeußerungen gegenüber, man könne ihnen nicht verwehren, ihre ablehnende Stellung der Kolonialpolitik gegenüber mit ihrer Ausnahmestellung in Deutschland zu motivieren. Damit schließt die erste Lesung des Etats. ' Die Hauptteile des Etats gehen an die B u d g e t k 0 m m i s- fi 0 n. Zu Mitgliedern der Reichsschuldenkommission werden per ANlamatron gewählt die Abgg. Ortel, Schmidt-Warburg, Erzberger, Henning, Dr. Mugdan, Dr. Arendt. 1 Es folgt die erste Lesung des Gesetzentwurfs betreffend die Vornahme erncr Berufs- und Betriebszählung im Jahre 1907. . Abg. Droescher (kons.)^ , nnpfiehlt, diese Zählungen in regelmäßigen Perioden von 10—12 Verdienst, diese Zählung angeregt zu SÄ'«Erstorbenen Abg. Roesicke-Dessau. Die Zählung ^rÄBr^bcUtunfl 'em für die Vorarbeiten zur Citroen» 'ST9' Webner äußert bann noch verschiedene der Ausführung der Berufs- und Vetriebs- L’ct Frage nach der Religion überflüssig. Der s5, bsC ^hlung der Arbeitslosen sehr ungünstig. Entwurf so schnell als möglich erledigt 6ct Gelegenheit eine internationale Cranfttl etn^uleiten, |et unerfuffbar wegen der zu großen Schwieria- keiten, die sich einer solchen Arbeit entgegentürmten. Deutscklaub brauche den Vergleich mu dem Auslande nicht zu scheuen, es besitze letzt >chon d-e beste und genaueste Statistik -der Me t. Im Interesse einer schnellen Erledigung bitte er, von einer Kom- MtLwnsfaffung abzusehen. . . . m ■ Abg. Dr.-Loormann (freis. Vp.)' bcbrtüetf" es, daß dem Reichstage nicht die Formulare zu der Zählung zugegangen seien, und wünscht, daß das große Werk^das jetzt ins Werk gesetzt werden solle, einen vollen Erfolg habe. Seine Partei sei auch bereit, den Entwurf ohne Kommisswnsberatung zu erledigen, _ / Staatssekretär Graf Posadowsky -------- erwidert, daß die nötigen Formulare im Bureau dc§ Hauses niedergelegt seien, sodaß alle die Herren, die sich dafür interessierten, sie da entnehmen könnten. ,: Abg. Dr. Stresemann (natl.): > .. ‘ , Namens meiner Fraktion erkläre ich, daß wir selbstverständlich dem Entwurf im Prinzip zustimmen und es freudig begrüßen, daß der Gewerbe-Zählung von 1995 jetzt eine neue folgen soll. Ich «möchte sogar meinen, daß dieser Zeitraum von 12 Jahren eia !ziemlich langer ist, und daß wir dazu kommen müssen, in Zukunft diesen Zeitraum abzukürzen. Wkr sind in der wirtschaftlichen Gesetzgebung auf die Ergebnisse der Verufsstatistik angewiesen, und wir haben es in den letzten Jahren schon vielfach unliebsam empfunden, daß wir immer mit den Ergebnissen von 1805 rechnen müssen, die doch zum Teil sehr veraltet sind. Tie Verarbeitung einer solchen Berufszählung kostet freilich viel Geld, aber der verstorbene Abgeordnete Roesicke hat mit Recht vor Jahren ausgeführt: „Wenn jemals Staatsmittel fruchtbringend angewendet werden, so ist es bei der Veranstaltung solcher Berufszählungen der Fall." > Meine Freunde find immer der Ansicht, daß die Vorlage un-^ bedingt in eine Kommission gehört. Ter Kollege Dr. Troescheri meinte, man könnte sie hier im Plenum erledigen, aber er war in einer viel glücklicheren Lage als wir, denn er hatte bereits bic1 Fragebogen zu seiner Verfügung. Bei der Beratung der Berufszählung von 1895 lag ein ganz ähnlicher Fall vor. Damals war es die Fraktion der Sozialdemokratie, die den Fragebogen bereits kannte, da er der „Leipziger Volkszeitung" auf den Nedaktions- tisch geflogen war. Auch damals beschloß das Haus auf den Antrag unserer Fraktion die Beratung des Entwurfes in der Kommission. Wir sind ja bereit, die Arbeiten der Kommission so schnell wie irgend möglich zu fördern, aber die Fragebogen müffen wir zur Hand haben, sonst können wir uns kein Urteil bilden. Es handelt sich ja auch hier nicht um eine reine Sache der Berufsstatistik, auch die Wirtschaftsstatistik ist liier von besonderer Wichtigkeit; daher müffen auch die wirtschaftlichen Vertretungen gefragt werden: Die Handels-Kammern, die Gewerbe-Kammern, die Landwirtschafts- Kammern. Ich weiß nicht, ob das der Fall war. Ich möchte Sie also nochmals bitten, unserem Anträge auf Kommissions-Beratung Zuzustimmen. (Lebhafter Beifall.) Abg. Trimboru (Zentr.) ,, druckt auch sein Erstaunen darüber aus, daß dem Hanse der Fragebogen nicht zugegangen sei, denn er sei doch das wichtigste an der ganzen Vorlage. Heute morgen sei der Fragebogen im Bureau noch nickt zu haben gewesen. Ohne Fragebogen sei eine Diskussion aber nicht möglich, er stimme daher dem Anträge der National- liberalen auf Kommissionsberatung, zu. Abg. Hoch (Soz.) spricht sich ebeistalls für eine Kommifsionsberatimg aus und plädiert dafür, daß regelmäßig solche Berufs- und Betriebszählungen veranstaltet und möglichst ausführlich ins Werk gesetzt würden. An einer genauen Statistik hätten alle Parteien unb Stände ein Interesse. Präsident des Statistischen Amtes vnn der Borght versichert, daß c? mich fein Bestreben sei, eine möglichst eingehende und zuverlässige Statistik zu machen. Er werde auch nach Möglichkeit auf .ine Beschleuuigiing der Arbeit hinstreben, könne jedoch jetzt noch nicht einen bestimmten Termin für die Veröffentlichung der Resultate angeben. 1 Abg. Schack (wirtsch. 93er.) • , tritt für eine Kommissionsberatimg ein, in der Kommission werde er eingehend seine Wünsche darlegen, die sich auf eine genauere Spezialisierung des Gebietes der Landwirtschaft, der Heimarbeiter und der Handlungsgehilfen bezögen. Namentlich für die Handlung?« gebilfeu ici chic vermehrte Aufnahme von Fragen von großer Bedeutung. • ... /Präsident van der Borght ' führt aus, daß das,Statistische Amt bereits einen Teil bet Wunsche bet Handlungsgehilfen berücksichtigt habe. —-J ' Nach kurzer weiterer Debatte schließt die Diskussion. - In einer persönlichen Bemerkung versucht ...... ' ‘ : L Abg. Daöbach (Zentrum) , x. a . v i die Angriffe des Abg. Dr. Paasche gegen die katholischen Geistlichen zurückzuweisen. (Große Heiterkeit.) Präsident Gras Stolberg unterbricht ihn mit der Bemerkung, daß jetzt nicht mehr auf die allgemeine Etatsdebatte zurückgegriffen werden dürfe. - Der Entwurf geht an eine K 0 in missi 0 11 von 14 Mitgliedern. Das Hans vertagt sich auf Mittwoch 1 Uhr (Nachtraa- EtatS für S ü d w e st - Af ri l a). Pa. — Philipp Knipp aus Auerbach, 86 Jahre alt, zu Pittsburq Pa. *" Scbneeglöck ch e n. Sonst, sobald im Februar die ersten milderen Lütte wehten, begrüßte uns seyon um diese Zeit der erste '-60le des nabenden Frühlings. In diesem Jahre, wo die Schneedecke so lange auf Garten unb Feld gelegen unb ber Frost die Erbe in Fels verwandelt hatte, bauerte es langer, bis wir ben - ersten Ton feines Glöckchens verimbmen. Nun aber ist es auigewacht unb läutet in unteren Vorgärten (besonders reich in ber Grünverger Straße) den Frühling ein. Zwar ist er noch nicht da, und Wochen mögen noch vergehen, bis dem Kalender die Wirklichkeit eiitspricht, aber des Winters Bann ist nun gebrochen, und wir dürfen auf- atmen nach feiner langen schweren Herrschaft. Trnm wird das erste Schneeglöckchen stets mit Jubel begrüßt. Mag die Rose herrlicher prangen, Veilchen unb Hyazinthen lieblicher hinten, mag bic Litte wie eine Königin doslehcn zwilchen ihren Untertanen, wir heben, wir beiuunberii sie, gewiß, ober so herzlich froh willkommen geheigen werden sie nicht, wie dos bescheidene jchlichle, m em-aches Weiß und Grün gekleidete Bliimchen. Ein Kmd des Winters ist's, der sonst nur Eisblumen an den Feustern hervorvrrngen kann, darum trägt es dessen Farbe, aber es weist hm aui ben Frühling und deshalb schmückt es sich mit hoffmmgssrohem Grün. Denn das ist's ja, was es uns nnruhigen, imgcbulDigen, unzufriedenen Menschenkindern jagen will: Faß dich in Hoffnung unh Geduld, and) die schwerste Zeit nimmt einmal ein Ende, and) ber härteste Winter kann das Leben nidjt löten, es muß doch hell, es muß doch Frühling werden. Wie leudjtet es darum auf in dem matten Auge eines Kranken, wenn eine liebende Hand den ersten ed)nco£'ötfd)eii- ft raufe aut den Tisch vor feinem Bett stellt! Es ist ihm rote eine Boifchatt^vou oben: Hoff, 0 bu arme Seele, Hoss und sei unverzagt. Was tröstender Zufprud) ort nicht permodjt hat, den gqunfenen 'Mut roieber auszurichten, das gelingt dem tlemeu Blümchen, das so eindringlich predigt von ber Macht und Liebe bessen, ber auch das kleine Pflänzchen unter ber Schneebccke nicht vergißt und bei auch dick, 0 Menicheukmd, n.cht vergessen wird. Unb ber bu gesund und glücklich bist, and) du wirst üiellcid)! einmal Sehnsucht empfinden nach einer Lenzbolschaft. Darum soll es uns allen willkommen sein, das kleine Blümlein, zu dem sich vorerst nur die gelbe Anemone gesellt. — Lützellinden, 4. März. Das Bundesfest des Sängerbundes ,£>üttcnberg' findet am 8. und 9. Jiini hier statt. g. Bad-Nauheim, 4. März. Nach längerer Pause bot der hiesige Bilduugsvercin seinen RfitglieOern wieder einen genußreichen Abend. Eine musikalische Unterhaltung ergötzte diesmal die Zuhörer. Als Sängerin war Frl. van der Boot aus Franlsurt 0. 2)1. gewonnen. Sie erntete nomentlid) durch die beiden Piecen: Arie aus ^Glöck- lein des Eremiten" und „Serenade" stürmischen Applaus. Cellist Krauße zeigte sich in der Handhabung seines Instruments als Meister. Seine außerordentliche Technik, sowie sein kunstsinniges Verständnis, mit dem er sich in die Komposition hineinversetzt hatte, zeigten sich besonders bei der Romanze. Reichen Beifall erntete sodann die von Herrn Piarguth auf der Violine vorgetragene Beethoven-Sonate. Tie Klavierpartien lagen in den Händen von Frl. Lorenz. Ihr gebührt der Hauptdank, hatte sie doch das ganze Arrange- ment des abends in die Wege geleitet. — Bei der gestern abend abgehaltenen Generalversammlung des Spar- und Vorschußvereins kamen 6 Prozent Dividende zur Verteilling. Frankfurt a. M., 6. März. Da§ im Umbau begriffene Hotel Schwan erhält seine Hauptfront nach dem Theaterplatz zu, on dem sich auch der neue Eingang befindet. Die Stadt Frankfurt hat mit hohen Kosten die Lttöbel des FriedeuSzimmerS von dem früheren Pächter Herr Stern angekauft. Sie sollen nach Instandsetzung wieder an die alte Stelle gebracht werden. Mit dem neuen Pächter des Hotels, Paul Burkert, ist n. d. Kl. Pr. vertragsmäßig festgestellt, daß das Friedenszimmer dem Publikum unentgeltlich zugänglich gemacht wird. GerichtssaaL. B.-B. Darmstadt, 4. März' Tie erste diesjährige Schwur, g e r t d) t § p e r i 0b e der Provinz Starkenburg wurde heule untci Vorsitz des Landgerichtsrats Haustädt eröffnet. Des wissentlichen Meineides angeklagt war der 44jährige Taglohner Konrad Geißler ans Wolferborn bei Büdingen, ein schon mehr- sack, vorbestrafter Alensd), der schon lauge von seiner Frau getrennt lebt. Er halte hier seit l8/4 Jahren nut ber Frau des Taglohner^ Bauer Beziehungen unterhalten, and) gemeinsam mit ihr gewohnt. Als nun Frau Bauer gegen ihren Mann auf Ehescheidung klagte, erhob ber Alaun Wiberklage unter Hinweis ans die Beziehungen seiner Fran zu Geißler. Dieser beschwor jeboch in dem Ehe- scheidungslermin, daß er mit ber Frau keinen Umgang gehabt habe, unb die Folge war, daß ber Ehemann Bauer sür den allein schul digeu Teil erklärt wurde. Tie Unwahrheit dieser Aussage kam jedoch bald an den Tag unb heute gestand der Angeklagte ein, den Falscherd geleistet zu haben, „weil ihn d i e .F ra u gedauert h a b e". Da er sich durch eme Bekundung der Wahrheit in dem Prozeß einer ftrafbarrii Handlung (Ehebruch) schuldig gemacht haben würde, billigten ihm die Geschworenen ans Antrag des Ober- slaatsamvattS v. Heffert mildernde Umstände zu. Tas Urteil lautete auf ein Jahr unb brei Monate Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Ter Verurteilte trat die Strafe sofort an. Karlsruhe, 4. März. Ter Grofeherzog begnadigte den wegen versudtter Verleitung 511111 Meineid verurteilten Pfarrer Gaisert ans Günbelwangen zu 6 Monaten Gelängnis. Arbeiterbewegung. Madrid, 4. März. Seit bent 4. März morgens streiken die meisten Al a u r e r, die den Achtstundentag, der für den Winter einge'ührt ivar, and) für die Sommerzeit beibehatten wollen. Am 9lachmittag kam es zu Zusammenstößen zwischen Streikenden und Arbeitsivilligen. Tie Gendarmerie schritt ein. Ein Streikender wurde getötet, zwölf wurden verwundet. Schiff^ncrchrichten. Red Star Linie. Ter Poftdampfer „Zeeland" ber „Reb Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 26. Februar wohlbehalten in Neiv-Pork aiigekommeu. Mathematik Latein Ä Wenn Schüler u. Schülerinnen höherer Lehranstalten infolge von Blutarmut, Bleichsucht oder allgemeiner Schwächlichkeit die Anstrengungen der Schule nur schwer ertragen, empfiehlt es sich, als tägliches Morgen- getränk regelmäßig den bekannten Kasseler Hafer- Kakao zu gebrauchen. Viele hervorragende medizinische Autoritäten schätzen u. verordnen ihn ständig, da er den geschwächten Körper kräftigt u. wegen seiner nachhaltig sättigerruenWirkung während des Unterrichts kein nervöses Hungergefühl aufkommen läßt. — Nur echt in blauen Kartons ä 1 Mk, niemals lose.