Nr. 130 Zweites Blatt 156. Jahrgang Erscheint «glich mit DuSnakme deS Sonntags. Die ..Gietzener Zamilirndlätter" werden dem ,9Inactflcx ytermal wöchentlich beigelegt. Der ^lfefststh« Sanööir^* erscheint monatlich einmal. Eichener Anzeiger Mittwoch 6. Juni 1006 Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'lche» UnwerstlätSdruckerei. R. Lange. Dietz«. Redaktion, Expedition u. Druckerei: Sdtulflr.T. Del. Nr. 6L retegr.-Adr.: Anzeiger Äretzea. Eeneral-Mzeiger, Amts- und Anzeiged!att für den Kreis Gichen. poliHid>e Tagesdeharr. Die Kaiserfahrt nach Oesterreich. Don gut unterrichteter politischer Seite wird mitgetcilt, daß der Aufenthalt dcS Kaisers in Schönbrunn in geplanter Weise oerlaufen soll, d. h. es wird der private Charakter der Zusammenkunft gewahrt werden. Natürlich ist einer Begegnung der beiden Herrscher auch eine politische Bedeutung zuzusprechen, und in diesem Falle wird die Herzlichkeit der persönlichen Beziehungen der Monarchen und der unveränderte Fortbestand des deutsch-österreichisch-lingarischen Bündnisses betont. Gleichzeitig muß auch von vornherein darauf hingewiesen werden, daß unserem Kaiser jede Einmischung und Parteinahme in Fragen der inneren österreichisch-ungarischen Politik durchaus fernliegt. Dies ist eigentlich selbstverständlich, doch gehört es bekanntlich zu den Gepflogenheiten einer deutsch-feindlichen Presse, nachher Anspielungen oder Der» dächtigungen in die Welt zu setzen, die Kaiser Wilhelm in irgend welche Beziehungen zu der innerpolitischen Auseinandersetzung zwischen Oesterreich und Ungarn bringen. Die Annahme, daß der Generalstabschef Frhr. v. Beck zu seinem Jubiläum zum Chef eines preußischen Regiments ernannt werden würde, hat sich nicht bestätigt. Da diese Ehrung nach wie vor geplant ist, so ist sie wohl jetzt anläßlich des Kaiserbesuches zu erwarten. Da Frhr. v. Beck auS der Infanteriewaffe hervorgegangen ist, wird er wohl zum Chef eines Infanterieregiments ernannt werden. Eine Ernennung deS Generalstabschefs v. Moltke zum Inhaber eines österreichischen Regiments steht natürlich nicht in Frage, da unser Kaiser den österreichischen General lediglich aus Anlaß seines Jubiläums auszeichnen will. Der Kaiser trat am Dienstag Nachm. die Reise nach Wien an. Die »Wiener Abcndpost" schreibt: Der deutsche Kaiser trifft heute (Mittwoch) zum Besuche seines erhabenen Freundes und Bundesgenossen, unseres kaiserlichen Herrn, in Wien ein. Mit inniger Freude sieht die Bevölkerung der Reichshaupt- imb Residenzstadt den Herrscher des mächtigen Nach- barreiches in ihrer Mitte. Sie erblickt in dem Besuche des Kaisers eine erneute eindrucksvolle B e k r ä s t i g u n g jenes Freundschaft S - und Bundesverhältnisses, das seit einer langen Reihe von Jahren das Deutsche Reich und die habsburgische Monarchie vereint und dar, f e st g e g r ü n d e t in der unverbrüchlichen Freundschaft der Monarchen, sowie in den politischen Notwendigkeiten Europas, sich während der ganzen Dauer seines Bestandes als eine kostbare und machtvolle Stühe des Weltfriedens bewährt hat. Die Bevölkerung von Wien bietet dem erlauchten Monarchen und verehrten Gaste ihres Kaisers und Königs ihren ehrerbietigsten Willkommgruß. Deutsches Reich. Berlin, 5. Juni. Wie aus Wilhelmshaven berichtet wird, hat der Kaiser folgende Ordre an die aktive Schlachtflotte erlaßen: „Indem ich meinem Interesse für die Pflege der Sckneßknnst und für die gründliche Vorbildung des Personals für das Schienen mit der Schiffsartillerie mein« Marme erneut besonderen A»rS> druck geben will, verleihe ich hierdurch der ^lllven Schlachtflotte einen silbernen Aussatz als weiteren Cich i e ß p re t s. Ich behalte mir vor, alljährlich zu bestimmen, welche Schiffe der a twen Schlachtflotte alljährlich um diesen Preis m Wettbewerb treten foü%§ ist dies der dritte Schießpreis, den der Kaiser an die aktive Schlachtflotte verliehen hat. Der erste wurdetarn 24. Juni 1894 uud der zweite am 11. Ium 1904 gestiftet. Um diese beiden Preise schießen in diesem Jahre dre Limen- Der Reichsinvalidenfouds als Anleihen-Berkaufer. —tt— Berkin, 5. Juni. Die Erfahrungen, die mit Len netten deutschen Anleihen gemacht werden, vermehren sich abermals um eine unerfreulicher Art. Viele Kleinkapitalisten tverden mit Verdruß gewahren. Laß nicht entfernt so sichergestellte ausländische Werte von einem Börsentag zürn andern eine Steigerung von einem halben Prozent und mehr aufweisen, während die deutschen Werte langsatm aber prompt im Preise zurückgehen. Ein bezeichnender Gegensatz: die 4prozentige serbische Rente wurde heute an der Berliner Börse „auf Pariser Anregung" um ein halbes Prozent HSHer — dagegen verloren die neuen deutschen ZVrProzientigeu Anleihen wiederum 20.Pfg., sie befinden sich also jetzt bereits 40 Pf g. unter dem Ausgaberurs. Ter Re ich 5- invalrüenfonds, der aufsehenerreaenderweife in dem Augenblick Anleihen zum Verlauf auf den Markt brachte, als das Reich und Preußen zur Zeichnung auf die jüngste Anleihe aufforderte, findet sich auch jetzt wieder mit einem sehr beträchtlichen Angebot ein. Wie an der Börse verlautete, gedenkt der Invalidenfonds nicht weniger wie 117 Millionen Anleihen zu verkaufen. Die Hochfinanz ist zur Abgabe von Offerten bis 7. Juni aufgefordert. Begreiflicherweise ist 'die Hochfinanz von dem Wunsch, so große Beträge zu übernehmen, keineswegs entzückt. Ar: der Börse diese Summen unterMringen, wäre nur möglich mit einem namhaften Kürsverlrkft. 2lbkr damit würden sich die Großbanken ins eigene Fleisch schneiden; Me Tresors fhib noch überreichlich versehen mit den neuen 3V2prozentigen Anleihen. Tie Banken werden noch längere Zeit damit zu tun haben, hierfür Muser zu finden. Bei jedem Sinken des Kurses wird die Aufgabe natürlich umso schwieriger. Man braucht nur einmal an den Schaltern einer Bank zu sein, um Gespräche wie das folgende mit der Kundschaft anzuyören: „Was wünschen Sie zu kaufen? Vielleicht deutsche Anleihen? Gut, «er. Sie können mit diesem Besitz ruhig schlafen'." Der Kunde: „Was?! 9iuhtg sckMfin sagen Sie! Ich hkve ja schon deutsche Anleihen und tue seit WochM kein Auze zu, w-a uh muh über den Knrsrückaatta aufieae!" Der Herr am Schalcer verzichtet STSSSS Zuspruch. - Daß der Mchsinvalidenfonds schon wieder als AnlsihÄi/Serwuser m großem SH auf. tritt, macht die Hoffnung aus eine allmähliche Besserung des deutschen Ren t en mar kte s zunichte. Für die Geldbeschaffung Htten sich wohl auch noch andere Mittel und Wege finden bassen. _ _______ schiffe der beiden Geschwader und um den neuen Schießpceis die Aufklärungsschiffe. — Das freudige Ereignis in der kronprinz- lichen Familie dürfte in einigen Tagen zu erwarten sein. Karlsruhe, 5. Juni. Wie die „Badische Presse" von zuverlässiger Seite erfährt, wird auf Wunsch des Großherzog 8 besten 8 0. Gebttristag in aller Stille am 9. September auf der Insel Mainau gefeiert und am 18. September trifft das Großh. Paar in Karlsruhe zur Feier der goldenen Hochzeit ein. Bei letzterer wird eine Huldigung der Bürgermeister des Landes ftnttfinbcn. Zur goldenen Hochzeitsfeier wird voraussichtlich auch der Kaiser anwesend sein. Inlerrralionate WaßnsHmrn gegen den AnariAsmrrs. Wenn der „Petit Parisien* richtig informiert ist, dann hat König Eduard von England seinem Premierminister Campbell-Bannernian gegenüber seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, einer event. Vereinigung der europäischen Staaten und Nordamerikas zur gemeinsamen Bekämpfung des Anarchismus beizutreten. Damit wäre das Haupthindernis beseitigt, das sich bisher einem internationalen Haud-in-Hand-arbeitcn zur Unterdrückung der anarchistischen Propaganda entgegenstellte. Denn schon gleich , nach Mac Kinleys Ermordung regte Präsident Roosevelt ein solches Uebereinkommen an; er fand auch überall Gehör, selbst in der freien Schweiz, und nur in London stieß ec nuf Widerstand. Da nun aber gerade London ein Hauptsitz des anarchistischen Klubs ist, so kann natürlich eine antianarchistische Liga so lange nichts Ersprießliches leisten, als Großbritannien nicht mittun will. Welche Gründe aber gerade die englische Regierung bisher veranlaßten, den anarch. Gemeinden auf ihrem Grund und Boden eine Freistatt zu gewähren, von wo aus sie ihre Komplotte organisieren und ihre Mörder entsenden können, ist nicht ersichtlich. Dos Hauptmotiv scheint wohl das politische JreiheitSgesühl des Engländers zu sein. Aber soweit sollte die politische Duldsamkeit denn doch nicht gehen, untätig zuzusehen, daß eine Partei ihre politischen Ziele mittels Bomben und Revolver zu erreichen sucht. DaS beste wäre jedenfalls, den Anarchismus in der ganzen Welt standrechtlich zu verfolgen und zu diesem Zwecke einen internationalen Gerichtshof einzusetzen. Dieses Standrecht wurde seinerzeit bereits von gewichtiger Seite empfohlen und bei der hoffentlich recht bald zusammentretenden Antianarchistenkonferenz sicht eS sicher im Mittelpunkt der Diskussion. Italienische Blätter heben hervor, daß ein internationales antianarchistisches Abkommen im Augenblick wegen der Verschiedenheit der Gesetze in den einzelnen Ländern unmöglich sei. Dagegen dürfte eine internationale Verständig ung der Polizeibehörden angestrebt werden, um die Reisen der Anarchisten genau gu kontrollieren. Das englische Unter» Haus-Mitglied Sir Vincent, früher Direktor der Londoner Kriminal-Polizei, erklärte aber dem Pariser Times-Korrespon- denten, c§ sei absolut notwendig, daß die Rationen Europas und die Vereinigten Staaten von Amerika gemeinsame Schritte gegen die Anarchisten ergreifen. Bei der Konferenz in Rom sei ein internationales System von polizeilicher Ueberwachung ausgearbeitet worden, daß 18 Monate gute Dienste getan habe. Seitdem sei eS leider eingeschlafen. Eins der größten Hinderniffe der Ueberwachrmg sei daS System der Landesverweisung. Jedes Land sollte seine Anarchisten behalten und überwachen. In London glaubt man jetzt zu wissen, daß die Polizei Einzelheiten über das Vorhandensein eines anarchistischen Komplott.es besitze, welchem der Anarchist Navarra aus Carthagena angehöre, der in den Anschlag gegen das Leben deS Königs Alfons in Paris verwickelt war. Einige Londoner Blätter geben eine Meldung der New- Porker r5ime8* wieder, wonach eine anarchistische Verschwörung zur Ermordung des Präsidenten Roosevelt und des Kaisers von Rußland bestehe. Diejenige Abteilung der amerikanischen Polizei, die mit der Neber- wachung der Anarchisten betraut ist, suche nun sämtliche amerikanischen Städte durch, wo die Anarchisten Organisationen besitzen. Die Vorsichtsmaßregeln seien verdoppelt worden. Die Leibgarde de§ Präsidenten bestehend auS Detektivs wurde vermehrt. Der New-Porker „Sunn berichtet, daß ein Anarchisten- kongreß, an welchem die Anarchisten Emopas und ber vereinigten Staaten teilnehmen, in diesen Tagen in Chicago staikfinden wird. Die ausländischen Anarchisten sollen während der Dauer ihres dortigen Aufenthalts von ihren amerikanischen Kollegen beherbergt werden. Der Kongreß wird fünf Tage dauern. Das Programm erstreckt sich darauf, Mittel und Wege zu finden, die anarchistische Propaganda zu fordern. In Baltimore werden 60 italienische Anarchisten strengstens überwacht. Ein russischer und ein polnischer Anarchist werden in Portland, Staat Oregon, überwacht. Die Vorsichtsmaßregeln sind verdoppelt worden. Die italienische Polizei verhaftete neuerdings in Ancona einen und in Turin fünf Anarchisten. Ter Selbstmord des Madrider Bombenwerfers steht nun fest. Die Leiche Matteo Morales wurde seinem aus Sabadell in Madrid eingetroffenen Onkel gezeigt, der die Identität des Toten bestätigte. Die Polizei Hai festgestellt, daß Matteo Morales auch der Urheber des vor einem Fahre gegen den K-önig und den damaligen Präsidenten Loubet in Pa.pis verübten Bombenanschlags gewesen ist. Die Leiche von Morales wurde in einem mit Eis gefüllten Sarge ausgestellt. Am Dienstag abend gab der Premierminister Befehl, das Publikum nicht mehr zuzu- lassen, da die Menge zu groß wurde und die Leiche heraus- zuschleppen und in Stücke zu zerreißen drohte. Im Morgue- Hospital sand die Autopsie statt. Tie Untersuchung der Leiche deS Mörders ergab, daß fein Gehirn vollkommen normal ausgebildet war. In der Wohnung von Morales wurden viele belastende Schriftstücke gefunden. Tie Polizei glaubt, einer weit verzweigten Anarchistenverschwöru n g auf der Spur zu sein. Ter Gouverneur von Madrid ist zlvar überzeugt, daß Morales allein den Anschlag begangen hat und keine Mitschuldigen besitzl. Außer dem Direktor der Schule, in welcher MoraleL früher in Madrid wohnte, wurden aber auch mehrere Lehrer, die Anarchisten sind und unter dem Verdachte stehen, an dem Attentat vom 31. Mai beteiligt zu sein, f e st a e n o m m e n. Wie verlautet, ist der Minister des Inner,! im Laufe des gestrigen Tages durch ein anonhmes Schreiben informiert worden, daß ei n n e uc s Ko m p 1 o 11 v vr b cr e i t e t sei und daß man beabsichtigt, das Königspaar während der Theatervorstellung am 4. d. M. zu töten. Der Minister ließ sofort neue Eintrittskarten bnufen und sie an die geladenen Gäste verteilen. Tie Eingänge sowie die Wandelgänge des Theaters wurden auf5 schärfste bewacht. Die Vorstellung verlies aber ohne Zwischenfall. Verschiedene Verhaftungen wurden vorgenommen. Man weiß noch nicht, ob sie im Zusammenhang mit dem anonymen Schreiben stehen. Die Gesamtzahl der Personen, die durch das Atten- tat getötet oder durch die erlittenen Verletzungen gestorben sind, beläuft sich auf 28. Die Gesamtzahl der bei dem Attentat Verletzten soll 103 betragen. Mehrere höhere Madrider Polizeibeamte erhielten ironische Einladungen zu dem Chicagoer An ar- chistenkongreß. (Vgl. den Artikel „Internationale Maßnahmen gegen den Anarchismus".) Der Madrider Polizei wurde gleichzeitig aus Chicago bekannt gegeben, wo ei« für König Alfons bestimmt gewesener vergifteter Dolch verborgen ist. Der Dolch und cm Gefäß mit Sprengstoffen wurden an der an gegeben en Stelle gefunden. Die F e st st i m m u n g in Madrid ist gänzlich getrübt. Das Programm wird zwar ausgeführt, aber nur dem Schein nach. ‘ Die königliche Familie wird der Dlumenfchlacht fern bleiben. Das Stiergefecht am Sonntag war nur mittelmäßig besucht, der Schmuck des Hauses sehr dürftig. Die englischen Fürstlichkeiten rmd der Botschafter blieben dem Stiergefecht fern, um gegen diese Tierquälerei zu protestieren. Am nächsten Dienstag begibt sich das Königspaar nach dem Lustschloß I1 de Jonso de la Granja, wo umfassende Sicherheitsvorlehrungen getroffen worden find. Tas gleiche gilt von San Sebastian, wo das Königspckar Ende Juni eintrifft. Inzwischen bemühen sich amerikanische Reporter, alle Welt möglichst gruslich zu machen. Bon Döashington aus wird htznte versichert, daß der Anschlag gegen das spanische Körrigspaccr nur einen Te i l eines anarchistischen Programms bilde, tvelck)es außerdem noch gegen das Leben des Präsidenten Roosevelt, des deutschen Kaisers, des Z a r e n und des K'önigSEduard gerichtet sei. Man wird durch derartige alberne Windmühlengerüchte sich nicht aus der Fassung bringen lassen, aber doch umsomehr die internationale Belämpfung des Anarchismus herbe-sehnen. Jas parlamentarische Rußland. PeterSbirrg, 5. Juni. In der heutigen Sitzung dec Reichs du ma führte Onipko auS, er betrachte die Minister als der Duma fremde Leute und begreife nicht, warum sie an den Verhandlungen der Duma überhaupt teilnähmen und warum diese sie anhöre, nachdem sie ihnen einmütig ihr Miß- trauen ausgesprochen habe. Der Präsident erklärt, die Gehilfen der Minister würden zu den Verhandlungen zugelaffen, wenn sie von ihrem Ministerium bevollmächtigt seien. Onipko setzt die Angriffe gegen die Regierung fort, die der Dluna und dem ganzen Lande feindlich gesinnt sei. Der Präsident ri,ft Onipko schließlich zur Ordnung. Mehrere Telegramme über ungesetzliche Verhaftungen in der Provinz, welche Mitglieder der Duma erhielten, gaben Anlaß zu Erörterungen über das Recht der Duma, die Minister zu interpellieren. Aladjin meint, die Interpellationen hatten keinen Zweck, man könne bei den gegenwärtigen Ministern Fein anderes Gefühl erwarten, als 1 das dec Rachsucht. Aber die Duma müsse dennoch Interpellationen einbringen, um die ganze Verantwortung auf die Regierenden abzuwälzen. Die Duma erklärt sich mit sämtlichen Interpellationen einverstanden. Tas Haus setzt sodann die Debatte über die Agrar- 1 frage fort. Dabei ergreifen der Ackerbauminrster und der Gehilfe deS Ministers des Innern, Gurko, daS Wort. Ihre Reden werden häufig von den Rufen: „Nieder mit ‘ Euch!* * und .Entlassung nehmen!" unterbrochen. Der Präsident läutet anhaltend mit der Glocke. Der Minister verläßt unter den Zurufen: „Entlastung! Entlastung!" die 1 Tribüne. Der Präsident erklärt hierauf, eine Arbeit der Drnna fei nur möglich, wenn Ordnung herrsche. Der Abg. Petrllnkewitsch verspottet die Politik des Ministeriums und dessen Unkenntnis der Lage deS Landes und sagt: Appellieren 1 Sie doch nicht an unseren Patriotismus! Mißbrauchen ' Sie nicht diesen Ausdruck, der gegenwärtig etwas Ver- - abscheuungswürdiges bedeutet! Denn wer sind die i „Patrioten"? Tas sind diejenigen, welche die Autokratie ver- „ leidigen und die Metzeleien unter den polnischen Juden angerichtet haben. Sie selber sind keine wahre Patrioten. ÄJi -.4M •'M s. rk u - 1* V // ,, t' ;/■< V... v Wenn Sie es waren, säßen Sie nicht auf diesen Banken. (Stürmischer Beifall und Rufe: Demissionieren!) Professor Herzen stein wendet sich gegen die Darlegungen des Ministers und besonders gegen dessen statistische Berechnungen. (Lebhafter Beifall bei den Bauern.) Im weiteren Verlaufe öer sehr erregten Debatte bekämpft Graf Heyden die gegen , den Adel gerichteten Ausführungen des Vorredners. Er erklärt, er sei bereit, sich dem vorgeschlagencn Agrarprogramm anzuschließen. Er habe nichts gegen die Zwangs- cnteignung. Er halte es aber für besser, wenn diese Frage unter Berücksichtigung der örtlichen Verschiedenheiten geregelt werde. Die Negierung soll sich entschlossen haben, keine weiteren Zugeständnisse an die Duma zu gewähren. Das Kabinett habe sich dem Hofe gegenüber verpflichtet, eine reaktionäre Politik zu verfolgen. Ein neuer Ausbruch der Revolution wird in Kronstadt befürchtet. In Riga besteht eine wahre Schreckensherrschaft. Auf offener Straße werden Gewalttätigkeit von rev. Banden verübt. Ein Angriff auf eine Bank führte zu einem blutigen Kampf. Der Kreischef von Wenden wurde von Revolitionären durch 3 Revolverschüsse schwer verwundet. Das Zentral-Komitee der sozialen Revolutionäre habe erklärt, daß die Partei infolge der Einberufung der Duma beschlossen hat, die terroristische Tätigkeit bis auf Weiieres einzustellen. Die Partei habe mit der Sewastopoler Bomben-Affäre nichts zu tun. Es wird allgemein angenommen, daß der Sewastopoler Anschlag ein Werk der Anarchisten sei Anarchisten dürften auch die E r m o r d il n g d e s A d m i r al s Kusmitsch in Petersburg ausgeführt haben. Kennzeichnend für die Zustände ist, daß ein Offizier des Linienschiffes „Tri Swjatiteli", Selbstmord verübt hat, well er, wie er sich äußerte, verzweifelte über den meuterischen Geist der Mannschaft. Zu dem kürzlich gemeldeten Rigaer Schiffsunglück erfährt man noch von einem Augenzeugen, daß das Unglück noch weit schlimmer war, als berichtet wurde. Die Zahl der Opfer betrug etwa 170. Das Schiff schlug infolge einseitiger Ueberlastung um. Nur wenige Personen wurden gerettet, darunter der Kapitän und zwei Kinder. Ar-sSsnd. London, 5. Juni. Das BlattObseroer bringt folgende erstaunliche und wohl nur als „Versuchs-Ballon" aufzufastende Nachricht: Wir hören, daß als Ergebnis der Reise des Königs nach Griechenland möglicherweise eine Regelung der Kreta frage in folgender Weise vor sich gehen wird. Griechische Soldaten würden an die Stelle der gegenwärtigen internationalen Garnison treten. Die Suda- Bei würde an England fallen und Prinz Georg dürfte, sobald er sich zurückzieht, Gouverneur von Cypern werden. Bis jetzt ist nicht bekannt geworden, daß die Mächte, die die Autonomie Kretas unter der Suzerenität des Sultans einsetzten, um ihre Einwilligung zu einem Projekt befragt worden wären, das über die Hoheitsrechte des Sultans hinweggeht und England in der Suda-Bei einen der besten Kriegshäfen, wenn nicht den besten im Mittelmeer überläßt. Die Suda-Bei würde eine ausgezeichnete militärische Basis für alle Eventualitäten sein, sei es in Egypten oder im Suez- Kanal. Auch die Ernennung des Prinzen Georg zum Gouverneur des zwar englischen, aber dem Sultan tributären Cypern würde etwas ungewöhnliches sein, da der Prinz damit einfach in englische Dienste treten würde. — Der Krieg gegen die Aufständigen in Natal scheint in vollem Gange zu sein. Eine englische Abteilung und der Oberst Mackenzin wurde von Zulu-Negern in der Nähe von Nkandha angegriffen. Trotz des vernichtenden Feuers der Engländer kamen die Neger an diese heran. Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf die Wilden versuchten, den Engländern die Gewehre aus den Händen zu reißen. Schließlich wurden die schwarzen Ausständigen trotz ihrer Tollkühnheit in die Flucht getrieben. Ueber 100 Zulus blieben als Leichen auf dem Kampfplatz, während einige Hundert verwundet wurden. Die englischen Verluste bezifferten sich auf vier Tote und sieben Verwundete. — Nach Meldungen aus Tokio soll der Auf stand in Korea gegen die japanische Oberherrschaft einen bedeutenden Umfang angenommen haben. Das Zentrum der anti-japanischen Bewegung scheint Hongju zu sein, das von einer Mauer umgeben ist. Die Japaner sprengten das Nordost-Tor mit Dynamit und besetzten die Stadt, nachdem sie die Koreaner in die Flucht getrieben hatten. 60 wurden getötet. Die Koreaner rächten sich, indem sie 30 japanische Einwohner der Stadt ermordeten. Paris, 5. Juni. Die Entscheidung der Bischofs- Versammlung, die sich mit 50 gegen 24 Stimmen für die Unterwerfung unter das Gesetz betreffend die Trennung von Kirche und Staat erklärte, war allgemein erwartet worden. Newyork, 5. Juni. In Oregon wurde das ifrauen»' stimmrecht durch Volksabstimmung eingeführt. lFrkf. Zig.) Das neue Exerzierreglement für die Infanterie. Aus dem bei dem Gießener Jnfant.-Regiment zuerst erprobten neuen Ererzierreglement für die deutsche Infanterie bringt die Zeitschrift für die Offiziere des Beurlaubtenstandes Mitteilungen über die „geöffnete Ordnung", wie jetzt das bisherige „zerstreute Gefecht" genannt wird. Diesen Mitteilungen ist folgendes zu entnehmen: Die H a u vt k a m p f f o r m der Infanterie ist die geöffnete Ordnung, b. b. das Bilden, Bewegen und Kämpfen von Schützenlinien. Ter Soldat ist in der geöffneten Ordnung nickt peinlick an einen bestimmten Platz, an die straffe Haltung des Körpers und die Handhabung des Gewehrs durch die vorgesckriebenen (Griffe gebunden, aber Geschicklichkeit im Gebrauch der Schußwaffe und in der Ausnützung des Geländes, Selbsttätig- keit und unausgesetzte Aufmerksamkeit auf den Gegner und Führer werden um desto mehr gefordert. Sorgfältige Einzelausbildung soll als sichere Grundlage für die Leistungen der Truppe im Geleckt die ganze Dienstzeit hindurch betrieben werden. Die Einzelausbildung soll sich auf alles, was im Schützengesecht irgendwie in Betracht kommen kann, erstrecken: richtige Verwertung der Waffe, Beurteilung und Ausnutzung des Geländes, Sehen und Erkennen von Zielen, Sätzen von Entfernungen usw. Bei der Ausbildung des elnzelnen Mannes als Glied einer Schützenlinie in der Rotte und in der Gruppe handelt es sich darum, die verschiedenen Arten des Schwärmens, das Sammeln und Antreten, die Bewegungen einer Schützenlinie, verbunden mit Erweitern und Verringern der Zwischenräume, das sprungweise Vorgehen und Kriechen, Einnekpnen einer Stellung, Laden und Anschlägen unter den verschiedensten Verhältnissen, die Feuerarten, Feuerleitung und Weitergabe von Befehlen in der Schützenlinie eingehend zu üben. Für das Ausbildungspersonal resultiert daraus eine Fülle von Arbeit. An den Gruppenführer treten jetzt ganz erheblich gesteigerte Anforderungen heran; er ist der „Gehülfe des Zugführers und zugleich der selbsttätige, verantwortliche Führer seiner Gruppe". Ebenso hat der Zugführer erhöhte Ausgaben. „Ter Zug bildet in der Regel die Einheit für Führung und Feuerleitung in der gc- öffneten Ordnung". Dem taktischen Beurteilungsvermögen des Zugführers wird ebenso wie seiner Selbständigkeit und Entschlußfähigkeit ein viel größeres Gebiet überlassen als bisher. Hinsichtlich der W i e d e r h e r st e l l u n g v o n V c r b ä n d e n unterscheidet das neue Reglement zwischen „Zusammenschließen", „Sammeln" und „Antreten". Das „Zusammenschließen", das in der Regel nur in der Bewegung geschehen kann, besteht darin, daß Gruppen, die stark gelitten haben, mit Rachbargrnppen unter einheitlicher Führung sich allmählich ohne weiteres vereinigen. Das Sammeln dagegen soll, wenn das Gefecht die geöffnete Ordnung nicht mehr erfordert, schnell geschehen. Wenn im Lause des Gefechts neue Verbände geschaffen sind, so bleiben sie so lange bestehen, „bis sich Gelegenheit bietet, „antreten" zu laffen"; es werden dann mit oder nach dem Sammeln die ursprünglichen Verbände wieder hergestellt. Für die Entwickelung innerhalb der Kompanie regelt der Kompagnieführer durch Befehle die Verwendung und das Zusammenwirken der Züge, es sei denn, daß ausnahmsweise die ganze Kompagnie sich entwickeln müßte; in diesem Falle kommandiert er: „Ganze xte Kompagnie — schwärmen !" Im übrigen aber befiehlt er, welcher Teil der Kompagnie schwärmen soll, und gibt ihm wie dem noch zurückbehaltenen Teil die nötigen Einweisungen. Ter Unterstützungstrnpp, oder, wie cs jetzt hinsichtlich des zurück- qehaltenenen Teils der Kompagnie einfach heißt, „die Unterstützung" hat im wesentlichen dieselben Ausgaben tuic früher. Aber die Art, wie die Unterstützung geführt werden soll, ist je nach der feindlichen Feuerwirkung und nach dem Gelände verschieden. Bei all diesen Aenderungen wird immer wieder betont, daß der Form stets das Wesen vorangestellt werden soll. Aus Stadt und L S D O SZ r-4« cs CD *0 or ck) n ®i'So Hiebei 9e.votbenÖbet S 9cille 11t unk •, ei,nb am 5 ^.Lauter. '5,,,U das •Ä,*» »■ ä* 'Qrcelnnft , be. unS »«taufte, S""" AuSwZ '6il Neni[^ tagt &me bf“LS 9,te9enen “ *,e'Ne plötzlich -laWelche wurde zer. ^?°kalpstür I «-Miengesellsc^st fu'ier Vauer er- 0 einen Schuß lebens- ?en des Mädchens das en tvollten. — Bei der falschen Seite ?der durch den Expreß, mbec wurden schwer Kjall hat sich zwischen sausen der Lehrter rtige KaufmMnswitwe en Lohn während der ^upe. Schwer versetzt Nanlenhause in Rathe- he ist die Kaufmanns- lugsburq durch herab- ht worden. ce & -tß riz. Uhmeyer • ■ • riz. Schlickert, ■ reilcr Berede1' w nkireben Ber?wer . - inr?-Amenk. Wjyeo ,ner Ber^k- ■ 249 00 Gießencr landwirtschaftlicher Wetterdienst. Doraussichtliche Wiltcrnua in Hessen für Donnerstag, den 7. Juni 1906: Andauernd heiter und trocken. Für bic nächsten Tage langsame Erwärmung, auch Nachls wärmer. bläyeres durch die Gießener Wetterkarte. Universitäts-Nachrichten. Würzburg, 5. Juni. Tie Beisetzung des Professors Schell gestaltete sich zu einer imposanten Traueueier. Rektor. Navari nannte ihn den populärslennenzeitlrchenTheologen. Fakultäts- Dekan Weber schilderte die apologetische Wirksamkeit und der Erzbischof von Bamberg pries die Liebe Schells zur Mitwelt. ihntte 130.30 l. Lloyd - ■ • * / 131.00 schles. Eisen-Ininst ner Handel^ ]4250 Städter Bank - - yzg go ,che Bank - ' ' jrs.00 g^.Asiat- Bai, ' jßß.25 Önto-Ko®wandl' ' ‘ 160.80 Sner Bank ■ ‘ "211.60 = iS 7 w» & M C6 2 CD rs ao UD ro .69 5 CD Ö7 CrQE Juni 1906 Barometer auf 0° reduziert Tenweratur der Luit Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Wetter 5. 2“ 754,3 13,0 7,5 66 NW 2__ Bed. Himmel 5. 9" 754,5 11,6 6,5 7,7 76 9 Klarer „ 6. 7” 755,9 6,8 83 • 2 Sonnenschein r—• - "CP 0 ■ur* cz ro ZZ *■0 WS Jun gliche V.: SS i 1 s -Ti 5 § O 0 ~ -Zu * O s> s S •CT Jt - “f1? ' ■ v ' V Ä ’ - V 1, ■ König!. Preuss. Klassen-Merie Ziehung L Klaffe 9. und 10. Juli */10 Los Vs Los V* Los Vs Los Vi Los Mk. 4 Mk. 5 Alk. 10 Mk. 20 Mk. 40 Die reservierten Lose können bei mir in Empfang genommen werden. BuWr, .toiiWi HrechisAr Lsttkrie-NVehuier. Gießen, Neuen-Bäue 11. 3504 Statt Karten Emmy, geb. Hanstein. 04049 / Die Geburt eines gesunden Mädchens beehren sich anzuzeigen Dieburg, 4. Juni 1906. Lehramts-Assessor Stein und Frau 1 W sag 8 26. Kahntnl-Särigervimdessest ?n Gießen Vom 7. bis 9. Juli 1906. Der Bedarf an Getränken (Flaschen-, Schank- und Schaum-Weine, sowie Selterswasser und Limonade) soll vergeben werden. Bedingungen liegen bei Unterzeichnetem zur Einsicht auf. Angebote werden bis zum 18. d. M., abends 6 Uhr, erbeten. Der WirtfchaftS - Ausschuß: v6/6 L. Althofs, Vorsitzender. .gl. Prenss. Klass.-Lotterie Ziehung!♦ Klaffe 9. und 10 Juli Die reservierten Lose können bei mir in Empfang genommen werden. glimm, Köchl. Prech. Lottekie-EiiinehAkr Gießeu, Walltorstraße 63. 3496 V10 V, V. V, Vi Alk. 4 Mk. 5 Mk. 10 Mk. 20 Mk.40 per 1. September für den Verkauf von Damenkonfektion von einem hiesigen feinen Modewarengeschäft gesucht. Es wollen sich nur solche Damen melden, welche über prima Zeugnisse verfügen und eine gute Figur besitzen. Schriftliche Meldungen mit Beifügung der Photographie nebst Zeugnis-Abschriften und Angabe der Gehaltsansprüche unter 3492 an den Gießener Anzeiger erbeten. F z* e i Es n Schweinefleisch 55 Pfg. Rindfleisch 56 Bfg. >B6/a Ein gebr. Motorrad, garant. tadellos funktionierend, billig zu verkaufen Walltorstr. 71. >04052 schwarzer Teüelhunü zu ver- kaufen. Preis 12 Mark. 04047, Gr. Mühlgasse 10. TvbcmliüHiiisEer, Rüde, 11 Monate, 2 mal prämiert, zu verkaufen. 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