Nr. 232 Zweites Blatt 156. Jahrgang Mittwoch 3. Oktober 1906 Erscheint O-lich mit AuWahme deS SonntagS. Die ..Gttßener $amilkn?iättttM werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter «Helfis-« Landwirt" «scheint monallich einmal. Eichener Anzeiger Rotationsdruck und Verlag der Vrühl*fch« Universitätsdruckerei. R. Laag«, Redaktion. ExvedMon ».Druckerei: Schulstr.U, Tel. Rr. 6L Lelegr^Adr. t Anzeiger Gtetze«. General-Anzeiger, Amt;- nnd Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. politische Tagesschau. Zum Fall Korell wird uns auS Kreisen der oberhessischen Geistlichkeit geschrieben: Es dürste weitere Leserkreise interessieren, welche Stellung die sog. F r i e o d e r g e r K o n s e r e n z (meist .liberal gerichtete Theologen) zum Fall Korell genommen hat. Sie deckt si ch in l t dem Standpunkt des Gießener Anzeigers nahezu: t . In der Vorstands-Sitzung stiimnte man darin überein, „das; die disziplinäre Seite des Falles der Beurteiluiig der Kon= sercnz nicht unterstehe, daß man sich vielmehr aus eme grundsätzliche Aeilßeriing darüber beschränken müsse, was hinsichtlich der Etellimg des Pfarrers zur Sozialdemokratie und zii den Sozial- deinokralen angemessen erscheilie. Dabei wurde betont, das; es dem Vorstand sernliege, sich zum Herrn fremder Geivissen zu machen". Ter Vorstand war mit allen gegen eine Stimme der Ansicht: 1. „Angesichts der Schärfe und Tiefe der politischen und sozialen Gegensätze unserer Zeit erscheint es für beit evangelischen Ge ° mei ndepfarrer nicht ratsa m, eine f ü hrende Rolle indem politischen und w i r t s ch a f t l i ch e n K a m p f e z ii spielen, insbesondere in den Wahlkampf einzutreten, da er dadurch das n o t ro e n t> i g e Vertrauensverhältnis zur Gesamtheit der Gemeindeglieder zu f ch ä d i g e n in Gefahr steht." 2. „Der Pfarrer hat auf G r u n b seines Amtes nur die eine Aufgabe, allen Gliebern seiner Gemeinde ohne Rücksicht auf die Parteizugehörigkeit den Weg des Evangeliunts zu zeigen." In den „Neuen hessischen Volksbl." lesen wir heute: Die Synodaleit Köhler-Trebur und Schlaub-Offcnbach haben solgettde Interpellation zum Fall Korell eingebracht: „Ist bei dem Verfahren der Hoheit Kirchcnbchörde gegen Pfarrer Korell in Konigstätlett ihr Erlaß vom 4. Dezember 1849 betr. B e - wahrung desDien st gehet mnifses verletz t w orde n, und wenn dies zutrifst, hat hohe Kirchenbehörde bereits Schritte getan oder welche gedenkt sie zu tun, um Wiederholungen in der Zukunft vorzubeugen?" Wie erinnerlich, ist der Verweis, der Korell zuteil wurde, nicht öffentlich erfolgt, aber doch alsbald der Presse bekannt geworden. Deutscher Reich. Rominten, 2. Okt. Staatsminister v. Podbielski ist heute filier beim Kaiser eingctrosfen. Berlin, 2. Okt. Die Einzeletats für 1907 sind jetzt von den Ressortministerien des Reiches im großen und ganzen ausgestellt worden unb unterliegen der Prüfung des Reichsschatzamtes. Der Etat für ein selbständiges Reichskolonialamt wird dem Reichstag ziemlich unverändert wieder vorgelegt werden, desgleichen der Weiter- sührung der Eisenbahn Lü d er i tz b u ch t — K u b u b nach Keetmanshoop. Ter Etat für die südwest- afrikanische Expedition wird wesentlich wegen der Verminderung der Truppenzahl herabgesetzt werden, der Etat für die o st asi atisch e Expedition erscheint nach Rückziehung der chinesischen Besatzungsbrigade überhaupt nicht mehr. Die Bedürfnisse der noch in Ehina stehenden Truppen werden aus anderen Etats gedeckt. Der Bundesrat wird sich Ende Oktober mit der Etatsberatung befassen. — In den Räumen der Berliner Handelskammer trat heute die Internationale Law-Assoeiation zu ihrer 23. Versammlung zusammen. Staatssekretär Dr. Jlleberding sagte, der Reichskanzler iverbe stets die Bestrebungen der International Law-Assoeiation, die auf Ausgleich unter den Rechtsanschauungen der Kulturvölker gerichtet seien, nach Kräften unterstützen. Die Versammlung wählte den Reichsbankpräsidenten Dr. Koch 'zum Präsidenten. In der Nachmittagssitzung sprach zunächst Professor v. Martitz über Minenlegung im Seekriege. Er führte aus, die Auslegung verankerter See- mineu fei nach den bestehenden Völkerrechtsgebräuchen kein verbotenes Kriegsmittel, dagegen könnten treibende Minen auf keinem Teile des Weltmeeres, auch der Küstenmeere nicht, geduldet werden, da sie die Sicherheit der Schiffahrt auch außerhalb des Kriegsschauplatzes und nach Beendigung des Krieges aufs höchste gefährden. Daher rechtfertige sich der Wunsch, daß ein all gemeines Verbot die Verwendung treibender M'inen in Seekriegen durch vertragsmäßiges Einverständnis der Seemächte ausgesprochen werde. — Kapitänleutnant Frhr. v. Senarelens-Graney hat die Adjutantengeschäfte bei dem Staatssekretär von TirPitz übernommen. — 60000 Mark erbittet Stöcker im „Reich" mit Rücksicht auf die soziale Gefahr. „Später wird über die Verwendung Mitteilung gemacht werden, jetzt ist das noch unmöglich." Nach dem weiteren Inhalt des Aufrufs scheint Stöcker insbesondere eine Stärkung der christlichnationalen Arbeiterbewegung im Auge zu haben. — Gegenüber anders lautenden Andeutungen der Presse wird der „Deutschen Tagesztg." mitgeteilt, daß zurzeit kerne Aenderung der geltenden Bestimmungen über den Grenzschutz gegen Viehseuchen beabsichtigt ober geplant sei. — Für den Massen aus tritt der polnischen Arbeiter aus den sozialdemokratischen und christlichen Gewerkschaften wird von polnischer Seite agitiert. Das Berliner politische Polenkomitee hat beschlossen, die polnischen Gewerkschaftskartelle in Posen, Beuthen und Bochum aufzufordern, sich zu einem poln. Gewerkschaftsverbande zusammenzuschließeii, dem dann auch dre polnischen Arbeiter Berlins und der Provinz Brandenburg angegliedert werden sollen. — Der Kriegszustand in den aufständischen Bezirken von Deutsch-Osta frika ist aufgehoben . worden. Heer rrird Flotte. Wien, 2. Okt. Die „N. Fr. Pr." meldet: Der Ehef des Generalstab-es Gras Beck hat sein EntlassungS- gesuch^eingereicht, das auch genehmigt worden ist. Zum Nachfolger Becks ist der Unterchef des Gmeralstabes, Feld- marschalleutnant Potierek in Aussicht genommen worben. Es verlautet, daß der Schxllt des .Grafen Beck .in Verbindung zu Bringen ist mit einer Meinungsverschiedenheit, die bei den dalmatinischen Manövern zwischen dem Erzherzog Franz Ferdinand und dem Grafen Beck hervor- getreten sein soll. Ausland. Lo ndo n, 2. Olt. Wiederum wird angefünbigt, daß w ich- tig e Aenderungen in der Organisation der Armee durchgeführt werden sollen. Diesmal handelt es sich um die Miliz, die sehr verbessert werden soll, um eine tüchtige Reserve zu bilden. Die Miliz soll 10 neue Batterien der Feldattillerie erhalten. Außerdem hat der Kricgsminister die Absicht, eine Vorlage cinzubringen, welche bestimmt ist, die Verwendung der Miliz auch im Auslande zu legalisieren. Bisher durfte die Miliz nur für die Verteidigung des eigenen Landes herangezogen werden. Wien, 2. Okt. Der Wahlresormausschnß des Abgeordnetenhauses verhandelte über den von Schlegel (Ztr.) gestellten Antrag auf Einführung der Wahlpflicht nach belgischem Muster. Im Lause der Debatte erklärte der Minister des Innern Freiherr von Biencrth, die Regierung verkenne keineswegs die Vorteile sowie die ethische Bedeutung des Gedankens der Wahlpflicht, da durch diese Vorteile die einzelnen Parteien in der Wahlagitation aufgehoben und der Gedanke der Wahlrechtsgleichheit verwirklicht würde. Dem Gedanken ständen Schwierigkeiten entgegen, da zunächst durch die Wahlpflicht in der Gesetzgebung ein dem allgemeinen Rechtsgcfühl wenig vertrauter Begriff Anwendung fände und da sich ferner eine Belastung der,Bevölkerung sowie zahlreiche Strafprozesse ergeben würden. Die Regierung glaube deshalb, dem Ausschüsse die Entscheidung überlassen zu sollen. Falls die Mehrheit des Ausschusses einer Stipulier- ung der Wahlpflicht geneigt wäre, würde die Regierung dem Vermittelungsantrage Gcßmanu den Vorzug geben, durch den das Prinzip und die Grundzüge der Wahlpflicht durch Reichs- gesetz sestgelegt, die Durchführung der Grundsätze aber dem Landtage überlassen würden. Der Ausschuß setzte einen Unterausschuß zur Beratung des Antrages ein. FruMch-^ — Auf dem der Fürstin Wjazemska gehörigen Gute Karbiua im Kreise Bender verbrannten Bauern 27 000 Pud Weizen. Auf dem Gute Pentschewo im Kreise Tiraspol zwangen bewaffnete Bauern den Gutsbesitzer, ihnen 3000 Rubel auszubezahlen, und verteilten die Summe unter die notleidenden Dorfbewohner. In Borisowla im Gouvernement Kursk wurden aus dem Postamt Gewehre gestohlen. Deshalb ließ der Oberst Litiwinow Artillerie ausrücken und den Ort von Truppen umstellen. Er kündigte an, hie Ortschaft werde zusammengeschossen, wenn die gestohlenen Gewehre nicht wieder zur Stelle gebracht würden. Unter den Einwohnern entstand eine Panik. Der Ortspfarrer beruhigte die Einwohner mit der Versicherung, es werde ihnen nichts geschehen, da mehrere Kirchen im Orte seien und in einem christlichen Lande niemand wagen dürfe, christliche Gotteshäuser zu beschießen. Der Pfarrer wurde deshalb wegen Aufreizung der Bevölkerung zur Widersetzlichkeit sofort seines Amtes enthoben. In Bieliee im Gouvernement Kursk stahlen infolge Hungersnot Bauern aus einem Proviantmagazin Getreide, nachdem sie vergeblich die Behörden um Hilfe gebeten hatten. Es wurden deshalb gegen die Bauern Kosaken aufgeboten, welche zwei Bauern erschossen und viele verwundeten. Der Ortspope beklagte in seiner Predigt dieses Vorgehen und wurde deshalb wegen Aufwiegelung verhaftet. Da sich indeß Anhaltspunkte zu einem Vorgehen gegen ihn nicht ergaben, wurde eine neue Anklage gegen ihn erhoben, weil er ohne Bewilligung der Behörde zu Agitationszwecken die Thronrede des Zaren in der Kirche verlesen und einen Dank-Gottesdienst für die Eröffnung der Duma abgehalten habe. Der Pope wurde in ein Buß- Kloster geschickt. In Z e h e e w (Polen) überfielen Banhiten das Gut Relenow, mordeten und plünderten. In der Warschauer Zitadelle wurde der Revolutionär Friedrichowsky gehängt. Einem M o r d a n s ch l a g e ist in Batum der Verwalter der Niederlage der Nobelwerke, Hager, zum Opfer gefallen, der zugleich schwedischer Vizelonsul "ist. Als er zu Wagen eine Vorstadt von Batum passierte, wurde er durch Revolverschüsse tödlich verletzt. Er starb bald nach seiner Einbringung ins Spital. Der Mörder entkam. In einer Sitzung des Militärgerichtes zu Tschabad tötete ein Unbekannter den Staatsanwalt durch Revolverschüsse. Ein Offizier gab aus den Täter F^uer und verwundete ihn tödlich. Das Zentralkomitee des „Verbandes des russ. Volkes" in Odeff a verbreitet eine scharfe Protestschrift gegen seinen Vorsitzenden Grafen Kvuownizyn, deckt große Mißbräuche und Unterschlagungen auf, die von seinen Günstlingen straflos begangen wurden, und schreibt ihm die Schuld an den Ausschreitungen der sog. „Weißen Garde" zu. Unter den Verbandsmitgliedern ist Spaltung einge- treten. Aus S.aot mio »uuo. Sprechstunden der Redaktion 11—1 Uhr vorn., 1/27—1/28 Uhr abds. Gießen, den 3. Oktober 1906. * * Personalien. S. K. H. der Gr 0 ß he r z 0 g haben den Oberlehrern D.Dr. Erwin P re tisch en am Ludwig Georgs-Gymnasium zu Darmstadt, Karl Berger oni Neuen Gymnasium zu Darmstadt und Dr. phil. Adam Klassert an der Realschule zu Michelstadt i. O. den Charakter als Professor erteilt. • * Neuer Zug Gieß eu-Lan g - Göns und zurück. Seit 1. Oktober verkehrt zwischen Gießen und Lang-Göns vormittags noch folgender Pers 0 it enzu g: Ab Gießen 6.40 Uhr, in Großen-Lmden 6.51, an Lang-Göns 6.58, ab Lang-GönS 7.20, in Großen-Linden 7.28, an Gießen 7.37 Uhr. "Eine der brennendsten Tagesfragen, die Elscnba hnrefornt, wird auf Veranlassung des Kaufmännischen Vereins und des O rts gew e r b e 0 er e i ns eine Autorität auf diesem Gebiete, Professor Dr. Eduard Engel aus Berlin (bekannt unter dem Namen »ZonenEngel"), int Hokel zum Neuen Saalbau am 12. Oktober behandeln. Der Redner, der vor Jahren brreits hier einen Vortrag hielt, hat damals seinen Hörern einen lehrreichen und interessanten Abend bereitet und wird zweifellos bei dem Interesse gerade für diese wichtige Tagesfrage ein voll besetztes Haus erwarten dürfen. Ter Vortrag kann, worauf wir besonders Hinweisen, von Nichtmitgliedern der beiden veranstaltenden Vereine besucht werden. — Just heute erhielten wir vom Verlage G. Freytag in Leipzig die von Prof. Engel soeben herausgegebene zweibändige „Geschichte der deutschen ßitteratur' zur Besprechung (Preis 12 Mk.), über die wir heilte indes noch nichts zu sagen vermögen. Auch als Herausgeber einer bei I. Baedeker in Leipzig in mehreren Auflagen erschienenen englischen Litteraturgeschichte hat sich Pros. Engel einen hervorragenden Namen gemacht. Staatliche Pensionsversicherung der Pri- vatbeamten. Aut Sonntag trat im Saale des Kaufmännischen Vereins zu Frankfurt a. M. eine zahlreich beslichte Telegiertenversaulmlung zusammen, in welcher 46 Korporationen von Hessen und Hessen-Nassau über die Schaffung einer Arbeitszentrale in diesen Provinzen berieten. Der Referent Karl Fischer-Offenbach schilderte auf Grund eines reichen statistischen und seit langen Jahren bearbeiteten Materials den gegenwärtigen Stand der staatlichen Pensionsversicherung und riet zu einer intensiven Arbeit einzelner dem bestehenden Hauptausschtiß anzugliedernder Arbeitszentralen, welche bis zum Jahre 1910 in allen Punkten zweckentsprechende Bestimmungen treffen sollten. Laut einstimmigen Beschluß wurde hieratlf dem Vorschlag stattgegeben und ein ständiger Ausschuß mit Sitz in Frankfurt a. M. unter dem Vorsitze von Karl Ludwig Schäfer-Frankfurt a. M. und Karl Fischer- Offenbach gewählt. * * Schützenverein. Am Sonntag und Montag hielt der Schützenverein sein diesjähriges Abschießen auf seinen Schießständen am Schützenhause ab, das sich an beiden Tagen einer recht lebhaften Beteiligung erfreute. Ueberhaupt ist der Schützenverein in diesem Jahre rüstig vorwärts geschritten, wenn man von den Erfolgen,, die seine Mitglieder auf den Schützenfesten in Büdingen, Grünberg, Haiger, Laubach und Wetzlar erzielt haben, einen Rückschluß auf die Tätigkeit des Vereins ziehen darf. Am Montag abend fand im Saale des Schützenhauses die Preisverteilrmg durch den Schützenmeister statt. Zunächst überreichte Oberschützenmeister Brück mit einer entsprechenden Anrede die von dem Verein neu als Wanderpreis für den besten Schützen deS Jahresschießens gestiftete Königskette Herrn Rechtsanwalt Kaufmann, der damit daS Recht erwarb, sie bis zum Abschießen des nächsten Jahres zu tragen. Die weiteren Preise verteilte Schützenmeister Kilbinger. Es errangen erste Preise auf der Festscheibe, zu der Herr Karl Brück in München wertvolle Gaben gestiftet hatte, Herr Restaurateur Bues, auf laufendes Wild Herr Fritz Seibel, auf 100 Meter Auflegestand Herr Schreiner, auf 175 und 300 Meter Freihandstand Schützenmeister Kilbinger. Nach der Preisverteilung, der auch einige Damen von Mitgliedern und Freund des Vereins beiwohnten, hielten musikalische unb humoristische Vorträge die Teilnehmer noch lange beieinander, und es zeigte sich, daß der alte Geist der Freundschaft und Zusammengehörigkeit int Schützenverein noch vorhanden ist. • • Besitzwechsel. Die Dampf Wäscherei Edel- weiß wurde heute von Frau Treppinger Witwe an den Kaufmann Friedrich Wörner verkauft. Der Kaufpreis beträgt 120 000 Mk. • Der Fall Heinzerling. In Sachen des ehemaligen Sparkafferechners Heinzerling von Butzbach wegen Unterschlagung steht neuer Verhandlungstermin vor unserer Strafkammer am Samstag, 13. Oktober, 7^ Uhr vormittags. Bekanntlich sollte die Strafsache bereits vor den Ferien abgeurteilt werden, doch erklärte in der damaligen Verhandlung der 2(ngef(agte, entgegen seinem in der Voruntersuchung gemachten glatten Geständnis seiner Schuld, bafr der größere Teil der von ihm begangenen Unterschlagungen im Jahre 1900 geschehen und somit für die Strafverfolgung bereits verjährt seien. Der Vertreter der Anklage, Staatsanwalt Hoos, beantragte damals die Vertagung, nm in einer neuen Verhandlung durch Zeugen den Beweis zu erbringen, daß Heinzerlings Behauptungen den Tatsachen nicht entsprechen. § Sich enhausen, 1. Okt. Gestern sand die Einweihung unseres neuerbauten Sch ul Hauses statt. Das Dorf war festlich geschmückt, eine Fichtenallee voM alten Schulhause nach dem neuen nahm sich gut aus. Eine Ehrenpforte mit dem bekannten Schillerworte: „In den Ozean schifft mit tausend Masten" hatte man am Eingänge zum neuen Hause errichtet. Als Vertreter der Behörde waren anwesend Geh. Regierungsrat Schönfeld, Kreisamtmann Haberkorn, Kreisschulinspektor Feuerbach-Schotten, sowie die Herren der Bauleitung. Um 2hs Uhr versanv- melten sich die Festteilnehmer vor dem alten Schulhause. Die Schulkinder sangen das zweistimmige Lied: „Lobe den Herrn", worauf Lehrer Gaul prächtige Worte des Abschiedes sprach. Ein stattlicher Festzug, voran eine Kapelle, setzte sich in Bewegung nach dem neuen Schulgebäude. Nach Absingen des Liedes: „Lobt froh den Herrn" hielt Pfarrer D 0 lf-Herchenhain die Weiherede über das Psalmwort: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht". Verschiedene Ansprachen, sowie die übliche Schlüsselüber-- reichung folgten. Das in allen Teilen sorgfältig vollendete Haus, wurde alsdann besichtigt. Es ist ein aus Basalt aufgeführtes Gebäude, Lehrerwohnung und Schulsaal sind vollständig getrennt, und kann in jeder Beziehung ein Musterschuthaus genannt werden. Die mit Sorgfalt a,us- gesührte Bauaufsicht wurde von Kreisstraßenmeister Schäser- Gedern geführt. Mit der 'Lchulhauseinweihung war zugleich Kirchweihe verbunden, wodurch der gemütliche Dell recht zur Geltung kam. Alsfeld, 2. Okt. Gestern nachmittag fand im Hotel „Deutsche? Haus" das AbschiedSeffen des von hier scheidenden KreisrateS Dr. Melior statt. Hieran beteiligten sich die Stadtbehörde, sowie höhere Beamte von Alsfeld und Bürgermeister des Kreises Alsfeld, im ganzen 95 Personen. — Gestern abend konnte man hier dem empörenden Benehmen eines 13 jährigen Knaben zuschauen. Ein Fabrik- Arbeiter hatte noch einige Besorgungen in der Stadt zu machen und fuhr gegen 8 Uhr über den Roßmarkt. Als er an die Kreuzung der Straßen Roßmarkt-Baugasse kam, lief ihm ein Junge vor das Rad und rief ihm zu: „ei schell doch mal, schell doch", und lief ganz ruhig weiter vor dem Rad herum. Der Fahrer, ein älterer Mann, mußte ihm auSweichen und fuhr nach der Fußsteigseite zu, fuhr wider ihn, verlor hierdurch das Gleichgewicht, kam zu Fall und brach beide Knöchel. Dank deS raschen Erscheinens des Herrn Dr. Weber konnte der Verunglückte sofort verbunden werden. Nach Anlegen deS Verbandes wollte man ihn in das städt. Hospital verbringen, was er ober nicht wollte, und so mußte man ihn mit Wagen nach Hause, nach dem eine Stunde entfernten Auenrod bringen. — Derartige Belästigungen von Radfahrern kommen hier öfters vor, man braucht nur einmal die Schellengaste hinunter zu fahren. Es ist gut, daß wenigstens bei diesem Fall einmal Augenzeugen zugegen waren, die die Sache hoffentlich tatkräftig vertreten. Sehr am Platze wäre eS, daß von den Lehrern und Eltern energische Ermahnungen an ihre Schüler resp. Kinder gerichtet würden. x AuS der Wetterau, 2. Okt. Die Zuckerfabrik bei Friedberg-Fauerbach hat gestern ihre Winterkampagne begonnen, die sehr günstig zu werden verspricht. Die Zuckerrüben sind in der gesamten Wetterau vor- züglich geraten und haben infolge des sonnigen, trockenen Nachsommers einen hohen Zuckergehalt. Täglich treffen ganze Eisenbahnzuge mit Rüben ein neben zahlreichen Wagenfuhren, sodaß ein hoher Zuckerrübenberg an der Fabrik lagert R. B. Darmstadt, 2. Okt. Die militärischen Posten, die bisher vor Gebäuden oder Anstalten von Zivilverwaltungen Wache standen, sind durch eine Kaiserliche Kabinetsordre teilweise aufgehoben worden. Die Kabinets- ordre ist am 1. Oktober in Kraft getreten. In Darmstadt wurden die Posten vor dem Hoftheater und vor der Hauptstaatskasse eingezogen und durch Zivilwächter, im letzteren Falle die Wach- und Schließgesellschaft, ersetzt. Die Schilderhäuser vor diesen Gebäuden werden entfernt. Demnächst sollen auch die militärischen Posten in und vor den Zivilgefängnisten, Arresthäusern usw. eingezogen werden, wie verlautet zum 1. Oktober 1907. Diese Posten werden durch bewaffnete Gefängniswärter ersetzt, deren Zahl dementsprechend vermehrt wird. [] Marburg, 2. Okt. Die Belohnung für Auffindung des seit dem 18. Juni vermißten 21 Jahre alten Kaufmanns Louis Prink ist jetzt von 600 Mk. auf 1000 Mk. erhöht worden. Man glaubt, daß der junge Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. — Gestern wurde der zweite Teil der im Bau begriffenen Bahn Bertwig-Frankcn- berg, nämlich die Strecke Steinhelle-Winterberg, in Betrieb gesetzt. fc. Hanau, 3. Okt. Die Dunlopkompagnie hat auf dem Lehrhof bei Hanau drei Neubauten auSgeführt. Heute vormittag riß der Sturm die Steinbedeckung des einen Hauses herunter und verschüttete die Arbeiter. Die Taglöhner Aug. Albach und Franz Abraham, sowie der Fuhrmann FrieS wurden getötet, drei weitere Arbeiter schwer verletzt. ** Kleine Mitteilungen ans Hessen und den Nachbarstaaten. In der Arbeiter-Kolonie Neu- Ulrichstein wurden im Monat September 17 Arbeitslose ausgenommen, während 20 Abgänge zu verzeichnen waren. Ter Bestand stellt sich am Ende des Monats auf 39 Mann. — In Frankfurt a. M. hielt die Polizei zwei 14jährige Bursche n fest, die sich als Durchbrenner aus der Gegend von Kopenhagen entpupptem Sie hatten 500 Mk. gestohlen und wollten nach der Schweiz reisen um dort zu jagen. — In Nieder-Erl enbach wurde gestern nacht eine Stute im Werte von 1500 Mk. aus dem Stalle gestohlen.— In G a - der n heim wollte sich am Sonntag bei einer Hochzeitsfeierlichkeit die Schwester der jungen Frau gegen den Willen ihres Vater? einen Augenblick ins Freie begeben. Als sie von ihrem Vorhaben nicht abließ, stieß ihr der erzürnte Vater ein Messer in die Brust. Die Verletzung ist lebensgefährlich. Vermischtes. "München, 3. Okt. Als Dieb der vor einigen Tagen entwendeten Mobilmachungspläne ist ein Einjährig-Freiwilliger vom 3. Train-Bataillon verhaftet worden, der im Auftrag eines Wiener Agenten für eine dem Dreibund angehörende Macht, wahrscheinlich Italien handelte. Der Einjährige ist geständig. * Kleine Tageschronik. In Hannover erschoß sich ein etwa 23 jähriger junger Mann namens Brocks, nachdem er seine Geliebte, ein gleichaltriges Mädchen durch zwei Schüsse getötet hatte. — Bei den französischen Tor- Pedoboots-Manövern ereignete sich an Bord des Torpedobootes 314 eine Explosion, wobei ein Unteroffizier schwer und mehrere Heizer leichter verletzt wurden. — An der Paschenspitze im Kanton Waadt fand man die Leichen von vier verunglückten Touristen. Alle sind schrecklich verstümmelt. Die vier scheinen, statt dem Couloir zu folgen, von diesem Wege abgegangen, auf vereistes Felsgebiet geraten und bann abgestürzt zu sein. Drei Leichen waren noch zusammengeseilt, von der vierten war das Seil losgerissen. — InMeaux (Frankr.) verhaftete die Polizei einen Notar, der beschuldigt wird, 250 000 Fr. U nterschlagen zu haben. — Die endgültige Verteilung der Unterstützungsgelber an die Hinterbliebenen der Opfer von Courriäres erfolgt am 1. Dezember. An die Geretteten und an die Witwen und Waisen wurden insgesamt 6 680 700 Fr. verteilt. — InAlgier haben die jüngsten Neber- schwemmungen den Tod von 11 Eingeborenen herbeigeführt. — Durch das Umstürzen eines Wagens der elektr. Straßenbahn wurden auf der Strecke zwischen N e w y o r k und Pankers 6 Personen getötet und 15 verletzt. Der Wagen sauste einen steilen Hügel hinunter, weil die Bremse versagte und stürzte am Fuße des Hügels um. Der Wagen war mit Frauen und Kindern bicht besetzt. Die Schreckensszenen, die sich ab- svielten, bis ärztliche Hülfe kam, waren fürchterlich. — In Düsseldorf sand man eine Frau geknebelt und mit Stricken gefesselt im Bette auf. Sie gab an, nachts von drei Vermummten Männern überfallen und wehrlos gemacht worden zu sein. Geraubt wurden aus dem Hause Geld und Sparkassenbücher. Von den Tätern fehlt jede Spur. — Ein Automobil, in dem sich der span. F i n a n z m i n i st e r Revcr -- ter und der Marineminister Alvarade befanden, erlitt einen llttfall drei Kilometer von La .Gpanja entfernt Der Chauffeur und der Adjutant des Marineministers wurden aus dem Wagen geschleudert, während die beiden Minister unter den umgestürzten Wagen zu liegen kamen. Der Marineminister erlitt Verletzungen am Ohre unb an der Stirne, der Fmanzminister Quetschungen am ganzen Körper. — In Newyork beging der „Lo 11 e r i e kö n i g" Al. Adams Selbstmord. Er hatte eine Million Dollar verloren in Eistrust- und Neading- aftien infolge steigender Tendenz. — Nach einer Depesche aus New-Orleans wurde das an der Küste des Golfes von Mexiko gelegene Fort M a c c r a e von einem Orkan zerstört. Alle Offiziere, deren Familien und die Artilleristen käme n mit Ausnahme einiger weniger, die sich an den Batterien feftgebun- den hatten, um. Hülfe war unmöglich. Viele Schisse fcheiterten und an hundert Personen kamen nm. Ein Gemeinberechnet.' vor dem Schwrrrgergericht. (th.) Gießen, 3. Oktober. Das Schwurgericht verhandelte gestern gegen den b'sher nur wegen Pfandveräußerung mit 1 Tag Gefängnis vorbestraften 37 Jahre alten Landwirt und Gemei':derechner Friedrich Zimmer von Visse s wegen Verbrechens im Amt. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Neuß, Verteidiger war Rechtsanwalt Arnold. Zimmer war geständig, in den Jahren 1904 bis 1906 der Pfennigsparkasse, 697,22 Mark, der von ihm verwalteten Vieh- Versicherungskasse 71,59 Mark und der Gemeindekasse 2781,09 Mark unterschlagen zu haben und zur Verdeckung der Veruntreuung, speziell des Fehlbetrages aus der Gemeindekasse, falsche Einträge von erfolgten Einnahmen bewirkt zu haben. Anfangs des Jahres 1904 wurde der Angeklagte als Nackffolger seines Vaters, der 34 Jahre lang Rechner des Dorfes Biffes gewesen war, vom Kreisamt angestellt und vereidigt. Ter Mann hatte vorher in geordneten Verhältnissen gelebt und als Landwirt sein Auskommen gefunden. Sein Haus und Acker waren von Hypotheken frei. Er baute jedoch kurz vor seinem Amtsantritt ein neues Haus und belastete dadurch seinen Jmmobilienbesitz mit einigen tausend Mark, den dieser auch vertrug, da das neue Anwesen mindestens 5000 Mark und seine Aecker ca. 7—8000 Mark wert waren. Leichtsinnigerweise gab Zimmer dem in Konkurs geratenen ehemaligen Schweinehändler Diesenbach von Echzell für mehrere tausend Mark Gefälligkeitswechsel, ließ sich auch mit diesem und einem gewissen Hinkel von Echzell ein, die beide kürzlich wegen Blankettfälschung von der Strafkammer Gießen mit 9 resp. 4 Monate Gefängnis belegt worden sind. Das Ende vom Liede war, daß Zimmer gezwungen wurde, die von ihm angenommenen Wechsel einzulösen. Er konnte aus eigenen Mitteln die Zahlung nicht leisten und reiste wegen dieser Angelegenheit häufig nach Frankfurt, um Geld aufzutreiben. Er wurde schließlich verklagt und es entstanden erhebliche Kosten. Tie Wechselinhaber ließen ihre Forderungen hypothekarisch auf die Immobilien ihres Schuldners zwangsweise eintragen und so k-m der vor ca. 2V2 Jahren immerhin gut situierte Mann auf eine schiefe Ebene und vergriff sich an fremdem Gute. Die unterschlagenen Summen der Pfennigsparkaffe und der Viehversicherungskasse, deren Fehlen der Vürgenneister entdeckt hatte, sind vom Angeklagten resp. von seinen Verwandten sofort ersetzt worden, ohne daß vorerst Anzeige erhoben wurde. Bei einer Revision des Kreisamtes fehlten in der Gemeindekasse ca. 400 Mark. Man ließ den Angeklagten mehrere Wochen Zeit, die Sache in Ordnung zu bringen, ehe man eine zweite gründliche Kontrolle der Kasse vornahm. Hierbei entdeckte man, wie die Sache stand. Zimmer hat, seitdem er in Untersuchung genommen wurde, 500 Mark des Fehlbetrages zurückerstattet; feine 2000 Mark betragende Kaution wird zur weiteren Deckung herangezogen, so baß die Gemeinde mit etwa 300 Mark nicht gedeckt wird. Die Beweisaufnahme war nach Lage der Sache sehr kurz. Die Schuldfrage war außer auf einfacher Unterschlagung, auf Amtsverbrechen gestellt und dahin formuliert, ob es sich bei den verschiedenen Unredlichkeiten um ein fortgesetztes Verbrechen handelt, und ob dem Angeklagten mildernde Umstände zu bewilligen seien. . Der Anklagevertreter unb bet Verteibiger waren barüber einig, daß die Geschworenen die Schuldfrage so wie sie gestellt war, bejahen müßten, aber auch die mildernden Umstände, die das Gesetz zulasse, dem Angeklagten zu gute kommen lassen müßten. In diesem Sinne erging denn auch der Spruch der Geschworenen. Der Gerichtshof verurteilte in Uebereinstimmung mit dem Anträge des Staatsanwalts den Angeklagten zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis. Auf die Strafe wurde die mit 2 Monaten und 4 Wochen erlittene Untersuchungshaft in Anrechnung gebracht. Gießener Strafkammer. )( G i e ß e n , 2. Oktober. 10 Mark für ein „Zlgeunermensch". Die Ehefrau des K. Sch. von Blitzeurod wurde auf Privatklage der M. L. vom Schöffengericht wegen Beleidigung zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt, weil sie ihre Gegnerin ein schwarzes Zigeunermensch genannt hatte. Die Verurteilte erhob Berufung, erschien aber nicht rechtzeitig zum Termin, weshalb das Rechtsmittel erfolglos blieb. Eine Bürgschaftsfälschung. , Der Maurer I. S. VII. von Salz war bei der Darlehns- kasse Freiensteinau, um ein Darlehen vorstellig geworden. Er legte, wie dies üblich ist, d,'r Kasse das ausgefüllte und mit dem Namen eines Bürgen versehene Formular vor, aber der Bürge bot der Kasse keine genügende Sicherheit. Der Rechner wurde vom Vorstand ermächtigt, dem S. das Geld zu verabfolgen, sobald er die Urkunde mit dein Namen zweier zahlungsfähiger Bürger vorgelegt. Ta er selbst in schlechten Vermögensverhältnissen ist, sand sich niemand, der ihm Bürgschaft leistete. Er entschloß sich deshalb, die Namen zweier dem Rechner als zahlungsfähig bekannter Bürgen auf die. Urkunde zu setzen. Er strich den Namen des ersten Bürgen und versah die Urkunde mit dem Beglaubigungsvermerk unter Benutzung des Vordrucks und des Namens des Bürgermeisters, worauf ihm der Rechner das Geld auszahlte. Erst später merkte der Rechner, daß das Siegel bei der Beglaubigung fehlte, weshalb er den Bürgermeister bat, das Versäumte nachzuholen. Dieser merkte sofort die Fälschung und auch der Verdacht der Fälschung der übrigen Namen bestätigte sich alsbald. Ter Angeklagte war sofort geständig: er will die Tat in der Not begangen haben, da er einen fälligen Wechsel zu zahlen hatte. Das Gericht zog die Tatsache, daß er durch einen Prozeß und die Art feiner Führung unverschuldet in Zahlungsschwierigkeiten geraten war und den Umstand, daß er von der rechtlichen Bedeutung seiner Handlungsweise sich keine Vorstellung machen konnte, strafmindernd in Betracht und öerurteilte ihn wegen Urkundenfälschung und Betrugs zu 14 Tagen Gefängnis. Das Schöffengericht Vilbel hat die Ehefrau des H. B. von Frankfurt a. M. auf Privatklage des Kaufmanns K. Z. in Vilbel, wegen Beleidigung zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt und dem Beleidigten die Befugnis zugesprochen, die Verurteilung in der zu Vilbel erscheinenden Zeitung zu veröffentlichen. Die Angeklagte hatte dem Kläger, der früher im Geschäfte ihres Sohnes, der in Vennögensversall geraten ist, tätig war, wiederholt und öffentlich nachgesagt, er habe fein Geschäft von dem ihrem Sohn gestohlenen Gelde gegründet. Sie nannte das Geschäft des Klägers eine Filiale des Geschäfts ihres Sohnes. Sie focht das Urteil an und bestritt die ihr zur Last gelegten Aeußecungen, hielt aber zu gleicher Zeit die Beschuldigung gegen den Kläger aufrecht. Tas Gericht hielt angesichts der mißlichen Vermögenslage und der Tatsache, daß sie von der Schuld des Klägers überzeugt zu sein scheint, die Strafe für zu hoch und setzte sie aus 60 Mark herab. R. B. Darmstadt. Vor dem Schwurgericht hatte sich heute der im Jahre 1879 zu Arheilgen geborene Former Adam Speiet wegen Totschlagsversuchs zu verautmorten. Speiet, ein dem Trünke ergebener Mensch, hatte am 8. Mai d. I. abends den ihm uerfeinbcteit Former Schuhmann, der oon der Arbeit aus der Eisengießerei von Riesterer in Eberstadt kam, auf dem Derschönerungsfußpfab abgelagert und ihn mit den Worten „Jetzt bist Tu mein, bu mußt sterben" überfallen und mit einem bereit gehaltenen Messer mehrere Cticbe in die Brust unb Schulter verfemt ihn außerbem noch mit Fußtritten drangsalirt. Nach ber Tat warf Speier ben auf ber Slraße liegen gebliebenen Hut bes Schuhmann in dessen Hof; bann ging er in bie Wirtschast von Holz, bestellte ein Glas Bier unb eine Zigarre, bann erzählte er bem Polizeidiener Lautenschläger, er habe den Schuhmann gestochen, ob er tot sei, wisse er nicht, man möge ihn verhasten, bann gab et bas Messer hin unb er wurde abgeführt. Tr. Zutz-Eberstabt stellte außer einigen kleinen Verletzungen bei Sch. zwei öauptwunben fest; bei einer ist es als ein Glück zu bezeichnen, daß der 81/, cm liefe Stich an einer Rippe abglitt unb nicht in bas Rippenfell unb bie Lunge drang. Etwa 1 Jahr lang dürfte die Gebrauchsfähigkeit des einen Arms beeinträchtigt sein. Speier wurde auf fernen Geisteszustand beobachtet. Ter als Sachverständige vornommene Medizinalrat Tr.Lohe gewann die Ueberzengung, daß bieZurechnungs-- fähigkeil bes Täters nicht ausgeschlossen, wohl aber gemindert gewesen sei. Tie (Geschworenen sprachen den Angeklagten des Totschlags unter Zubilligung mildernder Umstände schuldig. Das Urteil lautete auf 2 Jahre Gefängnis, wovon vier Monate durch die Untersuchungshait verbüßt sind. Frankfurt a. M., 2. Okt. Die Strafkammer verurteilte den Kaufmann Heinrich'H ogelsberger wegen Vergehens gegen bas Vereinszollgesetz mit S ü ß st 0 f f z u s a tz zu 63 000 Mark G e l b st r a f e. Außerdem wird das einen bedeutenden Wert repräsentierende, konfiszierte Saccharin eingezogen. Nürnberg, 2. Olt. Tas Schwurgericht berurteitte ben bes Mordes angeklagten Schuhwarenhändler Wilhelm Hirsch mann, ber ein Mädchen erschoß, das ihm den Lauspaß gegeben hatte, wegen Totschlags zu 8 Jahren Zuchthaus und icfm Jabren Ehrverlust. TCuitfi rind wi^ettschaft. — Man schreibt uns aus Frankfurt a. M., 2. Okt.: Herr von Rooy, einer ber gefeiertsten Sänger der Gegenwart betrachtet als Ruheposten von seinen weiten Sängerfahrten Frankfurt a. M. Es ist den Frankfurtern nur selten Gelegenheit geboten, ihn zu Horen. Wenn eine solche kommt, wird sie darum besonders begrüßt. Die gestrige Aufführung der „Meister- finger" war daher ein Fest für die Theaterbesucher. Das trotz aufgehobenem Abonnement bis auf ben letzten Platz verkaufte Haus war in animierter Stimmung und bereitete bem Künstler ununterbrochen stürmische Ovationen, die sowohl ber großartigen gesanglichen Leistung als ber ungemein symbolischen Darstellung galt. — Die gestern abenb im großen Saale des Saalbaues von ber Gesellschaft für ästhetische Kultur, der freien literarischen Vereinigung veranstaltete Gebächtnis feier für Ibsen nahm einen würdigen Verlauf. Die Gedächtnisrede hielt Dr. Heine. Hantel unb verkehr, Volkswirtschaft. Märkte. fc. Frankfurt a. M. , 2. Oktbr. £>eu- u n b Str 0 h- markt. Alan notierte: Heu Mk. 3.10 bis 3.40. Stroh Mk. 2.80 bis Mk. 3.00. Alles per 50 Kilo. Die schwachen Zufuhren waren bet fester Tenbenz rasch umgesetzt. fc. Frankfurt a. SDL, 3. Okt. tOrig.-Telegr. be5 „Gieß. Anz.") Vichmark t. Zum Verkaufe ftanben 00 Kälber 00 Schafe unb Hammel, 1497 Schweine: 1. Qual. 79—00 Pfg. Lebeubgewicht 62.00—00.00 Pf., 2. 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Zu dem Leichenfunbe im Stadt- walb ist noch zu berichten: Die Ermordete ist bie im fünfzigsten Lebensjahre stehende Miß Lake, die seit drei Monaten hier ztl Besuch weilte. Die Leiche zeigt blutunterlaufene Wtinden an den Handgelenken und am Halse. Der Schädel war eingeschlagen. Als Todesursache ist Bluterguß ins Gehirn anzusehen. Geld und Wertsachen wurden bei der Leiche gefunben. London, 3. Okt. Die Birmingham Post meldet, König Eduard habe ein längeres Schreiben des Zaren erhalten, worin dieser sich über bie Lage in Ruß- lanb und die Einberufung der Duma ztl Beginn deS nächsten Jahres atisläßt und über die Ereignisse, welche im nächsten Jahre bevorstehen, schwere Befürchtungen ausspricht. Lissabon, 3. Okt. Bei dem portugiesischen M'arine- ministerium ging eine Kabelmeldung ein, daß die portugies. Insel Macao in Südchina an der Mündung des Tiger- flusseS durch einen Zyklon heimgesucht worden sei. Zahl-, reiche Gebäude seien zerstört, viele Personen getötet. Petersburg, 3. Okt. In Ossowee wurde der Kleinbürger Nudski verhaftet. Er ist an dem Attentat auf Stolypin beteiligt gewesen und behauptet, daß der durch die Explosion getötete Attentäter Moschizki geheißen habe und direkt aus Genf nach Petersburg gekommen sei, um das Attentat auszuführen. Petersburg, 3. Okt. Unmittelbar nach der Rückkunft des Zaren au§ ben finnischen Schären soll ein kaiserlicher Ukas veröffentlicht werden bezüglich der Gleichstellung des Bauernstandes mit den übrigen Ständen des Reiches. Die Bauern sollen fortan beispielsweise in den Staatsdienst treten können, der ihnen bisher nicht zugänglich war, sobald sie den erforderlichen Bildungsgrad erlangt haben. Ferner sollen alle Paß-Einschränkungen aufgehoben werden. Die Negierung gibt sich der Hoffnung hin, daß dieser Ukas, dessen Inkrafttreten noch vor dem Zusammentritt der neuen Duma erfolgen soll, große Genugtuung und Beruhigung unter der bäuerlichen Bevölkerung Hervorrufen werde. Reval, 2. Okt. In der vergangenen Nacht wurden in der lutherischen esthnischen Karlskirche bie Sammelbüchsen erbrochen, die Altarkreuze und -Leuchter zertrümmert, die Kirchenbücher zerrissen und die Teppiche beschädigt. Die Einbrecher waren durch ein gitterloses Fenster eingedrungen. Odessa, 3. Okt. Das hiesige Theater ist abge-i brannt. Bei den Löscharbeiten sanden zwei Stu-, denten, welche der freiwilligen Feuerwehr angehörten, ihren Tod. Vier Feuerwehrleute wurden schwer verletzt. Direkter Versand memer^weltberühmterriLlnbener^Sammete. Hochelegante Ültft stifte FnmMdik» platt, gerippt, gestreift. Unzer- haltbare mit lUil'V/lllllllllll, reifet», für Knaben und Mädchen. Entzückende Blusen-Sammete. Eisbär u.Seiden-Jacket-Plüsche. Muster fr. hin u. her Sanunetbaus Louis Schmidt, Hannover 323. K. St Host Konkursverfahren. lieber das Vermögen des Sattlers Isaak Hirsch von Hungen ist durch das Großh. Amtsgericht Hungen heute am 1. Oktober 1906, vormittags 11 Uhr das Konkursverfahren eröffnet. Der Rechtsanwalt Sandmann von Hungen wird zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen sind bis zum 27. Oktober 1906 bei dem Gerichte anzumelden. Es wird zur Beschlußfassung über die Wahl eines anderen Verwalters, sowie über die Bestellung eines Gläubigeraus- schuffes und eintretenden Falls über die in § 132 der Konkursordnung bezeichneten Gegenstände und zur Prüfung der angemeldeten Forderungen auf Montag den 5. November 1906, nachmittags 4 Uhr — vor dem unterzeichneten Gerichte Termin anberaumt. Allen Personen, welche eine zur Konkursmasse gehörige Sache in Besitz haben oder zur Konkursmasse etwas schuldig sind, wird aufgegeben, nichts an den Gemeinschuldner zu verabfolgen oder zu leisten, auch die Verpflichtung auferlegt, von dem Besitze der Sache und von den Forderungen, für welche sie aus der Sache abgesonderte Befriedigung in Anspruch nehmen, dem Konkursverwalter bis zum 27. Oktober 1906 Anzeige zu machen. [B3/10 Der Gerichtsschreiber Großh. Amtsgerichts zu Hungen. Konkursverfahren. In dem Konkursverfahren über das Vermögen der Johannes Schäfer Eheleute zu Wohnbach ist zur Abnahme der Schlußrechnung des Verwalters, zur Erhebung von Einwendungen gegen das Schlußoerzeichnis der bei der Verteilung zu berücksichtigenden Forderungen und zur Beschlußfassung der Gläubiger über die nicht verwertbaren Vermögensstücke der Schlußtermin auf Freitag den 2. November 1906, nachmittags 4 Uhr, vor dem Großh. Amtsgerichte Hierselbst bestimmt. Hungen, den 1. Okt. 1906. Roosen, Aktuar, Gerichtsschreiber des Großh. Amtsgerichts. B710 Konkursverfahren. Das Konkursverfahren über das Vermögen des Kaufmanns Eugen Rüggeberg von Hungen wird nach erfolgter Abhaltung des Schlußtermins hierdurch aufgehoben. B7i0 Hungen, den 1. Okt. 1906. Großherzogliches Amtsgericht Konkursverfahren. In dem Slonturs über das Vermögen des Handelsmannes Feist Goldstein in Langsdorf ist zur Abnahme der Schlußrechnung des Verwalters Termin auf Donnerstag den 18. Oktober 1906, vormittags 10 Uhr, vor dem Großh. Amtsgericht Hierselbst anberaumt. Lich, 29. September 1906. Großherzogliches Amtsgericht. Vergebung. Für unsere Kliniken soll die Lieferung von: 20 Ztr. Aepfeln, 450 „ Kartoffeln, 8 „ Zwiebeln, 6 „ roten Rüben, 2 „ weißen Rüben, 4 „ gelben Rüben, 2 „ untererd. Kohlraben, 2 „ Meerrettig, 20 „ Weißkraut, 50 Stck. Rotkraut, 400 „ Sellerie, 100 „ Lauch auf dem Wege der öffentlichen Ausschreibung vergeben werden. Die Lieferungsbedingungen liegen an Wochentagen von 3 bis 5 Uhr nachmittags auf dem Verwaltungsbureau offen. Angebote versiegelt und mit der Aufschrift: „Angebot auf Gemüselieferung" versehen, sind mit den Mustern bis zum 18. Oktober d. I., vormittags 12 Uhr, zu welchem Zeitpunkt die Eröffnung der Angebote stattftndet, auf dem Verwaltungsbureau abzugeben. Der Zuschlag erfolgt bis zum 20. Oktober 1906. Gießen, den 30. September 1906. Großh. Berwaltmigsdirektion der chirurgischen und Augenklinik. 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