Nr. 280 Viertes Blatt. 1S6. Jahrgang Mittwoch 28. November 1906 Erscheint «z!i- mit Ausnahme des Sonntags. Eie „Gießener Kamllienblätter- werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich betgelegL Der ^yefftich« tanömur erjchemt monailidj einmal. Rotationsdruck und Lerlag der GrOdl'lck» UniverülälSdruckerei. ÖL Bangt. «Lietzen. Redaktion. Exveditton a Drnckerei S s i n O r d n u n g sei. Zu dem eventuellen Probesingen der Prunadomia vor Gericht kam es aber nicht. Ein Vergleich fand beiderseitige Zustimmung, wonach die Tireltion des HostheaterS, vorbehaltlich der Zu- stimniung Sr. K. Hoh. des Großherzogs, an die Künstlerin monatlich 3 00 Mk. im Voraus (vom 21. November ab) zahlt, bis in dem schiedsgerichtlichen Verfahren ein Urteil erfolgt ist. Tie Direktion gestattet der Sängerin im übrigen, sich außerhalo dcS HostheaterS frei zu betätigen. Damit hat diese sensationelle Affäre ein vorläufiges Ende gefunden. Vermischtes. • Carusos Verurteilung. Die Verurteilung des Sängers Enrico Caruso wegen Belästigung einer Dame in New-ll)ork zu zehn Dollar Geldstrafe erfolgte unter recht dramalischen Umständen. Polizcikommißar Mathot, der als Vertreter des Polizisten Kane, der gegen den Künstler die Anklage erhoben halte, vor Gericht erschienen war, hielt eine von Ausfällen aller Art strotzende Anklagerede. Auf den Einwand der Verteidigung, warum Hannah Graham, die Frau, die Caruso belästigt haben soll, nicht als Zeugin zur Stelle sei, antwortete der Vertreter der Polizei, daß man die Frau nicht geladen habe, um sie nicht den Angriffen der perversen Freunde deS Angeklagten, die den Gerichtshof füllten, preiszugeben. 9118 in diesem Moment das gesamte Publikum nu Gerichtshof in lautes Zischen und Pseisen ausbrach, fuhr Mathot fort: „Gemeine Hunde, perverse Frauen und Männer sind es, die Herkommen, nur um ihre bestialischen Begierden zu befriedigen. Wie könnte sich eine anständige Frau dazu verstehen, einen Gerichtshof zu betreten, in dem eine solche Gesellschaft von Feiglingen sich befindet, die mich jetzt aus- pfelfen, und von denen die meisten zum Abschaum Siziliens und dcS Lazaretlo Neapels gehören. Ich versichere Euer Ehren, daß unsere Frauen, Töchter und Schwestern nicht durch die Straßen dieser Stadt gehen können, ohne von solchen Schuften wie diese belästigt zu werden. Ich flehe Sie an, einen solchen Lumpen, wie dieser Mann ist, nicht entkommen zu lassen. Tun Sie es, so wird man daraus folgern, daß es frei steht, amerikanische Frauen zu belästigen.. Der Polzist Kane, der dem Treiben dieses Mannes ein Ende gesetzt hat, ist zu der höchsten Dankbarkeit und Bewunderung eines jeden anständigen Amerikaners berechtigt.' TaS Urteil wurde von dem Polizeirichter abgegeben, als fast niemand mehr im GerichtSsaal anwesend war, wird jedoch von dem Künstler angefochten. Tie amerikanischen Blätter stehen fast alle auf der Seite Carusos. Namentlich die in deutscher und italienischer Sprache erscheinenden Zeitungen geben ihrer Entrüstung über das Urteil, das auf die Zeugenaussage eines einzelnen Polizisten abgegeben worden ist, unverholen Aus- druck. Tie meisten Abonnenten der großen Oper haben erklärt, daß sie aus Sympathie für den Sänger nunmehr keine Vorstellung auslassen werden, in der er auftritt. — Ter New-Yorker Polizeipräsident Mathot erklärte, daß Vergehen von der Art des Caruso zur Last gelegten ungeheuer häufig seien und in allen Kreisen vorkämen. Ein Bischof, verschiedene Geistliche, Aerzte, Juristen, Schauspieler und Musiker seien bei solchen Abenteuern ertappt worden. * 2) ie Gagen b er Patti. Am nächsten Samstag wird die Patti in London die Reihe ihrer Abschieds- konzerte beginnen, da sie sich nun ins Privatleben zurück- zuziehen beabsichtigt. Die Patti ist diejenige Künstlerin, die die höchsten je gezahlten Gagen erhalten hat. Unter der Direktion Maplejous erhielt sie für die Vorstellung in der Covent Garden Oper 20000 Mark pro Adend. In Montevideo jedoch bezahlte man ihr 2400U Mark pro Abend, und obgleich sie in der Regel nur ein oder zweimal wöchent- lich sang, so kam es doch vor, daß sie in einer Woche viermal austrat, wofür sie das Riesenbonorar von 96000 Mark erhielt. Die Künstlerin hat sich ein Vermögen von nahezu 20 Millionen Mark zusammengesungen. Ihre Stimme ist noch wunderbar frisch und rein, obgleich beinahe ein halbes Jahrhundert vergangen ist, seitdem die Patti zum ersten Male vor das Publikum trat. ♦Die Kosten einer Ä a i f erteile. In Preußen hat der Kaiser bei seinen Reisen einige Ermäßigung, es wird dort nicht die Lokomotivgebühr (jede Lokomotive 1 Mk. 20 Pfg. für den Kilometer) und auch nicht die Taxe von 40 Pfg. für jede Achse des Zuges, sondern für jeden Wagen eine Anzahl von Fahrkarten 1. Klasse berechnet, so daß z. B. für die etwa 350 Kilometer lange Strecke Potsdam— Probstzella die Kosten des Sonderzugcs nicht über 3000 Mk. betragen. Dagegen wird auf den übrigen deutschen Bahnen die Taxe nicht billig berechnet. So werden für die 50 Achsen, die der Zug von Probstzella bis München fährt und für die 360 Kilometer, die er in Bayern durchfährt, über 8000 Mk. bezahlt. Im Ganzen hat die Reise des Kaisers von Potsdam über München nach Donaueschingen, bezw. Achern nahezu 20000 Mk. gekostet. Dazu kommt dann die Rückreise über Baden-Baden nach Potsdam, die nochmals über 12000 Mk. kostet. Also mehr als 30000 Mk. kostet die Fahrt innerhalb weniger Tage. In Berücksichtigung der hohen Kosten solcher Fahrten reist der Kaiser in letzter Zeit vielfach mit Automobil. * D i s Jupons als Ehestörer. Eine wichtige und grundlegende Frage des Theaterlebeus ist dieser Tage vor den Pariser Gerichten nicht zur Entscheidung gekommen. Eine junge Schauspielerin des Palais Royal lebte mit ihrem Gatten in glücklichster Ehe. Dieses süße Verhältnis sollte jedoch einen schmerzhaften Bruch bekommen, als die Gattin in einer heiklen Szene auf» zutreten hatte. Ihr wurde die tragende Rolle zugemi'scn, sich auf der Bühne dezent aber deutlich zu entkleiden. Sie sollte im geeigneten, dramatischen Wiomcnte Die Jupons sinken lassen. Der Gedaule, die Schönheit seines Weibes allabendlich vor tausend Augen enthüllt zu sehen, quälte den zärtlichen, aber eifersüchtigen Gatten entsetzlich. aber trotzte ihm und führte ihren Part mit so viel Grazie im Schimmer des elektrischen Rampenlichtes aus, .daß enthusiastischer Beifall sie überschüttete. Der Gatte aber ging zum Kadi und beantragte, von seiner Gattin geschieden zu werden. Der Gerichtshof lt.d die Schauspielerin zu einer Vorführung ihrer Rolle ein. Als sie vor den gestrengen tiiidjtern bie Jupons wie im Theater sinken ließ, wußten die Herren nicht aus und ein. eie erklärten sich für unzuständig in dem Urteil, ob ein Gatte wegen solcher Produktionen seiner Frau die Scheidung beantragen dürfe. Das Ende dieser Klugheit war, daß sie die Heranziehung einer Sachverständigenkommission beschlossen. Sie soll aus Theaterdirektoren und Künstlern bestehen und am kommenden Donnerstag ihr Votum auf Bestehen oder Untergang der gefährdeten Künstlcrehe abgeben. * Kleine Tageschronil. Ein Raubmordversuch wurde in Lichtenberg bei Berlin verübt. In der Nähe bc5 Wasserwerkes wurde der Arbeiter Hermann Schmidt von drei bis vier unbekannten jungen Burschen Überfälle», durch einen Re- oolverschuß in die Backe schwer verwundet und beraubt. — Zwei Brunnenbauer und ein ArbcUcr erstickten auf einem Gute bei Zuid (Posen) wo sie in Arbeit standen, an Kohlendunst. Eie hatten nachts den Cchlaframn mit Steinkohlen geheizt und die Cicuflnppe geschlossen. — Beim Bau des Tauern-Bahn- Tunnels sand in der Nähe von Böckstein eine Dynamit- Explosion statt, die von schweren Folgen begleitet war. 4 Arbeiter wurden schwer verletzt, 2 sind erblindet. — Das Maschinenbaus des Elektrizitätswerks in Andetsbur g (Voralberg) ist rneder- gcbrannt. Der Maschinist und der Heizer lind in den Flamme n u m g e k o in in en. -r- In Arlberg tst ein Mädchen namenS Reßter beim Nodelntötlich verunglückt. — Bei Heschenberg wurde die Leiche eineS a b g e st ü r z t e n Touristen geimrden. — Ein von Eger abgelassener Personenzug ist bei Tuschkau entgleist. 3 Personen wurden verletzt. — Bet Genf wurde der Bauer Tenny wegen systematiicher g r a u s a m e r B e h a n d l u n g s e i n e r einzigen Tochter verhaftet. Er haue sie 18 Jahre lang im Keller sein es Ha useselngesperrt. Tie Unglückliche, die jetzt 40 Jahre all ist, war halb verhungert, erblindet, gänzlich ohne Sprache und irrsinnig. — In Mailand wurde der Ingenieur Candiani, der Besitzer einer großen chemischen Fabrik von seinem Schwiegervater auf der Straße erdolcht.