Nr. 124 Erscheint täglich außer Sonntage. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien» blätter viermal In der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Urrivers.-Duch-u. Slem- bruderet. 5L Lange. Redaktion. Trvedtttoa und Druckerei: Schulstraße ?. Redaktion e=^> 118 Verlag u.Sppcb. e±$^51 Adresse für Depeschen: ««zeiget Gießen. Erstes Blatt 15«. Jahrgang Dienstag 39. Mai 1906 — __ Ä Ä ve,ag»prei», 0 X^T monatlich 7bPs^ viertel- GietzenerAMgerA " General-Anzeiger Verantwortlich für v den polit und allgern. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW ™ " zeigenteil: Han4 Beck, Are heutige Dummer umfaßt 8 Seiten. Sommerfriede. Des deutschen Reiches Kanzler ist nach 9torderney gegangen, um im stillen Frieden und in beschaulicher Ruhe von seiner Erkrankung zu genesen. Der Reichstag drangt dem Schluß zu und arbeitet aus Leibeskräften um den regierungsseitigen Anforderungen noch vor Pfingsten gerecht zu werden, mehrere Einzellandtage ahmen dieses Beispiel nach, und man kann hoffen, daß wenige Wochen nach Psingsten, wenn der hessische Landtag seine Sommer- sitzungen beendet haben wird, allenchatben sommerlicher Friede eingekehrt ist. Dann mögen die Hundstage kommen mit der bekannten Seeschlange. Diesen Jdealzustand haben wir schon lange nicht mehr gehabt. Immer wenn man glaubte, jetzt wäre es au der Zeit, daß der sommerliche Friede einkehrte, geschahen Dinge von außerordentlicher Bedeutung und die letzten Sommer sind vorübergegangen, ohne daß politische Windstille eingetreten wäre, die der natürlichste Zustand wäre. Wir hatten den russisch-japanischen Krieg, hatten die Aufregungen des Friedensschlusses in Portsmouth, hallen die Wirren in Rußland, hatten den Kaiserbesuch in Tanger mit allem interessanten und nicht ungefährlichen Drum und Dran, hatten, wenn wir weiter zuruckgehen, den serbischen Königsmord — die Liste hochsommerlicher Erregungen ist durchaus nicht kurz. Heuer hoffen wir, daß nichts dazwischen kommt. Es sieht ja augenblicklich in der Welt auch nicht so übel aus, wenigstens ist nichts von besonders schwarzen Gewitterwolken am politischen Horizont wahrzunehmen. Die innere Politik Deuffchlands wird sich ja bald über die winterlichen Ausregungen, die insbesondere mit der großen Steuersuche zusammenhingen, beruhigt haben. Auf dem wirtschaftlichen Kampfplatz freilich sieht es zur Zeit durchaus nicht erfreulich aus, der Streik der Metallarbeiter und die drohende Generalaussperrungen körmen entsetzliches Unhell bringen, wenn man sich nicht in letzter Stunde noch besinnt. Aber unsere anderen Schmerzen sind erträglich und wenn einmal einige Zeit nicht mehr von ihnen gesprochen wird, können wir sie wohl für die Sommermonate vergessen. In unserer auswärtigen Poltik herrscht eitel Sonnenschein. So versichert wenigstens Herr von T schirs chky-Bögendorf, und der müßte es als Staatssekretär des auswärtigen Amtes doch wissen. Darin hat der Freiherr ja wohl recht, daß augenblicklich für uns kein Anlaß zur Unzufriedenheit und zu banger Sorge besteht. Wir leben im Frieden mit unseren Rachbarn, und das schöne Vorhaben englischer Preßhetzer, Persiens wegen das augenblicklich erträgliche Verhältnis zwischen London und Berlin zu trüben, ist glücklicherweise mißlungen. Die augenblickliche Zusammensetzung des franz. Parlaments aber inkliniert so sehr nach der sozialistischen Seite, daß man von der einst so viel verlangten „Revanche" vorerst wohl nicht sprechen wird. Die Isolierung, in die wir hineingcraten sind, wird zu ertragen sein, und vor allem werden wir es auch mit Würde zu ertragen wissen, daß man in Petersburg nichts mehr von unS wissen will. Deutschland kann ruhig den Sommermonaten entgegensehen; wir brauchen keine Ueberraschungen irgend welcher Art zu befürchten. Was draußen in der weiten Welt sich begeben wird, kann man nicht Vorhersagen. Im Südostcn rumort es seit Frühlingsbeginn wieder, aber nachdem bisher größere Zusammenstöße nicht erfolgt sind, dürfte auch dieses Jahr ohne größeres HalSabschneideu und ohne Aufrollung der ganzen Balkanfrage vorübergchen. Auch die Albanesen, die augenblicklich etwas unruhig sind, werden sich wohl wieder beruhigen. Zu denken geben kann das englisch-russische Abkommen über Asien, das trotz aller Dementis doch getroffen wurde, und daß vielleicht zu unangenehmen Folgen führen kann, zumal wenn dieses asiatische Programm mit jener Zähigkeit und zielbemußteu Ausdauer durchgeführt werden sollte, die man an England gewohnt ist, und die manchem anderen Staat zum Vorbild dienen könnte. Rußland wird sich ja wohl ziemlich ruhig verhalten müssen, denn einmal ist es noch vom letzten Kriege her erschöpft, und daun liegen die Dinge im Innern so, daß jeden Augenblick Militär zur Verfügung stehen muß. Wenn irgendwo für den Sommer Ueberraschungen unangenehmer Art zu befürchten sind, bann ist es in Rußland. Im allgemeinen aber ist das Zukunftsbild, das man sich aus der Gegenwart malen kann, ziemlich unbewegt, und wir hoffen auf einen ruhigen, stillen und friedlichen Sommer. Nach langen Jahren großer Emotionen wäre es der Welt cmch zu gönnen, daß sie einmal ein pcrc.. Monate ausruhen könnte — eine echte und wirkliche Saueregurkenzeit ist es, die wir wünschen. Im Winter wirb es dann boch roieber lebhaft genug werden! Aus dem Reichs.ag. R Berlin, 28. Mai. Die Niederlage der Regierung in Sachen des Reichskolonialamts trifft i» Linie den Fürsten Bülow, denn er hatte sich für die Forderung persönlich und mindestens ebenso sehr engagiert, wie für die Reichsfinanzreform. Wir können auf Grund zuverlässiger Mitteilung hinzufügen, daß der Kanzler die Reise nach Norderney antrat in der Ueberzeugung, daß an der Bewilligung des Kolonialstaatssekretariats auch in dritter Lesung nicht zu zweifeln sei, nachdem mittlerweile die Diatenfrage in einer den Reichstag befriedigenden Weise geregelt worden war. Was deshalb immer über die Annehmbarkeit des Unterstaatssekretariats oder beS Direktorats — barüber hinaus will der Reichstag, wie eS hieß, nicht gehen — und über die Wahrscheinlichkeit gesagt werden mag, daß der Reichstag sich später doch zum Staatssekretariat bekehren werde; die Niederlage der Negierung ist für sie ebenso überraschend wie empfindlich, und das umsomehr, als nicht eine an sich belangreiche finanzielle Forderung, sondern ein kolonialpolitisches Prinzip abgelehnt wurde. Der „rhetorische Husarenritt* des Oberst v. Deimling war nur der Tropfen, der das Gefäß zum Ueberlaufen brachte. Nach den verttaulichen rechnerischen Darlegungen der Regierungsoertreter in der Budgetkommission ist es über die Mehrheit des Reichstags wie ein Grauen gekommen vor den finanziellen Erfordernissen der kolonialen Zukunft. Man will die Elle nicht um ein Vielfaches größer werden lassen als den Kram. Man will bremsen, kräftig bremsen, und diesem Bestreben ist das ReichSkolonialamt zum Opfer gefallen. Ob sich seine Aussichten in absehbarer Zeit bessern werden, ist sehr zweifelhaft. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Südwestafrika auch noch zurzeit der Neuwahlen kräftig am Reichssäckel zehren. Dies auf der einen, und die verdrießlichen Wirkungen der neuen Verkehrs- und Verbrauchssteuern auf der anderen Seite geben der Annahme wahrlich wenig Raum, die Mehrheit des nächsten Reichstags werde kolonialfreundlicher sein als die des gegenwärtigen. Nach alledem präsentiert sich die Situation für die Regierung also ziemlich unvorteilhaft. Wenn etwas die ungewöhnliche Bedeutung des Konflikts um daS Kolonialamt zu kennzeichnen geeignet war, bann ber heutige Ansturm auf die Tribünen. Die Erwartungen eines interessanten Verlaufs auch der heutigen Sitzung wurden denn auch nicht getäuscht. Es herrschte hochgradige Erregung im dicht besetzten Hause, dem ein Antrag Gröber (Ztr.) vorlag, unter Ablehnung aller Neulingen den bisherigen Zustand der kolonialen Verwaltung aufrecht zu erhalten, d. h. die üblichen Gebührniffe für den Kolonialdirektor zu bewilligen im Rahmen deS Etats für das Auswärtige Amt. Also nicht einmal Linen Ansatz zum selbstständigen Kolonialamt! Das war schmerzlich für die Regierung und für die kolonialfreundlichen Parteien, und dem Unmut wurde rückhaltlos Ausdruck gegeben durch die Redner der Nationalliberalen, Konservativen, der Reichspartei und Wirtsch. Vereinigung. Sie erklärten sämtlich, daß sie sich der Abstimmung über den Antrag Gröber enthalten würden, um nicht mitverantwortlich zu sein für die Fortdauer „unhaltbarer* Zustände. Auf der anderen Seite richtete Abg. Dr. Spahn einen auffallend scharfen Angriff gegen die Negierung. Er wies es unter dem stürmischen Beifall der Linken von vornherein als staatsrechtlich unzulässig zurück, daß die Forderung eines Reichskolonialamts etwa in dieser Legislaturperiode nochmals eingebracht werde. Davon wollte Graf PosadowSky aber nichts wissen. Er wahrte der Regierung durchaus das Recht, zu gelegener Zeit, auch wenn der Reichstag nur vertagt, nicht geschlossen sei, mit ihrer Forderung wiederzukommen, und nebenher führte der Staatssekretär, der gleichfalls in erregtem Tone sprach, die Verteidigung des hartkritisietten Obersten o. Deimling. Der Oberst sei Soldat, nicht Politiker; die parlamentarische Taktik sei ihm wenig geläufig, aber er trage Idealismus im Herzen und spreche mit dem Freimut des deutschen Offiziers. Da möge man doch die Worte deS Obersten nicht auf die Gold- wagc legen. Graf PosadowSky drang nicht durch mit seinem „Plaidoyer* für Herrn v. Deimling, der übrigens, im Gegensatz zum Erbprinzen Hohenlohe, heute im Reichstag erschienen war, und zwar im Schmuck der Paradeuniform eines Schutztruppenoffiziers. Er hielt sieh jedoch im Hintergründe. Tie fernere Debatte, in der die Redner zum Teil sich gegenseitig die Verantwortung zuschoben für den „verfahrenen Kolonialkarrenwurde überflutet von dem immer mehr anschwetten- den Lärm im Parkett. Auch die Stentorstimmen der Abgg. Gröber und Haußmann versagten. Man drängte zur Abstimmung, als deren Ergebnis die Beibehaltung des bestehenden Zustandes — Kolonialdirektor — mit 117 gegen 64 Stimmen bei 91 Stimmenthaltungen verkündet wurde. Erbprinz Hohenlohe „avanciert* also lediglich zum „etats- mäßigen" Kolonialdirektor, und es muß abgewartet werden, ob die Bedeutung der sachlichen Gründe, die ihn in den Kolonialdienst führten, ihm auch das Ausbleiben der erhofften Rangerhöhung erträglich macht. Fürst Bülow dürfte seine ganze Ueberredungskunst aufbieten, um den Erbprinzen in Berlin zu halten. Der Rest der Etatsdebatte wickelte sich im Eiltempo ab. In der sechsten Nachmittagsstunde schon kennten sich die Volksvertreter nach der üblichen Danksagung an den Präsidenten und dem brausenden Kaiserhoch. * Die Gründe für die Ablehnung des Vorschlages auf Errichtung eines selbständigen Kolomalamtcs sind u. E. verschiedener Natur. Tas Zentrum möchte anscheinend gern einen anderen Mann an der Spitze der Kolonialverwaltung sehen, während die Anhänger des Staatssekretariats der Meinung sind, ein selbständiges Kolonialamt ließe sich später einmal leichter aus dem bisherigen Direktorium heraus schaffen. Ob unter diesen Verhältnissen der Erbprinz zu Hohenlohe weiter die Leitung der Kolonial-Angelegenheiten behält, scheint unS in hohem Grade zweifelhaft. Deutscher Reichstag. 113. Sitzung vom 28. Mat 1906. Aus der Tagesordnung steht die Fortsetzung der dritten Beratung des Etats beim Kolonialamt. Präsident Gras B a l l e st r e in bemerkt: Vorgestern wurde der Staatssekretär für das Kolonialamt nicht bewilligt. Infolgedessen wurde der ganze Etat deS KolonialamtS hinfällig. Heute liegt ein Antrag Gröber vor, an Stelle eines Neichskolomal- amts in den Etat einzusehen: Etats deS Auswärtige n Amts (K o l o n i a l a b t e i l u n g). Wenn das Haus damit einverstanden ist, werde ich diesen Antrag der Beratung zu Grunde legen. Das Haus erklärt seine Zustimmung zu dem Vorschlag des Präsidenten. Abg. B a s s e r m a n n (natlib.): Meine politischen Freunde bedauern aus das lebhafteste die überraschende Ablehnung des Reichskolonialamts in der letzten Sitzung, da wir im Einverständnis mit den verbündeten Regierungen die gegenwärtige Organisation für unzureichend erkannt haben und nicht gewillt sind, für die Fortdauer dieses Zustandes die Verantwortung zu tragen. Wir können dem Anträge Gröber nicht zustiinmen, wir werden uns vielmehr der Abstimmung enthalten. Abg. Spahn (Ztr.): Dem Antrag Gröber müßte schon deshalb zilgestimmt werben, um den Beamten ihr Geld auszahlen zu könncu. Ter Beschluß des Reichstages, den Staatssekretär abzu- Ichnen, ist bis zum Schluß der Legislaturperiode unabänderlich, da der Reichstag bann vertagt wirb, unb ber Antrag aus Wiederher- slellung bev Staatssekretärs auch in ber nächsten Saison verfassungs- gemäß nicht gestellt werden kann. Tie Ausführungen Semmlers unb des Obersten Deimling am Samstag haben uns klar gezeigt, baß die birette Verantwortlichkeit des Reichskanzlers notwendig ist. Wir waren doch sehr überrascht, als uns Oberst Deimling von dem Zusammenhang zwischen der Zurückziehung ber Truppen unb dem Bahnbau erzählte. Welche Stellung ist es, wenn man, um eine höhere Kilometerzahl zu einer Eisenbahn zu bekommen, die Rücksicht aus Gut und Blm uni teer Lanosleute zurücktreten läßt ? Staatssekretär Gras Posadowsky: Ich muß die Ansicht ablehnen, als ob etwa ein Handel gemacht werden sollte mit der Bahn und ber Zurückziehung der Truppen. Würde an mich ein solche? Ansinnen gestellt, so würbe ich es mit Entschiedenheit ab» lehnen. Turch die Abstimmung vom Samstag ist die Ueberzeugung des Reichskanzlers und ber oerbünbeten Regierungen uon ber unbedingten Notwendigkeit, die Kolonialoenvaltung selbständig zu machen, nicht erschüttert. Tie Regierung ist unzweiselhast m der Lage, auch wenn der Reichstag vertagt wird, zu gegebener Zeit ui einem neuen Etat die jetzt abgelehnte Forderling wieder zu stellen. Abg. Freih. von R i ch t h o f e n (kons.): Wir können die 93er- antiuortung für den jetzigen Zustand nicht übernehmen unh werden uns ber Abstimmung enthalten. Abg. Dr. Ai ü l l e r ■ Sagau (93p.) schließt sich der Ablehnung des selbständigen Reichs-Kolonialamtes unb dem Anträge des Zentrums an. Abg. Freih. von Tiedemann (Np.) erklärt, seine politischen Freunde hielten das selbständige Reichs-Kolonialamt für eine bringende Notwendigkeit. Wir würden mit der Zustimmung zum Anträge Gröber eine Verantwortlichkeit auf uns laden, die wir nicht zu tragen vermögen und werden uns daher der Stimmabgabe enthalten. Wir hoffen, daß die verbündeten Regierungen die Forderung spätestens im nächsten Etat wieder embrmgen. Abg. Lattmann (Antis.) schließt sich den Rednern der konservativen und der nationalliberalcn Partei an. Abg. Schrader (sreis. Vg.): Wir halten für nötig, daß daS Kolonialamt selbständig ist, um aber weitere Schäden fetn zu halten, werden wir dem Anträge Gröber zustimmen. <5 em ml er knall.-: Ich sprach vvr einigen Tagen mit deut Erbprinzen zu Hohenlohe über die Zurückziehung der 5000 Mann. Der Erbprinz erklärte, die Entsclieibung liege beim Kaiser. Der Erbprinz entschloß sich, mit dem Kaiser in Verbindung zu treten. Der Kaiser erklärte, umter der Voraussetzung, daß die Bahn gebaut würde, seine Einwilligung zur Zurückziehung der 5000 Mann. (Lebhafte Bewegung.) Das ist bet Grund, weshalb ich am Samstag erklärte, es bestehe wohl ein Zusammenhang zwischen dem Bau ber Bahn und ber Zurückzit.-, ".g der Truppen. Wir enthalten unS der Abstiminimg über den Antrag Grober wicht aus Acrger, sondern weil wir die Verantwortung für die Sachlage nicht übernehmen können. Staatssekretär Graf Posadowsky: Tie Bahn ist damit begründet worden, daß unendlich große Kosten für den Transport auszubringen waren, und daß große Truppenmassen nötig sind, um die Verpflegung der Truppen im Süden zu decken. Es war also ganz natürlich, daß, wenn wir die Bahn bekommen Hütten, die Truppen reduziert werden könnten, weil wir die Bedeckungsmannschasten entbehren 'könnten. Der Zeitpunkt der Zurückbernsung Würbe sich allerdings gerichtet haben nach dem Fortschritt des Lahnbaucs. In welchem Zeitpunkt die Truppen zurückgezogen wurden, und in welcher Sage des Bahnbaues, ist natürlich Sache der Anordnung des Kaisers. Gegenüber der scharfen Kritik, die die Ausführungen des Obersten Deimling erfuhren, sei mir noch ein Wort gestattet: Ein Soldat ist fein Politiker und soll es nicht sein. Der Soldat hat das Pflichtgefühl, zu gehorchen, und ein Mann, der eine solche schwierige Ausgabe übernahm, nach Südwestaftika zu gehen, ber in kurzer Zeit vor dem Feinde stehen wnL, muß einen gewissen Idealismus im Herzen tragen und muß sich mit seiner Aufgabe identifizieren, und wenn ein solcher sorigcrissen wird von seinem Idealismus, den er im Herzen trägt, ur.b scharfe Ausdrücke gebraucht hat, so möchte ich ilM daraus keinen Vorwurf machen. Oberst Deimling hat als loyaler Mann gesprochen, und wenn er scharfe Ausdrücke gebraucht hat, so ist es nur cm Mangel an parlamentarischer Taktik, unb man kann ihm daraus keinerlei Vorwurf machen. (Beifall rechts.) Abg. Singer -Soz.i: Man soll einen Soldaten nicht zn politischen Geschäften verwenden. Eine nachträgliche Entschuldigung gibt es nicht. Unserer bisherigen Taktik in ber colonial- Politik solgend, werden wir gegen den Antrag Grober stimmen. Abg. Haußmann (Lisch. Vp.): Aus dem Falle Deimling Als der letzte der Nachzügler erschauen war, dem die Zeit des Eintreffens eines jeden Beamten verzeichnet des Ministers befohlen und mutzten dort etwas über sich als daß Im preußischen Abgeordnetenhaus herrschte heute die worden den meinden bei der Rektorenberufung die Beibehaltung ihrer über ungemein geschädigt. Damit schließt die Erörterung. Auf Antrag wird namentlich abgestimmt über den Antrag Gröber. Abgegeben werden 272 Stimmen. Davon 117 mit Ja, 64 mit Nein, 91 Abgeordnete enthalten sich der Abstimmung. Darnach untersteht die Kvlonial- genommen. Präsident Graf B a l l e st r e m teilt mit, daß der Schluß der Beratung da sei. Er bitte um die Erlaubnis, Tag und Tagesordnung der nächsten Sitzung festznsetzen. Abg. v. Karborff (Rp.s spricht dein Präsidenten ben Dank des Hauses für die gute Leitung der Geschäste aus, und hofft, ihn inr Herbst gesund wiederzusehen. Präsident Gras B a l l e st r e m dankt dem Vorredner und erinnert daran, daß der Reichstag eine-sehr arbeitsreiche Session und wichtige Gesetze zum Abschluß gebracht habe. Staatssekretär Gras Posnbowskp verliest hierauf die Kaiserabteilung mit einem Direktor an der Spitze nach wie vor unselbständige Abteilung dem Auswärtigen Amt. Es folgt der Aufruf der einzelnen Titel des Etats. Württemb. Ministerialdirektor Schneider stellt fest. sollte die Regierung die Lehre ziehen, Soldaten hiev nicht sprechen zu lassen Wir werden für den Antrag Gröber stimmen. Abg Z i m m e r m a n n (D. Rf.): Wir waren für ein Rcnchs- Tolonialamt und werden in Zukunft auch dafür sein, aber die Obstruktions-- und Verzögerungspolitik der Scmmlerschen Nako- nalliberalen machen wir nicht mit. Wir werden für den Slntrag liehe V e r t a g u u g s u r k u u d e zum 13. November. Der Präsident schließt die Sitzung mit einem Hoch aus Kaiser, in das die Anwesenden einftimmen. Tie Sozialdemokraten hatten vorher den Saal verlassen. j)ottttschc Tagesschau. Ein unbequemer Minister. Alis London wird berichtet: Die Beamten des Lokal-Reqierungsamtes gehörten bisher den Leuten, die das beste Leben von der Welt hatten. Erfrischungen, die ihn in kurzer Zeit wieder herstellteu. Tas Unwohlsein gibt nach den Aeußerungen der Aerzte nicht zu den ge> rnigsten Besorgnissen Anlaß. Endgültige Verständigung über die preußische Schulvorlage. -tt- Berlin, 28. Mai. die Ordensauszeichnung an den Gouverneur von Puttkamcr lange vor der Anschuldigung gegen den Gouverneur erfolgt sei. Abg. Erzberger (Ztr.) fragt an, ob es wahr sei, daß der Gouverneur den Abschied mit Pension erhalten solle. Beim Etat für Südwestafrika vertritt Abg. Ledebour (Soz.) einen Antrag Albrecht und Genossen, nach dem in Südwestafrika den Eingeborenen ein zu ihrem Lebensunterhalt und selbständigen Wirtschaftsbetrieb ausreichender Landbesitz zugesichcrt werden soll, um auf dieser Grundlage die Rückkehr friedlicher Zustände in der Kolonie und die schleunige Zurückziehung der Truppen zu ermöglichen. Abg. Dr. Müller - Saga n (srs. 23p.) meint, der Zweck dieser Resolution sei anerfennenSivert. Seine Freunde würden dafür stimmen. Die Erörterung schließt und die R e f o I n t i o n Albrecht und Gen. wird a n g e n o m m e n. Eine R e s o l u t i o n Müller- Fulda fordert genauen Nachweis über die 5 Millionen Entschädigung an d i e A n s i e d l c r. Tie Resolution wird angenommen und eine Reihe weiterer Etatstitel bewilligt. Beim Etat des Schutzgebietes Neu-Guinea wird der Abänderungs° Antrag Stortz, die Regierungs-Vorlage bei der Forderung von 10 Millionen iür Hute r st ü tz u n g iv e i ß e r F a r m c r wiederherzustellen, a b g e l e h n t. Eine Reihe weiterer Titel wird angenommen. Bei der Beratung des Etats der Reichspost- verwaltung bringt Abg. von G e r l a ch (srs. 23g.) die Angelegenheit des Post- assistenten Mertens zur Sprache, der von der Anklage der Unterschlagung frei gesprochen worden ist, aber im Zivilverfahren wegen Schadenersatz eines ohne seine Schuld entstandenen Verlustes verurteilt wurde. StaatssekretärK r ä tk e kann versichern, daß Urteile nicht nach par!aincntarifd?es. — Das Programm der parlamentarischen Fahrt nach Ostasien steht jetzt fest. Die Abfahrt erfolgt von Hamburg am 19. Juli mit dem Reichspostdampfer „Prinz ergehen lasten, was man beim Militär „Ein heiliges Donnerwetter" zu nennen pflegt. „Sie erhalten ein gutes wird. Bald darauf mürben alle Beamten in das Btireau wären. Es sei vollständig korrekt vorgegangen worden. iranoigung uei_jjceyrijtubpuLieun ;lueiuen Ter Etat wird bewilligt, desgleichen eine Reihe anderer Etats pflegt- Dann schüttelt man jtcr) privatim die Hande, und und das Etatgesetz. Damit ist der Etat in dritter Lesung erledigt, in den Reden erklärt man sich für hochbefriedigt und zollt Eine Reihe von Resolutionen zum Etat wurden debattelos an- 1 ' Salair", so sagte der Minister, „ob es schönes oder schlechtes Welter ist, ob Sie krank oder gesund sind, Sie kennen Ihre Dienststunden und die Regierung, die Sie gut bezahlt, verlangt gute Arbeit von Ihnen. Was aber noch mehr ist, die Regierung wird dafür sorgen, daß Sie gut arbeiten." Den Departementsvorstehern teilte der Minister darauf mit, daß in Zukunft jede Korrespondenz eine unmittelbare Erledigung zu finden habe und daß ihm über jeden Fall zu berichten sei. Zum großen Unbehagen der Beamten ist John Burns bereits jeden Morgen zu einer Stunde an der Arbeit, wo die dem Departement angehörigen Herren bisher in größter Ruhe zu Hause ihr Frühstück einzunehmen pflegten. Er will entdeckt haben, daß in seinem Negierungsdepartement große Ersparnisse möglich sind. Man sagt, er wolle in 'London allein jährlich eine halbe Million sparen. In welcher Weise diese Ersparnisse gemacht werden, soll an einer niedlichen Geschichte gezeigt werden. Ein Heim für Wärterinnen kam bei der Negierung um zwei Klaviere ein. Minister John Burns entschied: „Ich sollte meinen, ein Klavier ist ganz genug." Um derartige Kleinigkeiten hat sich allerdings früher ein Minister der englischen Krone nicht gekümmert. Die Angestellten des Departements haben übrigens bei dem Schaden auch noch den Spott zu tragen, denn sie müssen sich von allen Seiten sagen lasten, daß Arbeit sehr gesund ist. Selbst der „Daily Expreß", der nicht als Freund des Ministers bezeichnet werden kann, erklärt, daß dessen Tätigkeit auch auf andere Regierungsdepartements einen erfrischenden und guten Einfluß ausübe. überflüssig geworden, ging in die Schmollecke und enthielt ~ ~ ~ k . e r .. . - sich der Abstimmung. Tie neue Verständigung ist Ter Abg. Dr. Spahn wurde in der heutigen Sitzung des n < _ , ■ . . _ r r: i r ' . Reichstages von einem leichten Unwohlsein befallen, so daß er auf oft en der Rational l l b er a l e N ges chehen, sie für kurze Zeit den Sitzungssaal verlassen mußte. Dr. Mugdau be- haben von ihreni^ „Rektor en-Antr ag , der den Gemühte sich nm ihn und reichte ihm im Restaurationszimmer einige j..... Gutdünken, sondern genau nach Gesetz und Vorschriften gefällt ' würden. Jeder Beamte haste für die Geldbriefe, die ihm übergeben gehobene Stimmung, die" durch eine glücklich'erreichte Ver- ’Ä ÄiÄÄÄS'ÄS: 6Cb"Cbm ständigung berWcitSpartekn h°rb°ig°führt zu werden (3tr.): Wenn d-s ein Kaiserwort ist, deck Die Minister, die an der Spitze dieses Amtes standen, pflegten 5000 Mann zurückgezogen werden können, so darf man daran weder sich selbst, noch ihre Untergebenen sonderlich zu uber- nicht deuteln, dann müssen sie aber auch zurückgezogen werden, arbeiten und besuchten nur in seltenen Fällen das Bureau. Was die Stimmenthaltung der Nationalliberalen und Kons^:- gj,- Hx^rn Eampbell-Bannerinan machte den demokratischen ÄWS Ä7S X ÄÄ Arbeiter Jahn Burns zum M.nts^r dieses Departe. Haupt nicht zustande komme. ments. Da geschah etwas Ungewöhnliches und fnr die An- Abg. Sernmler lnatl.) verwahrt sich nochmals dagegen, gestellten Unangenehmes. Eines Morgens, als die Herren als ob er irgendwelche,separate Politik mackien wolle ohne Berücksichtigung der angesetzten Dienststunden in dem M ÄÄ'ÄÄWÄ Dienstg-ba..d° schienen, iahen sic aar dem Kaminsiuer in daß, wenn die Bahn bewilligt würde, sofort 5000 Mann zurück- der Emtrütshalle einen im Gegensatz zu ihnen plebe lisch gezogen werden würden. Ein derartiger Ausspruch wurde von gekleideten, untersetzten Herrn mit struppigen Augen- feiner Seite gemacht. Es wurde gesagt, man hätte Deimling nicht tz^uen stehen, der sie, die Hände in den Taschen, zu beob- in politischer Mission in den Reichstag senden sollen. Deimling .,. - - -.....- wurde nur als sachverständiger Kommissar zugezogen, der Auf- Qrt)ten Jemen. schluß geben sollte über die militärischen Bedürftiiste in Sübmest- ließ sich dieser merkwürdige Herr — es ivar der neue Mias rika und über die Notwendigkeit der Bahn nach Keetmanshoop. nister John Burns — von dem Portier das Buch geben, in Die Verbündeten Regierungen wünschen mit dem Hause die ge- ...... • — meinschaftlichen Geschäfte frei, offen, lopal und nach den strengsten Grundsätzen der Verfassung zu verhandeln. Wenn jetzt infolge der Abstimmung gar kein positiver Beschluß zustande käme, würde das Ansehen des Reiches und des Reichstages der Welt gegen» der Weisheit der Mitbeteiligten — wie im Stillen der eigenen Erleuchtung und eminenten politischen Befähigung — begeisterte Anerkennung. So hat sich denn das Kartell für das preußische Schulunterhaltungsgesetz, nachdem seine Festigkeit eine zeitlaiig bedroht worden war, harmonisch geeinigt. Konservative, Frcikonseroativc und Nationalliberale taten sich s. Zt. zusammen, um der Negierung durch den bekannten, von liberaler Seite viel angegriffenen Schulantrag die Grundlage für das Schulunterhaltungs- aesetz zu liefern, und Rechte und Nationalliberalc brachten heilte das Werk zunr Abschluß. Das Zentrum, mit all seiner Macht durch die starke Koalition in diesem Falle Rechte zusicherte, etwas Wichtiges opfern müssen: die Gewährleistung der Dauer dieser Rechte. Es soll ein vorläusiger Zustand geschaffen werden, „bis zum Erlaß eines allgemeinen Gesetzes über die Lehreranstellung". Vielleicht ein taktisch geschickter, aber kein glücklicher Zug. Die Nationalliberalen hätten ihren Antrag nicht abschwächen lassen dürfen. Heinrich". In Genua legt das Schiff am 1. August an. Am 6. August wird Port Said erreicht, am 18. Colombo. Hier ist ein kurzer Ausflug in das Innere der Insel Ceylon vorgesehen. Die ersten Septembertage bringen die Reisegesellschaft nach Hongkong und (Santon. Der Aufenthalt dort dauert fünf Tage. Die viertägige Weiterreise nach Schanghai geschieht mit einem Dampfer der Neu-Guinea-Linie oder der Orient-Küstenfahrt des Norddeutschen Lloyds. Die Zeit vom 10. bis 19. September wird durch die Besichtigung Schanghais und eine Fahrt den Pangtse hinauf bis Hankau ausgefüllt. Der Neichspostdampfer „Noon" bringt die Reisegesellschaft am 21. September nach Tsingtau. Nach 14tägiqem Aufenthalt in Kiautschou geht es mit dem Neichspostdampfer »Prinz Ludwig" nach Nagasaki, Kobe und Yokohama, das am 9. Oktober erreicht wird. Für die Rückreise dürfte von der Mehrzahl der Teilnehmer wohl der Reichspostdampfer „Prinzeß Alice" benutzt werden, der am 27. Oktober von Yokohama segelt und am 6. Dezember in Genua fällig ist. Die Rückkehr nach Deutschland würde also zirka drei Wochen nach dem Wiederzusammentritt des Reichstages erfolgen. An der Fahrt nehmen folgende sieben Herren teil: Landrat Dr. Bärwinkel (natl., Schwarzburg-Rudolstadt), Dr. med. Becker (natl., Offenbach), Rittergutsbesitzer v. Böhlen- dorff-Kölpin (kons., Usedom-Wollin), Liebermann von Sonnenberg (Wirtschaftl. Vgg.), Homberg), Amtsrichter Dr. Lucas (natl., Hanau), Kammerherr v. Riepenhansen-Crangen (kons., Stralsund) und der Groß-Gerauer Kreis rat Dr.'Wal lau (natl., Lauterbach). vermischte-. * Ein Zweikampf zwischen einem Offizier u n d e i n e m B e r l i n e r S ch r i f t st e l l e r hat einer Berliner Korrespondenz zufolge in der Nähe Berlins stattgefunden. Die Bedingungen waren die schwersten, sie lauteten bis zur Kampfunfähigkeit des einen Gegners. Bereits im ersten Gange wurde der Offizier durch einen Schuß in die Brust schwer verletzt. Veranlassung zu dem Duell haben Vorkommnisse sehr seltsamer Art gegeben, die schon im Februar zu einem Duell zwischen dem Schriftsteller und einem anderen ausländischen Offizier geführt hatten. Es wurde damals im Auslande ausgefochten, wobei der betreffende Offister ebenfalls schwer verwundet wurde. Die Geschichte klingt etwas geheimnisvoll. * Zu Tode gehetzt. Vor einiger Zeit wurde in einem Londoner Hotel eine junge Französin tot aufgefunden; alle Umstände deuteten auf Selbstmord hin, die Persönlichkeit der Toten konnte nicht festgestellt werden. Die Selbstmörderin hatte vor ihrem Tode alles auf die Seite gebracht, was Aufklärung über ihre Person hätte geben können. Man wußte im Hotel nur, daß sie Marie Derval hieß und aus Paris gekommen war. Seit Monaten bemühte sich die englische Behörde, das Dunkel der Affäre zu lichten. Jetzt endlich werden in dieser rätselhaften Angelegenheit weitere Einzelheiten bekannt. Es hat sich herausgestellt, daß Marie Derval niemand anders ist als die russische Anarchistin Helene v. Krebel, die im Sold 'ber Petersburger Polizei ihre Partei verraten haben soll. Sie wurde dafür von ihren Genoffen zum Tode verurteilt. Zwei Jahre lang irrte sie flüchtend durch die Welt. Ueberall spürten die Sendboten der Feme die Gehetzte wieder auf. In Paris war ihr eine neue Warnung' zugegangen, und sie rettete sich nach England. Dort hörte sie von dem schrecklichen Tode Gapons. Sie fürchtete das gleiche Schicksal für sich, verließ ihre Wohnung nicht mehr, hielt sich beständig eingeschlossen, und die Bewohner hörten sie Tag und Nacht in ihrem Zimmer umhergehen und jammern und weinen. Endlich entschloß sie sich, chren Mördern zuvorzukommen, und machte selber ihrem Leben ein Ende. • Studententumulte in Klausen bürg. Gelegentlich einer Studentenprüfung ereignete sich in Klausenburg ein sehr peinlicher Zwischenfall. Der Studierende der Nationalökonomie und der Finanzwiffenschaft Josef Haudy stand zum vierten Mal vor dem Rigorosum. Professor Navratil erklärte, daß die Prüfung auch diesmal nicht bestanden sei. Nach diesen Worten zog Haudy in Gegenwart der Professoren einen Revolver und schoß sich eine Kugel in den Kopf. Professor Navratil eilte aus dem Saale in das Dekanatzimmer, die Studenten eilten nach und nahmen vor dem Dekanat eine drohende Haltung an. Einigen Professoren gelang eS schließlich, die Studenten zu beruhigen. Andere Kommilitonen aber verwünschten Navratil laut, als dieser einen Wagen bestieg, um nach seiner Wohnung zu fahren. Professor Navratil wird die Stadt für einige Zeit verlassen. Haudy, der schwer verletzt ist, mußte nach einer Klinik übergeführt werden. * Kuppel-Anzeigen. Die russische Zensur, die mit unerbittlicher Strenge heute wie ehedem, unbekümmert um Freiheitsmanifest und Reichsduma ihres Amtes waltet, unsere Witzblätter nur mit starkem „Kaviar-Aufdruck* durchläßt, unsere Bücher monatelang zu mikroskopisch sorgfältiger Durchsuchung einbehält und die harmlosesten Bildwerke als politisch sittengefährlich in ihren Archiven verschwinden läßt, hat für die Ausbietungen des menschlichen Fleischmarktes kein Auge, mögen diese auch in der schamlosesten Unverhülltheit in die Erscheinung treten. Wenige Beispiele, allesamt dem größten St. Petersburger Anzeige-Blatt in getreuer Uebersetzung entnommen, mögen als Illustration dienen: „I ch v e r l a n g e z u h e i r a t e n. Bin eine zwanzigjährige intelligente Person. Ich verspreche, selbst in einem Menschen, den nur eine Woche vom Grabe trennt, die erloschene Liebe wieder auserstehen zu machen, kurz, ich mache mich anheischig, einen Wolfshunger nach dem Leben wachzurufen. Das Alter ist gleich- giltig. Vermögen ist Vorbedingung. Ich antworte nur auf ehrliche Briefe, Schwätzer verachte ich. Adresse : 9. Postabteilung (Finnische Gasse), beut Vorzeiger der Quittung „Nowoje Wremja" Nr. 12742." „B u l g a r e, jung, aus guter Familie, Student, Junggeselle, pekuniär sichergestellt für ein elegantes Leben in Petersburg, von einem recht angenehmen Aeußern, brünett, wünscht mit russischem Fräulein oder russischer Dame mit gutem Vermögen bekannt zu werben. Ich kann auch heiraten. Hauptpostamt, bem Vorzeiger ber Quittung ber „Nowoje Wr." Nr. 15.469." „In Zivilehe wünscht ein hübscher junger, 23jähriger Mann mit einer bemittelten Person zu treten. 11. Postabteilung, bem Vorzeiger ber Quittung ber „Nvw. Wr." Nr. 15 558." Bekanntschaft mit einer vermögenben, sich langweilenden Dame sucht ein junger Herr. Alter gleichgültig. 1. Postabteilung. L. T. Wer furchtet sich nicht, mit einer Mißgestalt bekannt zu werben, sei es auch nur zu bem Zwecke, um von ihr einen Begriff zu bekommen. 14. Postabteilung. Poste restante. S. O. Ni ch t bereuen wirb es jebe Dame, wenn sie einem jungen, blühenben, gesunben Intelligenten wenn auch nur ihre Adresse sendet, um seine Photographie in Empfang zu nehmen. 13. Post- abteilung, bem Vorzeiger ber Quittung ber „Nowoje Wremja Nr. 37.247. Eine junge und hübsche Blondine langweilt sich entsetzlich. Antwortet auf ihren Rus, ihr intereffanten Leute, die ihr die Mittel zur Rettung, einen Ausweg aus ber Melancholie kennt. Briese on die Adresse: 8. Postabteilung. Vertige. Das neue Stadthaupt von St. Petersburg soll nun allerdings in jüngster Zeit einen energischen Anlauf genommen haben, diesem Treiben entgegenzutreten; das Ergebnis bleibt abzuwarten. Qatt&cl riild Verkehr, Volkswirtschaft. Märkte. Gießen, 59. Mai. Marktbericht. Auf heutigem Wockenmarkte. kosteten: Butter pr. Pfd. 1.15—1.30 Mk., Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., 2 Stck. 00—00 Psg., Gänseeier 00—00 Pfg., Enteneier 7 Pfg., Käse pr. Ctck. 6—8 23f., Käsematte 2Stck. 5—6 Pfg. Erbsen p. Pfund 22Pfg., Linsen p. Pfund 32Pfg., Taubenpr.PaarO,80-l,00Mk., Hühner pr.St. 1,00—1,60 Mk., Hähne pr. Stück 0,80—1,80 Mk., Enten pr. Stück 1,80—2,20 Mk., Gänse vr. Pfd. 00—00 Pfg., Ochsenfleisch pr. Pfd. 76—84 Pfg., Kuh- und Rindfleisch pr. Pfund 70—72 Pfg., Schweinefleisch pr. Pfund 80—86 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 90 Pfg., Kalbsteisch pr. Pfd. 70—80 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 60—80 Pfg. Welsche per Pfund —.— Kartoffeln pr. 100 Kg. 6,00—0,00 Mk., Zwiebeln pr. Zrr. 6,00—8,00 Mk., Milch per Liter 20 Pfg., Aepsel ver Pfund 35 bis 50 Psg., in Körben 00 Pfg., Nüsse 100 Stück 50-00 Psg., Birnen per Psd. Mk. 0.00—0.00, Weißkraut per Stück 20—30 Pfg., per Zentner Mk. 0.00—0.00. — Marktzeit 7—1 Uhr. Die Aerzte ziehen es andern Mitteln vor! Dr med. Künzel, Goellheim i. Pfalz, schreibt unterm 2. 9. 05: „Bioson wurde bei Annemie, Chlorose, Anorexie und Tuberkulose angewendet. Der Erfolg war in allen Fällen durchweg sehr befriedigend, sodaß ich es gerne verordne. Wo es im Anfänge nicht gern genommen wurde, haben sich die Patienten sehr rasch damit befreundet und es wurde gerne genommen und allen anderen Mitteln bei weitem vorgezogen." Dr. med. Fritz Haerter, Kolbsheiin b. Straßburg i. E., schreibt unterm 1. 9. 05: „Bioson wurde bei Schwächezuständen in der Rekonvaleszenz, bei alten Leuten und Kindern mit sehr gutem Erfolge angewendet. Tas Mittel wird allgemein gerne genommen und kräftigt zusehends. Bei einem 86 jährigen Mann mit hartnäckiger Influenza-Bronchitis trat nach Anwendung des Mittels auffällig schnelle Besserung und Kräftigung ein. Auch ist der Preis nicht so exorbitant wie bei den meisten neuen Mitteln". Dr. med. Schaper, Esenz, Qstfriesland, 10. September 1905: „Bioson wurde mit gutem Erfolge angewandt bei; 1. Anaemie, 2. Rekonvaleszenz nach Lungen-Abszeß. Es wurde gern genommen und gut vertragen. Bei Behandlung von Chlorose hat es auch insofern den Vorzug vor Eisen tinkturen, daß es keinen Alkohol enthält". Dr. med. Bulker, Ringen b. Coblenz, 3. September 1905: „Bioson wurde bei 2 Fällen d. T. B. C. bei Chlorose und bei Rekonvaleszenz mit gutem Erfolge angewendet. Es wurde gut vertragen und hob besonders auch den Appetit, wo Somatose und Haematogen versagt hatten". Bioson ist in Apotheken und Drogerien das halbe Kilo-Paket zu drei Mark erhältlich. Wer sich über den Wert und die Wirkung dieses zur Zeit besten, billigsten und zuträglichsten blutbildenden Nähr- und Kräftigungsmittels belehren will, lasse sich vom Bioson- werk Bensheim kostenlos die Broschüre von Dr. Rob. Schultze mit den Berichten ber Professoren, Kliniken, Krankenhäuser usw. schicken. ?^rtch. ott w, Ku und 5 Ai-u '«m Beben .Ut9- Oe. In ^c>us^. «rnnbe bet ’f't H-ud» J"; Pro. »tesmi . Haudy in chos; sich eilte aus k'lten nach a^ung an. Renten ju ?n Navratil >ner Woh. 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" ^2® = MZ ZT o 2 ~” 3 re ^r- 3'*O: O re 0—22 re* 2 "cT _ : "ois -5 ■ CO 3 e- ezz 2 'X «» re czz 2 re — S> _ 2 S3 M 2 - - ?o" sr~ C-? O rr iv ÖF S S tA 2 Ä Z7ö w (S) co er 2 o> o 24 o CO X re j- 5 5 Co 2 CO e 67 o 3< re 2^ÖÄ 3 2 ® 2, c s 3-^3 0_- er « CD 2. o 3 _TJ 3 ? ft H 253 2==P (5?» O 3- 2 2: 3 20 CO 2 er 2 'x'co C-? . O re C: e 3 -c re re ö re» O er — re «> 6)E S3 S —» 5 Ä er co er er «> re’ 62 ’ o 62® <2 2 re . O er- er zz.er 3-re Or O • o" 2. !» 6) O: re er er- — re o co re E er re’ o £? er co re er«o 2 re Co X ZZL O: S 7.^2 re o er CO —! 2 .crr 3rczz ! 3: JO-g’ä o er ° G> = o 0 kV kV re <6 ö ä P- >-* ro 03 G< O — 00 CD o o S. CD c- O 2 q" tdo. kV 0 0 5 — 3 IO tO ® COCO Mai 1906 8 -o cd ro re />? -a -3 Barometer CT C C O O — am 0° «7»- e *- cc 0 reduziert Q o re- ►- tO Temperatur er c cc m 0 der Luit 0 k-» ‘ 1 ro öd c» Absolute £ "0 to 0 Feuchtigkeit s> a.1 1 ® s CD CD CS C» CD — Relative Feuchtigkeit e ä Ö re w NW NW Windrichtung re" C II || 2. -b 4. to to **■ Windstärke «w r~ co «» Pp Sonnenschein Klarer yinnnel Sprühregen Wetter Ä re ®s v re 7(3 «•*»2 ?*> £> 2= - tt" Z P -»re 'S 62" re G: r- er ®» = : O 2 re; cr> — s" to ,x> re LSZ 60 CD O Ci Xeaser Saalbau 8288 Eintritt 75 Pfg. Anfang 81/, Uhr. Im Vorverkauf bei Herrn E. C ballier 50 Pfg. empfiehlt Kinder-Sonnenscliirine Modewarenhaus Casseler Sdiirmfart Giessen, Seltersweg 9. NOWÄCK Giessen. Braune Braune 6 —,80 Braune A. Reinig 5 —.90 Auf Kredit! L. Süss !<■ 68 SB & s 6, L Blockstrasse 14-16 Lew! Kleinste Anzahlung. Auf Kredit! Salzbriiniier Oberbrunnen Marktstrasse 9 und Wettergasse Marktstrasse 9 und Wettergasse 9 B L. 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