Samstag 34. November 1906 156. Jahrgang Erstes Blatt Amts- und Anzelgeblatt für den Amr Gießen Gietzener Nmeio er General-Anzeiger *5’ Nr. 277 Erscheint tÄfllld) außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hesilschen Landwirt die Gießener Familien, blätter viermal in der Woche bciqelegt Rotationsdruck il Verlag der Brüh l'lchen Unwerl.-Buck-u. Stern- bruderet. R. Lange. Redaktion. Exvedttiorr und Druckerei: Schal st ratze 7. Redaktion c-E 113 Verlag u.Exr>ed.LqK51 Adresse für Depeschen: Anzeiger (Stetzen. vezugsvrelSi monatllch7bPi., viertel- jährlich All. 2.20; durch ylbliolc- u. Z'vcigstellen monatlich 6o Pf.; durch diePost 2)!k. 2.—viertel- jährl. auefchl. Beltellg, Annahme von 2iu$ttgcB für die rageSiilmiiiier bis vorinittags 10 Uhr. ZetlenpretS: lokal 12Pt« auswärts 20 Ptg. Derantwortltch tüt den coltL und allflem. Teil. P. Wtttko. für »Stadt und Caub' und JSmdliejaaP. Ernst Hetz, für den An- netqeutctl: bnnfl Beck. 5. IC. H. unser Groszherzog vollendet morgen, am Sonntag, sein 38. Lebensjahr. wenige Wochen sind es her, daß ihm aus Anlaß der Geburt des Lrbgroßherzogs die zahllosen Glückwünsche seines Moires zu teil wurden, aus denen er zugleich erseben konnte, mit welcher unerschütterlichen Liebe, mit welchem unbegrenzten vertrauen der Hessen Herzen ihm allerwege entgegenschlagen. Auch in diesen Tagen und Stunden wird Hessens Volk freudig des ersprießlichen wirkens seines Großherzogs gedenken und den herzlichen Gefühlen für ihn und fein nach Schices als- fchlägen und Enttäuschungen neu durcbsonntes Haus beredten Ausdruck verleihen. Es gibt wenige Wanner auf Fürstenthronen, die mit so vielen rein menschlichen Vorzügen begnadet wurden, wie Hessens Großherzog Ernst Ludwig. Seine Freimütigkeit und Gerechtigkeit, seine Hochherzigkeit und Vorurteilslosigkeit, seine grundgütige Offenbeit, seine vornehme Anspruchslosigkeit und gewinnende Ungezwungenheit ntachen cs leicht, daß der Jahrestag seiner Geburt alljährlich zur probe dienen darf auf hesscntreue und hcsseneigenart. Jn weiten Areisen herrscht die Ueberzeugung, daß wir in einer ernsten, an inneren Nöten reichen Zeit leben. Da ist es doppelt bedauerlich, daß von einer Seit§, von der man sichs wohl am wenigsten hätte verleben sollen, Elemente der Unzufriedenheit und des Grolles genährt werden, wodurch Vaterlandsliebe und Wonarchentreue im Herzen des Volkes Erschütterung erleiden. Nicbt jene Partei, von der man Aehnlickes feit Jahrzehnten leider gewohnt ist, in deren Scharen die Unterwühlung des monarchischen prinzipes Selbstzweck ist, sondern eine Anzahl von Angebörigen einer Partei, die bisher sich mit berechtigtem Stolze die Regierungspartei des Landes nennen durfte, verzehrt sich in willkürlichen Verstimmungsgründen, die auf tatsächlich falschen Voraussetzungen beruhen, und das Schlimmste ist, daß diese Verstimmungen in den Herzen Unberatener Eingang fanden. Großherzog und Regierung sind mit Eifer bemüht, der Partei der äußersten Linken, die unentwegt durch grundsätzliches Opponieren und Räsonnicren einen materiellen Aufstieg ins Grenzenlose hinein sich ertrotzen will ohne vernünftige Berücksichtigung der natürlichen Ordnung im Weltengange, die besten wurzeln ihrer Araft zu entziehen durch rechtlich unantastbaren, gerechtesten Ausgleich. In einer solchen Zeit wahrhaft großer und großherziger Regierungstaten sollte erst recht der wert eines Thrones, an dessen Stufen sich die wogen des parteihaders brechen, von jedem scharfsichtigen Vaterlandsfreunde erkannt werden I Verleumdet aber und mißverstanden wird heute gerade von einer Reihe derer, die von der Stärke ihrer Vaterlandsliebe so überzeugt sind, daß sie sie allen anders Gesinnten, so anmaßend als unsinnig, absprechen, die aufgeklärte Regierung eines Monarchen, der sichtbarlich das Beste seines Volkes will, das er über alles liebt. Doch wir sehen zu unserer aufrichtigen Freude, daß Großberzog Ernst Ludwig mitsamt seiner ihm treu er- aebenen und ihm troß aller niedrigen Intriguen nicht zu entfremdenden Regierung seinen hohen Zielen weiter nachstrebt und durch überschnelle Aritik Unberufener nicht zu beirren ist. Er bleibt der moderne Mann seiner Zeit, nebst seinen ■ treuerprobten Räten bedacht für den Fortschritt und die Wohlfahrt der breitesten Masten seines Volkes. Die Einsichtigeren werden mit dem Fürsten Hessens und dessen Ministerium in dankbarem Vertrauen auch in Zukunft aemeinfame Wege gehen, auf denen er uns voranschreitet. wir wissen, daß sie 511m Segen für sein ganzes Volk fuhren. Nur Aurz- sichtige, (Huerköpfe, Verbissene und Verführte rechts und links zweifeln heute noch daran. Doch mir glauben bestimmt, daß viele von ihnen, Heller sehend geworden, über kurz oder lang ihm in wahrer Loyalität in allen Dingen helfend zur Seite treten werden in erneuter Treue und erneuter Liebe. Das wäre der rechte Dank, der Hessens erleuchtetem und gütigem Monarchen dargebracht werden kann von einem geistig freien Volke, das sich vor geistigem Unfrieden sichern sollte l Aer Kleine NesäSiqunqsnachweis. Man schreibt uns aus Berlin: Wie zu erwarten war, sind bei der Beratung über die Regierungsvorlage berr. den kleinen Befähigungsnachweis, im Reichstag die Gemüter aufeinandergcplatzt, und wenn sich die Unterhaltung auch in den streng parlamentarischen Normen vollzogen hat, so weiß man doch, daß hier zwischen links und rechts, ja sogar zwischen einzelnen sich sonst ziemlich nahestehenden Parteien Gegensätze herausgebildet haben, die unüberbrückbar scheinen. Denn die Einen wünschen die Rückkehr zum alten Zunft- und Innungszwang mit all seinen Beschränkungen der freien Arbeit, die anderen wünschen, daß Jedem Gelegenheit gegeben werde, sich frei zu betätigen, und ohne erst den Nachweis seines Wissens und Könnens erbracht zu haben, tun und lassen kann, was er will. Die Dritten aber wollen weder das eine noch das andere; sie wollen Ausnahmen in diesen und jenem Berufe, z. B. beim Bauhandwerk. Die Dritten haben heut Oberwasser. Die Negierung, die sich früher gegen jeden Arbeitsnachweis erklärte, ist heute zu der Anschauung gelangt, daß dieses Prinzip nicht immer und überall gut zu verteidigen ist. So hat sich denn Graf Posadowsky bereit gefunden, das Bauhandwerk den längst geförderten Befähigungsnachweis einzuräumen, und es besteht auch kaum ein Zweifel, daß die Gesetzesvorlage endgültige Annahme finden wird. Man muß das, ob man nun Freund oder Gegner des Befähigungsnachweises ist, begrüßen aus dem einfachen Gerechtigkeitsgefühl heraus. Denn es läßt sich nicht bezweifeln, daß im Bauhandwerk Unternehmer, denen jede Kenntnis ihres Gewerbes mangelt, Schaden stiften können, daß sie imstande sind, Leben und Gesundheit ihrer Mitmenschen zu gefährden. Graf Posadowsky hat im Reichstag den „moralischen" Grund dieses Gesetzentwurfes betont, und er hat damit nicht Unrecht. Nirgends in der Welt hat der Schwindel bish er m ehr g e- blüht, als im Bauhandwerk. Die Bauunternehmer spekulieren, ohne die geringsten einschlägigen Fachkenntnisse zu besitzen, oft mit dem Leben ihrer Arbeiter, und Unglücksfälle sind zum Teil zurückzuführen auf die Leute, die dem Trieb nach Gold und Gewinn folgend nötige Vorsichtsmaßnahmen außer Acht ließen. Diesem verwerflichen Treiben, das neben der Gefahr für die Arbeiter auch noch eine schwere finanzielle Gefahr für die kleinen Handwerker bedeutet, wie viele Existenzen sind nicht gewissenlosem Unternehmertum geopfert worden! — soll nun ein Ende bereitet werden, find das ist nicht zu bedauern. Man verlangt in Zukunft von den Bauunternehmern, daß sie auch Fachkenntnisse besitzen, daß sie imstande sind, ihre Unternehmungen so zu leiten, daß die Gefahr für die Arbeiter ausgeschlossen scheint. So weit das überhaupt möglich ist, denn für Unglücksfälle, die nicht aus Fahrlässigkeit entstehen, kann man natürlich den Unternehmer niemals haftbar machen. Man verlangt von den Unternehmern ferner den Nachweis der moralischen Befähigung, d. h. es darf nicht jeder Lump, auch wenn er zufällig Fachkenntnisse besitzen sollte, Bauten aufführen. Das ist ebenfalls zu begrüßen, denn alle Fachkenntnisse nützen nicht, wenn der Unternehmer die nötige Portion Gewissenlosigkeit besitzt. Tie Arbeiter müssen 'geschützt werden nicht nur vor der Unkenntnis, sondern auch vor Subjekten, die nicht das entsprechende Veraniwortlichkeitsgefühl besitzen. Es wird nach der Einführung des BefähiaungsnachweiscS im Baugewerbe besser werden, darüber besteht kaum ein Zweifel. Das darf aber nicht dazu führen, daß man zu der Zeit vor der 6) ewerb efre i h eit, der freilich auch manche Mängel anhaften, wieder zurückkehrt, zum Innungszopf, wie es in der letzten Dienstagssttzung von der Rechten de§ Hauses direkt verlanat mürbe. wäre ganz gewiß zu begrüßen, wenn Graf Posadowsky auch der Lokomotivführer des Handwerks sein könnte, wie die Konservativen verlangten. Aber wenn dem Handwerker nur damit wieder auf die Beine geholfen werden kann, daß man die Zeit um einige Jahrzehnte zurückdrehen will, dann wird der Staatssekretär des Innern wohl auf die Ehre verzichten müssen. Die Gewerbefreiheit nehmen, wenn nicht ernste Dinge auf dem Spiele stehen, hieße jetzt mehr Existenzen ücrnichien, als durch die Gewerbefreiheit schwer bedrängt worden sind. Das freie Spiel der Kräfte ist ein mächtiges Gebot unserer Zeit. Dagegen an kämpfen, heißt den Geist der Zeit nicht verstehen, heißt reaktionär fein. Seit die Gewerbefreiheit geschaffen wurde, ilt Deutschland vorwärts gekommen auch draußen in der Welt, blühen Handel und Industrie. Sollen unsere Fabriken wieder abgerissen werden, weil das Kleingewerbe unter der Großproduktion Schaden leidet? Wer das verlangen kann, ist ein Narr und wird hoffentlich nie auf die Unterstützung einer Negierung rechnen können. Im Baugewerbe, wo es sich, wie angedeutet, um den Schutz von Leben, Gesundheit und Vermögen Tausender kleiner Leute handelt, mag man die Freiheit eindämmen, aber in den anderen Gewerbezweigen wird man es nicht können, ohne schwere wirtschaftliche Schädigung wichtiger Interessen. Das Drängen der stärkeren Parteien des Reichstags geht bekanntlich nach weiterer Eindämmung der Gewerbefreiheit — wir vertrauen, daß Graf Posadowsky so weitschauend auch in Bezug auf die Handwerkerpolitik ist, wie in Bezug aus die Sozialpolitik. Zur Arbeiterfrage. Man schreibt uns aus Darmstadt: In dem von Prof. Dr. Berghoff-Jsing am Donnerstag gehaltenen 3. V"rtrage über die Arbeiterfrage verbreitete sich her N"hn-r eir,Anfienb über das s 0 zialist. Prinzip im Arbeitsoerhältnis und führte aus, daß in England der stärkste,Nährboden für dieses Prinzip gewesen sei; denn dort sei in den ersten Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts die Notlage der Arbeiter aufs höchste gestiegen. Die Arbeitslöhne erreichten ihr tiefstes Niveau: die Arbeitszeit war 18- bis 18stündig: ein Koalitionsrecht gab es anfangs überhaupt nicht, später stand es nur auf dem Papier. Auf dem Kontinente stand es nicht so schlimm, weil die industrielle Entwicklung nicht in der Weise fortgeschritten war wie in England. Immerhin war die Lage der arbeitenden Klassen derartig, daß man verhältnismäßig rasch zu der Einsicht gelangte, das individuelle System tauge nichts und müsse durch das sozialistische Prinzip abgelöst werden. Schon zur Zeit der großen französischen Revolunon traten Männer wie Babeuf auf, die den, Versuch machten, den rohen Kommunismus zu verwirklichen. Jedoch damals hatte man andere Ziele. Tas Proletariat kämpfte noch gemeinschaftlich mit der Bourgeoisie als 3. Stand um feine Rechtsgleichheit mit den anderen Ständen. Babeuf wurde guilletoniert. Später machte Bazard Vorschläge, wie die Lage der Lohnarbeiter gebessert werden könne. Er rückte vor allem dem Privateigentum auf den Leib und verlangte eine Aenderung des Erbrechts. An Stelle des Erbrechts des Blutes will er ein Erbrecht des Verdienstes gesetzt wissen. Verwandte Klänge finden sich bei Adolf Wagner. Fourier war dann her Vertreter des vormärzlichen, utopistischen Sozialismus. Wie Boz-ard vertritt er die Anschauung, daß die freie Konkurrenz kulturfeindlich sei, und auf dieser Grundlage baut er sein System auf. Bei ihm herrscht die naive Meinung, daß die Menschen, wenn sie ganz ihren Passionen lebten nub ihre Arbeit hiernach einrichteten, ein ersprießliches Zusammenleben zu stände brächten. Louis Blanc will ebenfalls die kulturschädliche Konkurrenz beseitigen, iedoch den Teufel durch Beelzebub austreiben, indem er fordert, daß der Staat durch Errichtung von Fabriken die Konkurrent unterbieten und so allmählich in den Sozialismus hineiuschwimmen solle. Diese Ideen sanden viel Anklang, und als 1848 in der Februarrevolution das Prole- tareat den Sieg errang, ging es an die Verwirklichung derselben. Der Versuch mißlang aufs kläglichste. In den 30er und 40er Jahren war die Schweiz und später England der Tummelplatz sozialistischer Ideen. In dem letzteren Lande wurde der Bund der Gerechten gegründet. London wurde der Sitz des ersten deutschen kommunistischen Vereins, der heute noch besteht und Engels und Marx zu seinen Mitgliedern zählte. Von dort aus wurde die Welt mit dem kommunistischen Manifest beglückt, das den Mahnruf enthielt: Proletarier aller Länder vereinigt euch! und nichts geringeres verlangte, als daß durch gewaltsamen Umsturz die gegenwärtige Wirtschaftsordnung beseitigt werde. Karl Marr, der Verfasser dieses Manifestes, wurde der eigentliche Gründer der internationalen Arbeiterorganisation, der „roten Internationale". Zwar war er nicht aktiv dabei tätig, doch hatten seine Ideen den Anstoß gegeben. Es wurde verlangt, daß die Arbeiter aller Länder dieser Bereinigung beitreten sollten. Sie könnten die Verfassung ihns Heimatstaates ruhig halten. Im geeigneten Augenblick werbe ihnen vom Generalrat entsprechende Weisung zugehen und der Hexensabbat, durch den das Proletariat die Herrschaft erlange, werde beginnen. Die rote Internationale sank bald von der Höhe, auf der sie gestanden. Hauptsächlich wurde dies durch den Russen Bakunin verursacht, der anarchistische Ideen einpflanzen wollte. Synode des Dekanats Gießen. B. Gießen, 24. November. Die am Mittwoch, wie schon kurz berichtet wurde, in dem Konffrmandensaale der Johanneskirche hier stattgefundene DekanatSfynode begann morgens 9 Uhr mit einer von Pfarrer Weber-Lang-Göns im Anschluß an 2. Chron. 20 gehaltenen Andacht. Darnach eröffnete der Vorsitzende der Synode, Dekan Strack-Leihgestern, die Verhandlungen mit einer kurzen herzlichen Ansprache, in der er die Anwesenden, besonder? die neu eingetretenen Mitglieder, begrüßte und der durch Tod oder Pensionierung autzgeschiedenen Mitgliedern — besonders des in Pension getretenen Kirchenrats D. Naumann — in ehrenden Worten gedachte. Zu Schriftführern wurden Pfarrer Ba rth - Großen-Buseck und Bürgermeister R o m p f-Lang-Göns durch Zuruf gewählt. Hierauf wurde vom Vorsitzenden der Bescheid des Großh. Oberkonsistoriums auf die vorjährigen Synodalverhandlungen verlesen. Tie auf der Tagesordnung stehenden Wahlprüfungen waren rasch erledigt, ebenso die Diskussion über den gedruckt vorliegenden Jahresbericht des Dekanatsausschusses über seine diesjährige Wirksamkeit und über den kirchlichen und sittlichen Zustand der Dekanatsgemeinden. Aus ihm ist u. a. folgendes hervorzuheben: Die Seelenzahl der Pfarreien betrug 57 731, übergetreten sind 7, ausgetreten 7. An Kirchenbesuchern wurden an den drei Zähltagen gezählt 26 700 Erwachsene und 10 487 Kinder; zum heiligen Abendmahl gingen 17 592 männliche und 20 022 weibliche Personen, wobei eine geringe Zunahme bei dem männlichen Geschlecht zu konstalleren ist. Der rcligioS-siislichc Zustand der DekanatSgcmeindcn ist im allgemeinen ein äußerlich befriedigender; hier und da ist freilich über den starken Wirtshausbesuch am Samstag und Sonntag namentlich von der Jugend beiderlei Geschlechts, über das Schwinden elterlicher Autorität, über die mangelhafte Ueberwachuug der Spinnstuben sowie darüber, daß viele der Getrauten die kirchlichen Ehren zu Unrecht in Anspruch nehmen, zu klagen. Die kirchliche »Katechisinuslehre^ leidet besonders in Gießen und der nächsten Umgebung unter den Folgen der „Festseuchc" und dem Einstuß der Sonntagsgewerbeschule. In Allendorf an d. Lahn wurde eine Kirchenheizung eingerichtet, in Leihgestern wurde der Neubau der eingestürzten Kirche beschlossen, der auf 75 000Mk. veranschlagt ist. Die erhobenen Kirchcn- kollekten weisen allgemein eine Steigerung gegen das letzte Jahr auf. Die Synode wünscht, daß auch künftighin der Jahresbericht gedruckt und wie dieses Jahr vor dem Zusammentritt der Synode den Mitgliedern Zugestellt wird. Der hierauf zur Diskussion stehende Antrag betr. den seither üblichen, gesetzlich vorgeschriebenen EröffnungS- gotteSdienst der Synode wurde dahin erledigt, daß es dem Dekanatsausschuß überlassen wird, die Formen desselben, ob kurze Andacht oder kirchlichen Gottesdienst, für jeden einzelnen Fall zu bestimmen. Der Gehalt des Dekanatsboten wird mit Nückwirkung vom 1. April d. I. neu geregelt. Der Bericht deS Erziehungsbeirates für verwahrloste Kinder, den Pfarrer Weber-Lang-Göns erstattete, gab ein erfreuliches Bild von dessen Wirksamkeit, die der ernstlichen Beachtung und Unterstützung seitens der öffentlichen Behörden und Gemeinden wert ist. Sodann referierte Pfarrer Euler hier über die Fortschritte des Gustav Adolf-Vereins, des Evangelischen Bundes und über die Unterstützung der evangelischen Bewegung in Oesterreich. Für letztere sind etwa 600 Mk. im Dekanat eingegangen. Von der Dekanatskran kcn- pflege konnte Pfarrer Schwabe hier nur Gutes berichten. Es sind drei Krankenschwestern angestellt, die sich vortrefflich bewähren, eine vierte wird zurzeit im Elisabethenstift zu Darmstadt ausgebildet, die am 10. Dezember ihre Tätigkeit zu Leihgestern beginnen wird. Die Ausbildungskosten einer fünften Schwester werden von der Synode einstimmig genehmigt, ebenso der Antrag von Pfarrer Gußmann- Kirchberg, alljährlich ein Dekanats missionsfest für die Heidenmission zu feiern, um die Sache der Hcidenmission in den Gemeinden volkstümlicher zu machen. Hierauf hielt Pfarrer Braeß, der Vereinsgeistliche für- innere Mission von Darmstadt, einen von herzinniger Liebe zu unserem Volk getragenen, äußerst anregenden Vortrag über den Wert der inneren Mission auf dem Lande. Er zeigte, daß auf dem Lande dieselben sittlichen Gefahren und Nöte vorhanden seien, die in der Stadt die Arbeit der inneren Mission nötig machten. Der berufene Vorarbeiter hierfür auf dem Lande ist der Pfarrer, der sich aber aus Kirchenvorstand, Lehrern und der Jugend Mitarbeiter heranziehen müsse, was ü. a. durch Feste der inneren Mission, Ansprachen und Besuch von Anstalten der inneren Misston zu erreichen sei. Als Einrichtungen der inneren Mission, die auf dem Lande möglich seien, empfahl er Bibelstunden, Familienabende, Posaunenchöre, Volksbibliotheken, christliche Feste, Jugendvereine, Gemeindekrankenpstege, Sicchenstationen, Pstege der entlassenen Strafgefangenen u. a. m. Der Vortrag fand den lebhaftesten Beifall der Synode und erregte eine ausgedehnte Diskussion, die das erfreuliche Ergebnis hatte, daß ein vom Pfarrer Weber-Lang-Göns gestellter Antrag, eS möge jährlich auch ein DekanatSfcst für die innere Mission gefeiert werden, einstimmig an- genommen wurde. Zum Schluß wurde Pfarrer (xitlcr hier mit 37 gegen drei Stimmen zum Stellvertreter des Dekans gewählt. Nach einem von Pfarrer Gußmann-Kirchberg gesprochenen Gebe wurde die Sitzung geschlossen. Aus Svar. Nach dem vom Vereinsvorsitzenden, Geh. Hofrat Prof. Dr. Bchaghel, erstatteten Jahresbericht nahm die Entwickelung des Vereins ihren gewohnten ruhigen Gang. Die Haupttätigkcit galt wiederum dem Museum und den Ausgrabungen. Tas Museum wird seit seiner Verlegung in das alte Schloß sehr rege besucht und wiederholt fanden durch den Konservator, Hauptmann a. D. Kramer, Führungen von Vereinen und Schulen statt. Die Sammlungen vermehrten sich durch Ankäufe, Geschenke und die Ausgrabungen um 400 Nummern, wobei namentlich die reichen Schenkungen des Kommerzienrats Gail erwähnt wurden. Ausgrabungen wurden am Kastel Langsdorf, int Wald bei Hungen, in der Lindener- Mark und iin Gießener Stadtwald vorgenommen; sie lieferten zahlreiche wertvolle Funde, insbesondere wurde, zum erstenmal in unserer Gegend, in der Lindener Mark ein Hockergrab aufgedeckt. Der alljährliche Vereinsausflug ging nach Butzbach, er galt dec Besichtigung der dortigen Ausstellung und dem Pfahlgraben. Von der Vcrcinszeitschrift erschien Band XIV der neuen Folge. Für das nächste Jahr sind Ausgrabungen in der Lindener Mark und auf dem Trieb vorgesehen, auch die Erforschung der Ningwälle und der Flurnamen soll nicht aus dein Auge verloren werden. Der Verein hat leider einen kleinen Mitgliederrückgang zu verzeichnen, er zählt zur Zeit 408 Mitglieder und eine Reihe von Korporationen, die zu- ammen 1249 Mark Beiträge leisteten. Die Beträge dc§ Staates, dec Provinz, des Kreises und dec Städte Gießen, Alsfeld, Lauterbach, Schlitz und Wetzlar beliefen sich auf 1670 Mark. Die Einrichtung des neuen Museumslokals machte die Erhebung eines größeren Teiles des Barvermögcns nötig, es besteht noch aus rund 5400 Mark. Dein Rechner, Negierungsrat Bähr, wurde unter Ausdruck des Dankes Entlastung erteilt. Die Vorstandswahl ergab die Wiederwahl der seitherigen Vorstandsmitglieder durch Zuruf, mit Ausnahme deS Negierungsrats Bahr, der eine Wiederwahl abgelchnt hatte. An den geschäftlichen Teil schloß sich ein hochinteressanter Vortrag des Professors Dr. H. D tief en über die E n tw i cke l un g s g c s ch i chte des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert, dec mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. (Wir werden noch näher auf den Vortrag zurückkommen.) Nachdem noch die Anwesenden mit Interesse einige Mitteilungen des Professors Dr. Haller über eine von ihm gemachte ivertvolle Entdeckung von Akten deS Basler Konzils, die sich in der Hospitalbibliothck zu Eues an der Mosel befinden, entgcgcn- genommen hatten, schloß nach ll1/, Uhr die anregend verlaufene Versammlung. ** Türkenlose werden neuerdings von auswärtigen, zum Teil ausländischen Bankfirm en unter anscheinend außergewöhnlich günstigen Bedingungen zum Kauf angeboten. Die Ankündigungen enthalten zum Test unwahre oder zm Irreführung geeignete Angaben. Durch sie wird der Glaube erweckt, daß man für 10 Mk., bezw. 5 Mk. oder gar 3 Mk. ein solches Los bekomme, es kostet jedoch zur Zeit etwa 145 Mk. Ferner enthalten die Ankündigungen zum Teil die unwahre Angabe, daß jedes Los gewinne und daß alle Ge- winne ohne Abzug ausbezahlt würden. Auch wird zum Teil verschwiegen, um ivelche Lose es sich handelt. Es muß daher vor diesem unlauteren Gcschäftsgebahren dringend gc- w a r n t werden. ** I n A m erika verstorbene Hesse n. Frau Maria Kennedy, geb. Gries, aus Burgbracht, 33 Jahre alt, zu Phvnixville, Pa.; Henry Wahl aus Darmstadt, 57 Jahre alt, zu Vrooklin, N?).; Anstreichermeister Kaspar Heiles aus Klein-Auheim, 75 Jahre alt, Newark, NA ; Gabriel Traub aus Gimbsheim, 78 Jahre alt, zu Syra- cuse, NA.; Frau Anna Katharina Norwig, geb. Althause, aus Frielendorf, 68 Jahre alt, zu Buffalo, NA.; Peter- Berg aus Dainrode (Kr. Frankenbcrg), 75 Jahre alt, zu Oklahoma City, Okla.; Margarethe Mägly, geb. Klippel, aus Wackernheim, 84 Jahre alt, zu San Jose, Cal. Vor der GrabfteinhaLte. (Am Toteiüest). Stein an Stein und Kreuz an Kreuz gereiht, Unbeschrieben noch, doch stets bereit, Also harren sie erwartungsvoll. Wen des Meisters Hand cinmeißeln soll. lieber alle hebt sich schlank und licht, Tieies Leid im schönen Angesicht, Dort der Engel, der ergreifend klagt Um die Toten, denen es noch tagt. Einem drunter wird er Hüter sein, Wenn er traumlos schlä't im engen Schrein, Einem, der noch trinkt das Himmelslicht, Ter nicht ahnt, ivic bald das Herz ihm bricht. Englein knien leidvoll rings herum, Klagen erdwärts, stehn zum Himmel stumm: „Golt, mein Golt, dein Wille ist geschehn!" „Gib, o Later, gib ein Wiedersehn!" Fragend schauen Kreuz und Stein mich an: „Weißt du wohl, du kluger Wandersmann, Dem der Tag das Haupt noch strahlend kränzt, Wann dein eigner Name hier erglänzt?fl Albert Kleinschmidt. Es stand an diesem Platze Gar oft ein Inserat, Das ward zum Küchenschatze Dem, der’s gelesen hat! Und wer’s je übergangen, Für den ist’s jetzt noch Zeit, Er möge nur verlangen Das Beste weit und breit: Pfeiffer&Dilfler’s Kaffee-Essenz in Dosen und Paketen. 6400 kaufen ihre Küchenausstattungen am vorteilhaftesten und vollständigsten in dem Haus- und Küchengeräte-Magazin. SpezialabteüiMng s von LusBwäg ICröBBy Plockstrasse 10. —■ Ständige Mnsferkiiche — Wom Tode. Eine Betrachtung zum Totensonntag. - „Der Tod macht das Leben zu einer ernsten Sache" sagte Robert Hamerling einmal. Mögen unseres Lebens Stunden fliehen im wogenden Wechsel von Freud und Leid, :— sie münden unerbittlich ins ewige Dunkel, in das wir zitternd cingehen, vom Grausen übermannt. Wie wenige vermögen es, vor jener dunklen Höhle nicht zu beben, in der sich Phantasie zu eigener Qual verdammt" und wie Faust „zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen!" Das Problem des Todes ist das Problem des Lebens. Was ist dies grausame, bittere, selige, süße Sein, dies harte Missen, dies wonnige Wollen, dieses auf und ab in Lust und Weh, das wir „Leben" neunen und dessen Schlüssel der Tod ist? Genügt es uns, mit Bichat einfach zu sagen: Das Leben ist die Summe der Betätigungen, welche dem Tode Widerstand leisten? Hat eine schon von den Millionen Gehirnen, die, seit der Prometheusfunke der Vernunft in ihnen aufflammte, nach Lichtung dieses .Dunkels suchten, Erleuchtung und Erlösung gefunden? Vergeblich Fragen, vergeblich Hoffen. Und war das ganze Leben des Geistes Kampf der Gegensätze und Zusammen- prallen des scheinbar Unvereinbaren, — hier, bei der letzten großen Rätselfrage trennen sich noch einmal die streitenden Geister in zwei gewaltige Heerscharen, und wenn dem Blick der einen nur undurchdringliche Finsternis hinterm Tor- Les Grabes zu liegen scheint, leuchtet den andern ein silberner Stern hervor aus dem Dunkel: die Unsterblichkeit. Doch weithindonuernd schlägt die Pforte zu — und ein Narr wartet auf Antwort. . . Wie wir den Sinn des Lebens werten, so messen wir des Todes Bedeutung ab. Aus uralter Zeit bringt ein tiefer Orgelpunkt unter allen wühlenden Melodien des Lebens an unser Ohr: das Leiden am Leben. Bei Indern und Babyloniern, bei Aegyptern und Persern dieselbe grause Melodie vom ewig düsteren, rückkehrlosen Totenreiche. Selbst durch das heitere Lachen des diesseitssrobeu Hellenen- volkes klingt seiner Dichter düsterer, tausendfach wiederholter Sang von der furchtbaren Last des Seinmüssens, die herzzerreißende Sehnsucht: „Den Sterblichen ist nicht geboren sein das Beste und nie zu erschauen der Sonne Strahl", klingt cs im Liede des Bakchylides und in des Oedipus Klage: „Selig, nimmer geboren zu sein! Doch dem Lebenden ist fürwahr rascher woher er gekommen ist wieder zu gehen der Güter zweites!" Das ist das herbe Lied des Weltschmerzes, der mit Seneca sagt: Das ganze Menschenleben ist nichts anderes als eine Reise zum Tode. Und bis zum heutigen Tage haben tausend Weise diese hoffnungslose Klage wiederholt. Ist cs nicht ein erschütterndes Erkenntnis, aus dem Munde eines Alexander von Humboldt zu vernehmen: „Das Leben ist der größte Unsinn. Und wenn man achtzig Jahre strebt und forscht, so muß man sich doch endlich gestehen, daß man nichts erstrebt und nichts erforscht hat. Wüßten wir nur wenigstens, warum wir auf dieser Welt sind? Aber alles ist und bleibt dem Denker rätselhaft, und das größte Glück ist noch das, als ein Flachkopf geboren zu sein!" Aber immer wieder reißt ein Trieb den Menschen vorwärts, eine Höhenschnsucht, jener Drang zur Weltumfassung, den Platon „Eros" nannte und von dem Sch open-. Hauer zu zeigen strebte, daß er mit dem Tode „in einem I geheimen Zusammenhänge stehe, vermöge dessen der Tod das große Reservoir des Lebens ist." Und wäre es nur, daß das Streben nach bildlicher Vorstellbarkeit dieses Unfaßlichen den Menschengeist in beständiger schöpferischer Arbeit gehalten hat. Die Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Tode birgt reichste Schätze schaffender Phantasie. Für die Tinge hinterm Tode verlangte der Geist einen Ort und fand ihn in den Bildern von Himmel und Hölle, von Orkus und Walhalla, vom Totenreich und seinem Gerichte. Der Tod selbst aber, dieser unfaßbare Moment, wo Sein und Nichtsein aneinanderstößt, ward zuerst bei den Griechen zum Bilde, zu dem tiefschönen Bilde vom Genius mit der umgestürzten Fackel, der der Zwillingsbrudcr des Schlafes ist und den der Schmetterling der Unsterblichkeit umgaukelt. Oder auch als ernsten bärtigen Mann sahen ihn die Griechen. Nur einmal, bei Euripides, ward er zum fürchterlich unerbittlichen, schwarzen Gotte, Thanatos mit dem Schwerte in der Hand. Spätere Zeiten, in denen die Menschheit im Innersten aufgewühlt wurde durch Krieg und Seuchen, Pest und .Hungersnöte, schufen sich ein fürchterliches Bild des Todes; bald war er der altes verschlingende Rachen eines aata- nischen Ungeheuers, bald ein schlangenhaariger Dämon. Der „Triumph des Todes" begann die Phantasie zu beherrschen, Ulnd in die Bilder, ja in die Maskenzüge, die ihn darstellten, schlich sich die neue Gestattung ein: der dürre Knochenmann mit Stundenglas und Hippe. Das war der grause Schnitter, der die reifen Halme uiedermähte, der Unerbittliche, von dem das Volkslied singt: „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, hat G'walt vom höchsten Gott." Doch auck ans Grausigste gewöhnt sich der Mensch, und so ward das Skelett bild mit einem grotesken Humor dargestellt; uud weil ein alter Spruch sagte: „Der Tod frißt alle Menschenkind' wie er sie find't, fragt nicht, west Stande und Ehr'n sie sind", so wurde der knochige Geselle zum Reigenführcr der „Totentänze", in denen hoch und niedrig, arm und reich ohne Unterschied zum Grabe wandeln, „der Toten gebeiuichtc Cumpancy". .Holbeins Bilder des Todes zeigten diesen als Grabgeleiter der Menschen jeden Standes, als' Herrscher der Welt. So stand der Tod als Würger jahrhundertelang vor unserer Phantasie, wie ihn Cornelius dann noch unter den apokalyptischen Reitern gezeichnet hat, wie ihn Rethel auf die Holztafel schnitt. Aber mit der Abnahme daseins- sroher, robuster Lebenslust, mit dein Weicherwerdcn und dem seelischen Vertiefen des Gefühls trat au die Stelle des Vernichters der Erlöser. Der Tod als Freund kam bet Rethel in das Turmgemach deS greisen Glöckners und nahm ihm sein Amt ab, während jener im verblassenden Abendsouneugold milde verschied. Noch war der Tod derselbe Diocheumann, wie auch bei Seitz und Sattler und vielen, die das Verhältnis zwischen ihm und dem Menschen in Bildern auszudrücken trachten; doch wird er schon bei Watts und Klinger immer mehr zum alles umschlingenden Symbol, immer unpersönlicher und allgemeiner, bis bei Böcklin, auf dessen Selbstporträt noch der Tod als knochiger Fiedler hervorlauscht, die Gestalt schließlich ganz verschwindet und die wunderbarste Landschaft das Reich des Todes in nie gesehener Erhabenhei-t erschließt: Die Töteninsel. 1 Die Dichtung aber folgt diesem Zuge zur Erfassung! des Todes als Erlöser. Zum sterbenden Han ne le kommt er int Fiebertraum als Engel mit dem flammenden Schwerte; das Kindlein der blonden Kathrein erlöst er mild; in Wilbrandts „Meister von Palmyra" ist er der große Friedensspeuder. Weiche, schmerzlich-süße Müsik umwogt ihn nun, und er spricht mit quellender Stimme als „großer Gott der Seele", zu dem „Toren", der das Leben nicht lassen will. Dieser Tod hat seine Schrecken verloren; die Todesfurcht beginnt vor der Erkenntnis zu verschwinden, die schon Epikur. aussprach: „Der Tod geht uns nichts au; deun wo wir sind) da ist der Tod nicht, und wo der Tod ist, da sind wir nicht." Nicht vor dem Tode erschrecken wir ja, sondern vor dem Sterben.. „Des Todes Schwere liegt in der Vorstellung", sagt Sh ake- s p e a r c, und Byron wieder in milder Rückkehr zur Antike: „Tod ist wie Schlaf, und Schlaf schließt unsere Lider." Wir fürchten nicht mehr die Vernichtung, weil toiti tut All aufzugehen glauben, verloren, zerstoben und zer- blasen wohl als Individuum, doch unverloren als Teil der Welt. Wenn wir im ganzen leben, fürchten wir mit Schiller nicht mehr die Vernichtung: „Leb int ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt!" und mit Goethe glauben wir an eine bedingte Weiterdauer unseres Wesens, unserer „Entelechic". Ja, schon war einer unter imS, der! den Tod als Krönung unseres Seins zu denken wagte; denn also sprach Zarathustra: „Wichtig nehmen alle dos Sterben; aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlerntest die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weihst Möchten Prediger kommen des schnellen Todes." . Aus jahrhundertelangem Kampf der Geister wird sich allmählich ein neuer Begriff der Unsterblichkeit zur Klarheit durchringeu, die Anbahnung einer Versöhnung zwischen dem Begriff der persönlichen Unsterblichkeit int spiritualistischen Dualismus, der Leib und Seele trennt, und dem' materialistischen Monismus, der Körper und Geist in Eins verschmolzen sieht. In dem Sternbild der neuerkannten Unsterblichkeit sieht der große Name Fechner, dessen Büchlein „Vom Leben nach dxm Tode" das Brevier unserer Sicgeshofsnung über den Tod ist. F. 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