Nr. 302 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Giehener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt Rotationsdruck u. Verlag der Brü h l'fchen Univers.-Buch-u. Stein- drucleret. R. Lange. Redaktion, Erpedttton und Druaerei: Schulstrahe 7. Redaktion 112 Verlag ii.Exped.-L^bl Adresse sür Depeschen: Anzeiger Vließen. Erstes Blatt 15«. Jahrgang Mittwoch 29. August 1906 Metzener Anzeiger General-Anzeiger w Amtr- und Anzeigeblatt für den Meis Gießen DezngSpretSk monatlich 75 ißl., oterteU jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Alk. 2.- viertel- jährl. ausschl. Bestellg« Anncchnie von Anzeigen ilir die TageSmunmer dis vormittags 10 Uhr, ZeilenoreuS: lokal 12Ps^ auSwärtS 20 Psg. Verantwortlich für den volit. und allgem« Teil: P. Witt ko- für ,5tabi u.ld Land' und .Gerichtsfaal': Ernst Heb; sür den Anzeigenteil: Hans Beck, Z>ie yeutige Hlummer umfaßt 8 Seiten. Gießen, am 28. August 1906. Betr.: Die Feier des SedantageS. Die Großh. Kreisschulkommisswn Giessen an die Schulvorstände des Kreises. Da der 2. September in diesem Jahre auf einen Sonntag fällt, bestimmen wir hierdurch, daß die vorgeschriebene Feier am Samstag, den 1. September l. Is. gehalten werden soll. Der Unterricht fällt an diesem Tage aus. Den durch unsere Verfügung vom 2. August I. I. angeordneten Bericht erwarten wir nur, wenn besondere Verhältnisse den Ausfall der Feier veranlaßt haben. I. V.: Dr. Merck. Stolypins rettende Iat. Bor drei Wochen antwortete der rusf. Ministerpräsident einem deutschen Journalisten, dem Petersburger Korrespondenten der „Voss. Ztg.", der chn fragte, wie er die landhungrigen und aus Landhunger mordenden und sengenden Bauern zu befriedigen gedenke, er werde „die Agrarfrage weder konservativ noch liberal, sondern real behandeln, in dem er die wirklich landarmen Bauern befriedige". Man lonnte gespannt sein, zu erfahren, was er unter dem Begriffe Realpolitißtzvcrstehe, wie er sich den Landhunger des Bauern vorstelle und welche Heilmittel ihm zur Befriedigung dieses Hungers zur Verfügung ständen. Es fanden inzwischen am Aarenlager im Peter- hof lang dauernde — und wie man sagt, dramatisch beivegte — Beratungen statt, an denen unter des Kaisers Vorsitz sowohl der Ministerpräsident als auch Finanz-minister Kokowzow teilgenommen haben. Es handelte sich bei diesen Beratungen um die Frage, auf welche Weise die Negierung noch vor dem Zusammentritt der Zieichsduma ein neues Agrargesetz ausarbeiten und ins Leben rufen könnte. Das Ministerium verhehlt sich natürlicherweise nicht, daß auch in der kommenden Duma die Landfrage nicht nur für die parlam. Tätigkeit, sondern auch für die innerpolit. Geschicke des Reiches ausschlaggebend sein wird. Und diesen Trumpf mochte die Regierung vorweg für sich nehmen, anstatt ihn den kommenden Volksboten zu überlassen. Es heißt somit, die Bauern auf alle Fälle und unter allen Umständen befriedigen, ehe die Sitzungen der Duma wieder begonnen haben. Dieser Gedanke wird das Kabinett Stolypin in erster Reihe bewogen haben, die Lösung der Landfrage anzustreben, bevor noch das Gesamtkabinett über ein einheitliches Regierungsprogramm schlüssig geworden ist. Bon dem gewaltigen Landbesitz des Zarenhauses (nicht zu verwechseln mit dem Privatlandbesitze des Zaren selbst) sollen, wie wir gestern schon kurz erwähnten, rund vier Millionen Dehjatincn an die Bauernagrarbank verkauft werden, die ihrerseits sowohl diese vier Millionen als weitere drei Mill. Deßjatinen, die der Ban kmittlerweile von angstgepeitschten Gutsbesitzern zum Raufe angeboten worden sind, den landarmen Bauern zum Erwerb angeboten werden sollen. Ein verblüffend einfacher und ein verblüffend genialer Gedanke dies! Da das Zarenhaus einen gewaltigen Ueber- slus; an dem aufweist, an dem es dem ausgehungerten Bauern ebenso gewaltig mangelt, so verkauft einfach das erstere an den letzteren so und so viel Millionen Morgen — und der Muschik wird von nun ab täglich sein Huhn im Topfe haben. Sonderbarerweise ist selbst dieser geniale Vorschlag in Peterhof anfänglich auf große Schwierigkeiten gestoßen. Wie man hört, war man dort nicht sonderlich über den Ge- *22 danken erfreut, einen Teil des Landbesitzes des Zarenhauses, wenn auch auf dem Kaufwege, „verbäuerlichen" zu lassen: andererseits glaubte der Vertreter des rechten Flügels im Stolypinschen Kabinett, der Finanzminister K'v- kowzotv, daß durch derlei Maßnahmen der petit des revolutionierenden Muschik nur noch mehr gesteigert werden könnte. Es gab, iv-ie gesagt, äußerst hitzige Debatten in Gegenwart des Monarchen, und nur dem Umstande, daß sowohl der Zar als auch Stolypin zäh an dem Gedanken festhielten, war es zuzuschreiben, daß dieser endlich zu einem Beschluß erhoben wurde, sodaß der gesetzeskräftige zarische Ukas vorgestern erscheinen konnte. Seit 16 Jahren leidet der russische Bauer an chronischem Hunger. Seit vielen Jahren kann der ihm unausgesetzt bedrohende Hungertod nur dadurch von ihm abgewendet werden, daß die Fünanzverwaltung jahraus jahrein zahllose Millionen für seine Ernährung auswirft. 24 Jahre sind vergangen, seit dem von der Leibeigenschaft befreiten Bauern — ebenfalls raufweise — jämmerlich geringe Land setzen zugewiesen worden sind, und noch immer hat der Muschik die Loskaufsumme nicht einmal teilweise erlegen können, noch immer nimmt ihm der Gerichtsvollzieher Jahr für Jahr den letzten Pflug, das letzte Kalb weg. Und diesen h a l b v e r h u n g e r t e n , i m Aberglauben, Schmutz, Trunkenheit, Unzucht und epidemischen Krankheiten völlig verkommenen Bauern stellt sich Stolypin als einen „Käufer" von Aarenländereien vor! Man kann sich denken, wie dieser Bauer das Stoly- pinsche Kaufangebot ausnehmen wird! Einem Hungers Sterbenden den Kauf von Telikatessen anraten, heißt, Hessen Wut herausbeschwöreu. Es ist zu befürchten, daß der neueste Rettungsplan des leitenden Staatsmannes jedes russische Dorf zu einer Räuberhöhle machen wird. Es wird dazu nicht einmal der 'Imitatoren bedürfen, die jetzt, wo die Ernte zum größten Teil unter Dach und Fach gebracht und der Bauer somit für eine aktive Politik reif geworden ist, mehr denn je von Bauern- hütte zu Bauernhütte gehen. politische Sagesscharr. Bulow-Politik. Von besonderer Seite wird uns geschrieben : Wohl noch niemals hat in Preußen zwischen einem Ressortminister und dem Ministjerpräsidenten eine so pikierte Auseinandersetzung in der Oeffentlich- keit stattgefunden, toife jetzt zwischen dem Landwirtschaftsminister und dem Fürsten v. Bülow. Mich der Streit B.ismarck-Stosch war bei Weitem nicht so heftig. Zwar treten die bleiben Kollegen nicht mit Narnensnnter- schrift hervor, aber jeder Unterrichtete weiß, daß bestimmte Erklärungen in der „Dtsch. Tagesztg." von dem Einen herrühren, die Gjegcnäußerungcn aber,in der „Köln. Ztg." — wir wollen uns ganz korrekt ausdrücken — unter Billigung des Ministerpräsidenten an die Öffentlichkeit ge- tanaen. Am 24. Aug. hatte die „Dtsch. Tagjesztg." geschrieben: „. . . . hielt man es für nötig, davon öHtteihmg zu machen, daß der Landwirtschaftsminister in seinem Schreiben an den IiLichskanzler diesen ersucht hatte, seinen Wunsch nach Entlassung dem Kaiser zu unterbreiten, so konnte man mit der Veröffentlichung warten bis zum 20. August. „Mit „man" ist hier der Minifterpräsidlent gemeint. Nun wird in der „Köln. Zig." darauf aufmerksam gemacht, daß Herr v. Podbielski gleichfalls in der „Dtsch. Tagesztg." am 19. Awgust bestritten hatte, den Wunsch nach seiner Entlassung auszudrücken. In der „Köln. Ztg." wird hieraus gefolgert, daß Herr v. Podbielski „eine irreführende Behauptung ausgestellt" und daß er „geduldet hat, daß sich im Vertrauen auf feine Worte 'An- Dor der Saison. sOriginal-Korrespondenz unseres Frankfurter Korrespondenten.) Frankfurt a. M., 28. Aug. Unsere Theater, die Oper und das Schauspiel, rüsten sich zur Tat. Dieses Rüsten aber nimmt einen seltsamen Anfang. Von der Oper wie vom Schauspiel ziehen altbekannte, alterprobte Kräfte von dannen. Rach Köln die eine, nach dem reichen Wiesbaden der andere, nach Berlin der dritte. . . . Und so sott. Andere wieder haben des Lebens und Wirkens im Reiche der Pappe und Schminke genug, packen ihre Koffer und sagen für immer: „Adieu Muse Thalia!" Haben wir neuen Ersatz bereits für die Scheidenden gesunden? Werden mir ih-u überhaupt finden? Fragen, deren Antwort im Schöße der Zeiten liegt und ... bei unseren beiden Intendanten Jenssen und Claar. Die Oper sei zuerst in den Bereich der Betrachtungen gezogen. Da muß ich anerkennen, daß Jenssen eifrig bestrebt ist, irisches Leben in den Kunsttempel zu bringen. Jenssen hat den Münchener Hoskapellmeister Reichenbergcr nach der Main- mctropole gelockt, hat die Frankfurter Oper zu einem Wagner- Theater gestempelt. Können wir aber von Wagner allein leben? diene Ziele, neue Ausgaben sind zu stecken und zu lösen. Wieder steht als eine der nächsten Novitäten Verlioz' „Beatrice und Benedikt" auf dem Spielplan. So Ivar es auch genau vor einem Jahre. Da stand wie Heuer neben diejer in Vorbereitung sich befindenden Premiere auch Strauß' „Salome". Ein Jahr ist dahingegangen, wir haben beide Werke nicht gehört. Nun verspricht man sie von neuem. Uns bleibt nichts anderes Übrig, als... Hoffen und Harren. Eine Premiere hat die Oper in der neuen Saison bereits gebrackst. Das war vorgestern abend M assen et s „Ma non". 1891 hatte mau hier zum letzten Male dieses reizende Werk gehört. Die Neueinstudierung nach 15 jährigem Verstäuben in der Bibliothek ist also einer Premiere gleichzustellen. Gerade „Mauon" ruft Erinnerungen an große Sängertage wach. An die achtziger Jahre. An die Renard, an van Dyk. Massenet ist ja der Komponist der Liebe, jenes Liebesliedes, das wir un# so recht von Herzen lossingen mit quellender Ueberschwänglichkeit, mit Liebcslust und -leid. So war denn der „Manou"-?lbend ein neuer Erfolg für den rastlos schaffenden Franzosen, war auch ^arck der prächtigen Wiedergabe ein Erfolg für unsere Oper. Das Schauspielhaus hat bereits zweiPremieren- abende gehabt. Und beides Nieten. „OcdipuS und die Sphinx"* *) ist ein Werk voller sprachlicher Schönheiten: was aber nützt die schönste Sprache, wenn der Jnl-alt fehlt! Es, ist darin ein Klingen nur, aber keine Musik. Hugo v. H o f f - mannsthal ist kein Gestalter, kein Schaffer von Gescheh- nissen. Und die zweite Premiere? Sie brachte Kadelburgs „Weg zur Hölle" Ist keines Wortes wert. Schmarrn vom reinsten Wasser. Solche Enttäuschungen müßte Intendant Claar Publikum und Kritik füglich ersparen. „Nur der Wechsel iit beständig", die,es Wort güt gerade jetzt im Frankfurter Theaterleben. Die Oper hat sich vom 1. Mai 1907 den jungen Baritonisten Friedrich Braun (bisher Dortmund-Essen) gesichert. Die Opercttendiva Grete Mayer steht vor ihrer Verabschiedung und Frl. Hohen le itner vor ihrer Ehe. Ihr zukünftiger Gatte will, daß tue Künstlerin das Theaterleben mit Gürtel und Schleier vertauscht. Schade. Denn Frl. Hoheuleituer war eine stets hilfsbereite, vielseitige Kraft. Bitter aber ist, daß einer der beliebtesten Opernmitglieder, der Tenor Heinrich Hensel, von Frankfurt seinen Abschied nimmt und Wiesbaden sich weiterhin verpflichtet frat. Als Anfänger kam Hensel nach Frankfurt, 6'/- ^ame wirkte er hur Wirkte in der Operette, in der Spieloper, in llaNifchen Werken. Und immer steht er seinen Mann, so, daß er letzt den Sprung vom Spiel- zum Heldentenor wagen kann Das S ch a u s P1 e l h a u s hat am 1. Sept. Em- und Auszug. Vor allem scheidet der Oberregisseur Quincke Ze^r Jahre hat er in dieser Eigenicha t in Frank,urt gewirkt. Nun hat man ihm den blauen Brief gesandt und an feine Stelle den Hsmburger Dramaturgen Dr Heine berbetgerufen. Quincke gebt nach Berlin, um dort der Bühnentheorie weiter zu. eben. Mit Quincke scheiden tue Herren Fricke und Alexis D^üllcr. Ein Jalwzehnt war Fricke in Frankfurt, ein halbes isafutum Müller ituö Frl. Harnischfeger geht (nach Köln) und Frl. SRnhitnro Neu sind Frl. Genien und Herr Hellmer. Noch eins' zwei Lieblinge, Frl. Garda Jrmen und Frl. Bloch sind nach langer Rankheit wieder gen e, en. Ihrem Ende gehen die O p e r e t l e n f e st s p 1 e I e entgegen. Das; ich es ehrlich sage: Aus dem Operetten-Bayreuth, das man in kühner Begeisterung erträumt hat, ist nichts geworden. Cm Buchverlas von S. Fischer in Berlin. sch au un gen sestsetzten, die, leie er wußte, den tatsäch « lichen Vorgängen nicht entspräche n". Materiell kann man diesem in der „Köln. Ztg." ge-» äußerten Urteile nur zustimmen. Ms die „Dtsch. Tages-» ztg." den zitierten Artikel brachte, der in einem von einem Bedingungssatz abhängigen Nebensatz die wichtigste Tatsache zu verstecken suchte, aber sachlich-dvch zugab, da war! der Tatbestand gegeben, der in der „Köln. Ztg." jetzt fest- gestellt wird. Die ganze Situation ist für den Landwirt-, schaftsmini st e r die denkbar unerquicklichste.» Er ist ein Minister in Untersuchung, nur von dem, Ergebnis der Untersuchung hängt sein Verbleiben im Amts ab. In einer so peinlichen Lage hat sich noch nie eiw preußischer Minister befunden. In dieser Lage schneit nuro diese Auscinanderrsetzung ein, in der dem Minister v. Pod-i bielski andauernder Widerspruch mit den Tatsachen be-, gegnen wird und zwar in ein!em Blatte, das dem Reichst kanzler nahesteht. Um das Ansehen eines Ministers, dep so behandelt wird, gleichviel ob mit feiner Schuld odey ganz ohne Schuld, ist es geschehen. Tie Berliner Atilvefenheit des Oberpräfidenten bed Rheinprovinz, Frhr. v. Schor lern er, soll zwar mit der Frage seiner Nachfolgerschaft für Herrn v. Podbielski nicht! zusammenhangen, seltsam ist aber, daß sie in die Zeit fällt,« da Kaiser und Kanzler in Berlin weilen. Frhr. v. Schorf feiner steht in hoher Gunst beim Kaiser und ist gründ-, licher Kenner der Landwirtschaft. Sogar biel Herrn v. Podbielski ergebene „Dtsch. Tagesztg." nimmt an,. Frhr. v. Schorlemer werde zu den politischen Erörterungen.! zugezogen werden. Mso — „man soll nichts verschwören."; Zu den Kolonialafsareu. In welchem Umfange die Nachrichten, baß rwch an b er$ Offiziere bes Oberkommanbos ber Schutz truppe sich bei/ Herrn v. Tippelskirch Gelb geborgt haben, zu- treffen, ist noch nicht zu übersetzen. Einige, vereinzeltes 5'älle scheinen, wie einer unserer Berliner Mitarbeiter er*- fährt, tatsächlich vor gekommen zu sein. Wenn es nun? naturgemäß im jetzigen Augenblick für jeden Offizier der Schutzttuppe peinlick) sein muß, .Herrn v. Tippelskirch zunö Gläubiger zu haben, — ober gehabt zu haben, so kann boch schon baranf hin gewiesen werben, baß die Firma „von Tippelskirch" dabei ganz aus dem Spiele bleiben dürfte.. Tie Offiziere, um die es sich jetzt handelt, haben mit deu- Lieferungsverttägen ober ber Abnahme ber Lieferungen nid bas Geringste zu tun gehabt. Wohl aber find sie privatimk eng befreundet gewesen mit Herrn v. Tippelskirch; zums Teil haben fie gemeinsam mit itzan in Afrika schwere Zeiten« durchgemacht. Es ist also kaum zu befürchten, batz fick; dem „Fall Fischer" neue „Fälle" anreihew könnten. Tas Einzige, was den Herren zum Vorwurf zuj machen wäre, ist bas Gelbborgen als solches. Alber die Enthüllungen über die Mißwirtschaft in der! Kolonialverwaltung regen zu sozialpolitischen Erwägungen! an. Bei der Vergebung von Lieferungen an Tippelskirch u. Co., bei den Transporten an die Firma Wörmann! spielten die Millionen keine Rolle. Obwohl andere Firmen weit niedrigere Angebote stellten, behielt! Wörmann, ber für einen Transport rund eine halbe Miuioip Mark berechnete, während der 2Vs Jahre, die ber jubwestafr-, Felbzug nun bauert, allein bas Transportmonopol. Mttlio-^ nen wurden hier verschleudert, niemals aber mürbe bert von ber Kolonialverwaltung gestellten Forderungen gegen« über ber Einwanb, es fei kein Gelb vorhanden, erhoben. Wenn dagegen die Beamten der Post ober ber Eisenbahn, bie Arbeiter ber Heer- und Mar ine Verwaltung mit bescheidenen Gehattsausbe,serungen angesichts ber steigens ben Fleischpresse ober mit Erhöhungen ihrer Wohn« großes Defizit wird übrig bleiben. Das in demselben Theater, in dein im Sommer in sechs Wochen der Zirkus Albert: Schumann rein 240 000 Mk. eingenommen hat. Am 30. August wird in dem monumentalen Bane am Bahnhof zum letztemnall Offenbach erklingen, am CamStag drauf wird schon wieder bie leichtgeschürzte Muse in diesem Theater sich tummeln. Chacun ason gout ... Derweilen amüsieren sich die Franksurter im Orpheum und lachen über das H e r r n f e l d t - T h e a t e r aus Berlin. Lachen kann man allabendlich wieder. Selbst bei 30 Grad im Schatten^ So wirken jüdische Schwänke ... _r Sonst ist es noch still im Frank,urler Kunstlerleben. Ob Stille vor dein Sturme ist? Hosientlich, denn ein gewalliges Auf- rütteln braucht endlich die Frankfurter 5kunst, jene, die vor brer Jahrzehnten noch leuchtend und nachahmenswert dastand ist denkschen Landen. Und heute? . . . Kein Baum mehr mit weit- verzweigtem Geäst, nein em dürrer Stamm nur noch mit spärlichem Laub . . . Dazu wenig Hoffnung, daß es beffer werden faitn< * Frankfurt a. M., 28. Aug. In der gestrigen Mignon- V 0 r st e l l u n g verabschiedete sich der Tenor Heinrich Hensel vom Franksurter Publikum, um sein Engagement am Hostheatev in Wiesbaden aiijutrclen. — Der Aufsichtsrat der Neuen Theater- gesellschast hat nut Bewilligung der städtischen Behörden dem langjährigen verdienstvollen Mitgliede, Herrn Alexis Müller, der nach 50jähriaer hiesiger Tätigkeit nunmehr von der Bühne zurück tritt, eine Ehrenpension neben seiner Normalpension aus den Mitteln der Gesellschaft bewilligt. Der Generalversammlimg wird dieser Beschluß zur Bestätigung unterbreitet. — Mis neue Stadtthealer in Nürnberg hat sein erstes Spieljahr mit einem u n g ü n ft i g e n finanziellen Resultat abgeschlossen. DaS Theater muß jährlich 10 Prozent der Bruttoeinnahme, mindestens aber 30 000 Mk., an die Stadt zahlen. Die Tirektton will diese Abgabe ermäßigt wissen. Ulm, 28. Ang. Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung, namentlich aus allen technischen Kreisen Deutschlands, fand heule nachmittag die B e e r d i g u n g des Geh. Hofrats Dr. Max v. E y t h statt. Im Llnitrage des Ehrenprasidentcil der Teutschen Land- wirtjchafis-Gesellschaft, des deutschen Kronprinzen, legte Graf Arnnn einen prachtvollen Kranz am Grabe nieder. WttzAgeldzuschüsse fermen, so würben sie mit bet Erwiderung, e? sei fein Geld vorhanden, es nrü)ie gespart werden, angewiesen. Nicht viel anders verhält es sich mit einer gänzen Zahl von langsährigen und lange spruchreifen Forderungen auf dem Gebiete der so,;ialpotitischen Gesetzgebung. Weshalb ist die Reform der Kran ken v er siche run g, die Witwen- und Waisen Versicherung noch immer nicht in Angriff genommen, weshalb ist auf die Forderung nach einer "Arbeitslosenversicherung in fünf Jahren nur eine dickleibige Denkschrift als Antwort erfolgt und damit diese brennende Frage wiederum au calendas graeeas vertagt worden? Doch immer nur, weil angeblich kein Geld vorhanden ist, nm diese Gesetzeserweiterungen dnrch- zufuhren. Die Millionen aber, die in der Kolonial- verwaltung Verschleub ert worden sind, hätten genügt, um die ganze Witwen- und Waisen Versicherung finanziell zu fundieren. Die Vorgänge in der Kolonialverwaltung führen jedenfalls den Beweis, daß die Finanznot, die ja "übrigens durch die jüngste Reichstagsfinanzreform behoben worden ist, nicht der Grund für die Stockung unserer sozialpolitischen Gesetzgebung ist. Wenn der ernste Wille vorhanden wäre, die notwendigen Reformen auszuführen, dann würden and) wie in der Stolo» nialverwaltung die erforderlichen Mittel vorhanden sein. Deutsches Reich. Berlin, 28. Ang. Der Kaiser begab sich gestern nachmittag im Automobil vom Neuen Palais nach Berlin, besuchte das Atelier des Prof. Breuer zur Besichtigung eines Denkmals für Memel, das Atelier des Prof. Banke zur Besichtigung eines Denkmals Wilhelm III. von Oranien und besichtigte im kgl. Schloß seine für Elberfeld bestimmte Porträtbüste von Bildhauer Götz. Heute hörte der Kaiser den Vortrag des Chefs des AdmiralstabeS der Marine. Im Neuen Palais trafen ein Prinz Heinrich, sowie die Prinzen Adalbert und Joachim. — In des französischen Ministers des Innern, ClLmenceau, Begleitung befindet sich u. a. der dänische Schriftsteller Georg Brandes. Der hiesige Aufenthalt ElLmenceaus gilt einer Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Stadt, insbesondere der Museen. — Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge erhielt der kaiserliche Generalkonsul in New-Orleans, Frhr. v. Norden- flycht, die Weisung, sich nach Havanna zu begeben, um als Vertreter des beurlaubten Ministerresidenten den Schutz der deutschen Jnteresien zu übernehmen. — Die in Ostasien befindlichen Reichstagsabgeordneten haben heute die Heimreise angetreten. Kiel, 28. Aug. Der erste Bürgermeister von Nürnberg, von Schuh, vollzog heute die Taufe des neuen Kreuzers Ersatz Blitz auf der Reichswerft. Er taufte das Schiff auf den Namen Nürnberg. Der Stapellauf ging glatt von statten. Straßburg, 28. Aug. Hier hat es lebhaftes Befremden erregt, daß der Amnestieerlaß des Kaisers Elsaß-Lothringen nicht berücksichtigt. Zur Bürgermeifterwahl in Langsdorf erhielten wir noch folgende Zuschrift aus Langsdorf: Tie Bürgermeisterwahl ist vorüber, und Köhler ist unterlegen. Einen geschlagenen Gegner soll man in Ruhe lassen. Aber trotzdem müssen wir noch einmal das Won ergreifen zur Abwehr. „Wir haben ja alle gesehen, daß er die Gemeinde nicht besser verwaltet hat, wie seine eigene Wirtschaft." Diesen Satz unserer „Antwort" bezeichnet Köhler in einer „Rückantwort" als einen „gemeinen Angriff", wir dagegen sind der Ansicht, daß es nur ein Seitenblick sei auf Köhlers wirtschaftliche Befähigung, der eher eine Entschuldigung als einen Angriff enthalte, und wie ihn jeder Wähler tun muß; denn wie jemand seine eigene Sachen verwaltet, so verwaltet er doch wohl auch die der Genwinde. Weiter sagt Köhler: „Ich betone noch besonders, daß unter Seihmg des Gemeinderatsmitglieds Heinrich Roth XI. am 11. Januar 1901 eine Gemeindeversammlung stattgefunden hat gegen mein Projekt der Erbauung einer Kreis st raße Nieder- Bessingen — Nonnenroth." Das stimmt, doch ist es so gegeben, daß es jeder Uneingeweihte falsch verstehen muß. Tatsächlich liegen die Verhältnisse so: Schon unter dem alten Bürgermeister Köhler war der Bau einer Kreisstraße nach Nonnenroth— Bessingen geplant und vom Kreisausschuß genehmigt, nur die Ausführung wurde zurückgestellt. Als man in Philipp Köhlers Wahlperiode dazu schritt, tauchte auf einmal daS Projekt auf, die Straße, statt über Nonnenroth nach Bessingen, über Bessingen nach Nonnenroth zu führen. Hiergegen erhob sich Oppofition, und mit dieser Frage befaßte sich jene Gemeindeversammlung. Kohler hat die Richtung durchgedrückt, aber daran, daß die Kreisstraße gekommen ist — wiederholen wir noch einmal — ist er unschuldig. „2. Am 9. Februar 1897 habe ich im Landtag den Antrag gestellt, eine Güterverladestelle bei der Haltestelle Langsdorf zu errichten." Das glauben wir, aber es war auch schon von dem damaligen Bürgermeister und dem Gemeinderat ein derartiger Antrag bei dem Kreisamt gestellt, und Freiherr von Gagern hatte die Weiterführung der Verhandlungen übernommen. Wer nun die Haltestelle gebracht hat? 9B i r reellen K 3 hlers V e r d ien ste nicht schmälern! Aber so arg rückständig scheint man doch auch damals in Langsdorf nicht gewesen zu sein. Die Haltestelle hat 15—16 000 Mk. gekostet. „Dahin ist die Remise gereandert. Tas sind die Sünden der Väter, die an Euch Söhnen nun gerächt reorden sind. Für 200 Klafter Mauersteine aus dem Nordstembruch hättet Ihr das alle? seinerzeit haben können. Wäre ich damals schon gewesen!!!" Hier herrscht wieder Begriffsverwirrung. Damals handelte es sich garnicht um eine Güteroerladestelle, sondern um den Platz der Haltestelle. 2(ber, wie nennt man wohl ein derartiges Verhalten, in einem Wahlaufruf Leute zu verdächtigen, die schon 30 Jahre unter der Erde liegen, und die damals sicher nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben? Aus SfaM und Lund. Abdruck unserer Originalmitteilungen ist nur unter der genauen Ouellenaugabe „Gieß. Anz." gestattet. Gießen, den 29. Aug. 1906. ** Bei tele phonischen Gesprächen mit dem Gieß. Anz. bitten wir dringend zu beachten, daß alle Anzeigen sowie Drucksachen betreffende Mitteilungen den Anruf'der Nr. 51 (Expedition und Verlag) erfordern, während Mitteilungen für den textlichen Teil die Verbindung mit der Redaktton, Nr. 112, nötig machen. - „Zur Genealogie von Werthers Lotte". Wir machen unsere litterarisch sich interessierenden Leser auf den diesen Titel Wagenden Aussatz in der heutigen Nummer des „Gieß. Fam.-Bl." aufmerksam. •• Ernennung. Dr. phil. Hermann Kienzle in Darmstadt wurde zum Kustos am Großh. Lcmdcsmuseum ernannt. Die Burg erge sc lischa ft Gießen machte am Sonntag einen Ausflug nach der Saalburg. In Hornburg wurde u. a. das neue Landgrasen-Tenknial besichtigt. Wf dem Wege nach dem Schloß verließ eben der Kaiser die Erlöserkirche, sodaß die Bürgergesellfchaft schon hier Gelegenheit hatte, Se. Maj. zu sehen. In der Brauerei „Zur Stadt Friedberg" wurde zu Mittag gegessen. Am Nachmittag erfolgte dann der Besuch der Saalburg. Kurz nach Ankunft auf der Saalburg trafen auck) die in Gießen bekannten kaiserlichen Automobile ein. Bald darauf erschien auch zu Fuß mit Gefolge der Kaiser. Er trug die Uniform der reitenden Jäger und bewegte sich in ungezwungenster Weife, lebhafte Unterhaltung mit seiner Umgebung pflegend. Von den Gießenern wurde er mit kräf- ttgem Hurra begrüßt, das er mit freundlichem Dank ent- gegennähm. Natürlich arbeiteten „Amateurs" fieberhaft, S. M. auf ihre Platten zu bekommen; auch Ph^> ographen illustrierter Zeitschriften waren aus dem Platze. So bekam denn der 'Ausflug der B.-G. einen unvorhergesehenen Reiz und durfte durch die Anwesenheit des Kaisers allen Beteiligten unvergeßlich bleiben. — Zurück von der Saalburg gings dann nochmals nach Homburg und nach kurzer Erholung über Frankfurt dem heimatlichen Gießen zu. Dort wurde von einem Teil der Gesellschaft der schöne und ereignisreiche Tag nult ermein Schöppchen bei '’ömetib beischlossen. Alle aber werden gern zurückdenken an den schönen Kuraarten zu Homburg, im grünen Taunus, an die kleinen Abenteuer und Erlebnisse, die ja. jeder Ausflug mit sich bringt und nicht zuletzt an die ^Wesenheit des Kaisers auf der Saalburg. ** 60jährige Jubelfeier des Turnvereins 18 46. Am Mittwoch abend findet im Casö Amend eine Sitzung statt mit der Tagesordnung: 1. Bericht, 2. Rech- nungsablage. ** Ter Wetterau-Lahngau-Sängerbund wird am 23. September d. I. eine Sänger fahrt nach dem Wind- Hos veranstalten. Die ursprünglich geplante Sängerfahrt nach der Badenburg mußte Umstände halber aufgegeben werden. Ter junge Sängerbund, ^em eine stattliche Anzahl Vereine angeboren, wird also am 23. September auf dem Windhof zum erftenmal seine Mitglieder zusammenführen, um eine engere Sänaerbrüder- schaft anzubahnen. k- Leihgestern, 28. Aug. Am 31. Mai dss. Js. stürzte bekanntlich unsere Kirche bei einem furchtbaren Gewittersturin zusammen, nur der Turnt blieb stehen. Gegenwärtig finden die Abbrttchsarbeiten statt. Dabei entdeckte man in der Nordwand zwei vermauerte gothische Fenster, ein Zeichen, daß das Schiff älter ist, als man annahm. Die beim Sturm, ebenfalls zerstörte Orgel war 215 Jahre alt. Der mächtige Turm, das Wahrzeichen des Dorfes, ist etwa 700—800 Jahre alt und hat in Berstadt sein Ebenbild. Der Bau der neuen Kirche wird in einigen Wochen begonnen, sie wird größer, breiter und höher als die alte, die sich für die stets wachsende Gemeinde als zu klein erwies. Die Pläne entwirft Kirchenbaumeister Hofmann aus Herborn, Angeblich sollen die Baukosten ca. 70 000 Mk. betragen. ? Rodheim a. d. Bieber, 28. Attg. Unter großer, Beteiligung wurde am Sonntag und Montag unser Kirchweihfest gefeiert. Die bekannten Kirmesplätze waren durchweg gut besucht und auch aus Gießen viele Gäste erschienen. — Lim Sonntag morgen hielt unsere Feuerwehr in ihren schmucken Uniformen ihre erste Uebungsstunde ab. Es hatten sich viele Neugierige auf dein „Scherplatz" eingefunden. Professor Nabenauer aus Idstein, Inspektor des Feuerlöschwesens für den Regierungsbezirk Wiesbaden, wird in den nächsten Tagen hier eintreffen, um die Mannschaften der jungen Wehr persönlich einzuexerzieren. — Die an der Straße nach Bieber aufgestellten beiden Dampfdreschmaschinen mußten auf behördliche Anordnung dort ihre Tätigkeit ein- ftellen. A Butzbach, 28. Aug. In den frühen Morgenstunden des letzten Sonntags wurde an einem Wohnhaus am Wetzlarer Tor, dessen Bewohner zur Zeit auf Reisen sind, einzubrechen versucht, indem der Einbrecher mit einer großen schweren Feile die Fensterläden bearbeitete. Scheinbar ist er an der Arbeit gestört worden, denn er ließ daS Werkzeug zwischen den Fensterläden stecken. Der Tat dringend verdächtig ist ein ürnherziehender Korbmacher, der am Sonntag morgen gesehen worden ist, wie er in dem bei der Wohnung befindlichen Garten von einem Baume Obst schüttelte. hc. Niedermörlen, 28. Aug. Heute nachmittag entwendeten in einer Wirtschaft zwei Handmerksburschen ein Kistchen Zigarren, das sie in einem nahen Steinbruch an Arbeiter zu Geld machten. Bei ihrer weiteren Wanderung kamen sie nach Rockenberg, wo sie etwa eine Stunde nach der Tat von der Gendarmerie festgenommen wurden. [] Biedenkopf, 28. Aug. Der Glanzpunkt des gelegentlich der verschiedenen großen landwirtschaftlichen Versammlungen hier Ende dieser Woche beginnenden landwirtschaftlichen Festes dürfte der für den 4. Sept, projektierte Hinterland er Tr a ch t e n f'e ft'ju g sein. Nach dem Programm soll derselbe in vier großen Gruppen 62 Num- nrern umfassen. Wer die Mannigfaltigkeit der Hinterländer Trachten kennt, wird begreifen, daß dieser Zug demjenigen des Trachtenfestes in Butzbach wohl kaum nachstehcn kann. Man rechnet in Biedenkopf an diesem Tage des am Samstag beginnenden Festes aus er neu starken Fremden- verkehr.___________________________________ Gießener Strafkammer. )( Gießen, 28. Aug. Der Tanz nach der Ziehharmonika. Die Fortsetzung der Berufungsvcrhandlung gegen den Gastwirt und Metzger Heinrich R. von Utphe, der infolge Anfechtung eines Strafbescheids der Verwaltungsbehörde vom Schöffengericht freigesprochen worden ist, führte zur Verurteilung zu der im Sttasbescheid angesetzten Strafe. Die Strafkammer vermochte den Standpuntt des Schöffengerichts, der zwar die Erfordernisse für die Uebertretung der fraglichen Verordnung als gegeben erachtete, dagegen den Begriff der T a n z b e l u st i g u n g für ausgeschlossen hielt, weil der Wirt eine solche nicht veranstaltet habe, nicht zu teilen. Sie war der Ansicht, der Zweck des Zusammenkommens der Jugend müsse nicht lediglich das Tanzen sein, sondern es genüge, wenn dabei getanzt wird; auch komme es nicht darauf an, welcher Art die Musik ist — im vorliegenden Fall hatte der Geselle des Angeklagten Ziehharmonika gespielt —, weiter kam der Umstand in Betracht, daß R. bereits wegen der nämlichen Ueberttetung rechtskräftig bestraft worden ist, woraus fein Schuldbewußtsein geschlossen wurde. Die nächtliche Diebin von der Liebigstratze. Einem hier in der Liebigstraße wohnhaften jungen Ehepaar fiel es auf, daß der Geldvorrat sehr rasch abnahm. Der Mann hatte die Frau int Verdacht, sie verbrauche zu viel; dagegen glaubte die Frau, sie würde von ihrem Manu bintergangen, da sie eines Tages entdeckte, daß sich ein im 93 c r t i Fo w befindliches Zwanzigmarkstück in ein Zehn m ar k- st ü ck verwandelt hatte. Ms bald darauf außer anderem Gelde wieder 10 Mark fehlten, kam man auf den Gedanken, daß ein Hausbewohner der Dieb sein müsse. Der Bestohlene gab nun an sich selbst eine Depesche auf, nach welche er umgehend mit seiner Frau zu der kranken Mutter kommen solle' die Hausbewohner wurden von der 9lbrcise verständigt und in allei Eile ging es nach dem Bahnhof. Auf dem Vorplatz der Wohnung war aber ein nachts zuvor heimlich eingelassener Wachmann in verdeckter Stellung so postiert, daß er alles übersehen konnte. Etwa 10 Minuten nach dem Weggang des Paares, kam schon die im nämlichen Hause wohnende Frau des Brauers Tr. und schloß den Korridor auf. Sie durchsuchte zuerst die Küche und machte sich dann in dem einen Zimmer an dem Vertikow, in welchen man Geld gelegt hatte, zu schaffen. Sie ließ das Geld unversehrt, nahm aber einen Pack Spitzen im Werte von 12 Mark, mit dem sie sich entfernen wollte. In demselben Augenblick trat der Wachmann auf die verblüffte Diebin ’u und befahl ihr, mit zur Polizei zu folgen. Sie war trotz des Schreckens sehr gefaßt und bat d e u W a ch m a ii n , ihr doch keine Ungelegenheit en zu bereiten, da ihr Mann, wenn er von dem Diebstahl Kenntnis erhielte, sie tot schlagen würde. Auf eine gute Belohnung im Falle der Gewährung ihrer Bitte, dürfe er rechnen; auch wolle, sie d>e Spitzen gleich wieder an Ort und Stelle bringen. Auf Anzeige fand man bei einer Haussuchung eine aus dem nämlichen Vertikow ablmnden gekommene Schürze. Die Angeklagte behauptete, sie habe die Wohnung nur betreten, um der Frau Wäsche ?nm Trocknen aufzuhängen; die Spitzen wollt, sie nur mitnehmen, um das Muster abzuhäkeln und die bei ihr gefundene Schürze sei ihr Eigentum. Sie bezeichnete das Geschäft, in welchem sie die Schürze gekauft haben will, worauf dessen Inhaber telefonisch herbeigerufen wurde, der aber die Angaben der Angeklagten als unwahr bezeichnen mußte. Das Gericht diktierte ihr für den einen schweren Diebstahl 6 Monate Gefängnis zu. Bezüglich des Diebstahls der .Schürze wurde mangels Beweises einfacher Diebstahl angenommen, da es nicht ausgeschlossen erschien, das; sie die Schürze gelegentlich eines Besuches mitgenommen haben kann. Hierfür wurden 14 Tag« Gefängnis angesetzt, die mit einer Woche in Anrechnung kamen Ei» Scricnlos-Schwindler. Der Agent Valentin G5r. aus Lambrecht (Pfalz) bereist seit längerer Zeit den Vogelsberg, um bei geschäftsunkundigen Leuten sogenannte Serienlose holländischer Firmen an den Mann zu bringen. Ta der Hausierhandel mit solchen Losen verboten ist, zog er sich schon mehrfach Strafen zu. In der letzten Zeit brachte er eilten Bürger von Herchenhain dazu, ihm ein solches Los abzunchmen; aber nur unter der Bedingung wurde darauf eingegangen, daß nicht mehr als 3 Mark bezahlt und nur einmal gespielt wird. Hierüber wurde eine Bescheinigung verlangt, die der Angeklagte auch ausstellte, aber mit einem falschen Namen unterschrieb, was ihn wegen U r k u n- denfälschung auf die Anklagebank brachte. Der Staatsanwalt bezeichnete die Tätigkeit des Angeklagten als ein gemeingefährliches Schwindelgebahren, eine Land' plage für den Vogelsberg, denn er war nicht in der Sage während seiner langen Tätigkeit auch nur einen einzigen anzugeben, der ie einmal gewonnen, oder wie in den Prospekten angegeben, den Einsatz wieder zurückerhalten hat. Da der ausländische Serienlosschwindel sehr^mberhand genommen hat, haben schon verschiedene Bundesstaaten gesetzgeberische Maßnahmen ergriffen, uir diesem zu steuern. Auch das hessische Ministerium hat durch die Kreisämter die Gendarmerie anweisen lassen, diesem Schwindel energisch zu Leibe zu rücken. Das Gericht verurteilte den An- gellagten zu 3 Monaten Gefängnis, worauf eine WockiL. Untersuchungshaft in Anrechnung kommt. Der Radfahrer und die Sänger. Als ein Radfahrer von Nieder-Erlenbach an dem von einem Ausflug zurückkehrenden Gesangverein von Holzhausen vorbeifuhr, kollidierte er mit einem Vereinsmitglied. Beide kamen zu Fall und als der Radfahrer auf sein am Boden liegendes zerbrochenes Rad deutend fragte, wer die Reparaturkosten bezahle/ rief das Vereinsmitglied den übrigen zu: „Hier ist einer, dev will Reparatur haben!" woraus 6—8 Mann mit Stöcken u n d Schirmen auf den Radfahrer einschlugen, sodaß er erhebliche Verletzungen davontrug. Seine hinzueilende Schwester, die Ruhe stiften wollte, wurde dermaßen mißhandelt, daß sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und einige Zeit das Bett hüten mußte. Keines der Verletzten war in der Lage, die Täter namhaft zu machen. Man erinnerte sich nur an einen kleinen Dicken, der später als der Schlosser Heinrich Ludwig I. von Holzhausen ermittelt wurde und sich vor dem Schöffengericht Vilbel wegen Körperverletzung zu verantworten hatte. Es erfolgte aber seine Freisprechung, da man angesichts seiner Trunkenheit ihn nicht mehr fähig hielt, die Tat ausgeführt haben zu können. Die Verletzten als Nebenkläger und die Staatsanwaltschaft fochten das Urteil an, was zur Folge hatte, daß der Angeklagte wegen der dem Radfahrer zugefügten Körperverletzung zu 40 Mark Geldstrafe und in eine an den Verletzten zu zahlende Geldbuße von 8 Mark verurteilt tourte. Das Gericht hielt nicht für erwiesen, daß er auch der Schwester des Radfahrers die Verletzungen beigebracht hat, weshalb es in dieser Beziehung beim Freispruch blieb. Vermischtes. * Ueberschmemmungen. Telegramme aus Mal - z ata d berichten über Ueberschmemmungen in Mexiko. Die Wasserleitung der Stadt ist teilweise zerstört, Hunderte von Einwohnern obdachlos. Die Zuckerrohr-Pflanzer erleiden für mehrere Millionen Schaden. — Von den senegambischen Ueberschmemmungen, die wir bereits kurz erwähnten, ist es noch immer unmöglich, den Umfang der Verheerungen in Kayes zu schätzen, da die telegraphische Verbindung seit 14 Tagen unterbrochen ist und die ersten zuverlässigen Nachrichten- am 25. August hierhergelangten. Das Telegraphenamt in Matam meldet eine weitere Zunahme der Ueberschmemmungen- in KapeS. Eingesandt. (Für den Inhalt der unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Ncdaltwn dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Die Vergebung der Schrcinerarbeit der höheren Mädchenschule. Aus Ihrer Notiz vom 27. d. Mts. geht hervor, daß man bei einem Betrag von 1524 Mk., das ist Los VI, eine Differenz von J90 Mk. — 12,4 Prozent nicht angesehen hat, um die Arbeiten in der Stadt zu lasten. Nun bestand bei Los III zwischen dem Homburger Meister und mir eine Differenz von 280 Mk. bet einem Betrage von 8032 Mk., das sind 3,5 Prozent. Es erübrigt sich nach vorstehenden Zahlen über die Verteilung der Arbeit ein Wort zu verlieren. Ich überlasse es vielmehr der Bürgerschaft, sich ihr Urteil über solche Art von Arbeitsvergebung selbst zu bilden. E. H. Mulle r. Jinge, Hnge! U to nicht einfach herrlich? daß man in der Westentasche tragen fann, was die glt- H berühmten Sodener Heilquellen wirksam macht? Hier bad ich eine Fays ächte Sodener Pastille, darin stecken die SÄ wesentlichsten Bestandteile der wertvollsten Sodener Mineral- ä Quellen und wenn so eine Schachtel Pastillen natürlich auch nicht eine Brunnenkur ersetzen kann, so wirken die Pastilletr darum doch brillant bei allen chronischen Erkrankungen ""d augenblicklichen katarrbaltschen Verstimmungen, gegen welche die Quellen selbst gebraucht werden. Ich schwärme geradezu für die Pastillen und ich kann ohne sie gar nicht mehr auskommen. Man kaitn sie hi jeder Apotheke, Drogen- und Mineralwasserbandlung für 85Psg. die Schachtel haben. 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Beide kamen zu Fall m Boden liegendes zer- Rcparatiirkosten bezahle, r. „Zier ist einer, der Mann mit Störten hrer einfältigen, ug. Seine ljinsueilenbe urbe bermaßen miß* Kni'prurt nehmen unb i der Verletzten war üt . Kan erinnerle sich ls der Schloürr Heinrich urbe und sich vor dem iehung zn verantworten chmg, da man angesichts hielt, die Tat ausgesuhrt bentoger und die Staate» zur Folge hatte, daß der uigejügten Körpervcrletz- ■ine an den Verletzten zu teilt der Schwester des Rao- at, weshalb es in bieier, ü>b' ibcu»«*" Ls VI, e’nebie foeiien m m hat, «" ibemöo'11' SSS' '6’1 [5181 Tie tieftraueniben Hinterbliebenen Familie Edgar Borrmanri. Gießen, den 29. August 1906. üedwig im zartesten Kindesalter zu sich zu rusen. Todes-Anzeige. Freunden und Bekannten die schmerzliche Mitteilung, daß es Gott dem Allmächtige,r gefallen hat, unser liebes Töchterchen und Schwesterchen CMischer Meitsnchweis Gießen. Gartenftratze Nr. 2, Zimmer Nr. 2. ES rönnen eingestellt werden: 1 landmirtsch. Knecht, 6 landmirrsch. Arbeiter, 1 landwirtschastl. Magd, 3 Schlosser, 1 Schinied, 10 Schremer, 1 Lackierer, 1 Waschfrau, 1 Putzfrau, 3 Glaser, 1 Anstreicher, Erdarbeiter, 1 Knchenmädchen, 2 Dienstmädchen, 3 Laufsranen, 2 Laufmädchen, 2 Kutscher. Lehrlinge: 3 Schlosser, 1 Elektromonteur, 1 Schreiner, 1 Kellner gegen Vergütung. Es suchen Arbeit: B,9/fl 1 Schweizer, 1 Maschinist oder Heizer, 4 Wasch- u. Putzfrauen, 1 Flickerin, 1 Kaufmann, 1 Auslau'er, 1 Lagerarbeiter, 2 Lauffrauen, 1 Kassierer oder Bnreaudiener, 1 Bureaugehilfe. Bekanntmachung. die Offenlegung der Wählerlisten für die Wahl zur Land- wirtschaftstammer betreffend. (§ 3 der Wahlordnung.) Während der Woche vom 29. August 1906 bis einschließlich 6. September 1906, vormittags von 8 bis 12 Uhr und nachmittags von 2 bis 6 Uhr liegt die Liste der in der Gemeinde Gießen und in der Gemariung Schiffenberq zur Verlrauensinännerwahl wahl- berechligren Verbandsangehörigen, die zugleich die Angaben über die Wählbarkeit der Verbandsangehörigen enthält, in dem Bürgermeistereigebäude — Zimmer Sir. 15 zu jedermanns Einsicht offen. Innerhalb dieser Friil können Eimvendungen gegen die Richtigkeit und Vollständigkeit der Liste schriftlich oder zu Protokoll der Bürgermeisterei erhoben werden. [B25/8 Gießen, den 28. August 1906. Großherzogliü-e Bürgermeisterei Gießen. Mecum. Schutzmannstelle ln Vad-Nauhcim alsbald zu besetzen. Anfangsgehalt rund 1400 Mk., Anstellungs- und Pensionsverhältnisse wie bei Staatsbeamten. Bewerber sollen mindestens 3 Jahre als Unterofsizier aktiv gedient haben. Anmeldungen sind an das Großherzogl. Polizeiamt Bad-Nauheim zu richten. p28/B Die Lieferung der Schwellen und des Bohlenbelages für die eisernen Ueberbauten in km 83,325; 83,634; 87,376; 101,042 der Strecke Gießen-Fulda soll vergeben werden. Zeichnungen, Bedingungen und Angebotsmuster liegen im Geschästsgebäude der unterzeichneten Betriebs-Inspektion zlir Einsicht aus; Angebote können ohne Zeichnung von der Inspektion für 0,60 Alk. (nut Postanweisung, porto- und bestellgeldsrei) bezogen werden. Eröffnung der mit entsprechender Aufschrift versehenen und vorher einzufendenden verschlossenen Angebote erfolgt am 15. September, vormittags 11 Uhr im Geschäftsgebäude der Inspektion. Zuschlagsfrist 2 Wochen. D28/, Fulda, Königliche Eiseubahn-Betriebs-Juspektion 2. WllßergtVsskllsAst Ariekeseld MoiMmth. Die Neuwahl des Vorstandes findet am 19. September l. I., vormittags 10 Uhr, im Gemeindehaus dahier statt. Großherzogliche Bürgermeisterei. 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