Erstes Blatt ISS. Jahrgang Samstag 27. Oktober 1906 Nr. *853 anher Sonn lag». Dem «LietzenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien» blätter mermal in der Woche beigelegl. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Stein» bruderet. R. Lange, Redaktion, Ervedttttm und Druckerei: S ch »l st r a h e 7. Redaktion 113 Verlag u.Exped.^Köl Adresse für Dcoejchen: Anzeiger Wietzen. a verugdpret-i Ätägägay \y ggg O monatlich7bPi., oierrel- GlehenerAnzelgers General-Anzeiger , ” ** '-X den poüL und allgem. Amts- und Anzetgeblatt für den Kreis Gießen MWZ __________________________________ _________________ seinen teil: &nn« Bei vle tzeutige Mumurer umfaßt LL Serien.^ ALe ß greisung des falschen Kauptmanns. Aus Berlin, 26. Okt., wird uns geschrieben: Berlin ist heute zum zweitenmal von einem Sturm beS Ergötzens erfaßt worden, obschon die Heiterkeit dieS- r.ral mit etwas Enttäuschung gemischt war. Extrablätter verkündeten die Ergreifung des falschen Hauptmanns von Köpenick, und jeder, der die Botschaft las, war starr vor Staunen. Erstens darüber, daß einem alten Zuchthäusler, einem Manne, der niemals Soldat gewesen, dieser geniale Einschlag — genial ersonnen und ausgesührt bleibt der Anschlag trotz alledem — so vollkommen glücken konnte. Zlveitens darüber, daß auch dieser Täter wieder dem Scharfblick der Polizei zum Trotz seelenruhig inBer- lin geblieben ist und ohne die Mitteilung eines früheren Sträflings vielleicht nie entdeckt worden wäre. Drittens darüber, daß eine ganze Reihe von Zeugen, von gebildeten Leuten, die sich gewiß aus ihre Beobachtungsgabe etwas zugute tun, in besten: Glauben Angaben machen konnte, die in grellem Kontrast zur Wirklichkeit stehen. Der letzte Punkt fordert zu ernsten Betrachtungen heraus. Was wurde nicht alles an dem falschen Hauptmann bemerkt! Elegantes, sicheres Auftreten, Bildung, Beherrschung der gesellsch. Formen, durchdringend sckarser Blick usw. Besonoers aber waren darin die Zuschauer dieses grotesken Spieles ein:g, daß der Hauptmann ungewöhnlich seine, zarte Hände gehabt habe. Und nun? Die Kriminalbeamten sind, so heißt es in einer Schilderung, aus dem Lachen nicht hcrausgckom- men, daß eine solche Jammergestalt nicht sofort entlarvt wurde. „Der scstgenommene Gauner hat ein verwittertes Gesicht mit einer Hautfarbe, die darauf schließen läßt, daß ec mit einem Bade nie in Berührung gekommen ist. Geradezu verunstaltet sind die gesprungenen Hände mit klobigen Fingerspitzen". . . Da hat man ein klassisches Beispiel davon, welche Verheerung des Urteils die Selbsttäuschung bewirken kann. Weil es dem Gauner geglückt war, Soldaten mitzunehmen, umgab ihn sofort der Nimbus eines Offiziers; weil er gesprächsweise ein paar Worte über Fritz Reuter fallen ließ, galt er für belesen und gebildet; weil er mit einer ziemlich flüssigen .Handschrift die berühmte Q-irtung über den Rau > ausscyrieb — wir sind neugierig, welche Charakter- und Geisreseigenschasten die Handschristendeuter aus dieser durch Photographie bekannt gewordenen „Schriftprobe" herausgelesen haben! — wurde alsbald eine seine, zarte Hand an ihm entdeckt. Wer weiß, an welche Besonderheiten noch die Gewährsmänner sich erinnert haben würden, wenn die Nachforschungen sich weiter hingezogen hätten. Diese neuen Ersahrungen sind wohl geeignet, zum Nachdenken über den Wert von „präzisen" Bekundungen zu stimmen, Beiund- ungcn, von denen in vielen Fällen im Strafprozeß Men- schenschicksale abhängen. Wenn 'man jetzt das Bild des falschen Hauptmanns sieht, saßt man sich an den Kopf, wie es möglich war, daß auf diese Physiognomie Bürgermeister, Rendant, Polizei und Gendarmen der guten Stadt Köpenick hercinfielen. Der Gauner muß in all diesen Tagen Tränen gelacht haben beim Lesen der Zeitungsberichte, beim Studium der gänzlich in die Irre gehenden fieberhaften Nachforschungen! Ein beträchtliches Aufspürungstalent hat die Berliner Kriminalpolizei auch in diesem Falle nicht bewiesen. Oder kommt es daher, weil man so eifrig politischen „Verbrechern" rmchspürt, oder wachsamen Blickes auf Verletzungen des sittlichen Normalgesühls fahndet im öffentlichen Leben, in der Kunst und Literatur? Genug, man sieht eine Dtenge von kleinen Sündern vom Arin der Gerechtigkeit ergcifsen, beim Greifen der großen Sünder muß schon der Zufall zur Hülfe kommen. Für die Stadt Köpenick, für die deputierten Herren wird die Entdeckung des Täters noch um vieles peinlicher sein, als die Tat selbst. Auf der Suche nach dem „Hauptmann" studierte die Berliner Kriminalpolizei auch alle Akten der schweren Verbrecher. Hierbei stieß man aus mehrere Personen, denen die Tat wohl zuzutrauen war. Zu diesen gerate auch Voigt. Da man von ihm kein Bild besaß, so bemühte man sich, seinen Aufenthalt zu ermitteln, um auf andere Weife Material zu erhalten. Unterdessen kam unter den tausenden von Anzeigen auch, wie gesagt, eine Mitteilung eines früheren Sträflings, die mit dem Inhalt der Akten übereinstimmte und die Spur noch mehr als die richtige erscheinen ließ. Voigt ist ein am 13. Februar 1849 in Tilsit geborener Schuhmacher, der wegen Diebstahls in den Jahren 1863 und 1864 einmal mit sechs und einmal mit drei Monaten Gefängnis bestraft wurde. Dann beging er unter dem Namen August v. Zander in Angermunde, Magdeburg und Prenzlau schwere Fälschungen mit Posturlunden und verschaffte sich dadurch größere Geldsummen. 1867 wurde er dafür in Prenzlau mit 10 Jahren ZZuchthaus und 1000 Talern Geldstrafe belegt. Zuletzt wurde er wegen Einbruchs in die Gerichtskasse zu Wongrowitz vom Schwurgericht zu Gncsen mit 15 Jahren Zuchthaus bestraft. Am 1. Februar d. I. wurde ec aus der Strafanstalt entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt. Nach Verbüßung seiner letzten Strafe war er nach Wismar gegangen. Dort sand er bei einem mecklenb. Hos- schuhmachermeifter Beschäftigung und trotz der Polizeiaufsicht eine Art Vertrauensstellung, da er ein sehr geschickter Arbeiter sein soll. Nach seinen „Grundsätzen" brachte er cs, wie er sagte, auch nicht über das Herz, einer Privatperson auch nur einen Piennig sortzunehmen. Voigt wäre in Wismar geblieben, wenn' ihn die mecklenburgische Laudesverwaltung nicht ausgewiesen hätte. So kam er im Juni nach Rixdvrf, wo feine verheiratete Schwester, eine Frau Menz, in der Kopsstraße eine kleine Seifenhandlung betreibt. Mit der Schwester ließ er sich einmal photographieren und sandte ein Bild „in dankbarer Verehrung" feinem früheren Arbeitgeber in Wismar. Hierdurch erhielt es im Laufe ihrer Nachforschungen auch die Kriminalpolizei, die cs den Hauptzeugen in Berlin vorlegte; alle erkannten in dem Porträtierten sofort den „Hauptmann". Er trug auf dem Bilde noch den Vollbart und denselben Anzug, in dem er in Potsdam seine Einkäufe gemacht hatte. Als man so am Donnerstag wußte, wo der „Hauptmann" war, beschloß man, ihn Freitag früh zu fassen. Nun wurde die Kppfstraße von ausgesuchten Beamten Tag und Nacht unauffällig beobachtet, besonders das Haus, in dem die Geliebte Voigts, die Arbeiterin Riemer, wohnte. Es gelang, die Beobachtungen durchzuführen, ohne daß jemand das geringste bemerkte. Am Morgen brachen die oben go nannten Kriminalkommissare mit ihrem Stabe von Be» amten schon um 4 Uhr auf und besetzten die beiden Häuser. Zur Stunde, in der das Gesetz daS Betreten erlaubt, fielen sie überraschend ein, fanden aber das Nest leer. Voigt war seit vierzehn Tagen nach Berlin verzogen, wo er in der Langesrraße im vierten Stock eines Hauses als Schlafbursche wohnen sollte. Eine Durchsuchung aller Räume der Menzschen Wohnung förderte keinen Anhalt zutage; ebensowenig hatte Voigt der Riemer etwas miigeteilt. Mit dem Automobil fuhren nun die Beamten nach Berlin, um die Wohnung Voigts zu suchen. Gemeldet war er nicht. Es wurden alle Leute feftgestellt, die im vierten Stock wohnen und Schlafburschen halten. Kurz vor 8 Uhr hatte man Voigt gefunden, wo er bei dem Zeitungsausträger Karpelesschcn Ehepaar wohnte. Die Kriminalbeamten besetzten sofort jeden Ausgang unb auch das Dach des Hanfes und betraten dann die Wohnung. Dort saß Voigt beim Morgenkaffee. Er wußte sofort, worum es sich handelte, und bat nur noch seinen Kaffee zu Ende trinken zu dürfen. Auf die erhaltene Erlaubnis frühstückte er in aller Ruhe und legte dann ein Geständnis ab. Die Durchsuchung feines Raumes förderte dann Dinge zutage, die ohnehin genügt hätten, ihn zu überführen. Während einige Beamte den „Hauptmann" zum Verhör nach dem Polizeipräsidium brachen, durchsuchten andere seine Wohnrüume. Bald sanden fie alle die neuen Kleidungsstücke, die sich der „Hauptmann" gleich nach der Aus» sührung des Hauostreichs bei Hermann Hoffmann in der Friedrichstraße getauft hatte. Auch ein Kavallerie^ Offiziers fabel tarn zum Vor schein. Ihn hatte Voigt zuerst gekauft, er konnte ihn aber nicht gebrauchen, weil er für einen Hauptmann nicht papte. In einem Behälter lag der Beutel, in dem der Hauptmann seinen Raub babon^ getragen hatte. Ein Teil des Stopenüier Siegels befindet sich noch daran. In dem Beutel befanden sich noch acht Ein Hundertmarkscheine, 500 Mark Gold in einer Rolle mit den: Siegel der Stadt Köpenick und 2350 M art lose in Gold- und Silber münzen. Nach dem Morgenkaffee wäre Voigt auch heute wieder aus gegangen, wie jeden Tag. Er pflegte stets erst abends wieoerzukommen. Soldat konnte er nicht werden, weil er schon mit, 18 Jphren ins Zuchthaus kam. Seine ganze Gestalt ist krumm unb gebückt. "Del der Vernehmung auf dem Polizeipräsidium war der „Hauptmann" zunächst sehr schweigsam, aber die milde Behandlung, die ihm die Kommissare zuteil werden ließen, und eine halbe Flasche Portwein, die sie ihm spendierten, machten ihn gesprächiger. Auf die Frage, wie er auf den Gedanken gekommen sei, die Köpenickcr Stadtkasse zu berauben, antwortete er folgendes: Er habe die Absicht gehabt, in Wismar redlich weiter zu arbeiten und dann vielleicht einmal in Bernau ein Zweiggeschäft des Wismarer Hoflieferanten einzurichten. Durch diese Rechnung habe ihm die mecklenb. Landesverwaltung mit der Ausweisung einen Strich gemacht. Er sei nun mit den besten Absichten nach Berlin gekommen, um mit Unter» f'tühung seiner Verwandten einen ehrlichen Erwerb zu fucnen. Es sei ihm aber nicht gelungen, festen Fuß zu fassen, unb da habe er bann einen altenPlan, sich auf anbere Weise Geld zu verschaffen, wieder ausgenommen. Daß eine Gießener Weaterverein. Graf Essex. Trauerspiel in 5 Akten von H. Laube. Den: Gedächtnisse Heinrich Laubes, des int September 1806 geborenen knorrigen und knurrigen Theatermannes, glaubte der Gießener Theaterverein, nach dem Muster vieler anderer der deutschen Bühnenkunst dienenden Gesellschaften, auch seinerseits eine Huldigung schuldig zu sein. Er veranstaltete darum am ersten seiner Spielabende dieser Saison eine Aufführung des „Grasen Essex", das dec Burgtheaterdirektor 1856 dem Wiener Publikum vorführte/) Es war also der gestrige Gießener Theaterabend so etwas wie eine Säkular- und eine Semisäkularfeier zugleich. .Graf Essex", aus wiederholten Aufführungen, auch in den letzten Jahren, den Gießenern wohlbekannt, ist ein ge- schickt zusammengefügtes Theaterstück. Es hat einen klaren Grundriß, die Szenen bauen sich nach bewährtem Schema auf, die Effekte und Effektchen sind mit kluger Berechnung angebracht, alles ist solide, saubere Arbeit und das Ganze gewissermaßen ein Meisterstück des theatralischen Kunsthand- werks. Laube selbst pflegte Dramen dieser Art, falls sie von anderen herrührten, mit einem sauer-süßen Kompliment als Architekturstücke zu bezeichnen, und wir werden diesen treffenden Ausdruck ohne Bedenken auch auf den »Grafen Essex" anwenden dürfen. Der Stoff dieser Günstlingstragödie gehört der dramatischen Weltliteratur an, und Laube hatte mit Nutzen die Erzählung gelesen, die Lessing in der Hamburgischen ^Draniaturgie von dem Effexdrama des Engländers John Banks gegeben hatte; er fand also nicht nur die Charaktere und die Handlung durch die Tradition fcstgelegt, sondern er fand zugleich auch bei dem englischen Dramatiker eine so klare, theatralisch klug berechnete Disposition, daß er diese ohne weiteres seiner Bearbeitung zu Grunde legen konnte: es fain also nur noch darauf an, aus dem gegebenen Material einen Neubau aufzuführen, eine Aufgabe, deren der alte Theaterpraktiler sich mit seiner oft bewährten Routine entledigte. Doch e8 fanden sich Leute, denen als reinste Freude die *) So erzählt H. H. Houben in seinem kürzlich in Max Hesses Verlag in Leipzig erschienenen neuen Gedenkbuche „Heim. Laubes Leben und Schaffen(1.60 Mi.) Schadenfreude gilt, — es wird wohl immer solche Käuze geben — die Laube des Plagiats ziehen. Und nicht allein deswegen. Der Berliner Stadtgerichtsrat Weither trat mit der Beschuldigung auf, Laube habe ihm die Behandlung des Stoffes gestohlen; er hatte, so erzählt Dr. Houben, kurz vor- her an den Burgtheaterdirektor ein denselben Konflikt behandelndes Drama gesandt. Und in der Elsenbergschen Sonnenthal-Biographie*) fand ich die Bemerkung, daß Adolf Sonnenthal bereits im Jahre 1855 in verschiedenen ostpreußischen Städten Werthers Drama „Graf Essex", wie Eisenberg sagt, vtrug und rettete". Doch Laube — so erzählt Alexander v. Weilen in seiner Einleitung zu Laubes soeben von der Berliner Gesellschaft für Theatergeschichte herausgegebenen ^Theaterkritiken". '— erwehrte sich dec Beschuldigung, wacker sekundiert von ein paar Wiener Schriftstellern. Und sein ehrlicher 9lamc hat dadurch für feine und unsere Zeit wahrlich keinen Schaden gelitten. Oder wird ein Verständiger je auf Molare und gar auf Shakespeare mit Steinen werfen, weil sie ihre Stoffe und selbst seitenlange Gespräche mitunter wortgetreu fremden Werken entlehnten? Der gewiegte Theaterpraktiker hat hier für seine Schauspieler fast lauter dankbare Rollen geschrieben. Die GesichtS- schlagsszene im 8. Akte mit ihrem Knalleffekt — das Wort ganz buchstäblich genommen, ist das beste Zeichen für LaubeS eminenten Blick für das Theatralische. Heldendarsteller haben für den Titelhelden eine leicht erklärliche Vorliebe: dieser ins Laubesche übersetzte, d. h. vergröberte Egmont gibt ihnen Gelegenheit, alle Register zu ziehen von den süßen Flötentönen des girrenden Liebhabers bis zu dem dröhnenden PathoS des den Staat au§ den Fugen reißenden Empörers, von dem leichten flotten Ton des sorglosen Epikureers bis zu dem furchtbaren Wutschrei des aufs tödlichste beleidigten Offiziers und Edelmanns. Herr Rich. Kirch aus Frankfurt gab den Grafen Essex mit seinen glänzenden äußeren Mitteln mit vollkommenem ritterlichen Anstand, mit elastischem Schwünge und loderndem Feuer, und so blieb denn in den berühmten Effektszenen deS 8. und 4. Aktes die starke Wirkung nicht ans. Was mich bei Herrn Kirch in modernen Stücken früher öfter störte, war ein Etwas von theatralischer Pose. In Sudermanns „Blumenboot", das bekanntlich in Frankfurt kürzlich zur •) 2. verm. Aufl. 1900. (Dresden, Pierson.) ersten Aufführung kam, überraschte er mich bereits durch die schöne Echtheit, mit der ec den abgewiesenen Freier der wild- blütigen jugendlichen Heldin des wurmstichigen, schwülen, von heißen Wollüsten durchtränkten Stückes, den kernigen Grafen Spernec, darslellte. Schien er mir doch in dieser kleinen Partie unter Larven die einzig fühlende Brust. Dec Graf Essex dagegen kann ja theatralischer Pose schlechterdings nicht ganz entraten. Herrn K.S Organ hat nun einmal etwas Messerscharfes, ist nicht sonderlich klangschön, aber er versteht es, gleich einem Instrumente es zu gebrauchen, auf dem jede Taste einer wohlerwogenen Bestimmung zu folgen hat. Die ganze Leistung bekundete ein ungewöhnliches Maß schauspielerischer Routine und nicht alltägliche schauspielerische Intelligenz. Sie würde absolut unanfechtbar sein, wenn Herr K. nicht auch diesmal, wie es so seine Art ist, gerade in einer sehr wesentlichen Szene, am Schluffe des 4. Aktes, angesichts der Ohnmacht seiner Gattin, bei äußerstem Affekt also, jäh in eine Art konventionellen, leicht blasierten Gesprächstones verfallen wäre, der wie ein kalter Wasserstrahl berühren mußte unb die ganze Szene um jede tiefere Wirkung brachte. Die an Spannkraft und Deklamationskunst sehr große Anforderungen stellende Rolle der Eisabeth bewältigte Frl. v. Jcrgemann mit außerordentlicher Energie und schönem Erfolge. In einigen seiner unter dem Sarnmeltitel „Der Weg zur Form" *) zu einem nachdenklichen Essai;buche zusarnmengefaßteii ästhetischen Abhandlungen sagt Paul Ernst, dessen neueste Dramen „Der Hulla", ,Ta§ Gold" rc. ich der Beachtung des Herrn Direktor Steingötter empfehle, daß Frauengestalten der Dramendichter häufig wie verkleidete Jünglinge wirken. Auch Laubes Königin Elisabeth offenbart ein mannweibliches Wesen. Dieses betonte Frl. v. I. mit aller Schärfe, und kaum weniger den lauernden, intriganten Grundzug in diesem einer, freilich abstoßenden Größe nicht entbehrenden Charakter. Und zuweilen huschte wohl so etwas wie ein Strahl leidenschaftlicher Liebe zum Grafen Essex vorüber, ohne freilich die kühle Selbstbeherrschung abzulenken; eine feinere Nuancierung hätte hier freilich zu größerem Vorteil gereicht. Auch wünscht man diese innere, mühsam unterdrückte Leidenschaft bei einer Elisabeth in Momenten des Selbstvergessens zuweilen orkanartig her- * Verlag von Julius Bard in Berlin. „große Sache" mit Soldaten am leichtester: zu machen sei, daran habe er nie gezweifelt. Mit einer Uniform ausgerüstet und auf eine Militär. Macht gestützt, mache er alles, auch noch mit ganz anderen Leuten als dem Bürger m ei st er und Hauptlassenrendanten von Köpenick. Uebrigens habe er Köpenick nie vorher in seinem Leben gesehen. Er habe sich nach nur ganz kurzem Aufenthalt auf dem Bahnhof auf freiem Fcldeumgezogen und sei schon um 10 Uhr abends wieder zu Hause gewesen. Die Uniform habe er sich auf dem Schießstande in der Jungfernheide, ebenfalls unter freiem Himmel, ungezogen. Seinen Zivilanzug habe er dabei opfern müssen. Deshalb sei er auch gezwungen gewesen, sich gleich nach der Tat einen neuen zu kaufen. Karpelcs drängte zunächst, daß er sich melden lassen sollte, Voigt wandte jedoch ein, daß er in Nixdorf noch gemeldet sei. Sich noch einmal zu melden, sei auch deshalb überflüssig, weil er sich demnächst verheiraten wolle. Seine Geliebte Niemer stellte er dann auch als seine Braut vor, als sie ihn am Montag besuchte. Karpcles will seinen Mieter, der seine Stube mit einem gewissen Burckhardt teilte, nie in Uniform oder mit einzelnen Militärbekleidungsstücken gesehen haben. Als der Handstreich bekannt wurde, las Karpeles abends die Zeitung vor und bemerkte, der Mann, dem das gelungen sei, müsse eine Prämie bekommen. Voigt hörte ganz gleichgültig zu, als ob ihn die ganze Geschichte nichts anginge. Auch später benahm sich der „Hauptmann" nie ausfallend und verdächtig. Darüber, das; er nicht arbeitete, verstand Voigt seine Wirtsleute durch allerlei Vorspiegelungen zu täuschen. Seine Schwester erklärte: Es sei ihr ausgefallen, daß ihr Bruder sich etwa Mittwoch oder Donnerstag voriger Woche den grauen Bart, den er trug, abüehmcn ließ. Von Unisormeinkäufen oder dergleichen hatte sie keine Ahnung. Das Abnehmen des Bartes begründete er damit, daß er zu alt aussehe und er möchte doch etwas jünger erscheinen, zunial er sich verheiraten wolle. Die Kunde von der Festnahme des falschen Hauptmanns rief großes Aufsehen hervor. Im Polizeipräsidium waren alle Flure von Leuten angefüllt, die den Hauptmann sehen wollten. Die Schutzmannschaft der Neservewache mußte herangezogen werden, um Ordnung zu. schaffen. Nach dem ersten "Verhör wurde Voigt in Uniform und Zivil für das Verbrecher -Album photographiert. In einer Sitzung der Stadtveroroneten-Ver- sammlung von Köpenick am Freitag nahm Bürgermeister Dr. LangerHans seine Amtsniederlegung wieder zurück und gab eine Darstellung der Vorgänge bei dem Kassenraube, wobei er betonte, er habe angenommen, einen G e i st e s kr a n k e n vor sich zu haben. Tie Versammlung nahm die Ausführungen des Bürgermeisters mit lautem Beisalle auf. Daß auch die sozialdcm. Stadtverordneten Köpenicks ihrem Bürgermeister ein Vertrauensvotum erteilt haben, wird ihnen wahrscheinlich schlecht bekommen. Einer Volksversammlung wurde eine Erklärung vorgelegt, derzusolge die Versammlung mit der Haltung der sozialdemokratischen Stadtverordneten in der Angelegenheit des Stadtkassenraubes einverstanden sei und ihnen ihr Vertrauen ausspreche. Dieser Llbsatz wurde bei der Abstimmung ab gelehnt. Der Führer der Fraktion der Stadtverordneten erklärte daraus, daß er und seine Freunde aus dieser Abstimmung die nötigen Konsequenzen ziehen würden. Man solle, wenn man Mißtrauen hege, sich bessere Vertreter wählen. (Siehe auch 2. Blatt.) Landet und Verkehr, VoLkswirt?ehatt. Zur Geldfrage. In einer längeren Abhandlung über Geldspannung und Geldumlauf kommt die F. Z. zu dem Schluß, daß in Deutschland inbezug auf geordnetes Geldwesen noch manches geschehen kann, um für den Geldumlauf Verbesserungen herbeizuführen. Das ist von hoher Bedeutung für alle am Verkehr beteiligten Kreise: für den Handel, die Industrie und die Landwirtschaft, auf die jede Pressung im Geldmärkte belastend und belästigend wirkt; für bie Kreditbanken, die Hypothekeninsiitute und die Börse, denen solche Zeiten die Tätigkeit unterbinden; für die Reichsbank und für deren Ausgaben in der Regelung des ^Geldumlaufs und in der Kreditgewährung; nicht am wenigsten auch für die Staatsfonds, die unter teurem und knappem Geldstaude besonders empfindlich leiden; sodaß darin alle diese Interessenten einmütig und energisch zusammenwirken' sollten. Preußische Konsols. Einer Berliner Meldung zufolge sind in den letzten Tagen größere Beträge Zh^proz. preußischer Konsols für englische Rechnung angebracht worden, die dort angeblich in festem Besitz bleiben sollen. Es dürfte sich bei diesem Ankauf um einige Millionen Mark handeln. Amerikanische Ausfuhr von L e b e n s m i t- teln. Die Ausfuhr von Schlachtvieh, Fleisch und Molkerei- Waren hat in den ersten neun Monaten dieses Jahres beträchtlich zugenommen. Der Ausfuhrwert ist um 24i/2 Mill. Dollar gegen das Vorjahr gestiegen. Die Zunahme erstreckt sich auf alle Warengattungen, ausgenommen Büchsenfleisch, dessen Ausfuhrwert um 40 Proz. zurückgegangen ist, natürlich infolge der bekannten Enthüllungen. Am größten ist die Zunahme für Schweinefleisch. Die Ausfuhr von geräuchertem Speck allein hat um rund 10 Millionen Dollar zugenommen. Stahlwerk Hösch und die Bergarbeiter- bewegung. In der ordentlichen Jahresversammlung, in der der Abschluß seine Genehmigung fand, wurde vom Vorsitzenden betont, daß irgendwelche Anzeichen für eine Aenderuug der Lage des Eiscnmarktes sich nicht erkennen lassen. Ob die unter den Bergarbeitern gegenwärtig umgehende Lohnbewegung in ihrem weiteren Verlauf das Jahresergebnis beeinflussen werde, bleibt abzuwarten. Nach dem Streik von 1905 haben die Arbeiter höhere Löhne erhalten und eine allmähliche erhebliche Steigerung wurde fortgesetzt. Sollte dennoch ein Ausstand eintreten, so würde allerdings der gesamte Belei h der Gesellschaft in hohem Maße beeinträchtigt werden, da eine Stillegung auch der Hüttenbetriebe für voraussichtlich lange Zett dann nicht zu vermeiden wäre. Von der Berliner Börse. Die schwachen New- horkcr Schlußnotierungen wirkten deprimierend auf das Geschäft. Auch kamen Nachrichten von einer Lohnbewegung unter einem Teil der amerikanischen Eisenbahnarbeiter. Im weiteren Verlauf besserte sich die Tendenz etwas auf den leichteren Geldstand und den letzten guten Bericht des Jron Monger. Den Streikbefürchtungen wurde wieder weniger Gewicht beigelegt, sodaß sich schließlich Baltimore von 119 bis 120 erholen konnten. Von vornherein fest lagen Russen bei lebhaftem Geschäft. Banken waren still, Handelsanteile weiterhin kräftig erholt. Deutsch-Luxemburger weiter etwas gebessert bis 196,50. Auch Kaliwerte haben sich wieder etwas erholt und so ist die Grundtendenz zwar matt, doch nicht schwach zu nennen. Privatdiskont 4% Prozent. «AerZchtsscrcrk. Gießen, 26. Okt. Wir erhalten folgende Zuschrift: Zu Ihrem Bericht über die Strafkammerverhandlung vom 23. Isd. Mts. gegen den Architekten I. St. in Gießen, wegen Steuerhinterziehung ersuche ich Sie als Verteidiger des Angeklagten in der nächsten Nummer Ihres Blattes gefälligst ergänzend bemerken zu wollen, das; eine ganze Reihe mit Gcländc- svekulation befaßter Zeugen bekundet haben, daß auch ihnen von einer Cteuervflicht hinsichtlich des Spekulationsgewinnes als eines unsixierten Einkommenbetrags nichts bekannt war und sie diesen Gewinn nicht oder mir auf besondere Anforderung entsprechend deklariert haben. Herr I. St. verneint nach wie vor, daß er einer vorsätzlichen Htcuerhinterzichung sich schuldig gemacht habe. Hochachtungsvoll und ergebenstl für die Rechtsanwälte Grünewald, Leun und Fischer: Fische r, Rechtsanwalt. £anOwirtfcbaft. X Aus dem Vogelsberg, 26. Okt. Das wundervolle Herbstwetter hat die Feldbe st eil ungsar beiten außerordentlich gefordert, die Wintersaat ist unter den günstigsten Bedingungen bewerkstelligt worden. Gute Aussaat ist aber die ursächliche Forderung einer guten nächstjährigen Ernte. Tie letzten Feldsrücbte, cs sind Kohl, Wirsing und Kohlrabi, haben ein ungleich besseres Ergebis geliefert, als die Kartoffeln. Namentlich ist der Weißkohl vortrefflich gediehen. Tie reichen Futtervorräte, die treffliche Getreideernte, die reichlich gediehenen übrigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse im Verein mit einer ungewöhnlichen Zwctschcn- ernte stempeln unfern jetzigen Jahrgang zu einem reich gesegneten. Märkte. §Rlipvertenrod, 25. Okt. Nuferen heutigen Herbst« markt begleitete weniger gutes Wetter als man nach dem seitherigen Verlauf des Herbstes erwarten durfte, ein recht herbstliches Wetter hatte sich eingestellt und beeinträchtigte immerhin den Verlauf des Marktes. Ter Viehmarkt zeigte eine starke Auffahrt an Jungschweinen in der Zahl von 705 Stück. Ter Handel ging indessen weniger flott, da das Angebot die Nachfrage so stark übertraf, daß nicht sämtliche Stücke verkauft wurden. Wiewohl die Preise noch als hoch angesehen iverdeii müssen, machte sich doch eine Rückwärtsbcivegnng der seither abnorm hohen Preise bemerkbar. Bezahlt wurde für das Paar Jungfcbweine erster Güte 55—58— GO Mark, zweiter 45—50—54 Mark, dritter 35—40—42 Mark. Im Durchschnitt darf der Preisabschlag mit 10 Mark pro Paar berechnet iverden. Tie Ueberzücht an Ferkeln im Vereine mit dem minder guten Ausfall der Kartoffelernte sind hier die treibenden Faktoren, nicht der inzwischen erfolgte Rückgang der Preise sür die 'eü-'u Schweine. Avefng m den Ktsvkrgkmsgrmstkru drr Gleisen. Aufgebote. Okt. 20. Ludwig Kattrein, Rentner, mit Hermine Gerndt, beide dahier. — 22. Natanael Ngoso, Laborant im Braunslein- bergwerk, mit Katharine Amalie Klappert dahier. — Wilhelm Wagner, Vahnarbeiter in Leihgestern, mit Marie Cchmciudt in Steinberg. — 23. Ludwig Becker, Schlosser dahier, mit Mathilde Senn in Haarbnu'en. — Karl Kircher, Stalionsgehilie in Rödelheim, mit Elisa bet he Jung dahier. — 25. Artur Münch, Bureau- voistcher dahier, mit Katharine Thiel Hierselbst. — 26. Ludwig Rosenbaum, Schreiner dahier, mit Anna Wagner Hierselbst. — Ludwig KäS, Installateur dahier, mit Luise Schneider hierselbst. Eheschließuuiren. Okt. 20. Wilhelm Rink, Schneider dahier, mit Luise Laval hierselbst. — Johann Reinhardt, Kaufmann dahier, mit Minna Valentin hierselbst. — Otto Feldner, vrakt. Arzt in Göttingen, mit Elisabethe Schmidt dahier. — 23. Karl Quast, Telegraphist in Bruche, mit Margarete Grämlich dahier. — 24. Christian Pfaff, Oberpostschassner dahier, mit Marie Elisabeth Wagner, geb. Tietzel in Frankfurt a. M. Geborene. Okt. 15. Tcm Kaufmann Jakob Maternus ein Sohn Karl Hermann. — 16. Tein Taglohuer Otto Rausch eme Tochter Elise. 17. Tcm Fuhrmann Konrad Balser eine Tochter Anna. — 19. Tcm Kaufmann Wilhelm Eidmann ein Cohn Otto Karl Heinrich. — Tcm Chemiker Tr. Wilhelm Orch eilte Tochter Emilie. — 21. Tem Lokomotivflihrer Johann Liidwig Wilhelm Pohl eine Tochter Paula Ida. — 22. Tem Rolationsmaschiuenmeister Eduard Josef Müller ein Sohn Friedrich Wilhelm Jose?. Gestorbene. Okt. 19. Friedrich Simon, 7 Tage, Ludwigstr. 30. — 20. Karoline Weber, 59 Jahre, Wäscherin, Caiidgasse 23. — 22. Marie Karoline Heppert, geb. Bratm, 55 Jahre, Friedrirhstr. 6. — Otto Schreiber, 82 Jabre, ReclmnngSrat i. P., Astyrweg 40. — 23. Christine Henkel, geb. Fink, 69 Jahre, Tammstr. 4. — Peter Minke, 41 Jahre, Wirt, Walltorstr. 28. — 25. Margarete Funk, geb. Bechtold, 30 Jahre, Bahnhofstr. 24. FamUrett-Ncrchrrchten. Der m ä h l t c. Herr Wilhelm Persch, mit Fran Paula Persch, geb. Weltersbach, Mainz. Geborene. Herrn Alex Lewy und Fran, geb. Mayer, Friedberg, eine Tochter. — Herrn Willy Stern und Frau, Friedberg, einen Sohn. — Herrn Maxim. Wicdling und Frau Rosa, geb. Gotthardt, Weylar, eine Tochter. loderns !MeI kaufen keine Einrichtung ohne vorher das grosse Muster-Haupt- ausstcllnngshaus der Darmstädter Möbelfabrik, Heidelberger- strasse, welches als Sehenswürdigkeit I. 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Und dann wäre auch noch manche? Eckige und Steife zu überwinden. Aber immerhin — alle Achtung vor dieser sehr respektabeln, klug und energisch ausgestaltetcn Bühnenleistung! In der Nolle der Gräfin Rutland bot Frl. Donccker recht Schönes. Für die rührende Zartheit, die in dieser Bühnengestalt wohnt, zeigte Frl. D. volles Gefühl. Ihr Organ freilich besitzt ja ein weniges an Herbheit und, man könnte wohl sagen: Altllugheit, das zu solchem kindlich- knospenhaftcn Wesen nicht durchaus passen will. Dafür aber brachte sie andere wertvolle Einsätze für das Gelingen dieser Nolle, einen feinen und klugen Sinn, und so kamen denn voll die leidenschaftlichen Momente zur Wirkung, und das Empfinden des Glückes wie der Verzweiflung schien der Künstlerin nicht nur auf den Lippen zu liegen; man hatte das Gefühl, als durch- bebte es ihr ganzes Wesen. Der Wahsinnszene wohnte ich nicht mehr bei. In festem Sattel saß, wie stets, auch gestern Herr Goll als Raleigh. Er verstand es in der berühmten Mustern nachgebildeten Erzählung des Straßenkampfes seine im ganzen wenig dankbare Partie aufs beste zu verwerten. In der kleinen, aber bedentsamen Nolle des Southampton entwickelte Herr Kober viel jugendliches Feuer. Die ebenfalls wenig bedeutsame Nolle der Lady Nottingham gab Frau Bayr- Hammer geschickt, wenn auch, was bei der geringen Hilfe des Autors äußerst schwierig ist, ohne besonders feste Um- risie und ohne rechte Eigenart. In der Nolle deS alten Haushofmeisters zeigte Herr Neimer wieder seine vollwertige komische Kraft. Was die szenischen Bilder anbetrifft, so müssen wir unsere Hoffnung unentwegt auf das neue Haus setzen. Das ästhetische Spartanertum, das unsere Bühne uns zeigte, entsprach weit weniger dem Charakter der jungfräulichen Königin, als dem Heinrich Laube's, der bekanntich sehr geringen Wert auf die rein szenischen Künste legte. Tie kostümette Ausstattung ließ nichts zu wünschen übrig. P. W. — Drama und Weltanschauung. In einer nuten Vorrede zu seinem soeben im Verlage der Concordia VorlagS- anstatt (Hermann Ehbock in Berlin W. 50) erschienenen Shakespeare-Brevier, dem er dcn Ti:cl gegeben hat „Also sprach Shakespeare", schreibt Rudolf P res der: „Also sprach Shakespeare" — man wird mir mit überlegenem Hohn entgcgcnhalten: Weißt du nicbt, daß ein echter Dramatiker sich selten oder nie mit seinen Personen identifiziert? Daß cs seine höchste Tugend erfordert, objektiv zu bleiben, die Rede des Schufts und des Dümmlings, des Ehrgeizigen und des Schwächlings mit gleicher Treue wicdcrzugebeu und nicht anders Partei zu nehmen als durch das tragische Schicksal? Ahnst du nicht, daß es eine sinnlose Torheit oder ein listiger Betrug ist, als Wort und Meinung eines Tramendichters zu zitieren, was er doch nur einer seiner Gestalten, die er weder liebt noch haßt, die er mir mit seines Geistes Auge sieht, in den lebendigen Mund legt? Weißt du nicht, daß e? eine Lächerlichkeit ist, zu behaupten, Shakespeare selbst habe über die Ehre wie seine Volumia gedacht, über den Weg zur Größe wie seine Lady Macbeth geurteilt, über die Freundschaft, wie sein dritter Ricbard, über die Dankbarkeit wie sein Timon von Athen? . . . Ich weiß, ich weiß. Aber ganz abgesehen davon, daß der Dichter in seltenen Fällen (wie im Hamlet) doch einmal eine besonders geliebte Figur zum heimlichen Träger eigener Tugenden, zum gewandten Sprecher eigener Gedanken seines Bittners macht, blitzt durch die Weisheit und Rede vieler seiner Gestalten immer wieder, versteckt und doch sindbar, ein Wescnszug ihres Schöpfers durch. Auch ift ein Bösewicht nicht zu allen Zeiten ein finsterer Präger böser, tückischer Worte, ein Fant nicht immer frivoler Künder des Leichtsinns und der Lüsternheit. Seine spürende List kann den einen zwingen, gütige Klugheit zu heucheln; und so bringt er im unreinen Gefäß doch wieder den edlen Trank aus unvergifteter Ouefle der Güte, der Weisheit und der Menschenliebe. Eine Stunde der Einkehr kann den anderen zwingen, just weil ihm seine Begierden so lange durch Sumpf und Niedrigkeit gezogen, uns ein wunderreiches Wort über das Er- babcndste nnd Reinste zu schenken. Und so redet doch ans Fant Bösewicht der Dichter, der, um ein Goethesches Wort zu wenden, „ein Svürehen von ihnen oflen in der eigenen Brust finden muß, um bilden zu können, was er bildet . . ." — Gerhart Hauptmanns neueS Drama. Vor Wochen konnte gemeldet werden, daß anfangs 1907 im Berliner Lessingthcatcr ein neues Stück Gerhart Hauptmanns nusgeführt werde, dessen Titel „öl ab viel S ch i l l i n g s F l u ch t" lautete. Nunmehr hat der Dichter diese? Stück, da? in Hiddensee spielt, zurückgezogen und „Die Jungfrauen von B i f ch o f s b c r g" zur Aufführung bestimmt, eine Dichtung, die nach seinen eigenen Worten nur mehr für seine Sehreibtiichselmblade bestimmt sein sollte. „Tie Jungfrauen von Viscbofsbcrg" sind ein modernes Gesellschaftslustspiel, das aus einem Schloß Bischofsberg spielt. — Im April nächsten Jahres wird das gesamle aus etwa 200 Personen bestehende O p e r n - P c r s o n a l d e s T h e a t c r s von M o n t e Earlo im königl. Opernhanse zu Berlin an sieben Abenden auftreten. Tie etwa 400 000 Francs betragenden ?l il s g a b e n ivird der Fürst von Monaco tragen. Tagcgcn sind die Einnahmen dem Kaiser, der die VorsteÜnngen besuchen wird, für deutsche Wohltätigkeits-Anstalten zur Versügilng gestellt. —. Leopold v. Sacher-Masochs „Polnische Geschichte n" erschienen unlängst in der Schles. Verlags- anstatt zu Breslau in neuer Auflage. . Es ist dies eine Sammlung harmloserer Novellen, zumeist auf historischer Grundlage ruhend, des bekannten, zu sinnlicher Ausschweifung geneigten galizischen Novellisten, der einst als Lemberger Universitäts-Dozent, glänzend bcanlagt, einer bedeutenden Zukunft entgegenzugchen schien, aber bald seinen perversen Gelüsten derartig verfiel, daß er sich seine wissenschaftliche Laufbahn völlig verdarb und auf einem wüsten Seitenpfade der Literalllr in die Irre geriet. Er ist bekanntlich im Jahre 1895 in Lindheim bei Büdingen gestorben, wo seine zweite Frau noch heute lebt. Seine erste Frau, die später den üblen Germano- phoben Nosenchal-St. Ehr heiratete, um sich bald auch von diesem zu trennen, hat in ihrer kürzlich herausgegebenen Lebensbeichte ihm noch im Tode viel Unreines nachgesagt. Während in den meisten seiner sonstigen Schriften Sachcr- Masoch seiner üppigen, für das grausam Wollüstige gestimmten Phantasie die Zügel schießen laßt, sodaß der berühmte Psychiater v. Krafft-Ebing eine bestimmte perverse Veranlagung nach ihm als „Masochismus" bezeichnen konnte, ist er in diesen mehr kulturhistorischen Novellen erheblich zahmer, aber doch auch farbenreich und abenteuerlich. Sein Talent sür phantasievolle Stimmungs- macherei, z. B. für Nacht- und Mondstücke, die in ihren besten Szenen von weitem Ehopinsche Töne in uns wohl erklingen lassen, ^eigt sick) hier weit weniger pikant als sonst, aber auch weniger absonderlich, weniger abstoßend, und ihre warmatmende Atmosphäre wirkt nicht unangenehm auf unsere Nerven, wenn auch manche Unwahrschein- lichkeiten, manches Ungleiche in der .Haltung, manches Flüchtige allzu schnelles Schaffen verrät. —o. — Märchen aus Ostpreußen von Karl Friedr. Baltus. (Kommissionsverlag von L. Eloos in Nidda.) In dem uns vorliegenden • Bändchen erzählt der Verfasser, von dem uns der Verleger mitteilt, cs sei cm in Gießen lebender Gelehrter, der lange Jahre in Ostpreußen tätig war und sich unter einem Pseudonym verbirgt, eine Anzahl recht netter kurzer Märchen. Kinder und Erwachsene werden sich daran erfreuen. Tie Sprache ist schlicht nnd ungekünstelt, die den Märchen zi'.grunde liegenden Ideen nicht ohne erzieherische Tendenz. — Dzierzon f. Der Altmeist er der B i e n c tu zücht, Dr. Johannes Dzierzon, ist im Alter von 953/4' Jahren in Lowkowitz (Kreis Kreuzburg) gestorben. "''Ak* mn,er6iii h! S6 Ä n"q wurde» ytQvt ?ä?Ä k»er die7m nSTi^j’ >4®'Ä* Tet| «iit Öldthiib *®m ZL ^w'der (jicridbft. 11118 e,l> -ol», Rnrl ew Tochier Ghjc. cr^lnna-19.5cm 1 Jarl Heinrich. - rCWe.-21.2ctn 'leine Tochter Pmila -duard Josef Äinller J’if ""i!e onüal ttak-F1 14,1,1(1 ^?°"i"gen, mit 2*4 V’CpVbi!t in to • ^risimn Ms! Bögner, geb. Tietzel lr. 30.—20. Rnrolint • --.Marie Kmoline 11 ~~ Otto Schreiber. 10. — 23. Öbrifline eter Minke, 41 ^olire, iunf, geb. Bechtold, len. iit Fran Paula Per- Frau, geb. Ä«r, und Frau, Frietlera, inb Fran S'ojo, geb. “JwÄ? ”*jS# .m bei «yVelte rallr2n G’^an^ >en uhS bald auch ^J^aeqebene" zlich g esagt. ^LSach-' rÄ6t sodaß dcr sS-Z abe-' fiben^finniiun^ \v-* die tn a ndstuSe- di je Tone^^ant«® t iven'g^ gbstaßead' ch Ult“11' KM SO OKr S Mei rosse Mibfer-Hanpt- irik, Heidelbergs and bedeutendstes den Jfw rerlang wen von compkticj b”!& mbenex Lammele. i, MrM. Wx* naben nud Mädchen. oen^aüett-Pli'sche. ilmerelW. „moder beim Lem» Kinder, sowie blni- arbeitete, leicht erreg- ,chen als Krasligi'dgS' »aematogc". n und IM* tu xr.Kou>diel'o" 7d-hi,..mgen^ Todes-Anzeige Teilnehmenden Freunden und Bekannten hierdurch die schmerzliche Mitteilung, dass unsere liebe Tochter, Schwester und Nichte von 14 Jahren sanft entschlafen ist. heute morgen 8 Uhr nach langem, schweren Leiden im Alter Giessen (Bahnhofstrasse 55), den 27. Oktober 1906. 6555 6533 Ludwig K nkcl 6549 statt. Tagesordnung. Der Vorstand. Nicht zu verwechseln mit den bekannten Koch- (Heu-) 5435 Aie hSchste Auszeichnung 07964 Telephon 540 Telephon 540 ^räkhfy ;enplai/ Niederlage bei liefert £°“ I| Wilhelm Jung VIII Hy/5 prompt und billig k'7A ■ »»- r M K^m-Londen-Geessen- 6, M Lndwig Lazarus Nsterweg 9. 6527 W Roth in Giessen Verlag von Emil Slsterweg 9. 6249 > W? der Grand i'rix wurde den aut der Weltausstellung Mailand 1906 ausgestellten Hierauf freie Aussprache. Jedermann ist freundlichst eingeladcn WOcHte Wagen- nnh Beiiizeifflänndien Koch-, Back- und Brat-Apparat. Fast gänzliche Feuerungs-Ersparnis. Konkurrenzlos! Incrrckhl! 1. Bericht. 2. Nechnungsablage. 3. Vorstandsmahl. 4. Auslosling von Anteilscheinen. 5. Verschiedenes. Wir ersuchen unsere Mitglieder, recht zahlreich zu erscheinen. Die Beerdigung findet statt: Montag, den 29. Oktober, nachmittags 2 Uhr, von der Kapelle des neuen Friedhofes aus. Grltzner- itasohiM zuerkannt. Ein neuer Beweis der Ueber- legenheit dieses Fabrikats. ll/2 Millionen im Gebrauch! Lichec Spar- und Kredit-A.-G. Vogt, Lireltor. Kisten. Alleinvertrieb durch: Staufenberg, am 24. Oktober 1906. Der Direktor Stephan. EM V16/ ' 'm Seerrägungs-liistitut „Friede“ Deutscher Verein. Der eiserne Landgraf Kulturgeschichtlicher Roman aus dem XIII. Jahrhundert von Rudolf Franüe. 20 Bg Hochelegant gebunden Mk. 4.— Ein neuer Nomau, von dem bie literarische Welt spricht! Eine hervorragende Erscheinung im Stile u. Charakter der Romane Julius Wolffs! Wahrhasc gediegen, eine Perle der Romanlitcramrl a27/10 Im Namen der trauernden Hinterbliebenen ii> L d fcd &3 Lil LJ Lj 0 —------- ICredätbe&nBSggungi ——— . ■ M U x U | i ... M H d K U U E K M- i U Jr?' -es? W MeLI nia und Schl! muss Weis fuhr und j Farm draus schasst geniai gerich rönne hüll Teilü längs sucht b sicher den l -beste Üinsc toirn getrc ein. enttn Pslic den Art Schll! tvirts schen einer u?g, Einrii de-zei diesen Nöun< beim ü£icb' ‘Mllea Z^°