Montag 26 März 1906 Erstes Blatt 156 Jahrgang GietzenerAnzeiger General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen vezngSpretSr monalUch7bPi., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Rohöle- u. Zivcigslellen monatlich Go Pf.; durch diePost Mk. 2.—viertel- jahrl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die TageSnummer bis vonnitlags 10 Uhr. ZeileiwreiS: lokal 13Pty auswärts 20 Psg. Verantwortlich für den noliL und allgem. Teil: P. Witt ko- für .Stadt und Land^ und ,(ticrid)t6jaal*: Ernst Heb; uit den Anzeigenteil: Hans Beck. Nr. 72 Drschelnt täglich aufter Sonntags. Dem GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien, blätter viermal m der Woche beigelegt. NoiatiortSdruck u. Verlag der Brühl'schen Unwerf.-Buch-u.Stem- druckerei. 9t Lange. Nedalllon, Erveditioa und Druckerei: Schulst ratze 7. Redaktion 113 Verlag u.Exped.e^öl Adresse für Deoeichen: Anzeiger Gießen. Die üeuiige Vummer nmfaßt 10 Seiten. Politische Wochenschau. Kanzlerkrisis und H o hcn l o st e kr i >' is schwirrte cs in der vergangenen Woche durch die Blätter. Begründet wurden die Ükrücbtc mit der ablehnenden .Haltung des Zentrums in Cockcn des Kolonialstaatssekretariats. Doch das scheint zum Teil müßiges Gerede gewesen zu sein, zum Teil wollte man dadurch wohl des Zentrum gefügiger machen. Vielleicht war hier oder da auch der Wunsch der Vater der Gerüchte. Wie zuverlässig vcr- laittet, wird der Reichskanzler, um allen Kombinationen die Spitze zu brechen, die Forderung des Reich skolonial- amts in dieser Woche im Reichstag persönlich vertteten. Man kann sich also auf ein interessantes Schauspiel gefaßt machen. An zarten Drohungen gegenüber der gesamten Opposition wird er es wohl nicht fehlen lassen. Mit seinem K'anzlersessel wird er wohl nicht ein verwegenes Spiel treiben. Die Zeit ist nicht angetan zu solelfen Sensationen. Es ist vielmehr geboten, keinerlei Schmierigkeiten hervorzurufen, die gerade setzt eine sehr unangenehme Rückwirkung auf dicMarokkokonfcrenz ausüben müssten. Nach den letzten Meldungen aus Algeciras bat sich der Stand der Verhandlungen wieder wesentlich gebessert. Das erwartete Amendement zum östreichffchcn Entwurf für die Regelung her Pvlizeifrage ist jetzt soweit vorgeschritten, daß angenommen werden kann, cs werde in der heutigen (Montags-sSitzung eine prizipielle Einigung über die Polizeifrage endlich erzielt werden. Auch in der Frage der Bankanteile scheint ein die Gleichberechtigung den Interessen Rechnung tragendes Arrangement bevorzn- stehen. Sensationell wirkte die Veröffentlichung der russischen Instruktion zur Casablanca-Frage im „T e m v s" und die Bekanntgabe der sonderbaren Erklärung des russischen Ministers des Auswärtigen. Die offiziöse Petersb. Tel. 91g. ist jetzt ermächtigt zu bestätigen, daß in dem Artikel des „Tcmps" der Text des ZirkularschreibenS des Grasen Lamsdorff bezüglich der Konferenz unrichtig wiedergegeben ivordcn ist. Das Zirknlar- schreiben Lamsdorffs hatte den Zweck, das Gerücht zu dementieren, daß Rußland entgegen dem französischen Standpunkte .sich zu Gunsten der Errichtung einer besonderen Polizei in Casablanca aussprechen werde. Der Erlatz des Zirkularschreibens war, so sagt die offiziöse russische Note, durch die Notwendigkeit be- grünbet, alle Mißverständnisse auf der Konferenz zu vermeiden, sowie zu bekräftigen, daß Rußlands Bestrebungen darauf gerichtet sind, eine beider Parteien würdige Lösung zu finden. Die deutsche offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." aber schrieb in ihrer letzten Nummer: Wenn der „Temps" noch einmal auf seine tendenziöse Veröffentlichung der Zirkulardepesche Lamsdorffs zurückkommen wollte, so wäre das Nächstliegende gewesen, sich weaon der Entstellung zu entschuldigen, die er an der Zirkulardepesche vvr- genvmmen hat. Statt dessen beruft er sich darauf, daß man in Deutschland durch diplomatische Zirkulare eine Legende von der Isolierung Frankreichs in Umlauf gesetzt habe. Das ist eine neue Unwahrheit. Es gibt keine Aktenstücke der deutschen Diplomatie, die durch einen Hinweis auf Frankreichs Isolierung oder auf einen Frontwechsel Rußlands der russische,'. Regierung Anlaß zn der mehrfach erwähnten Verwahrung bieten konnten. Nach allem dem kann man kaum daran zweifeln, daß in Frankreich und Rußland gemeinsam gewisse einflußreiche Steife sich eifrig bemühen, die dem Abschluß nahe Verständigung zu erschweren, mindestens aber zu verzögern. Tie Lamsdorffsche Depesckw über Rußlands Haltung in der Eosablanca-Frage hat jedenfalls zu diplomatischen Schritten in Petersburg geführt, durch welche auch aufgeklärt werden soll, wie die Veröffentlichung dieser Depesche im „TembS" möglich war. Im Reichstage dauert die Erledigung des kolonialen Nachtrags-Etats und des Kolonial - Etats noch an. Den breitesten Raum nahm dabei die Affäre des Gouverneurs von Putt kam er ein, der in dem Erbprinzen Hohenlohe einen beredten Verteidiger fand. Bon der R e i cksst e n e r ko m m i ss i o n ist Rühmliches zu melden ebenso wie Unrühmliches. Der Annahme der Brausteuer in modifizierter Form folgte die Ablehnung der Tabaksteuer. Die Zigarettensteuer wurde einer Subkommiffion überwiesen, die F-rachturkundensteuer dagegen leider angenommen, die Personenfahrkartensteuer sogar mit den modifizierten Kilometerzuschlägen bewilligt, ebenso die Erlaubnisfahrkarten für Ktastfahrzeuge. Dagegen wurde die Quittungssteuer wieder ab- gelehnt und die Ansichtspostkartensteuer zurückgezogen bezw. ihre in erster Lesung erfolgte ?tmiahmc aufgehoben. Die hessische zweite Kammer nahm in der vergangenen Wockie den Entwurf des Finanzgesetzes für das Etatsjahr 1906 und den Oiesetzentwurf betr. den Verkehr mit Fahrrädern und Automobilen, durch den die Giltigkeit des bestehenden Gesetzes bis zum 1. April 1908 verlängert wird, nach kurzer Debatte an. Ferner beantwortete Staatsminister Ewald die Interpellation betreffend die Kellerkontrolle in Budes- heim damit, daß zwingende Gründe zur Vornahme einer Kontrolle der deutschen Weinkellerei in Büdesheim gedrängt hätten, und daß auf Antrag der Staatsanwaltschaft das StrnfbcrfIrren wegen Verletzung des 8 10 des Nahrmngsmittelsgesetzes gegen den Kellermeister Peter Paulus! eröffnet worden sei. Der pfälzische Kontroleur sei wegen seiner besonderen Befähigung zur Prüfung öer GesclräftSbücher mit herangezogen worden: von einem Mißtrauen gegen den hessischen Kellerkontroleur könne keine Rede sein. Jedenfalls sei die Untersuchung im Interesse des Wein- Handels geboten gewesen. Von verschiedenen Rednern wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß man im Interesse des hessischen Weinhandels hätte etwas schonender verfahren können. Das Vorgehen habe wie eine Bestätigung der öffentlichen Anklagen des Reickrstagsabg. Stauffer ausgesehen. Man müsse erwarten, daß, falls die Untersuchung gegen die Büdesheimer Winzer günstig ausgehe, Stauffer seine Beschuldigungen zurücknehme ober, falls dies nicht geschehe, der hessiswe Dundesratsbevvllmächtigte nachträglich gegen ibn vvrgehe. Im übrigen wurde allseitig lebhaft eine gleiche Handhabung der Weinkontrolle im ganzen Reiche befürwortet. Die Ausführungen des StaatSministerS gaben übrigens dem hessischen Weinkvntroleur Bladen Veranlassung, zum zweitenmal sein Amt niederzulegen. Angenommen wurde ein Erfrechen aus dem Hause, die Regierung möge beim Bundesrat auf eine Erhöhung der Vergütung für die Verpflegung cinquartiertcr Truppenteile dringen. Dagegen wurde eine weitere Anregung, den Gemeinden aus der Staatskasse das zu ersetzen, was sie über die geltenden Sätze hinaus gewährten, als noch nicht spruchreif behandelt. Sodann nahm die 2. Kämmer den Gesetzentwurf betr. die Verlängerung der Geltungsdauer des bestehenden G e m e i n d e u m ! a g e n - P r o v i s o r i u m sl bis zum April 1909 an mit dem Zusatz, daß die Regierung in der Zwischenzeit den (Gemeinden größere steuerliche Autonomie (Wertzuwachs- st euer und Immobilien- uni) Umsatzsteuer) gewähre. Die Besprechung der Interpellation Bähr wegen des K i n d e s m o r d e s in Her gers ha nsen förderte nicht fonderlich Erbauliches zutage. Schließlich 'wählte die Kammer die vor 3 Monaten gewählten Präsidenten wieder und vertagte sich bis zum nächsten Mittwoch, an welchem Tage gleichzeitig mit der 1. K'ammer eine Sitzung stattfinden wird zur Erledigung der Etatsberatung. Das p r e u ß i s ch e W a h l g e s e tz. wie es am letzten Freitag vom Abgeordnetenhause einer Kommission überwiesen wurde, hat fast überall, abgesehen natürlich von den Konservativen, Bedauern erweckt. Was batte man denn aber erwartet? Man mußte unter den obwaltenden Umständen dock von vornherein damit rechnen, daß die preußisch-reaktionäre Regiernng sich bei der Einbringung des Wahlgesetzentwnrjs unter allen Umständen an die preußische reaktionäre Melnheit des Abgeordnetenhauses wenden würde, und es kann uns nicht wundern,, daß her Entwurf so unendlich armselig ansgesallen ist. Ein fortschrittlicheres Gesetz hätte ja unter Feinen Umstanden auf die Annahme im Abgeordnetenhaus und noch weniger im Herrenhaus rechnen können. In*Preußen muß erst die feudale Jünkermirlschaft abhausen, ehe ein freierer Geist sich regen kann. Das weiß man nicht erst seit heute. Und da die Herren Junker sich noch recht nwhl befinden, kann man in absehbarer Zeit auch eine Aenderung dott nicht erwarten. In der pr^uß. S ck>u ln n t er ha l 1 u n g skvm - Mission kam eS bei der Beratung der Bestimmungen über bett Sckmliufpektor zum offenen Bruch. Hoffentlich wird dieser Gesetzentwurf, gegen den sich endlich auch die Professorenschaft ixt deutschen Hochschulen regte, in der Versenkung verschwinden, wo er nebst den leider wenig glückliche Aussichten besitzende Wabl- gesetzentwürfen hingehört. Einen berben Verlust erlitt die freisinnige Volkspartei durch den Tod ihres ReickiStagsabg. Lenz mann, _ber einem Schlaganfalle erlegen ist. Dadurch ist in kurzer Frist der zweite Wahlkreis im westfälischen Gebiet verwaist. In Sigmaringen wurden bei der R e i ch s t a g S e r s a tz w a h l am 20. März insgesamt 9670 Stimmen abgegeben. Es erhielten: Amtsgerichts!-rt Dr. Belzer-Tis,maringen Ztr. 7287, Landgerichtspräsident Reck- Hechingen (Reickspartei) 1886 und Dchreinermcister Nill-DodA- hausen (Soz.) 344 Stimmen. Ersterer ist. sonnt gewählt. In Kaiserslautern ist Stichwahl zwischen dem Liberalen Schmidt und dem Sozialdemokraten Klement erforderlich, die ncrmutlirf) zu gunsten des Liberalen ansfallen wird. Durch die Niedcr-- legung des Mandats des Abg. ft toi iE wird demnächst auch in Tarnowitz-Beuthen eine Ersatzwahl erforderlich. In Dar m stabt stehen sich leider zwei liberale Gruppen feindlich gegenüber, statt von vornherein gemeinsam dem sozialdemokratischen Gegner die Stirn zu bieten. Immerhin gewährt die Dreizahl der Kandidaten dort die Aussicht auf den en blieben Sieg eines Liberalen und die Verdrängung der Sozialdemokratie in der Reicksvertretung unserer Landesresidenz. Im Anschluß an die große französische Gr nbenkata. strophe sind im dortigen sowie im benachbarten belgischen Bergrevier, wo eine 20Proz. Lohnerhöhung verlangt wird, wilde Gietzener Stadttheater. Raub der Sabittcrinnen. Von Franz und Paul von S ch ö n t h a n. „Der Raub her Sabinerinnen" ist einer der gehntgenften Schwänke der 80er Jahre. Er ist nicht so ausschließlich possenhaft und entfernt sich nicht so weit von den Grundlagen einer gewissen Lebensbeobacktung, wie die meisten anderen dramatischen Erzeugnisse jener Zeitepoche. Freilich in den vielen Jahren seiner Existenz hat er nicht gerade an Reiz gewonnen. Man sieht die Nähte deutlicher, man ist gegen Unmöglichkeiten und abgenutzte Eliches empfindlicher geworden, hier und da hat sich etwas Staub abgelagert Aber duftiger als die neueren Schwänke ist das Stück noch immer. Der Schitkprofessor, dem eine literarische Jugendsünde, burch schlau gereizte Dichtereitelkeit zum Verhängnis wird, sowie seine ganze häusliche Umgebung stehen auf dem Boden der soliden Philisterkomodic, die in einem abgelegenen kleinen Provinzialneste fern vom flutenden Verkehr ungefähr denkbar ist, und die Neckereien der jungen Liebesleute sowohl, wie der, allerdings mit Hintansetzung alles Menchenvcrst cmdes herbeigeführte und fortgesponnene Konflikt des Ehepaares Neumeister weichen in nichts von der Schablone ab, nach der „das deutsche Lustspiel" von Benedix bis zu Blumenthal seine komischen Effekte herzuftellen pflegte und leider auch noch vielfach pflegt. 206er der berühmte Theaterdirektor Striese hat, obwohl er uns in vielen Szenen als übermäßig geschmückte Poffenfignr entgegentritt, doch, mernt man genauer hinsieht, manchen Zug, der ihn lucit über die landläufigen Schwankfiguren erhebt und eng mit seiner hemitleidenSivapten Lebeusspharc verbindet: den Stolz, her sich selbst au§ der Tiefe des Schmiereneleuds gegen eine Beleidigung der Künstkerwürde aufbäumt, da? Familiengefühl, das den wandernden Thespiskarren zu einem Stückchen Heimat verklärt, ja selbst eine wunderliche Spielart von Idealismus, der nur deshalb so lächerlich wirkt, weil er von seinem Piebestak so platt auf den harten Scheunenboben gefallen ist. Kurz, man kann diesen Typus verflossener Theaterzeiten, der sein Dasein heute nur noch in weltverlorenen Erbenwinkeln fortspinnt, ernst nehnieu, so ernst nehmen, daß er unA auf zehn Thränen ungeheurer Heiterkeit vielleicht auch ein Thränchen der Rührung erpressen könnte. Herr Reimer hatte sieh für seinen gestrigen Ehrcu- abend den armseligen Schmierendirektor erwählt, diese Lieblingsrolle Williams Büllers, dem man allerdings nach- fagen muß, daß er bei aller unvergleichlichen Komik leider die ftarifatur noch karikiert. Herr R. zeigte gestern seine starke komische Kraft vornehmlich in dem reich und hübsch nuancierten Ausdruck einer gewissen pfiffigen Treuherzigkeit. Bei aller Vertraulichkeit im Verkehr mit dem Dichter- Professor, dem er seine theatralischen Lustschlösser vvr- zaubert, zeigte er nicht jene unangenehme Frechheit, mit der ich sonst schon diesen armen Schlucker spielen sah, sondern viel mehr eine gewisse duckende Bescheidenheit und ängstliche Zurückhaltung bei allem Hochhalten seines ehrlichen Berufs. In Wort und Miene von echter Nationalfarbe, stand der gemütliche Sachse vor uns, der zu schallendem, ja man könnte fast sagen tobendem Gelächter das Sonntags- publikum liinriß. Daß das Land des Blicmchens Herrn R.'s Heimat ist, bewies der gestrige Abend. Herr R. weiß seiner Komik etwas Naives und eine Unbefangenheit zu geben, die sich scheinbar harmlos auf das Glatteis der lebensgefährlichsten Wiße wagt, und, ohne auszugleiten, gerade hier ihre kühnsten und effektvollsten Purzelbäume schlägt. Der Künstler neigt zu einer saftigen Ausmalung kleiner komischer Episoden hin — es sei nur erinnert an die trotz aller Kürze außerordentlich wirksamen Szenen mit dem Dienstmädchen, mit dem 1r. Neumeister und mit seinem ersten Liebhaber — mit denen er stets feine stärksten Effekte erzielt. Immer wieder rüttelte und schüttelte heftig unsere Lachncrven sein Kommen und Gehen, seine sprechende Mimik, sein grundehrlicher Familien-„-Qnatsch", seine getreuen Schilderungen aus seiner engen Bretterwelt. So herzlich, wie in der Szene, da Freund Emanuel die Schilderung vom „Babbegei" und seinem Küßchen gibt, ist in unserem Theater nicht häufig gelacht worden. Ten größten Effekt aber macht selbstverständlich immer der Schluß des brüten Aktes. Die gestrenge Gattin seines Autors, des Römerdrarnatikers und Professors, nötigt ihn zu einer Tasse Thee, er muß seinen Mantel ablegen und — erscheint in Trikots, als „Geenig Ticius Dacrtus". Wie er da vor uns steht, der alte Mann, in dessen blassem, faltigem Gesicht alle Not und Erniedrigung einer bunten Lebensfahrt ihre Zeichen hinterlassen haben, in dem ärmlichen Flitter eines Theaterkönigs, mit schlotternden Beinen, beschämt und geziert, eine wahre Jammergestalt! Hier erreichte die Komik Herrn R.'s ihren unüberfteiglichen Höhepunkt. Tas Beste an dieser Schönthanschcn Gestalt aber ist bas unendlich Rührende, das ihr bei aller Komik eigen ist, da? sie verklärt, uns menschlich nahebriugt, das uns einen Hauch echter Poesie cmpfinbcu läßt. Einanuel Striese ist das Symbol jener tragikomischen Muse, die auf einem Bettler karren von Ort zu Ort zieht. Er ist ein Stück von der Geschichte des deutschen Theaters und der Hunderttausenbe, die ihm gedient und zum Opfer gefallen sind. In der berühmten Styrologic des Schmicrent'omödiautentumS, ba wo er in herzlich und ehrlich gemeinten Worten tiefsten Kummers von seiner Gattin, dem Universalgenie in Theater- sachen, spricht, wo er in seiner Künstlerehre wahrhaft tief gekränkt ist, da fehlte leider bei Herrn R. nicht nur die rechte Steigerung— da trieb er nichts als Scherz. Aber daß er in dieser Szene, die erschüttern könnte, wenigstens die leidigen Mätzchen Büllers vermied, sei ihm gedankt. Und Herr Reimer hat sich, geiviß nicht ohne einige Wehmut in seinem guten Humor, auch ein wenig Über sich selber lustig gemacht. Sind ihm auch die lebenden Striese? keine Fremden, so mußten ihn an deren Mühen und Nöte di« Pflichten, denen er den gestrigen Tag über sich unterzog, erinnern. Hatte er doch schon in der Nachmittagsvorstellung den Nickelmann des schlesischen Bergwaldes barzustellen, und glaubte er doch dem Sonntagspnblikum an feinem Ehrenabenb noch einen besonderen Slugenschmaus bieten zu muffen mit einem Zwischenakts-Grotesktanz, in dem ihn Frau Old ini schnellfüßig itnb blißäugig, lieb und lustig unterstützte. Obwohl es Sonntag abend war, an dein doch alles gern ansgeht: der Atem Herrn Reimers ging nicht an§. — Daß wir, wie ich höre, Herrn R. im nächsten Herbst Wiedersehen werden, ist eine Freude für alle Theaterfreunde. Hat uns doch Herr R. an manchen: Slbend des zu Ende gehenden Winters in Fröhlichkeit schwelgen lasten, ist doch das gesunde Lachen, daS so oft, nur vom Beifall übertönt, das alte Hans durch brauste, zum großen Teil fein Werk gewesen. Das Ensemble tat im ganzen, was an ihm war, um die Vorstellung gefällig abzurunden. Namentlich füllten die jungen Paare Frau Bayrhammer und der vortreffliche, gestern ganz besonders lustige Herr Goll (der den Dr. Neu- meister wie immer gut pointiert und mit der ihm eigenen und wohl anstehenden Bonhomiuie gab, aber selbst in für den Doktor recht unbequemen Situationen allzu obenhin und mit feinem unnachahmlichen, wohlwollend herab- und herum- blirfenbcn „Ucbcrbenanbcrn*), sowie Frl. Schellen berg und Herr Lüttjohann, der unruhig Sitzende, ihre Plätze durch launiges und recht flottes Spiel angenehm aus. Herr Lippert dagegen, der eine ganz gute Maske gemocht hatte, gab ja wohl ba§ Bild eines geängstigten Mannes der Wissenschaft, ober er hatte nicht die sonst bei ihm übliche Sicherheit mitgebracht und blieb auch den Slbenb über zu einförmig, obgleich gerabc diese Person im Einzelumgange sehr wohl recht verschiedene Charakterseiten offenbaren könnte. T'e Nolle des lärmenden Weinhänblers Groß lag Herrn Rienbel ganz bequem. Die Damen Millar und Fischer waren zwei recht standhafte Vertreterinnen ihrer Partien. P. W. * — Hippolytos. Tragödie des Euripides. In deutschL Verse gebracht von Otto Altenbork. kB. 63. Teubner in Leipzig.) Nufere neueste Zeil ift drauf und dran, dein gesamten künillerischen Naturalismus der letzten drei Luftren bauernb untreu zu werden. Wer die Berliner Sezesstonsailsstellung des verflossenen Sommers saß, nahm staunend wahr die starke Neigung manches der heute meist genannten Maler und Plastiker, wie Hodler und Eoriiitl), Hildebrandt und Klimich, zur Antike in der großzügigen und keuschen Tarstellnng von Akten, die nichts mehr will als erfreuen an den schönen Linien des jugendkrästigelt meufchlicheil Körpers, wie sie uns die Werke des Lysipp u. a. zeigen. In dem am künstlerischsten Safin flreitigtcitcTt nudtictimdkn, so daß ^rrnnTrcid?, das zu gleicher Zeit von den ft'irfbenfricguimtticn nnb beit antimili tariftifdien Kundgebungen durch?,ittcrt wird, zur Zeit eine wenig beneidenswerte Lage im Innern bietet, zumal die Vorbereitungen für den Wahlkampf im Gange sind. Aus Lens wird freilich jetzt berichtet, daß die ausständigen Bergarbeiter entmutigt seien und die Arbeit voraussichtlich im Laufe dieser Woche wieder auf- nctimen werden. Die Zahl der Ausständigen ist auf 44 OOO herab- gegangen. InRußland, über dessen Finanzen der Gießener Professor Drermer eine recht lehrreiche Broschüre soeben veröffentlicht hat (bei Emil Rvth in Gießens, fanden sensationelle Bankberaubungen statt, von denen die tollkühnste die in Moskau war. Am Samstag drangen 8 mit Revolvern bewaffnete Mäyner in das Gemeindeverwaltungsgebäude von Katlakaln in der Nähe von Riga ein, entwaffneten den Polizeibeamten und einen Schreiber und verbrannten die Bilder des Herrschers, die Gemeindeverzeichnisse und das dem Staate gehörige Inventar. Dem Bezirk K'atlakaln ist wegen dieses gegen das Gebäude der Bezirksverwaltung ie dortige Staatskaffe am 13. Februar verhandelt. Das Urteil lautete gegen einen Angeklagten auf zwanzigjährige Zwangsarbeit, gegen die fünf übrigen auf Tod durch den Strang. Die Angeklagten sind Bauern. Rach einer Meldung aus Moskau verüben die Revolutionäre unausgesetzt große Diebstähle, um sich die Mittel für die bevorstehende große Erhebung zu verschaffen. Täglich werden neue Uebcrfälle und OKwalttaten zu diesem Zwecke verübt. Innerhalb der letzten Monate haben Revolutionäre ea. 1 Millionen geraubt! Rach Privatmeldungen werden in Moskau schon zu Ostern große Unruhen und Aufstände von feiten der Gegen-Revolution befurchtet. Ferner beißt es, daß Anfang April in Finland ein Kvmvlott der revolutionären Partei stattfiuden werde, auf dem der Generalstreik beschlossen werden soll, um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht von der Reichsduma zu erzwingen. Alle Gouverneure erteilten Befehl. Schutzmaßregeln zu treffen. Zur Bewaebunq der Eifenbahu sollen aus der Mandschurei zurückgekehrte Truppen verwendet werden. In den Gouvernements, wo Bauernunruben drohen, wird die Polizei und Gendarmerie auf das Doppelte^ verstärkt. Den Gutsbesitzern wurde geraten, aus entlassenen Soldaten Schutzwachen zu bilden. Petersburger Zeitungen bestätigten, daß unter den Matrosen in Sewastopol eine große Gäbrnng herrscht. Deutscher Reichstag. 7 4. Sitzung v o rn 24. M ä r z 1906. Die Beratung des Kolonialetats der Schutzgebiete Süd - w e st a f r i k a wird fortgesetzt. Abg. S t o r z (h'tbb. 93p.) bemerkt, er könne mit Bezug auf die Zukunft Südwestasrikas nicht so pessimistifch urteilen, wie dies von manchen anderen geschah. Auch Wasser sei vielfach an Stellen erschlossen, ivo man es früher nicht vermutet habe. Zu Gunsten unserer Kolonien empfehle ich eine geeignete Fracht- und Tarif- Politik. Redner verbreitet fid) weiter über die Rechtslosicsteit bei* Schwarzen. Es bedürfe eines festen Eingeborenen-Rechtes, an welches jeder Schwarze sich halten könne. Abg. Erzberger (Zentrum) führt aus, der Kolonial- Direktor habe gegenüber seinen gestrigen Bemängelungen int allgemeinen eine sehr entgegenkommende Haltung eingenommen. Er erkenne dies mit Genugtuung an, aber gegenüber dem, was er, Redner, über die Verordnung wegen Einziehung des Stammes- Vermögens gesagt habe, habe der Kolonial-Direktor bestritten, daß es ein Stammes-Verniögen gebe. Er müsse da doch auf seiner Ansicht beharren. Weiter wendet sich Redner gegen den Ab- geordn. Bebel, um dessen gestrige Unterstellung zurückzuweisen, daß das Zentrum innerlich ganz anders denke, als es hier ans- soreche. Sodann erörtert Redner nochmals die Angelegenheit des Monopols der Firma Tippelskirch u. Eo., namentlich aber an das Land- und Betriebs-Monopol der Firma Wörmann. Das Reich werde dabei in ganz ungeheurer Weise „übernommen". Alan könne dem Reich nicht zumuten, außer seinen sonstigen hohen Opfern auch noch Opfer zu bringen zu gunsten einer potenten Firma. Geheimerat Seitz legt dar, daß die Notwendigkeit schneller Lieferungen, das Erfordernis schneller Ausrüstung der Truppen bei Ausbruch des Aufftandes die Verwaltung zu dem Vertrage mit Tippelskirch bewogen und genötigt hätte. Mit Wörmann laufe der Vertrag, der aus ähnlichen Gründen erforderlich gewesen sei, Ende dieses Jahres ab. Noch ungewiß sei, ob und mit wem — es hätten sich schon eine Reihe anderer Firmen gemeldet — ein neuer Vertrag abgeschlossen werde. Für einzelne Fälle sei die Verwaltung schon mit anderen Firmen, Sem Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-stinie in Verbindung getreten. Dies habe aber nicht zu einer Verbilligung des Transports geführt. lHört, hört.) Was den Landungsvertrag, das Landungs-Monopol anlange, so habe die Firma Wörmann dabei hohe Anlagekosten gehabt. Trotzdem habe die Verwaltung diesen Vertrag nicht auf fünf Jahre, wie die Firma wünschte, sondern nur auf „Kriegsdauer" geleiteten Theater Berlins errang gleichzeitig Shakespeares „Som- meruadststraum" die größten Erfolge. Als mühsamen Shakespeare- Schüler lernten wir hier im vergehenden Winter Beer-Hofmann mit feinem „Grasen v. CharolaiZ" kennen. Hugo v. Hofmannsthal schrieb eine neue Oedipus - Tragödie, Eulenberg ein Kassandra- Drama, Vollmöller versucht die Antigone und andere Dramen des Sophokles in neuer Verdeutschung aus die Bühne zu bringen, Paul Ernst dichtete einen neuen „ Demetrius", Wilbrandt eine „Timandra", der Franzose Gide einen neuen „König Candaules", der Schotte Shaw ein „Cäsar und Cleopatra"-Trarna, Wassermann schrieb einen Roman von Alerander bem Großen tc. re. Mau sieht, die Künstler von heute ivollen uns wieder, wie die Alten, auf einen hohen Berg führen, die einen, um uns die Schönheiten und Düsternisse des Lebens in erhabenen Symbolen zu zeigen, alle, um über den Niederungen der Wirklichkeit eine Höhenkunst zu errichten. Jedes hohe Streben ist gut und allseitiger Unterstützung wert. Und der Zug zu Shakespeare oder gar zur Antike bedeutet einen sehr wichtigen Umschwung der künstlerischen Denkart in unserer Tagen. So kommt denn auch die Hippolytos-Uebersetzung vom Gießener Gymnasialoberlehrer Otto Altendorf zur rechten Zeit, um empfänglidie Gemüter in ganz anderen als etwa nur Philologen kreisen zu finden. Der alte Euripides war der Realist des Altertums ; er schuf moderne Menschen oder, rid)tiger gesagt, was auck) der meisten eben genannten lebenden Dichter heißes Mühen ist, Menschen von Fleisch und Blut, wie sie zu allen Zeiten lebten und leben werden, in gehobenen Milieus unter reidjem und reinem Gebankenaufwand und unter Anwendung einer edlen und veredelnden Sprachkunst. Euripides schleppte nicht nur personifizierte und kostümierte Ideen auf die Bretter, wie es die Epigonen taten. Darum kann er auch heute wieder sehr wohl die Rolle eines Vernuttlers übernehmen zwischen dem absterbeiiden Realismus und dem erwachenden Neoidealismus unserer Kunstepoche. — Die Hippolntos Tragödie, bereit Aufführung durch Schüler des Gießener Gymnasiuuls zu der für nächstes Jahr bevorstehenden Gyntuasial- Jubelfeier beabsichtigt war oder ist, gehört nicht zu den bekannteren 19 Tragödien des Enripides. Medea, Elektra, Orestes und die beiden Iphigenien werden auf unseren Gymnasien wohl öfter gelesen. Dagegen kennt man, schon durch die Sarah Bernhard- Reklame, Racines „Phädra", eine Nachbildung der Euripideischen Tragödie. Hippolytos, ein Sohu des TheseuS, tritt als orphischer Asket auf. Zum Verhängnis wird ihm die tötliche Liebe seiner Stiefmutter Phädra. Der antike Dichter, den ja selber als Gatten zweimal schmachvolle eheliche Untreue aufs tiefste verbittert haben soll, offenbart sich hier als ein berbdr und höhnender Verächter gewisser rätselvoller Tiefen des Frauenherzens. Wahnsinn und Liebesglut, Schwatzhaftigkeit und Neugier, Verrat ' und Untreue, falsche Anklage und Eigenliebe entnu'ckelt er in feinen Frauencharakteren hier mit meisterlicher Psychologie und pathologischer Kenntnis. Schwächen und Laster, die tragischen Folgen der vrüfungSlosen Leichtgläubigkeit und unerbittlichen'Daterstrenqe, Not der Verbannun« schildert er grellfarbig und glühend mit abgeschlossen. Da? habe die Landungskosten natürlich wieder erhöht und zwar auf 8 Alk. pro Tonne. Abg. K o p s ck) lfrs. Vp.) erklärt, über den Wert Südwestasrikas die Meinung Bebels zu teilen. Unseren braven Truppen müsse er allerdings die wärmste Anerkennung aussprechen. Sie hätten dem Vaterlande Ehre gemacht. Wie stehe es aber damit, daß aus bem Fond für Unterstützungen der Krieger auch Beamte subventiouiert seien, die an den Kämpfen garnicht teil genommen hätten, wie z. B. expedierende Sekretäre. (Rufe links: Hört, hört.) Redner verbreitet sich ferner über das Monopol der Firma Tippelskirch u. Co. Oberst Ohnesorg antwortet, daß e5 sich um einen Liebesgabenfonds handele, aus dem Beamte unter Zustimmung der Geber Remunerationen erhalten hätten. Abg. K o p s ch erklärt, es sei also rick;tig, daß auck) Nichtkämpfer solche Remunerationen erhalten hätten. Es scheine auch, als ob die Firma Tippelskirch zu dem Fonds gespendet habe. Oberst O h n e s o r g erwidert: Soviel er wisse, einmal tausend Mack. Nachweisungen über die Verwendung dieser Zuweisungen seien nidjt erfolgt. Damit schließt diese Debatte. Auf Antrag Müller-Sagau werden nunmehr die aus die Liefeningsfrage bezügliche Resolution GrafHompesd) und das dazu gestellte Amendement Arendt an die Budgetkommission zurückver- verwiesen. Bei einem weiteren Titel bemerkt Oberst Deimling: In der Presse des Abg. Ledebonr ist einem Aussatze des Generalstabes über den Hereroaufstand uach- gesagt, er habe die Leistungen der Engländer und der Buren im Burenkrieqe schlecht gemacht, um unsere Leistungen gegen die Hereros herauszustreichen. Der Aussatz habe geflissentlich die Buren unterschätzt, um darzustellen, wie groß unsere Leistungen seien im Vergleich zu der Kriegführung der Engländer gegen die Buren. Diese ganze Verhetzung des Abg. Ledebonr beruhe ans ganz falscher Voraussetzung. Vizepräsident Graf Stolberg: Herr Oberst, Sie dürfen nicht einem Abgeordneten Verhetzung nachsagen. Wenn dies ein Aiitglied des Hauses tut, würde ich es rügen müssen. Oberst Deimling: Der Generalstab hat stets die Leistungen der Engländer wie der Buren anerkannt. Der Generalstab bat in seinem Aufsatz nur hervorgehoben, daß die Buren lediglich defensiv waren und nicht ossensiv, dagegen die Hereros stets offensiv. Daß ein Deutscher unsere von der Welt anerkannte Leistungen in China so herabsetzend behandle statt mit Stolz, sei ihm unverständlich und ein betrübendes Bild, aber daß unsere Truppen in Südwestasrika Hervorragendes geleistet haben gegenüber einem barbarischen, ernsthaft zu nehmenden, tapferen und überlegenen Gegner, das sei eine Tatsache, die der Geschichte angehöre. Daran werden auch die Ausführungen des Artikelschreibers nichts ändern, ebensowenig wie wenn ein wütender Köter den Mond anbellt. Abg. Ledebonr (Soz.): Mit jenem Artikel speziell habe id) nichts zu tun. Die Leistungen unserer Gruppen haben wir stets anerkannt. Der Artikel ist nur ein Versuch, dem Generalstabswerk entgegenzutreten, das die Leistungen Anderer unterschätze. Speziell ist der Darstellung in dem Generalstabswerk entgegengetreten, als ob unsere Truppen in China stets an der Spitze gewesen seien. Der Kern der Sache ist: Oberst Deimling hat uockunalS versucht, die Ausführungen des Generalstabes zu entsduildigen, es ist ihm dies aber mißglückt. Der Artikel des Generalstabes ist und bleibt eine Verunglimpfung der Buren. Abg. v. Oldenburg (kons.): Von einer Verunglimpfung der Buren ist keine Rede, sondern nur davon, daß der Oberst vom Kriege etwas versteht unb Herr Ledebonr nicht. (Heiterkeit.) Abg. Tr. Arendt (Rp.) weist ebenfalls die Annahme znrück, daß der Generalstab die Buren verunglimpft habe. Damit schließt die Debatte. Eine Anzahl Titel werden mit den von der Kommission be- chlossenen Abstrichen genehmigt. Bei dem Titel: Für Mole und Landungsbrücke in Swakopmund hat die Kommission 50 000Mk. abgeftridien, um anberroeite Landungs-Verhältnisse zu schaffen und zwar besonders unter Heranziehung der Konkurrenz. Aba. Dr. A r e n d t (Rp.) beantragt Rückverweisung an die Kommission, dock) wird der Eintrag abgelehnt. Es entsteht eine ehr ausgedehnte Debatte, in der u. a. auch Erbprinz Hohenlohe um unverkürzte Bewilligung des Titels bittet, damit der Hafen gebrauchsfähig erhalten werde. Von den Befürwortern des KommisfionsbeschlusseS wird bei der Debatte besonders geltend gemacht, es müsse, ehe mau für den Hafen Swakopmund weitere Aufwendungen mache, erst einmal durch Sachverständige volle Klarheit über die Verhältnisse bes Hafens geschaffen werden. Schließlich werden auf Antrag Basser- mann sowohl jener Titel, wie ein weiterer Titel für Baggerungs- arbeiten int Hasen von Swakopmund, bei dem die Kommission von den geforderten 550 000 Mk. 4 5 0 0 0 0 M k. abgestrichen hatte, an die Budgetkommission zurückvernüesen. Bei den Ausgaben ans Einlaß des Aufstandes hat die Kommission 15 Millionen gestrichen, tatt 93 nur 78 bewilligt. Oberst Deimling führt aus, mau könne nodi nicht über- ehen, ob und wann e§ möglich fein wird, die Schutztruppe zu verringern, deshalb habe der Abstrich keine praktische Bedeutung, wohl aber eine moralische, die er aufs tiefste bedauern müsse. Abg. Schrader (srs. Vg.) meint, daß auch nackt dem Abstrich von 15 Millionen die verbleibende Summe in diesem Jahre nicht aufgebraucht werde, die Sache habe also keine Eile. Abg. Sä bekam (Soz.) verbreitet sich über den großen Beamtentroß bei den Truppen in Südwestafrika. Erbprinz Hohenlohe führt au§, daß die Verwaltung die Truppen und Beamten dort vermindern werde, sobald dies möglich sei. Jetzt sei dies nodj nicht zu übersehen. Das Haus stintmt einmütig den Beschlüssen der Kommission zu. Ebenso wird gemäß einem Anträge der Kommission die For- dernng für eine Eisenbahn Windhuk — Rehoboth gelt r i ch e n. Angenommen wird schließlich die Resolution der Kommission betr. Vorarbeiten für eine Bahn von Kubub nach KetmanShop. Montag Weiterberatung de? Kolonialetats. verinsschtes. * Star Pc Schneefälle werden nicht nur von der Lahn, sondern aus fast ganz Deutschland gemeldet, aus Holstein und Tl)üringen, von Rhein und Ruhr, von der Werra und Weser, von Spree und Elbe, aus dem Elsaß und Bayern. Selbst aus Frankreich und Spanien kommen Meldungen von riesenhaften Schneefällen. Ein Postzug der span. Zentralbahn blieb in 3 Meter hohem Tchnee stecken. Tie Reisenden waren etwa 40 Stunden ohne Lebensmittel. Viele Bahnlinien sind dort unterbrochen. Tie niederländische Provinz Seeland ist von gefährlicher U c b e r s ch w e m m u n g heimgesucht, sodaß Geldsummen zur Unterstützung der Notleidenden gesammelt werden. * Tie neuesten Eisenbahnunfälle. Ein Personenzug der Linie KurSk-Charkow-Sewastopol (Rußland) entgleiste bei der Station Alexandrowsk. Etwa 2Q Reisende mürben verletzt und fünf Wagen beschädigt. — Ter Rcichstagsa.bg. Mittermeier, Vertreter des Kreises 2 Ricderbavern, ist bei dem Eisenbahnunglück bei P ass au verunglück t. * Berlin, 24. März. Bei der heutigen Vernehmung des Raubmörders Hennig fand im Moabiter Untersuchungsgefängnis die Gegenüberstellung des Verbrechers mit dem Kamm er Herrn v. Zitze Witz statt, da nach einigen Aeußerungen Hennigs der Verdacht bestärkt wurde, daß er für das bekannte Attentat auf den Kammerherrn im Eisenbahncoupe als Täter in Frage komme. 'Dieser Verdacht ist jedoch durch die heutige Aussage des Herrn v. Zitzewitz hinfällig geworden. * Plauen i. V., 24. März. Heute früh drang der Ziegler Thoß in die Wohnung seiner Frau ein, die er nach einem heftigen Wortwechsel erschoß. Sodann verletz t e er mit dem Revolver die Mutter der F r ä u. Die Schwester der Erschossenen sprang durch das Fenster auf die Straße. Sodann stellte sich der Mörder an das geöffnete Fenster und gab auf die untenstehende Menge etwa 300 Schüsse aus 5 Revolvern ab, wobei zwei Personen verwundet wurden. Tas jüngste Kind ließ er an einem Strick auf die Straße hinunter und steckte die Möbel des Zimmers in Brand, die größtenteils vernichtet worden sind. Tie Feuerwehr wurde alarmiert und Thoß durch einen Schutzmann unschädlich gemacht. Man nimmt an, daß er die Tat in einem Anfall von Wahnsinn verübt hat. Bei dem Mörder wurden noch etwa 200 Patronen vorgefunden. Tie aus dem Fenster gesprungene Schwägerin hat schwere Verletzungen erlitten. Die Feuerwehr wurde durch Thoß, der auch auf die Feuerwehrleute Schüsse abgab, an den Löscharbeiten verhindert,, bis er durch einen Schuß uw schädlich gemacht worden war. * München, 24. März. An den Folgen eines Duells starb gestern tnt Krankenhause ein 19jähriger Kandidat der Medizin. Dieser hatte auf einer Best iinmungsmensur einen .Hieb am Kopfe erhalten. Infolge Zutritts von Blutvergiftung ist er nun gestorben Tie gerichtliche Untersuchung gegen den Duellgegner ist eingeleitet._________________________________________________________' Universitäts-Nachrichten. — Dor a. o. Professor von Drygalski in Berlin, der Führer der deutschen Südpolar-Expedition, ist für die neugeschaffene ordentl. Geographieprofessur an der Universität München berufen worden. schonungsloser Lcbenstreue. In seiner eigenen Brust mag er, der Makellose, manche der Qualen durchgekämpft haben, die er in grauenvoller Wahrheit dichterisch darstellt. Der Sage nach soll der Unglückliche fern der hellenischen Heimat von Hunden zerrissen worden sein. Scheint es nicht eine entsetzliche Vorahnung seines eigenen gräßlichen LebenSeudes, indem er seinem Hippolytos den Tod aus ähnliche fürchterliche Weise bereitet ? — Altendors hat nicht eigentlich eine Neubearbeitung, sondern eine möglichst getreue Verdeutschung des Dramas liefern wollen. Darum ließ er auch den Prolog dem Drama, durch den der Dichter auf die Erregung der Spannung im Zuschauer verzichtet, indem die ihn sprechende Göttin den Abschluß int Voraus kündet. Auch die künstlerisch höchst bedenkliche dca ex machina zum Schluß, die in diesem Drama durchaus überflüssig ist, im Gegensatz zu manchen anderen des Euripides, wo die Gottheit den Knoten des Konfliktes einfach befehlend zerhaut, ist natür(id) nicht ausgemerzt. Das und manches andere noch hätte ein etwa für das moderne Theater die antike Dichtung einrichtender Verdeutscher fallen lassen müssen, hier eine andere Szenenfolge, da vielleicht eine Verwandlung der Szenerie eintreten lassen. Doch Derartiges war ja keineswegs Ziltendorfs Absicht. Was er wollte, hat er gegeben: eine gute, sehr lesbare Verdeutschung in gehobener, klang- und kraftvoller Sprache. Gefährlich war das Experiment der häufigen Anwendlmg des Reimes. Es ist ihm zum großen Teil über alles Erwarten geglückt, so namentlich in dem Ehorlied „Wär ich dock) tief in der Erde Schluchten" und auck) in „Liegt mir int Herzen das feste Verlangen". Dock, gerade die ersten Chor- lieder leiden unter dem Zwange des kurzen ReimverseS. Der Reickitum der Dichtung nn klugen und wertvollen Sentenzen und Lebensregeln kommt auch der Altendockschen llebertragunq zu gute und bildet in schöner detttscher Fasscmg einen der Hauptretze deS Gattzeu. Ick) Emm cs mir nicht versagen, einige zum Teil gar sehr moderne Verse zum Schlüsse hier wiederzugeben: „DaS ist es, was der Mensckieit Staaten, Häuser zugrunde richtet, sei'n sie noch so gut verwaltet: diese allzttschönen Reden. Denn nicht, was in den Obren lieblich klingt, — was Ruhm und Ehre sckmfft, das soll man reden." „Tie Welt beurteilt den Verstand nach dem Erfolg." „Ganz und gar verkehrt ist dessen Sinn, Den es gelüstet nach Alleinherrschaft." Und deit Befürwortern der Todesstrafe schreibt Euripides ins Stmnmbud): „Ein schneller Tod ist eine leichte Strafe für einen schuldbeladenen Bösewicht." P. W. — Unter den Architekten Prof. MartinDülfer in München, Regierungsbaumeister 9)1 o r i tz in Köln und Heinrich S e e l i n g in Berlin wurde ein engerer Wettbewerb um Entwürfe für ein Stadttheater in ßü t»ausgeschrieben. — Witten bau rs „F i 1 i a h o s p i t al i s“, ein erfolgreiches Studentenstück, ist in Marburg lSteiermark) verboten worden. Allerdings traf das Verbot der Statthalterei in Graz nicht mehr so rechtzeitig ein, um die Erstaufführung zu vereiteln, welckic unter stürmischem Beifall stattfand. Die Benulhnugen der Direktion zur Freigabe für fernere Vorstellungen verliefen jedoch refultatlos. Eine Szene in der Aula und eine sttidentenfreundliche Rede des des Prof. Engel wurde als zu „gefährlich" erachtet und es mußte bei dem Verbot bleiben. Bezeichnend für die österreichischen Zustände ist die Tatsache, daß eben dieses Stück in Wien seit anfang Februar den Spielplan des Bürgertheaters Woche für Woche beherrscht. — Von Peter Rosegger? S d) r i f t e n , Volksausgabe, 3. Serie in 80 Lieferungen i 35 Psg. (L. Staackinann, Leipzig) gingen uns die Lieferungen 24—30 zu. Diese Lieferungen enthalten neue Geschichten aus Berg unb Tal, die unter dem Titel „Der Waldvogel" zusammengesaßt sind. Gerade zur rechten Zeit, zu FrühlingS-Anfang, fliegt dieser Waldvogel hinaus, und wer sich und) des Tages Einerlei einen besonderen Genuß verschaffen will, der lausckic dem Gesänge dieses Waldvogels, um sich an den mannigfaltigen sinnigen Weisen zu ergötzen. Einen eigenartigen Zauber übt dieser Gesang auf den Lauscher aus. Da türmt sich das Gebirge empor, Bäche und sturmbewegte Wälder rauschen, Menschen verschiedenster Art und in wechselnder Beleuchtung kommen von den Höhen herabgestiegen und in bunten Episoden spielt sich das Leben der Gebirgsbewohner ab, die fest und zähe sich an die Erde klammern unb trotzbem einen Auslug nach dem Himmel habem Unb zwisd)enburch wie Sonnenlichter spielt oft ein warmer, belebender Humor. Dieses Lächeln des Herzens läßt Rosegger immer zur rechten Zeit hervortreten. — AlbertKohl, Gedichte. (Verlag für Literatur, Kunst und Musik, Leipzig.) Geh. Mk. 1.50. Diese Gedichte des Feuilletonredakteurs der „Nordh. Ztg." sind die Gabe eines starken Talente? voll feinen Formgefühls und lyrischer Gestaltungskraft. Der Verfasser hat bald in Klängen sonniger, trunkener Daseinsfreude, bald in ergreifenden Tönen heißer Sehnsucht und tiefen Weh's seins Lebensgänge zu zeichnen gewußt. — Ein Führer durch die Deutsche Jahrhrrndertaus- st c l l u n g in Bcrli n, herausgegeben von Woldemar von Scidlitz, bet F. Vruckmann in München (zum Preise von 1 Mk.) erschienen, bringt eine Uebersicht über den ganzen Bestand der Ausstellung. Zugleich ist das Bücksscin ein Leitfaden für jeden, den die Entwickeltmg der deutschen Kttnst während des Jahr- hunderts von 1775 bis 1875 interessiert. M ü nche n, 24. März. Wie die „M. N. N." erfahren, ist die feierliche Eröffnung des provisorischen „DeutschenMufeum s" für den 6. Oktober festgesetzt. Anschließend daran findet die feierliche ©runbfteinlcgung für den Neubau des „Deutschen Museums" statt. Beide Feierlichkeiten wird der P r i n z r e g e n t vollziehen. Der dettlsche Kaiser habe gleichfalls sein Erscheinen in Aussicht gestellt, ebenso der Reichskanzler Fürst Bülow. Tiefbetrübt bringe ich hiermit zur Kenntnis, dass mein langjähriger Teilhaber Herr Fabrikant Georg Noll Job. Balth> Noll Giessen, 26. März 1906. Nachruf In dem am 23. März a. c. verstorbenen Herrn Fabrikant Georg Noll verlieren wir einen liebenswürdigen, hochgeschätzten und uns in jeder Weise entgegenkommenden Prinzipal Wir werden dem Verblichenen stets ein ehrendes Andenken bewahren. Giessen, 26. März 1906. nach langem, schwerem Leiden im Alter von 38 Jahren heute vormittag 5 Uhr zu sich abzuberufen. Um stille Teilnahme bitten Die trauernden Hinterbliebenen Giessen (Stephanstrasse 15), den 26. März 1906. Das Seelenamt findet statt: Donnerstag den 29. März, vormittags 7*/4 Uhr Gas ComptoirpepsoraS der Firma Job. Balth. Noll. am 23. d. M. in Ahrweiler am Gehirnschlag verschieden ist. In dem früh Dahingeschiedenen verliere ich einen lieben, treuen und pflichteifrigen Mitarbeiter, dem ich stets ein ehrendes Andenken bewahren werde. Die Beerdigung findet statt: Mittwoch den 28. März, nachmittags 5% Uhr, von der Kapelle des neuen Friedhofes aus. Verwandten, Freunden und Bekannten die schmerzliche Mitteilung, dass es Gott dem Allmächtigen gefallen hat, unsere liebe, unveigessliche Gattin, Kuner, Schwester, Schwägerin und Tante >.• E *< W XKy.-j -A ■Y? ' 'Ä-UM ■ ■ A- A v*‘ G Nimrod-Gewehr-Fabrik Thieme & SchEegeimiSch, Suhl empfiehlt zur beginnenden Jagdsaison: Einzellader- n. Repetierbüchsen, Biicnsflinten, Dreiläufer in den verschiedensten Konstruktionen, auch in bester Weise mit den neuesten und besten Zielferu rohren versehen, für die von ihr konstruierten neuen Legierungsgeschosse ohne Mantel, sowie mit Papier-, oder Kupfermantel speziell für rauchloses Pulver, ferner auch mit Stahlmaniel. NiliirAd-Viircrhlnco einfachster und bester der neueren Verschlußarten für Kipplaufwaffen, vH w vl DUuiUbb hervorragend in langjähriger Praxis bewährt. 1816 Nimrod-Hammerless hahnlose Doppelflinte. Vcrtttlcr: August öickore, ßiejjtii, Tihalizeytraße 8. 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Zur Gewährung freier Lehrmittel an den Lolksschulcn werden für daS kommende Schuljahr annähernd erforderlich: WMMinchPmz. Donnerstag, den 19. April 1906, nachmittagL um 2 Uhr soll erbverteiltmgshalbcr die Göslivirtschaft ^er UiliD LkDer Hä Erben bestehend aus 5445/10 m-Meter Wohnhaus, Saal, Scheuer und Hofranm sawie 262 Hj-Meter Grabgarten öffentlich meistbietend auf dem Rathaus zu Reiskirchen durch den unterzeichneten Ortsaerichtsvorstchcr versteigert werden. Die Gastwirtschaft liegt unmittelbar an der verkchrrcichen Station Reiskirchen, Strecke der Gießen-Fuldacr Bahn nnd eignet sich deshalb vorzüglich zu einer Bterniedcrlagc sowie zu sonstigen Nebengeschäften, da auch geeigneter Raum vorhanden ist. In dem Anwesen wurden schon über 20 Jahre Gastwirtschaft, Kolonialwaren- und Baumatcrialien-Handlung mit bestem Erfolg betrieben. Die Bedingungen können auf der Amtsstube des Großh. JCerbsl' ’5 Hundekuchen