srr. 300 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen ttnioerf.-Buch-u.Stem- druckeret. 0L Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. Redaktion 113 Verlag u.Exped.d^Kbl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Erstes Blatt ISE». Jahrgang Montag 27. August 1906 Metzener Anzeiger General-Anzeiger w Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Bezugspreis: monatlich7bPf., viertel» jährlich Mk. 2.20; durch Abholc- u. Zweigstellen inonatlich 65 Pf.; durch diePost 9)lt.2.— viertel- jährl. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12 Pf* auswärts 20 Pfg. Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Witt ko- für ,Gtabt tuib ßaub* und -Gerichtssaal-: Ernst Heß; für beit Anzeigenteil: HanS Beck, $3 Die Heutige Yumrner umfaßt 10 Seite«. Hin Attentat gegen den russischen Winisier- prastdeuteu. Gießen, 27. Augllst 1906. Ein neues Attentat in Rußland! Am Samstag, gegen Abend, erhielten wir folgende Telegramme: Petersburg, 25. Aug. Heute nachmittag 3 Uhr erfolgte auf der Apothekerinsel in der Villa be8 Ministerpräsidenten Stolypin gelegentlich eines Empfanges eine Explosion. Es verlautet, Stolypin sei ermordet. Petersburg, 25. Aug. Nach weiteren Berichten find bei der Explosion in der Villa des Ministerpräsidenten Stolypin zwar zahlreichePersonen gelötet und verwundet worden, auch der Sohn Stolypins ist verwundet. Stolypin selbst aber ist unverletzt. Spätere Telegramme lauten: Petersburg, 25. Aug. Zu dem Mordanschlag auf den Ministerpräsidenten Stolypin meldet die Petersb. Telegr.-Ag. folgende Einzelheiten: In der vierten Tagesstunde fuhr eine mit zwei vorzüglichen Pferden bespannte Mielkutsche vor dem Portal bet Villa des Ministers vor. In bent Wagen saßen zwei Zivilisten tmb zwei Militärs in a u s l ä n b i s ch e r U n i f o r m. Alle vier begaben sich in bie Psörtnerstube, wobei eine von den als Militärs verkleideten Personen den Helm in der Hand hielt, in dem offenbar ein Sprenggeschoß von ungeheurer Straft enthalten war. In der Psörtnerstube wurde das Geschoß zufällig fallen gelassen. Die Kraft der Explosion war furchtbar: Der in dem Nachbarzimmer befindliche, bet bent Minister bes Innern als Beamter im befonberen Auftrage fungierende Generalmajor S a m i a t i n rourbe getötet und bent Hofmeister Woronin b e r Kopf abgerissen; getötet würben auch der Pförtner unb sämtliche in oer Psörtnerstube befindlichen Personen, darunter drei der U e b e l t ä t e r. Die ganze Hmterwaud des Gebäudes ist vernichtet. Die im oberen Stockwerk befindlich gewesene 15 jährige Tochter Stolypins erlitt schwere Verletzungen an beiden Beinen, welche amputiert werden müssen. Em kleiner Sohn d e s M i n i st e r s erlitt einen Beinbruch. Die Zahl der Verwundeten ist noch nicht genau festgestellt. Stolypin ist unversehrt geblieben. Durch die Gewalt der Explosion wurde die Tür zum Kabinett des Ministers aus den Angeln gerissen. Die Pferde, mit welchen die llebeltäter angefahren kamen, blieben heil, der Wagen wurde zertrümmert, der Kutscher getötet. Einer der Direktoren der ,Petersb. Teleg.-Ag.", S ch a h o w 5 k o i, der sich in bent an bie Psörtnerstube anstoßenden Zimmer befand, erlitt Verletzungen. Petersburg, 26. Aug. Furchtbare Augst- und Hilferufe durchzitterten bie Luft. Aus der oberen Etage der Villa schrien bie beiden Kinder des Ministers um Hilfe. Da erschien Stolypin totenbleich zwischen den Trümmern des Hauses: „Schnell eine Leiter, rettet meine Kinder", rief er laut. Einige Bediensteten eilten herbei, denen es gelang, beide Kinder zu retten. Von den fremden Anwesenden wurden 27 Personen tot und 43 schwer oder leicht verwundet unter den Trümmern hervorgezogen. Unter den Toten befindet sich der Gouverneur von Pensa, Schwestow. Die Recherchen ergaben, daß in einem Chambre garni vor zwei Tagen ein Ehepaar nebst Dienstmädchen abgestiegen war, die angeblich aus Moskau kamen, und sich Morosow nannten. Bald darauf besuchte sie ein Herr, der sich Mironow nannte. Beide trugen damals Zivil. Dagegen verließen sie, nachdem sie den Portter jenes Hauses betrunken gemacht hatten, das Haus in der Uniform von Gendarmerie-Offizieren. Frau Morosow nebst Dienstmädchen sind verschwunden. Die Attentäter waren mit der Warschauer Bahn angefommen. Der überlebende Attentäter von etwa 20 oder 21 Jahren nennt sich Weidemann, doch ist dieser Name wahrscheinlich falsch. Unter einem Teil b,er 33ertounbeten befinden sich noch vie» der Beihilfe zum Attentat verdächtige Personen. Sie wurden nach dem Gefängnis-Hospital geschafft. Noch in der Nacht wurden in allen Stadtteilen Haussuchungen vorgenommen, wobei verschiedene Mitglieder der radikalen Partei arretiert wurden. Bei dieser Gelegenheit wurde von der Geheimpolizei eine weitverzweigte politische Verschwörung entdeckt. Petersburg, 26. Aug. Tie Täter trafen in einem offenen Wagen ein, als bie Besucherliste bereits geschlossen war. Infolgedessen wollte sie die Dienerschaft nicht durchlassen. Darauf versuchten sie, mit Gewalt in das Zimmer einzudringen, das neben dem Empfangssaal lag, in dem zahlreiche Gäste den Minister erwarteten. Bei dem Handgemenge mit der Dienerschaft ließ einer der Eindringlinge eine Bombe fallen, die mit großer Gewalt explodierte, das diesem benachbarte Zimmer und teilweise auch der Empfangssaal vernichtet, ebenso auch das Vestibül, die Freitreppe unb der Balkon des zweiten Stockwerks. Getötet' sind noch F ü r st N a k a s ch i b z e, der Hauptmann der Gendarmerie F e d o r o w, der Polizeibeamte Ka - santzew, sowie Wachen, Diener und Boten. Verwundet sind u. a. zwei Ministerialbeamre und ein General der Artillerie. Das Gebäude ist schrecklich zngerichlet. Feuerwehrleute sind mit den Bergungsarbeiten beschäftigt. Der Haupttäter ist ein ziemlich kräftig gebauter junger Mann von etwa 25 Jahren. Unter seiner ganz neuen Uniform befand sich eine Zivilweste und außerordentlich schmutzige Wäsche. Wie jetzt bekannt wird, wollte bereits vor einigen Tagen ein verabschiedeter Offizier Namens Boborykin den Ministerpräsidenten vor einem gegen ihn geplanten Attentat warnen; er wurde aber nicht vorgelassen. — In dem Augenblick der Explosion empfing Stolypin zwei Adelsmarschälle, die bezeugen, es hätten zwei beziehungsweise drei Explosionen stattgefunden. Dem Sohne, der erst drei Jahre alt ist, wurde der rechte Hüftknochen gebrochen. An seinem Klopse wurde ferner eine Rißwunde seftgestellt. Die Wunden der beiden Kinber sind stark durch Sand und Schutt verschmutzt. Der Anblick der Wunden und das Gestöhne der Verwundeten sowie das Wehklagen der Verwandten sind furchtbar. Die Getöteten sind entsetzlich verstümmelt; manche sind geradezu formlose unkenntliche Massen. Die Tochter des Ministerpräsidenten Stolypin verbrachte, nach- bem sie eine Morphiumeinspritzung erhalten hatte, eine ruhige Nacht. Von den Verwundeteit sind 6 gestorben. Petersburg, 26. Aug. Unmittelbar, nachdem der erste Offizier die Bombe nach dem Vorderraum des Landhauses geworfen halte, schleuderte einer der beiden Zivilisten eine zweite Bombe, die die ^gentlicheit, Aerhe.erA.ngen anrichtete. Die Vorderwand beider Stockwerke, der Balkon, die Terrasse und die beiden ersten Zimmer sind in Atome zerstoben. Die Bomben werden als mit Pyroxilin gefüllt bezeichnet. Sie zerstoben bei der Explosion spurlos. Unter den Verletzten befindet sich der frühere Chef der Oberpresseverwaltung Für ft Schschows- ko i. Einzelne Gliedmaßen der Getöteten wurden in beträchtlicher Entfernung von der Villa gefunden. Entsetzlich! Aber war wicht dies oder Aehnliches zu erwarten? Tas Gefühl ist abgestumpft gegen Attentats- Meldungen aus dem' Zarenreich, abgestumpft durch deren Häufigkeit und auch durch die Erkenntnis, daß es sich da nm Äischehnisse handelt, die aus den traurigen russischen Verhältnissen beinahe naturgemäß erwachsen. Werfen wir nur einen Blick auf die letzten Jahre. 1902 wurde der Minister des Innern Sipjagin ermordet, wurden die Gouverneure General Wahl und Fürst Obolensky bei Ättentats- verfuchen verwundet. 1903 wurde der Generalgouverneur Bogdanowitsch in Ufa erschossen und der Gouverneur des Kaukasus Fürst Galizyn verwundet. 1904 fielen der Generalgouverneur von Finnland Bobrikow und der Minister des Innern v. Plehwe durch Mörderhand. Das Jahr 1905 brachte u. a. einen 'Attentatsversuch auf General Trepow und die Ermordung des Großfürsten Sergius. Jü diesem Jahre verging kaum ein Monat ohne ein paar ähnliche grauenvolle Meldungen. Die Attentate gegen General Kaulbars in Odessa und Generalgouverneur Skalon in Warschau waren die letzten. Sie verfehlten ihr Ziel und auch das Attentat gegen Stolypin hat andere Opfer gefordert, den leitenden russischen Staatsmann aber am Leben gelassen. Kann diese neueste infame Bluttat angesichts der ungezählten vorhergehenden Verbrechen noch sonderlich tiefe Bewegung Hervorrufen? Stolypin war indes nicht, wie der Großfürst Sergius, einer der Hauptvertreter des grimmig gehaßten autokratischen Systems. Er war ein Mann der ehrlichen Reformversuche. 'Aber er hat neuerdings wohl eingeseh-en, daß mit einem milderen und wahrhaft gerechten Regiment in Rußland nichts zu erreichen ist. Davon war der in unserer Samstagnummer wicdergegebene Leitartikel der offiziösen „Rossija" Zeuge. Dieser offiziöse Artikel, der ein neues Regiment der Strenge anzudeuten schien, hat möglicherweise die Fanatiker zu ihrer Bluttat veranlaßt. Aber wozu das? Sagen sich diese Fanatiker nicht, daß sie mit Pulver und Blei, mit Bomben und Granaten nur das Gegenteil von dem erreichen, was sie, völlig unklar, ersehnen? Wohldurchdacht war der Mordanschlag, wie die obigen Meldungen zeigen. Nur ein Zufall hat ihn ver- eüelt. Er war nicht der Verzweiflungsakt hungriger Proletarier, er war auch gewiß kein persönlicher Racheakt, er war ein überlegter Schlag gegen einen Staatsmann, den man glaubte ans Werk der Reaktion schreiten zu sehen. So vielleicht kann man das Verbrechen erklären, aber kein auch nur Halbwegs Einsichtiger wird es im mindesten entschuldigen. An der Ehrlichkeit des besten Wollens Stolypins zu zweifeln, hat man kein Recht. Politische Gegner mit den Waffen der Meuchelmörder zu bekämpfen ist törichteste Gemeinheit. Nicht nur aus rein menschlichen Gründen ist diese Tat scharf zu verurteilen. Jeder Russe, der ehrlich für die polit. Freiheit feines Volkes kämpft, muß ein Beginnen verwerfen, das den Reaktionären in die Hände arbeitet, indem es die politische Unreife des Volkes offenbart. Wer sich nicht selbst beherrschen kann, kann anderen keine Gesetze geben: ein Satz, im politischen Leben so wahr wie im bürgerlichen. Wir halten es jetzt, und besonders nach dem „Nossija"- Artilel, für doppelt wahrscheinlich, daß sich nun, vielleicht nicht unter Stolypin, von dem man nicht weiß, ob er nach dieser grausigen Bluttat, die seine Kinder zu Krüppeln machte, weiter auf seinem gefahrvollen Poften beharren wird, eine neue Aera rücksichtsloser Unterdrückung aller freiheitlichen Regungen eröffnet. Dafür wären die dem eigenen Fanatismus zum Opfer gefallenen Attentäter verantwortlich zu machen. Und doppelt verdienten ihre Genossen der blutigen Tat den Abscheu, den hie nicht an den Folgen dieser neuesten Untat unmittelbar interessierte Kulturwelt ihnen gegenüber empfindet. Der Vorsitzende desHilfsvereins der deutschen Juden, Dr. Paul Nathan, hatte am 24., also am Tage vor dem Attentat, eine längere Unterredung mit Stolypin. Aus der Unterredung ergab sich, daß Stolypin der Frage der künftigen rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der 6 Millionen Inden eine ernste Bedeutung beimaß. Es besiehe die Tendenz, vor dem Zufainmentritt der Duma den Juden gewisse Erleichterungen zu verschaffen. Der neuen Duina solle alsdann, wie dies verfassungsmäßig vorgesehen ist, die prinzipielle Entscheidung überlassen werden. In B e n d z i n (Russisch Pole») wurde am 25. auf mehrere Polizisten eine Bombe geworfen. Der Wachtmeister Jakubik und zwei Polizisten wurden getötet, einer lebensgefährlich verletzt. — Die Baumwollspinnerei in Zawieree wnrde durch Feuer vernichtet. Der Schaden beträgt 100 000 Rubel. Am 25. August überfielen ferner zwölf Bewaffnete 60 Werst vor Moskau den Personenzug aus Iwanowo- Wosnessensk, zerschlugen die Türen der Abteilung, in der sich der Bahnzahlmeister befand, und nahmen ihm 5 0 0 0 R u b e l ab. Sie hielten den Zug an und verschwanden im Wald, wo sie von Helfern erwartet wurden. Zwei Slutglieber der Bande wurden verhaftet. , , _ ,. , Die Rigaer Fabrikanten haben einen Versiche- rungs-Verband gegen Streik mit einem Kapital von 5 Millionen Rubel gebildet. Jeder Streik soll in Zukunft durch eine Auswertung der Arbeiter beantwortet werden, wobei der Schaden der Fabrikanten durch gegenseitige Versicherung gedeckt wird. In einem Hause in Hamburg wurde ein junger Mann aus Rußland verhaftet, ber tm Gesicht unb an ben Händen schwere Branbwunben trug. Der V er ha siete verweigerte über seine Person jebe Auskunft. Bei ber Durchsuchung würben eine Menge Revolver unb auch Sprengstoffe, hauptsächlich Pikrinsäure, geruiiben, lernet Frachtbrief, Rechnungen nsw., aus benen hervorgeht, baß Waffen unb Sprengstoffe nach Rußland versandt worben sinb. Die ©enbungen. gingen nach russischen Ostseehäfen. Ein Komplize des Verhafteten wurde noch nicht angetroffen. Die Meldung wirb von amtlicher Seite bejlätigt. Der Kaiser in Mainz unb im Taunus. Unserem Bericht vom Samstag haben wär! noch folgen** bes nachzntragen: Ankunft de8 Kaisers. In ber Nähe ber Gastellschen Waggonfabrik, am Bahnwärterhaus 39, fand sich ber Stab des Gouvernements ein. Ferner erschienen Provinzialdirektor Eleheimerat Frhr. v. Gagern und Regierungsrat Dr. Heinrichs, sowie Oberleutnant Dau vom 116. Inf.-Regt., benr bie Ehre zuteil geworben war, als Ordonnanzoffizier bes Kaisers kommandiert zu lverbcn, unb ber nach beendeter Truppenschau mit dem Kronenorben 4. Kl. ausgezeichnet wurde. Kurz vor 8 Uhr trafen der Groß- Herzog mit Gefolge und Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Preußen ein. Pünktliche um 8 Uhr lief der laiser-, liche Sonderzug ein, dem der Kaiser mit seinem Gefolge, entstieg. Nach einer herzlichen Begrüßung mit seinen fürstlichen Verwandten und den übrigen anwesenden Herren bestieg der Kaiser das bereitgehaltcne Pferd und fort gings! nach dem großen Sande zur Truppenschau. Mit frischem „Guten Morgen, Kameraden!" begrüßte der Kaiser, der die Uniform seines 116. Jnf.- R e g t s. trug und vorzüglich aussah, die ihm begegnenden Truppen und kräftt'g schallte der Gruß: „Guten Morgen, Majestät" jedesmal zurück. Nach der Besichtigung des 6. Tragonerregiments begann ein Gefecht mit spannenden Einzelheiten und außerordentlich interessantem Gesamtbild. Auf der einen Seite stand unter Generalmajor Kunze die 41. Infanterie-Brigade. Tie Regimenter 87 und 88 hatten Unterstützung bekommen durch eine Batterie des Mtillerie- Regiments 9ir. 61 und die 4. Schwadron des 6. Dragoner- Regiments. Sie hotten gegen einen markierten Feind zu kämpfen, der dargestettt war durch das Infanterie-Regiment Nr. 115 unter Oberst v. Büsser und dem L- Bataillon des 116. Infanterie-Regiments, kommandiert von Major Lovbecks. In großangelegter Weise entwickelte sich das Gefecht. In den Donner der Kanonen knatterte das Feuer der Schützenlinie. Immer weiter! schob sich der Gegner an den Feind; in der Ferne sah man eine rasch abgeschlagene Kavallerie truppe auftauchen.' Tann schmetterten die Hörner, rasselten die Trommeln zums Sturmangriff, und mit frischem Hurra gings auf bie feindliche Stellung, als das Hornsignäl das Ganze zum Halten brachte. Gleich darauf flogen die Abteilungsführer auf dampfenden Rossen zur Krittck, während bie Truppen Auf-, steNung zum Parademarsch nahmen. In schnurgerader Linie; zogen die Regimenter in Kompagnie front und dann irt- Regimentskolonnen an ihrem Kriegsherrn vorüber; Generalleutnant v. Galt befehligte. Erst kamen die Jnfanterie- regimenter Nr. 87, 88, 80, 81, 166, 115 und 116, dann die Unterosfiziersschüler von Bieberich und das 21. Pionierbataillon, denen das 6. Dragonerregiment und das 61. M-, titlerieregiment folgten. Prinzessin Friedrich Karl führte ihr Regiment Nr. 80 selbst dem Kaiser vor. Abermals ries das Hornsignal zur Kritik, während der die Truppen genügend Zeit hatten, die Spalierbildung vorzunehmen. Nuy die 1. Kompagnie des 116. In fanterie-Regts. und die 3. Schwadron des 6. Dragoner-Regiments rückten bereits mit der Fahne ab. Für die militärische Welt war die Truppenschau von um so größerem Interesse, als hierbei zum ersten Male auch die Maximen des neuen Exerzierreglements zur Anwendung kamen, das bekanntlich im Auftrage des Kaisers vom 116. In f.-Regit. Gießen zuerst praktisch erprobt worden ist. Ter Kaiser und die Gießener Lebensretter. Bei der Aufstellung des 116. Regiments nach der Truppenschau ritt der Kaiser zur 11. Kompagnie und ließ bie beiden Musketiere Steiner und Rühl vortreten, die vor 14 Tagen eine Gießnerin vor dem Tode des Ertrinkens aus der Lahn gerettet hatten. Der Kaiser übergab ihnen persönlich die Rettungsmedaille und gab jedem die Hand. Mit freundlichen Worten erkannte er die mutige Tat der beiden Musketiere an. Inzwischen hatte der beim Zug durch die Stabt niedergegangene Regen nachgelassen und Kaiser und Großherzog verweilten noef) längere Zeit mit den Herren des! Gefolges auf dem Vorplatz im heitersten Gespräch. Mit besonderer Herzlichkeit begrüßte der Kaiser den Oberststallmeister Exz. Frhrn. v. R i e d e s e I, mit dem er eine längere lebhafte Unterhaltung führte, wobei er ihm wiederholt die Hand schüttelte und auf Schultern und Rücken klopfte; auch für jeden anderen der dort Versammelten hatte der Kaiser ein freundliches Wort. Bei der Festtafel im Schloß wurde neben edelsten Getränken aufgetragen: Regentensuppe Straßburger Tiindates Steinbutten Damwübrucken Gänseleber — Kotelettes Metzer Poularden mit Salat Grüne Spargelspitzen Pfirsich — Eis. Zu der Tafel waren außer dem Gefolge des Kaisers und des Großherzogs, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl unb ihre Hofbame Fräulein Jaßrnund geladen. Ferner waren bie Generalität und die Reginrentskommandeure zugezogen. Mit Einladungen waren weiter bedacht Staatsminister Ewald, der preußische Gesandte in Darmstadt und Geheimerat Freih. v. Gagcrn. Im ganzen waren 32 bis 35 Gedecke auf der Tafel aufgelegt. Der Kaiser zeigte sich auch bei der Tafel in bester Stimmung: er scherzte und lachte und ließ sichs gut schmecken, unterhielt sich aber auch noch eingehend mit dem Großherzog über den äußerst günstigen Verlauf der Truppenbesichtigung. Staatsminister Ewald führte längere Gfe« spräche mit dem neuen preußischen Gesandten in Darmstadt, der den Kaiser auf seiner jüngsten Nordlandr^ise begleitete. Einen Hauptpunkt der Unterhaltung bildete die Frage der Neuregelung des hessischen Vertreterpostens beim Bundesrat, da Exz. Dr. von Neidhardt demnächst wegen hohen Alters von seinem Amte zurücktreten wird. Nach dem Mable begaben sich der Kaiser, der Großherzog, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Prinz Georg von Griechenland und die Gefolge nach dem Museum. Hier übernahmen Direktor Lindenschinidt, Professor Schumacher, Professor Dr. Körber und Hauptmann der Reserve Wallau die Führung. Eingehend wurde insbesondere die große, mit reichen Reliefs versehene Jupitersäule besichtigt, die hier vor einigen Jahren ausgegraben worden ist. Auszeichnungen. Der Kaiser verlieh u. a. folgende Auszeichnungen: Roten Adlerorden 1. Klasie mit Eichenlaub Generalleutnant v. Voigt, Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub Generalmajor Graf v. Bünau, Kronenorden 2. Klasie mit Stern General- major Mudra, Inspekteur der 2. Pionierinspektion, Kronenorden 2. Klasie Oberst Tülff, Jnf.-Regt. Nr. 166, und Oberst Freih. v. Süßkind, Jnf.-Regt. Nr. 80, Roten Adlerorden 3. Kl. mit Schleife Oberst Loeb, 6. Dragoner-Regiment, Kronenorden 3. Klasse Oberbürgermeister Göttelmann-Mainz. Abreise. Der Großherzog kehrte zunächst nach dem Großh. Schlosse zuruck und später mittels Sonderzuges nach Schloß Wolfsgarten. Um 31/, Uhr fuhr der Kaiser nach Schloß Friedrichs- Hof im Äutomobil. Mit dem Kaiser im ersten Automobile fuhren Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen und Generaladjutant Generalleutnant v. Löwenfeldt. Der Kaiser im Taunus. Am Samstag abend fand auf Schloß FriedrichShof eine Tafel zu 18 Gedecken statt, an der außer dem Kaiser und dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl von Hesicn unter andern teilnahmen: Die Kronprinzessin von Griechenland und Großfürst Georg von Rußland mit Gemahlin, sowie der Kommandeur deS 18. Armeekorps v. Eichhorn mit Gemahlin. Am Sonntag vormittag besuchte der Kaiser in Cronberg den Hauptgottesdienst in der Johanniskirche und begab sich darauf im Automobil nach Homburg v. d. H. Dort traf er um 11 Uhr ein und fuhr zur Erlöserkirche, dann zum Landgrafendenkmal und gegen 12 Uhr wieder nach Cronberg zurück. Hier empfing der Kaiser den preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten, Breitenbach, den Regierungspräsidenten von Wiesbaden, von Meister, und den Landrat des Obertaunuskreises, Ritter von Marx, zur Konferenz über die projektierte elektrische Taunusbahn. Während der Konferenz nahm der Kaiser auch die Modelle des neuen Homburger Bahnhofsgebäudes in Augenschein. An der Mittagstafel beim Kaiser nahmen außer den genannten Herren noch teil: Geh. Rat Exz. Prof. Dr. Schnndt-Metzler-Frank- furt, der deutsche Gesandte in Tokio, Freiherr Mumm von Schwarzenstein, Generalleutnant von Festenberg-Packisch und der bayerische Gesandte in Wien, Freiherr von Tücher. Kurz vor 3 Uhr fuhr der Kaiser mit einigen Herren seines Gefolges und dem Landrat von Marx in Automobilen nach der Saa l bu rg. Im Sacellum besichtigte der Kaiser die vom Bildhauer Fritz Gerth ausgestellten Skizzen eines Denkmals für die Landgräfin Elisabeth in Homburg, sowie des vom ehemaligen Herzogtum Nassau seinem letzten Fürsten, dem verstorbenen Großherzog von Luxemburg, in Wiesbaden zu errichtenden Denkmals. Im Kastell begrüßte der Kaiser den Profesior Oechelhäuser aus Karlsruhe, sowie dessen Gemahlin und ließ sich Herrn Robert de Neufville-Frank- furt a. M. vorstellen. Nach fast 21/2ftünbigem Aufenthalt fuhr der Kaiser nach Cronberg zurück und begab sich zur Villa deS Bankiers Karl von Grunelius, um dort mit der Kronprinzessin von Griechenland, dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, dem Regierungspräsidenten von Meister und dem Gefolge den Tee einzunehmen. An der Samstags-Abendtafel beim Kaiser nahmen die verwandten fürstlichen Herrschaften, sowie das Gefolge teil. Einladungen waren nicht ergangen. Die Amnestie in Preußen, die so lange erwartet worden ist, ist nun da. Der preuß. Staatsanz. veröffentlichte am Samstag folgenden Königl. Gnadenerlaß vom 24. August: „Wir Wilhelm von Gottes Gnaden König von Preußen usw. wollen, da Uns durch Gottes Gnade ein Enkel geschenkt worden ist,, der in wenigen Tagen die heilige Taufe empfangen soll, und dieser Tag dazu auffordert, empfangene Unbill zu verzeihen, und Vergebung zu üben, allen denjenigen Personen, welche bis zum Abschluß des heutigen Tages durch Urteil eines preußischen Zivilgerichts wegen einer gegen Unsere Person begangenen Majestätsbeleidigung oder wegen Beleidigung eines Mitgliedes Unseres königlichen Hau- ses im Sinne der Paragraphen 95 und 97 des Strafgesetzbuches zu Freiheitsstrafen rechtskräftig verurteilt worden sind, diese Strafen,, soweit sie noch nicht vollstreckt sind, und die noch rückständigen Kosten in Gnaden erlassen. Ist wegen einer solchen und wegen einer anderen strafbaren Handlung auf eine Gesamtstrafe erkannt, so ist der wegen der ersteren Handlung verhängte Teil dieser Strafe im vollen Umfange als erlassen an- zusehen. Auf die von einem mit anderen Bundesstaaten gemeinschaftlichen Gerichte erkannten Strafen findet dieser Erlaß Anwendung, sofern nach den mit den beteiligten Regierungen getroffenen Vereinbarungen, die Ausübung des Begnadigungsrechtes in dem betreffenden Falle Uns zusteht. Unser Fustizminister hat für die schleunige Bekanntmachung und Ausführung dieses Erlasses Sorge zu tragen." Schlo' Wilhelmshöhe, den 24. Aug. 1906. (gez.) Wilhelm, fgez.) Beseler. Nur wenige Blätter knüpfen an den Amnestieerlaß Betrachtungen. Ihrer besonderen Genugtuung gibt die „Nat.- Ztg." Ausdruck. Etwas enttäus ch t ist die „Voss. Ztg", welche sagt: „Die Hoffnung, daß anläßlich der Taufe des jüngsten Hohen- zollernprinzen eine Amnestie in weiterem Umfange ergehen werde, hat sich nicht erfüllt. Die Zahl der Personen, denen dieser Gnadenakt zu gute kommt, ist außerordentlich gering. Unter den Erlaß fallen nicht einmal die übrigen politischen Delikte. Da mithin nur eine ganz kleine Zahl von Personen die Vorteile des Erlasses genießen werden, kann es fraglich erscheinen, ob ihnen nicht diese Vergünstigung besser durch Einzelbegnadigung als durch den förmlichen Erlaß zugewendet worden wäre. Diejenigen Prozesse wegen Majestätsbeleidigung oder Beleidigung von Mitgliedern des Königl. Hauses, in denen die Verurteilung noch nicht erfolgt, auch noch nicht rechtskräftig geworden ist, werden von dem Erlaß nicht berührt. Es darf aber wohl angenommen werden, daß die Verzeihung und Vergebung auch diesen Angeklagten zuteil werden soll und daher später ihre Begnadigung eintritt." Höchstes Mißfallen erregt aber der Erlaß beim „Berl. Tage bl.", das sich über ihn folgendermaßen aus- läßt. „Die Tatsache, daß der Erlaß dartut, der König halte nichts von der angeblichen Hohenzollerntradition, die die Hervorhebung dynastischer Familienfeste durch Gnadenerweisungen verbieten soll, diese Tatsache wird ja zweifellos in weiten Kreisen gern begrüßt werden. Aber auch der loyalste Staatsbürger wird sich nicht verhehlen können, daß der Gnadenerlaß in seinem Inhalt nicht den Erwartungen entspricht, die das preußische Volk auf eine solche Willenskundgebung seines Fürsten setzen zu dürfen glaubte. . . . . Der Gnadenerlaß gilt nur für Zivilpersonen. Der König bekennt sich jederzeit als gläubigen Christen; Pflicht des gläubigen Christen aber ist es, erlittene Unbill zu verzeihen und Vergebung zu üben, aucb ohne daß ein besonderer Anlaß dazu vorliegt. Das Rechtsempfinden des Volkes hält den Majestäts- belcidigungsparagraphen für überlebt, und es kann einem Gnadenerlaß, der sich nur auf Sünder gegen diesen fossilen Paragraphen erstreckt, nicht als ein königliches Gnadengeschenk an die Volksgesamtheit ansehen. Die Ratgeber hätten dem König sagen müssen: Ein Gnadenerlaß, der sich nur auf Majestätsbeleidigungen erstreckt, wird das Volk enttäuschen. Dann lieber gar keine Gnadenkundgebung! Denn ein Gnadenerlaß, der nur die dem Herrscher und seinen Angehörigen persönlich zugefügten Unbilden betrifft, wird im Volke den Eindruck der Kleinlichkeit machen. So hätten die Ratgeber des Königs sprechen müssen. Sie haben es offenbar nicht. getan. Und dadurch, daß sie diesen Erlaß ergehen ließen, haben sie dem König die Rolle oktroyiert, als messe er den Albernheiten und Roheiten unreifer Menschen irgend welche Bedeutung bei, eine Bedeutung, die der königl. Majestät nicht wohl ansteht. Mles in allem: Dieser Gnadenerlaß wird im Volke mehr Kritik als Begeisterung erwecken. Und wir bedauern es, daß dein so sein darf. Denn uns scheint es im Wesen königl. Gnadenerlasse zu liegen, daß sie nur die ungetrübte freudige Zustimmung des Volkes finden dürfen." Apolitische Tagesschau. Auch deutlich. Unter der Spitzmarke „Deutlich" wußten kürzlich die sozialdemokratischen Organe „Mainzer Volksztg." und das „Offenb. Abendbl." über eine Vorlesung zu berichten, die Professor Dr. Berg hoff-Ising in der technischen Hochschule zu Darmstadt gehalten, und bei der er sich abfällig über die vom Reichstage beschlossene Steuerreform ausgesprochen haben soll. Die betreffende Notiz des „Offenb. Abendbl." darüber lautete: „Deutlich! In einer Vorlesung über Nationalökonomie an der Darmstädter technischen Hochschule bemerkte kürzlich, (aut „Mainzer Volksztg." der Vortragende: „Die ganze «Steuerreform, die kürzlich der Reichstag beschlossen, trifft nur das breite Volk. Ter einzige Anteil, der auf den Reichen entfallt, macht diesem gar nichts aus. Ganz ungeheuerlich waren dabei die Vorschläge des Neichstagsabg. Dr. Becker. Wer aber glaubt, daß er diese aus- gedacht, der irrt sich, denn seine 14jährige Landpraxis bot dazu keine Veranlassung, gerade das Gegenteil hätte er dort lernen können. Er hat ein Brüderlein im Ministerium, dieses sagt es ihm in die Ohren, und er ist nur die Trompete." Brieflich nun teilt Professor Dr. Berghoff-Jsing dem „Darmst. Tägl. Anz." mit, daß der Inhalt der sozialdemokr. Zeitungsnotiz von A bis Z erfunden ist. Das Schreiben darüber lautet: „Infolge einer längeren Reise erhalte ich erst jetzt Kenntnis von obiger Mitteilung des „Offenb. Abendblatt" in Nr. 175 vom 30. Juli. Dieser Auslassung gegenüber, die durch die Fassung der mir in ben Mund gelegten Aeußerung eine merkwürdige Vorstellung von der Art akademischer Vorlesungen verrät, erkläre ich, daß ihr I n f) a 11 v o m ersten bis zum letzten Wort glatt gelogen ist. Die Dreistigkeit der Erfindung ist um so erstaunlicher, als ich bezüglich der Neichsfinanzreform, in der ich allerdings einen starken Einschlag direkter Steuern gern gesehen hätte, in der Hauptsache auf dem Standpunkte des Herrn Neichstagsabg. Dr. Becker stehe. Ich verweise in dieser Beziehung und insbesondere hinsichtlich meiner Auffassung der indirekten Besteuerung auf meinen am 12. Februar d. Js. im Kaisersaal gehaltenen Vortrag über „Die finanzielle Entwickelung des Reiches." Weiter war mir bis zum heutigen Tag durchaus unbekannt, daß Herr Dr. Becker im Finanzministeritnn einen Bruder hat." Deutscher Reich. Berlin, 26. Aug. Zu später Nachtstunde wurden Nachrichten verbreitet über ein gegen den Kaiser verübtes Attentat. Auf Grund zuverlässiger Erkundigungen können mehrere Morgenblätter mitteiten, daß diese Meldungen durchaus unbegründet sind. — Der Kaiser empfing gestern den Prinzen Hans von Schönaich-Carola th, früher Kommandeur des Kürassier-Regiments Nr. 7. Ter Prinz zeigte dem Kaiser im Park das Qu e ll n- finden mit der Wünschelrute und zwar mit dem besten Erfolge. Ausland. Paris, 27. Aug. In hiesigen offiziellen Kreisen ist man über Inhalt und Bedeutung der Unterredung von Friedrichshof jetzt unterrichtet und man gibt ohne ein Zeichen von Mißstimmung zu, daß die Zusammenkunft einen entschiedenen Schritt zur Besserung der deutsch-englischen Beziehungen bedeute. In den Unterredungen wurde von beiden Seiten der Wunsch nach einer solchen Besserung der Beziehungen geäußert. Es wurde jede zwischen England und Deutschland schwebende außereuropäische Frage "berührt und kurz durchgespochen. Irgendwelche Verhandlungen sind bisher nicht eingeleitet, doch wurde in Friedrichshof gewissermaßen der Grundsatz aufgestellt, daß man für jede Frage im gegebenen Moment in ruhiger Aussprache eine geeignete Lösung suchen solle. Alles, was über diese Darstellung hinausgeht, gehöre ins Reich der Fabel. Newy ork, 25. Aug. Präsident Roosevelt hat die Einführung einer neuen Orthographie bei den Behörden verfügt. Der Präsident hofft, "daß auch die übrige Bevölkerung diesem Beispiele folgert werde. Tie Reform besteht darin, daß nur ausgesprochene Buchstaben und Silben geschrieben werden und alte stummen Laute und Silben in Wegfall kommen. Vom Erdbeben in Chile. Santiago de Chile, 26. Aug. Es werden noch immer Menschen aus den Trümmern in Valparaiso, unter denen sie fünf Tage gelegen haben, lebend hervorgezogen. Ein Teil des Kirchhofs rutschte einen Hügel herab, wodurch bte Särge geöffnet wurden. Die Leichname verbreiteten einen unerträglichen Geruch. Tie Behörden wollten sie mit ungelöschten Kalk übergießen, doch widersetzten sich dem die Priester. Es fällt dichter Regen. Hier und in Valparaiso werden die 'Ausbesserungsarbeiten an den Eisenbahnen erschwert und die Leiden der in Valparaiso in den Straßen kampierenden Menschen erhöht. Aus uns Luns. Gießen, den 27. August. * * Gerüchte von einem Raub »nord am Bahndamm bei Nieder-Wöllstadt bestätigen sich zum Glück nicht. Ein Anonymus hatte den Molkereiarbeiter W. Naumann bei der Polizei des schweren Verbrechens bezichtigt und Herr Staatsanwalt R e u ß aus Gießen und Kriminalkommissar Müller ans Friedberg weilten am Mittwoch dort.. Zahlreiche Verhöre und Haussuchungen fanden in Nieder-Wöllstadt und der Molkerei statt, doch fand man weder Blutspuren noch Mordwerkzeuge. Der schwer bezichtigte Naumann konnte sein Alibi erbringen. Da man auch keine Leiche auffinden konnte, so liegt entweder eine beispiellos freche Verleumdung, ober ein dummer Witz vor. Die Untersuchung zur Ermittelung des anonymen Briefschreibers ist bisher ergebnislos gewesen. * * Diebstähle. Gestern abend wurde in der Sonnenstraße ein Fahrrad von unbekanntem Täter gestohlen. — In einem Hausgarten der Schützenstraße wurde in letzter Nacht der Hasenstall erbrochen ttnd ein S ta l l h a se entwendet. Der Täter wurde gesehen und festgestellt. — Wegen einer ganzen Reihe von Gelegenheits-Diebstählen wurde ein Tapezierlehrling zur Anzeige gebracht. * * Aufgegriffen wurden zwei junge Burschen, die au§ der Erziehungsanstalt in (Erfurt entlaufen waren. * ’ Ein Unfall. Vor einigen Tagen erlitt bei einer Gefechtsübung auf dem Trieb der Major des 1. Bataillons, von Wunsch, einen Unfall. Sein Pferd kam zu Fall, der Major stürzte und zog sich eine Verletzung an der Stirn zu. Er konnte an der Truppenschau in Mainz nicht teilnehmen. Die Verletzung ist zum Glück nicht sehr erheblich, sodaß er vom 7. September ab wieder sein Bataillon zu übernehmen und das Manöver mitzumachen gedenkt. * ’ Vergebung von Sch reinerarbeiten für d ie Töchterschule. Von den in 5 Losen vergebenen Schreinerarbeiten für die Töchterschule wurde nur d er kleinere Teil an Gießener Meister vergeben. Es erhielten B e i l aus Gießen als der Billigste 1 Los für Mk. 1243,30 und Lenz aus Gießen als der Zweitbilligste für Mk. 1524,50 Arbeiten zugeteilt (der billigste Konkurrent verlangte für die gleiche Arbeit ca. 190 Mk. weniger). Der größte Teil der Arbeiten wurde an Herzberger in Homburg v. d. H. vergeben, welcher dafür Mk. 16 779,29 verlangte, während die in Betracht kommenden Gießener Meister für die gleichen Arbeiten Mk. 22 221,25, also Mk. 5442 mehr verlangt haben, lieber die Leistungsfähigkeit des Homburger Unternehmers sollen gute Zeugnisse vorliegen. * * Der Verein ehemaliger Pioniere unternahm gestern unter recht zahlreicher Beteiligung einen Ausflug nach Bubenrod. Nach einigen, in recht gemütlichem Zusammensein verbrachten Stunden wurde die Rückfahrt angetreten, wobei man in Nodheim mit Stadtv. und Hauptmann d. L., Gabriel zusamntentraf, welcher den Verein einlud, sein Werk „Abendstern" zu besichtigen. Man folgte gern dieser Einladung, worauf Herr Gabriel seine Gäste freundlich bewirtete. Der Dank dafür blieb natürlich nicht aus. Herr Gabriel bedauerte, daß die Zeit zur Besichtigung so kurz be- mesien war und lud den Verein ein, sein Werk demnächst an einem Wochentag im Betriebe einzusehen. So kann der gestrige Ausflug des Vereins als in doppelter Hinsicht gelungen bezeichnet werden. -r- Muschenheim, 26. Aug. Gestern vormittag zog man die Leiche des hiesigen Forstwarts Weisel zwischen Kloster Arnsburg und der Berger-Mühle aus der Wetter. W. hatte schon längere Zeit einen tiefsinnigen Eindruck auf alle gemacht, die mit ihm verkehrten. Er scheint den freiwilligen Tod in einem Anfall von Geistesgestörtheit gesucht zu haben. sm. Mücke, 26. Aug. Das „Mückefest" (vgl. Feuilleton), hat hier Großstadtverhältnisse gezeitigt. Nicht allein, daß kunstgerechte Taschenvisitationen nach gespickten Beuteln abgehalten wurden, auch Uhren waren begehrt; eine Dame war nicht gering überrascht, als sie mit den Ueberresten ihrer elegant durchschnittenen Uhrkette nach Hause kam. k- Al§feld, 25. Aug. Der wegen der Renovierung der Walpurgiskirche zwischen Stadt- und Kirchenvorstand ausgebrochene Konflikt scheint sich weiterzuspinnen. Auf den Protest des Kirchenvorstandes hin hat der Stadtvorstand dieser Tage erneut beschlossen, die Renovierung der Kirche, die ca. 125 000 Mk. kosten wird, zu verschieben und erst das Rathaus zu restaurieren. Bezüglich der Renovierung der Kirche wurde beschloßen, die Pläne an Architekt Hofmann- Herborn weiterzugeben zur Umarbeitung nach den Angaben des Denkmalpflegers Prof. Walb aus Darmstadt. — Anstelle des langjährigen Bürgermeisters Ernst Arnold, der eine Wiederwahl abgelehnt hat, kandidieren Kreisstraßenmeister Braun und Landwirt K. Arnold. Frankfurt a. M., 26. Aug. Die „Franks. Ztg." beging gestern und heute das Fest ihres 50jährigen Bestehens. Gestern abend fand ein glänzender Empfang im Festsaale des „Frankfurter Hofes" statt, zu welchem zahlreiche auswärtige Mitarbeiter der Zeitung und Vertreter staatlicher und städtischer Behörden, sowie des Handels, der Industrie und der Presse erschienen waren. Auch der Reichskanzler Fürst Bülow hat in einem Schreiben an den Berliner Vertreter der „Frankf. Ztg." die Bedeutung dieser Zeitung auf dem Gebiete der inneren und äußeren Politik anerkannt und dem Begründer der Zeitung Leopold Sonnemann, sowie allen Mitarbeitern desselben Glückwünsche und Grüße übermitteln laßen. Heute veranstaltete die „Frankf. Ztg." im Festsaale des Zoolog. Gartens eine akademische Feier, zu welcher weitere Kreise der Bürgerschaft Frankfurts, insbesondere des Handels und der Industrie, das Beamten- und Arbeiter- Personal der Zeitung und andere mehr geladen mären. Ein P"^g, vorgetragen vom Ober-Regisseur Quincke, leitete die Gerichtssaal vor der Ferienstraf- Fcier ein. Der Direktor der Franks. Sozietätsdruckerei Curti Hab m einer von den sehr zahlreich Erschienenen mit Beifall aufgenommenen Rede einen Ueberblick über den Werdegang der' .Franks. Ztg.E und über ihre Stellungnahme zu den geschichtlichen Ereignissen der letzten 50 Jahre. Orchestermusik eröffnete und beschloß die festliche Veranstaltung. fc. Höchst a. M., 27. Aug. (Drahtbericht). Gestern nachm. überfuhr in Sindlingen das Automobil des Herrn Viktor Haas au? Frankfurt, der in Okriftel eine große Schweinezüchterei besitzt, den Knecht Hamel, der sofort tot war, und karambolierte mit einem Wegweiser, den es umrannte. HaaL lenkte das Auto selbst. * •• Infolge eine? exp e d iti o n el l e n Versehens wurde in dem Inserat der diensttuenden Aerzte für letzten Sonntag in unserer Samstags-Nummer nur ein Herr angegeben, während zwei Aerzte Dienst hatten. — Wegen fahrlässiger Tötung ihres eigenen Kindes hatte sich die Frau Klarn Wehner vor der Ferienstras- kammer des Landgerichts III. zu Berlin zu verantworten. Am 14 Mai hatte Frau Wehner große Wäsche. Sie hatte neben dem Küchenherd ans zwei Böcken ein großes Waschfaß ausgestellt, an dem sie beschäftigt war, während ihr 2'/.stähriges Töchterchen in einem danebenstehenden Kinderwagen ruhig schlummerte. Als die kleine Else später aufwachte, rcurbe sie von der Mutter aus eine Bank gesetzt mit der Anweisung, ruhig dort sitzen zu bleiben. Die Angeklagte mußte einen auf dem Kochherd stehenden Zinktovf mit gekochter Wäsche in einen mü dem Fußboden stehenden Kessel ausgießen. Als sie den leeren Topf wieder, füllen wollte, und einige Seklinden dem Kinde den Rücken zudrehen illlißte, ereignete sich ein Gestern war beim dröschen der Schiffe nur die eigene Schiffs- Landwirtschaft. — D i e soeben begonnene Tabakernie fällt in Hessen quantitativ und glialitativ recht gut aus. In den Ge- nlarkunge'l Lanlpertheim, Lorsch und Viernheim, wo der Tabakbali am bedeuteildsteil ist, sind die Pflanzen sehr gut geraten. DaS Quantum ist fast doppelt so groß wie in früheren Jahren. — Um den Landwirten die Beschaff,mg voi, bestem Saatgllt unterer ertragsreichsten Winterqetreidearten zu erleichtern wird der hessische Laildwirtschaftsrat in der nächsten Zeit einige S a a t gu t- Märkte abhalten. Auf benielbcn werden nur Proben von Saatgut aus den Saatbaustellen des hessischen Landwirtschaftsrats cms- gestellt, wobei Gelegenheit zum Ankauf oeboten ist. Der Anbau des Saatgutes steht unter Kontrolle des hessischen Landwirtschaits- rates, sodaß ben Lanbwirten volle Gewähr gegeben ist, nur bestes Saatgllt zu erhalten. Der erste bieser Märkte sinbet gelegentlich des Provinzialziegenmarktes in Alzey (Rheinhessens am 30. Aug. statt. Es seien baher bie Lanbwirte, welche diesen Markt besuchen, auf die Gelegeilheit, sich bestes Saatgut zu beschaffen, aufmerksam gemacht. In einer Wander-Versammlung des Obftba \\ » Vereins für den Kreis Marburg machte Oekonomierat Direktor Dr. Hesse interessante Mitteilungen über die in diesem Jah-re ungemein häufig auftretenben Pilz parasitären Krank- bci ten derOb st bäume, die er nur dem wechselvollen feuchtheißen Wetter zuschrieb. Besonderen Schaden richtet an die Furi- stadium-Krankheit an den Apfelbäumen, die Monilia an den Birnen-, Zwetschen- und Kirschenbäumen und die berüchtigte Veronspora in den WeinPslanzungen. Neben den bekannten Mitteln empfahl er zur Bekämpfung das Verbrennen der befallenen Blätter und Aeste, sowie besonders der Obstmumien. Jedenfalls sei es wichtig für jeden Obstbaumzüchter, sich eingehend mit diesen Schädlingen zu beschäftigen. Kreisobstbautechniker Rübeling teilte mit, daß der Frostsvanner und die Apselgespinstmotte schon während der Blüte das Zerstörungswerk begonnen hätten. Es stehe eine sehr schlechte Aepfel-, eine etwas bessere Birnen- und eine sehr gute Zwetschenernte in Aussicht. Erhöhung der Erträge durch Anbau besonders ertragreicher Sorten. Vom Hessischen Landwitt- schastsrat erfahren wir, daß in diesem Herbst erheblich größere Nachfrage nach Saatgut aus ben Saatbaustellen besteht. Jns- befonbere ist erfreulicherweise zu bemerken, baß lokale Vereine unb Genossenschaften für eine größere Anzahl ihrer Mitglieder einen Versuch mit Einführung ber bewährtesten reinen Wintergetreidesorten an stelle ber bisher gebauten, burch Kreuzung unb Entartung unrein und allmählich weniger ertragreich gewor- denen Sorten machen wollen. vermischte». • Koblenz, 25. Aug. Heute nachmittag 2 Uhr 18 Min. wurde ein kurzer, aber ziemlich heftiger Erdstoß verspürt. Schaden wurde keiner angcrichtet. • Ein gräßlicher Sturm ist in der Nacht zum Sonntag über Berlin und Nachbarorte hinweg gebraust und hat an zahlreichen Stellen arge Verwüstungen an- gerichtet. Im Innern der Stadt wurden viele Hundert Fensterscheiben, darunter auch mächtige Spiegelscheiben, zertrümmert. Von den Dächern wurden Ziegelsteine auf die Straße geschleiidert, wobei ein Passant am Kopse erheblich verletzt wurde. Besonders wurden die Telephonleitungen in den Vororten gestört, sodaß der Fernsprechbetrieb zum Teil eingestellt werden mußte. Zahlreiche Bäume wurden entwurzelt und geknickt. Auf den Gewäsiern wurden Bootsunfälle hervorgerufen. • Opfer der Berge. Im Lutschental im Berner Oberlande ist ein Radfahrer abgestürzt und im Lut- schinenfluß ertrunken; seine Leiche ist noch nicht gefunden. — Aber nicht nur die Alpen fordern heuer besonders viele Opfer. Drei Touristen aus Neiße sind im Altvatergebirge in Oesterreich - Schlesien abgestürzt, wobei zwei, der Kreis- kasienrendant Bubeck und der Pfefferküchler Springer, getötet wurden. • Selb st mord eines Defraudanten. Im Walde bei Meiningen wurde der Lehrer Emil R ot h erschossen aufgefunden. Noth hatte aus der Kasse des Naiff- eisen'schen DarlehenS-VereinS, die er seit 15 Jahren verwaltete, 2 10 00 Mark unterschlagen und war dann flüchtig geworden. Außerdem hatte er noch Unterschlagungen an der Turnvereinskasse begangen. * Kleine Tageschronik. In Oppeln sind von der «us dem 11. unb 51. Infanterie-Regiment gebUbeten Brigade bei den Hebungen infolge Hitzschlages 5 Mann gestorben und eine große Anzahl krank geworden. — In der Nacht zum Freitag wurden im Kontor eines Tischlermeisters in Berlin von einem Metallarbeiter 70 000 Mark in Wertpapieren geraubt. 9200 Mark davon wurden bei einem Hehler gefunden, der die Papiere zu versetzen suchte. Von den übrigen Papieren und dem Einbrecher fehlt noch jede Spur. — In Hamburg erschoß ber 25 Jahre alte Seemann Mois Steinberg, ber sich mit seinem Bruber entzweit hatte, aus Rache seine Nichte, des Bruders sechsjährige Tochter, und dann sich selbst. — Durch starke Heber- schwemmnnqen sind säst a l l e H ä u s e r i n K a y e s (Sene- gambien) zerstört. Eine große Anzahl Eingeborener ist ertrunken. Die Strömung fegt ganze Ortschaften fort und zerstört die Speicher. Der Schaben beläuft sich auf 20 Millionen. Tausenben von Eingeborenen fehlt es an Eristenzmitteln. Eingesandt. (Für den Inhalt der unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Rebaktimi dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Vetzberg, 24. Aug. Da eben die Zeit herangerückt ist, baß die Dresch wag en in Betrieb gesetzt sind, so hat sich in Rodheim a. d. Bieder ein zweiter Treschwagen zu dem erlten zugesellt. Da nun für zwei solcher Wagen doch nicht genügend Arbeit ist und wir iu Vetzberg noch feinen Dreschwagen haben, hatten sich unsere Einwohner mit den Dreschwagenbesttzern m 23er- binbunq gesetzt, um in den freien Stunden zu dreschen, was die Besitzer gern gestatteten. Aber kaum hatte sich unser erster Burger ber Maschine genähert, als der CrtSbiener mn Platze war und die Mitteilung vom Bürgermeister Bechthold überbrachte, daß das Dreschen für die V e tz b e r g e r verboten sei; es gebe Störung im Dorf. Wir Vetzberger und auch verschiedene Leute aus Rodheim können nicht begreifen, was Herrn Bürgermeister Bechthold beiuegt, dieses zu verbieten, zumal die benutzte --traue Kreisstraße ist. ' So sind wir gegenüber den Nodheimern zum Lpott geworden in der ganzen Umgegend. Wir wiinschen, da,; dieje Zeilen dazu beitragen, daß solche Ereignisse nicht mehr vorkommen. Mehrere Einwohner von Vetzberg. Stuttgart, 25. Aug. Wirkt. Geh Rat Prof. Dr. Eduard Zeller empfing zu seinem heutigen 70jährigen Doktorin bilä um eine große Zahl von Glückwünschen. Es erschienen als Vertreter der Universität Tübingen, an ber Zeller vor 70 Jahren promoviert hat, der Prorektor Prof. Dr. Lange und ber Prodekan der philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Gundermann (früher in Gieße n\ um die Glückwünsche der Universität und der Fakultät zu überbringen. Die philosophische Fakultät zu Berlin hat ihrem Nestor eine besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lassen : Olraf Kalckreuth - Stuttgart, wurde damit betraut, ein Bildnis des greifen Gelehrten zu schaffen. Das Porträt traf hier ein begleitet von einem Schreiben, das Rektor und Senat und der Dekan ber philosophischen Fakultät unterzeichnet haben. — In Lausanne ist ber Professor ber Physiologie, Alexander Herzen, gestorben. Sport. ** Das Rennen um den „Gr o ßen Preis von Gießen". Um den mit 2000 Mk. dotierten Großen Preis von Gießen fand Sonntag nachmittag auf dem Sportplatz an der Hardt ein Tauerrennen statt. Es starteten Europafahrer Georg Drescher aus Mainz und der schwarze Meister des dunklen Erdteils H. F. V end re di ans Kairo, sowie der Frankfurter Ludwig Fröhlich. Alle drei Waren mit einem ausgezeichneten Schrittmachermaterial ausge- ftattet. Der Kampf wurde in 3 Läufen ausgefochten. Im ersten Lauf, 5000 Meter, entstand ein bitteres Ringen Mischen Drescher und Vendredi; Vendredi wurde erster, Drescher Meiter, Fröhlich dritter. Im zweiten Lauf, 10 000 Meter, wurde Vendredi spielend erster. Fröhlich Meiter, wahrend Drescher die Fühlung mit seinem Schrittmacher verlor. Der Entscheidungslauf brachte denn auch kms vvrauszusehende Ergebnis, daß VendrediSiegerblieb und den Gr o ß en Pr eisvon Gießen errang. Drescher fiel Bet der vierten Runde ab, Fröhlich hielt sich wacker bis zu Ende. — Im Ehrenpreis fahr en, 2000 Meter, erhielten Preise: 1. Kronenberg-Gießen, 2. Boller- Gießen, 3. Andrae-Wiesbaden, 4. Lauer- Gießen. Im Mannschaftsrennen gewann Germania-Gießen mit 4 Min. 21 drei Fünftel Sekunden stegen Radfahrerverein Wetzlar. Den Schluß bildete ein Motormatsch, den Seidenspinner-Mäinz gegen Wohn-Mäinz gewann. Arbeiterbewegung. Stettin, 25. Aug. Ein Hafenarbeiter streik gewinnt frier an Ausdehnung. Die Zahl ber Streikenden ist schon auf 1600 gestiegen. Es verlautet, baß in aller Kürze bie Hafenarbeiter von Danzig und Königsberg ebenfalls in den Ausstand treten wollen. Die Rheber beschlossen, auf keinen Fall nachzugeben. Aus dem In- unb Auslände sollen sofort Arbeitswillige herangezogen werben. Ein größerer Trupp traf gestern abenb aus Berlin hier ein. Von den Rhebern ist beabsichtigt unverzüglich eine große Bark im Freihafen anzukaufen, die zu Wohn- und Schlasräumen für die Arbeitswilligen dienen soll, damit diese überhaupt nicht mit den Streikenden in Berührung kommen Noch gestern richteten die Arbeitgeber em Bureau ein, dem ein Arbeitsnachweis angegliebert werden soll. Jedoch werden nur Leute eingestellt zu ben alten Löhnen und Arbeitsbedmgungen. furchtbares Unglück. Die kleine Elfe war von der Bank heruntergeklettert unb aus ben Kessel mit ber fiebenb heißen Wäsche zugelaufen. Ehe es ber entsetzten Mutter möglich war, beu großen Zinktopf aus ber Hanb zu stellen, war bas Unglück bereits geschehen. Das bebauernswerte Kinb war in ben Kessel gefallen unb konnte nur mit schweren Verbrühungen wicber herausgehoben werben. Trotz sofortiger ärztlicher Hilfe konnte bas arme Wesen nicht am Leben erhalten werben. Es verstarb unter den schrecklichsten Oualen. Ter Gerichtshof fain auch zu einer F r e i s p r e ch u n g , ba bie Angeklagte orbmmgsgemäß gehanbelt habe. Zürich, 25. Aug. Das Kriegsgericht bCr 6. Division verurteilte nach 17 ftiinbiger Verhanblung ben sozialbemokr. Kantonsrat Sigg, ber unter bie wegen ber Streikunruhen aufgebotenen Truppen antimilitaristische Flugblätter hatte verteilen lassen, wegen Aufreizung zur Gehorsamsverweigerung zuachtMonatenGefängnis unb einjähriger Einstellung im Aktivbürgerrecht. Die übrigen fünf Angeklagten, barunter eine Frau, bie Flugschriften verteilt hatten, würben frei» Handel nnd verkehr, Volkswirtschaft. •• Telegraphen verkehr mit Bosnie n - H e rz e g o- m i n a. Vom 1. September ab wirb bie Wortgebühr für Telegramme nach Bosnien-Herzegowina von 20 Pfg. auf 15 Pfg. ermäßigt. Die Minbestgebühr für ein gewöhnliches Telegramm beträgt 50 Psg. Märkte. fc. Frankfurt a. M., 27. Aug. (Orig.-Telegr. bes „Gießen. Anz.") Amtliche Notierungen ber heutigen Fruchtmarktpreise. Weizen Mk. 17.50—18.00, Kurhessischer Mk. 18.00—00.00, La Plata Mk. 19.25—20.00, Kansas Mk. 19.25—20.25, Roggen (hiesiger) Mk. 15.00 —15.75, Gerste (Wetterauer) Mk. 17.25—17.75, Frauken- selber Mk. 17.75—18.25, Hafer 17.00—18.25, MaisMk. 13.50—13.75, Weizenmehl 26.75—27.75, M. 00—00, 2. Qualität Mk. 24.75 bis Mk. 25.76, 3. Qualität Mk. 22.75—23.50, Noggenmehl 0 Mk. 24.25—24.75,1. Qualität Mk. 22.50—23.00, Weizeukleie Mk. 10.00 bis Mk. 10.50, Roggenkleie Mk. 11.00—11.25, Maiskeime Mk. 12.00 bis Mk. 00.00, Franken, Pfälzer, Rieb Mk. 17.25—18.25. Alles per 100 Kg. ab hier. k«.'Frankfurt a. M., 27. Aug. (Telegr. Orig.-Bericht bes „Gieß. Anz."). Amtl. Notierungen ber heutigen Vieh Marktpreise. Zum Verkaufe stauben: 551 Ochsen, 184 . aus Oestreich, 88 Bullen, 5 aus Oesterreich, 0 aus Dänemark, 154 Kühe, Fersen, Stiere unb Rinber, 4 aus Dänemark, 248 Kälber, 340 Schafe unb Hämmel, 1633 Schweine, 0 Ziegen, 0 Ziegen-, 0 Schaflämmer. Bezahlt würbe für 100Pfund Schlachtgewicht: Ochsen 1. Qualität 88—90 Mk., 2. Qual 76—79 Mk., 3. Qual. 68—72Mk.; Bullen l.Qual. 75 bis 77 Mk., 2. Qual. 71—73 Mk.: Kühe 1. Qual. 80—82 Mk., 2. Qual. 77—59 Mk., 3. Qual. 63-65 Mk, 4. Qual. 00—00 Mk., 5. Qual. 00—00Mk. Kälber: 1. Qual.98—102 Pfg., Lebendgewicht 59—61 Pf., 2. Qual. 90—96 Psg., Lebendgewicht 53—57 Pfg., 3. Qual. 00—00 Psg., Schlachtgewicht 68—70 Pfg., Schafe: l.Qual 00-85, 2. Qual. 00—00 Psg., 3. Qual. 00—00 Pfg.; Schweine 1. Qual. 78—00 Pfg., Lebdgew. 62.00—00.00 Pfg., 2. Qu.78-00Pfg., Lebend- gew. 61.00-00 Pfg., 3. Qual. 68—70 Pfg. Lebeudgew. 60 Pianohandlg. u. Reparatur- < । werkstätte, Seltersweg 91. 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