Nr. 172 Erscheint tLgNH mit Ausnahme des Sonntags. Eie ..Siebener ZamMenblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigclegt. Der »t-efffsch« Landwirt erscheint monatlich einmal. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« Universitätsdruckeret. R. Sange. Gtetz«. Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.K. Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Dietz«. Zweites Blatt 15«. Jahrgang Mittwoch 25. Juli i»06 Gietzener Anzeiger Seneral-Anzeiger, Amts- und Akzeigeblatt für den Kreis Sietzen. die beiden Rücklagen der Vorderfront des Theaters sind große Reliefs in Aussicht genommen, die in lebensgroßer figürlicher Darstellung Tanz, Musik, Wein und Liebe einerseits, Geschichte, Rhetorik, Kunst und Wissenschaft andererseits versinnbildlichen. Die Fensterpfeiler am Mittelbau, hinter denen die Wandelhalle (das Foyer) ihren Platz haben wird, erhalten als Zierrat sieben in Stein gehauene Masken: Zorn, Hohn, Witz, Satyre, Bosheit, Lust und Verachtung darstellend. Der Künstler, der sich bereits mit den Modellen zu dem gesamten bildnerischen Schmuck beschäftigt, hat den Auftrag, sich mit der Fertigstellung zu beeilen, damit das Fortschreiten des Baues nicht behindert wird. R. B. Darmstadt, 24. Juli. Die Neugestaltung der Künstle r - K o l o n i e nimmt allmählich eine feste Form an. Wie jetzt bestimmt verlautet, werden im Laufe des Wintersemesters zunächst drei neue Kräfte in die Kolonie eintreten, und zwar der Architekt Albin Mülle-r, zurzeit Lehrer au der Kunstgewerbeschule zu Magdeburg, ferner der Maler W i l h. K l e n f e n g von der königl. Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, und der durch seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Kleinkunst bekannte Münchener Ernst Riegel. In Verbindung mit der Künstlerkoloiiie sollen auch sog. Lehrateliers für angewandte Kunst geschaffen werden, in denen die Mitglieder der Künstlerkolonie — zu den drei Genannten tarnen noch Prof. O l b- r i ch und der Direktor der neu errichteten Großh. Keramischen Atanufaktur Scharrvogel hier selbst talentierte Schüler je nach dem von ihnen geroählten Studienzweig zu unterrichten hätten. Zur Ergänzung des Unterrichts, in Akt- und Naturzeichnen, Modellierenrc. sollen vorerst verschiedene hiesige Privatkünstler herangezogen werden. — Von der Lieferungsausgabe der „Klassiker der Kunst in Gesamtausgabeu" sind soeben die Lieferungen 38 bis 46 erschienen, die im gegenwärtigen Augenblick aus ein ganz besonderes Interesse rechnen tonnen, da sie den mit den oorhergegangenen Lieferungen begonnenen 2. Band, der sämtliche Gemälde Rembrandts in allerdings nicht durchweg auf der Höhe stehenden, immerhin aber sehr aniiehmharen Reproduktionen enthält,, zum Abschluß bringen. Unter allen aiij den großen holläiidischen Meister bezüglichen Publikatioiien ist keine besser geeignet, das Verständnis für ihn und seine herrlichen Schöpfungen zu fördern, als dieses Werk, das Rembrandts gewaltiges Schaffen zum ersten Male in einer vermöge ihres überraschend niedrigen Preises allen kunst- freundlichen Kreisen zugänglichen Gesamtausgabe darbietet. Die erforderliche kunsthistorische Grundlage für bas? Studium dieser ■ölätter gibt außer einer von Adolf Rosenberg verfassten biographisch- äithelijchen Einleitung ein Anhang von Spezialerläuteruugen zu. den einzelnen Gemälden, an den sich drei die Uebcrsicht sehr erleichternde Register reihen. — Der vorzügliche öfterr. Novellist Ferdinand v. Saar der, wie wir gestern meldeten, infolge eines schiveren Leidens einen Selbstmordversuch verübte, ist in Wien am 24. ds. Alts, ohne das Bewußtsein ivicbererlangt zu haben, gestorben. KotttZsche Tagesschau. Die Wahl in Rinteln-HofgeiLmar wird noch die Wahlprüfungskommission des Reichstages beschäftigen. Das steht schon jetzt fest, ehe noch die Stichwahl getätigt ist, und schon jetzt kann man als Ergebnis der Prüfung die Un'giltigfcit der Wahl voraussehen. Während des Wahlkampfes hieß cs in einem Bericht aus dem Wahlkreise höchst naiv: man dürfe einen für den Deutsch- sozialen Herzog günstigen Wahlausgang mit Sicherheit vorauSsehen infolge des tatkräftigen Eintretens des Landra ts v. Ditfurth für ihn. Herr v. Dilfurth ist Landrat des wichtigsten Verwaltungsbezirkes im Wahlkreise und auch konservativer Landtagsabgeordnetcr. Was anderwärts ivohl auch vorkommt, aber dann eifrig abgestritten zu werden pflegt, wurde hier offen bekannt, als Hauptfaktor des Wahlergebnisses bezeichnet und gleichsam als ein Ruhmes- moincnt für den Land rat hingestellt. Die Wahlprüfungs- koinmission des Reichstages steht seit vielen Jahren auf dem konsequent festgehaltenen Standpunkte, daff eme derartige Parteinahme der Kreisvorsitzendcn oder Bürgermeister ohne weiteres, insbesondere ohne Prüfung ihres nachweisbaren Einflusses auf das ziffermäßige Wahlergebnis, die Ungütigfeit der Wahl zur Folge hat, da anzunehmen ist, daß dort, wo behördliche Personen in solcher Weise in den Wahlkampf ein- zugreifen wagen, der Einfluß der Behörden überhaupt unberechenbar ist. Schon nach diesem Grundsätze luirb die Wahl in Rinteln ohne jeden Zweifel kassiert werden. Die „Köln. 3tg/ berichtet aber noch weiter: „In einem im Wesertal gelegenen Orte verbot der Bürgermeister dem freisinnigen Kandidaten eine Wahlversammlung auf Grund einer Verfügung des Laud- lagsabg. v. Ditfurth. Nach der Erklärung des Bürgermeisters ging diese Verfügung dahin, der Landrat wünsche von jeder Wahlversammlung so rechtzeitig benachrichtigt iverden, daß er in der Lage sei, womöglich einzuschreiten. Als die freisinnige Versammlung nun 24 Stunden vorher augemeldet wurde, verbot der Bürgermeister ihre Abhaltung, da er nicht in der Lage sei, in so kurzer Frist den Landrat wie befohlen zu benachrichtigen." Natürlich ist das ungesetzlich. Das ist aber noch nicht alles. Die Wahltätigkeit des Landrats richtete sich „unparteiisch" und „gerecht" gegen alle Gegenparteien der Deutschsozialen. Nach Offenlegung der Wählerlisten suchte das nationälliberale Wahlkomitee sich Abschriften von ihm zu beschaffen und wandte sich zu diesem Zweck an die Bürgermeister. Darauf erging folgende Verfügung: „Von einer Seite ist an die Bürgermeister das Ersuchen ergangen, Abschrift der Wählerliste zu liefern ober um eine Mitteilung davon, daß dies geschehen könne, da der Antragsteller dann selber Abschrift nehmen wolle. Die Bürgermeister sind weder verpflichtet, die Abschrift zu erteilen, noch überhaupt das Er f u ch en zu beantworten (dein Ersuchen des Wahlkomitees halte ein Freikuvert beigelegen). Dagegen ist jeder, der die Wählerliste einsieht, berechtigt, sich Notizen' auf derselben zu machen. Das darf aber nicht dazu führen, daß ein einzelner die Wählerliste vollständig für sich beschlagnahmt und stundenlang darin schreibt. Auch sind die Bürgermeister nicht verpflichtet, den Personen, welche die Wählerlisteii einsehen, Gelegenheit zum Sitzen und zum Schreiben zu geben. Vielmehr müssen die Leute, die Abschrift nehmen wollen, selber zusehen, ivie sie das machen." Eine Beschwerde gegen diese Verfügung beim Minister des Innern hat zwar Erfolg gehabt, aber die Verfügung illustriert nichtsdestoweniger den allgemeinen Einfluß der Lokalbehörden ans die Wahl. Wenn sie allein auch vielleicht noch nicht die Ungiltigkeit nach sich zöge, so doch jedenfalls im Zusammenhänge mit den anderen die Anfechtung begründenden Tatsachen. Gradezu haarsträubend ist übrigens, um zum Schluffe "och etwas Landrätliches zu erwähnen, was Herr Willy Höweler, Mitglied der freis. Volkspartei, von der bereits kurz erwähnten, an ihm verübten Mißhandlung durch den Landratsamtsdiener Stern in Wolfhagen in einer Zuschrift an die „Freis. Ztg." erzählt. Durch diese Zuschrift wird der Landrat Buttlar in beschämender Weise bloßgestellt. Rußland am Scheidewege. Es ist, als ob der ewige Kreislauf der Natur in Werden und Vergehen sich auch in der Geschichte der Menschheit und der Nationen vollzöge, als ob auch hier dieses Naturgesetz sichln ähnlichen Formen wiederholte. Nur rechnet die Geschichte der Menschheit nicht nach Jahren, sondern nach Jahr- hundcrten. So vollzieht sich in Rußland seit anderthalb Aer Kietzencr Theaterneuvau an dec Südantage ist, was die Zeit der Fertigstellung an» ge^t, bisher wie vorgesehen gediehen. Keller und Parterre- gefchoß des Hauses sind fertiggestellt und teilweise ist sogar die Eyenkonstruktion für die Sitzplätze des ersten Ranges schon rn worden. Man kann sicher darauf rechnen, daß das Gebäude Anfang Oktober unter Dach kommt, damit man den W'"ter hindurch den Ausbau im Innern betreiben kann. Für den äußeren Schmuck des Theaters ist, wie man uns mitteilt, der Bildhauer Jäger aus Berlin gewonnen worden. Er hat bereits die Modellskizzen für seine Arbeiten geliefert, yn.o. ;c >in“ uon den Mitgliedern der Theater-Baukommission beisallig beurteilt worden. Für die Bekrönung des Hauses war ursprünglich als Hauptgruppe ein Löwen-Dreigespann geplant, man ist aber in der Kommission hiervon abgegangen, weil diese Gruppe schon häufig bei Bauten Anwendung ge- funden hat. -gegen hat man die Idee des Bildhauers Jäger angenommen, die als Mittelgruppe Apollo auf einem Siegeswagen mit einem bäumenden Roß bespannt, geleitet von zwei Posaunen blasenden Putten (Knaben), zeigt. Diese Gruppe flankieren zwei weibliche Gestalten, die das Lustspiel und das Trauerspiel darstellen. Diese beiden Gestalten werden in weißem Sandstein ausgeführt, dieHauptgruppe in Kupfer getrieben. Für Jahren, was sich vor ungefähr hundert Jahren in Frankreich vollzogen hat — wer zwischen der französischen Revolution und dem, was man heute die russische Revolution nennt eine Parallele zieht, hat ein reiches und ergiebiges Arbeitsfeld. Ludwig XVI* wird von Carlyle in feiner berühmten „Geschichte der französ. Revolution", die z. Zt. in schöner deutscher Ausgabe bei Georg Wigand in Leipzig erscheint, als klug und kalt, als geborener Herrscher geschildert. Ob das zutrifft? Wer kanns heute entscheiden! Nach alter lieber» lieferung gilt er für gutmütig im Kern feiner Seele, ober schwankend zwischen der Liebe zum Volk und den Einflüsterungen seiner Räte, die sich aus dem moralisch höchst minder- ivertigen französischen Altadel rekrutierten; geneigt, den Wünschen des Volkes nachzugeben, die Leiden dieses Volkes mitfühlend, ober nicht stark genug, sich den Ränken der Reaktionäre zu entziehen. Tiefe Charakteristik stimmt auch auf die allgemeine Meinung vom Zaren, der voll guten Willens zum Frieden die Herrschaft über das heilige schweigende Rußland übernahm; und doch ward viel unschuldiges Blut vergossen infolge der Ränke verbrecherischer Ratgeber. EL wird von gewisser, indes keinesivegs ganz lauterer, sondern vielmehr kraß russenfeindlicher, stets nur auf national sich gebende, tatsächlich aber rein eigennützige merkantile Vorteile bedachter, mit der Wahrheit es nie genau nehmender sensationslüsterner englischer Seite behauptet, der russ. Kaiser sei in Peterhof ein Gefangener und umgeben von einer unzuverlässigen Garde, zu seiner Flucht sei ein spanischen Kriegsschiff bereit. König Ludwig XVI., „Oeil de Boeuf“ genannt, saß in Versailles und machte durch halbe Zugeständnisse das französische Volk mit seinen otisgepeitschten Leidenschaften nur immer rasender. Es war im Juli 1789, als Ludwig XVI. den Versuch machte, das Parlament auszuschalten — der Versuch ist mißglückt, aber er bezweckte eines: die Revolution! Der „dritte Stand", der bei der versuchten Parlamentsauflösung erklärte, er werde nur den Bayonetten weichen, hat allerdings ein etwas anderes Gegenstück in der Reichsdiima gefunden. Die Mitglieder der Duma eilten zum Teil nach Finnland, wo sie em Rumpfparlament bildeten — wer erinnert sich nicht der Zeit, da dieses Wort geprägt wurde I Aber nur einen Tag blieben sie dort versammelt und bereits am Dienstag nachmittag trafen sie, etwa 150 Mann stark, in Petersburg wieder ein. Bei ihrer Ankunft brachte ihnen die Bevölkerung lebhafte Ovationen dar. Der Bahnhof war stark von Gendarmerie besetzt. Die Deputierten fuhren ohne Zwischen- all nach ihren Wohnungen. Es heißt, daß die Mitglieder der Duma noch eine Ver- ammlung abholten werden. Der Ort der Zusammenkunft wird geheim gehalten. In politischen Kreisen erwartet man, die Verhaftiing der Dumamitglieder bei der ersten Kundgebung, zu der sie sich hinreißen lassen würden. So wird heute aus Petersburg gemeldet. Im ganzen aber haben sich die Dinge in Rußland recht ähnlich denen in Frankreich abgespielt. Freilich hat in Ruß- and die Revolution schon einmal mit aller Gewalt eingesetzt; ie wurde niedergeschlagen, während sie in Frankreich allmählich sich entwickelte, um dann mit furchtbarer, elementarer Wucht jenen Niesenbrand zu entfachen. Die Zustände in Frankreich nach dem Putschversuch der Regierung im Juni 1789 waren übrigens die gleichen, wie heute und seit langen Monaten in Rußland. Morde sind auch hier an der Tagesordnung, nur hat man heute nicht den Säbel, sondern die Bombe, die unserer technisch vorgeschrittenen Zeit mehr entspricht. Der Putschversuch der Negierung Ludwig XVI. war das, wenn auch nicht gleich einschlagende Signal zur französischen Revolution. Was folgte, von der Erstürmung der Bastille bis zum Konigsmord und bis zum Zerfleischen der blutgierigen Hyänen der Revolution selbst, war die greuel- volle Folge des Regimes, das im gefährlichsten Augenblick versagte . . . Niemand kennt die Zukunft. Gewiß hätte die Neichs- duma in der Gestalt nie etwas wesentliches leisten können, aber das Volk denkt nur daran, daß man feine Erwählten auseinander trieb, daß man die Akten der Volksvertretung mit Beschlag belegte. Schon ist das Signal zum allgemeinen Generalstreik gegeben, die Eisenbahner beginnen. Werden I heute die Soldaten des Zarentums wieder auf Wehrlose feuern, wie an jenem Januarsonntag im Vorjahr? Der neue Präsident des Ministerrats, Minister be8 Innern Stolypin, hat unter dem 24. Juli an die General- goiwerncure, die Gouverneure, die Präfekten und an den Statthalter des Kaukasus folgendes Telegramm gerichtet: Gemäß den vom Kaiser erteilten Weisungen zum Zwecke der vollen Vereinheitlichung der Tätigkeit der örtlichen Behörden mache ich Ihnen die Mitteilung, daß die Regierung von Ihnen die unverzügliche, bestnninte Unterweisung der Ihnen unterstellten Behörden verlangt, damit die O r d n u n g s ch n e l l, s i ch e r u n d ohne Mißgrifffe wieder hergestellt wird. Ruhe» !t ö r n n g e n müssen unterdrückt, revolntionäreAn- Wandlungen mit a l l e n Al i t t e l n n i e d e r g e h a l t e n werden. Die gesetzlichen Maßnahmen, die Sie ergreifen, sind genau zu erwägen. Der Kampf richtet sich gegen die Felnde der Gesellschaft, nicht gegen die Gesellschaft selb st. Infolgedessen sind U n t e r d r ü cku ngs m a ß n ahme n in großem Stile nicht zu billigen. Ungesetzliche, unkluge Handlungen, die Unzufriedenheit statt Beruhigung schaffen, dürfen nicht geduldet werden. Die A b s i ch t e n des Kaisers sind u n e r s ch.ü t t e r l ich. Tie Regierung ist fest entschlossen, durch Beseitigung und Blenderung der alten, ihrem Zweck nicht mehr entsprechenden Gesetze auf gesetzt. Wege Hilfe zu schaffen. Das alte Regime wird Verjüngung er ' a hre n, doch muß die Ordnung aufrecht erhalten werden. Sie müssen also in dieser Hinsicht eigene Initiative zeigen, da auf Ihnen die Verantwortung ruht. Ein e n t s ch i e d e n e r, e n e r g i- > ch e r Wille, in dieser Weise betätigt, wird von dem besseren Teile der Gesellschaft zweifellos unterstützt. . Man sieht, Stolypin (mit dem Ton auf der mittleren; Silbe) scheint ein Mann der Dcrt zu sein, der mit kraft-s boller Hand unter Anwendung nur gesetzlicher, aber nichts--, destoweniger energischster Mittel Ordnung schassen möchte, unter Vermeidung alles Unheils und Blutvergießens. Was ihm gelingen wird, steht dahin. Augenblicklich herrscht irr Petersburg noch Ruhe. Nur in der Schatowaj astraße tarn es am Dienstag Abend noch zu einem Krawall, den jedoch von Kavallerie, die von der Waffe Gebrauch machte, bald unterdrückt wurde. Nachrichten vom Ausbruch des Generalstreiks liegen noch nicht vor, doch hat die Regierung allen Bahnchefs Instruktionen erteilt. Insbesondere würben sie angewiesen, den Telegrapyendienst um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Man denkt an Äne Ruhe vor dem Sturm. Tie Agitation ist in vollem Gange. Tie Unzufriedenheit über die Auflösung der Duma wächst und um» saßt sogar bisher ziemlich konservative Kreise. Tie Po st b e am t e n sollen mit den revolutionären Ar-, beiter-Organisationen gemeinsame Sache machen. Sie beschlossen in einen Generalstreik einzutreten, wenn der Rat der Arbeiter den Ausstand beschließen sollte. Dieser Beschluß erscheint umso bedeutungsvoller, als sich nicht nur die unteren Postbeamten solidarisch mit den Arbeitern er-, klärt haben, sondern auch die Beamten der höheren Ressorts. Gin. Petersburger Hofkorrespondent telegraphiert, daß die fortichrittlicheu Mitglieder der Duma glauben, der Zar fei gezwungen worden, den Auflösungs-Ukas zu unterzeichnen. Er habe nur unter dem Druck der Hofparte,r gehandelt. Nach anderer Meldung erteilte er dem Ministerpräsidenten Stolypin den Befehl, die Regierung in freiheitlichem Sinne zu reformieren und die Minister aus den Kreisen des Lldels, des Großgrundbesitzes und der übrigen Gesellschaftskreise auszuwählen. Bevor die Duma- auflosung beschlossen wurde, sanden in Peterhof ernste Erwägungen statt über die Kaisertreue bes Militärs. Da sowohl der Kriegsminister wie der Generalstabschef versicherten, daß die Armee treu sei, da die ökonomischen Forderungen her Soldaten bewilligt wurden, wurde der Akt der Auslosung der Duma vom Zaren unterzeichnet zusammen mit der Verabschiedung Goremykins. Stolypin hatte zuvor dem Zaren einen Bericht übermittelt, worin die Auflösung der Duma als unumgänglich bezeichnet wurde, da sie in ihrer jetzigen Gestalt eine Gefahr für den Monarchen wie für die Dynastie überhaupt bedeute. Stolypin ist auch der Erfasser des Manifestes. Man hält es übrigens nicht für ausgeschlossen, daß die Negierung durch einen Staatsstreich das allgemeine Wahlrecht einführt, falls die Sachlage es verlangt. Auch die Gewährung politischer Gleichberechtigung auf demselben Wege hält man für möglich. Der Aufruf des Generalstreiks wirt) für nächsten Samstag erwartet. Nach Meldungen aus Kopenhagen hat die Kaiserin- Mutter von Rußland eine Villa in der Nähe von Kopenhagen gekauft, damit dort die kaiserliche Familie Wohn» ung nehme. Mit Ausnahme der „Nowoje Wremja", der Rossija" uud der „Petersburgskija Wjedomosti" sind alle großen, politischen Tageszeitungen Petersburgs sowie zwei.. Moskauer Blaffer 5on fr sziert worden. Vermutlich steht diese Konfiskation mit der Kundgebung des engk. Premierministers (hgT. den Artikel „Die interparlamentarische Friedenskonferenz") im Zusammenhang. Diese Zeitungen werden die Rede Eanrpbell-Bannermans gebracht und vielleicht mit zustimmenden Aeuszerungen begleitet haben. Es wäre begreiflich, das; die russische Regierung nicht auf eine so eklatante Weise vor dem Land ins Unrecht gesetzt sein will, zumal durch eine autoritative Persönlichkeit des Auslandes. In Odessa hat das Gemetzel bereits begonnen. Der Präfekt war nicht imstande, einzuschreiten und konnte nicht den Zerstörungen, welche die Kosaken anrichteten, Eim halt gebieten. Mehrere Gouverneure erklärten, sich solange zu weigern, die Juden zu beschützen, bis diese ihre Vaterlandsliebe dadurch gezeigt hätten, das; sic ihren Beitritt zum patriotischen Verband erklären. Die Plünderungen in den Vorstädten Odessas seitens der Kosaken wurden erst gegen abend eingestellt. Die Einwohner haben sich massenweise |üt der Stadt au gesammelt, w o alle Häuser unb Hotels überfüllt sind. Es herrscht furchtbare Panik. Die .Behörden verhalten sich passiv. Die Moskauer Garnison wurde durch aus den Ucb- ungslagern hera'ngezogeiw Truppenteile bedeutend verstärkt. Sämtliche Moskauer Bahnhöfe werden von starken Malitärabtcilungen, von Gendarmerie und Polizei scharf bewacht. Gepanzerte Züge mit geheizten Lokomotiven stehen bereit. Haussuchungen und Massen-Arretierungen dauern fort. Aus Tiflis, Baku und B a t u m trafen Meldungen über die Auflösung der Duma ein. Die Regierung verfügt in den südwestlichen Provinzen, wo man besonders den Ausbruch von Unruhen befürchtet, über 600000 Mann Truppen. ©ütcm Londoner Blatte zufolge hat der englische Schriftsteller Zangwitl von russischen Juden ein Telegramm erhalten, worin für den 28. Juli ein Pogro m angekündigt wird. Der 23. Juli ist der Jahrestag des Beitritts der Russen zum Ehristeutum. Die Organisation des Pogroms wird eifrigst betrieben. Die Juden flehen die Hilfe Europas an. Finanzkreise betrachten die Lage Rußlands sehr pessimistisch und sprechen offen von einem unvermeidlichen Znsannncnbrnch. Stolypin wird sich nicht besonders getroffen fühlen durch die Erklärung im Manifest der Duma, Anleihen ohne Zustimmung der LZolksvertretung brauche das russische Volk nicht anzn - erkennen und nicht zu bezahlen. Ans Bezahlen denken bie Finanzkünstler an der Newa für absehbare Zeit wohl überhaupt nicht. Soweit Verpflichtungen in dieser Hinsicht erwachsen, bleibt es den ausländischen Emissionsbanken überlasten, sich ihnen 511 unterziehen. Ob die „degradierten" russischen Volksvertreter ein neues Anleihegeschäft billigen oder nicht, darüber werden sich die leitenden Persönlichkeiten kaum graue Haare wachsen lassen. Man hat bisher im Ausland geborgt, ohne das Volk um seine Einwilligung zu fragen, und würde das Geschäft skrupellos und herzlich gern fortsetzen — wenn sich wieder Kreditgeber fänden. Wahrscheinlich finden sie sich aber nicht, auch wenn die russischen Unterhändler in den beweglichsten Worten versichern sollten, das „große Neformprogramm" sei ohne flüssige Mittel nicht durchzuführen. Die französische Hochfinanz hat erklärt, nur einem parlamentarischen liberalen Regime in Rußland neuen Kredit eröffnen zu können. Das Londoner Nustenkonsortium sitzt gründlich fest mit seinem Anteil an der letzten russischen Anleihe, kann also garnicht daran denken, sich in neue Finanzgeschäfte einzulassen. Auf den deutschen Geldmarkt ist selbstverständlich am wenigsten zu rechnen. Kurz, es bestände einzig die Möglichkeit, daß der russischen Negierung von einer Seite Vor- schuffe auf eine später, nach Ueberwindung der inneren Krisis, zu vereinbarende Anleihe gewährt werden, was aber auch ckaum wahrscheinlich ist. Solange also nicht mit einer neuen Duma geordnetes Verfastungsleben in Rußland Einzug hält, solange bleiben einerseits der russische Staat, andererseits die russischen Stadtverwaltungen, z. B. Moskau, und Eisenbahngesellschaften auf die eigene Finanzkraft angewiesen. Kirche und Schule. Dortmund, 25. Juli. Das Landes-Konsistorium hat die Wahl k>es Pfarrers Cesar aus Wiesental zum Pfarrer der Rcinoldi- Gemeinde in Dortmund die Bestätigung versagt. Die Nicht- bestätigung erfolgte wegen vorliegenden Mangels an Uebcrcinstimmung des Gewählten mit dem Bekenntnis der Kirche. Ausland. Amsterdam, 24. Juli. Königin Wilhelmine wurde heute in Schloß Hct Loo plötzlich von einem Unwohlsein betroffen. Der Arzt Dr. Roesznigh reiste sofort nach Het Loo, wohin sich auch die Königin Mutter im Automobil begeben hat. Man vermutet daß es sich wieder um eine Frühgeburt handelt. Der Gesundheitszustand der Königin ist nach neuester Meldung aber zufriedenstellend, sodaß ihre Wiederherstellung in der nächsten Zeit zu erwarten ist. Paris, 24. Juli. Nach einer römischen Meldung hat der Vatikan bei der italienischen Regierung angefragt, ob man bei der Ueberführung der Gebeine des Papstes Leo XIIT. von St. Peter nach St. Johann vom Lateran darauf rechnen könne, daß auf den Straßen, die der Zug passiert, die Ruhe aufrecht erhalten wurde. Der Vatikan erhielt die Antwort, daß Leo XIIT. militärischen Ehren erwiesen werden und daß militärische Abordnung bei dem Zuge Spalier bilden würden. Die Herbstübmrgen des 18. Armeekorps. Die 21. Division übt, wie man uns schreibt, in der Provinz Rheinhessen, die 25. Division in der Provinz Starkenburg. 21. Division: Die 41. Infanterie-Brigade. Regiment 87 und 88 (Mainz) exerziert vom 16. bis 22. August im Regimentsverbande bei Wackernheim, vom 23. bis 28. August findet ebenda das Brigadeexerzieren statt. Die 42. Jnfanterie- Vrigade (Regt. 80) Wiesbaden, Homburg; 81 (Frankfurt a.M.) rmd 166 (Hanau) exerzieren bei Weißkirchen i. Taunus vom 16. August bis *3. September im Regiments- und Brigade- Verbande. Die 21. Feldartitlerie-Brigade (Regt. 27 und 63) bi, y-, _ m <£•'«. ™Mt)tt SBX 3tS 1 Note ti' "b ">'«■ :anlii fc £"*«. 1 ^Nettt» . ""’ °°n ®,;E,niaU ,* i»oü®' > ht J(. To, bas ®e- *■ Nqc/fi,1, IMt b«S to» ‘ ""'S U"b »«Ä b'r A muri, l,e9en. 'PPenbtücbe I? lch >4**1 SVa- ???■** 1 MWm, otmt b*ib«in^u\* -Emb N ■P151"»*« beg Sanb. Nnnte niebec. Sa5 'ileJ> "« mit (nojptt verbrannten die Möbel ,u$ ba§ Anwesen des >e Wehren von HM. "en zu Hilfe. !u Ein tödlicher *u. Der 64 Jahre l0m »weiten Etocknmi öaß der Tod aus der den Meister kein' M um einen Unfall, ■e hier. 1 Nckz in Nr. 170 rschlagene Pferd nicht sondern dem Metzer Gestern ereignete sich )en Tod eines sehr acht« vom Geschick schwer ge« rhardt, der schon über iutspachtcr Kammer als end, auf einem Pscrde- use. Mitten im Dorfe urch. Er fiel herunter, mi den Zinken desselben zum $ofcingang geltet unb ftarb bcilb ünchhau^rrr machte >iri§, die Mutter drein Qtn ein Ende. Die $uli. S. K. h. der heute nachmittag 4 Uhr furnier, nahm das Diner cgen abend im Automobil r». Im Staate Washing« flammen, iwbn neun (, gtlitcffflotbtnfinb n wird «u§ °ll°» W ooai auä Twub-ii l0rtmttb man durch nuch- ,jncr Berliner Mug ■i MiLoncn Kqnlch i IM* SSeinf hlieklich >T8,inftIerei ch°>"' -P gebe»"' _ Man 3uten M-S frfnen >-rb°«"2eiuMnn Ne '"?Alben>n*L etri-b-"^ 'belsol^n c ]üDbet 'bin Stift M 7versch^°E. ® iS&SS? tfSfeS ?/' r sich »tW 8. ; und ft®in E-- »Ä -- Äi‘«tw ICutiff rind Wissenschaft. — Ein merkwürdiges Theater war das fürstliche in Sondershausen zur Zeit des 1794—1835 regierenden Fürsten Günther. Damals nxtr cs wohl das einzige Theater in Cmropa, in dem kein Eintrittsgeld zu zahlen war. Dennoch hatte es sehr gute Kräfte und zahlte auch hohe Gagen. Wer eine Vorstellung besuchen wollte, konnte sich am Vormittag im tbosmarschallamte gegen Quittung eine Freikarte holen und erhielt am Abend im Theater einen Platz je nach Rang und Stand angewiesen. Begreiflicherweise war das Theater allabendlich aus- verschcnkt. Dielt sich Fürst Günther in Sondershausen auf — und das war gewöhnlich der Fall — so fehlte er nie in seinem Theater. Im Tagebuch eines alten Mimen findet sich folgende Schilderung: „In pelzverbrämter Jacke, gelblichen Lederhose» unb, hochhcraufgez'ogenen Schlappstieseln, die Pelzmütze auf dem Kopfe, die lange Pfeife mit dem schweren, silberbcschlagenen Meerschaumkops im Munde, eine Hetzpeitsche an der Seite hängend, saß der Fürst in erster Reihe auf einem Lehnsessel, einen kleinen, runden, eichenen Tisch vor sich, auf welchem ein schwerer, altdeutscher tönerner Bierkrug, voll des edlen Gerstensaftes, stand, dem der alte Herr von Zeit zu Zeit zusprach." Erregte etwas seine ganz besondere Zufriedcnb.'it, so hielt er mit deren lautem Ausdruck nicht zurück und rief v B. mitten in einem Dialog nach der Bühne: „Hcckscher" (dieser ausgezeichnete Schauspieler wurde von ihm in jeder Beziehung bevorzugt, „du bist ein ganzer Kerl, das hast du gut gemacht!" Satten fürstliche Gäste im Theater an seiner Seite, und äußerten sie sich lobend über den einen oder den anderen Künstler, so gesck-ah cs nicht selten, daß der Fürst aufstand und z. B. dem Ferdinand in „Kabale und Liebe" zurief: „Heckscher, die denken hier, du seiest bloß ein auter Schauspieler; zeige ihnen, daß du auch singen kannst; singe einmal die — oder die — Note: Jürgens (so hieß der erste Geiger), gib sie ihm mal an! Dies geschah denn auch. Ferdinand unterbrach seine Szene mit Luise und sang. Zufrieden- gestellt ließ sich der Fürst mit den Worten wieder nieder: ,.Na, da habt ihrs. Nun spiele weiter!" Es kam auch vor. daß er einen Schauspieler, der ihm in einer neuen Rolle ganz besonders gefallen hatte, am nächsten Morgen zu sich bescheiden ließ und zu ihm sagte: „Zur Strafe für dein schlechtes Spiel schicke ich dick auf 24 Stunden zur Wache!" Kaum hatte sich nun der so Bestrafte beim wachthabenden Offizier gemeldet, so kamen auch schon ein paar Körbe voll Champagner an. denen einige gute Freunde folgten. Und wenn dann schon etliche Flaschen geleert waren, guckte oft das vergnügte Gesicht des Fürsten durch das Fenster des Wachtlokals. Ms einmal ein Frl. Mever in der Rolle der Luise gastierte, gefiel sie so außerordentlich, daß der Fürst sie mit 4000 Taler G«chatt anstetten wollte. Da aber die Künstlerin nur unter der Bedingung darauf eingehen wollte, daß ihr Vertrag mit dem Münchener Hoftbeater gelöst würde, so sagte er: „Das wäre ein Unrecht, und zu einem solchen will ich nicht die Hand bieten!" Und Frl. Meyer wurde nicht engagiert. SchiffsnachrZehten. Red Star Linie. Der Postdampser „Zeeland" der Red Star Linie in Antwerpen, ist laut Telegramm am 9. Juli wohlbehalten in Newyork angekommen. — RtichSbank. Ain 16. Juli wird in Ziclenzig eine von der Neichsbankstelle in Frankfurt (Oder) abhängige Reichsbanknebenstelle mit Kasseneinrichtung und beschränktem Giroverkehr eröffnet werden. Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst. Voraussichtliche Witterung in Hoffen für Donnerstag, den 26. Juli 1906: Vielfach heiter, trocken. Temperatur wenig verändert. Schwache westliche Winde. Näheres durch die Gießener Wetterkarte. Origittal-Dtkohtsneldungen. le. Frankfurt a. M„ 25. Juli. Heute vormittag wurde dsr 25jährige Postbote Joses Quickert verhaftet, weil er seit acht Tagen Briefe, die an höhere Militärpersonen gerichtet waren, beseitigte, sie erbrach und vernichtete. M'ünchcn-Gladb ach, 25. Juli. In einer hiesigen Grube wurde die Leiche eines 40jährigen Mannes gefunden, welche schwere Wunden und von Hammerschläg«."n herrührende Schädelverletzungen aufwies. Anscheinend handelt es sich um einen Raubmord'. Düsseldorf, 25. Juli. Das Stadtoerordnetenkollegium genehmigte den Verkauf des Gy mn asialg ebäu des an die Firma Tietz zur Errichtung eines Warenhauses zum Preise von 1 900 000 Mk. Lüneburg, 25. Juli. Ter Ziegeleiarbeiter Karl aus Oberndorf wurde in der Unterelbe unweit Stade als Leiche, furchtbar verletzt, aufgefundcn. Es liegt Raubm ord vor. Hamburg, 25. Juli. Hier ereigneten sich gestern vier Hitzschläge. Einer davon ist tödlich verlaufen. Stettin, 27. Juli. Hier starb der Chemiker Bathke nach dem Genüsse unreifer Kartoffeln an Salaniu- vergiftung. Ploen, 25. Juli. Prinz Oskar von Preußen bestand die Abituricntenprüfung mit gutem Erfolge. Würzburg, 25. Juli. Im Dorfe Geiselwind wurden der Landwirt Mahr und der Gürtler Götz ohne Veranlassung von dem Händler Bätz erschossen. London, 25. Juli. Die britische Admiralität teilte allen die Ostsee befahrenden Schiffen mit, daß die russische Kriegsflotte Fahrzeuge auf verbotenen Wasfcn- import durchsucht und eventuell beschlagnahmt. Haag, 24. Juli. Das Amtsblatt veröffentlicht folgendes Bulletin: Ein leichtes Unwohlsein der Königin hat die Hoffnung, die man während einiger Zeit gehegt, vernichtet. Der Gesundheitszustand der Königin gibt keinen Anlaß zur Besorgnis. Paris, 25. Juli. Einer Petersburger Mitteilung zufolge wird Stolypin ein Zentralbureau errichten, um in umfassender Weise die Reichsdumawahlen zu leiten. Todes-Anzeige. Heute nachmittag 43/« Uhr entschlief saust nach längerem Leiden unser lieber, unvergeßlicher Sohn, Bruder und Neffe Herr August Klenk Kaufmann int Alter von 19 Jahren, was wir allen Freunden und Bekannten tiefbetrübt mitteilen. 4545 Elisabethe Klenk, geb. Keller Sophie Klenk. Gießen (Neustadt 8), Marburg, 24. Juli 1906. Tie Beerdigung findet Freitag den 27. d. Mts., nach- mittags 5 Uhr, vom Portale des neuen Frtedhoss aus statt. St?Etienn e', 25. Juli.' Zwischen auSffänb’tgtn Arbeitern und der Polizei kam es zu heftigem Zusammenstoß. Die Arbeiter versuchten, eine Brücke mit Dynamit zu sprengen. Ein Arbeiter wurde getötet, etwa 30 Gendarmen erlitten leichtere Verletztmgcn. Chambery, 25. Julü Die Uebcrschwemmung des Cham o un i hat bedeutenden Schaden angerichtet. Die Verbindungen mit Italien sind vollständig unterbrochen. Auf wettem Gebiet wurde der Kulturboden vom Wasser weggeschwemmt. Auch ein Sägewerk wurde von den Fluten weggerissen. Viele Häuser drohen einzustürzen und mußten eiligst geräumt werden. Sieben Personen sind ertrunken. Petersburg, 25. Juli. Der Journalist Chischm- jakmv, der unter den aus Finnland zurückgekehrtcn Abgeordneten viele Freunde hat, wurde verhaftet, weil er diese auf dem Bahnhofe grüßte. Petersburg, 25. Juli. Agitatoren prophezeien, die neue Duma müsse noch radikaler ausfallen als die alte. Ein Ausstand ist vor zwei bis drei Monaten nicht zu erwarten. Seit Sonntag wurden über 200 Personen verhaftet. — Als allgemeine Direktive erklärt Stolypin folgendes: Wir wollen mit einer gesunden Reichsduma regieren, um Europa zu beweisen, daß wir ein sklavisches Rachäffen gewisser westeuropäischer Phrasen noch lange nicht als Givfel der Staatswcisheit anerkennen. Wir hoffen vielmehr, in der Hauptstadt, wie in den Provinzen national gesinnte Patrioten in genügender Zahl zu finden und diese staatserhaltenden Elemente für die Volksvertretung zu gewinnen. Mit au, 25. Juli. Wieder ist ein Jahrhunderte altes, an Ktmstschätzen reiches Schloß von Revolutionären vernichtet worden. Gestern überfielen 15 Bewaffnete das Schloß Rernten in Kurland, deut Grafen Konrad Med em gehörig, zerstörten es und brannten es völlig nieder. Im Kampf wurde dec Gutsverwalter schwer, zwei Staatsbeamte leichter verwundet. Die Räuber zogen fort, bevor das Militär eintraf.' Odessa, 25. Juli. Gestern versammelten sich Kosaken bewaffnet in der Kaserne, um den Tod ihres ermordeten Kameraden an den Juden zu rächen. Vergebens versuchte der Kommandant sie von dem Vorhaben abzubringen. Zur rechten Zeit erschien das Iswolski-Regiment und entwaffnete die Kosaken. Rur einige gelangten durch die Fenster auf die Straße, töteten einen Passanten und verwundeten drei. > Newyork, 25. Juli. Ungefähr 20 Meilen von Spontane Washington verunglückte ein Expreßzug der Greath Northern-Babu. Als der Zug durch das Portal eines Tunnels herauSsuhr erfolgte eine Schienen-Schiebung und die Maschine stürzte, gefolgt von ztvei Wagen, eine 60 Fuß hohe Böschung hinunter in den Diamant-See. Die anderen Wagen blieben auf dem Geleise, gerieten jedoch durch GaS- entzündung in Brand. 9 Männer, die im Rauchwagen saßen, fanden im See ihr Grab. Durch die Explosion des Gasbehälters wurde nur ein Mann schwer verletzt. Telefonische des Giessener Anzeigers, roiter« und Industi Frankfurter Wtt 3%°/o Reichsanleihe . . 99.45 3% do. . . 87.75 3j^°/o Konsols .... 99.40 3% do 87 70 3J4°/O Hessen 98.40 3%°/„ Oberhessen . . . —.— 4 9o Oesterr. Goldreute. . 100.40 4‘/r, Oesterr. Silberrente 100.35 4% Ungar. Goldrente . . 95.70 4% Italien. Rente . . . 103.30 3% Portugiesen Serie T . 70.00 3% Portugiesen „ III 70.60 4J40/0 russ.Staatsanl. 1905 84.50 4%°/n japan. Staatsanleihe 70.75 4 % Conv. Türken von 1903 94 20 Türkenlose 95 50 4% Griech. Monopol-Aul.. 53.00 4% äussere Argentinier . 90.70 3°/n Mexikaner .... —.— 4^% Chinesen .... 98.40 Aktien: Bochum Guss 239.50 Buderus E. W .... 00.00 Tendenz: ziemlich fest. Berliner Börse, Canada E. B 159.25 Darmstädter Bank . . . 138.00 Deutsche Bank .... 234.10 Dortmunder-Union C. . . 83.50 Dresdner Bank .... 155.20 Tendenz: fest. Kwrsfeerichfe teilt von der Bank für Handel ie, Giessen. r«e. 25. .Inli, 1.15 Uhr. Elektriz. Lahmeyer . « . 140.00 Elektriz. Schnckert . . . 125.50 Eschweiler Bertrwerk . . 248.50 Gelsenkirchen Bergwerk . 219.00 Hamburg-Amerik. Paketf. 155 20 Harpener Bergwerk. . . 207.25 Lanrahütte 227.00 Nordd. Lloyd 125.25 Oberschles. Eisen-Industrie 123.00 Berliner Handelsges . . 166.25 Darmstädter Bank . . . 138.10 Deutsche Bank . . . 234.80 Deutsch-Asiat. Bank . . 175.50 Diskonto-Kommandit. . . 181.00 Dresdner Bank . . . 155.00 Kreditaktien 208.10 Baltimore- und Ohio- Eisenbahn . . . 116.00 Gotthard bahn —.— Lombard. Eisenbahn . . 34.80 Oesterr. Staatsbahn . . . 142.90 Prince-Henri-Eisenbahu . 139.20 25. Juli. Anfangskurse. Harpener Bergwerk. . . 206.20 Lanrahütte 227.50 Lombarden E. B. ... 34.40 Nordd. Lloyd 124.10 Türkenlose . . . . —.— SonüMin m Tale uni) Nebel aas bei. Sähen — M das erlebt man immer wieder, wenn man wandert. Wer aber ans der heißen Sonne in den kalten Nebel tritt, erkältet sich, und wer sich erkältet oder doch stirchten muß, daß er sich erkälten könnte, der wird stets gut daran tun, M Fays ächte Sodener Mineral-Pastillen sowohl für den einzelnen Fall, als auch reaelinäßig — der Vorbeugung wegen — zu gebrauchen. Wer die Pastillen noch nicht E325S3 kennt, wird darüber staunen, wie pronzpt diese? ausgezeichnete M Quellenorodukt wirkt. Tie Schachtel kostet 85 Pfg. und ist in sämtlichen Apotheken, Trogen- und Mineralwasserhand- langen zu haben. hv*/e Jr Köln a. Rh. Gegründet 1800. t Caffe“Surrogat und Caffe-Essenz 9 sind unerreicht, daher die besten und feinsten Caffezusätze. I Achtung vor minderwerthigen Nach- I ahmungen, die vielfach im Handel! — * K l e i n e Tag eschronick. Auf Grund der Anschuldigung des (Satten niorbeß ist gegen den Oberamtmann Graichen in Schwerin bei Königs-Wusterhausen eine Untersud)ung eingeleitet worden. Die Staatsanwaltschaft hat die Exhumierung der verstorbenen Gattin angcordnct. — In der Zündbänderfabrik von Ferdinand Witte in Barmen ereignete sich eine Pulvcrexplosion. Der 23 jährige Chemiker Hofmann wurde in Stücke zerrissen. Der Schaden ist bedeutend. — In W a n n e in Westfalen wurde der N a ch t s ch u tz m a n n Wenst- hoff ans einem Patrouillengauge durch Nevolverschüsse tätlich verletzt. Der Täter wurde verhaftet. — Die Mitteilung, daß der frühere Sartorius wegen Steuerhinterziehung mit einer Geldstrafe von 36 000Mk. belegt worden sei, ist, wie Sartorius der ^Fftr. Ztg." mittcilt, irrig. Es wurde übcrhauvt kein Verfahren wegen Steuerhinterziehung gegen ihn eingeleitet. — In Dresden wnrde der Geh. Kommerzienrat Hahn gegen eine Kaution von 75 000 Mk. auf drei Monate aus dem Gefängnis beurlaubt, nm im Jntcresie seiner Gläubiger den Zwangsverkauf seiner Grundstücke zu verhindern. Tie Kaution haben seine Gläubiger aufgebracht. Aniveriitäts-Nachrrchten. Berlin, 25. Juli. Heute morgen V02 Uhr verstarb int 72. Lebensjahre der Vizepräsident des evangelischen OberkirchenrateS nnd ordcntl. Professor der Theologie, Exzellenz Dr. Freih. von der Goltz, der Propst der hiesigen St. Petri-Kirche. — Die Mediziner im Heer. Seit der Einführnng des praktischen Jahres für Mediziner wird von den einjährig-freiwilligen Aerzten darüber Klage geführt, daß sie das zweite halbe Jahr nicht als Medizinalpraktikanten dienen dürfen. In der Tat kommt die Tätigkeit des einjährig-freiwilligen Arztes der des Mediziualpraktikantcn fast in allen Punkten gleich. Wie die „Münch. Neucst. Nachr." mittcilcn, wandte sich nun die Münchener „Klinikcrschast," das ist eine Vereinigung der Mcdizinstudierenden in klinischen Semestern, mit einer Petition an den Reichskanzler und das bahr. Kultusministerium, es möchte gestattet sein, daß die halbjährig gedienten Mediziner ihr zweites Halbjahr als Militärarzt während des neu hinzugekommencn praktischen Jahres dienen könnten. Die Vorstellnngsbciuche, welche in dieser Angelegenheit von der Dorstandschaft im Ministerium, bei Geheimrat von Winkel, bei Generalstabsarzt Dr. v. Bcstclmcstcr und anderen gemacht wurden, ergaben sehr günstige Aussichten für die Petition. Tie medizinischen Fakultäten sämtlicher deutschen Universitäten werden eingeladen, sich der Münchener Klinikerschaft in dieser wichtigen Sache anznschließem Gerichtssaal. Dort in und, 24. Juli. Im Prozeß wegen des Grubenunglücks auf Zeche Borussia wurden heute die Bergleute vernommen, die sich unter Tage befanden, als sich das Unglück ereignete, sich aber rechtzeitig durch einen Luftschacht retten konnten, während der Förderschacht schon in Flammen stand. Ter Vorsitzende stellte wiederholt fest, daß unter der Be egschast der Borussia Disciplin wenig vorhanden war, daß die Bergleute vielmehr unternahmen, was sie wollten. Ferner wurde durch Zeugenaussagen übereinstimmend sestgestellt, daß Löschvorrick)- langen i a st keine vorhanden waren. Der Mann, der das Telephon bediente, hat sich ntt die an ihn ergangene Weisung, es brenne im Schacht, gar nicht gekehrt. Ein Aussetzer veranlaßte die Leute, als schott der Rattch hervordrang, noch zu bleiben, der Angeklagte hatte indeffen alle Vorkehrungen getroffen, um die Leute zu retten. Handel und Oerkehr, Volkswirtschaft. — Zur Lage des R u s s e n m a r k t e s. Es hat sich ergeben, daß der Besitz an russischen Werten in Deutschland in den letzten Jahren eine Verringerung erfuhr, er ist aber immer noch sehr bedeutend, sodaß das Interesse des deutschen Kapitals an den Geschicken Rußlands sehr groß ist. Mit einer gewiffen Genugtuung wird in Börscnkrcisen jetzt davon gesprochen, daß Deutschland sich nicht an der letzten 5% russischen Anleihe beteiligt hat, und daß es dadurch vor weiteren großen Verlusten verschont geblieben ist, während Oesterreich, das sich sonst so überängstlich von Ausländsanleihen fernhält, den Verlockungen des hohen Zinssatzes und des niedrigen Kurses gefolgt ist und nunmehr sein Debüt als Gläubiger Rußlands sehr hoch bezahlen muß, so heißt es in einem Berliner Stimmungs- bericht der „F. Z." Wir unsererseits möchten aber doch dazu bemerken, daß in den meisten Börsenblättern die Erregung darüber, daß Deutschland bei der Anleihe nicht Mitwirken konnte, außerordentlich lebhaft war. Ja, eS wurde geschrieben, daß die Regierung die Banken und das Kapital durch ihre Zurückhaltung schädige, während das Ausland den Nutzen aus der russischen ?lnleihe zöge! Schwere Vorwürfe sind auch dem Finanz» Minister sowie den Präsidenten der Reichsbank und der Seehandlung gemacht worden, weil sie in ihren Gutachten gegen eine Beteiligung deutschen Kapitals an der neuesten russischen Anleihe und gegen eine Erweiterung des deutschen Besitzes in russischen Werten sich aussprachen. — Von d e r Berliner Börse. Das Manifest eines Teils der seitherigen Volksvertreter, das zur Verweigerung der Steuerzahlung auffordert, und erklärt, eine etwa in der parlamentslosen Zeit abgeschlossene Anleihe werde als nicht zu Recht bestehend angesehen werden, fand eine nicht gerade günstige Ausnahme seitens der Börse, namentlich was den ersten Teil betrifft. Die Haltung war int allgemeinen beruhigend, da keine neuen Ueberraschuugen aus Petersburg gemeldet wurden. Auch wird daS Gerücht, die Seehandlung verweigere die Russen-Lombardierung als falsch bezeichnet. Anregend wirkte die feste Haltung des Newyorkcr Platzes. Lombarden verkehrten in gebesserter Haltung, Prince Henri waren schwach, amerikanische Bahnen etwas befestigt, Baltimore 115.80 gegen 115.10. Bankaktien waren noch etwas fester, hingegen Russenbank recht schwach. Von Bergwerksaklien waren besonders Harpener beliebt und stiegen von 204.60 bis 206.50. Inländische Anleihen behaupteten sich und Schiffahrtsaktien waren erholt. UebrigenS muß noch erwähnt werden, daß die sttuffen von 1902 gegen Börsenschluß von 70 bis 69.40 zurückgingett. Privatdiskont 36/s7o- Märkte. fc. F r a u k s u r t a. M., 25. Juli. lOrig.-Telegr. des „GZieß. Anz/9 V i e tz nt a r k t. Zimt Verkattse standeit 00 Kälber, 00 Schafe und Hammel. 1113 Schweine; 1. Qual. 75—00 Pfg. Lebendgewicht 58.00—00.00 Pf., 2. Qual. 74—00 Pß, Lebendgewicht 57.50-00 Pfg., 3. Qual. 63—65 Psg. Kälber 1. Qual. 00-00 Pf., Lebendgewicht 00—00 Pig., 2. Qual. 00—00 Psg., Lebendgewicht 00—00 Psg., Schlachtgewicht 00— 00 Pia. Schatt *1. Oiualitä: Schlachtgewicht 00—00 Pfg., 2. 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