Nr. 206 erscheint täglich außer Sonntags. Dein (AießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Giehenrr Familien, blätter oiermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Unioers.-Buch-u.Slem- druckeret. 0t Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul st raße 7. Redaktion 113 Verlag u.Exped.L^Aöl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Erstes Blatt 156. Jahrgang Montag 3. September 1906 GietzenerAnzeiger ** General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen DezugSvretSr monatlich 7b Vs., oiertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- n. Zweigstellen monatlich 6d Pf.; durch diePostMk.2.— uiertcl- jährl. ausschl. Bestellq. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenprcis: lokal 12Pf^ auSwärtS 20 Psg. Verantwortlich tüt den polit. und allgem. Teil: P. Witt ko; für »Stadt und 2anb* und .GerichtSsaal*: Ernst Heß; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Aie heutige Dummer umfaßt 8 Seiten. politische Wochenschau. G i e ß e n, 3. September. Am Freitag hat in Berlin der seit langem angekündigte Minislerral stallgefunden, da die Hoffestlichkeiten die zum größten Teil beurlaubten Minister auf kurze Zeit in der Reichs Hauptstadt versammelt haben. Die eigentlichen und offiziellen Beschlüsse, welche in dieser Sitzung des Staatsministeriums gefaßt sind, dürsten nur von geringer Bedeutung gewesen sein, von weit größerer Wichtigkeit sind zweifellos die inoffiziellen Besprechungen gewesen, welche bei dieser Gelegenheit stattgefunden haben, um die verworrene Situation zu klären. Es wäre töricht, leugnen zu wollen, daß zwischen dem Reichskanzler und dem Landwirtschaf 1 s m i n i st c r es zu einem Konflikt gekommen ist, der allerdings wohl nur der Sache selbst gilt, da beide Minister einander persönlich bisher stets freundschaftlich gegenüber gestanden haben. Zwischen der Erklärung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", daß $)err v. Podbiclski sein Abschiedsgesuch cingereicht und der Gegenäußcrung Podbielskis, daß er dies nicht getan habe, besteht eine unüberbrückbare Kluft, und man kann sich diesen Gegensatz kaum anders erklären, als daß er aus menschlich begreiflichen Gründen die Einreichung eines Abschiedsgesuches in Abrede stellte. Es mag ja sein, daß Herr v. Podbiclski dieses Gesuch nicht ganz so ernst gemeint hat in der Hoffnung, daß der ihm wohlgesinnte Kaiser die Angelegenheit im milden Lichte ansehen und sich durch die zahlreichen Angriffe der öffentlichen Meinung nicht beeinflussen lassen werde. Indessen dürfte er sich diesmal doch wohl verrechnet haben, denn in gewissen Dingen versteht Kaiser Wilhelm keinen Spaß, selbst wenn es sich um eine Persönlichkeit aus seiner intimsten Umgebung handelt, und bisher ist die Meldung unwidersprochen geblieben, daß ein kaiserlicher Flügeladjutant dem Minister ans seinem Gute Talmin ausgesucht hat, indem ihm anscheinend die sonst von Herrn Lucanus ausgeübte Nolle eines ministeriellen Todcscngcls übertragen war. Herr v. Podbiclski mag ungern das ihm lieb gewordene Amt, in dem er für seine Bernfsgenossen auf das trefflichste gesorgt hat, aufgeben, aber das ganze Vorgehen des Kanzlers in dieser Affäre deutet darauf hin, daß er im Interesse der Staatsautorität ein weiteres Verbleiben des Landwirtschastsministers nicht für förderlich gehalten hat, wenn auch über dessen Rechtlichkeit keinerlei Zweifel obwalten können. Herr v. Podbielsti hat ja trotz seines schwebenden Demissionsgerüchts an der gemeinsamen Sitzung teilgenommen und dürfte sich bei dieser Gelegenheit gründlich mit diem Reichskanzler und seinen übrigen Kollegen ausgesprochen haben. Das wird aber nicht hindern, daß die Parzen seinen ministeriellen Lebenssadcn binnen kurzem durchschncidcn. Herr v. Podbiclski stürzt infolge begleitender Nebenumstände nicht aber wegen seiner Nessorrleistung, und darum ist es auch ziemlich gleichgültig, wer sein Nachfolger wird, da kaum ein anderer Kurs zu erwarten steht. Mag nun trotz der Dementis der Rheinische Oberpräsident Freiherr v. Schorlcmer, der namentlich dem Zentrum genehm sein, aber auch bei den übrigen Parteien nicht auf prinzipiellen Widerstand stoßen würde, auserkoren sein, oder Unterstaatssekrctär von Conrad, oder der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrates Graf Schwerin-Löwitz, lieber kurz oder lang wird ia die Entscheidung fallen und ein nicht allzu erfreuliches Kapitel aus der innerpolitischen Geschichte sein Ende finden. Wünschenswert wäre freilich, wenn das Ministerium in seiner Sitzung Gelegenheit genommen hätte, über die Beteiligung von Portefeuilleinhabern an geschäftliche Unternehmungen bestimmte Normen festzusetzen, um ähnlichen Vorfällen in Zukunft vorzubeugen. Die TaufedeserstenEnkelkindesnnseresKaiser- paares wurde von ganz Deutschland im Geiste mitgefeiert, und die vielen patriotischen brieflichen und telegraphischen Kundgebungen, die aus Anlaß der heiligen Handlung in den Potsdamer Kaiser-- schlossern eintrafen, sind ein neuer Beweis dafür, wie innig sich das deutsche Volk in Freud und Leid mit dem Hause Hohenzollern verwachsen suhlt. Bemerkenswert ist es, daß der kleine Prinz auch die Taufnamen Franz Joseph erhielt, ein seiner, liebenswürdiger Zug, der das herzliche Freundschaftsverhältnis zwischen Kaiser Wilhelm und dein Träger der Habsburgischen Krone beleuchtet. Aus das fürchterliche Bombenattentat gegen Stolypin und die Ermordung des Generals Min ist eine mehrtägige unheimliche Ruhe gefolgt, die uns fast anmutet, wie die beängstigende Stille, welche bei einem Gewitter nach einem heftigen Donnerschlage zu kommen pflegt. Dieses entsetzliche Verbrechen hat uns einen schrecklichen Ausblick in die Zukunst Rußlands eröffnet, denn gegen den fanatischen Todestrotz der Revolutionäre, die kaltblütig ihr eigenes Leben opfern, nur um den verhaßten Gegner zu töten, hat der Staat ein einziges Mittel: den Scharfrichter! In dem moskowikischen Reiche ist eine Schreckensherrschaft angebrochen, die den Greueln der großen französischen Revolution nichts mehr nachgiebt. Ein entsetzliches Ringen ist zwischen der bewaffneten Macht des Zarismus/ und deii Mörder- und Verschwörerbanden der revoltierenden Voltsmassen entbrannt, ein Vernichtungskampf, der, wer auch immer siegen mag, zu einer weiteren moralischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verküminerung des russischeii Volkes führen muß. Dabei fehlls weder auf der einen, noch auf der anderen Seite an Heroismus, beim ebenso wie man über die Verachtung des eigenen Lebens staunt, welche die Bombenschleuderer zeigen, muß man die finstere Entschlossenheit bewundern, mit welcher alle Regierungsorgane aus ihrem Posten ausharren — bis ans Ende! Und für jeden, der im Dienste des »arischen Rußland fällt, tritt sofort em Ersatzmann in die Bresche. Ub aber bereits der Schlußakt des grausigen Dramas begonnen hat, oder ob alles, ivas sich während der letzten anderthalb Jahre im Osten Europas abgespielt hat, erst die Exposition war, wer kann das wissen! Neben Rußland ist es der B a l k a n, der die volle Aufmerksamkeit der europäischen Kabinette seit mehreren Wochen beansprucht. Die Griechenschlächtereien in Bulgarien haben ein lebhaftes Echo in Griechenland hervorgerufen, und die Bevölkerung zeigt sich dort so erregt, daß die Regierung die Garnison von Athen verstärkt und Kronprinz Konstantin während der Abwesenheit des Königs die Regentschaft übernommen hat. Uebrigens weilt mich Fürst Ferdinand meit ab vom Schuß, denn er liegt in Marienbild, an Angina erkrankt, zu Bette! Tie Türkei trifft ihrerseits alle militärischen Vorkehrungeii, uin angesichts der hochgradigen politischen Spannung zwischen Bulgarien und Griechenland vor unliebsamen Ueberraschungen gesichert zu fein, und konzentriert Truppenmassen in ihren westlichen Provinzen, wohin sie aiich den neuen Artilleriepark, aus Kruppschen Schnellseuergeschützen bestehend, überführen läßt. So zieht sich denn über dem Orient ein Ungeiuüter zusammen, ohne daß man recht weiß, welche direkten Ursachen zu dieser politischen Wetterbildung geführt haben. Unbestreitbar aber ist es, daß England seine Hand dabei im Spiele hat, und es klingt gar nicht unwahrscheinlich, daß König Eduard bei seiner Aussprache mit Kaiser Wilhelm in Eroiiberg auch die orientalische Frage m Verhandlung zog. So behauptet wenigstens ein Wiener Blatt, die eiiglische Regiermig habe den Großmächten Mitteilen lassen, daß ihrer Ansicht nach auf der Balkanhalbinsel nur dann wieder geordnete Verhältnisse eintreten können, wenn Mazedonien und Alt- serbien eine autonome Verwaltung unter einem christlichen Gouverneur eingeräumt werde und daß die geeignetfte Persönlichkeit für diesen Posten der zweite Sohn des Fürsten von Montenegro, Prinz Mirko, sei. Es ist ohne weiteres klar, daß ein solcher Ausweg aus den 93a (f amu irren auf den heftigsten Widerstand seitens Oesterreichs stoßen mußte, da es daiin zu seinen beiden „angenehmen Nachbarn" an der Südgrenze Serbien und Montenegro noch einen dritten, nämlich Mazedonien, unter montenegrinischem Szepter bekäme unb dazu das Bewußtsein hätte, daß hinter btefen drei Staaten der „liebe" Bundesbruder Italien stecken würde. Echt englisch in feiner Hinterhältigkeit ist dieser Plan entschieden, aber er dürfte nicht in London, sondern in Rom ausgebrütet worden sein. Daß ihn die englische Regierung gerne verwirklichen möchte, versteht sich von selbst, denn durch seine Realisierung würde die Position Oesterreich-Ungarns im Oriente erheblich erschwert werden, und eine jede politische und militärische Schwächung der habs- biirgischeii Monarchie reduziert natürlich aiich ihren Bimdeswcrt für Deutschland l Man sieht also auch daraus wieder, wohin Italien mit feinen Extratouren tanzt. Recht trübe hat sich auch die Situation in Persien gestaltet, wo geradem anarchische Zustände eingerissen zu sein scheinen, wenn man den Nachrichten der englischen Blätter — andere liegen leider nicht vor — trauen darf. Tie Perser sind ebenfalls des absolutistischen Regimes satt geworden und Haden sich eine Art Verfassung erzwungen, ohne daß es darnach zur Ruhe gekommen wäre. Auch hier wirken unverkennbar englische Jntriguen, unb es erinnert an den Gauner, der, das gestohlene Gut in der Tasche, schreit, hallet den Dieb, wenn Londoner Journale behauvten, Deutschland wolle die Zerrüttung Persiens zu seinem Vorteil auSbeutcii! Daß uns selbst die allerbejcheibenste militärische Basis 511 einem solchen Unternehmen fehlt, verschweigen natürlich „Times" und „Daily Mail"! Are Kolitik der kleinen Mittel. Die bedauerlichen Ereignis sein Nürnberg haben in dieser stillen, sommerlichen Zeit einigen Stoss zum Nachdenken gegeben. Seitens der sozialdemokratischen Presse ist die Behauptung ausgestellt worden, die Nürnberger Polizei sei brutal, rücksichtslos, gemein, mörderisch vorgegangen, ein Teil der bürgerlichen Presse, soweit er mit großkapitalistischen Interessen liiert ist, schimpft weidlich auf das Pack der Ausständigen, die sich so verbrecherisch benommen und dadurch ein scharfes Vorgehen des Militärs notwendig gemacht hätten. Diesem Teil der öffentlichen Meinung stach der Säbel noch nicht scharf genug. Tatsache ist: die Nürnberger Polizei ist sehr schroff vorgegangen und hat eine Menge von unbeteiligten Personen verletzt, Tatsache ist aber auch, daß die Nürnberger Polizei selbst mit Steinwürfen angegriffen wurde, daß ein halbes Dutzend Leute mit total zerfetzten Uniformen einrückte. Wir glauben aber weder an die gewollte Brutalität der Polizei, noch aber auch an ein verbrecherisches Treiben der streikenden Arbeiter. Der Vorgang an sich ist sehr gut erklärlich ohne einen wütend gewordenen Mob, ohne vom Blutkoller befallene Polizisten und das ganze Szenarium blutrünstiger Räuberromantik. Es darf wohl als festgestellt betrachtet werden, daß die Nürnberger Polizei nicht von streikenden Arbeitern, sondern von anderem Gesindel seit langen Tagen provoziert worden ist. Nürnberg ist augenblicklich anläßlich der Landesausstellung und des Volksfestes von Gesindel aller 'Art überflutet, und ganz bestimmt muß man annehmen, daß die Hauptradaumacher sicb aus diesen Strolchen rekrutierten. Daß die Arbeiterschaft sich hinreißen ließ, eine demonstrative Haltung gegen die Unionwerke einzunehmen, ist in hohem SNaße bedauerlich; cs scheint da eben auch ein reichlicher Alkoholgenuß und der Einfluß gewissenloser Hetzer ein übriges getan zu haben. Die Polizei war verbittert, als sie ausrückte, sie verlor, als sie von den Rowdies mit Steinen bombardiert wurde, die Haltung und ging blind vor. Das war ein Fehler, denn dieses Vorgehen hat, wenn es auch lange nicht so schlimm war, als sozialdemokratische Blätter es schilderten, unter der Bevöllerung Nürnbergs und darüber hinaus böses Blut gemacht, und nicht nur- unter der Arbeiterbevölkerung. Der ganze Vorgang hat aber zur Evidenz gezeigt, daß solchen Exzessen gegenüber die Polizei der allerungeeignetste Friedensstifter ist. Wer die Ruhe wiederherstellen kann, ohne Blut zu vergießen, das ist das Militär. In Bayreuth wurde bekanntlich der Versuch gemacht, ähnliche Exzesse herborzurufen, wie in Nürnberg, aber sie waren gleich zu Ende. Das zufällig in Bayreuth liegende Militär rückte aus — ob die Infanteristen wirklich je sechs scharfe Patronen erhalten hatten, können wir nicht kontrollieren — und die Radaumacher waren sehr rasch um die jenseitige Ecke verschwunden. Es kam zu keinem Zusammenstoß, es kam zu keinem Steinwerfen, die Demonstration war mit dem Augenblick beendet, als das Militär vorrückte. Nun wird allerdings von sozialdemokratischer Seite wohl auch dagegen verschiedeires gesagt werden, z. B., daß man dem murrenden „Volk" gleich mit dem Kleinkalibrigen und mit den Bayonetten komme usw. Gewiß sieht es sich auch nicht besonders gut an, aber hier entscheidet das Resultat. Auf der einen Seite eine lange. Zeit hindurch langmütige Polizei, die dann, wenn chr die ^>ache zu bunt wird, dreinhaut und dreinschießt mit dem Resultat von einigen Dutzend schweren Verletzungen. 'Ans der anderen Militär, das straßenbreit aufnrarschiert mit gefälltem Bayonett, mit dem Resultat, daß der Spektakel im Keime erstickt wird. Wir glauben/ daß der letzteren Methode unbedingt auch im Sinne der Arbeiter der Vorzug gegeben werden muß. Ordnung muß sein, und das .Einwerfen von Fenstern oarf unter keinen Umständen geduldet werden. Ist es dd nicht besser, gleich mit dem großen Ettel vorzugehen, wenn die kleinen weiter' nichts nützen, als daß ein paar Dutzend womöglich unbeteiligter Personen zu schaden kommen? Ter wirkliche Arbeiter, auai der sozialdemokratische, ist in der Regel so wohl diszipliniert, daß er aus eigenem Antrieb sich nicht zum Skandalmachen und zum Beschimpfen der Polizei zusammenrottet. Er wirst auch nicht zum Vergnügen Fenster anderer Leute ein, und wirst nicht auf kommandierte Angestellte, die Frieden schassen sollen, mit Steinen. Alle Vorkehrungen, die also gegen die Radau- und Spektakelmacher getroffen werden, richten sich nicht gegen die Arbeiterschaft, sondern eben gegen die Radau- und Spektakelmacher, und das sind in der Regel Leute, denen der ehrliche Arbeiter seine schwielige Hand nicht reichen würde. Es ist deshalb leerer Lärm, wenn von sozialdemokratischer Seite auch gegen die entschiedeneren Mittel zur Niederhaltung von Exzefsen Stellung genommen und diese Mittel als arbeiterfeindlich verschrien werden. Nicht gegen die 'Arbeiter wandten sich die Bayonettspitzen in Bayreuth, sondern gegen betrunkene Exzedenten. Die Polizeipolitik, wie sie in Nürnberg betrieben wurde, ist die Politik der kleinen Mittel, die niemals nützen, aber sehr viel schaden kann. Hätte man auch in Nürnberg, hätte man seinerzeit in Breslau und an anderen Orten, an denen Zusammenstöße stattsanden, sofort Militär ausrücken lassen, es wäre viel Unglück erspart geblieben. Und viel Anlaß zu erneuter Bitterkeit gegen die Polizei, die doch nun einmal existieren muß. Großen Aufläufen gegenüber kann nur eine wohldisziplinierte Abteilung Infanterie unter ruhiger aber energischer Führung die nötige Ruhe bewahren, und darum muß unbedingt gefordert werden, oaß man die Polizei bei solchen Aüläften, die sich hosfentlich nicht zu oft wiederholen, ganz aus dem Spiele läßt, und das Militär vorschiebt. Tann gibt es keine abgehauene Hände und keine Säbelwunden ! politische Tagesschau. Bleibt Podluelski? Mit der Möglichkeit, bat; der preußische Landwirtschafts- niiniiter in Amt und Würden bleibt, muß jetzt doch nolcns volens gerechnet werden, denn übereinstimmende Meldungen der gefirigen Berliner Sonntagsblätter aller Parteirichtungen deuten darauf hin, indem sie die Tatsache verzeichnen, daß Frau v. Podbiclski in den nächsten Tagen aus der Firma Tippelskirch u. Co. ausscheiden wird. Hierzu läge doch kein Grunb vor, wenn ihr Gemahl die Absicht hätte, zu demissionieren, denn dieser smarte Geschäftsmann weiß seinen Vorteil stets ausgezeichnet wahrzunehmen und verzichtet gewiß nicht ohne weiteres auf die vortreffliche Verzinsung seines Einlagekapitals. Allerdings dürften für Tippelskirch u. Co. die fetten Jahre vorbei sein: da der Firma die Staatslieferungen jedenfalls entzogen werden. Die interessan- teftenJBorgänge bei der ganzen Affäre spielen sich natürlich hinter den Kulissen ab, aber es wird dadurch doch die Autorität und Machtsphäre des jetzigen Reichskanzlers in einem sehr unklaren Lichte gezeigt. Denn der Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts, Dr. v. Lucanus kam zu Herrn v. Podbiclski, um sich im Auftrage der Krone eine Darstellung der geschäftlichen Engagements bei Tippelskirch u. Co. aus dem Munde des beteiligten Ministers selbst geben zu lassen, und hieraus geht klipp und klar hervor, daß das Material, welches Fürst Bülow seinem kaiserlichen Herrn unterbreitete, nicht genügend überzeugend gewirkt hat, um Pod- bielski zur Demission zu veranlassen. Es entspricht ganz dem offenen Charakter unseres Monarchen, daß er dem angeschuldigten Minister Gelegenheit zur Rechtfertigung bieten wollte, aber dann hätte doch um Gottcswillen der Reichskanzler in seinem Organ nicht jene bekannte erste Mitteilung veröffentlichen dürfen, die einer offiziellen Abschlachtung Podbielskis auf ein Haar ähnlich sieht! Sollte sich etwa aus diesen Gegensätzen zwischen Krone und Kanzler bod). nodj eine interessante Perspektive eröffnen für die .... ♦ Hessische Landtags Korrespondenz. Mit der hcrannahenden Landtagssession wird auch die Frage über die von der Kammer-Majorität letzthin beschlossenen „Landtags-Korrespondenz" wieder brennend. Zwar haben zahlreiche maßgebende Preßorgane, darunter auch die amtliche Tarmst. Zeitung in rückhaltloser Weise gegen die beabsichtigte Neuerung Stellung genommen, doch wurden bei den meisten dieser Erörter- iingen in erster Linie die parteipolitischen Stellungen der einzelnen Abgeordneten, sowie die den Herren bei der Korrektur mögliche Beeinflussung in Betracht gezogen, dabei aber manche viel näher liegende Frage übersehen, oder nicht erörtert. Zunächst die Schwierigkeit einer sofortigen Korrektur durch die Abgeordneten, welche in ihrer großen Mehrheit alsbald nach der Sitzung wieder abreisen und ohne Korrektur kann man doch diese auszugsweise, wenn auch von Stenographen hcrgcstellte Berichte, welche doch als amtlich gelten sollen, nicht in Truck geben und versenden. Nur ein kleiner Teil der Herren wird in der Lage sein, das Manuskript so zeitig zu lesen, daß die Korrespondenz abends um 6 Uhr, wie beabsichtigt, zum Versand fertig gestellt fein kann. Ein Kardinalpunkt ist aber der, daß alle größeren hessischen und benachbarten 1 Frankfurter ufw.) Zeitungen nach wie vor Gewicht darauf legen werden, schon für ihre am gleichen Tage erscheinenden Blätter den hauptsächlichsten Inhalt der Kam- merverhandlungen zu haben und deshalb, auch weiterhin ihre besonderen Kammerberichterstatter nötig haben. Ob ein Abonnent der übrigen Provinz nun einen nennenswerten Teil der auf mindestens 25 000 Mark veranschlagten Kosten der beabsichtigten Neuerung deckt, scheint demnach mehr wie fraglich. Sonach ist es nicht gerechtfertigt, dem Lande noch weitere Kosten aufzubürden, zudem wie in den schon jetzt vorhandenen amtlichen stenographischen Protokollen für die, die sich für die Verhandlungen interessieren, ein vorzügliches Jnformationsorgan haben. Diese erscheinen zwar erst, und zwar gerade wegen der von vielen Abgeordneten sehr verzögerten Ablieferung der Korrektur, lange nach den Sitzungen, doch sind sie, was Vielen nicht bekannt ein dürfte, für jedermann zu einem sehr mäßigen Abonnements- preise zu haben. Wenn es möglich wäre, darauf hinzuwirken, daß diese Protokolle innerhalb 2—3 Tac^n nach der Sitzung erschienen, so wäre damit allen billigen Wünschen Rechnung getragen. Weiter wäre vielleicht noch empfehlenswert, diese Protokolle an allen öffentlichen ^stellen auf dem Lande, in den Lesehallen usw. aufzulegen, damit würde wohl den meisten Interessenten, wie auch weiteren Kreisen gedient fein, denn nicht alle Zeitungsleser werden nach den manchmal wirttich nicht sehr interessanten (ausführlichen) Ausführungen unserer Landboten Sehnsucht haben. Die Seiet des 60jäyrLgen StiftungsLages dcs Turnvereins Auhöach. /X Butzbach, 2. September. Die wenigen fremden Gäste, die gestern hier eintrafen, um den Jubiläumsfeicrlichkeiten beiznwohnen, mögen wohl vergeblich in unseren Mauern nach FesteZstimmung gesucht haben. Schmucklos und unfeierlich präsentierten sich noch gestern abend dem fremden Auge die Straßenbildcr, nur auf dem altertümlichen Rathausturme wehte ein Fähnlein in den gelb-roten Stadtfarben. Butzbach schien seit den Tagen des Trachtenfestes festesmüde und tatsächlich ist dem herannahenden Festtage nicht das wünschenswerte Interesse von dem großen Publikum entgegengebracht worden. Um 8 Uhr gestern abend begann der Festkommers und nachdem die Kapelle Bauer aus Gießen mit einigen hübschen Weisen begonnen hatte, setzte die Festesstimmimg ein. Zunächst begrüßte der erste Sprecher des Turnvereins Butzbach, Professor Wämser, die erschienenen Gäste, dann war er einen Rückblick auf die Geschichte des Vereins. Kreisra Fey von Friedberg beglückwünschte in schwungvoller Rede den Verein und die Stadt Butzbach und schloß mit einem „Gut Heil" auf S. K. H. den Großherzog. Kreisturnwart Volzc von Frankfurt überbrachte Glückwünsche des Mittelrheinkreises, Grün aus Kirchhain gratulierte namens des Gaues und ließ seine kernige Rede in ein „Gut Heil dem Vaterland" ausklingcn. Inzwischen brachte der Gesangverein „Orpheus" einige Lieder zu Gehör. Die Damenriege des Turnvereins führte im Rythmus einer Walzermclodie ein „Fahnenschwingen" vor, das großen Beifall erntete. Später überreichte ein Mitglied des Turn- und Fcchtklubs Hanau mit poetischem Gruß dem Verein einen Fahnennagel. Herr Schwarz vom Männer-Turnverein Gießen überbrachte Glückwünsche von der Gießener Turnerschaft. Sodann leistete die Musterriege am Barren ganz Vorzügliches und errang sich das Lob der auswärtigen Gäste. Zum Schluffe gedachte der Turner Wilh. Nern noch des eifrigsten Förderers des hiesigen Vereins und ersten Sprechers, Professor Wämser, dem er sein „Gut Heil" widmete. Erst nach Mitternacht war der offizielle Teil der Feier beendet. Heute prangte die Stadt im Flaggenschmuck. Die schlichte und doch hübsche Feier vom gestrigen Abend hat Festesstimmung gebracht. Das Volksfest nahm mit dem Eintreffen des FestzugS auf dem Festplatz seinen Anfang. Stabübungen der Turner und Turnerinnen wechselten ab mit Geräteturnen und Turnspielen der Schuljugend. Für letztere galt es heute, das alljährlich wiederkehrende Jugend- oder Sedanfest mitzufeiern. Mit eintretender Dunkelheit konzentrierte sich alles nach der geräumigen Festhalle, die Schuljugend (die übrigens wegen des hohen Eintrittspreises für Erwachsene durch die Eltern in vielen Fällen vom Besuch des Festplatzes abgehalten war und dieses Jahr um ihr Jugendfest kam) trat, soweit sie beteiligt war, mit Lampions den Heimweg an. Die reifere Jugend dagegen huldigte Terpsichore bis in die frühen Morgenstunden. Aus Stadt und Land. Gießen, den 3. Sept. ** 6 0. Geburtstag. Der Theologe und Musik- schriftsteller Dr. theol. et phil. Heinrich Adolf Köstlin, ord. Profeffor im Ruhestand der Universität Gießen, vollendet am 4. September das 60. Lebensjahr. Ein geborener Tübinger, war Köstlin nach Absolvierung der Universität seiner Vaterstadt als Vikar in Weilheim tätig. 1870 wurde er Feldprediger der württembergischen 2. Feldbrigade, 1871 Repetent in Tübingen, 1873 Diakonus in Sulz a. R., 1875 Pfarrer in Maulbronn, 1878 in Friedrichshafen a. B. und 1881 in Stuttgart. Zwei Jahre später kam er als o. Professor an das Predigerseminar zu Friedberg (Hessen), 1891 als Oberkonsistorialrat und Superintendent der Provinz Starkenburg nach Darmstadt und 1895 als o. Professor nach Gießen an Stelle von Prof. Dr. M. Reischle. 1901 trat er in den Ruhestand und zog nach Darmstadt. Seit 1904 lebt er in Cannstadt. Seine „Geschichte der Musik" erschien bereits in 5. Auslage. ” Im Zeichen der Kirchweihfeste stand gestern die gesamte Umgegend, es sanden ca. 20 Kirchweihfeste statt. Davon entfielen zwölf auf die preußische Umgegend in der Bürgermeisterei Atzbach-Launsbach. □ Kirchgöns, 2. Sept. Anläßlich unseres heutigen Kirchweihfestes feierte der hiesige Kriegerverein sein 30 jähriges Stiftungsfest. Lehrer Rahn hielt die Ansprache und Kreisrat Fey-Friedberg übergab die vom Kaiser verliehene Fahnenschleife. * Bad-Nauheim, 1. September. In der höheren Bürgerschule (Realschule) fand heute eine AbschiedS- feier zu Ehren von Frl. Wisstg statt, die ihrer Verheiratung wegen aus dem Lehrer-Kollegium ausscheidet. Zugleich wurde der Nachfolger Dr. Schindlung, der einen Teil seiner Studien in Frankreich erledigt hat, eingesührt. t Burkhardsfelden, 1. Sept. Selten sah man wohl soviele Leidtragende auf dem hiesigen Friedhöfe, als bei der heute nachmittag erfolgten Beerdigung des bei Groß- Umstadt verunglückten Kanoniers Wagenbach. Außer dem hiesigen Kriegerverein, der die üblichen Ehrensalven abgab, folgten der Leiche mehrere Offiziere und Kameraden des Entschlafenen. Pfarrer Gombel von Reiskirchen hielt eine ergreifende Grabrede und die hiesigen Schulkinder trugen einige Choräle vor. Während der Predigt siel eine Frau aus Hattenrod, deren Sohn ebenfalls bei dem Regiment steht und zugegen war, vor Aufregung in Ohnmacht, sodaß sie vom Friedhof getragen werden mußte. R.-B. Darmstadt, 2. Sept. Das Sedanfest ist auch in diesem Jahre hier feierlich begangen worden. Die Großh. Bürgermeisterei hatte — was dem in manchen Städten dem nationalen Gedenktage gegenüber bekundeten Jndifferentismus hier besonders hervorgehoben zu werden verdient — in den Blättern öffentlich aufgefordert, den Sedantag „als Jahrestag eines der bedeutsamsten Ansgangs- punkte der neuen Epoche unseres nationalen Lebens" durch reichen Flaggenschmuck der Häuser festlich auszuzeichnen, und dieser Aufforderung war auch vielseitig entsprochen worden. In den Schulen wurde schon der gestrige Tag durch Festakte oder Spaziergänge gefeiert, die Bureaus der Behörden hatten geschloffen oder abgekürzten Dienst. Am Abend läuteten sämtliche Kirchenglocken den Festtag ein. Die vereinigten Darmstädter Kriegervereine hatten Samstag abend gemeinsam mit der Turngemeinde Darmstadt eine Nationalfeier im großen Turnhallensaal am Woogplatz arrangiert, welcher auch Oberbürgermeister Morneweg, sowie Vertreter anderer Behörden und zahlreiche Offiziere der hiesigen Garnison beiwohnten. Neben den patriotischen Weisen der Kapelle des 24. Dragoner- Regiments sorgten auch Gesangsvorträge der Turner-Sing- mannschaft und hervorragende turnerische Leistungen von Mitgliedern der Turngemeinde, sowie Solovorträge für die Unterhaltung. Der Vorsitzende der Vereinigten Kriegervereine, Hauptmann a. D. Waldecker, hielt eine kernige Festansprache, die in einem dreimaligen Hoch auf Kaiser, Fürst .,nd Vaterland ausklang. Das Fest dauerte bis gegen Mitternacht und nahm einen schönen, harmonischen Verlauf. fc. Mainz, 2. Sept. Am Neubau von Lotz u. Soherr stürzte gestern früh ein Teil des Baugerüstes ein. Drei Maurer stürzten aus dem 1. Stockwerk ab. Zwei wurden verletzt, davon der eine erheblich. — In einer Wirtschaft in der Neutorstraße machte ein Strolch am Hellen Tage einen Raubversuch, indem er, offenbar um sie zur Flucht zu bewegen und dann die Kasse zu berauben, die Wirtin mit geladenem Revolver bedrohte. Als der Mann der Wirtin herbeieilte, nahm der Unbekannte Reißaus. fc. Höchst a. M., 2, Sept. Seit Donnerstag wurden in Unterliederbach der 20jährige Zeichner Heinrich Wagner und die 19jährige Marie Wagner, Tochter der wohlhabendsten Landwirte Unterliederbachs, vermißt. Gestern vormittag fand man sie als Leichen in einem Maisfelde hinter der Kneiselschen Mühle. Es liegt unzweifelhaft Doppelselbstmord vor; der junge Mann hatte einen Schuß in den Mund, das Mädchen einen solchen in das Herz. Neben den Toten lag ein Revolver. Unglückliche Liebe soll das Motiv gewesen sein. -ch. Wetzlar, 2. Sept. Mit dem Umbau des Bahnhofes Wetzlar wird zunächst auf Garbenheimer Gebiet begonnen. Das Material soll dem dortigen Wetzberg entnommen werden, der das Schienengeleise der Strecken Wetzlar—Gießen und Wetzlar—Lollar unmittelbar berührt. Eine kleine Arbeitsmaschine sowie Schienen und Schwellenmaterial wurden bereits dorthin befördert und die Arbeit wird am Montag von einer größeren Arbeiterkolonne ausgenommen. Für das Baubureau wurde unmittelbar an der Strecke Wetzlar— Gießen ein Bau errichtet, bei dem auch eine Arbeiterbarackc im Entstehen begriffen ist. In diesen Tagen fand die Abschätzung der durch den Bahnbau in der Gemarkung Garbenheim in Wegfall kommenden Obstbäume statt. Ertragreiche Bäume wurden zu 100 Mk. bewertet. Garbenheim erhält eine Haltestelle an der Linie Wetzlar—Lollar und wird dadurch seinem Bürgermeistereiort Krofdorf für die Folge bedeutend näher gerückt. X Biedenkopf, 2. Sept. DieFirma Ninn u. Cloos- Heuchelheim hat dem hiesigen Landwirtschaftlichen Komitee 50 Mk. zu Prämiierungszwecken übermittelt. Davon sollen 25 Mk. zur Obstausstellung und 25 bei der Geflügelausstellung als Preise verwandt werden. Sollen wir den Sedantag feiern? Ter Einsender ,in Nr. 204 Ihres geschätzten Blattes: „Sedantag und Schulfeier, der Jugenderzieher, scheint sich denn dock nicht klar darüber zu sein, warum wir Sedan feiern. So, wie wir in unserer Jugend den 18. Oktober feierten, wo die Freudenseuer auf den Bergen cmporloderten, nicht den Schlachtentag, fonbern den Tag, welcher uns die Befreiung von der Fremd hem schäft brachte, so feiern wir in dem Sedantag nicht den Schlachtentag, sondern den Tag des nationalen Aufschwunges, als den Tag, an welchem der deutsche Siegfried seiner Kraft sich wieder bewußt wurde. Wenn der Lehrer der Jugend wahre Sittlichkeit und Nächstenliebe, Achtung vor Leben und Eigentum des Nächsten einpflanzen soll, so gehört es aber auch zu seinen Pflichten der Jugend Geschichte, und zwar deutsche Geschichte zu lehren. Ta wäre ich denn doch neugierig, zu hören, wie der Erzieher der Jugend dies fertig bringen will, ohne die Siegestaten unseres Volkes zu erwähnen. Will der Herr Einsender wohl auch die herrlichen Lieder unserer Freiheitssänger Korner, Max von Schenkendorf und Ernst Moritz A'rndt aus dem Unterrichtsrepertoir gestrichen haben? ebenso „die Wacht am Rhein?" Wie will er seinen Schülern die herrlichen Worte unseres Schiller erklären: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre!" Ter Einsender spricht von SäbelFerassel, Kriegslust, Mordlust und Phrase. — Splitter und Balken! — Tenn was ist sein ganzer Opus: „Phrase!" Taß wir alten Soldaten weder Mord- nock Kriegslust haben, auch nicht mit dem Säbel rasseln, . das beweist ein Artikel in Nr. 67 der Parole, welche ich aufzunehmen bitte, getreu dem alten Lutherworte: „Eenes Mannes Rede ist keene Rede, man muß sie hören alle beede!" Das aber möchte ich dem Einsender doch noch ans Herz legen, wenn er von mittelalterlicher Ten^ ungsart spricht: „Hätte unser Volk damals mehr Nationalbewußtsein gehabt, dann wäre unser Vaterland nicht der Tummelplatz aller Kriege geworden." Prinz von Karolath-Schönaich sagte vor einem Jahrzehnt im Reichstage: „Gebet nnserem Volke seine Ideale wieder, dann wird es auch wieder besser mit uns!" Wo bleiben die Ideale, wenn wir diesem Erzieher der Jugend olgen?!! Zum Schluffe lv-ikt ich noch bemerken, daß ich es für ge= chmackvoller würde gehalten haben, wenn der „Ein Lehrer" einen Namen genannt hätte. Mit dem Verschweigen des- "elben hat er die ganze Lehrerschaft in Mitleidenschaft gezogen, und ich habe denn doch von hem' Lehrerstande eine zu hohe Meinung, als daß ich annehmen kann, daß es noch viele Gesinnungsgenossen des „Ein Lehrer" unter demselben geben könnte. C. Mayer. ♦ Tie „Parole" (Zeitung des deutschen Kriegerbundes) chreibt zu diesem Gegenstand folgendes: Wieder naht der Sedantag, und wieder erheben sich Stimmen, welche die Ansicht 'bertreten, die Sedandenkseier habe sich überlebt. Wir vermögen uns dieser Auffassung nicht anzuschließen. Selbstverständlich iß es, daß jetzt, nach mehr als einem Menschenalter, eine Erinnerungsfeier an den größten deutschen Sieg seit Jahrhunderten in ruhigeren Formen vor ich geht und das Gepränge früherer Zeiten an diesem Tage ich verringert hat. Aber der Sedantag ist doch ein Tag gemein- 'amer patriotischer Erhebung geblieben. Sechsunddreißig Jahre werden es, seitdem auf blutgetränktem Boden dem deutschen Vaterlande die Einigkeit errungen wurde, die das Deutsche Reich blühend und mächtig gemacht und als gewaltiges Bollwerk des Friedens für Europa hingestellt hat. Aber diese Jahre haben uns gezeigt, was wir dem Sedantage zu verdanken haben, wir, die wir ein buntes Häuflein waren ohne Kopf und ofyne Führung, an dem jeder seine Schelmenlust ausließ. Vom Nachbar im Westen haben wir manches erdulden müssen, was auf dem Herzen brannte. Denn er, der im Tuille- rienpalaste an der Seine thronte, war der Mächtige, auf dessm Wort die Völker lauschten, und wir waren ein buntes, krauses Völllein ohne Plan und Ziel. Das hat der Sedantag gründlich geändert. Mit froh bewegtem Herzen wird daher jeder Patriot das Erinnerungsfest an die große nationale Tat vom 2. September 1870 feiern, mit innigem Danke gegen Gott, daß er das heiße Sehnen unserer Nation nach Einheit endlich gestillt und die Helden gesandt hat, die das Riesenwerk der deutschen Einheit mit dem Schwerte vollbrachten: mit weihevollen Tankgefühlm aber auch gegen die Helden selbst, die für die deutsche Einheit kämpften und bluteten, und mit hoffnungssreudiger Zuversicht, daß das im Wettersturm der Schlachten gegründete Deutsche Reich, wie bisher, so auch in Zukunft seine Aufgabe erfüllen, den deutschen Stämmen ein Schutz und Schirm, den befreundeten Nationen ein treuer Freund in guten und bösen Tagen sein werde. In diesem Sinne ist es nicht nur das Recht, sondern auch die heilige Pflicht des deutschen Volkes, am 2. September seinen großen nationalen Ehrentag zu begehen: denn nicht Ehrgeiz und prunkendes Triumphgeschrei sind es, die am Sedantage in Alldeutschlands Gauen zum Ausdruck kommen, sondern es ist ein Dankfest und eine Erinnerungsfeier edler, berechtigter Art über nationale Großtaten und Errungenschaften für das ganze deutsche Volk. Kein Streit der Parteien, wie ihn das politische Leben mit sich bringt, keine bitteren Erfahrungen, die vorübergehend jedes Volk machen muß, und keine Gefahren, die uns in Zukunft drohen können, dürfen uns die Freude an dem uativnalen Gedenktage und das unerschütterliche Vertrauen auf das in seinen Fürsten und Stämmen, in Kaiser und Reich geeinigte deutsche Vaterland vergällen: denn den Sedantag begehen wir nicht nur als Tag des Tankes und der stolzen Erinnerung, sondern auch zur Aufmunterung und Mahnung für das Heranwachsende junge Geschlecht, das dereinst berufen ist, Träger der Größe und Macht des deutschen Vaterlandes zu fein. Deshalb ist es auch gut, daß her Sedantag zum Gegenstand einer patriotischen Schulfeier geworden ist. Mehr wie je tut cs jetzt, wo die vaterlandsfeindliche Sozialdemokratie immer eifriger bestrebt ist, unter der Jugend den giftigen Samen der Vaterlandslosigkeit auszustrcnen, not, der Heranwachsenden Jugend, die ohnehin auf der Straße und leider ost genug int Elternhause wenig Erfreuliches zu hören bekommt, ein Bild aus jener großen Zeit zu entrollen, von jenem ewig denkwürdigen 2. September 1870 zu erzählen, an dem sich wildfremde Menschen jauchzend in die Arme fielen, Kinder mit Fahnen und frohen Liedern durch die Straßen zogen, die Vorleser der Extrablätter umstanden und dann heimstürmten, um die NacAicht von dem gewaltigen Siege bei Sedan zu bringen. So soll denn auch am diesjährigen Sedantage unser aller Brust der eine heiße Wunsch erfüllen, daß es, wie bisher, so auch weiterhin gelingen möge, das vor 36 Jahren mit blutigen Opfern Errungene zu erhalten gegen alle Fährlichkeiten von außen und auszubauen im Innern zur Zufriedenheit und zum Glücke aller, über denen das schwarz-weiß-rote Banner weht. In diesem Sinne und Wunsche werden sich vor allen die Kameraden in der Armee und in den Krieger vereinen zusammenfinden in dem Rufe: Hoch Kaiser und Reich! UniversstLits-Nachrichteir. Vom Geldmarkt. Der Berliner Geldmarkt hat sich bis in,die letzten Tage der vergangenen Woche trotz des Ultimo recht lüssig gehalten. Tägliches Geld ist noch am Samstag zu '4 Prozent angeboten worden. Für Seehandlungsgelder war kein Bedarf. Der Privatdiskont notierte unverändert 3Vs Prozent. Doch wurde auch hier die Bemerkung gemacht, daß die Geldgeber gleichwie in Frankfurt bereits wieder eine gewisse Zurückhaltung beobachteten und am internationalen Geldmartt sah stich die Lage zu Wachenschluß wesentlich gespannter an. Denn aus New- Pork kam die Meldung, daß dort die Zinssätze in Wallstreet wieder bis auf 12V» Proz. in die Höhe schnellten. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß die Situation am internationalen Gcld- markt sich leicht wieder sehr heikel gestalten kann. HanHcL und Verkehr, Volkswirtschaft» Von der Russisch-Polnischen E i s e n i n d u st r i e. Das polnische Eisengeschäst, das tief darniederlag, beginnt sich allmählich wieder etwas zu beleben. Besonders hat das Handelsgeschäft durch die ziemlich günstige Ernte einige Anregung er- ähren. Die Maschinenfabriken, Bauschlossereien, Konstruktionswerkstätten haben sich wesentlich gehoben. Kurz, es besteht im allgemeinen wieder einige Hoffnung, und auch das Einkaufsgeschäft beginnt sich zu regen. Zunächst werden laut „K. Z." den deutschen Häusern nur bescheidene Aufträge zur Lieferung von Walzware, namentlich Stabeifen und Feinbleche, überschrieben, dagegen sind den schlesischen. und sächsischen Werken größere Aufträge in Gußwaren und Maschinenteilen übergeben worden, insbesondere für landwirtschaftliche Maschinen. lh. c.) Marburg. Wie wir hören, ist der Privatdozent ür Chemie Dr. phil. Karl Fries zum Abteilungsvorsteher am chemischen Institut der Universität Marburg ernannt worden, als Nachfolger von Prof. Dr. Rudolf Schenck, der als etatsmäßiger Professor an die Technische Hochschule zu Aachen berufen wurde. Dr. Fries war bisher als erster Assistent am Marburger chemischen Institut tätig. Die venia legendi erhielt er zu Ende des Wintersemesters 1904/05. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. September 1906 Barometer aui 0° reduziert Temperatur der Lust Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Wetter 2. 2” 750,1 27,8 9,4 34 8 4 Sonnenschein 3. 9“ 749.2 16,8 11,7 82 8 2 KlarerHimmel 3. 7" 750,2 13,1 9,7 87 NW 2 Sonnenschein Höchste Tempi ratur im 1. -2. C eptemb er — -4- 28,00 C. Niedrigste „ 1. -2. — + 10,9 0 C. Das Eiweitzwasser bei Brechdurchfall erfüllt nicht den Zweck, dem erkrankten Kinde eine leicht verdauliche Nahrung zu- zusühren, da der größte Teil des Eiweißes uoit dem erkrankten Darmkanal überhaupt nicht ausgenommen wird, sondern unverändert im Stuhlgang abgeht, während der geringe im Darm veränderte Teil durch die Krankheitskeime zu Peptonen umgewandelt wird, welche für die Ernährung des Körpers nicht mehr zu brauchen ind, dagegen aber den Krankheitskeimen einen sehr günstigen Nährboden darbieten. Eine bessere Ernährung bildet die Darreichung von Kulekes Kindermehl in Master, da das in demselben enthaltene pflanzliche Eiweiß für die Krankheitskeime einen schlechten Nährboden darbietet und ebenso wie die Mineralstoffe selbst, von dein erkrankten Darme leicht aufgesogen wird und ernährend wirkt, umsomehr, als die in Kuieke-Kindermehle vorhandenen Nährstoffe dein Körper in demselben Verhältnisse zugesührt werden, wie durch die Muttermilch. hv3/11 Das Waschen mit der Hand ist heute ein überwundener Standpunkt, sofern man sich der Hülle einer „Weltwunder"-Wasch- maschine sichert. „Weltwunder" ist in schneller und leichter und mündlicher Reinigung, Schonung der Wäsche, einfacher Handhabung, Dauerhaftigkeit und billigem Preise unerreicht und bildet für viele lausende von Familien ein unentbehrliches Hülisgerät. Zwecks praktischer Vorführung finbet am Freitag, den 7. September, von 3—7 Uhr nachmittags bei der hiesigen Finna Brüder Schmidt, Seltersweg 73, em öffentliches Probewaschen statt, ivorauf wir an dieser Stelle nochmals verweisen. (Siehe Inserat.) 5271 Danksagung* Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Hinscheiden und der Beerdigung meines treuen, unvergesslichen Gatten unseres guten Vaters, Schwiegervaters, Bruders, Schwagers und Onkels D Barl Heil sagen tiefgefühlten Dank Giessen, Offenbach, Darmstadt, New-York, den 3. September 1906. EPS Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Elisabeth Heil, Wilhelm Heil, Karl Heil, Franziska HciL Die Beerdigung findet heute nachmittags 3 Uhr in der Stille statt. Im Namen der Hinterbliebenen Eugenie Brasset, geb. Baitz, Bertha Christen, geb. Bartz. Dietzen, Frankfurt a. M., den 3. September 1906. Statt besonderer Anzeige. Am Samstag entschlief sanft nach langem, schwerem Leiden unsere Hebe, rreubesorgte Mutter, Großmutter und Schwiegermutter 06436 Frau ESisabeih Baitz Ober-Telegr.-Asststcnten Wwe. Ä Danksagung Für die vielen Beweise inniger Teilnahme bei dem Tode ihrer lieben Schwester Fräulein Ninette Steffan danken aufs herzlichste die Geschwister 5277 Emma uttb Emil Steffan, Pont ä Mousson. Danksagung 5286 Lepper, Veteran. Beuern, den 3. September 1906. Die Beerdigung findet Dienstag nachmittag 2 Uhr statt. Heinrich Hahn Gefliigelhändler geziemend in Kenntnis zu setzen. Kriegerverein Benern. Wir erfüllen hiermit die traurige Pflicht, die Kameraden von dem Ableben unseres Veteranen Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme, insbesondere für die trostreichen Worte des Herrn Pfarrer Glück sowie für die vielen Blumenspenden beim Hinscheiden meiner lieben Frau, unserer treu sorgenden Mutter, sagen tiefgefühlten Dank Im Namen der trauernden Hinterbliebenen 5289 Heinrich Müller nebst Frau und Sohn. Heuchelheim, den 3. September 1906. Bekanntmachung. Betr.: Rotlaufseuche. Unter dem Schweinebestand des Wirts Peter Minke in Gießen ist die Rotlaufseuche ausgebrochen. Gchöftsperre ist angeordnet. Gießen, den 1. September 1906. Großh. Polizeiamt Gießen. Herberg. Bekanntmachung. Betr.: Schießen ohne polizeiliche Erlaubnis. Es ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß trotz unserer kürzlichen Warnung immer noch in Gärten ohne polizeiliche Erlaubnis oder sogar nach eiugeholter Erlaubnis zum Schießen von Raubzeug nach Singvögeln und Tauben geschossen worden ist. Wir warnen hiermit ausdrücklich vor dem leichtsinnigen Schießen und insbesondere vor dem Schießen nach nützlichen Vögeln. Die Schutzmannschaft ist angewiesen, ein besonderes Augenmerk auf diese Ausschreitungen zu richten und unnachsichtlich Anzeige zu erheben. Gießen, den 1. September 1906. Großh. Polizeiamt Gießen. Herberg. Versteigerung. Dienstag, den 4. September d. Js., nachm. 2 Uhr, versteigere ich Neustadt 55 dahier gegen Barzahlung: 1) 1 neues Sofa u. 1 desgl.Derticow, 3 Bilder, 1 Bierservicc, 1 Rauchtisch, 2 Laden - Glasschränke, 137 Spazierstöcke, 1 große Partie Bleifiguren, 5 steinerne Wasser- trüge und 12 Einmachgläser. 2) 3Drehbänke, 14HandelSwaagen, 15TafelnGlaS, 100 Sack Cement und Möbel aller Art. Die Versteigerung zu 1 findet ganz bestimmt statt, zu 2 teil, weise. [5245 Born, Gerichtsvollzieher. Versteigerung. Dienstag den 4. September d. Js., vormittags 10 Nhr, versteigere ich Hammstraße 27 gegen Barzahlung: [5243 Schreibtisch, Verticow, Bücherschrank, Spiegel mit Trnmeaux, Stühle, Sofas, Kleiderschrank, Teppiche, Paneclbrctter und Postamente, Blumenvasen, Vorhänge und andere Sachen. Born, Gerichtsvollzieher. Aufforderung! Forderungen und Ansprüche an den Nachlaß des am 11. August dahier verstorbenen Juweliers Heinrich Huhn sind unter Bekanntgabe der dafür in Pfand gegebenen Sachen binnen 2 Wochen bei dem unterzeichneten Nachlaßverwalter anzumelden. Innerhalb gleicher Frist sind auch die schuldigen Beträge an mich zu zahlen. Gießen, den 3. Sept. 1906. Julius Löbermann, 5291] West-Anlage 64. Bei Gicht Rheumatismus Ischias Neuralgien nehme man Indoform. (Orthooxybenzoesäuremethylcnacetat). Gl-nzendcErf°lgc.7,^ Ghne schädliche Nebenwirkungen! Ein ärztliches Urteil von vielen: Besten Dank für Ibr Indoforin, dessen vorzügliche Wirksamkeit ich staunend erprobt habe. Vorrätig in Apotheken in Glasröhrchen zu 75 Pf. u.Mk.l.50. Aerztliche Anerkennungen u.Krankenberichte auf Wunsch zu Diensten. Nach Orten, wo nicht zu hoben, versendeb.Voreinsend.d.Betr.portofr.! Zritz Schul;, Chein. §abri!, Leipzig. Spiritus PelrolennPXUUiUI empfiehlt August Avsll Scltersweg 12. [4555 ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Moderne, gediegene, börgerliohe M/oiinungs-Einrichtungen zu billigsten Preisen. 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Gothaer UeM-Lottene 3333 Gewinne n. 1 Ppflmle Mk. S 48 MS Grteiter Gewinn Im glücklichsten Falle; ...25000 I Prämie:15000 210000 Lose ä l.-M., llLoselO.-, Porto u. Liste 20 P f. extra, empfiehlt Carl Heintze, Gotha und alle Loshandlungen. Prima Kognak § Spezialmarke, garantiert franz. Verschnitt, ärztlich empfohlen, per Literflasche 2 Mk., ist der preiswerteste und beliebt wegen seines vorzüglichen Geschmackes. Ferner gelten meine französischen Kognaks unter Lriginalverschluß als die besten, welche der Markt bringt. E. Dort, Walltorstraße 15. Bekanntmachung. Wir geben hiermit bekannt, daß der Zuschlag für Herstellung der staatlichen Wasserleitung von Lauter nach Vad- Nauheim und Friedberg folgenden Firmen erteilt worden ist: Los 1, 2 und 3: Haake & Hartwig zu Hannover, , 4 und 5 Emil Koch & Eie. zu Frankfurt a. M., „ 6 und 7: Allgemeine Städtercinigungsgesellschaft zu Wiesbaden, , 8 und 9: C. Mennicke Nachfolger zu Dresden. d3/9 Bad-Nauheim, den 27. August 1906. 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