»ir. 69 General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen bereits anoerroettig oer- itzlickes Glied der. hessischen und feit hur als Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scben UntDcrfilätdi)ruderet St Lange, Lietzen. Redaktion. Expedition u. Druckerei: 8chulskr.V. Tel. Rr. 51. Te1egr.-Adr. r Anzeiger Lretz«. stadter Sache. Nach einigen weiteren Bemerkungen des Abg. Bahr nimmt Staatsminister Ewald das Wort. Er habe gehofft, daß mit seiner eingehenden Erklärung die Angelegenheit erledigt sein werde, denn er habe ausdrücklich seine Mißbilligung ausgesprochen. Heute habe Abg. Bähr eine ganze Reihe von Dingen vorgebracht, die im Augenblick nicht zu kontrollieren seien. Man bürfe doch die Sache nicht nach den jetzigen Privatinformationen beurteilen, sondern nach den Tatsachen, die damals dem Staatsanwalt zur Beurteilung vorlagen. Er habe in Rücksicht auf gewiße Personen nicht alles das aus den Akten mitteilcn können, was dem Staatsanwalt vorlag. Gegen den jungen Beamten lag bisher in feiner Weise ein Bedenken vor, ihn mit der Untersuchung zu betreuen, er, Redner, würde ihm als Oberstaatsanwalt gleichfalls die Untersuchung über- tragen haben. Er habe schon erklärt, daß das Vorgehen der Staatsanwaltschaft zu mißbilligen sei, weil bei der Untersuchung nicht in der richtigen Weise vorqegangen wurde. Infolgedessen wurde auch der junge Beamte seines Dienstes enthoben. Derselbe werde, wie er noch mitteilen wolle, jetzt berei^^anderweitig ^verwendet und er hoffe daß er ein nut,"/./' m,f Beamtenschaft werden wird. Der Minister legt zum Schlup dagegen Verwahrung ein, daß der Hergershausener Vorgang nut dem Eberstädter auf eine Stufe gestellt werde, denn im Eberstädter Fall und demütiger als im stolzesten Siegeslorbeer gewaltigster Erfolge und im höchsten Glanze kaiserlicher Macht gewesen ist. So lebt und wirkt er segnend weiter, ein unerreichtes Vorbild auf dem Throne, auch den ihn überlebenden und den kommenden Geschlechtern der Vater des deutschen Vaterlandes. Amtliche Nachrichten über Viehseuchen. In einem Gehöft zu Reibertenrod (Kreis Alsfeld) ist unter den Schweinen die Notlaufseuchc ausgebrochen. Gehöftsperre ist verhängt. Erschetm «glich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Sictzrner §amttlenb!ätter" werden dem »Anze'ger viermal wöchentlich beigelegt. Ter Landwirt" erscheint monatlich einmal. sei die Behörde durchaus korrekt verfahren. Nach einigen weiteren Ausführungen des Abg. Bähr erklärt der Präsident die Besprechung für erledigt. Es folgt die Besprechung der Anfrage der Abgg. v. Brentano, Pennrich und Gen. in betreff der Kellerkontrolle in Büdesheim. VettLscher.' Reichstag. 7 2. Sitzung vom 21. März 1906. Präsident Gras Ballestre m macht Mitteilung von dem heute erfolgten Ableben d e s ?l b g. L e n z m a n n , der noch gestern an den Beratungen des Hauses teilgenommen hatte. Tas Haus ehrt das ^(nbenCcn deS Verstorbenen in der üblichen Weise. Auf der Tagesordnung steht zunächst ein Antrag Liebermann v o n Äo n n e n b e rg betreffend Schutz berVersammlungs- f r e i h e i t vor g e w a l t s a in e n S t o r u n g e n. Abg. Liebermann von Sonnenberg (wirtsch. Bg.) führt zur Empfehlung des Antrages aus, seine Durchführung sei sehr leicht. Die Bundesstaaten brauchten sich nur zu verständigen über eine gemeinsame Instruktion an die Polizeibehörden. Es handle sich hauptsächlich darum, bas Versammlungsrecht der übrigen Staatsbürger zu schützen gegen Störungen durch rücksichtsloses Vorgehen von Sozialdemokraten. Redner gibt sodann eine Reih» von Beispielen aus seiner VersammlungS-Praxis. Abg. B a u d e r t (Soz.) stimmt dem Antrag zu und sagt weiter :■ Für die Begründung des Antrags jedoch gilt das Sprichwort: Wer im Glashanse sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Jüngst sprengten die Antisemiten in Stettin eine Versammlung, in der Professor Reißer aus Breslau einen Vortrag hielt. Die antisemitischen Handlungsgehilsen zeichnen sich dadurch aus, bah sie die Versammlungen anders gesinnter Hanblungsgehilsen sprengen. Die anderen bürgerlichen Parteien nützen wo lie die Mehrheit haben diese gerade so aus. Im Eisenacher Wahlkreis riet die antisemitische Agitation eine Erregung hervor, wie sie dort nie zuvor bestand. Bürgerliche Organe bestätigten dies. Abg. Giesberts (3tr.). Wir sind gegen die Tendenz bc-3 Antrages und die vorgeschlagenen Abhilismittel. Die Konsequenzen daraus sind unübersehbar. Die Polizeigemalt werde in uner- ivünschtem Maße erweitert. Es wirb immer Draufgänger geben, die über bic Stränge schlagen. Wenn im Essener Wahlkreise Gegner unsere Versammlung sprengten, so sprengten mir stets bas nächste mal die ihrigen (Heiterkeit,. Niemals ober riefen wir den Schutz des Gesetzes ober der Polizei an. Unhaltbar und überlebt ist die Auflösungsbefugnis der Beamten, dlötig ist vor allem ein Retchsvereins- unb Versammlungsrecht unb ein Schutz gegen die Bestrebungen, bas Koalstionsrecht illusorisch zu machen. Wir Der 22. März, 6er Geburtstag Kaiser Wilhelms I., ist ein unvergeßlicher Gedenktag für das deutsche Volk. Welch ein LebenSgang von Jena bis Versailles und welch ein demütiges Tragen der Höchsts Ehren, die die Welt für ein menschliches Haupt zu oerget-en hat! Kaiser Wilhelm ist von Jugend an den groben Werdegang seines Volkes mitgeschritten, der höchsten Stelle am nächsten, selten mit seiner Person, stets mit seinem Charakter hervortretend. AlS er preuß. König geworden war, hochbetagt, war eS ihm beschieden, daS Sehnen und Ringen zweier Menschenalter der Vollendung entgegenzuführen, den Traum von Jahrhunderten zu verwirklichen und ein Dentschland von einer Machtsülle und einem Ansehen erstehen zu lasten, wie die wärmsten Patrioten eS nimmer zu erhoffen gewagt hatten. Dann ist er, ein Hort des Friedens, fast durch zwei Jahrzehnte innerer friedlicher ReichSentwick- lung seinem Volke vorangegangen, ein Patriarch im edelsten Sinne deS Wortes, von jener unbeschreiblichen Hoheit, der jedes deutsche Herz sich willig beugte und die niemand vergißt, der je in den gütigen Glanz dieses AugeS gesehen hat. Der Zauber, mit dem Sage und Geschichte der Vorzeit den »Deutschen Kaiser* umwoben hatten, war wieder lebendig geworden an seiner erhabenen Persönlichkeit, die in lichter Verklärung vor uns steht. Aber eS ist nicht der Glanz der Reichskleinodien, an dem dieser Zauber hing. Der Zauber hastete an dem höchsten Kleinod, daS Menschenhände nicht formen können: an Kaiser Wilhelms goldenem Herzen! Dieses Herz, das er nach seiner Rückkehr auS England im Jahre 1848 als daS wahre Nationaleigentum bezeichnet hat — ist der Grund- und Eckstein deS Deutschen Reiches und seiner Ver- fastung geworden. Er verewigt uns das Bild des alten Kaisers, wie er in und mit seinem Volke lebte, keine Ehren suchte und doch die höchsten Ehren fand. Provinzen und Länder wurden erobert, aber sein Herz hat sie gewonnen. Sie sind an Liebe und Treue für sein Andenken hinter den alten preußischen Provinzen nicht zurückblieben. Auf dem Sterbebette noch hat er daS Wort gesprochen: »Ich habe keine Zeit müde zu fein," ein Wort, da§ weiterklingen wird, so lange es ein Deutschland und Deutsche gibt. Dieses Wort ist bezeichnend für sein ganzes Leben. Er hatte stets Zeit, wenn eS Dienst und Pflicht galt, und in Dienst Pflicht war er immer. Hochherzig, zuverlässig und dankbar, so haben ihn nicht seine überragenden Mitarbeiter gekannt, die seinen Thron glänzendste Zier umstanden und denen er seine Dankbar« „über bas Grab hinaus" oft ausgesprochen und treu betätigt hat. Ganz Deutschland hat ihn so gekannt, der niemals über dem Großen des Kleinen vergaß und nie menschlicher Amtlicher Hit. Gießen, den 19. März 1906. ©etr.: Die Jahresübersichten und RechnungSabschlüffe der Krankenkassen. Das Mroschermglichc Kreismnt Wielren an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises, die Verwaltungen der Gcmeindc-Kranten- Verficherungen, die Vorstände der eingeschriebenen Hilfstassen des Kreises und der Betriebs-(Fabrik-) Arankcntaffen in den Landgemeinden des Kreises. Soweit Sie mit Erledigung unserer Auflage vom 5. Januar 1906 (Amtsblatt ohne Rr.) noch im Rückstände sind, werden Sie hieran erinnert. I. V.: Fröhlig. danke ihm für sein Vorgehen in dieser Angelegenheit. Er Halle aber ein weiteres Eingehen darauf dock) für erforderlich, ba die Behörde in verschiedenen Punkten nicht richtig unterrichtet zu sein scheine. Er habe natürlich fein persönliches Interesse an der Sache, aber es müßte alles geschehen, um ähnliche Vorfälle in Zukunft ui verhüten. Er müsse sich auch gegen bie Schlußfolgerung ber Regierungserkläruna roenben. Nach seiner Meinung sei ber eigentlich Schuldige der Wachtmeister Wolf, der gewiffer- maßen mit seinem schroffen Vorgehen einen Racheakt auSqeiibt habe. Der mit der Untersuchung beauftragte Darmstädter Assessor sei für bic Sache zu jung gewesen, man hätte sie einem erfahrenen Richter übertragen sollen. Es fei auch nicht zutreffend, daß sich die Frauen alle freiwillig ber Untersuchung unterzogen hätten, es hätte sich vielmehr eine ganze Reihe geweigert, auch sei bie unter* suchende Hebamme bei ihren Untersuchungen sehr parleusch vor- gegangen, man habe sich weigernden Frauen sogar mit einer zwangsweisen Abführung nach Darmltabt gedroht. Es müßten auch gegen das Vorgehen deS Kreisarztes verschiedene Bedenken erhoben werden; ein Fall von Zwangsandrohung stehe überhaupt nicht in den Akten. ES stehe also fest, daß entweder vom Staats- anwalt ober vom Kreisarzt Fehler begangen worben seien, und er könne auch nicht zugeben, baß, wie ber Herr Justizminister aus- führte, der Hergershausener Fall nur vereinzelt bastehe. Redner verliest einen Brief, in welchem ihm nütgetcilt wirb, daß eine Frau, bic eine Fehlgeburt hatte, sich einer peinlichen ärztlichen Untersuchung unterziehen mußte, woburch die Frau in eine schwere Gemütserregung versetzt würbe. 'Abg. U e b e l (Zentr.s bemerkt, er halte ben ganzen Vorfall für sehr bedauerlich, unb nicht geeignet, baS Vertrauen ber länb- lichen Bevölkerung zu den Beamten zu erhöhen, umfo weniger, als burch bie langen Berichte in der Presse besonbers ber Kreisarzt blosgestellt worben ist. Den Vorfall tenbenziös auszubenten, wie es geschehen sei, halte er nicht für richtig, es sei auch verkehrt gewesen, bie Sache mit ber Eberbacher Kinbsmorbaffäre in Verbindung zu bringen. Abg. Köhler wendet sich gegen die letzten Ausführungen des Vorredners unb oerteibigt seine Stellungnahme in ber Eber- Aergste geschädigt worden. Staatsminister Ewald ertoibert, man winic doch nicht einen ganzen Stand für das event. Vergehn eines Einzelnen verantwortlich machen. Geschehe denn bad jemals in einem anderen Berns? Habe man deshalb sckwn den ganzen Lehrerstand verurteilt, weil sich ein einzelner Lehrer Vergehen zu Dulden kommen ließ? Und sollte sich beshalb der ganze Lehrerstcmd verbitten, daß eine Untersuchung gegen den Angeschulbigten em- geleitet werde? Er könne absolut nickt anerkennen, daß der reelle Wein handel darunter leiden sollte, weis ent Einzelner, unreell gehandelt hat. Man dürfe fick da keineswegs auf ben. Standpunkt stellen, daß mit Rücksicht auf den reellen Weinhandel die Weinpantsckerei ungestört bleiben muß. Rack einigen weiteren Ausführungen ber Wgg. Braun und von Brentano, welch letzterer dem Staatsminister gegenüber erllärt, er halte alle seine früheren Ausführungen aufrecht, ührt „. Ministerialrat Usinger aus, das Ministerium be? Innern habe erst infolge des Schreibens des hessischen Kellerkontroleurv, daß er sein Amt nieberlege, Kenntnis von der Angelegenheit erhalten Es sei dann ein Beamter nach Büdesheim gesandt worden und nach den Herrn Braden gegebenen Aufklärungen über bie. Anschauungen der Regierung habe er sich befriedigt und bereit crllä'.'t, sein Amt weiterzuführen. Abg Reinhart stellt nochmals fest, das; nach semel-Meinung der Fall Büdesheim den hessischen Weinhandel aufs schwerste schädigen würde, daran würden auch alle Regierungserklärungen nichts zu ändern vermögen! . . or Präsident Haas erklärt, dav damit bie Besprechung der Anfrage erledigt ist. Es folgt noch die definitive Wahl des Kammerpräsidiums durch Stimmzettel. Zum ersten Präsidenten wird mit 26 (neben 11 unbeschriebenen und zwei zersplitterten) Stimmzetteln Präsident Haas wiedergewählt zum ersten Vizepräsidenten Herr Köhler mit 24 Stimmen (bei 8 weißen unb 3 zersplitterten Zetteln) und zum zweiten Vizepräsidenten Herr Dr. ^ckmitt mit 26 Stimmen (bei 10 weißen Zetteln). Präsident Haas erllärt, daß er mit Tank für das mm aber- mals bewiesene Vertrauen die Wahl annehme; er werde an seinen bisherigen Gruiidsätzen festhallen und auch tn Zukunft die Redefreiheit hochhalten. Die Abgg. Köhler und Dr. Schmitt nehmen bic Wahl- gleichfalls dankend an. < Damit ist die Tagesordnung erledigt und bic Lntzung scklletzr um 3/k2 Uhr. . ..... Nächste Sitzung unbestimmt, im Lauf der nächsten Woche. ____ Zweite hessische Kammer. 8. L. D a r in stadt, 21. März. Am Rcgicrungstifch: Staatsminister Ewald, Ministerialräte Becker, Lord ach e r unb 11 f i n g c r. Präsibent HaaS eröffnet bic Sitzung um 10'/, Uhr. Das Haus tritt sofort in bic Beratung bes Gesetzentwurfs betrenenb bie Verlängerung ber Geltungsdauer bes Gesetzes über die Gememdeumlagen vorn 30. März 1901 ein. . Abg Dr Gntflcisch führt als Ausschußberichtcrstattcr aus, baß burch bas Nichtzustanbekoimnen bes neuen ®emcmbeum(agen- Gesetzes vielen Gerneinben ein schwerer Schlag bereitet worben sei. Der Finanzausschuß sei einstimmig ber Meinung, bap ben (Sememben mehr Bewegungsfreiheit gegeben werben müsse. Es muffe versucht werben, wenn wir jetzt eine neue breijährige Verlängerung bes bestehenden Gesetzes zustimmen, ben Gemeinden in ihrer schwierigen ~.age eine möglichste Erleichterung zu schaffen. Es muffe den Gemeinden die Möglichkeit gegeben werden, schon jetzt eine Besserung ihrer Finanzen in Erwägung zu ziehen unb beshalb beantragt ber Ausschuß 1. bie Regierungsvorlage auzunehmen; 2. bie Regierung zu ersuchen, baß sie nut Beschleunigung eine Ausgestaltung ber steuerlichen Autonomie ber Gemembcn inbezug auf Geineinbeumlageu unb Gemeinbeabgabcn, insbesondere hinsichtlich der Abgaben bei Jmmobilienverauße- rungen in die Wege leite. Eine Debatte über diesen Gegenstand sindet nicht stall; das Haus nimmt den Ausschuß« n trag e i n ft i m m i g a n. Es folgt die Besvrechung ber Anfrage Bahr inbctrcn be5 Vorgehens ber Staatsbehörden b c x Nntersuch - u n g des Kindesmordes in Hergeröhansen. Abg. Bähr (Bbd.) bemerkt einleitend, er könne nut ber Erklärung bes Staatsministers im allgemeinen zufrleben sein unb Dr. Schmitt darin einig, bau burch die Art dieses Vorgehens eine Sckradigung der rheinhessifchen Weinproduktion hrrbcujcfiilKt wurde, die gar nickt wieder gut zu macken sei und bic er auf das Entschiedenste verurteilen müsse. Redner bedauert 1 cnlicBixaY auch, baß man in biesem Fall von ben bewährten Grundsatzev bes Staatsministers Rothe abgewickeu sei. Staatsminister Ewalb crwibert bagegen, die Regierung habe keine Veranlassung, von den Rothefcken Grundsätzen bezüglich der Kellerkontrolle abzugehen. Dann rechtfertigt der Minister daS Verhalten der Staatsanwaltschaft. Hier handle c5 sich um etwas ganz anderes, als um Kellerkontrolle. Nackwein die vlli zeige aus Neustadt erfolgt war, hatte die Staatsawvattchhaft dm Pflicht, sich an die gesetzlichen Vorschriften zu halten; sie hatte sich andernfalls sogar strafbar gemacht. Wie kann man dem Staatsanwalt zumuteu, aus Taktgefühl ober Rücksicch auNchwiC- rige Verhältnisse von seiner Pflickt abzugehen ? Auch der ^taat^ anwalt werde wohl gefühlt haben, daß es sich hier wahrsä/einlich um eine Denunziation handle, aber das dürfte für ihn Win Grund sein, von den gesetzlichen Vorschriften abzuweichen. Es handelte sich in Büdesheim um eineu großen Betrieb mit ca. IjOO ^turt Faß, und ba war eS nur richtig, brei Sachverständige hinzu- zuzieheu, was auf Grund bes Art. 73 ber ^trafprozestorbnung geschah. Der Untersuchungsrichter sei ein geborener Rdenil-csse, der auch ganz genau wisse, um was es fick handle. Rebner erklärt zum Schluß, baß er auch als Justizministcr in bicfcr Angelegenheit gar nickt ein schreiten könne, sondern der geruht* lichen Untersuchung freien Lauf lassen müsse. Wenn die Unter- suckung zu Gunsten ber bavon Betroffenen abscklleßc, werde alles gcsckehen, nm den Sachverhalt aufzullärcn und jebe Scha- biguitg zu verhüten. , , , . Abg. Reinhart tabelt ebenfalls, daß b;e Justizbehörde hier einen so großen Mangel rn Vorsicht bewiesen habe. Man habe im selben Augenblick, in dem daS ganze Gewerbe tut Reichstag des Betrugs verdächtigt wurde, die Untersuchung vorgenommen. Nichts sei gefährlicher, als wenn der gute Ruf eines Gc werbetreibenden angetastet werde. Die Sacke in V'.ideshcim möge ausgehen, wie sie wolle, sie werde immer einen großen Schotten werfen auf den ganzen rhein-hessiscken Weinbau. Der gute Ruf sei dos Beste und Kostbarste, was ein Gesckästsmann besitzen kömic und dieser sei durck das Vorgehen in Büdesheim auss Abg. v. Brentano führt aus: Er habe zu seinem Schauern zu erklären, daß er durch die Antwort ber Regierung keineswegs beiriebigt sei. Tie Regierung stelle sich auf beit Grnnbsatz: Fiat justitia, pereat mundus. Daß bie Staatsanwaltschaft berechtigt sei, einen ober mehrere Sackwerstänbige zu berufen, »volle er nicht Der- kennen, allein auch bie Staatsanwaltschaft unterliege nicht nur ben starren Pflichten ihres Amtes, fonbern habe auch bie Pflicht, Takt zu üben unb auf bie Interessen ber Bevölkerung Rücksicht zu nehmen, bie ohnehin burch bie so verletzenbe unb provokatorische Art des Auftretens des Abg. Staufer int Reichstage eine schwere Schädigung erlitt. Tie Erklärung erschöpfe auch den Tatbestand nicht vollständig. Würde der Staatsanwalt vom Knserwescn oder Weinhandel etwas mehr verstehen, ober hätte er sich mehr in bie Interessen ber Bevölkerung hineiugelebt, so hätte er sich sagen müssen, baß die Anzeige au§ der Pfalz von ber Absicht ansging, bic Aufmerksamkeit ber weitesten Kreise nach bem Sartorinsprozeß von bem Psälzcr Weinhandel abzulenken auf bic hessischen Wcinprodu- jenten. Schon bicfcr Umftanb hätte ben Staatsanwalt ocranlaiicn müffen, vorsichtiger zu sein. Ter Hessiscke Zlcllerkontrolleur war boch mit ber Untersuchung beauftragt unb Hatte konstatiert, baß zur jetzigen Zeit in BübesHeim nichts unrechtes vorgekommen sei. Die Hinzuziehung bes pfälzischen Kellerkontrolleilrs mußte ber Hessische mit Recht als einen Angriff auf seine Ehre betrachten. Dies Vorgehen ber Staatsanwaltschaft fei um fo fchobigenber für ben heil. Wcinl,anbei, als cs im Anschluß an bie beteibigenben Acußcrungcn im Reichstage erfolgte. JcbenfaNs feien Juristen imb Laicu unb die Korporationen für Weinbau einstimmig ber Meinung, baß es nicht notroenbig war, einen solch großen Apparat in ber Sache in Bewegung zu setzen. Rebner erklärt ziim Schluffe nocy, baß er eine anberc Antwort von ber Negierung erwartet hätte. Abg. Pennri ch schließt sich ganz ben kritischen Darlegungen bes Vorrebners an unb spricht schließlich bas Verlangen aus, bie hessischen Vertreter im Biinbcsratc möchten bahin wirken, baß so- balb wie möglich einheitliche Vorschristcn für bie Wcinkonrrollc tm ganzen Reiche geschaffen werben. Abg. Dr. Schmitt weist zunächst mit scharfen Worten bie im Reichstag erhobenen Anschuldigungen gegen den Mücken Weinhandel zurück. Er hätte gewünscht, daß der heffiscke Vertreter im BundeSrat sofort darauf die gebühreude Antwort, gegeben hätte. Man sollte dock darauf hulwirken, daß die Stauner- sckc Anschuldigung vom Bundesrat als ungerechtfertigt verurteil: wird. Im vorlicgeudcn gatte käme es ganz auf die Art des Vorgehens au. Der Untersuchungsrichter hatte auck Rucksieot auf das Renommee der betroffenen Gcmeinoe nehmen m: n n, er hatte sieb auch Proben und Einblick in die Bücher der lyirma versäxiften können, ohne daß es nötig war,, gleich mit 6—7 Personen aufzumarschieren. Gerade in der letzigen Zeit und unter den aegcbcneii Verhältnissen, unter denen die Unternickung er^iatc, war eine doppel:e Vorsicht geboten. Das' Ijattc sich auch der Untersuchungsrichter sagen müffen! Er schädigt jetzt, mit seinem schroffen Vorgel)cn die Interessen der ganzen hessischen Wem- vroduktion, denn jedermann glaubt setzt, daß durch die Un^r- suckung des Staatsauivalts die Anllage L-tauffers ihre Bestätigung finde. Die Regierung stelle sick mir den rem formellen juristischen Standpunkt, ohne zu berücksichtigen, das über dem juristischen dock das allgemeine Wohl des Landes stech. Man hätte dem formellen Reckt auck vollständig Genüge, geschehen laffen können, ohne aus der Anzeige der beiden malzi- scheil Weinintcressenten eine so große Sache anizubauschen. Abg Molt Han hat gleichfatts. ine Empsindung, daß das Vorgehen der Mainzer Staatsanwaltschaft . unverembar iei mit den wirllicken Interessen der Provinz Rheinhessen. .Er iei mit Zweites Blatt 156. Jahrgang Donnerstag 22. März 1866 Gießener Anzeiger brauchen ein Gesetz, das verhindert, daß die Großindustriellen ihre Arbeiter zu Heloten hcrabdrückcn. Abg. Patzig (natl.) meint, der Antrag fordere in seinen folgen unabsehbare landespolizeiliche Bestimmungen, die vielleicht das Versammlungsrecht erst recht schmälern konnten. Deshalb bedauerten seine Freunde, den Wunsch deS Antragstellers nicht .unterstützen zu können. Dir würden sonst wahrscheinlich von all den anderen Wünschen, die wir an ein Neichsvere insg esetz knüpfen, nichts erreichen. Redner ist noch nicht in der Lage, die Schuld an den Vorgängen bei der Eisenacher Wahl einseitig aus die Sozialdemokraten schieben zu können Abg. Vorzig (Kons.) kann trotz großer Bedenken dem Antrag im allgemeinen zustimmen. Es handele sich eben darum, die Versammlungsfreiheit gegen Angriffe von unten zu schützen. Die Sozialdemokratie versuche vergeblich, die Eisenacher Vorgänge von Ihren Rockschössen abzuschütteln. Abg. Raab (wirtsch. Vg.) verteidigt die Haltung der Antisemiten im Eisenacher Kreise. Man habe die Sozialdemokratie fernhalten müssen, um die Versammlungen ungestört abhalten zu können. Abg. B e r n st c i n (Soz.): Es gibt keine Partei, die so wie die Sozialdemokratie in ihren Versammlungen politische Gegner zu Worte kommen läßt. (Stürmisches Gelächter im ganzen Hause.) Redner polemisiert dann des längeren gegen die Antisemiten und erklärt sich gegen den Antrag. Abg. S cd r a d e r (ireis. Vg.) spricht sich gegen den Antrag aus, der nur die Befugnisse der Polizei vermehren würde. Seine Freunde wünschten möglichst große Freiheit des Versammlungs- und Vereinsrechts. Dieser Antrag aber würde die Erreichung dieses Zieles erschweren. Abg. Sinder mann (Soz.) ist gegen den Antrag, weil er das bischen Versammlungsfreiheit, das wir heute noch besitzen, illusorisch machen würde. Abg. Luttmann (Wirtschastl. Vg.): Ueber die Aeußerung des Abg. Bernstein, die Sozialdemokratie allein ehre die Versammlungsfreiheit, hat ja die Mehrheit des Reichstages durch Lachen quittiert und damit die Absicht der Mehrheit des Volkes zum Ausdruck gebracht. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Mir ist doch in Melsungen der Zutritt zum Versammlungslokale von einer Kette von Sozialdemokraten mit Mauersteinen venvehrt worden und erst mit Hilfe der Revolver meiner Begleiter kamen wir hindurch. (Lärm bei den Soz.) In Kassel mußte ich vor den Drohungen der Sozialisten unter Zurücklassung meines Hutes das Weite suchen. In Eisenach stand ich selbst dabei, wie Sozialisten einen Schutzmann au? dem Fenster warten und seinen Rock ganz zerrissen. In Eisenach wie hier im Reichstage wird der Jenenser Beschluß ausgeführt: Noch ruppiger zu werden. (Lärm bei den Sozialisten.) Abg. Stücklen (Soz.): Ein Steinwurf ist noch keine Revolution. (Heiterkeit rechts.) Die Antisemiten und Versammlungs- sreiheit, das reimt sich schlecht zusammen. Beim Lesen des Än- lrages dachte ich, die Herren gehen jetzt gegen sich selbst vor. (Heiterkeit links.") Redner polemisiert weiter gegen die Antisemiten. Präsident Graf B a l l e st r e m ruft Stücklen zur Ordnun g, weil er dem Abg. Raab Verleumdung nachgesagt habe. Abg. B u r ck h ar d t (Wirtschaft!. Vg.) erklärt, im Siegerland erlebten wir dieselben Fälle von sozialdemokratischem Terrorismus wie im Eisenacher Kreise. Abg. Schack (wirtsch. Vg.1 weist die Behauptung der Sozialdemokraten zurück, daß die nationalen Handlungsgehilfen in DreÄien als Sprengkolonnen organisiert worden wären. Der Beweis dafür sei schwierig. Die Sozialdemokraten, die die schwierige Arbeit nicht lieben, blieben den Beweis dafür schuldig. (Heiterkeit rechts.) Abg. Reißhaus CSog.) polemisiert gegen die Antisemiten, ist aber von zahlreichen Zwischenrufen unterbrochen auf der Tribüne schwer verständlich. Abg. Zimmermann (Resormp.) bekämpft das Vorgehen wer ^o-ozialisten im Königreich Sachsen, wo sie die ihnen von den Antisemiten gewährte volle Rcdcfreihest mißbraucht hätten. (Lärm links.) Wir lassen uns von ihnen doch nicht auf der Nase herumtanzen. (Fortgesetzte Protestrufe bei den Sozialdemokraten; mehrere Sozialdemokraten melden sich zum Worte.) An der folgenden ?lnseinandersetzung beteiligen sich die -«L^ialiften Horn, Schöpflin und Hoffmann. Damit schließt die Debatte. Es folgen persönliche Bemerkungen. Nach einem Schlußworte des Abg. Liebermann von Sonnenberg wird der Antrag ab gelehnt. Dafür stimmte nur die Rechte. Danach wird der zweite Punkt der Tagesordnung, Antrag des Mg. Graf v. Bernstorfs aus Herabsetzung der Verbrauchsabgaben ans Zucker delwltelos der Budgetkommission überwiesen. Nächste Sitzung Freitag: Kolonialetat, Marineetat und «Flottengesetz. __________________________________________ j)oLMsehe Lagesscbau. Die Ausbildung der Reserveoffiziere. Die Erfahrungen bei den in den letzten Jahren zu Ülebungsznrecken nufgestellten Mserve-Jnfantcriereginren- lern haben — so schreibt die freisinnige „Weser-Ztg." — 'ergeben, daß eine bessere Ausbildung der Oberleutnants und Hauptleute des Beurlaubten stand es dringend crforder- stich ist. Bei den Hebungen dieser Regimenter entstanden 'oft Situationen, die teilweise ein schlechtes Licht auf unser .Reserveoffiziermaterial warfen und manches Kvpsschütteln verursachten. Im Ernstfälle würden die schlimmsten Konsequenzen, manchmal ein völliges Aufreiben der Truppen ringetreten sein. Künftig soll ein sehr strenges Auge auf die Offiziere geworfen werden, die eine Beför'derungsnbung absolvieren. Zur Befähigung zum Kompagnieführer wird tadellose Reitfertigkeit verlangt werden, da sich auch hier ein bedauerlicher Mangel gezeigt hat. Auch betreffs der Mannschaft soll dafür gesorgt werden, daß jeder Reservist mindestens zweimal 14 Tage im Reserve- und 14 Tage iw Landwehrverhattnis übt, um die Mannschaften kriegstüchtig zu erhalten. Die Leistungen der Offiziere des Bcurlaubtenstandes ber Infanterie, Jäger und Schützen sollen den erhöhten Anforderungen an die Gefechtsausbildung der Truppen Mehr angepaßt werden. Die aktiven Kommandeure und Konrpagniechefs können sich bei den vielseitigen Anforderungen, die die Ausbildung der Mannschaften bei der zwei- Mrigen Dienstzeit an sie stellt, nicht in deut erforderlichen Maße depAnsbildung dieser Offiziere bei der Truppe widmen. -Abhilfe soll nunmehr dadurch erreicht werben, daß ein Teil der ersten Hebung in der Reserve und die Beförder- unasübung zum Hauptmann unter besonders geeignetem Lehrerpersonale des aktiven Dienststandes auf Truppen- übungsplätzen abgeleistet wird. Ein gleiches Verfahren hat bei den Reserveoffizier-Aspiranten bereits gute Erfolge ge- zettigt. * Ein weißer Rabe. Der Genosse Stampfer hatte einen Artikel über die „Welt Politik des Proletariats" geschrieben, worin er der internationalen Sozialdemokratie empfahl, ähren Einfluß dafür einzusetzen, daß bei einem eventuellen Kriege die Macht isoliert werde, die den Krieg provoziert habe; die internationale Sozialdemokratie müsse entscheiden, toer Recht, und wer Unrecht habe und danach handeln. Dagegen wendet sich der Genosse Karl Leuthner. Er sagt zunächst ganz richtig, daß die internationale Sozialdemokratie dazu gar nicht imstande sei; wollte sie das wirklich jdurchfiihren, so müßte die Weltgeschichte aufhören, Weltgeschichte zu sein. Er beweist dann, daß der Stainpferschv Korschlag weiter nichts sei, als eine Mobilmachung her Sozialdemokratie gegen Deutschland. An Anderer Stelle führt er aus: „Auch wenn eSl für uns als deutsche Sozialdemokraten Nicht verdammte Pflicht und Schuldigkeit wäre, zuerst und wieder und noch cmmal für den deutschen Arbeiter und sein Wohl zu sorgen: sogar vom allgemeinen proletarisänn Standvunkt aus' ist kein größeres Hnheil denkbar, als eine Niederlage und wirtschaftliche Zerstörung Deutschlands ■— des Landes der zahlreichsten Arbeiterschaft." Dann setzt er auseinander, daß bei einem eventuellen französischen Siege in Frankreich der siegreiche General, der Wiederbringer des Elsaß, die. „Kämmerphilosophen verdrängen und die H e r r s ch a f t a n s i ch r e i ß e n wer'de. Ein französischer Sieg sei die Zurückdrängung aller demokratischen Elemente innerhalb der mühsam erhaltenen Republik; und in Deutschland werde ein Massenabfall von der Sozialdemokratie, der man alle Schuld an der Mederlage aufbürden werde, zu verzeichnen sein. Zum Schlüsse sagt er, die ganze Rederei von „Isolieren" sei nur konfessionsloser Moralkatechismus"; in Wirklichkeit sei damit nichts anzufangen, die Kugeln würden die Isolierer genau so treffen, wie die Isolierten, und es sei ein schlechter Scherz, wenn beide nid/ mit gleichem Eifer zurückschießen würden. Der „Genofi?" wird wohl in seiner Partei wenig Zustimmung finden. Ein Sozialdemokrat, der Dinge darstellt, wie sie sind, und nicht nur nachkaut, was die sozialdemo-. t'ratischen Oberbonzen Vorreden, verdient nicht „Genosse"! zu heißen. Abg. Lenzmann t. Ter freisinnige Reichstagsabg. Justizrat Lenz- mann, Vertreter des weftfäl. Wahlkreises Iserlohn-Altena, der während der Reichstagssitzung am Dienstag einen Schlaganfall erlitten hatte, ist am Mittwoch in Berlin gestorben. Für die freisinnige Volkspartei bedeutet der Tod dieses angesehenen Parlamentariers so kurze Zeit nach dem Ableben ihres ersten Führers Eugen Richter einen doppelt schmerzlichen Verlust. Lenzmann hat nur ein Alter von 63 Jahren erreicht. Er genoß namentlich in allen Rechtsfragen Autorität auch außerhalb seiner Fraktion und war u. a. Mitglied der freien Kommission, die vom Reichsjustizamte mit der Ausarbeitung eines Entwurfes für die als notwendig anerkannte Reform der Strafprozeßordnung betraut worden war. In seinem Wahlkreise dürfte jetzt wieder ein heftiger Wahlkampf entbrennen, da im Juni 1903 neben 7737 sreis. 10146 sozialdemokratische, 7440 nationallib., 6604 Zentrums- und 1457 christlich-soziale Stimmen abgegeben wurden: in der Stichwahl siegte Abg. Lenzmann damals mit 19175 gegen 11030 sozialdemokrat. Stimmen. — Der Schlaganfall traf den Abg. Lenzmann, als er sich aus den oberen Räumen des Reichstagsgebäudes im Fahrstuhl nach unten begab. Er schleppte sich noch in den Sitzungssaal, wo er sich mühsam aufrecht hielt, bis! seine Freunde ihn aus dem Saale führten und nach Hause brachten. _________________ parlamentarisches» Berlin, 21. März. Die St euerkomMission des Reichstages nahm heute den Frachtstempel gemäß einem Zentrumsantrage an unter gleichzeitiger Einbeziehung des Verkehrs auf den Kanälen. Ebenso wurde der Rest des Gesetzes über die Frachturkunden angenommen. Es folgte die Beratung der Besteuerung der Person en- Fahrkarten. Bei dieser Gelegenheit gelangte ein Schreiben des preuß. Eisenbahnministers zur Verlesung, welcher dies Kilometersteuer ab lehnt und sich höchstens mit einem Fixstempel von 20, 10 und 5 Psg. und bei einem Preise von über 10 Mk. mit einem doppelten Satze einverstanden erklärt. Dies würde 25 Millionen Mark ergeben. Staatssekretär v. Stengel und Frhr. v. Nheinbaben wandten sich gegen die Zuschlagssteuer. Ein Beschluß wurde heute noch nicht gefaßt. Berlin, 21. März. Die freisinnige Volkspartei hat im Reichstag eine Resolution eingebracht, den Reichskanzler zu ersuchen, sofort eine Enquete über die Lage der Heimarbeiter, insbesondere betreffs der Arbeitszeiten, der Arbeitslöhne, sowie ihrer sanitären und sozialen Verhältnisse zu veranstalten und sodann auf Grund der Ergebnisse dieser Enquete möglichst bald dem Reichstag einen Gesetzentwurf zur Beseitigung vorhandener Mißstände vorzulegen. Mit dem- elben Gegenstand beschäftigt sich ein Antrag Dr. Hitze- Frhr. v. Heyl, der vom Zentrum, Nationalliberalen, Konservativen, freisinniger Vereinigung und Polen unterstützt ist und einen Gesetzentwurf zur Regelung der Arbeitsverhältnisse in der Hausindustrie verlangt. Es sind in dem Antrag die Gesichtspunkte angegeben, die in dem Gesetzentwurf berücksichtigt werden sollen. Heer und Flotte. — Dem „Militärwochenblatt" zufolge wurden zu Generalleutnants befördert: die Generalmajore von Reichenbach, Kommandeur der 7. Inf.-Brig. unter Ernennung zum Kommandeur der 2. Division; Fritsch, Traininspektor; Frhr. v. Plettenberg, Inspekteur der Jäger und Schützen; v. Twardowski, Kommandeur der, 32. Inf.-Brig.; Freiherr v. Egloffstein, beauftragt mit der Führung der 20. Div. unter Ernennung zum Komman-1 dcur derselben; Graf Molike, Kommandant von Berlin/ Flügge, Kommandeur der 3. Fuß-Art.-Brig.; von der! Gröben, Kommandeur der 33. Inf.-Brig. unter Ernennung zum Kommandeur der 12. Division. Das Grubenunglück iit Courriöres und der Ausstand. I Lens, 21. März. Tie Arbeiten im Bergwerk schreiten langsam vorwärts. In Schacht 2 in Billy-Montignh gewann das Feuer, wie man vorhergesehen hatte, beim Oeffnen der Absperrdämme zur direkten Bekämpfung des Feuers um einige Meter an Ausdehnung nach der Seite hin, wo die Luft einströmte. Nachdem nun aber Maßnahmen zu einer methodischen Bekämpfung des Feuers mit Hilfe von Wasser unter Truck beendet sind, gewinnt die Feuerwehr Terrain. Das Wetter ist andauernd schlecht. Es fällt Regen und Schnee. Tie Jngenieurkommission erließ heute folgende Bekanntmachung: Man begann heute früh 4 Hhr mit der Bekämpfung des Feuers und gewann bis 6 Hhr vier Meter. Zwei Leichen wurden zutage gefördert. Die Nacht ist verhältnismäßig ruhig verlaufen. Einige Mitglieder des neuen Syndikats sind nach Bethune gereift, um die Freilassung Brvutchoux', des Präsidenten des neuen Syndikats, dessen Verhaftung das neue Syndikat desorgani- iert hat, zu fordern. Andererseits wollen die Mitglieder deS alten Syndikats den Gewalttätigkeiten der Mitglieder des neuen Syndikats mit Gewalt begegnen. Die Truppe?: sollen verstärkt werden. Bürgermeister Basly erließ an die Bevölkerung eine Kundgebung, worin er die gestrigen Ausschreitungen, die von Agitatoren veranlaßt I seren, brandmarkt. Basly ist nach Parks abgereist, um mit den Ministern Clemenceau und Darthon zu konferieren. P aris, 21. März. Seit heute treffen b e d e u t c n d e K'yh- au S Deutschland ein. Dieselben werden haift't- lädilid) für die Pariser Gasfabriken benutzt. — Die Regierung I hatte beabsichtigt, verschiedenen Grubenarbeitern in Courrieres, I welche sich bei den Rettungsärbeiten hervorgetan hatten, das I Kreuz der Ehrenlegion zu verleihen, unter anderem dem Wg. .räinDU, welcher niedrere Kameraden mit eigener Lebensgefahr rettete._ Infolge einer Untersuchung hat die Regierung diesen Plan Urnen gelassen, da sich heransstellte, daß die Retter in I ihrer Mehrzahl der sozialistischen Partei angehören und die Aus- zeichnnng ablehnen würden. Andererseits wird berichtet, daß I skrupellose Menschen den Witwen verschiedener Opfer Geldsummen I angebvten haben als Entgelt aus die Entschädigungen, welche dis Witwen geltend machen fönnen. Mehrere Witwen, durch Not gezwungen, haben tatsächlich Heinere Geldbeträge angenommen und sind hierdurch späterer Entschädigungen verlustig gegangen. ___ ■ März. Das Hilfskomitee hat bis heute etwa 900000 0r an csH nt erst ü tzu n g sg eld er gesammelt. Hierin pnd bic jOO 000 Francs, die bic Regierung bewilligte, nicht ein» begriffen. Essen (Ruhr), 21. März. Die Mitglieder beider kgl. s ä chs. Kammern fammelten nach einem hier beim Bergbau-Verein leingegangenen Telegramm für die deutschen Rettungsmannschaften in Courrieres 3600 Mark als Ehrengabe, bic der Bergbau-Verein bankend accepticrtc. Zwei Mädchen getötet. (UnBered)tigter Nachdruck verboten.) , H. b'. Braunschweig, 21. März. _ Gin Ereignis, vor dem der Psychologe wie vor einem Rätsel | fleht, beschäftigte die erste Strafkammer des Landgerichts. In dem Hause Monumentcnstrape 1 wohnte bic Witwe bes Schlosser- ' Meisters Brunke mit ihrer Tochter imb ihrem achtzehnjährigen Sohn Karl. Dreier war Lehrling in einem Bankgeschäft, nicht unbegabt, jedoch furchtbar nervös. Er hielt sich für einen großen Künstler und Schriftsteller. Seine Theaterstücke, die er dem hiesi- gen Hostheater, dem Lessingtheater und Deutschen Theater in Berlin zur Aufführung anbot, wurden stets zurückgewiesen. Seit einem halben Jahre erteilte er den Töchtern des hiesigen Kaufmanns Haars Musikunterricht. Diese, int Alter von 21 und 22 Jahren, sollen schöne, stattliche Mädchen gewesen sein. Kärl Brunke knüpfte mit der Jüngeren Namens Alma ein Liebesverhältnis an. Die steten Ablehnungen seiner Dramen und bic Aussichtslosigkeit, Alma Haars in absehbarer Zeit heiraten zu können, lvirkten nicberschlagenb. Er geriet schließlich in ,o nervöse Erregung, bar. er beschloß, sich zu erschießen. Als " dies seiner Geliebten mitteilte, soll letztere sofort den Ent- fchlun ninbgegeben haben, mit ihm gemeinsam zu sterben. Das zweite' Opfer. Die 22jährige Martha Haars, ein bildschönes Mädchen, hatte ein Liebesverh-ältnis mit einem an der hiesigen Schule studierenden Russen. Letzterer hatte eine Zeit vorher Braunschweig verladen. Als Karl Brunke und Alma Haars den Entschluß faßten, aus dem Leben,zu scheiden, crlyielt Martha Haars einen Brief, in bem ber Russe ihr mitteilte, er müsse bic Beziehungen zu ihr abbrechen, ba sein Vater in eine eheliche Verbinbnng mit ihr nidit einwilligen wolle. Nun bemächtigte sich auch ber Martha Haars Nicdergcschlagcnh.'it. dlls sie von dem Plan ihrer Schwester Kenntnis erhielt, soll sie. das Verlangen geäußert haben, die dritte im Bunde zu sein. Brunke sollte zunächst die beiden Mäb-^ chen unb alsdann sich erschießen. Die VorbereiLnng zur Tat. Am 17. Oktober 1905 sollte die Tat ausgeführt merben. Brunke kaufte eine amerikanische Repeticrpistole, unb, um mit ben beiben Mädchen allein fein zu können, seiner Mutter ein Bittet für ein Spezialitäten-Theatcr. Kurz nach 8 Hhr abends c1? ^tc Mädchen in ber Brnnkc'schen Wohnung ein. Zunächst fuhr Brunke mit den Mäbchcn in einer Droschke in bereu elter- Während Brunke unten wartete, gingen die Mädchen hinauf und schrieben einen Brief an ihre Eltern. In diesem teilten sie ihnen mit, daß sic aus dem Leben scheiden wollen, unb um Verzeihung bitten. Alsdann entfebigten sich bic Mäbchcn ihrer Korsette unb legten wcißscidene Blusen und fchwarze Röcke am. Danach fuhren alle brei in bic Brnnkc'schc Wohnung zurück. Tort gab Karl Brunke zunächst einen Probe- sämß ab. Da aber ber Schuß zu viel Geräusch verursachte, ging i Brunke mit ben Mädchen in die günstigere Kämmer eines jungen | Mannes. Dort übte Brunke weiter, indem er einen Schuß auf I eine Photographie abgab. Er hatte ausgezeichnet gfetroffen. Scktktteipcrei. Trotzdem batte Brunke den Mut zu der grausigen Tat ver- I kn-en. Tic beiden Mädchen wollten aber sterben. Sie gaben ihm 130 Mark mit der Bitte, ein paar Flaschen Sekt zu holen, letzterer sollte den Mut des Brunke entfachen unb auch den Mädeln Mut um Sterben einflößen. Die 2lusführung der Tat. Nachdem ber Seit getrunken war, rückte Brunke zwei Sessel iicbencinanbcr; in ben einen setzte sich Martha, in den anderen Alma Haars: beide entkleideten den Oberkörper. Brunke sckwß ziierft aus nächster Nähe au? Martha. Die Kugel drang in bic Spitze des Herzens; nach einem kurzen Röcheln verschied das I Mädchen. Nun soll Alma den jungen Mann aufgeforbert haben, auch sie zu töten. Ein zweiter Schuß tötete auch dieses Mädchen. Beim Anblick der beiden Leichen mürbe Brunke mutlos, er unter- I cs, einen Schuß auf sich selbst abzugeben. Er verschloß die Wohnung, begab sich zur Polizeidirektion und erzählte dort I nut verblüffendem Gleichmut und größter Ausführlichkeit alle I Einzelheiten seiner grausigen Tat. Er meinte achselzuckend: er ha&c nicht anders handeln können. Er hielt es für selbstverständlich, daß er die Mädchen erschossen habe. Brunke legte ein derartig apathisches Wesen zur Sckau, daß die Behörde an seiner geistigen Zurechnungssähigkeit zweifelte. Er wurde deshalb einen Frrenanstalt zur Beobachtung übertviesen. Die Aerzte stellten jedoch fest, daß er geistig normal sei. Er hatte sich daher I wegen vorsätzlicher Tötung und Hnterschlagung von 100*0 Mark^ letztere begangen gegen seinen Prinzipal, zu verantworten. DaS Urteil. Tic Straflainmer verurteilte ihn wegen Totschlags in Verbindung mit Tötung auf ausdrückliches, ernsthaftes Verlangen der Getöteten, sowie wegen Diebstahls in zwanzig Fällen zu | a cki t Jahren Gefängnis. vermischtes. * Goethe's Leben. Ans einer Stabt in nächster Nähe von Berlin teilt eine Lehrerin folgenden kleinen Aufsatz einer zwölfjährigen Schülerin in wortgetreuer Abschrift mit, ber bas gestellte Tema „Goethe's Leben" ebenso kurz wie erschöpfend behandelt: »Goethe wurde im Jahre 1749 zu Mains geboren. Sie ivaren eine vornehme Familie. Es war eine Kaiserkrönung, dabei konnte er gut leben, denn er hatte einen guten Platz. Als er alt genug war, brachte ihn sein Vater auf die Universität zu Leipzig. Dort lernte er sehr gut. Seine Eltern freuten sich, daß er so fleißig lernte. Darum sagt ein Sprichwort: Vom Vater lernt ich die Natur, daS^Leben zum Studieren, vom Mütterchen lernt ich die Natur zum Stücke zu Flabusieren. In Leipzig bekam er eine schwere Krankheit. Er batte was an feine Augen. Nun sollte er wieder zurück. 9(bcr das wollte er nicht und nach einigen Tagen war er wieder gesund. Als er ausgelenu hatte, zog er wieder nach Mains. Dort wurde er von Herrn Karl s)lugust aus Weimar eingelabcn. 'sic gingen bin und sie brachten die Tage heitrr unb fröhlich zu. Manchmal kriegte er auch einen Tag frei zum Dichten. Goethe starb im Jahre 18:32. Seme letzten Worte waren: „Mehr nicht!" Al a ll n i h (Kärnthen), 20. März. Heute früh geriet eine von Arbeitern, die an dem Bau ber Tanernbahn beschäftigt sind, bewohnte Baracke in Brand. Sechs meist mazedonische Arbeiter "u in den Flammen um unb fünf wurden schwer ncrl ,u Meisterschuss Dresden ChocolAde s ■ cV___ VÄ^71 Möbel W',- v:y< DU Möbel Wilh. Reiber Seltersweg 38- c’% Giessen Fabrik für Geldschränke Bank-Einrichtungen o QQ Ö Gesetzlich geschützt! Friedberg Mainz cd CD en © ui CD co 3. 4. G tühle Schieibsessel, Polstersessel Serviertische, Bidets Blumentische Balkon- und Gartenmöbel. o "cd 5 So sä CD CD CD Ä CD a o ä o Lages-Ordnung: Erstattung des Geschäftsberichtes pro 1905. Beschliißfasfung über die Genehmigung der Jahresrechnung und Bilanz, sowie die dem Vorstände und Aufsichtsrat zu erteilende Entlastung. Verteilung des Neingewinns. Ersatzwahl ausscheidender Mitglieder und des Aufsichtsrats. Gießen, den 17. März 1906. c1’/, Kewervebarck zu Hießen. letzten d. Vits. Gießen, den 20. März 1906. 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