156. Jahrgang w Montag 33. Juli 1906 Eine sehr öemerkenswerte Zuschrift aus Hessischen Zentrumskrersen erhielt die klerikale „Köln. Volksztg.", die sich über das Verhältnis des hessischen Zent rums zumNational- liberalismus und Freisinn äußert. Eine frühere Korrespondenz desselben Blattes aus Mainz hatte die Parteidisziplin der Hess. Zentrumswähler angezweifelt. Dagegen wendet sich diefe Zuschrift und führt iin weiteren u. a. folgendes aus: Nr. 170 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die (Siebener Familien» blätter viermal in der Woche beigclegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unwersi-Buch-u.Stem- druckeret. St Lange. Redaktion, (Spedition und Druckerei: Tchnlstratze 7. Redaktion 112 Verlag u.(5gpeb.eg§fr51 ,Adreffe für Depeschen: Anzeiger Gießen. scheu Fragen stets „ . . . auch fürderhin sein. ... Die Frage, ob überhaupt die Zentrumsleitung nochmals zu einer unbedingten U n t e r st ü tz u n g der nationalliberalen Kandidaturen in den Wahl- kreisen Bensheim, Friedberg und Offenbach sich bereit finden wird, möchten wir auf Grund genauer Kenntnis der Stimmung in maßgebenden Kreisen bestinnnt verneinen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Erbitterung wegen der Erfahrungen bei der letzten Reichstagswahl bei der Zentrumspartei nicht geschwunden ist, sondern im Gegenteil im Laufe der Zeit noch gesteigert wurde. In den drei genannten Wahlkreisen mußten die Zentrumswähler die nationatliberalen Kandidaten in schweren: Kampfe gegen die Sozialdemokratie heranshauen und zum Danke dafür beging man in M a i n z - Op p e n h e i m schnöden W o r t b r u ch und unterstützte liberalerseils den Sozialisten David gegenüber dem Zentrumskandidaten Geh. Rat Tr. K ö n i g. Damit verlor das Zentrum diesen Wahlkreis. Daß weder die Zentrumswähler noch die Führer sich zum zweiten Male enic solche Behandlung, einen solchen schnöden Bruch eines Uebereinkommens gefallen lassen werden, steht außer Zwen'el. Es müssen weitgehende Garantien und zwar direkt aus d e m S ch o ß e der Mainzer na t.-lib.P arte i lei tun g für die loyale Innehaltung des Bündnisses gegeben werden, sonst mögend i e drei liberalen ÜUaljItreifc den eoj.nl. demokraten a n h e i m f a l l e n. Man komme uns nicht immer mit dem Einwurf, aus „nationalem" Interesse müßten wir unter allen Umständen gegen die Sozialdemokraten marichieren. Es muß geradezu komisch wirken, ivenii uns diese Lehre von Leuten aevredigt wird, die, wie in Mainz-Oppenheim, lieber einen aus- geprägten Sozialdemokraten wählen, als einen dem Zentrum angehörenden hohen Reichsbeaniten. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß uns die Selbstachtung verbietet, langer den Nattonalliberalen den Steiqbiigel zu halten und uns zu gleicher Zeil von denselben Leuten Fußtritte geben zu lassen. Und dabei handelt es sich m den drei hessischen Wahlkreisen noch um die Unterstützung liberaler Apolitische Tagesscharr. Der Reichsverbaud und Korell. Der sozialdemokratische Briefdiebstahl scheint wieder einmal üppig in Blüte zu stehen. Der „Vorwärts" veröffentlicht in seiner Nummer vom Samstag einige vertrauliche Briefe unter der Ueberschrift „Zur Naturgeschichte des Reichsverbandes". Wenn auch diese Schreiben aus Anlaß der Ersatzwahlen in Darmstadt und Hagen und an einen preuß. Landrat keinerlei wichtige Geheimnisie enthalten, so geht doch klar daraus hervor, daß sie vertraulicher Natur sind und nur auf dem Wege des Diebstahls in die Hände derSozialdemokratie gelangt sein können. Die Unverfrorenheit der Veröffentlichung dieser gestohlenen Dokumente ist das Bemerkenswerteste an ihnen. Heroor- gehoben zu werden verdient daraus nur, daß einer der an- gestellten Redner des „Neichsverb an des zur Bekämpfung der Sozialdemokratie" in Crumstadt öffentlich gegen Korell agitiert, also, nach dem Eingeständnis eines seiner Kollegen, seiner Aufgabe, nur gegen die Sozialdemokratie zu wirken, nicht nachgekommen ist. Der andere Redner des Neichsverbandes erklärte dagegen in einer Versammlung, daß der Reichsoerband keinesfalls Korell bekämpfte, sondern Hand in Hand mit seiner Partei ebenso zielbewußt wie mit der Steinschen nur gegen die Sozialdemokratie Stellung nehme. Man ersieht daraus, daß der Reichsverband leider eine zwiespältige Taktik im Darmstädter Wahlkreise ausgeübt hat. Seine Gegnerschaft gegen den Sozialliberalismus bringt er übrigens in fast jeder seiner wöchentlichen Nummern unumwunden zum Ausdruck, er hat also nicht das Recht, von einer ausschließlichen Stellungnahme gegen die Sozialdemokratie zu reden. Korell ergreift gleichzeitig das Wort in der demokr. „Worms. Volksztg." Er leitartikelt über „Nationalliberale und Zentrum" im Hinblick auf die Wahlen im Jahre 1908 und meint vom Offenbacher Dr. Becker: Er wird feinen ganzen Einfluß, der in Wahlsachen durch seine führende Stellung im Reichsverbande gegen die Sozialdemokratie besonders groß ist, für die Verständigung zwischen Nationalliberalen und Zentrum einsetzen, und da er im Zentrum Hessens intime Gesinnungsfreunde hat, wird auch persönlich gelingen, was sachlich naheliegt. Diese Verständigung ad minorem gloriam der Sozialdemokratie hält der Pfarrer Korell für durchaus verwerflich. Er erklärt die Bekämpfung des Zentrums für entschieden wünschenswerter als die der Sozialdemokratie, eine Ansicht, über die sich streiten läßt, und verlangt, wa§ man ihm nach den Darmstädter Wahltagen nicht verargen kann, mit achtenswertem Nachdruck vom Linksliberalismus eifrige Sammlung gegen das von ihm verheißene Kartell zwischen National- liberalen und Zentrum. Er schließt seinen Aufsatz mit folgender Bemerkung, deren Berechtigung nur vom rein protestantischen Standpunkt aus anzuerkennen ist: Er (der Linksliberalismus) muß in sozialer und freiheitlicher Beziehung das wirklich vertreten, -wozu der Nationalliberalismus Pfarrers Römer unb die gleichzeitige Disziplinierung des mit Römer sympathisierenden Pfarrers Draub in Dortmund. Das Studtsche Schulunterhaltungsgesetz soll angeblich den fonf. Frieden fördern — hier ist ein eklatanter Fall gegeben, w-ie konfessionelle Verhältnisse erst zugespitzt werden und damit der konfessionelle Unfrieden künstlich angefacht wird. In diesen Tagen ist der große General Stössel, der „Verteidiger Port Arthurs", den bekanntlich Kaiser Wilhelm nach Uebergabe der Festung gleichzeitig mit dem damaligen japanischen Sieger Nogi durch den höchsten preußischen Tapserkeitsorden,^pour le mörite" auszeichnete, als Verräter entlarvt worden; die Kapitulation hat sich nachträglich als ein schweres Verbrechen herausgestellt, auf dem die Todesstrafe steht! Man sieht da wieder einmal, mit was für einer Sorte von Führern es die russ. Armee in Ostasien tatsächlich zu tun hatte! Nachdem Dreyfus vom höchsten französischen Gerichtshof rehabilitiert worden ist, beeilt sich die französ. Regierung, den Vielverfolgten wieder zu Ehren zu bringen. Er sowohl als auch Picquart sind neu in die Armee eingereiht worden und gleichzeitig avanciert. Im Hofe der Militärschule, wo Dreyfus im Jahre 1895 degradiert wurde, vereinigten sich am Samstag die Abteilungschefs aller Korps der Pariser Garnison zur Teilnahme der Uebergabe des Kreuzes der Ehrenlegion an Dreyfus. Der Familie Dreyfus ivurde gestattet, an einem Hoffenster diese Ehrung des Majors Dreyfus mit anzusehen. Tiie Zeremonie wurde vom General der Kavallerie Gillain vorgenommen. Als der General dem Major den Orden anheftete und ihn sodann auf die Wangen küßte, spielte die Musik den Präsentiermarsch, während das geladene nicht sehr zahlreiche Publikum rief: „Es lebe die Republik! Es lebe Dreyfus! Es lebe Picquart!" An die Dekoration schloß sich ein Defilieren der Truppen. Dreyfus sah, nach den vorliegenden Berichten, in seiner Unisorm rüstig aus, wenn auch sein Rücken gebeugt und sein Haar weiß ist. Im englischen Volke und Parlament haben allerlei Meldungen über die grausame Kriegführung in Natal peinliches Aufsehen hervorgerusen. Im Parlament ist zwar versucht worden, die Sache abzuschwächen — die Tatsache aber, daß an wehrlosen Gefangenen die schlimmsten Schandtaten verübt worden sind, hat nicht aus der Welt geschafft werden können. Augenblicklich beherrscht mehr als alles andere die egyptischeFragcdie Gemüter in England. Der dort auÄrechenden Rebellion will man mit voller Waffengewalt so rasch als möglich ein Ende bereiten. Die Kabinettskrise über die Frage des Flottenbau -Programms ist beigelegt. Es wird in vollem Umfange durchgeführt werden. In Zentralamerika war es zu einem Kriege zwischen Guatemala und San Salvator gekommen, bei dem viel Blut geflossen ist Und die Salvadorianer siegten; infolge der Verwendung Nordamerikas wurde aber bald ein Waffenstillstand abgeschlossen und der Vermittlung Roosevelts ist es gelungen, einen neuen Ausbruch dieses „Operettenkriegs" hintanzuhalten. Die Friedensunterhändler haben dem Staatsdepartement zu Washington berells davon Mitteilung gemacht, daß in den von beiden Staaten unterzeichneten Friedensartirellr die Zurückziehung der Truppen innerhalb von drei Tagen und die Abrüstung innerhalb von acht Tagen vorgesehen ist. Bisher boten die Zentrumswähler in Hessen trotz der bisweilen iderstreitenden provinsiellen Interessen in allen wichtigen Politiken Fragen stets das Bild geschlossener Einheit, und so wird es . Die Frage, ob überhaupt die Z hier unbedingten Unter ft Politiker, die sich völlig frei wissen von konfessioneller Voreingenommenheit und somit den Katholiken die Unterstützung ihrer Kandidaturen leicht machen. Trotzdem kann von einer bedingungslosen Unterstützung derselben für die Folge keine Rede sein. Eine Partei, die ihre Wähler so wenig in der Hand har, daß dieselben ihre „nationale" Gesinnung durch die Wahl des Sozialdemokraten betätigen, verliert an Bündnisfähigkeit und schließlich damit an Anspruch auf Unterstützung aus den Kreisen des Bürgertums. Und nun gar der F r e i s i n n, der neuerdings unter der Führung des Kulturkämpfers Müller-Meiningen sich immer mehr zur politischen Schutztruppe des Evangelischen Bundes entwickelt. Was für eine Veranlassung liegt für uns vor, diese Gruppe noch länger zu unterstützen ? Wir in Hessen haben hierzu keine Neigung. Jahrzehntelang hat das Zentrum in B i n g e n - A l z e y, trotzdem es die numerisch stärkste Partei im Wahlkreise ist, geschlossen die Bamberger, Träger und Schmidt (Elberfeld), ja einmal sogar direkt im ersten Wahlkampfe, gewählt und zum Tank dafür im Jahre 1893 überall Fußtritte von derselben Partei eingeheimst. Eine Unterstützung einer freisinnigen Kandidatur i st bei uiis in Hessen nachLage derDinge vorerst ausgeschlossen. Erst möge der Freisinn and) gegen die Katholiken tolerant sein, bevor er auf die Unterstützung des Zentrums rechnen darf. Deshalb könnten wir es nur begrüßen, wenn in Hagen- Schwelm unsere Freunde nach den Erfahrungen in Altena-Jferlohn sich jeder Unterstützung des freisinnigen Kandidaten in der Stichwahl enthalten würben. Damit würbe einmal ein Exempel statuiert unb manchem im Reiche zu Gemüte geführt, baß die Zentrumspartei beim doch keine Aeigung hat, sich auf die Dauer eine solch unwürdige Behandlung gefallen zu laffen. Also jetzt wissen die Liberalen Hessens, wessen sie sich 1908 vom Zentrum zu versehen haben. ES giebt unumwunden zu, daß sich die Liberalen in Friedberg, Offenbach und BenSheim von allem Konfessionsstreite fern halten und die Zustimmung dem Zentrum „leicht machen*. Trotzdem will es diese Wahlkreise lieber der Sozialdemokratie ausliefern als dem Liberalismus. Weil dieser hier und da, was auch wir für bedenklich halten, der Sozialdemokratie vor dem Zentrum den Vorzug gegeben hat, will das Zentrum selber ihr zum Siege verhelfen! Eine eigentümlichere Logik zu Gunsten der Sozialdemokratie ist nicht gut denkbar. Die bürgerliche Uneinigkeit ist drauf und dran, der Sozialdemokratie, die seit 1903 an so vielen Orten eine deutliche Absage von Seiten der Wählerschaft erhalten hat, allenthalben die Kastanien aus dem Feuer zu holen aus reiner lächerlicher, kurzsichtiger Wurst- wider Wurst-Politik, wie sie sich banausischer und einfältiger nicht vorstellen läßt. Jedenfalls aber wissen jetzt die heff. Liberalen, woran sie sind, und sie werben sich danach zu richten haben. JMHnr ä Ä Bezugspreis, monatlich 7öM., viertel- Glchener Anzeiger» General-Anzeiger v ** den oolit unb allgem. Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW ___________ V zeigenteil: Hans Beck. Are heutige Yumrner umfaßt 8 Setten. politische Wochenschau. Gießen, 23. Juli. Ueber die Zusammenkunft unseres Kaisers, der Ldrigens auf seiner Nordland.fahrt am Samstag in M o ld e am Romsdalfjord eingetroffen ist, mit seinem Onkel, dem König Eduard, ist in den letzten Wochen sehr diel chin und her orakelt worden, obwohl darüber twch gar jnichts Bestimmtes bekannt geworden ist und, laut offiziöser Mitteilung, alle Gerüchte über eine solche Zusammenkunft bem Gange der Ereignisse vorauseilen. Hinter all diesen !Erörterungen kann man unschwer vertrauliche Fühler er- I lernt en, die den Wunsch nach einer solchen Begegnung vermuten lassen. Die politische Bedeutung einer solchen Zusammenkunft ist natürlich nicht zu verkennen im Hinblick darauf, daß die unentwegt unfreundliche und zurzeit nur leicht übertünchte Haltung der englischen Regierung gegenüber Deutschland mit den persönlichen Verstimmungen der beiderseitigen Höfe zusammenhing. Auch von einer Begegnung unseres Kaisers mit dem Aaren, die als eine Erwiderung des vorjährigen Besuches des Kaisers in den finischen Gewässern aufzufassen war, wurde viel geredet. Sie wird nunmehr unterbleiben, weil der Zar mit Rücksicht auf die Zustände seines Landes auf eine Reise überhaupt verzichten muß .Man ist in allen politischen Lagern darüber einig, daß die Begegnung beider Monarchen keinerlei stützen gehabt, wohl aber von neuem Anlaß zu mancherlei Mißdeutungen gegeben haben würde. Die Befriedigung darüber, daß dieser Anlaß vermieden wird, kommt in einzelnen Blättern zum Ausdruck; sie ist aber darüber hinaus ganz allgemein. Es gilt überhaupt, wie die „'Frkf. Ztg." sehr richtig sagt, das Wort: Je weniger Begegnung, desto besser! Im Reichstagswahlkrcise Hagen-Schwelm wurde am Donnerstag die Ersatzwahl für den verstorbenen frei- sinnigen Führer Eugen Richter vorgenommen. Das Ergebnis war, daß keiner der um das Mandat kämpfenden fünf Kandidaten den Sieg im ersten Wahlgange davon trug, oaß vielmehr noch eine Stichwahl zwischen dem Freisinnigen Cuno und dem Sozialdemokraten König vorgenommen werden muß. Die Beteiligung an der Wahl war rege, mit -Ausnahme des nati on alliberalen erhielten alle Kandidaten Stimmenzuwachs gegenüber der 'Wahl im Jahre 1903 • den erheblichsten um 2400 der Sozialdemokrat, dann mit 700 Stimmen der Freisinnige, mit 550 der Zentrumsmann und mit 500 der Christlich-Soziale — der Rückgang der nationalliberalen Stimmen beziffert sich auf 1100. Das Schwergewicht dieser Wahl liegt auch diesmal in der Stichwahl, die auf den kommenden Samstag angesetzt ist und bei der es zu einem heißen Kampfe kommen wird, bei dem sich aber auch zeigen muß, ob die hierbei ausfallenden Parteien über genügende politische Klugheit und Ehrlichkeit verfügen und ob diese namentlich den Zentrumswählern nicht mit der .Verstimmung über den Wahlaussall von Altena-Iserlohn abhanden gekommen sind. (Vgl. die „Polit. Tagesschau": iDie Christlich-Sozialen.) Das Ergebnis der Wahl Rinteln-Hofgeismar äst folgendes: Herzog (dsoz.) 5902, .Betterlein (Soz.) 3864, Rocke (ntl.) 1186, Helmerich (Refp.) 1707 und Röhrig (frf. !Vp.) 1007 Stimmen. Die Stichwahl zwischen Herzog und 'Vetterlein, mit guten Aussichten für die Wahl Herzogs, ist also Tatsache. 1903 wurden 6426 antisemitische, 3488 sozialdemokratische, 2154 nationalliberale, 748 freisinnige und 542 Zentrumsstimmen abgegeben. Bei einer um etwa 450 Stimmen geringeren Wahlbeteiligung als 1903 haben die Antisemiten insgesamt etwa 800 Stimmen gewonnen, die Nationalliberalen etwa 1000, fast die Hälfte ihrer Stimmen, eingebüßt, die Freisinnigen nahezu 260 Stimmen gew onnen. Der häusliche Streit der Antisemiten, der in den letzten Tagen so Weit ging, daß der Reformerkandidat Helmerich beschuldigt wurde, den gegnerischen Par teisekretärim Eisenbahneoups g e ohr fe ig t zu haben (von ei ner anderen Mßhandlung ist heute unter „Dtsch. Reich" die Rede), hat ihrer Werbekraft nicht geschadet. Die überlegene deutsch'-^oz. (konservative) Richtung besaß in dem Bürgermeister Herzog von Obernkirchen einen auch von anderen Parteien persönlich anerkannten Kandidaten. Er wird das Mandat als Nachfolger des Grafen Reventlow voraussichtlich davontragen. Während die früher abgegebenen Zentrumsstimmen sich diesmal aus die anderen Parteien mit Ausnahme der nationalliberalen verteilt haben werden, hat die sozialdemokratische Wählerzahl einen nennenswerten Zuwachs nicht erhalten, — die einzige erfreuliche Erscheinung bei dieser Wahl. Die Aera Studt macht sich in Preußen von Tag -zu Tag fühlbarer. Die markanteste Tat des neugeadelten preuß. Kultusministers aus jüngster Zeit ist jedenfalls die Art und Weise, durch die es im Hinblick auf eine aus siebzigjährigem Akten staub hervorgeholte .Verordnung dem berühmten Berliner, einstigen Gießener Strafrechts- lehrer Prof. v. Liszt unmöglich gemacht wurde, die geplanten und bereits angekündigten Vorlesungen an der menen Berliner Handelshochschule zu halten. Es liegt darin •ein Angriff auf die akademische Lehrfreiheit, die in Preußen bekanntlich schon längst nicht mehr als ein unverletzliches Palladium gilt; gleichzeitig kann man darin «Luch eine Art bureaukra tisch er Machtprobe erkennen. Man wird abwarten müssen, ob es die preuß. Universitäten im ^allgemeinen so leicht hinnehmen, daß ihre Professoren nach Les Kultusministers Pfeife tanzen müssen, auch wenn es ffich um eine nebenamtliche Tätigkeit handelt. Für das Studtsche Regiment kennzeichnend ist neben Dem Fall Liszt die Kassierung der Wahl des Remscheider vor nücin infolge seine? Bundes mit dem Zentrum »mfähig ist. DnS Mast der politischen Stärke des Liberalismus hängt ab von der Stärke seiner antiklerikalen Politik. Die Christlich-Sozialen von heute sind — so schreibt man unS — nur noch ein kleiner Nest auS vergangener Zeit, nämlich aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo sie c§ freilich auch nicht zu einer wirklichen Bedeutung gebracht haben. Aber heute ist viel mehr und viel ernsthafter von ihnen die Rede als damals. In Essen, in Altena und in Hagen haben die Ehristlichsozialen Verwirrung angestiftct. Infolgedessen schreiben die Blätter so viel Artikel über sie, daß bald auf jeden Christ- lichsozialcn einer kommen wird. In Hagen hat ihr Kandidat Mu in m soeben daS gleichzeitige Zurücktret en des nationallibcralen, dcS klerikalen und deS christlichsozialen Kandidaten zu Gunsten dcS Prof. Franke oder des Grafen Hasel er empfohlen, um die Wahl dcS freisinnigen Cuno noch im letzten Moment zu verhindern und sich durch diese unermüdliche Wahltaktik einen Namen zu machen. Und die National- liberalen haben diesen Gedanken wirklich ernst genommen und hätte Pros. Franke von der „Soz. Reform", der schliestlich allein in Frage kam, nicht kühl gedankt, dann wäre womöglich wirklich daraus etwas geworden! Trotzdem ist die Rolle der Christlichsozialen dort noch nicht ausgespiclt: in einer Woche ist erst die Stichwahl und in dieser langen Zeit lasten sich noch allerlei artige oder weniger artige Streiche anSheckcn. Da wuchs Herrn Lie. Mumm die Spannkraft und er suchte in einem Artikel für die „Tägliche Rundschau" das „Eristenzrecht der Christlichsozialen" nach- znweisen. Dieser Artikel gipfelt in der Behauptung, daß ein „Abgrund" die kapitalistischen Nationallibcralen von den reformerischen Christlichsozialen trenne, weshalb die Christlichsozialen selbständig bleiben und dem Sozialdemokraten Wähler und Wahlkreis abnchmen müßten. Die „Tägl. Rundschau" zahlt Herrn Mumm zu ihren regelmäßigen Mitarbeitern. Die neuesten Vorgänge haben aber ihren Chefredakteur Rippler ernüchtert und er versieht die Zuschrift mit verschiedenen scharfen Gegenbemerkungen. Am markantesten ist sein Vorwurf, daß die christlichsoziale Partei jetzt offen dazu übergeht, das protestantische und antiklerikale Bewußtsein geradezu durch Förderung klerikaler Machtgelüste zu brüskieren. Auch das stimmt noch nicht ganz. Die Christlichsozialen betreiben nach Art des Zentrums innerhalb der evangelischen Benölke- rnng die Verquickung von Politik und Religion. Wenn von dieser Tätigkeit meist nicht viel die Rede ist, so kommt e§ daher, weil die Christlichsozialen wenig erreicht haben. Hiervon abgesehen hat Rippler sie nun erkannt. Noch eine Bemerkung Mumms ist von Jntcrcste.. Er behauptet: „Es ist unrichtig, anzunehmen, daß die christlichsozialen Stimmen aus nationalliberalem Holze geschnitzt seien. Sie foinntcn znm Teil aus Gemeinschaftskreisen, die bisher überhaupt nicht stimmten, znm Teil aus Arbeiterkreisen, die früher im Sozialdemokraten den einzigen Vertreter der Arbeiterrechte ansahen." Wir glauben im allgemeinen nicht daran, daß die Christ* lichsozialen Sozialdemokraten bekehren. Als Stöcker den, Kaiser einmal berichtete, ein Sozialdemokrat habe auf einem christlichsozialen Fest das Kaiserhoch anSgebracht, handelte es sich um einen von seiner Partei AuSgestoßenen, mit dem er nachher an Gerichtsstclle üble Erfahrungen machte. Generalversammlung des Geselligkeitsvereins Gleiberg. th. Gießen, 23. Juli. Von der höchsten Zinne des Burgfrieds der altehrwürdigen Burgruine Gleiberg wehte am SamStag tagsüber die Fahne und entbot ihren Gruß hinunter in das weite Tal, auS dem am Nachmittag ein starker Strom von Touristen zu Berg zog. Das Willkommen galt besonders den Mitgliedern deS Gleibergvereins, den treuen Behütern und Bewahrern der Burg. Im Nastauerbau hatten die Herren sich zur alljährlich stattfindenden Generalversammlung am SamStag nachmittag zahlreich eingefunden. Der Vorsitzende Gehcinierat Dr. B re id e rt begrüßte die Erschienenen, unter denen sich Landrat Dr. Sartorius von Wetzlar, Kreisbaumeister Stief-Wetzlar, Mitglieder der Kreis- ausschüste von Wetzlar und Gießen sowie die Mitglieder des Stadtoorstandes von Gießen: Dr. Gutfleisch, Dr. Haberkorn, Haubach, Heichelheim, Kirch und Keller sich befanden. Geheime- rat Dr. Breidert wies im Jahresbericht darauf hin, daß dank der Zuwendungen dec Abschluß der Kaste für das abgelaufene Jahr recht günstig zu nennen ist, trotz der erheblichen Arbeiten zur Sicherung der eigentlichen Burg. Der Verein zählt 151 ordentliche und 5 außerordentliche Mitglieder. Durch den Tod sind im abgelaufenen Geschäftsjahr aus diesem Leben abberufen worden: Quästor Orbig, Rentner L. Bücking, Ingenieur Schiele, Veterinärrat Dr. Schmidt, Geheimrat Prof. Dr. Oncken und Apotheker M. Lamle- Krofdorf. Die Versammlung ehrte die Entschlafenen durch Erheben von den Sitzen. Aus den: Kassenbericht dürfte interessieren, daß für den Gleiberg an freiwilligen Beiträgen der hessische Staat 300 Mk., der Kreis Gießen 200 Mk., der Kreis Wetzlar 100 Mk„ die Stadt Gießen 100 Mk., die Rheinprovinz 600 Mk., der preußische Staat 500 Mk., ein 'Unbekannter 100 Mk. gegeben haben. An Mitgliederbeiträgen gingen 480 Mk. ein. Infolge dieser Einnahmen war es möglich, energisch an die Arbeiten zur Erhaltung der Ruine heranzugehen und eine erhebliche Besterung des Inventars zu betreiben. Ebenso war es möglich, Abortverhältniste zu schaffen, die der Frequenz des Gleibergs entsprechen. Die Vereinsleitung hofft, da die auf 6 Jahre verteilten Arbeiten im Jntereste der Erhaltung der Ruine jedes Jahr erhebliche Kosten und Anforderungen erfordern, daß die alten Mitglieder und Freunde des Vereins diesem treu bleiben werden und es gelingen werde, dem Gleiberg neue Freunde zu erwerben. Der Kostenvoconschlag für das Jahr 1906/07, der mit (3744,17 Mk. abschließt, sieht für Renovierung der Decke und "ber Wände des Kaisersaales :c. 150 Mk., für die Abortanlage 1200 Mk. und für die Ruine 1500 Mk. in Ausgabe vor; er wurde von der Versammlung genehmigt. Der 2. Vorsitzende, Geh. Justizrat Dr. Schmidt, gedachte dann noch in beredten Worten der Verdienste des verstorbenen Quästors August Orbig, der 19 Jahre lang mit Liebe und Anhänglichkeit als Rechner des Vereins für den Gleiberg gearbeitet hat. Dieser Mann, so erklärte Dr. Schmidt, war geradezu die verkörperte Tradition der Burg, er wußte alles, was den Glei- bergverein und was die Burg betraf, alle je gefaßten 23c» schlöffe waren ihm gegenwärtig, er kannte alle Mitglieder persönlich. Orbig habe es verdient, daß man seinem Bild auf dem Gleiberg einen Platz gebe. Ein dahin gestellter Antrag wurde von der Generalversammlung zum Beschluß erhoben. Geheimerat Dr. Schmidt ließ dann noch eine Abbildung zirkulieren, welche die Burg Gleiberg vor ihrer Zerstörung im Jahre 1656 darstcllt. Das Bild stammt jedenfalls aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts und wird seinen Platz auf dem Gleiberg sinden. Ein Rundgang durch die Burg beschloß den offiziellen Teil der Sitzung. Die Mitglieder des Vereins leerten später im Naffauer Zimmer eine von Konrad Roth zugunsten der Baukaste des Vereins gespendete Erdbeerbowle und benutzten zum größten Teil die! Gelegenheit, den schönen Abend auf den, Gleiberg zu genießen. Gießener Strafkammer. )( Gießen, 20. Juli. Ter vielfach bestrafte Arbeiter T. F. ans Elpenrod batte sich in einer Wirtschaft zu Friedberg auf einige Tage einlogiert und als Forstbeamter ausgegeben. Bei seiner Abreise gewahrte das Bületsräulein, daß die Türe ihres Zimmers anfgebrochen nnd aus ihrem Koffer eine Uhr mit Kette nnd etwa 50 Mk. Geld verschwunden war. F. machte sich durch unwahre Angaben so verdächtig, daß alsbald seine Festnahme erfolgte. Trotzdem er leugnete und sich weder die Uhr noch das Gelb bei ihm vorsand, hatte das Gericht keinen Zweifel, daß er der Täter ist, da es ausgeschlossen erschien, daß ein anderer den Diebstahl ansgcsührt haben kann. Er wurde des Diebstahls im wiederholten Rückfall für schuldig erachtet nnd unter Versagung mildernder Umstände zu 1 Jahr 6 Monaten Zuchthaus nnd 5jährigen Ehrverlust verurteilt. In Anbetracht der Gemeingefährlichkeit wurde auch die Zulässigkeit der Polizeiaufsicht für an gezeigt erachtet. Gegen den 44jährigen Schriftsetzer I. H. aus Danzig wurde wegen S i t t l i ch k e i t s v e r b r e cb e n s au Kindern unter 14 Jahren unter Ausschluß der Oefsentlichkeit verbandelt. Das öffentlich verkündete Urteil lautete ans 4 Jahre Zuchtbaus nnd 5jährigen Ehrvcrlnst. Er ist bereits zweimal wegen desselben Verbrechens bestraft, weshalb ihn die volle Strenge des Gesetzes zn treffen batte. Das Gericht biclt die eine an einem 4jähriqen Kinde verübte Tat für so gemein nnd niederträchtig, daß es ihm auch die bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre absprach. Der 15 jährige Bergarbeiter W. I. hier wußte, daß ein Arbeiter ans dem Branusteinbcrgwerk das für Flaschenbier gesammelte Geld in seinem Spind aufbewahrte. Er verschaffte sich einen Schlüssel, mit dem er den Spind öffnete nnd etiva 4 Mk. daraus entwendete. Der Arbeiter halte zwar schon mehrfach bemerkt, daß ihm kleinere Geldbeträge fehlten, doch konnte dem Angeklagten nicht nachgewieseu werden, daß er auch dieses entwendet hat. Nach anfänglichem Leugnen gestand er seine Tat einem Gendarmen gegenüber ein: er Suchte sich aber damit zu entschuldigen, daß er nach einem seinem Vater abhanden gekommenen Portemonnaie fachen wollte. Noch seiner Intelligenz kam das Gericht zu der Ueber- zengnng, daß er die zur Strafbarkeit seiner Handlung erforderliche Einsicht besessen hat. Er wurde wegen Diebstahls zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Dem Bahnarbeiter K. Z. von Kaichen ging ein Strafbefehl zu, weil er wiederholt unentschuldigt bei derPslicht- f e u e r w e b r n b u n g gefehlt hat. Er erhob gegen dos Schöffen- gerichtsurleil, das seinen Einspruch verworfen hatte,-Berufung und machte geltend, er habe nur zwei Sonntage im Monat dienstfrei nnd soll diese Zeit noch zn Uebnngen der Feuerwehr verwenden. Er hielt dies für unzulässig und bat, da er diese Zeit zur Erholuiig nölig habe, um Freisprechung. Die Staatsanwaltschaft hielt die Anklage nicht aufrecht, da nach einem Ministerialaiisschreibeu Eisenbahnbedienstete nur mit Zustimmung ihrer vorgesetzten Behörde zil den Hebungen der Feuerwehr heraugezogen werben dürfen. Daß im vorliegenden Fall eine Zustimmung erfolgt ist, hielt das Gericht für ausgeschlossen, iveshalb es die Berufung für begründet aiisah und F r e i s p r e ch il n q einfreten ließ. Der Handelsmann I. B. aus Großen-Buseck wurde wegen Uebertretung «ner Polizeiverordnung auqezeigt, weil er auf der Zufuhrstraße zum Schlachthause, mi einer Stelle, die nicht zum Markt gehört, und nicht zur Marktzeit ein Stück Vieh verhandelt hat Es ging ihm ein Strafbefehl über drei Mark zu, aus deffeu Einspruch das Schöffengericht zum Freispruch kam. Infolge Berufung der Staatsanwaltschast fand Termin statt, bei dem es sich herausstellte, daß ein Augenschein an Ort und Stelle nötig sei, weshalb Vertagung eintreten mußte. Koblenz, 21. Juli. DaS Kriegsgericht verurteilte den Ulan Wahl wegen militärischen Aufruhrs nnd tätlichen Angriffs gegen einen bayrischen Artillerie-Sergeanten zn 5 Jahren Gefängnis.__________________________ * Kleine Tages chronik Bei Neu - Breisach wurde die 2 Mann starke Miloerturmwache Nachts von Männern mit geschwärzten Gesichtern ü b e r f a l l e n. Während ein Mann auf Patrouille war, raubten die Männer das Gewehr und die Patronen des Andern. Ter erstere nahm die Verfolgung auf, von der er mit zerschmetterter Schulter zurückkehrte, während die Täter unerkannt entkamen. — In Glogait sind einige 80 Pioniere infolge Erkrankung in das Garnisons-Lazarett gebracht worden. Tie Erkrankung wird aus das Baden in ber Ober zurückgeführt. — In Königsberg ertrank bei einer Hebung her Leutnant v. Dreßler, ein Sohn des Landrats v. Heiligenbeil. — Das Hochwasser der Weichsel hat in Fordon und Brahemünde Verheerungen angerichtet. Brahnau und andere Ortschaften wurden unter Master gesetzt. Die Ernte ist vernichtet, viele Haustiere sind n m g e f o m m e n. — lieber dem oberschlesischen Jndustriebezirk entlud sich am Samstag ein heftiges Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen und Hagel. In Beuten haben die Wastermassen ganze Straßen überschwemmt. Der angerichtete Schaden ist bedeutend. Am größten ist der Schaden, den der Hagel auf den Feldern angerichtet hat. — Auf dem Bahnhose B o r s i g w er t bei Kattowitz sind wegen umfangreicher 65 ü tcr- Diebstähle zwei Eisenbahn beamte verhaftet worden. Bei den Haussuchungen wurden ganze Wagenladungen entdeckt. Tie Diebstähle reichen etwa 6 Jahre zurück. Verschiedene beteiligte Beamte sind inzwischen nach anderen Orten versetzt worden. Die Eisenbahn-Direktion Kattowitz hat eine strenge Untersuchung eingeleitet. Weitere Verhaftungen stehen bevor. Die Sache ist durch einen anonymen Brief ans Licht gekommen. — In Bozen hat der Oberleutnant Zalay de Hagyaros den Kaiserjäger Leising wegen Insubordination im Glieds durch Säbelhiebe schwerverletzt. — In Santa Fß sind über 60 Erdstöße verspürt worden, die immer heftiger werden. Die Bewohner von Socorro haben die Stadt verlosten. — In Hannover wurden der von Leipzig aus wegen Totschlags verfolgte Tischler Franz Köhler und seine 65eliebe, die angebliche Schauspielerin Johanna Lange, festgenommen. — Wie die „Tils. Allg. Ztg." aus Schmal- leningken erfährt, brach in der russischen Grenzstadt Georgen- burg eine Feuersbrunst aus. Sie äscherte besonders in den inneren Vierteln gegen hundert Gebäude ein. — Die 8 jährige Ilse Schäfer wurde gestern aus freiem Felde unweit Dortmund mit abgeschnittenem Halse und gräßlich verstümmeltem Unterlech aufgefunden. Es liegt ein schwerer Lustmord vor. Tie Täter, zwei jugendliche Bergmänner, sind flüchtig. — Der Bankier Felix Avec ans Neuchatel, welcher in Begleitung feiner Tochter eine Fahrt nach Bro sing (Ungarn) unternahm, fuhr beim Ausweichen eines Fuhrwerks mit seinem A u t o m obil gegen einen Meilenstein. Ter Chauffeur, der Bankier und seine Tochter wurde aus dem Automobil geschleudert. Die beiden Letzteren sind erheblich verletzt worden. Grinst Miifc Wissenschaft. Bamberg, 21. Juli. Der 100 j übrige Geburtstag be§ Sprach- und Geschichtsforschers Zeuß wurde heute hier durch eine Gedächtnisfeier begangen, der der bayerische Kultusminister, Erzbischof Albctt-Bamberg, Vertreter der deutschen Universitäten (au8 Gießen Pros. Dr. D a r t b o l o in a e), Abgesandte der Universitäten Dublin, Genf und nordamerikanischer Hochschulen, ferner Vertreter von historischen Vereinen und andere beiwohnten. UniversttätSprofestor Cuno Meyer- Liverpool hielt die Festrede und feierte Zeuß als Sprachforscher, um die Geschichte der keltischen Stämme hochverdienten Historiker und als Schöpfer der keltischen Philologie. Nach der Feier begaben sich die Festteilnehmer nach Vogtendorf bei Kronach, dem Geburtsort Zeuß'. Paris, 21. Juli. Wie mitgeteilt wird, hat der Rat der Ehrenlegion bet bekannten großen Tragödin Sarah Bernhard das Kreuz der Ehrenlegion verweigert, wie dies bereits vor 2 Jahren geschehen ist. Der Rat begründet dies damit, daß Sarah Bernhard keinen Unterricht erteilt. Man will aber die Meinungsdistercnz dadurch beilegen, daß Sarah eine Ehrenprofessur am Konservatorium erhält und dadurch des Ordens würdig befunden wird. Dagegen ist B r i e u x , der auch in Deutschland, namentlich als Autor der „Roten Roben" bekannte Dramatiker, zum Offizier der Ehrenlegion ernannt worden. Spik-plarc d?r verrimyten Frankfurter Stadttheater. Opernhaus-. Dienstag den 24. Juli*): „Der Prophet.- Mittipoch den 25. Juli: „Carmen." Donnerstag den 26. Juli: „Der Evangeli- mann." Freitag den 27. Juli: „Der Freischütz." Samstag ben 28. Juli: „Plante solo.“ Hieraus: „Maurer und Schlaffer." Sonntag den 29. Juli: „Die Afrikanerin." Montag den 30. Juli, abends halb 8 Uhr: „Die Geisha." Schauspielhaus. Von Samstag den 7. Juli bis incL Freitag den 3. August bleibt das Schauspielhaus geschlossen. ’) Ansang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr. Nürnberg, 21. Juli. Der 23. Bundestag des deutschen N a d f a h r e r b u n d e s , der hier zusammengetreten ist, hat beschlossen, die den Mitgliedern gewährte Haftpflicht-. Versicherung auf weitere fünf Jahre auSzudehuen und vom 1. Januar 1907 ab eine Unfallversicherung einzurichten mit Gewährung von 1000 Mk. für den Todesfall und 1000 Mk. für den Jnvaliditätssall mit 1 Mk. Kurkostenbeitroq pro Tag der Erwerbsun'ähigkeit. Tie Kosten der Versicherung werden durch die Erhöhilng des Bundesbeitrages von 3 Mk. auf 3.50 Mk. pro Jahr und Mitglied ausgebracht. Ter nächste Bundestag findet im Jahre 1907 in Stettin statt. x Avbeitorbewegrrng. Auf den Milowicer Walzwerken in Oberschlesien, wo Streitigkeiten zwischen der Direktion und den Arbeitern bestehen, kam es zu argen Ausschreitungen. Arbeiter warfen gegen 600 Fensterscheiben des Etablissements ein und suchten die G e b ä u d e in Brand zu stecken. Im Fabrikhofe hatten sie die dort lagernden Hölzer mit Petroleum begossen und dann a n g e z ü n d e t. Meister Knebel mürbe schwer mißhandelt. Die Direktion beabsichtigt die Werke zu schließen. Z ü r i ch, 21. Juli. Zwischen Arbeitern unb Kavallerie kam es nachts abermals zu ernsten Zusammenstößen. Eine Reihe von Verletzungen, darunter auch solche von Polizisten, war die Folge. Heute umstellten Infanterie-Abteilungen alle Bauplätze und Fabriken zum Scluitze der Arbeitswilligen. Infolgedessen haben einige 100 Maurer die Arbeit ivieder ausgenommen, 2000 sind abgereist. Heute haben die Bäckergesellen die 9lrbeit eingestellt, dagegen ist eine Verständigung zwischen ben Schreinern erfolgt. Die Streikaussperrungen rourben hellte aufgehoben. Ersen? bcrhn-ZerLung. In Kronberg fand am Samstag eine Zusammenkunft wegen Erbauung einer elektrischen Taunusbahn statt. Von Homburg soll bte geplante Bahn über Obersteden nach der Hohen Mark führen, von dort ans dem „Weißen Hof" vorbei über die Kaiserin Friedrich-Waldchailfiee, wo sie am Marstall und Schloß Friedrichs Hof mündet. Die Landstraße dient von hier ab über Königstein, Fischbach, Eppstein bis nach Wiesbaden als Trace. Man hofft, durch diese Bahn den ganzen TaunnS zu erschließen. fianöd rrnd Verkehr, Volkswirtschaft Mannheim, 21. Juli. Ein Konsortium, bestehend aus dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat, ber Rheinischen Kohlen- uudRbedcrei- Gesellschaft in Mühlheim lRubr), der Rheinischen Creditbank in Mann- beitn, ber Süddeutschen Diskonto»Gesellschaft in Mannheim und der Süddeutschen Bank in Mannheim bat mit der Rheinau G. m. b. H. in Liquidation unb ber BetriebLgesellschaft für ben Rheinau-Hafen G. m. b. H. in Liquidation eine Vereinbarung getroffen, derzufolge das Konsortium sämtliche Liegenschaften der beiden Gesellschaften mit verschiedenen weiteren Aktiven und das Elektrizitätswerk der Betriebsgesellschast für den Rheinau- Hafen nebst Zubehör übernimmt. Der Kaufpreis beträgt 81/, Millionen. Wie die „Reue Bad. Landesztg.'" erfährt, werden das Rbeinisch-Westsälische Koblen-Syndikat und die Rheinische Kohlen- und Rbedereigesellschast verschiedene Plätze von dem neu gebildeten Konsortnm übernehmen. Seitens dieser Gesellschaften besteht anscheinend die Absicht, ihre bisherigen Lagerplätze im Rheinbafengebiet zu vergrößern, und Rheinau zum Stapelplatz für den Kohlenverkehr mit Suddeutschland und der Schweiz zu gestalten. Tefefcimscsw iKursberäeMe des Giessener Anzeigers, mitseteilt von der Bank für Handel und Industrie. Messen. Frankfnrter Kötro. 23. Juli. 1.15 Uhr. 3%°/0 Reichsanleihe . . 99.45 3% do. . . 87.80 3%°/0 Konsols .... 99.50 3% do 87 95 3 °/0 Hessen 98.30 3%°/0 Oberhessen . . . —.— 4°o Oesterr. Goldrente. . 100.50 4x/0 9K Oesterr. Silberrente 100.40 4% Une-ar. Goldrente . . 95.60 4% Italien. Rente . . . 103.10 3% Portugiesen Serie I . 70.00 3% Portugiesen r III 70.60 4%°/0 russ.Staatsanl. 1905 83.50 4%°/ft Japan. Staatsanleihe 94.50 4 % Conv. Türken von 1903 95 80 Türkenlose 145.00 4% Griech. Monopol-Anl. 53.60 4% äussere Argentinier . 90 70 3°/n Mexikaner .... —.— 4^°/0 Chinesen .... 98 40 Aktien: Bochum Guss 238.00 Buderus E. W . ... 00.00 Tendenz : schwach. Berliner Börse, Canada E. B 157.60 Darmstädter Bank . . 137.00 Deutsche Bank .... 233.70 Dortmunder-Union C. . . 82.80 Dresdner Bank .... 15500 Tendenz: flau. Elektriz. Lahmeyer . . . 138.00 Elektriz. Schuckert . . . 125.30 Eschweiler Bergwerk . . —.— Gelsenkirchen Bergwerk . 218.10 Hamburg - Amerik. Paketf. 155.70 TTarpener Bergwerk. . . 204.50 Laurahütte —•— Nordd. Lloyd .... 123.00 Obeischles. Eisen-Industrie 124,00 Berliner Handelssfes . . 164.70 Darmstädter Bank . . . 137.00 Deutsche Bank . . . 233.30 Deutsch-Asiat. Bank . . 175.50 Diskonto-Kommandit. . . 180.10 Dresdner Bank . . . 155.00 Kreditaktien 207.40 Baltimore- und Ohio- Eisenbahn . . . 115.50 Gotthardbahn 194.— Lombard. Eisenbahn . . 33.30 Oesterr. Staatsbahn . . . 142.90 Prince-Henri-Eisenbahn . 14 3.00 23. Juli. Anfang-sknrse. Harpener Bergwerk. . . 204.50 Laurahütte 226.40 Lombarden E. B. ... 33.30 Nordd. Lloyd 122.90 Türkenlose . .... 145.20 Hotcl-Rcstauraut Kronprinz, Bad-Salzhanfeu. Billigster, bester Kur- unb Sommerauseuthalt. Prosp. Gratis. 3924 WUMWWAWW ttompncesselfobrik "vorm.ArthorRodberg.AÄ bormstadl1 jnrDnmjjfkessel jeder Art. für höchsten Betnebsdra MITIN Freunden und Bekannten zeigen wir ergebenst an, dass unsere liebe Tante 4476 Lieh, den 21. 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Juli, abends 6 Uhr von der Kapelle des neuen Friedhofes aus statt. Avis! Mein Lager (Krofdorfer- straße 15) in Ocfcn und Herden für Neubauten sowie zur Lieferung einzelner Stücke ist in jeder Hinsicht vollständig und lade ich verehrte Interessenten zum Besuch freundlichst ein. Wilhelm Dnrbeck Spezialgeschäft für Oefen und 4470 Herdindustrie. Zirka 8/4—V/2 Pfennig pro Stundenpferd. Viel billiger als Dampf. Benzin-, Ergin-, Spiritus Motore-Locomobilen Locomotiven. Eine wertvolle Neuerung I auf dem Gebiete der HAUTPFLEGE^ bilden die nach Vorschrift | des Dermatologen I DR. JESSNER hergestellten Mitin-Präparate:! ßäitm-Seäfe wird von der empfindlichsten I Haut vorzüglich vertragen, gibt einen wundervollenleini, hat einen ausserordentlich angenehmen Duft und eignet | sich ausgezeichnet zur Bei- I nigung der zartenKinderhaut. | Preis pro Stück Mk. 1,—. Mitin-Creme angenehm parfümiert, für kosmetische Zwecke hervorragend geeignet, macht die Haut geschmeidigu.elastisch, fettet nicht ab. 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