156. Jahrgang Montag 19. November 1906 Erstes Blatt Gießener Anzeiger General-Anzeiger ö *äZ Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen 'S S V einer unwiderstehlichen P. W. wir der den des dz £ A s strotzend prächtiger Schonheitslime etwas von der brutalen Sinnlichkeit Messaline. Man gehe hin und schaue. LZnnern Braun und denFinan-rninister Gnauth zum Vortrag. Und an anderer Stelle: Nach eingezogener Erkundigung besieht zwischen den Ministerien des Innern und der Finanzen volles Einvernehmen über den Inhalt des demnächst vorzulegenden Gemeindeumlagengefeyes; die auf der Behauptung des (Segenteils und der Beobachtung vermeintlicher .Symptome" aufgeballten f e n s a t i o n e l l e n o m b i n a t i o n e n der Lokalpresse bedürfen danach wohl keiner weiteren Erörterung. Gründlicher hätte man den Maulwürfen das — Mündchen nicht stopfen können, als wie es hier geschehen ist. Damit ist nicht nur der Fall Eißnert, sondern auch der Fall Gnauth hipp und klar beendet; aber den „Minister- slürzern" sind doch noch ein paar eindringliche Worte zu widmen. Zunächst ist unser Grohherzogtum nicht das einzige Land, in dem sich Sozialdemokraten an der Verwaltung der Gemeinden beteiligen. Warum sollten sie es nicht? Sie zahlen ihre Gemeindeabgaben genau so wie andere Leute, wenn auch, da sie in der Regel nicht über große Geldsäcke verfügen, nicht in dem Maße. Sind sie aber im Besitz der Bürgerrechte, die ihnen die entsprechenden Pflichten auferlegen, dann sollen sie diese Bürgerrechte auch ebenso gut ausüben dürfen, wie andere Leute. Das Geld, das die Sozialdemokraten für die Bürgerrechtsgebühren aufwenden, riecht auch nicht. Außerdem gewinnen sie in solchen Aemtern ihnen dienliche Einblicke in das Verwaltungslaesen überhaupt, was nur von heilsamen Eiflusse auf sie sein kann. Daß sie von solchen Aemtern ferngehalten werden, von denen aus sie die bestehende Staatsordnung verletzen würden, versteht sich so lange von selbst, als sie noch nicht zu besserer Staatseinsicht gelangt sind. Die Teilnahme von ein paar sozialdemokr. Ehrenmännern an der Gemeindepolitik wirkt aber schließlich nicht nur erzieherisch und praktisch bildend auf die ganze Partei, sondern auch erfrischend auf die ganze Gemeinde. Das erkennt man z. B. bei uns in Gießen allenthalben an, wo niemand unsere paar sozialdemokr. Stadtverordneten in dem Stadtkette „staatsgefährlich" füllte doch bei keinem Liberalen existieren. Denn er bedeutet verächtliche Kleinmütigkeit und lächerlichen, ja geradezu unp atriotischen S. K. H. der Grobherzog empfingen am 17. November Staalsmimsler Ewald, den Präsidenten des Ministeriums 'n§ Grab von ,Zrau l, wie es in einer Sirfagc weten heißt, in .würdiger, hergerichtet werden. Um of bauen, in dem au? den 'ilfrln ein Denkmal von nn. itabtötrorbnefenüerfflmm« itfityn Sitzung ben Der« ung des Nachbarorts Ortschaft mit W An- am W Ml voll' Muse ein, die gütig ihre Gaben verteilt an eine freudig bewegte Schar. Jede einzelne Figur ließe sich vielleicht be- sonderS auslegen und benamsen, doch nahm ich mir zur Vertiefung keine Zeit, da anderes im Saale mich weit mehr fefielte. Ich möchte nur noch bemerken, daß im Großen ausgeführt der Kobersteinsche Entwurf sehr erfreulich wirken dürfte und daß die jetzt vielleicht allzu lebendig scheinende Umrahmung, wenn sie zum großen Mittelbilde harmonisch getönt wird, dieses zu heben und zu schönem Gesamteindrucke ihm zu verhelfen vermag. Doch wie gesagt, anderes fesselte mich mehr. Vor allem anderen die prächtigen Schwälmer Bilder von W. Thiel» mann aus Willingshausen. Thielmanns Kunst erinnert stark an die des viel zu früh verstorbenen Darmstädters Heinz Heim. Was uns mit zwingender Gewalt an diesen Bildern, namentlich den »hessischen Bauern" und auch den »Schwälmer Jungen" packt, das ist die Aufrichtigkeit, die Ehrlichkeit, die Wahrhaftigkeit des Künstlers. Die stille Kargheit dieses Naturmenschentumes hat er mit ganzer Seele nachempfunden. Bewundernswert ist bei aller Vielfarbigkeit dec koloristisch diskrete Zusaminenklang. Und er ist Realist und Poet zu. gleich, das zeigt seine Kohlenzeichnung einer in die Natur versunkenen sitzenden Frau. I. v. Schovingens .Birken* haben in ihrem blendenden Blust, in ihrer schwelgerisch intensiven und tiefen leuchtenden und zugleich weichen Farbenpracht etwas von der Art Rüdisühlis. M. Beckers »In der Heide" wirkt durch nüchterne Kraft. Unter den Gemälden R. Eschkes ragt weit heraus fein Selbstporträt. Es hat etwas Großzügiges, ist kühn gedacht und flott hingeworfen und zeigt Nr. 272 Crfd)eint tÄgttd) außer SonntaqS. Dem (Sietzener Anzeiger werden im Werhjel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien' blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brü h l'scheu Univers.-Buck-u.Slein- bruderet. R. Lange. Redaktion, Ervedttion und Driuierei: Schul st ratze 7. Redaktion es® 112 Verlag u.Exped.er-zAöl Adresse tut Depeschen: Anzeiger Gießen. Unsere Kunstausstellung. Gießen, 19. 9looembec 1906. Die Kunstfreunde Gießens sprechen jetzt wieder im Turmhaus am Brand* vor. Dort hat der Kunstverein eine neue Ausstellung veranstaltet. Sie kommt uns nicht ungelegen zu einer Zeit, da die letzten Blätter von den Bäumen und Sträuchern soeben gefallen sind und die ersten rauhen Spät- herbftwinde hervorbrechen. Konkurrenz, die zu günstigerer Zeit die Natur allem Künstlerischen zu machen pflegt, ist jetzt ausgeschlossen. Wer mit seinen Tagen und Stunden geizen muß, wer seine knappe „freie* Zeit zur Erhaltung feiner Gesundheit erfrischendem Gange in der Natur widmet, der glaubt, wenn der Wettergott es gut meint, für die bildenden Künste im arbeitsreichen Tagesgetriebe kein Minütlcin finden zu können, und nur an Tagen üblen Unwetters, wie dem gestrigen, vermag besondere Lockung ihn zum Turmhaus zu ziehen. Und beschämt steht er da. Solche Genüsse hat er sich nun Jahre lang versagt, aus falscher Sparsamkeit. So ging es gestern mir, und so wird es allen denen ergehen, die Sinn für Kunst besitzen, aber »keine Zeit* für sie übrig finden. Die Skizze eines Vorhanges für die Bühne unseres neuen Stadtth ea ters war es, die mich gestern nach dem Turmhaus zog. Gewiß, sie ist es wert, von allen Theater» und Kunstfreunden Gießens betrachtet zs werden. Zu einer bunt belebten Landschaft führt uns H. Stober» stein, zu den nach Schiller heiteren Gefilden der darstellenden Kunst. Die Mitte des Bildes nimmt die weißgewandete 3 - - ? - t a ’t s - die tiefere Lebenstreue des Kündens einer am Schönen sich begeisternden Seele. Von exquisiter duftiger Zartheit ist das Porträt einer schönen jungen Gießener Dame, die ihr blondes Töchterchen, ihr Abbild und ihren Abgott, im Schoße hält. Man möchte bei diesem Werke von Rich. Scholz in München, dem Sohne des bekannten Frankfurter Tondichters Bernhard Scholz, an die wunderfeinen Frauenporträts de§ genialen Wieners Klimt denken, ivenn man nicht merkte, daß R. Scholz wohl ein sehr feinfühliger Farbenharmoniker ist, als Figurenzeichner aber selten sich betätigt. Als Hochgebirgslandschafter ist er ein Meister von anerkannter Bedeutung. Wenn wir dann noch den hübschen Aquarellen aus Gießens nächster Umgebung von O. K owar cz ik eine freundliche Beachtung geschenkt haben, dann vertiefen wir uns schließlich ungestört in die Plastiken von Martin Schauß. Dieser Bildhauer zeigt unS die ganze Vielfältigkett seines Talents. Porträtbüsten, darunter die des verstorbenen Geheimrats Riegel, Phantasieerzeugmsse, wie »Sünde*, »Traum* rc., Reliefs, Plaketten in buntem Nebeneinander. Sehr hübsch und von heiterer Lebendigkeit in der graziösen Ungezwungenheit seiner Figuren ist das Relief der „belauschten* badenden Schönen; am fesselndsten aber ein kleines Stück aus Elfenbein und Marmor, „Siesta*. In einen neronischen Cäsarensesiel vezng»pret»r monatlich 7bPi., viertel» jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pi.; durch diePost Alk.2.— otertel» fährt, ausichl. Bellellg, Annahme von Anzeige» für die TageSnummer bis vormittags 10 Uhr. ZeNenpreiS lokal 12 Pl* aufwärts 20 Ptg. Verantwortlich tüt den poliL und allgem, Teil: P. Witiko: tüt „Stadt und Land* und „Gerichtsfaal*. Ernst petz; für den An» zeigenteil: danS Beck. schmiegt sich ein üppiges Weib, dessen nackter Körper sich in ........ dehnt. Im Antlitz Parlament missen möchte. Nicht zum wenigsten mögen gerade im Stadtparlament diese Herren sich manche Ecken und Kanten abgeschliffen haben, deren Fehlen sie von anderen „Genossen" vorteilhaft unterscheidet. Wahrlich, nicht unsere Minister waren „umnebelt und ihr 23er- stand umdüstert", als ]ie die Bestätigung des Sozialdemokraten gegengezeichneten und dem Landesherrn deckten, wie in Darmstadt unbegreiflicher Weise von einem „liberal" sich nennenden Manne behauptet wurde, sondern törichte Furcht vor dem „roten Gespenst" hat den Verstand der Zweifel an der Unerschütterlichkeit des monarchische n Staatsgedankens. Die „Ministerstürzer" haben ihrem Liberalismus ein überaus schlechtes Zeugnis ausgestellt und haben sich bis auf die Knochen blamiert. Auch auf dem Gebiet der Parteipolitik muß Toleranz geübt werden. Hessens Landesherr aber hat wieder einmal gezeigt, daß er mehr Einsicht besitzt, als eine Reihe hessischer Parlamentarier und ihre gläubigen Nachläufer, und daß er vor allem mehr Toleranz übt, als die Leute, die gegen das Ministerium eiferten und den Großherzog meinten. Es machen sich Stimmungen im Hess. Nationallibcralismus geltend, die auf den Reichsverband gegen die Sozialdemokratie hinauszielen. Wut aus solcher Stimmung heraus ist das Vorgehen der Ent- rüstler zu erklären. Da darf man schon wieder einmal vom Schweine glück der Sozialdemokratie sprechen, denn auf die Art schmiedet man ihnen ja selber die Waffen, die sie gegen die Gesellschaft zu gebrauchen pflegen. Zwischen dem „Fall Eißnert" und dem „Fall Ko- rell", zwischen der Entscheidung des Großherzogs bezw. seines Ministeriums und dem des Großh. Ober.konsistoriums sand man vielfach einen „unüberbrückbaren Gegensatz, den z. B. das lints-nat.-lib. ,/Lpz. Tagebl" „äuperft grotesk" nannte. Da wird der nämliche Fehler begangen, den dasselbe „Lpz. Tagebl." in demselben Artikel. rügt, daß nämlich in den Verhandlungen der Hess. Landessynode „die politischen Untertone zu stark yervorklangen, daß es zu keiner rein kirchlichen Behandlung der Frage kam." Gerade weil wir nicht mehr in den „Zeiten des verhängnisvollsten Staatskirchentums" leben, weil wir Staat und Kirche streng von einander getrennt wissen möchten, ist zwischen dem rein p o l i t i schen Falle Eißnert und dem rein kirchlichen Falle Korell schlechterdings jede Parallele unsinnig. Das Grotzh. Ministerium bestätigte als oberste politische Behörde den Sozialdemokraten Eißnert, weil er einer Partei angehört, die keineswegs staatsfeindlich ist, vielmehr den Staat als unbedingte Prämisse zur Durchführung chres wirtschaftlichen Gemern- schaftsvrinzipes anerkennt; das Großh. Oberkonsistorium als oberste kirchliche Behörde erteilte einen Verweis dem Pfarrer Korell, weil es glaubte annehmen zu müssen, dieser Geistliche habe die Wahl eines Angehörigen der Sozialdemokratie /[in einen gesetzgebenden Körper gefördert, oes Anhängers einer Partei, von deren peftiger Kirchenfeindlichkeit selbst Schulbuben Kenntnis haben. Also auf beiden Seiten sehen wir nur logisch unantastbare Vorgänge. Die Synode aber ging nur zu oft um den Kern der Sache herum. Neben vereinzelten geistig hoch stehenden Reden trat ein Gemisch von Schlagworten und abgenutzten Redensarten hervor, das wenig zu imponieren vermochte. Und wenn gar, wie es in einzelnen Blättern hieß, die ernsten Worte Schlossers mit Lachen ausgenommen wurden, so erinnert das mehr an die Gepflogenheiten einer Volksversammlung, als an das Ideal, das man sich von den Verhandlungen einer hochwürdigen Synode macht. So war auch, wie das „Lpz. Tagbl.* sehr richtig tadelte, das Auftreten des Freiherrn von Heyl höchst deplaziert, der die Synode völlig mit der Reichstagsestrade verwechselte. War doch gerade diese Synode bei dem Fall Korell am allerwenigsten der Ort, wo man parteipolitischer Empfindlichkeit Ausdruck verleihen und rein politische Darlegungen zum Besten geben durfte. Pfarrer D. Schlosser aber hatte aus feiner reichen Lebenserfahrung, aus langjähriger ersprießlicher Seelsorge heraus geäußert: „Ein Pfarrer habe die Aufgabe, auch mit seinen Arbeitern zu fühlen und sich m ihre Auffassungen vom Klassen- fampf zu versenken. Es sei em Fehler, wenn man die ganze Sozialdemokratie für etwas halte, ivas man wie den Aussatz nr e i d e n müsse. Die Arbeiter, die sich der Führung der Sozialdeniokratie anvertrauen, werden dadurch zurückgestoßen, sinüller _ ___ mH AM .5 *3/ von einer prinzipiellen Anerkennung der Sozialdemokratie hierdurch konnte im Emst keine Rede sein. Ja, noch mehr, es traf sich zufällig, daß wenige Tage später die Bestätigung eines sozialdemokr. Beigeordneten in einer Landgemeinde versagt wurde, weil, wie wir sogleich ausführten und wie die Regierung dann bestätigte, der Gewählte als alleiniger Stellvertreter des Bürgermeisters in die Lage kommen könnte, staatliche und insbesondere sicherheitspolizeiliche Funktionen auszuüben. Aber Deutschland ist seit altersher das Land schematischer, individualitätsloser Prinzipienwirtschaft und grauer Theorie. Von Theorien unabhängige, auf Recht aber und Gerechtigkeit und klarem Einblicke in die besonderen Verhältnisse jedes einzelnen Falles basierende Regierungsmaßnahmen widersprechen allem Herkommen. Der deutsche Michel will sich nun einmal nicht die den freien Blick hemmende, ihm tief über die Augen gezogene Kappe entreißen lassen. Er zittert vor allem Ungewohnten und räson- niert nach alter Gewohnheit über „frevelhafte" Steuerungen. In gewissen Kreisen Alldeutschlands hat man sich s. Zt. fassungslos an den Kopf gegriffen, als unser Großherzog an einen Sozialdemokraten im Vorübergehen ein paar freundliche, aber gleichgültige Worte richtete. Heute gibt selbst der sich immer noch nationalliberal nennende, ultra-agrarische und erzreaktionäre „Rhein. Cour." in Wiesbaden zu, es sei „im Prinzip nichts dagegen nnzuwen- den, wenn ein Fürst mit einem Sozialdemokraten spricht; w«, uc.u „wuu ein solcher Vorgang enthält im Gegentell vom menschlichen „liberalen" Kämpen umdüstert. Der Horror vor der Eti- Standpunkt aus rein sympathische Züge." Im übrigen x~; aber stimmt er ans vollem Halse in das Wehgeheul des Häufleins hessischer „Entrüsteter" ein. Daß es diesen bei ihrer ganzen maßlosen Opposition in erster Linie auch gar nicht einmal auf den „Fall" Eißnert so sehr ankam, sondern daß sie den FallGnauths im Auge hatten und noch Haven, ist heute noch klarer als nach dem Erscheinen des berüchtigten Wormser Artikels der „Nationallideralen Korresp.". Was ist doch alles in den letzten Tagen phantasiert worden! Weil der Finanzminister am letzten Mittwoch nicht zur Audienz beim Großherrog erschien, offenbar weil er, wie das natürlich öfter bei jedem unserer Minister vorkommt, dem Landesherrn nichts Besonderes vorzutragen hatte, glaubte „man" Schlüsse auf. dessen bevorstehenden Rücktritt ziehen zu dürfen. Doch erstens kommt es glücklicherweise immer noch anders, zweitens als „man" denkt. In der neuesten Nummer der „Darmst. Zkg." fanden ' heute zwei lehr hübsche Mitteilungen. Erstens an Spitze des Blattes: M ttt W M n, Pflasterer in Wne? 'Eham, W 3 dahier. 12. «g* KSä» nunhiS ^KeorqW'stM :i=Be rselbst. Mer dast'er. i üt nlit Mh'K idenhmA rfW“ l 2'n \ ?*• »Öl WÄÄ ;s 4 ‘Äk L ^dachte der Er- ble Seit tion 1696-ni im 30iöl)tiMn m» damals *ene$iaiettnoe.‘» 2W3* '«alich g,dl-,, "‘!«9 ffe di. Sur ^cr|d]oncrunq der tu^em gebildete Kirchen- des Lehrer List ynbig gewachsen. Um -dienst statt. Kirchenrat kn, die ihn in diesem Haus sdienste waren so besucht, saffen konnte. Auch die Uhr im Saale des Gastsehr gut besucht. Pfarrer verschiedener ehemaliger ugen einen Festprolog wr, 3 Gotteshauses als Ich!/ Scriba, zeigt darin, deflr ilkstümüchen Festes chc Iie heutige Kummer umfaßt 10 Seiten« politische Wochenschau. Gießen, 19. Nov. 1906. Seit unserem letzten zusammenfassenden Rückblick auf die politischen Weltvorgänge haben sich bei uns in Hessen Dinge zugetragen, die des ganzen Reiches Augenmerk auf unseren Heinen Bundesstaat lenkten. Die Geburt des ErbgroßHerzogs wurde natürlich in unserem Lande mit herzlicher Freude aufgenommen, einer Freude, die noch erhöht ward durch den Umstand, daß unser seither nur auf zwei Augen stehendes Herrscherhaus nun menschlicher Voraussicht nach in feinem Fortbestand gesichert ist. Doch außerhalb unserer weiß-roten Grenzpfähle machte man begreiflicherweise davon nicht viel Aufhebens. Auch als S. K. H. unser Großherzog den sozialdemokratischen Kaufmann und Stadtverordn. Leonhard E i ß n e r t als Beigeordneten der Stadt Offenbach, die bekanntlich ein sozialdem. Stadtverordnetenmehrheit besitzt, bestätigte, da ahnte wohl niemand im Lande, daß diese Handlung zu einer polit i- schen Krise sich entwickeln werde. Denn im ganzen Lande wurde die Sache ztvar lebhaft erörtert, von Aufregung ober gar Entrüstung darüber war aber außer in den stark rechtsnationalliberalen Kreisen und Zeitungen zu Darmstadt, Offenbach und Worms nichts zu merken, namentlich nachdem die Regierung die Gründe für die Entscheidung bekannt gegeben hatte. Großherzog und Regierung stehen auf dem Standpunkt, daß die Zugehorigleit zu einer bestimmten politischen Partei an sich niemand von der Bekleidung öffentlicher Aemter der S:lbstverwalt- ung ausschließen kann, die Stelle eines unbesoldeten Beigeordneten die Ausübung staatlicher (insbesondere polizeilicher) Befugnisse keineswegs in sich schließt und Eißnert, gegen den nachteiliges nicht vorliegt, die Zusicherung gegeben habe, zurückzutreten, wenn die Pflichten feiner Stellung als Beigeordneter mit seinen politischen Meinungen in Widerspruch gerieten. Damit war ausgesprochen, daß im einzelnen Fall, wenn die Person des. Gewählten und die tatsächlichen Verhältnisse es Anlassen würden, auch einem Sozialdemokraten die Bestätigung nicht zu versagen sei. und sie verlieren das Vertrauen zu den Pfarrern. Diese müssen Verständnis h a b e n f ü r d a s A u f w ä r t s st r e b e n der arbeitenden Klasse. Verständnis für ihre Forderungen nack> Freiheit und Recht. Auch in ihren Bestrebungen steckt viel Idealismus. Das waren ernste und gewichtige Worte an ernster Stätte, denen jeder klar und vorurteilsfrei Denkende ausrichtig beistimmen wird. Aber ein Anderes ist es u. E., unsere Arbeiter im Klassenkampfe zu verstehen zu suchen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lasten, und ein Anderes, deren politische Bestrebungen bei politischen Wahlen zu Ungunsten eines Bürgerlichen, dem nicht das geringste Nachteilige nachzusagen ist, zu unterstützen . . . Die gewundene Kompromiß- Resolution der Synode aber hat sich manches herbe Urteil gefallen lasten muffen. Die Münchener .Jugend" spottet ganz zutreffend folgendermaßen über sie: .Diese Entscheidung ist mit Freuden zu begrüßen; sie bemüht sich, allen Ansichten gerecht zu werden, die man über die streitige Frage haben kann, und unterscheidet sich vorteilhaft von den plumpen Aussprüchen unserer obersten Gerichtshöfe, die in maßloser Ueberhebung diktatorisch erklären, die untere Instanz habe recht oder habe unrecht. Wieviel edler, wieviel menschlicher, wieviel christlicher wäre cs, wenn das Reichsgericht als Revisionsinstanz über das Urteil einer Strafkammer sich folgendermaßen ausließe: Der Vorderrichter hat den Angeklagten wegen Diebstahls verurteilt. Die Frage, ob die Tat des Angeklagten ein Diebstahl ist, läßt vom rechtlichen Standpunkte aus eine verschiedenartige Beurteilung zu; indeß hat das Reichsgericht zu der Strafkammer das Vertrauen, daß sie ihr Urteil nach bestem Wissen gefällt hat. Das Reichsgericht billigt ausdrücklich die Ansicht der Strafkammer, daß ein Diebstahl verwerflich und mit den Pflichten eines ehrlichen Mannes unvereinbar sei." Wie eine moderne Symphonie mit Paukenschlag und Fanfarengeschmetter, so hat die Herbstsession des Reichstages mit einem großen Knalleffekt ihren Anfang genommen: Erstes Auftreten des Reichskanzlers nach seiner Wiedergenesung k Nur hereinspaziert, ihr Herrschaften, heute große Eröffnungsvorstellung: Es wird weiter gewurstelt, Drama ohne Ende; Hauptakteure: Der Unsichtbare, Fürst Bülow und Herr Bastermann. Chor: Die Reichsboten...... Die für schöne Worte und tönendes Pathos, für elegante Causerie und Schmeicheleien von jeher empfänglichen Pariser zeigten sich mit der Rede be§ Reichskanzlers am meisten zufrieden. Und das ist immerhin auch ein nicht zu unterschätzender Erfolg. Jin deutschen Blätterwalde freilich neigte sich kaum ein Blatt befriedigt, und nicht einmal die Offiziösen stellten in Abrede, daß sich Fürst Bülow um den Kern der Bastermannschen Interpellation mit großem Geschick herumzuwenden wußte und alles andere, nur keine erschöpfende Beantwortung gab. Indessen gelang es ihm unzweifelhaft, den ersten Ansturm siegreich abzuschlagen, aber nur deshalb, weil die Reichsboten selbst einer gründlichen Erörterung der auswärtigen Politik und des persönlichen Regimentes tni§ dem Wege gingen. Der Jnterpellationsschuß, den Herr Bassermann abfeuerte, war nur ein Blindgänger, und die anderen Redner begnügten sich damit, ein paar Knallerbsen zu werfen, ohne das Weltpanorama in seiner wahren Beleuchtung zu zeigen. In der auswärtigen Politik konzentrierte sich daS Hauptinteresse auf den kühnen Abenteurer Ferreira, der, ein Zweiter Jameson, allerdings in anderer Absicht, auf Transvaal losmarschierte. Der waghalsige Versuch, mit einem Häuflein von Leuten die Buren zu einer bewaffneten Erhebung gegen die englische Herrschaft aufzustacheln, ist mißglückt. Ferreira fand bei seinen Landsleuten keine Unterstützung, und er ist bereits nebst seinen Genossen gefangen genommen worden. In dem mit uns eng verbündeten schw arz--g elb en Nachbar st aate scheint die Wahlreform für den Neichs- rat nunmehr gesichert zu sein, denn die Gegner setzen sich nur aus den paar Alldeutschen und Wilden zusammen, die wohl Spektakel machen und lange Reden halten, aber das Werk selbst nicht mehr gefährden können. DaS Gesetz wurde so ausgearbeitet, daß die nationalen Gegensätze bei den Wahlen selbst nahezu ausgeschlossen sind und auch den Deutschen eine Mändatsziffer zugestanden wird, die ungefähr im Verhältnis ihrem gegenwärtigen Besitzstände entspricht. In Ungarn aber macht man z. Zt. keine Anstalten, das Wahlrecht auf eine breite volkstümliche Basis zu stellen, und bei den bevorstehenden wirtschafts-politischen und staats- rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Reichs- hälften im Pester Parlament wird die festgeschlossene Chauvinistische Majorität stärker sein, als daS österreichische Abgeordnetenhaus. Ein Erlaß des Kaisers. Der „Reichsanz." veröffentlicht einen Erlaß deS Kaisers an den Reichskanzler mit dem Auftrage, den Erlaß zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Der Erlaß lautet: Der Tag, an welchem vor 25 Jahren der in Gott ruhende Kaiser und König Wilhelm der Große seine unvergeßliche Botschaft erließ, gibt mir willkommenen Anlaß, mit dem deutschen Volke in ehrfurchtsvoller Dankbarkeit dieses Friedenswerks zu gedenken, durch welches mein erlauchter Almherr zum Schutze der wirtschaftlich Sch wache n der Gesetzgebung neue Bahnen wies. Rach seinem erhabenen Willen ist es unter der freudigen Zustimmung der Verbündeten Regierungen und der verständnisvollen Mitwirkung des Reichstags gelungen, den schwierigen und weitverzweigten Ausbau der staatlichen Arbeiterfürsorge auf dem Gebiete der Kranken-, Urssall- und Invalidenverstcherunq so zu fördern, daß die Hilfsbedürftigen in den Tagen der Rot einen Rechtsanspruch au? gesetzlich geregelte Bezüge besitzen. Tie Arbeiter haben damit, dank den umfassenden Leistungen des Reichs und ihrer Arbeitgeber, sowie auf Grund ihrer eigenen Beiträge eine erhöhte Sicherheit für den notwendigen Lebensunterhalt und für ben Bestand ihrer Familien erreicht. Die großen und werbenden Gedanken der kaiserlichen Botschaft haben diesen Erfolg aber nicht nur in unserem eigenen Vaterlande gezeitigt, sondern wirken auch weit über dessen Grenzen hinaus vorbildlich und bahnbrechend. Leider wird die Erreichung des höchsten Ziels der kaiserlichen Botschaft gehemmt und verzögert durch den andauernden Widerstand gerade von der Seite, welche glaubt, die Vertretung der Arbeiterinteresse n v o r z u g § w e i s e f ü r sich i n A n s p r u ch nehmen zu können. Gleichwohl vertraue ich auf den endlichen Sieg der gerechten Erkenntnis des Geleisteten und aus das wachsende Verständnis für die Grenzen des wirtschaftlich Möglichen in allen flreifen des deutschen Volkes. Tann wird sich auch die Hoffnung Kaiser Wilhelms erfüllen, daß sich die Arbeiterversicherung als eine dauernde Bürgschaft des inneren Friedens für das Vaterland erweisen möge. In dieser Zuversicht tft es mein fester Wille, daß die Gesetzgebung auf dein Gebiete der sozialpolitischen Fürsorge nicht ruhe und in Erfüllung der vornehmsten Christenpflicht aus den Schuß unh bna SßUM Schwachen und Bedürftigen fortgesetzt bedacht sei. Durch gesetzliche Vorschriften und Leistungen allein ist indes die Ausgabe im Geiste der kaiserlichen Botschaft und ihres erlauchten Schöpfers nicht zu lösen. Ich erkenne es am heutigen Tage gern an, daß es im deutschen Volke nie au Männern u n d F r a u e n gefehlt bat, welche f r e i iv i l l i g und freudig ihre Kraft in d e» Liebesdienst am Wohle des Räch st en stellten, und sage allen, welche sich bem großen sozialen Werke unserer Zeit selbstlos und opferwillig widmen, meine« kaiserlichen Dank. Der Kaiser hat ferner au8 diesem Anlaß u. a. den WilhelmSorden verliehen: Der verwitweten Generalkonsul Freifrau Mathilde von Rothschild in Frankfurt am Main,, dem Ministerialdirektor Dr. Althoff in Berlin, dem Stadtrat a. D. Professor Walter Simon in Königsberg i. Pr., bem LandeSrat unb Vorsitzenden bc§ Vorstandes der Invalidität^- und Altersversicherungsanstalt, Geh. Re- aierungSrat Wilhelm Liebknecht in Hannover, bem Kaufmann Geh. Kommerzienrat John Gib so ne in Danzig, bem Fabrikbirektor Kommerzienrat Moritz Böker in Remscheid. DaS dänische Königspaar in Berlin. Die Kopenhagener Ztg. „BerlinSke Tibcnbc" schreibt in einem längeren Artikel: Wenn König Freberik jetzt ben beutschen Kaiser besucht, so ist bies ber Ausdruck für den Wunsch Sr. Majestät, die Sympathie zu erwidern, mit welcher Kaiser Wilhelm ort der Trauer über den Tod Christians II. teilnahm, unb zugleich für ben Drang, die Entwickelung der Fre u n b s ch a fts b an d e fortzusetzen, welche ben Deutschen Kaiser an bas bänische Könighaus knüpfen. . . . Wenn ein König, begleitet von seinem Minister beS Auswärtigen einen Besuch bei dem Monarchen eines anderen Landes abstattet, so hat man daS Recht, über eine politische Bebeutun g ber Reise zu sprechen. Der Besuch bes König? bei bem beutschen Kaiser und seine Begleitung durch den Mini st er des 9( e u 6 e r n, Grafen Raban-Levetzau, einem persönlichen Freund beS Reichskanzlers Fürsten Bülow, wirb hier als eilte Befestigung bes guten Verhältnisses zum Deutschen Reiche aufgefaßt. Alle müssen sich dem Wunsche anschließen, daß dies wirklich wirb geschehen können. Die „Norbb. Allg. Ztg." schreibt: Das Erscheinen beS bänischenHerrscherpaares auf beutschem Boben ruft abermals ins GebächtniS, welche Verehrung ber hochselige König Christian auch bei uns genoß, eine Verehrung, der ber Kaiser im Einklang mit den Gefühlen weiter Kreise bes betttschen Volkes wiederholt wärmsten Ausdruck verliehen' hat. Eilt würdiger Nachfolger des verewigten bänischen Monarchen, tritt König Friebrich mit seiner hohen Gemahlin, bic bem der kaiserl. Familie engbefreundeten Herrscherhause Schwedens entsprossen ist, unter uns. Dem herrlichen Willkommengruß, der der königlichen Gäste am Kaiserhofe harrt, schließt sich unser Volk an mit dem Wunsche, daß ber Besuch bazu beitragen möge, bie Bande ber Freundschaft zwischen beiden Völkern immer inniger zu gestalten. Wie unserm eigenen not. Wesen völlige Uniformität fremd ist, so empfinden wir das zu selbständiger Blüte entfaltete politische und geistige Eigenleben stammverwandter Nationen nicht als Beeinträchtigung, sondern als Bereicherung der Kulturgemeinschaft, die die gesitteten Völker umfaßt. Uebereinstimmend mit bem Volks- empfinben griff unsere Staatskunst in bie friedliche Entwickelung anderer Nationen niemals hemmend oder gar störend ein, nahm vielmehr ohne jede Anwandlung von Mißgunst wahr, wie seit dem Erstarken des jungen Deutschen Reiches und der damit verbundenen Festigung der Friedensbürg- chaft in unserem Weltteil allenthalben ein früher nicht geahnter Aufschwung von wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften zum Durchbruch kommt. Teuerung. Berlin, 17. November. Die im Reichstage eingebrachten F leischnot-Jnterpellationen sind für Montag auf die Tagesordnung an erster Stelle gesetzt worden. Die Regierung wird erklären, daß sie sich augenblicklich nicht in der Lage befindet, die Interpellationen zu beantworten, da der Posten des Landwirtschaftsministers zur Zeit nicht besetzt ist. Die Interpellationen werden erst beantwortet werden können, wenn der neue Landwirtschaftsminister ernannt sein wird. — Zu der Frage der Fleischteuerung ist in der nächsten Zeit ein Beschluß des Staatsministeriums noch nicht zu erwarten. Wobl aber wird in allen Ministerien alles Material zur Vorbereitung der Entscheidung in großem Maße gesammelt und geprüft werden. Die Ernennung des neuen Landwirtschaftsministers ist in den 'nächsten Tagen zu erwarten. — Der Ausschuß des Landes-Eise n'bahn- rates hat die Regierungs-Vorlage über Maßnahmen gegen die Fleischteuerung beraten. Es wurde beschlossen, dem Landes-Eisenbahnrat die Annahme der Regierungs- Vorlage zu empfehlen, die eine Ermäßigung der Stückguttarife für frisches Fleisch 'vorsieht, darüber hinaus aber auch die Ermäßigung derWagenladungs- Tarife für frisches Fleisch und frische Seefische vorzuschlagen. Der Vorstand des deutschen Städtetages hat seiner Eingabe an den Reichstag wegen Oeffnung der Grenzen ein Gutachten von neun Großstädten, der Schlachthaus- und Viehhofdirektoren beigefügt: Diese Autoritäten erklären, daß die Oeffnung der Grenzen zur Einfuhr aus veterinären und sanitären Gründen unbedenklich sei. Köln, 17. November. Eine Versammlung von Bäckermeistern beschloß mit Rücksicht auf die Preissteigerung ber Rohmaterialien, ferner der Lohnerhöhungen und Lebensmittelsteigerung rc. eine einheitliche Erhöhung der Preise der Backwaren eintreten zu lassen. Luxemburg, 17. November. In der Kammer wurde eine Interpellation wegen der Fleischnot beraten. Minister Eyschen sagte zu, daß er internationale Maßregeln gegen die Viehseuchen anregen werde. Wien, 17. Novbr. Die Mißstimmung über die Fleischteuerung zieht immer weitere Kreise. Es wird in erster Linie der Negierung die Schuld beigemessen. Nach Zulassung einer gewissen Anzahl Ochsen aus Italien soll auch, wie verlautet, die Einfuhr von ViehausHolland gestattet werden. In einer Fleischhauerversammlung wurde gestern die Oeffnung der Grenzen gegen Serbien, Bulgarien und Rußland sowie die Bewilligung der Einfuhr überseeischen Schlachtviehes verlangt. Als ein Redner den Ackerbauminister beschuldigte, daß er die Agrarier auf Kosten der Verbraucher be». günstige und gegen die Fleischhauer Hetze, löste der Polizei» kommissar die Versammlung auf. Eine Explosion in der Peterskirche zu Rom. Rom, 18. Nov. Im Mittelschiff ber Peterskirche in ber Nähe beS Altars ber Navieella erfolgte heute mittag eine Erplosiou, die keinen Schaben, wohl aber eine Panik unter! den Personen hervorrief, die der Messe beiwohnten. Der! Messe wohnten ziemlich viel Menschen bei, besonberS Frembe, Soldaten und Frauen. Ein Polizeikommissar eilte mit Mannschaften herbei und fand eine mit Eisendraht umhüllte Blechbüchse, bie Pulver enthielt. Auf bem Boden ber Büchse fand man Nägel von verschiedener Größe. Die Büchse war auf dem Gerüst untergebracht worden, welche? zum Zwecke von Ausbesserungen ber Decke ber Kirche aufgestellt war. Sie scheint eine Konservebüchse gewesen zu sein. Die Nägel sind denen ähnlich, bie sich in ber jüngst am Eingänge eines Cafäs explodierten Bombe befanden. Die Explosion war stark unb wurde im ganzen Borgoviertel gehört. In ber Nahe der Stelle, wo die Explosion erfolgte, befand sich ein Kirchen-- wächter, der bei seiner Vernehmung auSsagte, er sah nicht, daß jemand etwas hinlegte ober floh. Auch bie übrigen Kirchenwächter unb alle zuerst herbeigeeilten Personen würben verhört. Niemand war in ber Sage, irgendwelche Auskunft zu geben. Die Papst wurde von dem Geschehnis in Kenntnis- gesetzt. Die Politik im Sprnchwörterbuch. Der 15. Lieferung des von bem verstorbenen Freiherrn! v. Lipperheibe begründeten vorzüglichen Werkes „Sprichwörter« buch" (Expedition des Spruchwörterbuches Berlin W. 35), entnehmen wir folgende Zitate über die Politik: Mit Schweigen, Reffe, treibe Politik! Shakespeare. In der Politik ist der s ch l i m m st e E n t s ch l u ß der, feinen; Entschluß zu fassen. fl. Sal. Zach. v. Lingenthal. Tas erste Gesetz der Politik war schon von Anbeginn: Jchj will ' Karl Jul. Weber. Es ist ein gewöhnlicher Irrtum in der Politik. Mittel und, Zwecke zu verwechseln. Macanlay. Tie Politik ist keine exakte Wissenschaft; mit der Position, die man vor sich hat, wechselt auch die Benutzungsart der Positionen. Bismarck. Es ist das in der Politik immer so, als wenn man mit im-' bekannten Leuten in einem unbekannten Lande geht; wenn der eine seine Hand in die Tasche steckt, fo zieht der andere feinen Revolver schon. Bismarck. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. November 1906 Barometer aui 0° reduziert 1 Temperatur der Lust Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung i Windstärke Wetter 18. 2» 733,7 8,5 7,3 88 SW 2 Regen 18. 915 733,3 5,7 6,5 96 S 4 Klarer Simmet 19. 725 729,9 6,2 6,5 91 S 4 Bed. Himmel Höchste Temperatur am 17.—18. November — -4- 9,7° C. Niedrigste „ , 17.-18. „ — 4- 4,5° C. Telefonisch® K«8esherBC*'Bte des Giessener Anzeigers, mitgeteilt von der Bnnk fflr Handel und Industi Ffrmlifnrter Börse 3%6/0 Beichsanleihe . . 98.05 356 do. . . 86.35 3^°/0 Konsols .... 98.00 3% do. . « . . 86 50 3%°/n Hessen .... 96.90 2%°/0 Oberhessen . . . — 4% Oesterr. Goldrente. . 99.70 4*/s °o Oesterr. Silberrente 100.00 4 Ungar. Goldrente . . 95.40 4% Italien. Reute . . . 102.90 3% Portns-iesen Serie T . 69.20 39o Portugiesen „ ITT 69.90 4 %°/'o russ.Staatsanl. 1905 89.90 4%° n Japan. Staatsanleihe 93.80 4 % Conv. Türken von 1903 94.60 Türkenlose ... . . 146.90 4% Griech. Monopol-Anl. 52 40 4% äussere Argentinier . 89.25 3°/0 Mexikaner . . 67.50 4>i°/0 Chinesen .... 96.50 Aktien: Bochum Guss 239.30 Buderus E. W . . 128.70 Tendenz: sehr fest. io. Grossen. 19. November, 1.15 Uhr. Elelttfiz. Lahmeyer . . . 140.50 Elektriz. Scbnckert . . . 125.00 Eschweiler Bergwerk . . 245 50 Gelsenkirchen Bergwerk . 224 50 Ham hur»- Amerik. Paketf. 157.80 Harpener Bergwerk. . - 214 75 Laurahütte 246.00 Nordd. Lloyd 128.00 Oberschles. Eisen-Industrie 129.80 Berliner Hand eignes . . 171.70 Darmstädter Bank . . . 139 °0 Deutsche Bank . . . 239.40 Deutsch-Asiat. Bank . . 170.50 Diskonto-Kommandit. . . 188.10 Dresdner Bank . . . 156.10 Kreditaktien 212.30 Baltimore- und Ohio- Eisenlahn . . . 122.60 Gotthardbahn —.— Lombard. Eisenbahn . . 34 50 Oesterr. Staatsbahn . . . 144.40 Prince-Hcnri-Eisenbahn . 149.00 Berliner Börse Canada E. B 181.60 Darmstädter Bank . . . 139.50 Deutsche Bank .... 239.75 Dortmunder-Union C. . . 83 00 Dresdner Bank .... 156.10 Tendenz : fest. 19. November. Anfangskurse. Harpener Bergwerk. . . 214.20 Laurahütte .... 246.40 Lombarden E. B. ... 34.50 Nordd. Lloyd 127.75 Türkenlose 146.50 Vermischtes. * Berlin, 17. November. In letzter Stunde wurde )ic für gestern im Zcntral-Theater anberaumte Vorstellung der „Fledermaus" vereitelt. Bei Prüfung der Löschvorrichtungen öffnete ein Feuerwehrmann das Ventil der og. Regenprobe und setzte damit die Bühne in wenigen Minuten knietief unter Wasser, worauf sich die Direktion genötigt sah, das Haus räumen zu lassen und die Vorstellung abzusagen. — Im Restaurant Jtteritz in Rix- )orf gab vor einiger Zeit ein unbekannter Mann ein Packet zur Aufbewahrung auf. Da es nicht abgeholt wurde, öffnete es endlich der Wirt und fand eine ganze Anzahl von Wertpapieren darin, die einen Gesamtwere von 22 500 Mark ansmachten. Es sind Wertpapiere, die kürz- ich bei der Firma Salinger & Leppmann in Berlin geraubt worden sind. — Gestern Abend wurde ein Schutzmann verhaftet, weil er sich hat Erpressungen zu Schulden omnien lassen, indem er wohlhabenden Personen durch Briefe mitteilte, daß sie wegen verschiedener Straftaten an* -s Beller 9 2 4 4 Beobachtungen Gießen. 3 e 'N M 'M ,20 , 122.60 ' 3460 / / Neuen lRlaxttS)\n\mt \ Bed. Himme! sir s 8 4- 9,7* C. - + 4,5* C. ; 144.40 . 149.00 jirsbericWe lt m der ^nk fflr Handel C.! p.won. 9. Nnvember, US Uhr- letttiz. Lahmerer. ■ - Irtttfc Sehnckert. • - Offener Per^erk . • $ •luenkirthen Bemerk. tmhnr?- Amerik. Wl 9Ui; mener Berrwetk. - • 214*0 ' 946.40 "0 ' 127.76 J4&50 «^ortertn^. s2?;thtn™ M,m, verbuche? Berlin W. 351 -er die Politik: Ä e Milik! . r fbakelveare. y®ntfrf)Iufiber, feinen ^jL Zach. v. LinqenthaL r Ichon von Anbeginn: J(. Webeti 1 '» der Politik, Mittel M Macanlny. mit der Position, die "emihnngsart der Position. Bismorch ' lo, al? wenn man mit» inten Lande geht; wem so zieht der andere feinen Äe- Bi?m«L tr‘ nnbtrounltc ® ber * J in iiit worflwf 0i( ffiall'1' ,u AS- ■ Sfc:: sordd. ^°y e , , rgrkenlo96 ' ^ßland f . " «Ä*Mit LKr w,q,s 7 auf "Mmt'S'? lind lrhört. und ■ M.nbte6f?1C i«SK3 inrab’ltte • - - ' jOg OO jrfi. W°A- T jnä,ne ,eI3,hle-. Eisen-Inanstr ■rliner Handelsses - • mnstaater ^nk ‘ ' Hitsche Bank . mtsch-Aaiat. Bank likoDto-Kon)inandit resdner Bank ■ _ reditaktien - . . ' ftltimore- nnd O»“ Eisenlahn • ' , Äs»»1* ■> ; Äh»'8“ gezeigt werden müßten, falls sie nicht einen Betrag postlagernd absenden würden. * Was die Polizei einerGroßstadt kostet: Nach einer vonr Kriminalrat Ritter von Pollaly herausgegebenen Statistik bestand im Jahre 1905 die Polizeikraft von London aus 17210 Mann und zwar: 31 Chef- Inspektoren, 546 Inspektoren, 2239 Wachtmeister und 14 394 Schutzleute. Im Verhältnis zur Bevölkerung 1 Polizeimann auf 430 Einwohner. Die kosten der gesamten Londoner Polizei betrugen im Jahre 29660000 Mark. Diese Zahlen beweisen, daß London eine gut geleitete und vorzügliche Polizeitruppe besitzt. * St' I c i n e Tages chronik In Dresden hat sich L and - r i ch t e r D r. M ü h l m a n n nach einer Zeitung in seiner Wohnung erschossen. Mühlmaim, ein reicher Alaun, war Zetlge in einem Erpressungs-Prozeß gegen den ftantmmm Schurig aus Chemnitz, der vom Schw:c.',ervaler Aiühlinanns 20,000 Alk. verlangte und mit Enthüllungen drohte. — In 91 ü rnberg ist der P 0 sr - l> u r e a u d i e n e r S ch >v a r z in a n n v e r h a f t e t wordcn, nachdem er durch Unterschiebung von gefälschten P 0 st a n Weisungen, die er an seine Angehörigen und Freunde schickte, den Postsiskus um 10,000 Alk. geschädigt hat. — Zn Kopenhagen wurde der 9t i 11 m c i ft e c bei der schwedischen Garde-Kavallerie, Gras Fritz von Rosen verhaltet, unter der Anschuldigung, die Alilitärbehörde um mehr als 8000 Xift. betrogen zu haben. Er ist ein Mitglied einer der vornehmsten Familien Skandinaviens. Graf Rosen soll außerdem Checks mit der Unterschrift von Mit- gliedern der königl. sckwed. Familie gefälscht haben. — In der Passage Flamands zu P a r i s brach Feuer aus, durch welches eine Kränterhandlung, eine italiemiche Kapelle und die Wohnung des Tircllors der Schule für Luitschisiahrt zerstört wmbeu. Eine Frau starb infolge des Schreckens. — Zn Berlin sand am Sonntag nachmittag bei der Spandauer Brücke ein Z u s a m m c n - stoß zweier Straßenbahn-üge statt, wobei elf Verso n e n verletzt wurden. — In Neapel wurde der Professor der Aledizin Rossi von dem Dr. philos. Lagano aus 9tache ermordet. — Im S ch w a r z w a l d und im Harz sind große Schneefälle eingctreten. Bei T r i er wurde ein Bergmann auf der Landstraße erfroren aufgesunden. — Em Unbekannter plünderte die G e m e i n d e k a s s e n von Hesse- heim und st l e i n n i e d e r s h e i m in der Pfalz. Er stellte sich aus dem Bürgermeisteramt als Geometer vor und schickte den Gemeindediener unter einem Vorwand fort. — Zn S e i d 0 r f (Schlesien) erschoß der pensionierte Wachtmeister Dleißner seine Frau und sich selbst. Tas Alotiv ist unbekannt. — Zn Jackerath (Rheinland) wurde der Zimmerman Hauser erhängt nut- geiunden. Es stellte sich heraus, daß er e r m 0 rd e t wurde. Der Täler, ein stoibflechter, wurde verhaltet und ist geständig. Tie Wertsachen des Erniordeteu wurden bei ihm gesunden. — Jin schweizerischen Torfe Biberist wiirden die Wirtin Wetterwald iind ihre stöchin ermordet. Ein der Tat verdächtiger Arbeiter Rosenbaum wurde verhaftet. Finanzielle Ergebnisse der deutschen LebcnSversichernngo- Gefellschasien im Jahre 1905. Tie Neberschüsse der Gesell^ schäften fließen hauptsächlich aus drei Quellen, der Mindersterblich- fetl, den Zinsgewinnen und den Erfparuissen an Verwaltungskosten. Sämtliche Gesellschaften hatten Sterblichkeitsgewinne auszuweisen, den größten die Victoria mit 31/, Millionen Mark. Unsere LebcusversicherungS-Gesellschasten rechnen bei der sie auszeichnenden Vorsicht mit einem Zinsfuß von 3' '. iind 3 ° während der wiiklich erzielte Zinsertrag sich über 4 °/0 hielt. Tie Victoria konnte einen Zinsgewinn von über 4 Millionen Mark auswcisen« Tic Ersparnisse an den Verwaltung ^kosten lassen sich aus den Rechnungsberichlen nicht ermitteln, sie kommen aber im Gesaint» überjchuß zum Ausdruck. Tics er betrug pro 1905 bei der Victoria 24,6 Millionen Mark, der Gothaer 9,6, der Leipziger 9,4, der Stuttgarter 9,3, der Germania 6,7, der Karsruhcr 5,9 u. s. w. 91un weiß jedermann, daß die Uederschüsse nicht den Gesellschaften verbleiben, sondern zum allergrößten Teil den Versicherten zufließen. An Gewinnanteilen waren sür die Versicherten ultimo 1905 angesammelt: bei der Victoria 105,4 Millionen Mark, der Stuttgarter 48,0, der Leipziger 47,4, der Gothaer 46,8, der Karlsruher 31,7, der Germania 23,0 u. s. s. Bei den 45 LcbeuSversichcrungS-Gcsellschasten betrug die Prämien- und Zinseueinahme im Jaore 1905 649,3 Millionen Mark. Tavou cnnättt auf die Victoria 113,7 Millionen Mark (mehr als */6!), die Gathaer 44,9, die Germania 44,0, die Leipziger 41,4, die Stuttgarter 39,1, die Karlsruher 27,6. Bei der Victoria, die neben ihrer Hauplbranche, der Lebensversichcrimg mit der Volksocrsichcrung, mitt) die Unfall-, Haftpflicht- und Transport-Versicherung bcuciui, sind die Zahlen für das Gejamtgeschäst angeführt. Nein, ich habe erklärt, selbstverständlich werden die Herren Gründe gehabt, sie werden vielleicht erwogen haben, daß auch andere Wahlen für ungültig erklärt werden konnten, wenn nach denselben Grundsätzen verfahren wird. sSehr richtig! links.) Da- rauf kommt es mir an. " Abg. Dr. Müller (Sagau, freis. Vp.): Was sich die Wahlprüfungskommission in 33 Jahren an Ansehen erworben hat, ist in wenigen Jahren verloren gegangen. (Unruhe rechts.) Der Vorsitzende der Kommission mag ja em Musterdiplomat sein im Sinne des Fürsten Bülow, ein Muster au Dickfelligkeit (Heiterkeit links), mit emer Rhinozerushaut versehen (Erneute Heiterkeit), der die Fähigkeit hat, die Bewegung der Fliegen an der Wand wahrzunehmen. Aber darauf kommt es riet nicht an, sondern nur darauf, daß die Kommission sich auch bei den Minoritätsparteien das Prestige der Objektivität wahrt Lie mögen tun und beschließen, was sie wollen; von uns glaubt ihnen kein Mensch mehr, daß sie nach gesundem Menschenverstand und nach Gerechtigkeit urteilen. Wir sind der Ueberzeugung, daß wir von ihnen in der schnödesten und brutalsten Weise vergewaltigt werden. Tie Kommission hat sich sozusagen prostituiert. (Große anhaltende Unruhe rechts und im Zentrum.) Vizepräsident Dr. Paasche (in sehr erregtem Tone): Sie dürfen eine Kommission des Hauses nicht in dieser Weise blohstellen. Wie können Sie sagen, die Immission habe,sich prostituiert I? Das entspricht nicht der Ordnung des Hanfes. Ich rufe Sie 'zur Ordnung. (Lebh. Beifall rechts, im Zentrum und bei den Nationalliberalen.) Abg. Dr. Müller (fortfahrend): Ich kann Ihnen nationalliberale Abgeordnete nennen, die Herren Büsing, Bärwinlel, Hagen, Paasche, Rimpau und Sencker, die in dem einen Fall sür Gültigkeit, m einem anderen ähnlichen Fall für Ungültigkeit gestimmt haben. (Ohol bei den Natt.) Dre richtig ist, daß in Elsaß-Lothring^n von jeher die Bürgermeister Stimmzettel verteilt hätten. Im Fall Hoffel haben Sie (zum Abg. Wellstein) ganz anders entschieden, als im Fall Blumenthal, und daher ist der Verdacht gerechtfertigt, daß Sie s o (bezeichnende Handbewegung), daß Sie aber auch anders können. (Große Heiterkeit.) Die Wahlprüfungskommission hat nach alledem, was vorgefallen ist, gar keinen Anlaß, auf ihre Tätigkeit mit Befriedigung zurückzublicken. Im übrigen: da ja in dieser Sache doch nichts anderes postieren wird, als in den bisherigen Fallen, z i e h e ich meinen Antrag auf namentliche Abstimmung zurück. Abg. von Gerlach (freis. Dgg.) tadelt, daß die Wahlprüfungskommission ihre Sitzungen so häufig ausfallen laste. Abg. Singer (Soz.): Nach den Vorgängen, die wir in diesen Tagen erlebt haben, kann man die Ueberzeugung nicht mehr von sich weisen, daß die Wahlprüfungskommission nicht nach Recht, sondern nach Parteien entscheidet. Vizepräsident Abg. Paasche (unterbrechend): Ich kann nicht zulasten, daß Sie sagen, daß in der Wahl- vrüfungskomission nur nach Parteien entschieden wird. Sie mögen das von einzelnen Fällen sagen, aber nicht von der Tätigkeit der Kommission in ihrer Gesamtheit. Abg. Singer (fortfahrend): Abg. Schwärze-Lippstadt (Ztr.) verteidigt den Kommissionsantrag. Abg. Dr. Müller-Sagan (freis. Vp.) beantragt eventuell namenttiche Abstimmung, falls dle Rückverweisung abgelehnt werden sollte. Abg. Schickert (kons.) ist mit der Rückverweisung an die Kommission einverstanden. Dbg. Gothein (freis. Vgg.) hält die Arbeiten der Wahlprüfungskommission für ganz unzulänglich ; die Rückverweisung sei unbedingt notwendig. Abg. Kopsch (freis. Vp.) betont, daß die bei dieser Wahl vorgekommencn skrupellosen Beeinflussungen geradezu an Stimmenkauf grenzten. Die Rückverweisung an die Komnnsston wrrd hieraus nahezu einstimmig beschlossen. r r r Es folgt die Prüfung der Wahl des Abg. Dr. H 0 e f f ei (Rp. Zabern-Elsaß-Lothringen). Die Kommission beantragt die Gültigkeitserklärung. Abg. Gothein (freis. Vgg.) hält Itückverweisung für notwendig wegen der vielen Beein- flustungen durch die Bürgermeister. Abg. Blumenthal (Hosp, der deutschen Vpt.): Auch diese Wahlprüfung zeigt wieder, daß die Kommission richtige Grundsätze har. daß sie dieselben aber nur zur Ahndung bringt, wenn es ihr gerade paßt Der Zufall wollte es bisher — natürlich nur der Zufall — daß ine Grund,atze gerade dann zur Anwendung kamen, wenn es sich um Kandidaten handelte, die nicht zur Mehrheit des Hauses gehören, und daß davon abgewichen wurde, wenn es sich um Konservative oder um Zentrumsleute handelte. Natürlich ganz zufällig. Die Kommmion hat auch iclbst im vorliegenden Falk das Gefühl gehabt, daß es ein unnutzes Beginnen wäre, ihren Beschluß auf die eigenen Grund,atze baueren zu wollen. Die Kommission, die seither stets die Verbreitung von Stimmzetteln oder von Wahlaufrufen durch mit poIijciM^r Gewalt ausgestattete Bürgermeister oder mit gemeindlichen Abzeichen versehene Beamte für unzulässig erklärt hat, ertlart diesmal, pe habe an sich keinen Anlaß, von diesem Grundsatz abzugeoen. — Beachten Sie bitte das „an sich!" Wenn man nämlich letzt glaubt, daß die Wahlprüfungskommission die Wahl kasperen wurde m Gemäßheit dieser Grundsätze, so irrt man sich. Tie KommMion erklärt, trotz- dem sie an jenem Grundsatz festhält, die Wahl sur gültig. Ich meine, ein solcher Kommissionsbeschlutz hat doch eine gewiße Aehn- lichkeit mit den Ratschlüßen Gottes, die auch Manchmal dunkel bleiben. (Heiterkeit links, Unruhe tm Zentrum.) Die Arbeit der Kommisiion ist nicht so gewesen daß sie auch nur erne ganz wenig Wissenschafilich angehauchte Krittk vertragen konnte (Sehr nchttg links.) Was eine Dienstmütze für viele Leute bedeutet, bajur ist doch der Hauptmann von Köpenick em drastuches Beispiel. (Heiterkeit) Ich wünschte, der Hauspttnann von Köpenick wäre vor der Herausg3>e des Kommissionsberichtes erschienen, dann wurde die Kommission ihr Urteil doch einer Revision unterworfen habem (Große Heiterkeit) Also es bleibt dabei: die Kommipion hat pch Rr gS: an Ü6 InfiBk di- Wahl E--t torbon, ater da- geht doch nicht! (Heiterkeit und Beifall links.) Parlamentarische Verhandlungen. Machdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 120. Sitzung vom 17. November 11 Uhr. Das Haus ist g u t besetzt. Am Bundesratsttsch: Kommissare. Auf der Tagesordnung stehen zunächst Wahlprüfustgen. Die Kommission beantragt, die Wahl des Abg. Kern (Ions. L Liegnitz) für gültig zuerklären. Abg. Kopsch (frf. Vp^ weist darauf hin, baß auch bei dieser Wahl erhebliche amtliche Wahlbeeinfluffungen vorgekommen seien. Insbesondere werde in dem Wahlprotest gesagt, dem Gastwirt Grusche habe der Amtsvor- stcher von Förster die Polizeistunde für sein Gastwirtsgewerbe verlängert mit der ausgesprochenen Erwartung, daß er für eine Majorität für Kem Sorge tragen möge. Mit der Praxis der Wahl- prüfungskommission, im Falle von amtlichen Beeinfluffungen nur die Stimmen an dem betreffenden Orte abzuziehen und wenn dann noch eine Majorität verbleibe, die Wahl für gültig zu erklären, müsse endlich gebrochen werden; solche Wahlen müßten grundsätzlich kassiert werden ohne Rücksicht auf das Stimmenverhältnis. Die Konservattven, die für die Kassierung der Wahl des Abg. Braun in Frankfurt-Lebus gestimmt hatten, müßten, wenn sie konsequent fein wollten, jetzt auch für die Ungültigkeit der Wahl des Abg. Kern stimmen. (Beifall links.) Er beantrage die Rückverweisung der Wahl an die Kommission. Abg. Wcllstein (Ztr.): Ich protestiere gegen die Behauptung daß die WahlprüfungS- kommisnon von ihren Grundsätzen abweiche wenn es nch nm Mitglieder linksstehender Parteien handle, .tie Wahlprufungskom- Sn wie irgend möglich. Mit den Staun an sich "wird doch schon darauf aurmcrf|am gemacht, daß in diesem Fall blondere Gründe für cm Abweichen von den Mengen Prm- %icn vorlieaen. Und diese Gründe werden ausdrücklich angeluhrt. Es ist nämlich im Elsaß eine alte Gewohnheit, daß, die Burger- mi'Mter hie Stimmzettel verschicken und verteilen lauen, entweder durch Amtsdiener oder durch andere geeignete Personen. Dcwin wird absolut nichts Verfänigliches erbhdt. Tie Kommm.on hat asto mit aStcm Grunde diesen Punkt für unerheblich erachtet, und ich bitte^dahcr ihrem Anträge gemäß die Wahl für gültig zu erklären. Abg. Blumenthal (südd. Vp., Hosp.) beantragt namentliche Absttmmung über den Anttag Gothein. Abg Gothein (freis. Vgg.) krittsiert die ganze Praxis der Wahlprüfungskommission in überaus abfälliger Weise. Abg. Blumenthal: <^e Ausführungen des Abg. Wcllstein können die fid) hausen- 6en VerdachtZmomcntc über die ganze RcchflP ^ü^askommission in lernet Weue mindern. Ganz und gar un- Abg. Geyer (Soz.): Die Herren, die davon reden, daß die .Kommission sich von Gerechtigkeit leiten läßt, mögen Reckt haben, sie meinen wohl die Gerechtigkeit mit dem doppelten Boden. (Sehr gut! Iinf§.) Abg. Gothein (freis. Vergg.): Der Abg. Burlage ist durchaus im Irrtum. Wir haben für alle unsere Behauptungen vollgültige Beweise erbracht. Wenn es sich um Abgeordnete der Mehrheit handelte, dann bat man so geurteilt, und bei Abgeordneten der Linken ganz anders. Die Grundsätze der Kommission sind eben nicht fest, sondern flüssig, und zwar nicht so wie Wasser, sondern sogar wie Aether. (Au! rechts.) Abg. Fischer (Soz.fi Die Kommission hat es fertig gebracht, angeblich auf Grund des Gewohnheitsrechtes, alles Gewohnheitsrecht auf den Kopf zu stellen. D-r beste Belag dafür ist die Art, wie sie den Sozialdemokraten hinauswarf, nm Herrn Basiermann den Wiedereintritt in das Haus zu ermöglichen. Ob wohl der frühere Vorsitzende der Wahlprüfungskonimission dieses Verfahren billigt? Bei den jetzigen Prüfungen ist er noch nie rm Hause gewesen und hat noch kein Wort zur Rechtfertigung der Kommissionsbeschlüsse gesprochen. Abg. Dr. Arendt (Rpt.): Ich habe die Kasiatton der Wahl im Falle Frankfurt-Lebus nicht für richtig gehalten, und ich habe in jenem Falle ebenso wie im Falle Buchwald für Gültigkeit gestimmt. Die Freisinnigen haben aber sehr wenig Grund, der Wahlprüfungskommission Inkonsequenz vorzulvcrfen, denn ttotz derselben Gründe der Beschränkung der Ocffentlichkeit baben sie gegen die Gültigkeit der Wahl des konservativen Abgeordneten von Loebcll, aber für die Gültigkeit der Wabl des Freisinnigen Hänel gestimmt. Wenn es sich um wirkliche' WahlLeeinflusinngen handelt, dann bin ich der letzte, der eine solche Wahl gutbeißt. Man muß aber von Fall zu Fall feststellen, ob wirklich Wahlbeeinflussungen vorliegen, und man darf hierbei nickst zu formalistisch vorgehen. In der bloßen Uitterschrift eines Aufrufes durch einen Beamten kann man noch keine ausschlaggebende Beeinflussung erblicken. Namentlich haben die Sozialdemokraten keinen Anlaß, sich zu beschweren, denn ihr Terrorismus bei den Wahlen geht weit über alle amtlichen Beeinflussungen hinaus. (Beifall rechts.) Abg. Gröker (Zentr.): Auch in früheren Jahren hat man schwere Vorwürfe gegen die Wahlprüfungskommission gehört, auch als die Leitung bei den Liberalen lag. Es ist gesagt worden, der frühere Vorsitzende der Wahlprüfungskomniission wäre mit der jetzigen Praxis nicht zufrieden. Davon ist mir nichts bekannt. Herr Spahn hat an mehreren Sitzungen der Kommission auch in dieser Legislaturperiode teilgenommen. Man muß zu den Mitgliedern der Kommission doch schließlich das Vertrauen baden, daß sie nach bestem Wissen und Gewissen urteilen. Wir kennen Herrn Wellstein seit Dielen Jabren als einen streng gewissenhaften Mitarbeiter; wir muffen das öffentlich aussprecken gegenüber den Verunglimpfungen, die et nicht verdient lat. (Zustimmung im Zentrum, Lachen links.) Nachdem noch Abg. Schwartze (Zentr.) die Angriffe gegen die Wahlprüfungskomission als Referent dieser Kommission zurück- gewicsen hat, was ihm noch eine Antwort seitens des Abg. Gothein eintrug, wurde der Antrag Gothein auf Rückverweisung an die Kommission abgelehnt und die Wahl des Abg. Hvffcl für gültig erklärt. Hierauf erledigte das Haus noch ohne Debatte eine Rech- mmgssache und vertagte sich dann auf Montag 3 Uhr. Tagesordnung: Die baiden Fleischnotinterpellationen, die Branntweingesetznovelle, die Gewcrbeord- nungsnobelle, das Vogelschutzgesetz unb Petitionen. Schluß 2% Uhr. Ich folge der Anordnung des Herrn Präsidenten und erkläre, daß nach meiner Auffasiung bei den drei Fällen, die wir jetzt behandelten, mir nach Parteirücksichten verfahren worden ist. (Lebhafte Zustimmung links.) Eine solche Praxis kannte man früher nicht. Wie wäre es sonst möglich, daß der frühere Vorsitzende der Kommission, der Abg. Spahn, eine Reihe von Grundsätzen auf- gestellt hat, denen die jetzige Praxis geradezu ins Gesicht schlägt. Bei einer Reche von Fällen itz direkt entgegengesetzt entschieden worden, wie z. B. beim Fall meines Parteigenosien Buchwald. Wie kann die Mehrheit der Kommission cs nach solchen Vorfällen vor Verstand, Logik und Anstand verantworten, so ihre Entscheidungen zu fällen? (Große Unruhe.) Ich brauche gegenüber diesem Kartell, welches eifern festhält an seinem einzigen Grundsatz, dem der Grundsahlosigkett, wirflick nichts mehr zu sagen. Im Volke wird das schon verstanden werden. Vhir noch ein paar Worte über die Stellung meiner Freunde zu der Anregung, die Wahlvrüfungen dem Reichstage überhaupt abzunehmen und einer objektiven Behörde zu übergeben. Ich bin der Meinung: Jeder Reichstag hat die Wahlprüfungskommission, die er verdient und die er baben will. Das Volk hat dafür zu sorgen, daß der ReickStag selber anders wird, dann wird auch die Wahlprüfungskommission eine andere. Wir find daher dagegen, daß die Wcchlprüsungen dem Reichstage entzogen werden. Kann man sich ein größeres Armutszeugnis denken, als daß der Reichstag sagt, er ist selbst nicht mehr in der Lage, feine Entscheidungen zu treffen? Ich wünsche lebhaft, daß die VerharÄlungen der letzten Tage mich den Herren von rechts klar gemacht haben, daß es für die Entscheidungen zu Gunsten der Erhaltung von Mandaten doch eine Grenze gibt. (Beifall links.) M>g. Burlage (Zentt.): Durch die Worte des Vorredners muß sich jedes Mitglied der Kommission in seiner Ehre angegriffen fühlen. Ich nehme für mich in Anspruch, daß ich mich in Bezug auf Ehre mit Herrn Singer messen kann. (Lachen links.) Sie haben Behauptungen aufgestellt, aber keine Beweise erbracht. (Lebhafter Widerspruch links.) Sie glauben, Ihre Anschuldigungen werden außerhalb des HauseS wirken. (Ja wohll rechts.) Es ist nicht richtig, daß nach Partei- grundsätzen geprüft ist. Haben wir nicht die Wahl des Abg. Pauli für ungültig erklärt, der doch konservativ war. Oder ist Herr Wiltberger etwa konservattv oder Anhänger des Zentrums? Der Mann geht uns ja gar nichts an. (Lachen links.) Belehrungen von Herrn Singer nehmen wir nicht im geringsten an; wir wissen allem, wie wir uns zu verhalten haben. Die Kommission ist nach Recht und Gerechtigkeit verfahren. (Widerspruch links.) Abg. von Oertzen (Rpt.): Ich gehöre der Kommission seit langer Zeit an. Die Kommission hat es stets als Wahlbeeinflussung angesehen, wenn Be- amlc unter Hinzufügung ihres Titels einen Wahlaufruf unter« schriebew Nun nehmen Sie mal folgenden Fall an: Ich bin der emzigc meines Namens in meinem Kreise. Unterschreibe ich einen Aufruf mir „Oertzen", so ist die Wahl gültig, füge ich hinzu: „Londrat", so ist sie ungültig. Das ist doch ein Widersinn, auf dessen Beseitigung ich stets gedrängt habe. Von Parteilichkeit kann bei uns keine Rede sein. Ich ermnere daran, da,; mein Freund Dr. Arendt für die Gültigkeit der Wahl des Abg. Blumenthal eingetreten ist. Ter Abg. Gothein sucht immer seinem Aerger ■ Luft zu machen, indem er die Wahlprüfungskommission angrcift. Herren mögen ja ihre Gründe gehabt haben, eS mögen Parteirück- sichten .... (Ungeheurer Lärm, in dem dre folgenden Ausführungen des Redners verloren gehen. Glocke des Präsidenten.), Vizepräsident Dr. Paasche: Ich verbttte mir, daß Sie Mitgliedern des HauseS solche Unterstellungen machen, daß sie gegen ihve Ueberzeugung nur auS Parteirücksichten stimmen. (Lebh. Zustimmung rechts, uu Zentrum und bei den Nationalliberalen.) Abg. Dr. Müller: Ich habe niemandem eine Unterstellung gemacht. (Lebh. Widerspruch rechts, im Zentrum und bei den Natt-List.) Vizepräsident Dr. Paasche: Sie haben gesagt, die Herren hätten so geurteilt, weü sie sich von Parteirücksichten letten ließen. Abg. Dr. Müller (forffahrend): tig erklärt werden tonnten, wenn naeg _________.obren wird. (Sehr richtig! links.) Da- mtt cs mir an. Wenn irgend jemand, so haben gerade wir von der bürgerlichen Linken allen Anlaß, danach zu trachten, daß die Mehrheit des Hauses vor dem Schern bewahrt bleibe, daß sie sich nicht von Gerechtigkeit und Billigkeit bei ihren Entscheidungen leiten läßt. Nach unserer Ueberzeugung entscheidet sie aber jetzt nach der Macht. (Große Unruhe rechts und tm Zen- trum.) Deshalb mochte ick wünschen, daß mit der Wahlprüfungskommission sobald als möglich Wandel geschaffen wird, daß die Kommission wieder auf die Hohe gebracht wird, auf ber sie ein Menschenalter gestanden hat, nämlich auf die Hohe, daß ,te stch nur von Recht und Gerechtigkeit leiten läßt und nach diesem Ge- sichtspuntte ihre Entscheidungen trifft. (Lebhafte Zustimmung links.) Wenn das geschieht, dann werden auch die Minoritäten sicher sein, nickt in ihren Rechten gekürzt zu werden. Meine Parteifreunde sind ja an den Wahlen, die zur Entscheidung stehen, wenig interefficrt, aber interessiert sind wir daran, daß das Prestige der srommission gewahrt wird. Wir Abgeordnete sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen, wenn wir nicht dafür sorgen, daß eine gerechte Prüfung der Wahlen stattfindet, daß unsere WahlprfungSkom- mission wieder eine Kommission der Gerechtigkeit und Billigkett wird, wie sie es Gott sei Dank so lange gewesen ist. (Beifall links Unruhe rechts und im Zentrum.) Die ftüheren Präsidenten der Kommission werden mit Beschämung auf die heutigen Verhandlungen zurückblicken. (Große Unruhe rechts und im Zentrum. Lebhafter Beifall bei den Freisinnigen und den Sozialdemokraten.) in jeder beliebigen Schriftart und Kartonsorte, sowie mit Zirkeln aller studentischen Vereinigungen, liefert zu mässigen Preisen 3 Zimmer 3*ßim>iieviüol)iiuiu] zu . öteinftr. 73. 108564 Kieme 3 Dermieten, gesucht. Hallshalt gesucht. [6914 waudles, kräftiges 6866 Liebigslraße 65. 6862 | Möbl. 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