Samstag 15» Dezember 190G Nr. 295 Zweites Blatt 156. Jahrgang 6r14dnt tägtlch mit Ausnahme deß Sonntag». Tie „Eiehener LamlllenblSNer^ werben bem »Anzeiger viermal wöchentlich deiqelegt. Der sfiIch« taadwlcf erfcheuu monatlich etnmoL Rotation-druck unb Verlag der Vrühl'lchen UmoerfhätSbrucfcreL UL Lange, ©leben, Redaktion, Expedition u.Druckerei: SchuMr.7. Tel. 9lu 51. r«1egc,-Abr.t Anzeiger (Surrte Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen. Zwischen Den ^ch.achten. Die NeichSregierung will das Elsen schmieden, solange eS warm ist. Sle wird deshalb, rote uns gestern drahtlich aus Berlin gemeldet würbe, den Termin für die Neuwahlen zum 9!eichStag möglichst zeitig anberauinen. Ta der ölest des Tezembcrs für die politische Arbeit der Parteicn freilich füinn noch in Betracht kommt, muh sich also die Wahlagitation auf die wenigen Januarwochen zusammen- dcängcn, was gleichbedeutend ist mit einer jähen Kraft- probe auf die Organisation der Parteien und aus die Leistungsfähigkeit dec Partei lassen. Am besten daran sind in dieser Beziehung die Sozial- demokcalie, das Zentrum und der Bund der Land- wirte. Für die entere bedeutet eine plötzliche Reichstags- auflösung niemals eine Uebcrraschung. Ste ist jederzeit und in jeder Hinsicht schlagfertig, wie sie auch ftctß' über cm Heer geschulter Agitatoren unb Wahlredner verfügt. Tas Zentrum besitzt eine unbedingt ziiverlässige Hilfstruppe in der kalhol. Geistlichkeit, und die einzigen Bezirke, wo auch durch diese Unterstützung Niederlagen am Ende nicht zu verhüten siiid, ist der bem Tlnslurm dec Polen ausgesetzte Osten des Reiches. Die Polen jubeln über die unerwartete Gelegenheit, ihr Mütchen an der 'Regierung zu kühlen mit Hilse dec durch den Schulstrcik aufgehetztcn Bolkslcidcnschaft. Ta sie über reiche Geldmittel verfügen, und da die in der Ostmark in erster Reihe für die Regierung fechtenden konservativen Parteien aut lvcitesten zurück sind nut der Wahlvorbereitung, muß mit einem MandatSgewinn der Polen allen Ernstes gerechnet werden. Tec Bund der Landwirte ist so vorsichtig geivesen, beizeiten seine Wahl-Krlegskajse zu füllen durch Er- höh ul»g der Mitgliederbeiträge. ES sollen derart mehrere Millionen gewonnen sein. P»eUcicht wird nochmals ein Tribut erhoben, falls die in den An sang des Frbruar fallende Generalvcrfammlung des Bundes vor den Stichivahlen zum Neichstag stattsindet. Tir Liberalen werden, wie gesagt, nur dann die Kampagne ersolgceich bestehen, wenn sie den Brudec- z ro t st beenden. Ungeivöhnlich rote die Zeit dec Neuwahl, rolrb der Umstand sein, daß Kandidaten Beschränkung ausertegt ist in dec persönlichen Teilnahme am Wahlkampfe, weil sie, wie auch bei nnfl in Hesten, Mitglieder von Einzellandtagen sind, deren arbeitsreichste Zeit ja meist auch der Winter ist. Geheimrat Haas, der Präsident unserer Zweiten Kammer, der ja wohl selber wieder für den Reichstag kandidieren wird, ivird wohl den Januar und Februar für die ReichSlags- wahlen offenhalten und unsere Kammer nicht einbcrufen. Doch müssen wohl allenthalben mcf -; als je Hilfskräfte für die Agitation hcrangezogen werden. Eine kostspielige ■■Hot* Wendigkeit, die den Wert einer zugkräftigen Wahlparole er- kennen läßt. Je mehr man sich also mit der Frage dec Neuwahlen beschäftigt, umso weniger günstig erscheint die Situation für die Negierung. Die breite Masse dcS Volkes ist für die Not der Zeit, die sie am eigenen Leibe fpüvt — LebenS Mittelteuerung u. s. w. — empfindlicher, als für die Not im fernen Afrika. Die Regierung wirb übrigens schon durch die Rücksicht auf das Schmerzenskind Südwestafrika genötigt, den neuen Reichstag baldigst einzubertlfen. Die Bubgelkommission hat allerdings noch am Donnerstag den Bau dec Eisenbahn nach Keetmannshoop genehmigt, mit dec Sanktionierung des Beschlusses durch das Plenum ist es aber infolge der ReichS- tagSauflüsung nichts geworden. Da nun jeder Monat, um den die Bahn früher fertiggestellt wird, für das Reich eine Ersparnis von rund 2 Millionen Mark bedeutet, so muß der Regierung daran gelegen fein, die Bewilligung der Eisenbahn durch den neuen Neichstag mit Beschteunigung herbeizuführen. Das heißt, sofern sie nicht die dringlichen Alifwendungen für die Kolonie ungesäumt und eigenmächtig bewerkstelligt, unter der Voraussetzung, daß ihr durch den neuen Reichstag Indemnität erteilt werde. Keinen Aufschub diildet andrerseits bie Neubewaffnung des Heeres mit Artilleric- niateiial und Handivaffen, wofür im neuen Etat rund 58 Millionen Mark angesetzt sind. Eine Fülle der wichtigsten politischen Entscheidungen wird somit auf wenige Monate deS beginnenden neuen JahreS zusammengedcängt. Niemals zuvor stand das politische Leben derart unter Hochdruck. Es fehlte nur noch, daß in der a u ß w ä rtig en P o litik S ch w ie rig - feiten entstehen durch Machenschaften der von Schadenfreude erfüllten Widersacher Deutschlands. Dem Optimismus des Fürsten Bülow steht die schwerste Belastungsprobe bevor. Wird er sie aushalten? Versammlung des uationalliberalen Vereins. Gießen, 15. Dezember. Nachdem Prof. Dr. Biermer feinen mit lebhaftem Beifall ausgenommencn Vortrag beendigt hatte, folgte eine lebhafte Debatte, die angesichts der jetzigen politischen Situation doppeltes Interesse hat. Sie sei daher nachstehend ausführlicher wiedergegeben. Nach 5antesworten des Vorsitzenden Stadtv. Kirch er- qriss in der T-iskussion zunächst Justizrat Metz, der Borfttzende des freisinnigen Bereins, das Wort und zwar, wie er betonte, nur für seine Person. Er rührte aus, daß er in den Hauptpunkten der Ansicht des Vortragenden fei. Auch im Fall Eißnert sei er teilweise mit Prof. Biermer einverstanden, auch er verstelle nicht, daß die Regierung wegen der Protestversammlung demissioniert habe, auch darin sei er der Aniicht, daß die Frage der Bestätigung von Fall zu Fall zu beurteilen sei. Doch es sei zu bcad)ten, daß sozialdemokratische Beigeordnete eben nur dort bestätigt werden könnten wo die Sozialdemokratie die Mehrheit habe. Ader au der 'Darmstädter ,Vrotestversammlung war kein ®runi) Vorhanden und auch ie Nationalliberaleu hätten die Erklärung der Regierung im Landiag ruhig abwarten können. Diese Erklärung habe er so aufgefaßt, daß die Negierung abwarten werde, wie sich Eißnert a.s Beigeordneter bewähre unb danach bei anderen Fallen ihre Entscheidung treffe. Menn Abg. Dr. Gutfleisch gesagt habe, daß S. K. H. der Großhcrzvg dem Herzen des Voltes nie näher gestanden habe, als bei Eißnerts Bestätigung, so sei dies nach feiner Meinung richtig, mit der Beitätigung Eißnerts habe der Landessürp eine großl-erzige Gesinnung gezeigt. Daß in Hessen zu viel Versuchsgesetze gemacht würden, billige er auch nicht. Bei den allzuviel fojienben Organisationen der Landwirtschaft in Hessen sei gerade ein na.ionalliberaler Abgeordneter hervorragend beteiligt Was die Stichwahlentscheidung in Darmpadt aubetreffe, so wolle er nur daran erinnern, daß in dec freijinnigen Partei die Ansicht, daß unter Umftän- ben em Sozialdemokrat auch einem Natioltalliberalen, der eigentlich konservativ sei, vorzuziehen fei, allgemein verbreitet fei. Er fei der Ansicht, daß hier in Giegen ein Zusammengehen zwischen Freisinnigen und Naeioua.liberalen möglich sein werde, beim die Gießener Nationalliberalen seien in ihrer großen Mehrheit wirkliche Liberale. Auch er sei der Ansicht, daß die Bildung einer konservativen Partei dem Liberalismus nur nützen kann. Was den Fall Köhler betreffe, so habe er die Wahl Köhlers zum Vizepräsidenten auch nicht gebilligt, aber eine Ausnahme von der ¥lmne|tie für Köhler könne er auch nicht billigen. Ec schloß mit dem Ausdruck des Wunsches und seiner lieber- zeugung, daß auch in Zukunft hier die beiden liberalen Parteien im Interesse der Stadt und des Vaterlandes einig vvrgchen würden. (Lebhafter Beifall.) Redakteur B e e r-Osftubach be.prach den F-aU Eißnert. Er sei nicht dec Ansicht, daß man bei den beiden liberalen Parteien hierin im Grunde einig sei. Wenn man an die freisinnige Presse deute, z. B. d.e Frankfurter Zeitung unb auch an ben Gießener Anzeiger (Der Gießener Anzeiger ist eine unabhängige liberale Zeitung, die sich von aller Parteiung fecnyält, was eigentlich auch ocr Redaiteuc ber O.scn- bachcc Zeitung längst wissen könnte. Sieb. b. Gieß. Anz.), so sei das Bild doch anders. Da beide bisherigen 'Jicbucr sich un F-all Eißnert im wesentlichen aus den Standpunkt des Lototen gestellt hatten, tootlc er auf bie £)ffeiiüad)er Verhältnisse näher em gelten. Er tat dies in längeren Ausführungen, von benen als das wesentlichste hervoczuhebcn ist, baß bie Nichtwiedcrwcchl BrmkS Nicht auf prinzipielle Gruudjätze zurüctzuiühren sei, jonbccn auf persönliche Gehässigkeit. Angesichts oicjes Um» |umbc3 hätte man bei der Bestätigung Eißnerts baran denken sollen, daß man mit ihr nicht das persönliche Partei- regiment in Osienbach weiter stützen dürfe. Tie bürget» liehen Parteien Offenbachs seien bei der letzten Wahl mit wenigen Stimmen unterlegen, das hätte man beachten sollen und, als eS sich um die Rechte der anderen Hälfte handelte, diese schützen sollen. Weiter betonte er, daß er und seine Freunde mit Freiherrn von Hehl teilte Beziehungen hätten. Wer die shstemalisä)e Entrechtung aller anders Denkenden durch die Sozialdemokratie in Offenbach kenne, wisse, daß man dort feinen Freiherrn von Heyl nölig habe, um das Bestehen einer politischen Krisis in Hessen zu merken. Eine Reaktion könne man in dem Umstand, daß man gegen bie Zusallsmehrheit einer Wahl sich seine politischen Rechte sichern wolle, boch nicht erblicken unb deshalb sei in dem Bestätigungsrecht der Krone ein gewisser Ausgleich vorhanden. Man kenne in Ofjenbach ganz genau die dreifache hessische NebenregiemnA die in Offenbach, Frankfurt und Gießen ihren Sitz habe. Der Fall Eißnert sei kein lokaler Fall gewesen, sondern ein Fall des gesamten hessischen Bürgertums, also der Kreise, auf bie sich bie Negierung im entscheidenden Fall stützen müsse. Wenn die freisinnige Partei glaube, die Sozialdemokraten zu unterdrücken, wenn sie in solchen Fällen mit ihr gehe, so gehe das übrige Bürgertum nicht mit ihr einige Auch sei zu bedenken, daß man in Hessen auch auf die Verhältnisse im Reich Rücksicht nehmen und nicht eine Partei unterstützen dürfe, die die Grundlagen des Reichs zerstören wollten. Sie wollten in ihrem Kampf nichts anderes, als daß die Regierung mit ihrer Stellungnahme nicht einer Partei nütze, bei der sie nicht da» gewinnen könne, was sie- auf der anderen Seite verliere. (Beifall.) Privatdozent Dr. Vogt erinnert daran, daß gerade die natioiiaUtbcvalcn Führer bie Wortführer der nationallibcralen Vecfamnllnng in Darmstadt gewesen seien unb deshalb gerade vom konstitutionellen Standpunkt aus die Stellungnahme der Regierung nach dieser Versammlung begreiflich sei. Was die Wahl Köhlers zum Vizepräsidenten anbelange, so sei daran zu erinnern, baß gerade nationalliberale Abgeordnete ihn gewählt hätte. Was die BündniSfähigkeit der Sozialdemokratie angehe, verweise er auf Baden. Wenn der Referent mit feinen Ausführungen, daß die konservativen Elemente aus der nationaUiberalen Partei ausscheiden möchten, ben Beifall der Versammlung gefunden habe, so freue ihn dies als liberalen Mann ungemein. Pcof. Dr. Biermer betonte gegenüber dem Vorredner, daß er keine nationalliberale Partelrcde gehalten habe. Er hatte sich vor allem die Aufgabe gestellt, zu verhindern, daß sich bie freisinnige Partei von ben Notionalllberalen trennen würde. Wenn immer von bem großen Einfluß des Frccherrn o. Heyl die Rede sei, so meine er, daß dessen Einfluß lange nicht an den des Abg. Dr. Gutfleisch heranreiche. Abg. Dr. Gutfleisch stehe auf bem Standpunkt, daß man mit Ausnahmegesetzen die Sozialdemokratie nicht bekämpfen kann, das bestreite er für absehbare Zeit nicht. Aber von der von gewißen Richtungen betonten in Aussicht stehenden Mauserung sei noch nichts zu merken. Sozialdemokraten und Arbcitersührec könne man bei der Mitarbeit brauchen, dies geschehe in den Städten schon lange. Aber in einer Stadt, in dec die Sozialdemokratie die Mehrheit habe, unb biese rücksichtslos ausnutze, ivähle diese einen der ihrigen zum Beigeordneten und die Regierung, die in der Lage gewesen sei, dies zu verhindern, habe nicht ben Mut gehabt, dies zu tun. Es komme nicht darauf an, daß bie hessische Regierung in der sozialen Praxis und in der Hrlse gelobt werde, sondern bie Negierung habe Rücksicht zu nehmen aus das große Ganze. Dec Redner geht dann auf bie Art unb Weise ein, mit der bie Negierung ihn behandelt hat, weil er bei bet Gcmeindesteuergesetzgcbiing den Entwurf der Regierung bekämpft hat und schließt mit dec Bemerkung, daß ec diese seine Meinung jederzeit vertreten werde. (Lebhafte Zustimmung.) Rechtsanwalt Kaufmann bemerkt gegenüber Herrn Dr. Vogt, daß die Gießener Nationallibcralen mit der Wahl Kühlers nicht einverstanden seien unb auch ein Teil der natl, Landtagsfraktion habe dagegen gestimmt. (Beifall.) Stadtv. Böhm bemerkt, daß bie Offenbacher National- liberalen das Liberale gerade so scharf betonten wie baS 'Nationale. Er habe aber noch nichts Unlibcralcres gesehen, wie die Act und Weise, in der Abg. Dr. Gulfleisch sie bekämpft habe. Tiefer habe in dec freisinnigen Versammlung von niederträchtiger Agitation rc. gesprochen, dagegen lege er Protest ein. Tie Offenbacher Notionalllberalen verwahren sich ganz entschieden dagegen, als Angehörige einer Heyl'chen reaktionären Sllique bezeichnet zu werden. In Öffenbach sei das Bürgertum durch die sozialdemokratische Fraktion von jeder Mitarbeit ausgeschloffen, ba sei viel eher von einer Kliquenwirtschaft zu reden. Aber sie solle inan damit verschonen, immer wieder als erzreaktionär bezeichnet zu werden, weil sie sich dagegen wehrten. Für ihn sei bie Sozialdemokratie so lange bündnisunsähig, als bet Führer der sozialbemokralijchen Partei, wie dies in Amsterdam geschehen sei, sage, er werde sich freuen, wenn Deutschland durch ein deutsches Sedan zu einer Republik komme. (Lebh. Beifall.) Jnstlzral Metz bemerkt, daß Justizrat Dr. Gulfleisch in der Tcnmstädler freisinnigen Veiwmmlung keineswegs die ihm von dem Vorredner m den Mund gelegten Aeußeiimgen iviitlich getan habe. Ec habe sich lediglich gegen die Art lind Weise geivendct, mit der er in der Wormser Zeitung bekämpft worden sei. Auch sei niemand von ber freisinnigen Partei sür baS verantwortlich zu machen, wag in ber Frankfurter Zeitung siehe. Die freisinnige Partei mache weder den Offenbachern noch den Rationallibecalcn einen Vorwurf daraus, daß sie bie Bestätigung EißnectS verurteilten, sie hatten sich nur gegen bie Form ihrer Aktion gewendet Die Offenbacher Bürger hätten eS ja in der Hand, durch ihr Zlisammengehen wieder bie Sozialdemokraten au5 der Versammlung zu entfernen. Man lönne ja ben Fall Eißnert auch fo betrachten, daß man einmal einen Versuch machen wolle, ob nicht auch ein Sozialdemokrat als Beigeordneter mit Wasser kochen werde. Nach seinen 15 jährigen Erfahrungen im hessischen Landtag könne er-fiur sagen, daß man auch mit Sozialdemokraten ganz gut zusammen arbeiten könne unb der Abg. Ulrich von heute sei ein ganz anderer als der Abg. Ulrich von 1884. Nach weiteren Bemerkungen des Herrn Böhm-Offenbach unb des Herrn Tr. Vogt führte Kommerzienrat Koch aus, seine Befürchtung sei eingetroffen, daß sich an baß heutige Thema Erörterungen knüpfen möchten, bie geeignet fein könnten, eine Disharmonie in das Verhältnis ber beiden Parteien zu tragen, beffen Pflege ernsten Politikern sehr am Herzen liege. Nachdem bie beiderseitigen Kundgebungen in Darmstadt stattgefunden haben, bie bamit im Zusammenhang stehenden Auseinandersetzungen in der Presse verstummt sind, die Vertrauensfrage gestellt unb beantwortet worden ist, muß die Streitaxt für uns darüber begraben fein. Damit fei bie Aufgabe verbunden, zu verhüten, daß sich neue Angriffe gegen die Männer richten, die wertvolle Stützen unserer Negierung sind, was schließlich lähmend auf ihre Arbeitsfreudigkeit wirken müsse. Von ihnen hebe er hervor unseren verdienstvollen früheren Oberbürgermeister Dr. Gnauth und den in gleicher Weise verdienten langjährigen parlamentarischen Vertreter Dr. Gutfleisch. Sie hätten sich bei mancher schweren Aufgabe für uns bewährt, und bedürften ferner aller Spannkraft unb Arbeitsfreudigkeit, um den schweren Kampf gegen rückständige Mächte s zu bestehen. Er glaube, mit diesem versöhnlichen Appell mit der Mehrheit der Versammlung in Uebewin* l'timnuing zu befinden. Pcof. Tc. Biermer weist nochmals darauf hin, daß feine Ausführungen nicht in dem Fall Eißnert gegipfelt hätten, sondern den höheren Zweck verfolgt hätten, zu zeigen, wohin das parlamentarische Verfahren in Hessen führe. Während die Regierung sich auf die gebildeten Mittelstände stützen solle, habe man ben Eindruck, daß auf diese Schichten der Bevölkerung nicht die gleiche Rücksicht roie auf bie Agrarier und Sozialdemokraten genommen werde. Der Vorsitzende sprach sodann nochmals seinen Dank an den Vortragenden unb bie Diskussionsredner au3 unb schloß mit einem Hoch auf bas beutsche Vaterland, das lebhafte Zustimmung fand. ■ In der Verhandlung war mehrfach die Haltung betz Landtagsabgeordneten für Gießen, Justizrat Dr. Gutf leisch im Fall Eißnert Gegenstand ber Erörterung. Da Abg. Dc. Giltfleijch nicht in ber Versammlung anroefenb sein konnte, um selbst ben Offenbacher Herren auf ihre grundlosen (weil von falschen Voraussetzungen ausgehenden) Angriffe zu erwidern, sei im nachstehenden das Schreiben wieder- gegeben, das unser Abgeordneter an Prof. Dr. Biermer aqf dessen Mitteilung über die von ihm beabsichtigte Erörterung des Falles Eißnert richtete: Für Ihre gefl. MiUeilung vom 8. dieses^ MonatS sage ich besten Dank. Sie geben mir bekannt, daß Sie am Dieristag einen politischen Vortrag hatten und darin auch meine Haltung im Falle Eißnert einer Kritik unterziehen wollen. Ich be. dauere. Ihnen auf diese, wie ich vermute, abfällige Krttik nicht antworten zu können, weil ich schon seit Beginn vorigen sjJlvnat3 erkrankt bin und nur in de.i Vormittagsstunden in bescheidenen Grenzen meine durch ruhelose Arbeit leytungsunjähia gewordenen Sprachorgane benutzen kann. Jede Woche Hape ich übudies, wie 8 G) => KB s ess *- I o» :S '»■iS sPÄ 5 6)«* 3 *aro - o 35 “» kb erS* 2. S @ E. c O 00 Co® to Ja er b a* e Sw. r* Anerkl «-■*3 & viek, Ptow cr3< ® ? cö-g*«. y » S) «xr es @t?a< tS SS. L-S. e » 3 D ~c# --'S = 2.3: a3- S S9 $5 <8 63 R. rs ö ■ 2- 5 « 5 » «-»■ ' g.8 w o* o 3 er o « " 5 p r* g ■S» f.?P £ !*= Sdo®ö ooin et 'Uhren wähl, Mien( trägt., loiuie §g w & 05 Cr? ~ 3 » «O @ ä Katarrh y«Wtit leiE£h] •SL1 n n 3 Ö _ *0 2- R* M o< o £5 (?) ° « § re»8 5 3»?ffi 5?.? Ans Stadt und Land. Gießen, den 15. Dezember 1906. - Lebensretter. S. K. H. der Großherzog haben dem Elektrotechniker Kohl und dem Metallarbeiter Rösch, beide zu Offenbach, je eine Rettungsmedaille verliehen. - Russische Orden. S. K. H. der Großherzog haben dem Geheimcrat Dr. Eisenhuth zu Darmstadt und dem Geh. Oberschulrat Ludwig Rod nagel zu Darmstadt die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen der ihnen von dem Kaiser von Rußland verliehenen St. Stanislaus-Ordens zweiter Klaffe, sowie dem Gyinnasialdirektor Dr. Ford ach zu Darmstadt die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen LeS St. Annen-Ordens dritter Klaffe erteilt. — Erledigt ist die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gcmeindcschiile zu Hart- mannShain. Ihrem Inhaber kann eine Ortszulage be- willigt werden. **OberhessischerGeschichtsverein. Am Donnerstag abend sprach der Geh. Hofrat Prof. Dr- Haupt 'nn Caf6 Ebel in einer sehr stark besuchten Versammlung des Oberhessischen Geschichtsvereins sehr interessant über die Entstehung und über die Entwickelung- der studentischen Verbindungen an unserer Landeshochschule. Infolge der an den Vortrag sich anknüpfenden längeren Diskussion mußten die vom Bibliothekar Dr. Ebel zugesagten Mit- teilungen „Aus dem Gießener Stadtarchiv" auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung verschoben werden. ♦♦ Die Erhöhung der Lehrergehalte. Aus Lehrerkreiscn wird uns geschrieben: Als vor einigen Tagen die Mitteilung durch die Zeitung ging, daß im S^aatshaus- haltunasetat 282 000 Mark zur Erhöhung der Lehrer- Gehalte vorgesehen seien, da hat sich im Stillen wohl jeder der VeteMgten aus gerechnet, daß es ihm doch eine Mehreinnahme von 80—90 Mark tragen werde. Aber welche Enttäuschung haben sehr viele gehabt, als der Gesetzentwurf in den Blättern erschien. Wohl wurde der Höchstgehalt wieder um 200 Mk. erhöht, und die 3000 Mk. prangen auf der höchsten Stufe. Aber was man oben zugelegt hat, das hat man unten vorenthalten. Die Schulverwalter und definitiven Lehrer mit mehr als zehn Dienstjahren bekommen eine Zulage, dagegen ca 700 Lehrer mit weniger als zehn Dien st jähren haben vergebens gehofft, sie gehenleer aus. Was haben wohl die ,00 Lehrer verbrochen, daß man sie so mitten herausgrcift und ihnen keine Zulage bewilligt? Oder hat etwa die Teuerung vor ihrer Türe Halt gemacht? Im Gegenteil, sie haben sie bei ihrem geringen Gehalt nur noch drückender empfuirden. Und wie viele leiden noch an den finanziellen Nachwehen ihrer Militärzeit. Wie tief hat doch jeder in die Börse greifen müssen, wenn er sich einen eigenen Hausstand grünoete. — Doch weg mit den trüben Gedanken, noch ist der Entwurf nicht Gesetz. Hoffen wir, daß die Herren Landtagsaügcordneten den Schaden ausmerzen. Es wäre ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Der »Fall Ä o r el P hat noch ein Nachspiel gezeitigt, indem Pfarrer Korell die Behauptung Pfarrer Bernbecks, Korell habe bei der Reichstagswahl 1898 sozial- dem akratische Stimmzettel verteilt, in einer Zuschrift an den .Täglichen "Anzeiger" für eine .glatte Unwahrheit" erklärte. Da Pfarrer Berndeck darauf erwiderte, er werde seine Behauptung durch einwandsfreie Zeugen beweisen, so blieb für Korell nichts weiter übrig, als eine Disziplinar- untersuchung gegen sich ju beantragen. In dieser Disziplinär- untersuchling soll, wie uns aus Darmstadt gemeldet wird, Pfarrer Bernbeck drei Gewährsmänner namhaft gemacht haben, die bereit sind, seine Behauptung eidlich zu erhärten. Der eine derselben entsinnt sich sogar noch genau, dem Pfarrer Korell darüber Vorwürfe gemacht zu haben, daß er als evangelischer Gei st lich er sozialdemokratische Stimmzettel verteilte. Pfarrer Korell hat sich darnach veranlaßt gesehen, den gegen Pfarrer Bernbeck erhobenen Vorwurf der Unwahrheit zurückzunehmen. A Butzbach, 15. Dez. Gestern abend mit Zug 8 Uhr 34 traf Oberregierungsrat Straßburger von der Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. mit mehreren Beamten hier ein und alarmierte telegraphisch den HilfSzug von Gießen. Gegen 1/t10 Uhr traf dann aiich der HilfSzug mit den auf den: Bahnhof Gießen verfügbaren Mannschaften auf dem hiesigen Bahnhof ein und eS wurden m Gegenwart der Herren von der Direktion Probc-Verbände und -Hilfeleistungen vorgenommen. Um 10 Uhr 40 Min. ging der Hilfszug wieder nach Gießen zurück. — Eine interessante Wette zwischen einem Gutsbesitzer und einem Kaufmann wurde am Sonntag hier ausgetragen. Ersterer verpflichtete sich gegen Deponieren von 10 Flaschen Champagner die 9,4 km betragende Gemarkungsgrenze von Butzbach bei jeder Witterung in 90 Minuten abziigehen. Bei starkem Schneegestöber wurde der Gang innerhalb 88 Minuten gemacht, was in Anbetracht dessen, daß fast ausnahmslos über Aecker und Wiesen marschiert werden mußte, als gute Leistung bezeichnet werden kann. du'ch bt dieser Woche Vvrmittagssihungen der Landtagsausschuffe in Darmstadt beizuwohnen, die mich in meinem Krankheits^zustand über Gebühr belasten und mich immer von neuem gesundheitlich zurückwerfen. t . UebrigenS kennt man in Gießen und in der Provinz meine Ansichten über die Sozialdemokratie bereits seit einem Menschenalter. Ich bin der auch von unserer Regierung am 29. vorigen Monats im wesentlichen geäußerten Auffassung, „daß der Kampf gegen die Sozialdemokratie mit Aussicht auf Erfolg nur auf dem Boden der bestehenden allgemeinen Gesetzgebung und unter Beachtung her verfassungsmäßigen Gleichheit der Staatsangehörigen möglich und zulässig sei". Säron im Jahre 1881 habe ich, damals Kandidat aller Liberalen im Reiaistagswahlkreise, diesen meinen Standpunkt unter Verwerfung des damals noch geltenden Sozialistengesetzes öffentlich dargelegt, ebenso 1884, 1887 und 1890 und noch später auch in den Wahlkreisen Friedberg und Alsfeld, und zwar in zahlreichen öffentlichen Versammlungen. Es. liegt für mich um- loiucniger Grund vor, von meiner alten Ansicht abzugehen., well ich deutlich gesehen habe, daß der anderen Ansicht, die der sozialdemokratischen Partei Ausimhniemaßregeln in Gesetz und Verwaltung entgegenstellen möchte, seit den drei Jahrzehnten, die sie in der Praxis nahezu herrschend war, eine irgend erfolgreiche Bekämplung buc Sozialdemokratie nicht gelungen ilL Ich bin manche Jahre hindurch von sozialdemokratischer Seite mit herben Angriffen verfolgt worden, weil man die Motive meinet gesetzgebernchen Arbeiten, zumal in der Arüeiterschutz- gcsctzgebung vielfach mißverstand. Ich werde aber das mir geschehene Unrecht nicht in gleicher Weise vergelten. Mit hochachtungsvoller Begrüßung Ihr ergebener gez. Dr. GutfleisA D2 0)a,£.cy « Vcr Montag vorml bcrflfigrrt BorniunW N)tc» W 1 lomtl. l 1 <ibtr[d) mir Ullaiaul 1 bvshr, ft \vmt v« unb e, a. Staftnytw ®üfetn ^Skipef Bet Montag »ach« foDtn bahn (Stannfc H, verschißen Parkie L, ^uchenqkri llvang-wcise lverden. ließen, Vers SuilÄtäg naa,! bersteigkr. vayirr ata 1) 1 v ILer bette, . 1 ftlti 2) 2Stz toad;t filtibc anbet TirDtr bestimm» Auszug eus des Zstsllvkssnrlereylperu der Stkdr Siefte. Tknfgebotc. Dez. 8. Ferdinand Niedieck, Gerichtsaffeffor in Hamm i. mit Mathilde Hornmann dahier. Eheschließungen. Tez. 8. Augu,st Aßmann, Fuhrmann, mit Wilhelmine Bender, beide dahier. — Nikolaus Tanu, Bahnarbeiter, mit Katharine Becker, beide dahier. — 12. Peter Gaub, Gastwirt, mit Anna Ohlenschläger, beide dahier. — Wilhelm Bogt, Hilfsheizer, mit Katharine Barthel, beide dahier. Geborene. Tez. 2. Dem Friseur Wilhelm Balser ein Sohn Georg Ka'l. — 3. Dem Bizeieldivcbel Adam Becker ein Sohii Karl Heinrich.— 6. Dem Monteur Franz Joses Braun eme Tochter Josefrue Anna. — Dem Taglöhner Ludwig Pfeifer eine Tochter Anna Dorothea Emilie. — Dem Bierhändler Albert Merlau eine Tochter Liefet Lotte Emmy Auguste Luise. — 11. Dem Lokomotivheizer Heinrich Weber ein Sohn Richard. — Dem Lokomotivheizer Karl Hecker ein Sohn. — 13. Dem Oiensetzer Philipp Hof em Sohn. Gestorbene. Tez. 7. Job,annette Tickord, geb. Fink. 43 Jahre alt, Wolf- stratze 7. — lu. Ehris.oph Bischofs, 66 Jahre all, Straße,imeisler i. P., Ebelstr. 14. —11. Wilhelm Bornträger, 5 Jahre alt, Seliers- weg 65. — Joseiat Slaubach, 52 Jahre alt, Briefträger, Hainm- straße 12. — 12. Cäcilie Schanzt eh, geb. Offermaun, 7U Jahre alt, Aiarburgerstr. 35. — 13. Johanna Frieda Bolz, 9 Monate alt, Neustadt 16. — Emma Wülfing, 2 Jahre alt, Schifsenberger- weg 60. — Dr. Albrecht Konrad Thaer, 78 Jahre alt, Umversitäls- pro'essor, Geh. Ho'rak, 9leuen Baue 25. Vergessen Sie nicht, daß Weihiiachlcn bevorsteht und daß als bestes Weihuachtsgefchenk sich eme Oav-Füllseder erweist, welche oon Mk. 12.50 auswärts, der Größe der Goldfeder entiprechend, käuflich ist. Es gibt nichts Brauchbareres, weil jedermann täglich sich einer Feder bedienen muß. Es gibt auch nichts Dauerhafteres, iüciI sie lebenslänglich vor hält. Es gibt überhaupt nichts, dessen sich der Beschenkte angenehmer erinnert, als der Gabe einer Caw’s- Füllseder. Nachahmungen sind zahlreich, aber jeder Händler von gutem Rule wird Ihnen eine Caw verkaufen, wenn Sie Caw verlangen. Man beachte beim Kausen, daß der Halter den Namen Caw trägt. Bezug durch Paviergejchäile. Jllustr. Katalog gratis. 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