srr. 246 Erscheint tägltd) außer Sonntags. Dein Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Univers.-Buck-u.Stein- bntderei. 8t Lange. Redaktion, Erpedttion und Druckerei: Schul st ratze 7. Redaktion 113 Verlag u.Exped.^^bl Adresse sür Depeschen: Anzeiger Gießen. Erstes Blatt 156. Jahrgang Freitag 19. Oktober 1906 ÄSSffW a. _ VezugSpretA» vr \ moi'atlich7bPs^viertel- Gletzener Anzeiger ■ ** General-Anzeiger & v beit polit. und allgern. Amtz- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen 8MZ zetgenteilr Hans B«L Are heutige Yumwer umfaßt 10 Seite». polttische Lages?chatt. Die französische Ministerkrifis. Nach der „Agenze Havas" scheint, obwohl jetzt das Gutachten der Aerzte beruhigender lautet, Ministerpräsident Sarrien dennoch den Entschluß, sein Amt nieder zuleg en, endgültig ausrecht erhalten zu wollen. Sarrien hatte mit Giömencenu nach dessen Rückkehr eine lange Unterredung.^ Dieser suchte Sarrien zu überreden, int Amt zu bleiben, Sarrien erklärte aber, sein Entschluß sei unwiderruflich. Er übersandte dem Präsidenten Fal- liörcs sein formelles Entlassungsgesuch. In dem heute stattsindendcn Ministerrate wird Sarrien seinen Kollegen die offizielle Mitteilung machen, daß er aus Gesundheitsrücksichten seine Demission einreichte. «Seine Kollegen werden aus dem Rücktritte des Ministerpräsidenten die Folgerung ziehen, auch ihrerseits ihre Demission einzureichen. Der Wiedereintritt Bourgeois' in das neue Kabinett wird nur von der Partei der Republikaner gewünscht. Im Falle seines Wiedereintrittes würden auch Ron au, Briand und Thomson auf ihren Po st en bleiben. In Pariser parlamentarischen Kreisen wird dem W. T.-B. zufolge erzählt, «Sarrien habe Fallisres geraten, zunächst Bourgeois mit der Neubildung des Kabinetts zu betrauen. Bourgeois werde jedoch wahrscheinlich dieses Anerbieten abstehn en, und es sei sogar wahrscheinlich, daß er die Kabinettskrise benützen werde, mit sich vollständig zur ü ckz u z i ehe n. Poinearö werde gehen, schon weil seine Aussichten betreffend die Anwendung des Trennungsgesetzes denen des Kultusministers Briand schroff zuwiderlaufen. Clemenceau würde in diesem Falte das Finanzportefeuille dem Deputierten Caillaur, dem ehemaligen Finanzminister im Kabinett Waldeck-Rousseau, anbieten. Ferner habe Clemenceau den Senator und Generalresioenten in Tunis, Pichon, sowie den unabhängigen sozialistischen Deputierten Bi Viani, welche beide journalistische Jünger an seinem seither eingegangenen Blatte „Justice" waren, sowie Jean Dupuy, den Aüerbaumlnister int Kabinett Waldect lüousseau. und Herausgeber des starb verbreiteten „Petit Parisien", für das Aeu fiere, für den Handel und für die öffentlichen Arbeiten in Ausficht genommen. Das „Journal des Däbats" schreibt unter anderem: Im Hinblick auf den Gebrauch, welchen Clämenceau von seiner politischen Eigenschaft gemacht hat, glauben wir nicht, baß er sich zum M in ist e r p r ä s id e n t e n eignet. Wir sind nicht in der Lage, tut Innern oder nach außen irgend ein Abenteuer zu riskieren, und Clemenceau wäre gleichbedeutend mit einem Abenteuer. d , ■, Der Kabinettskrise steht dte deutsche polittsche Welt ebenso wie die Börse kühl gegenüber. Mag nun Clemenceau das Ziel seines Ehrgeizes erreichen, oder ein anderer Radikaler dte Sarriensche Erbschaft antreten: in der auswärtigen Politik dürfte sich kaum etwas andern, selbst wenn ihr friedfertiger Leiter, Herr Bourgeois, zu- rüdtreten sollte. Dessen Politik hat langsam, aber sicher eine Entwicklung genommen, das; Bourgeois heute sehr wohl durch Pichon, ja selbst durch Delcasss ersetzt werden könnte, ohne daß dies eine merkliche Verschiebung der politischen Richtlinie bedeuten würde. Wahrscheinlich würde Delcasss bei seinem antideutschen Wirken heute weniger geräuschvoll zu Werke gehen, als im J-rühsommer vorigen Jahres. Man hat ihm längst verständnisvoll verztehen, daß er damals die Republik dem Kriege nahebrachte; darf sich doch der als Friedensfreund einst gepriesene Clömenceau jetzt erlauben, im Lande umherzuziehen und r e g elr ech te Stichelreden gegen Deutschland zu führen. Aber auch ein Minister-Präsidium Clemenceaus würde uns weiter nicht aufregen. Wer freilich immer die Politik an der Seine leitet, für Deutschland kann es dem westlichen Nachbar gegenüber politisch nur eines geben: Mißtrauen. Deutsches Neich. Der Kaiser hat auf eine Huldigungs-Drahtung des „Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke" antworten lassen: „S. M. der Kaiser und König haben den treuen Gruß der Jahresversammlung des „Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke" huldvollst entgegen- genonrmen und lassen vielmals danken. Seine Majestät rreuensich über den bisherigen Erfolg der Bekämpfung des Mißbrauchs des Alkohols und werden die fegens- r e i ch e Ar b e it des Vereins auch ferner mit Allerhöchst- ihrem Interesse begleiten. Auf Allerhöchsten Befehl der Geh. Kabinettsrat v. Lucanus." — Bezüglich des dritten Bandes der „Gedanken und Eriunerungen" hat Maximilian Harden tu seiner „Zukunft" behauptet, daß der erste Kanzler ursprünglich die Absicht gehabt habe, die Veröffentlichung dieses Bandes gleichzeitig mit oder unmittelbar nach der Ausgabe der beiden ersten Bände zu bewirken. Die „Dtsche. Tagesztg." behauptet dagegen zu wissen, daß der Fürst später den Gedanken der gleichzeitigen Veröffentlichung aufgegeben und bestimmt hat, daß die Veröffentlichung erst dann erfolgen solle, wenn die in Betracht kommenden Hauptpersonen nicht mehr am Leben seien. Auch Fürst .Herbert Bismarck sei der gleichen Anschauung gewesen. — Landesökonomierat Wmkelmann, der Präsident des Westfal. Bauernvereins, ist heute früh 6 Uhr im Hedwigs krankenhaus zu Berlin gestorben. — Der Bundesrat überwtes in seiner heutigen Plenarsitzung die Vorlage, betr. den Entwurf des Gesetzes über die Vornahme einer Berufs- und Betriebszählung im Jahre 1907, dem zuständigen Ausschuß. — Die Neuregelung der Pensionsverhält- nissederverabschKedeten Reichsbeamten dürfte noch in diesem Jahre die Parlanteute beschäftigen. Wie der „Lok.-Anz." von parlamentarischer «Seite erfährt, sind die Vorarbeiten zu diesem Entwurf soweit gediehen, daß seine Einbringung im Bundesrat im Laufe des Winters, vielleicht schon vor Weihnachten erwartet werden darf. P o t s d a ui, 18. Oft. Ans Anlaß des Geburtstages weiland Kaiser Friedrichs erschien die Kaiserin in Begleitung des Prinzen Joachim und der Prinzessin Viktoria Lui;e im Mausoleum. Letztere legte einen Strauß von weißen Chrysanthemen am Sarkophage nieder. Später traf 'Prinz Oskar ein, der einen Strauß Chrysanthemen, Veilchen und Rosen niederlegte. Am Nachmittag legte Prinz Eitel Friedrich im Auftrage des Kaisers am Sarkophage einen Kranz nieder. Bant in Oldenburg, 18. Okt. Der Gemeinderat beschloß, das Staatsministerium um Zusammenfassung der 45000 Einwohner umfassenden Vororte von Wilhelmshaven Bant, Heppens und Nenende zu einer Stadt erster Klasse zu bitten. Karlsruhe, 19. Olt. Heule wurde im Jung- liberalen Verein durch Referat des Kammerstenographen Frey über den Goslarer Parteitag vom Standpunkt der oppositionellen Minderheit die Frage erörtert: Was tun wir Jungliberaten nach dem Goslarer Parteitag unter dem Hinweis, daß zu den 14 000 organisierten Jungliberalen des Reichsverbandcs das kleine Baden allein über 5000 stellt. Die Jungen wollen der oppositionelle linke Flügel der Ge.samtpartei bleibe n, möglichst diese ganz auf ihren liberalen "Standpunkt i) er u b e r z i e h e n, sich nicht ducken, nicht nach Preußen blicken, wo n i ch t s V o r b i l d l i ch e s mehr sei. In der Diskussion wurde der Unterschied zwischen Süd und Nord definiert. In Süddeutschland arbeitet die Sozialdemokratie an der Gesetzgebung positiv mit, in Norddeutschland ist sie durch die Gesetzgebung davon ausgeschlossen und daher dort radikaler. Das hätte Basser- mann erwähnen sollen, als er die Ursachen des sozialdemokratischen Wachstums erörterte. Heute wurden erneute Beschwichtigungsversuche der Vertreter der alten Richtung, auch des Parteisekretärs, zwückgewichen und die Haltung des Karlsruher nationalliberalen Parteiorgans wiederholt scharf mißbilligt. Straßburg i. E., 18. Okt. Der Statthalter genehmigte das vom Bezirkspräsidenten Prinzen Alexander von .Hohenlohe eingereichle Entlassungsgesuch. Urach, 18. Okt. Die Deutsche (natl.) Partei Württembergs hielt hier ihre Hauptversammlung ab. Prof. Dr. Iacov - Tübingen bewnte, daß die M i ß st i m m- ung gegen das Verhalten der Reichstags- fraktion berechtigt gewesen sei. Daß gerade Die liberalen Aufgaben der Parteien Ijeute besonders betont worden seien, sei erfreulich. Es sei heute nicht mehr wie vor 20 Jahren, daß alles, wa§ links von der naü-lib. Partei stehe, also auch die Volkspartei, dem Radikalismus angehöre. Tie liberalen Einigungsbestrebungen hätten sich in Bayern, Baden, Elsaß-Lothriugen bereits bewährt, und sie ständen auch in Württemberg im Vordergrund der politischen Tagesfragen. Für die nächsten Landtagswahlen ist übrigens die Sache praktisch erledigt: das Zusammengehen zwischen der Deutschen Partei und der Volkspartei ist leider gescheitert. Aus dem Kolonialamt. Mit dem 1. Januar 1907 wird die Leitung der Schntz- truppen-Transporte für Südwestafrika auf die See-Trans- port-Abteilung des Neichs-Marincamts übergehen. lieber die koloniale Eisenbahn-Politik wird im Kolonialamt eine Denkschrift ausgearbeitet, die die Frage der wirtschaftlichen Erschließung der Kolonien und der Rentabilität der emzelnen in Frage kommenden Linien erörtert, um ein grundlegendes Einverständnis mit dem Reichstage herbei zu führen. Aehnlich wie der Fall Fischer scheint die Affäre Putt- kamer ihre Erledigung finden zu sollen. Kammergerichtsrat Strähler, der sich als Untersuchungsrichter nach Kamerun begeben hatte, kehrt demnächst zurück. Sein Bericht muß abgewartet werden. Schon jetzt kann indes nach den »Hamburg. Nachr." als feststehend gelten, daß der bedenklichste der ernsthaft gegen Puttkamer erhobenen und bisher noch nicht endgültig widerlegten V o r m ü r f e, nämlich der finanzieller Beziehungen zu Kameruner Interessenten, als gegenstandslos erkannt ist. Die „Köln. Zig." meldet aus Berlin: Tas Erniittelungs- verfahren gegen den von dem vom Dienste suspendierten Beamten W i st u b a beschuldigten Bezirksamtmann Dr. K e r st i n g hat keinerlei belastende Momente ergeben. Es ist daher angeordnet worden, daß Dr. Kersting anfangs November feine Ausreise nach Togo antritt. NMch-s. Der Moskauer Stadthauptmann erhielt folgende Verfügung vom Ministerpräsidenten Stolypin: Durch den Bericht der Abordnung der M o s k a u e r Universität und den Bericht über die gegenwärtige Lage der Universität genau informiert, habe ich es für möglich gesunden, die Wiedereröffnung der Universität auf Grund der vom Prosessorenrat ausgearbeiteten Statuten zuzulassen und die. Polizeipatrouillcn sofort von der Universität zu entfernen im Vertrauen auf die nwralische Autorität des Professorenkollegiums und darauf, daß dieses imstande sein wird, die Juaenb zu überzeugen, daß der Professorenrat der Wahrer ihrer Interessen ist. Ich bin überzeugt, daß der Professorenrat verhindern wird, daß Studenten-Versammlungen zu Konspirations- MeetingS werden und daß dadurch die Einmischung der Behörden unnötig gemacht wird.,. Sollten trotzdem die Studentenversammlungen einen die öffentliche Ordnung bedrohenden Charakter annehmen, und sollte die Universität zu verbrecherischen Zwecken benutzt werden, liegt es der Lokalbehörde ob, dem sofort energisch ein Ende zu machen. Auf Verwendung des Marinekriegsgerichts für die in der Angelegenheit der Uebergabe des Torpedobootes „Bjedowy" verurteilten Offiziere ist Anordnung ergangen, die festgesetzten Strafen für die Kapitäne Baranow, Ctapier unb de Colongue in Ausschließung aus dem Dienst und für den Oberst Filippow und den Leutnant Leontiew in Verabschiedung umzuwandeln. Die Freisprechung des Vizeadmirals a. D. R o s ch d j e st w e n s k y und der anderen Angeklagten ist b e st ä t i g t worden. In der R e f o r nl k o m m i s s i o n zur Agrarfrage ist eine Spaltung entstanden. Die Großgrundbesitzer traten für freie Vereinbarung beim Land Sauf ein, die Bauern für Zwangsenteignung des Großgrundbesitzes zu gunsten der Landlosen und für Regulierung der Landfrage durch Landeinricht- ungSkommissionen. Die Verständigung scheint schwierig. Die Nuss. Korresp. erhält aus Helsingfors folgendes Telegramm : Es laufen sehr beunruhigende Nachrichten aus Wiborg ein. Da dort sich zahlreiche Russen aufhalten, die für ihr Leben außerhalb Finnlands fürchten und die die russische Negierrmg gern dingfest machen möchte, so scheint man einen Putsch in Wiborg iszenieren zu wollen. Es wurde das Gerücht verbreitet, daß rusfische Revolntwnäre sich der Wiborger Festung bemächtigen wollten. Provokationen fanden statt. Es wurde Befehl erteilt, an die Orts-Gendarmerie Gewehre zu verteilen. Man fürchtet einen Zusammenstoß, der künstlich herbeigeführt wird, um die Russen zu verhaften. Die Stadt ist in Aufregung. AusLand. London, 18. Okt. Die Exchange-Telegraphen-Comp. meldet ans Tanger, daß 2000 fanatische Anhänger des Thron-Prätendenten sich erhoben Häven und beabsichtigen, den Sultan i n G e s a u g e u f ch a s t zu setzen unb s ä m t- liche Europäer zu massakrieren. Der Sultan, der die große Gefahr erkannte, ließ eine Truppe von 3000 Bürger zusammentrommeln, um sich zu verteidigen. Eine große schlacht steht bevor. Man behauptet, daß europäische Offiziere die Aufständischen kommandieren, die über Artillerie und moderne Waffen verfügen. Paris, 18. Okt. Llus Tanger berichten hiesige Blätter: Beim letzten nattonalen und religiösen Fest trat eine deutsch-feindliche Haltung der Vcarokkaner zutage. Man befürchtet das Ausbrechen einer Bewegung gegen die Ausländer. — Die „Libertä" meldet, daß der russische Minister des Aeußcrn Iswolsky heute vom Minister Bourgeois empfangen worden sei und wahrscheinlich demnächst mit den Vertretern der an den russischen Anleihen interessierten Banken eine Besprechung haben werde. Sollte Bourgeois gehen, so würde Iswolsky seinen Aufenthalt verlängern, um mit dem Nachfolger Bourgeois' in persönliche Beziehung treten zu können. Madrid, 18. Okt. Ein Gesetzentwurf betr. die relig. Vereinigungen, der vom Ministerrate angenommen wurde, untertmrft alle Ordensgesellschaften der Genehmigung des Staates, untersagt ihnen den öffentlichen Unterricht und ermächtigt die Gerichtsbehörde, gegebenenfalls Haussuchungen in den Klöstern vorzunehmen. Tokio, 18. Olt. Die deutschen Reichstagsabgeordneten haben heute ihre Studien in Ja- bau beendet. Unter anderem wurden noch unter freundlichstem Entgegenkommen des Kriegs- und Marinemmisters Armee- und Marineeinrichtungen besichtigt. Die Abgeordneten sind von der allseitig freundlichen Aufnahme hoch befriedigt und bezeichnen Tokio als Glanzpunkt ihrer Reise. Aus ScaOt uuo Luus. Sprechstunden der Ncdaltion 11—1 Uhr vor.n., y27—Vt8 Uhr abds. Gießen, den 19. Oktobet 1906. •• Fortbildungsschule und Landwirtschaft. Nach Abschluß der im Laufe deS Sommers und Frühjahrs am Landwirtschaftlichen Institut zu Gießen durch Professor Dr. Gisevilis für 10 Nolksschullehrer des KonferenzbezirkeZ Li ch-Hungen gehaltenen Vorlesungen zwecks Erteilung landwirtschaftlichen Unterrichts in den ländlichen Fortbildungsschulen, fand am Mittwoch den 17. d. Di. im Regierungsgebäude zu Gießen unter dem Vorsitz deS Herrn Provinzialdwektors Geheimerat Dr. Brei- dert eine Besprechung statt, zu der Landtagsabg. Köhler- Langsdorf, Prof. Dr. Gisevius, Schulrat Kleinschmitt und Oekonomierat Weitzel eingeladen waren, ferner waren noch anwesend Lehrer Leidig-LangSdorf, sowie die 9 Kursusteil- nehiner. Die Besprechung ergab ein höchst befriedigendes Resultat. Jin Gegensatz zu anderen Meinungen in Deutschland bildet sich hier die Idee, ,baf? den Bauernjungen in den ländlichen Fortbildungsschulen nichts anderes zu lehren fei, als das scharf umriffene Fundament des Ackerbaues, das sich darstellt alS: Bodenkunde, Pflanzenbau und Tierzucht. Man legt besonderen Wert darauf, daß von allem Nebensächlichen und Speziellen, wie Buchführung, Maschinenkunde, Betriebslehre 2c. von vornherein abzusehen sei. Es soll nun im Laufe hes Winters an den 10 Schulfiellen der Kursusteilnehmer: Landwirtschaftlicher Unterricht nach diesen Grundsätzen erteilt werden. Eigens zu diesem Zweck sind von der Behörde einschließlich der Lesc- stunden bis zu 40 Unterrichtsstunden vorgesehen. Um sich an den 10 Schulen von der Lehrarbcit auf diesem Gebiet m informieren, beabstzhtigj btt Kommission am Schluffe dc§ Wintersemesters diese Schiilen zu besuchen, um neue Einsichten zu gewinnen, was weiter in dieser bochwichtigen Sache zu tun sei. — Die Anregung zu dieser Art landwirtschaftl. Unterrichts in den ländlichen Fortbildungsschulen ging von dem Abg. Köhler-Langsdorf aus, der in jahrelanger Verbindung mit Lehrer Leidig-Langsdorf auf Grund gefundener Wege diesen ersten, regierungsseitig genehmigten und glanzvoll verlaufenen Versuchen in der Schule zu Langsdorf veranlaßt hat. ** Parlamentarisches aus Hessen. In den Mittwoch und Donnerstag abgehaltenen Sitzungen des Petitionsausschusses der 2. Kammer wurde bezüglich des Antrages Ulrich, betr. die Uebernahme der V o l k s s ch u l l a st e n auf den Staat beschlossen, die Regierung zu Ersuchen, zunächst darüber Erhebungen anzustellen, in welchem Umfange bisher die Ge- mci'cden mit Kosten hierfür belastet sind. Zu den Anträgen Ul- rjch betr. die Reform desSchulwesens und die Einheitsschule kam der dringende Wunsch zum Ausdruck, daß die R e i ch s- schulkommission zwecks Erzielung einheitlicher Resultate mit größeren Kompetenzen ausgestattet würde. Zu dem weiteren Anttage Ulrich betr. die Errichtung einer Strafkammer in Offenbach verhall sich die Regierung noch immer ablehnend, da durch Gesetz von 1888 die Kompetenz des Schöffengerichts daselbst erweitert wurde. Die Regierung wird nun ersucht, Erhebungen darüber anzustellen, wie weit durch diese Maßregel die Arbeit des Offenbacher Schöffengerichts vermehrt worden ist. Die Vorstellung der Mühlcnbesiher an der oberen Wetter bett. Benachteiligung durch Wasserentziehung bei dem Qucllenankauf bei Lauter durch die Großh. Regierung wird für erledigt erklärt, da die Regierung bereit ist, geeignete Schritte zu tun, um die Müller zu befriedigen. — Der Ausschuß für die Beratung der Verwaltungsgesetzgebung tagte am Donnerstag wieder unter dem Vorsitz des Präsidenten Haas und beendete die Lesung der Landgemeindeordnung, es wurden hierzu eine Reihe weiterer Vorschläge gemacht. Dann wurde in die Beratung der Städteordnung eingetreten und ca. 15 Paragraphen besprochen. Eine lebhaftere Debatte entspann sich bei der Magistratsfrage. Die Regierung gab die Erklär- nng ab, daß eine Gesetzesvorlage in Aussicht sei, welche die fakultative Einführung des Magistrats vorsieht. **DaS Ehrenzeichen für Mitglieder sreiw. Feuerwehren wurde verliehen durch Entschließung S. K. H. deS Großherzogs den Mitgliedern der freiro. Feuerwehr zu Alsfeld Ludw. Kemmer und Gg. Eberh. Scheer, sowie den Mitgliedern der freiro. Feuerwehr zu Langen Franz Dieter, Wilh. Heck und Hch. Werner. ** Der evang. Arbeiterverein feiert laut Jnsera nächsten Sonntag sein Stiftungsfest in Steins Garten. Um 5 Uhr ist Gottesdienst in der JohanneSkirche. Die Fest- predigt hält Oberpfarrer Muller aus Lauterbach, einer der beliebtesten Kanzelredner unseres Landes. ** In unserem Stadttheater hatte gestern die Sängerin und VortragSkänstlerin Charlotte Wiehe zu einem einmaligen Gast-Auftreten Einkehr gehalten. Der Theatersaal wieS große Lucken in den Zuschauerreihen auf, was wohl darin seine Ursache haben durfte, daß der Mehrzahl unserer ständigen Theaterbesucher der Donnerstag als Theaterabend ungewohnt ist. Die Erschienenen aber kamen auf ihre Kosten. Die Künstlerin, die ja dem Gießener Pubil- kum nicht fremd ist, bot in ihrem zweimaligen Austreten eine bunte Reihe allerliebster Lieder, die bei ihrer schönen ausgiebigen Stimme und ihrer charakteristischen Vortragsart hervorragend wirkten. Den fremdsprachigen Liedern — Frau Wiehe sang französisch, englisch, schwedisch, deutsch und sogar kölnisch-platt — schickte die Künstlerin Erläuterungen voraus, in denen sie sich auch als geschickte Diseuse erwies. Jedoch hätte eS dieser Erläuterungen kaum bedurft, denn die Sängerin sang ihre Lieder mit solcher Charakteristik im Ton und Mimik, daß der Inhalt auch den Sprachurkundigen verständlich werden konnte. Am besten gesiel wohl das reizende Liedchen „Mirjams Abendgebet", eine Komposition ihres Gatten Henri Bereny, der die Klavierbegleitung auZführte. Die Künstlerin wurde nach jedem Lied mit Beifall bedacht und verstand sich zu zwei Zugaben. Sonst bot der Abend noch einen Schwank, „Der sechste Sinn", von Gustav von Moser und Robert Misch, sowie die Komödie „Die Empfehlung" von Maurey. Beide wurden recht flott gespielt und versetzten die Zuschauer in die heiterste Stimmung. Sie passen aber bester für Vereinsaufführungen. ** In der Lesehalle wurden von der Bildersammlung soeben 47 Nummern neu ausgestellt. — Hiervon seien genannt: 4 Dürer, „Der heil. Hyronimus im Ge- häus", „Die Geburt Christi", „Anbetung der Könige", ferner: Tizian „Der Zinsgroschen", Raffael „Madame del Gran- duca", Velasquez „Die Uebergabe von Breda", Schwind „Morgenstunde", Sterl „Hessische Bauernstube", Madersohn „Spätsommer im Moor", ferner von den Steinzeichnungen: Volckmann „Herbst in der Eifel", Stride-Chapell „Lieb Heimatland ade", Leiber „Sonntagsstille", Bautzer „Feierabend", Kampmann „Mondaufgang". Der Stereoskop- Apparat bringt diesmal eine Skulpturen-Galerie. Er zeigt 50 plastische und architektonische Kunstwerke aus Paris, Rom, Florenz usw. Im Lesesaal liegen sodann ca. 150 Zeitungen und Zeitschriften, ca. 1000 Nachschlagewerke und Bücher aller Art; auch ist Schreibgelegenheit vorhanden. — Der Saal ist täglich von 10 Uhr norm, bis 10 Uhr abends für Jeder- mann unentgeltlich offen. — Die Bücher des Lesesaals können nur an Ort und Stelle gelesen werden, die Bibliothek mit Bücherausleihe befindet sich im gleichen Gebäude. Die Ausleihestunden sind durch Anschlag bekannt gegeben. ** Kunstakademie in Darmstadt? Ein Mainzer Blatt berichtet, die letzte Anwesenheit S. K. H. des Großherzogs in München hänge mit der Gründung einer Kunstakademie in Darmstadt zusammen, man wolle alsbald vom Landtage staatliche Mitte! fordern; für die Bewilligung erhoffe man die Zustimmung der Mehrheit der Volksvertretung einschließlich der Sozialdemokraten. Tatsächlich ist, so schreibt auch der Darmstädter Korrespondent der „Köln. Volksztg.", ein Lieblingswunsch des Großherzogs seit geraumer Zeit auf die Errichtung einer Kunstakademie anstelle der Künstler- kolonie gerichtet; natürlich soll dem neuzugründenden Institut eine umfassendere Aufgabe gestellt werden. In der Zweiten Kammer sind m den letzten Jahren größere Forderungen für speziell Darmstädter Zwecke meist auf Widerstand gestoßen, wenngleich zuletzt auf dem Wege der Kompromisse schließlich eine Mehrheit gewonnen wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die sozialdemokratische Fraktion den Ausschlag gibt. ** 2B Q r n it n g. Die „Nordd. Allg. Zig." teilt mit: Mehrere Zeitungen veröffentlichen die Aussagen eines angeblichen Professors G. K e i t h - H a w e y, 117 Holborn R. 134, London E. C., welche Schwerhörigen, Tauben und an Ofircnfnufcn Leidenden die kostenlose Zusendung eines Buches versprechen, welches lebrt, wie sie sich in wenigen Wochen zu Hause kurieren können. Die Heilungsuchenden erhalten zur Antwort, daß der zur Heilung erforderliche Apparat gegen Einsendung von 30 Mark ihnen zuginge. Der Apparat ist ein B l e ch a p p a r a t, der Heilung nicht zu bewirken pflegt. Es dürfte somit nicht geboten sein, diesem „Professor" irgendwie Vertrauen zu schenken. W. Bad-Nauheim, 17. DFL Bei der VermählnngS- feier des Prinzen Albert zu Schleswig-Holstein mit der Gräfin Ortrud zu Isenburg und Schloß Meerholz, zu der mit S. M. dem Kaiser 130 fürstliche und königliche Herrschaften erschienen waren, hatte die Nauheimer StaatSquellen- Versendung das Mineralwaffer an die Schloßverwaltung geliefert. Bei der Hochzeit wurden 43 Flaschen Löwenquelle getrunken. Q Friedberg, 18. Okt. Bekanntlich wurden Friedberg und Bad-Nauheim verurteilt, an den Müller P. Dietz eine Entschädigung wegen Verunreinigung der Ufa zu zahlen und die Mißstände baldigst zu beseitigen. Friedberg, das ein Fünftel der Kosten tragen soll, beabsichtigt die Ergreifung deS Rekurses und hat eine Kommission mit der Angelegenheit betraut. 1. Geiß-Nidda, 18. Okt. Die Sektion der im Hofe der I. K. Schellmann Ww. aufgefunbenen Kindesleiche ergab, daß das Kind bei feiner Geburt gelebt hat. In welcher Weise eS um sein Leben gekommen ist, wird hoffentlich die gerichtliche Untersuchtlng klarstellen. Es wird angenommen, daß das Kind nicht von seiner Mutter, sondern von einer dritten Person in den Brunnen geworfen wurde. Umfangreiche Vernehmungen sind in SiM und verschiedene Bettstücke wurden als Beweismaterial konfisziert. Man hat noch nicht mit Bestimmtheit erfahren, ob die flüchtige Ottilie Schellmann verhaftet sei. Die ganze Gemeinde ist in Aufregung. + Alsfeld, 18. Okt. Zwei schwere Unglücksfälle trugen sich hier zu. DaS Söhnchen eines Arbeiters geriet unter ein schwerbeladenes Fuhrwerk, wurde überfahren und schwer verletzt. Auf dem Holzlager einer hiesigen Firma wurde der Arbeiter S chleining von einem schweren Baumstamm getroffen, mit zerschmettertem Bein wurde er nach Hause gebracht. () Dillenburg, 18. Okt. Am kommenden Sonntag finden in unserem Bergrevier ca. 20 Bergarbeiterversammlungen statt. Einberufen sind sie vom „Geroerk- oerein christlicher Bergarbeiter". Zur Besprechung gelangt in allen Versammlungen die seinerzeit vom hiesigen Sekretariat des christlichen GewerkvereinS im Namen und Auftrage seiner Mitglieder an das Oberbergamt in Bonn gerichtete Eingabe auf: 1. Erhöhung der Normalschichtlöhne auf 3,20 Mk. 2. Festsetzung der Gedinge entsprechend der Arbeitsordnung im Einvernehmen mit den Bergleuten, damit verbunden tunlichste Beseitigung des sog. Beilegesystems. 3. Mehr Gleichmäßigkeit in den Löhnen. 4. Wo Arbeiter im festen Gedingelohn arbeiten, wird eine 1 5 prozentige Lohnerhöhung beantragt 5. Soweit es nötig, alle vier Wochen regelmäßige Arbeiter- A n s s ch u ß s i tz n n g e n. 6. Ständige Seilfahrt bei an- und abiahrender Schicht, sowie auch bei Nebenschichten, wie solches teilweise schon zngestanden, dann aber ohne Angabe von Gründen wieder rückgängig gemacht wurde. 7. Verkürzung der jetzt noch fünf Jahre betragenden Zeit, in welcher die als jugendliche Arbeiter eintretenden Bergleute einen niedrigeren Lohnsatz erhalten, auf vier Fahre. In den in betracht kommenden Bergarbeiterkreisen hofft man zu erreichen, daß die Staatsgruben des Dillrevieres mit der Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse den Privatgruben mit einem guten Beispiele vorangehen mögen, was bis jetzt leider meistens umgekehrt der Fall war. Daher kommt es auch, daß unsere Bergleute im allgemeinen den Privatgruben freundlicher gesinnt sind, als den StaatS- gruben. Die im Interesse des weitaus überwiegendsten Teiles von 140 000 Bergleuten angestrebte „Verschmelzung der vielen zum Teil recht kleinen und leistungsschwachen KnappschastS- kaffen rechtsrheinisch vom Oberbergamtsbezirk Bonn zu einer großen leistungsfähigen Knappschaftskasse" wird gleichfalls in allen Versammlungen besprochen roerben. R. B. Dar m stabt, 19. Okt. (Orig.-Drahtbericht.) Es fällt hier angesichts unsinniger englischer, leider von unseren heimatlichen Blätter weiter kolportierter Gerüchte über daS Großherzogspaar allgemein freudig auf, daß I. I. K. K. H. H. der Groß Herzog und die Groß Herzogin sofort nach der Rückkehr von WolfSgarten am Mittwoch abend gern e i n s a m das Hoftheätor besuchten. Auch gestern wohnten sie der Vorstellung wieder bei. Gegeben wurde „Der ideale Gatto" von Oskar Wilde, ein Sittenbild aus der englischen Diplomatie, das sehr fein und wirkungsvoll dargostellt wurde. sj Fronhausen, 18. Okt. Einen wertv ollen Fund machte der Landwirt Mann in Sted ebacb in feinem Keller. In geringer Tiefe fand sich nämlich ein Behälter mit etwa 90 gut erhaltenen Silbermünzen, zum Teil Marientaler und Dukaten verschiedener deutscher Staaten aus dem 17. Jahrhundert. Jedenfalls wurde der Schatz während des 3Ojähr. Krieges dort vergraben. [] Biedenkopf, 18. Okt. Zwischen Obernkirchen und Gleidorf im Siegerlande spießte sich ein radfahrender Gerichtsvollzieher an einem Wagen mit spitzen Stangen ■ auf. Der Tod trat sofort ein. h. Frankfurt a. M., 18. Okt. Die Polizei verhaftete gestern abend auf dem hiesigen Hauptbahnhos einen mit dem : Zug 6.22 Uhr aus Karlsruhe eingetroffenen jungen Mann ' au§ Galizien, der sich Michael Sa fit In nannte, und beschuldigt ■ wurde, unterwegs Diebereien verübt zu haben. Es wurden ' viele Geldbörsen und Wertgegenstände gefunden. — Am i Neubau der Mitteldeutschen Kreditbank ereignete sich gestern ' nachmittag ein schwerer 23 a nun fall. Beim Aufwinden ’ eines schweren Steines verunglückte der 25jährige bei der j Firma Holzmann & Co. beschäftigte Maurer Andreas Löser 1 aus Mainflingen infolge Herabstürzen des Steines so schwer, daß er bald nach feinem Einbringen in die Klinik verstarb. i.i..". ______ __ < Der Fall Hirschel vor der Strafkammer. )( Gießen, 19. Oft ■ Dei Aufruf der Strafsache gegen den Lanbtagsabg. Otto ? Hirsche! von Friedberg ergab sich, daß weder der Ange- , klagte noch der von ihm bestellte Vertesdig.r .. . ..rat v. Brentano-Offenbach -nr Stelle waren. Der Vorsitzende konstatierte, daß die Ladung zum heutigen Termin fristgerecht zugestellt worden ist, und zwar der Ehefrau des Angeklagten. Er bemerkte, daß gestern noch ein Depeschen- wechsel stattgefunden hat, nach dem der als Zeuge geladene Kammerpräsident Geh. Reg.-Rat Haas in Darmstadt, wie auch der Angeklagte und dessen Verteidiger um Terminsaussetzung baten, was aber von ihm abgelehnt wurde. Heute sei ihm folgendes Telegramm des Verteidigers vorgelegt worden: „Soeben 7 Uhr von Beerfelden gekommen, finde ich Depeschen- wechsel zwischen Strafkammer und Haas. Bin in einer schweren Kollision zwischen Pflichten eines Verteidigers und der Befürchtung, vom Gericht falsch beurteilt zu werden. Ich erkläre feierlich, daß mir und Angeklagtem jede Absicht einer Verschleppung fern liegt. Ick wäre bereit zu verhandeln, muß aber befürchten, daß Entlastungszeugen nicht anwesend, müßte deshalb morgen Vertagung beantragen. Kann also unmöglich verhandeln, da die Ehre meines Klienten auf dem Spiel steht und dies für mich maßgebend fein muß. Bitte deshalb Nichterscheinen nicht falsch deuten zu wollen. Bin mit Beschuldigtem jeden Tag, zur Verhandlung bereit, (gez.) Brentano." Der Vorsitzende teilte weiter aus den Akten mit, wie es kommt, daß die Verhandlung bis jetzt noch nicht abgehalten werden konnte. Am 12. Juli sei die Anklage bei der Strafkammer eingelaufen; diese ist dem Angeklagten am 16. oder 17. desselben Monats zugestellt worden. Ein vom 18. Juki datierter Beweisantrag der Verteidigung sei am 28. Juli eingelaufen, inzwischen sei aber das Haupt- verfahren eröffnet und Termin anberaumt worden. Der Angeklagte bat am 1. August um Verschiebung des Termins auf mindestens 4 Wochen, indem er bemerkte, die Staatsanwaltschaft habe reichlich 3 Monate zur Anklageerhebung gebraucht, falls der Termin nicht abgesetzt werde, so würde er, gestützt auf die Verfassungsurkunde, nicht erscheinen. Der Termin wurde abgesetzt, und unter dem 8. August lief ein Antrag der Verteidigung ein, kn dem gebeten wurde, die Sache auf Ende Oktober anzuberaumen, damit ihr Zeit genug zur Orientierung zur Verfügung stehe. Anfang September erhielt die Strafkammer von der Verteidigung Nachricht, daß sie von dem Angeklagten trotz dringlicher Anfrage keine Nachricht erhalte. Später bat H. wieder den auf heute gelegten Termin zu vertagen, da er noch keine Gelegenheit gehabt hätte, mit feinem Verteidiger zu sprechen, indem er versicherte, es sei nicht seine Absicht, die Sache zu verschleppen. Eine spätere mündliche Bitte um Absetzung des Termins wurde vom Vorsitzenden ebenfalls abgelehnt. Auch die Verteidigung stellte in den letzten Tagen einen Vertagungsantrag, der dahin ging, Beweis zu erheben, daß der Angeklagte nicht in schlechten Vermögensverhältnissen ist und daß er trotz Warnung fortgesetzt größere Geldsummen nachtrug, er auch Freunde genug gehabt hätte, die ihm aus der Not geholfen hätten. Auch stellte er den Antrag, die Sache bis zur Beendigung! der Untersuchung der gegen Oekonomierat Schlenke, der der Denunziant sei, eingelaufene Anzeige, die Schlenke der nämlichen Taten bezichtigt, auszufetzen. Nachdem Oberstaatsanwalt Th e o b ald den Antrag gestellt hatte, gegen den Angeklagten Vorführungsbefehl zu erlassen und den ausgebliebenen Zeugen Geh. Reg.-Rat Haas als genügend entschuldigt zu erachten, dagegen den ausgebliebenen Zeugen Abg. Bähr wegen nicht genügend entschuldigten Ausbleibens in eine angemessene Strafe zu nehmen, verkündete das Gericht nach vorgängiger Beratung Beschluß dahin: Da der Angeklagte trotz ordnungsmäßiger Ladung und unter Androhung der Vorführung nicht erschienen ist, wird feine Vorführung mit der Maßgabe angeordnet, daß die Staatsanwaltschaft vorher die erforderliche Genehmigung der Land st ä n d e einzuholen habe. Geh-Rat Haas wird als genügend entschuldigt angesehen, dagegen die Entscheidung gegen Abg. Bähr bis zur nächsten H a u p t v e r h a n d l u n g a u S g e s e tz t und die Sache auf unbestimmte Zeit vertagt. Der „Hauptmann von Köpenick". Die bei der „militärischen" Besetzung des Köpenicker Rat-. Hauses von dem Gauner getragene Hose und Mütze sind von einem Arbeiter am Tempelhoser Felde gefunden worden. Die Hose ist alt, abgetragen und glänzend, es ist eine ehemalige Offiziershose, die wahrscheinlich bei einemTrödlergekauft worden ist. Tie Mütze dagegen ist neu. Diese kaufte der Gauner am Freitag voriger Woche in einem Spezialgeschäft in der Prinz Louis Ferdinandsttaße. Dem Fabrikanten, der ihn selbst bediente, machte der Käufer einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Er dachte, es sei ein Mann, der die verlangte Offiziersmütze für einen Offizier kaufe, um den üblichen Rabatt, den er verlangte, in seine Tasche zu stecken. Auf die Frage, welche Kopsweite die Mütze haben sollte, antwortete der Mann, sie solle auf seinen Kopf passen. Er paßte sie sich dann selber auf. Bemerkenswert ist, daß der Käufer die Ko k a r d e n f a l s ch äugest e ck t hatte, und zwar die deutsche Nationalkokarde auf den roten Rand der Mütze, die preußische oben an den Deckel. Das ist weder den Soldaten noch dem Reserveoffizier Bürgermeister Dr. Laugerhans, noch den Gendarmen und Polizeibeamten aufgefallen. Die Achselstücke, die der „Hauptmann" trug, hatten, wie jetzt fest- gestellt ist, keinen Namenszug, sondern waren die des 1. Garde- Regiments. Der Droschkenkutscher, der den Gauner nach der Friedrichstraße fuhr, hat sich bei der Kriminalpolizei gemeldet. Seine Bekundungen beweisen, daß der Offizier, der in der Friedrichstraße neues Zivilzeug kaufte, und derjenige, der auf dem Mittenwalder Kleinbahnhof gesehen wurde, ein und dieselbe Person sind. Wie aber der „Hauptmann" nach der Friedrichstraße gekommen ist, steht noch uichr fest. Die Kommandantur gibt bekannt, daß bei keinem der beiden Kommandos, die der Gauner in feinen Dienst zog, sich ein Unteroffizier befand. Beide Abteilungen standen nur unter je einem Gefreiten. Wie ein Berichterstatter meldet, erscheint es nicht als ausgeschlossen, daß der Täter, der allerdings Berlin und Umgebung ganz genau kennen muß, in einer Provinzstadt ansässig ist und noch an demselben Abend mit der Bahn nach seinem Wohnorte 5urückgekehrt ist. Der einzige Anhaltspunkt, den die Kriminalpolizei besitzt, um die weiteren Spuren des Kassenräubers zu verfolgen, ist der Kleidereinkauf in einem großen Herrenkonfektionsgeschäft m der Frrednchstraße. Nachdem der Inhaber des Geschäfts die Meldung der Kriminalpolizei von diesem Einkauf gemacht hatte, wurden ihm und den Verkäufern, die den Offizier bedient hatten, verschiedene Photographien vorgelegt. Auf den ersten Blick erkannten die Verkäufer eine Photographie, die das Konterfei des gesuchten Gauners ist. Daß die Kriminalpolizei auf der r i ch t i g e n Fährte ist, beweist, daß sie die Photographie des Verbrechers besitzt und dadurch leichter seine Spuren verfolgen kann: er sei ein geriebener Gauner, der ein Jahr Zuchthaus verbüßt hat. (Siehe auch 2. Blatt.) c Köstliche Szenen haben sich im Köpenicker Rathause abgespielt. Der Polizei-Inspektor weilte gerade im Rathaus, um sich einen kurzen Urlaub füreinBadzu nehmen. Ehe er leinen Vorgesetzten fand brach das Gewitter über die Ltadtväter herein. Der Polizei-Inspektor brachte aber seine Bitte dem „Herrn H a u ptm a n n" vor, der ja die Gewalt inne hatte, unb ber gütige Offizier gewährte ihm. die Bitte mit einen nonchalanten Handbewegung. Die Musik kommt. Frei nach Lilien eron. SUiiigling, bumbum und tschingdada, Zieht im Triumvh der Perserschah? Und um die Ecke brausend brichts Wie Tubaton des Weltgerichts, Voran der Bürgermeister. Der Bürgermeister ächzt und stöhnt, Er ist das Schweigen nicht gewöhnt. Auch der Rendant marschiert im Trab; Man nahm ihm seine Schlüssel ab. Und dann der Herre Hauptmann. Der Hauptmann naht mit stolzem Sinn, Die Schuppenketten unterin Kinn, Die Schäroe schnürt den schlanke': Leib, Beim Zeus! das ist kein Zeitvertreib, Und dann bet viele Jelde l Zwei Pferdchen, rosenrot und braun, Zieh'n den Herrn Bürgermeister traun, Samt der Fran Bürgermeisterin, Auch der Rendant sitzt, mitten drin. Und dann die Grenadiere. Die Grenadier im strammen Tritt, In Schritt und Tritt und Tritt uiid Schritt, Das stampst und dröhnt und klappt und s rrt, Laternenglas und Fenster klirrt, Und dann die Köpenicker. Die KLvenicker, dicht gedrängt Steh'n schwitzend ins Spalier gezwängt. Aus Tür unb Tor und Hos und Hails Schaut Mine, Trine, Stine aus — Und keiner wagt zu mucksen! Der Hauptmann unterde? ganz sacht Hat schlaii sich mrs dem Staub gemacht. Ganz leise bumbumbumbum tsching Flag da ein bunter Schmetterling Tsching tsching, bum, um die Ecke! Maul- und Klauenseuche. Berlin, 18. Oft. Zum Stande der Maul- und Klauenseuche aus dem hiesigen Vieh- unb Schlachtbol erfährt ber »Lok.- Anz/, daß das Ausfuhrverbot vorläufig noch in Kraft geblieben ist. Die Krankheit hat bisher nicht weiter um sich gegriffen. Man hofft, dasi nach Beendigung der in der großen Schweinehalle begoiinenen Desinfektion die Aufhebung der Ausfuhrsperre erfolgen wird. — Zu der Verseuchung des Viehhoses nimmt Geh. Oberregierungsrat Schröter aus dem Landwirtschastsministerium das Wort. Er rechnet auf Grund der Ergebniffe der bisherigen Untersuchung mit drei Möglichkeiten der Einschleppung der Seuche: Sie kann durch Personenverkehr aus Rußland, wo an der Grenze die Maul- und Klauenseuche in starkem Mabe herrscht, nach Deutschland übertragen sein. Auch österreichische Schafe, von denen 350 Stück auf dem Berliner Viehhos vor Ausbruch der Seuche überständig blieben, fönncit die Träger der Seuche gewesen sein. Sodann ist es aber nicht unwahrscheinlich, daß der Seuchenstoff aus dem Kreise G r e i f s w a l d stanlint, ivo vor kurzem in einem Faste die Maul- und Klauenseuche durch Personenverkehr mit dem I m m n n i s i e r u n g s v e r s n ch s - I n st i t u t des Prof. Dr. Löffler hervoraernsen wurde. Der Ausbruch der Seuche auf dem Berliner Viehhose hat dem Landwirtschaft s- m i n i ft e r bei seiner Rückkehr aus dem Urlaube, nachdem ihm über den Vorfall Vortrag gehalten worden war, Veranlassung zu einer Aeuberung gegeben, daß die Grenzen gegen die Einfuhr gesperrt bleiben müssen. — Die Vermutungen des Geheimerats Schröter werden auch von dein Generalsekretär der Zentrale für Viehoerwertung, Burkhardt, geteilt. Wie Burkhardt mitteilt, ist es erwiesen, daß nm 30. September im ostpr. Kreise Lyck durch russische Arbeiter in ein Gehöft die Seuche eingeschlevpt worden ist. Ebenso leicht könne eine Uebertragung nach dem ostpr. Kreise Osterode, ans dem ein Teil der verseuchten Schweine ans dem Berliner Viehhofe stammt, erfolgt fein. Ilm die Verschleppung des AnstecknngsstoffeS aus bem Institute bes Pros. Dr. Löffler- Greiiswald, ber mit staatlicher Unterstützung seit Jahren Versuche mit einem Imnumisierungsversahren anstellt, zu verhinbern, ist jetzt von ber Regierung die sofortige Tötung aster im Institute befindlichen Tiere, sowie die Einstestung aster weiteren Jrnmunisierungs- versnche angeordnet worden. M a g d e b n r g, 18. Oft. Die Maul- undKlauenseuche ist auch hier im Viebhcüe ausgebrochen. Vermischtes. *ElneZusammenkunftderGräfinMontignoso mit ihren Kindern wird, wie die „Dr. R. N." erfahren, in allernächster Züt stattfinden. Der Ort ber Zusammenkunft ist bestimmt, wird aber ebenso wie ber Zeitpunkt geheim gehalten, da man weder die Kinder des Königs, noch die Gräfin Montignoso lästiger Neugier aussetzen will. Sicher ist, baß die Zusammenkunft nicht in Dresden ober ber näheren Umgebung Dresdens arrangiert wird. König Friedrich August wird bei her Zusammenkunft nicht zugegen sein. — Der „Fr. K." meldet dagegen von toskanischer Seite, ber König von Sachsen habe bas Ersuchen der Gräfin, ihre Kinder wieder zu sehen, entschieden abgelehnt. Auf eine Einwirkung von toskanischer Seite habe der König geantwortet. er müsse sich wundern, baß ihm von dieser Seite eine solche Zumutung gestellt werde, da die Mütter der Gräfin, die Großherzogin von Toskana, ihre verheiratete Tochter verreisen lasse, wenn die Gräfin, ihre Tochter, zu Besuch nach Lindau komme. Von einem Ausgleich, könne keine Rede sein. Dieser sei seit 1905 vertragsmäßig festqelegt. * Eine ungeheure Zahl von Pferdewursthänd- lern, die seit dem Sommer 1905 Pferdewurst bezogen haben, b"t jetzt die Berliner Kriminalpolizei durch Beschlagnahme von Geschäftsbüchern in der Pferdewurstfabrik von Kolbe u. Co., Lich- unger Bursche sofort gesucht. 6390s „Hessischer Hof". I Möbl. Zimmer | Frdl. möbl. Zimmer. [6384 Braugasse 11 p.,EckeLandgrafenstr. Einfach möbl. Zimmer zu ver- mieten. Steinstraße 68. [07755 Möbl. 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