Donnerstag 15. November 1908 158. Jahrgang Erstes Blatt Schul st ratze 7, Redaktion 119 Verlag u.Exped.^Mbl Adresse für Tevefchen: Anzeiger Wietzen. Nr. 289 Erscheint tfiflltJ) außer ©omuagt. Dem V,ebener f)lnzetger werden im Wechsel mit dem hesfischen tandwirl die Gießener Lamilien« blätter viermal in der Woche betqelegt Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unioers.-Buch-u. Stein- bruderet. 8t Lang«. vezug-pret»i monatlich 75'HL, vierteljährlich Mk. 2.20, durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich Cd Pf., durch die Post Rlk. 2.— Vierteljahr!. auöschl. Beftellg. Annahme von Anjetgei für die Tagesnuinine« bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpretS: lokal 13 Pf, auswärts 20 Pig. Verantwortlich hu den poltL und allgem. Teil: P. ötttfoj für .Stadl und ßantr und .GerichtSjaal^i Ernst pe6; für den 91 n- zeigentell: HanS Beck. geschrieben: Fürst Bülow Has heute, in-. Reichstag gewiß gut und geschickt gesprochen, und wer ihn noch so jchars beobachtete, tonnte trotz der nahezu zweistündigen Dauer der lauten und bestimmten Tones vorgetragcnen Rede keinerlei Anzeichen der Schwäche oder einer anderen Nachwirkung des Unfalls vom Frühjahr an ihm bemerken. Nun vielleicht, daß der Kanzler ein noch etwas langsameres Zeitmaß nahm beim Sprechen, als er früher zu nehmen pflegte. Möglicherweise veranlaßte die Tragweite der Erklärungen zur Behutsamkeit in der Wahl der Worte. Aber, ist es erfreulich, daß Fürst Bülow in aller Frische seinen Platz wieder emnimmr, jo konnte der Inhalt der Rede nicht das gleiche Maß befriedigender Empfindung Hervorrufen. Abg. Bafsermann fand mit seiner ausgezeichneten Kritik an der Politik der Liebenswürdig- Denken macht es erst dazu." Doch Ibsen zeigt sich in seinen FrauenbefremngSdramen als ein allzu mathematischer, ein allzu grüblerischer Kopf, und ich stimme Frl. Dr. Ella Kretschmer vollkommen bei, die in der Einleitung zu ihrem lesenswerten Buche über „JbsenS Frauen- gestalten"*) sagt, daß Ibsen „zu psychologisch ist, zu versteckte Feinheiten in der menschlichen Seele berauSzuholen sucht." Darum empfindet jeder, der Jbsensche Kunst auf sich wirken lägt, mü dem selbstquälerischen Dichter qualvolle Unheimlichkeiten, und nu entläßt uns Ibsen mit dem befreienden und erhebenden Gefühl, das etwa die Dramen GoetheS, Schillers oder Grillparzers in uns auslösen. Wer aber möchte heute noch leugnen, daß Ibsen seit Hebbel der größte dramatische Dichter war, den die Welt kennt, daß er der große Begründer des neuen bürgerlichen DramaS wurde, durch seine geniale Fähigkeit, im Drama dadurch eine Tragik zu schassen, daß er den alten Grundsatz von Schuld und Sülme aufrecht erhielt. Seine durchaus originale Weise aber war es, zumeist irgend ein menschliches Gebrechen oder Verbrechen, eine moralische oder unmoralische Handlung gejpen- stisch über den Geschöpfen seiner Dichtungen walten zu lassen zu unerforschlich herbem Ende. Der Kern deS gestrigen Gedenkabends, um den sich die Tlchtcr- fruchte rundeten, war die Rede von Prof. Dr. Eo 111n. Es war ein Meisterstück der Auslegung deS Lebenswerkes eines Geistesriesen, von großen Gesichtspunkten ausgehend, ticfgrnbcnb, scharf umrissen, formvollendet. Prof. Eollin ging in feiner Analyse von der Erkenntnis aus, daß eines Künstlers Werk aus der be- londeren Perfönsichkeit fernes Schöpfers entfprmgt, wahrend das Werk einet» Erfinders oder Entdeckers die unperjönllche notwendige ^olge von Zeitumsländen ist. Tie befondere Persönlichkeit Ibsens hat uns mit einer Reihe von ureigensten Werken befchenkt. <Äbien, der Idealist, hat, als Reformator, dieser trugvollen und feigen Welt deS Scheines die heuchterljche MaSke abgerissen, um den *j Stuttgart 1905, Strecker und Schröder. cmbeter war, aber doch, wie uns <_ holder Weiblichkeit Reizen nicht immer , „ ist, hat den Frauen alle Ketten, auch die Rosenketten, zu nehmen sich bemüht. Unschmeichlerisch hat er ihnen die Freiheit ersungen. Kleinlich naturgetreu hat er sie abgeschildert, Mütter wie Töchter, ihre Fehler als Erzieherinnen wie als Ungezogene oder Verzogene ilynen vorgehaltcn, und wie er ihnen in seinen dramatischen Spiegeln ihre Sommersprossen zeigte, so kündete er auch das FriMngssprossen in den Herzen der Frauen der Gegenwart. Er erkannte, daß die Frauen der Natur näher stehen als wir Männer, näher im Guten und int Bösen. Oder richtiger — da es in der Natur selbst kein Gut und Böse gibt — daß sie mehr „jenseits von Gut und Böse" stehen, um das Wort anzuwenden, das lange vor Nietzsche schon von Hamlet geprägt worden ist in dem berühmten Satz: „An sich ist stichts weder gut noch böse, das Ivs-n-Ae.er des Hheatceverelns erster HcU-I Gießen, 15. November 1906. Von Max Klinger, dem genialen Maler, Bildhauer und Radierer, gibt cs eine meisterliche Radierung, auf der zwei Riesenhände von Oben ein Felsstück auf die Erde herabsenken mit der Inschrift „Menzel". Ich sah sie 1896 in München bald nach Menzels 80. Geburtstage. Das Blatt fand damals ebensooiele Bewunderer des Klingerschen Griffels wie gläubige Betrachter. Wer geht noch heute mit Klinger in seiner Menzel-Verehrung so Wenn einem Großen auf irgend einem Gebiete der Künste unserer Zeiten eine Widmung von so grandioser Gestaltung zukommt, dann ist das Ibsen. Seit Jahrzehnten lasten seines schweren Lebens schwere Werke auf unserer europäischen Erde, seit Jahrzehnten beschäftigen sie die Köpfe einer Reihe der klügsten Männer der germanischen und auch romanischer Völker, Jahre lang roäbrte etn erbitterter Kampf um seine wahre Bedeutung, und er ist noch heute nicht völlig entschieden, weder zu Gunsten seiner bedingungslosen Anbeter noch seiner trntzigen Gegner. Bei Beginn des Kampfes gab es aut beiden Seiten gar viel hitzköpfige Ausschreitungen, und die UrteilSwage feirkte sich bei uns zu Lande stark zur Seite der Jbsentadler, unter denen freilich eine recht stattliche Zahl Verständnisloser und nur von Tendenz- grvnden Geleiteter, also künstlerisch in Wahrheit Urteilsunfähiger sich befand. Dann kam eine Zeit, da die Wage sich mit fast gleicher Schwere nach der anderen -Seite neigte. Aber diesmal befanden sich unter den Stimmen allzuviele, die nur die Ibsen-Mode mitmachtcn. Heute zeigt die Wage ein nicht mehr so großes Uebergewicht der Jbsen-Dergötterer, und es ist die Zeit wohl nicht mehr fern, in der man in der Ibsen-Beurteilung daS rechte Maß gefunden haben wird. Die rechte Mitte fand bereits, neben anderen, auch Karl v. Persall, der Feuill.-Redakteur der „Köln. Ztg.", über dessen verständigen Ibsen-Vortrag in der Kölner litterar. Gesellschaft in Nr. 258 des Gieß. Anz., 3. Bt., berichtet wurde. Auch ich meine mit Pcrfall, daß Ibsens Gedanken nicht allzu hoch und weit flogen. Sie gingen vielmehr in die Tiefen der menschlichen Seelen, und beionders der Frauenseele. Ibsens Frauen- gestalten suchen, ohne es zu wissen, dem weiblichen Gejchlechle einen neuen Lebensinhalt, Indem sie tote Formen der Ueber- lieferung zerschlagen; ohne es zu wollen, bilden sie aus den Trümmern ihrer eigenen Gegenwart die F-rau der Zukunft. So haben, wie Ludwig Fulda einst bei einer Berliner Jbsensüer sehr richtig sagte, diese Jbsenschen Frauen Größeres gewirkt, als ein Heer von theoretischen Amazonen. Wenn sie die Haus- ür dec Zivliveutiou Himer sich zugeschlagen Haden, dann erwarten ie nicht von irgend einem Reichstag das Wunderbare; sondern ie betten stumm nach Osten, wo hinter noch verschlossenen Toren die Morgenröte flammt. Ibsen, der nie ein schmachtender Frauen- Füllhorn von Blumen aus. Da war teilte einzige Großmacht, die leer ausging; jeder wurde eine Verbindlichkeit, eine fröhliche Hoffnung auf Freundschaft oder mindestens gute Beziehungen gewidmet. Besonders mußte die gute Zensur überraschen, die Italien ausgestellt wurde für die durch und durch französische Haltung auf der Marokko-Konferenz. „Korrekt gehandelt in einer schwierigen Situation", sagte Fürst Bülow. Wenn man es nur glauben könnte! Uns scheint, Italien wird daraus Ermutigung gewinnen zu neuen „Extratouren". Nur einmal klang ein Bismarctscher Ton aus dem Moll der Ausführungen: Daß eine Politik der Einkreisung Deutschlands bedenklich für den Frieden fein würde. . . Bei der Preß-Besprechung des Wiederauftretens des Fürsten Bülow wird von manchen Seiten bemerkt, daß der Inhalt der Rede durchaus kein großer ist. Die „Dtsch. Dagesztg." meint: So recht frisch und fröhlich aus dem Herzen heraus klangen seine Ausführungen diesmal nicht. Der Ernst der politischen Weltlage spiegelte sich auch in Ton und Haltung des Kanzlers wieder. — Die „B. N. Nachr." meinen, diese Debatte ist nicht int stände, das herrschende Unbehagen zu mindern, geschweige denn zu beseitigen. — Die „Tägl. Rundschau" schreibt: Sicher hat Fürst Bülow mit seinen Darlegungen mehr Schwarzseher gebannt, als der Kaiser mit seiner Breslauer Tijchreoe, wenn Ls freilich auch nicht gelungen ist, die schwarzen Wolken, die über unserem Himmel schatten, zu zerstreuen. — Die „Nat.-Ztg." sagt: Die Rede eines führenden Staatsmannes war das nicht. Da sprach der liebenswürdige Causeur. — Auch die „V off. Z t g." meint, daß die Worte des Fürsten Bülow nicht sonderlich hoffnungsfroh Hangen und auch nicht viel neues boten. Nach dem letzten Bravo am Schluß war der Reichstag nicht klüger als zuvor. — — Das „Berl. Ta gebt." schreibt: Man muß zugeben, daß Fürst Bulow in keiner Weise die Klagen des Abg. Basser- ntann zu entkräften vermochte. Man wird nicht behaupten wollen, daß die Antwort des Fürsten auch nur in einem Punkte die Bedenken gegen die Auslandspolitik des deutschen Reiches zu zerstreuen vermochte. — Der „Vorwärts" schreibt: Neben den endlosen Gemeinplätzen bot der Kanzler übrigens auch unzweifelhafte Wahrheiten. Fürst Bülow bot in feiner Verteidigung der deutschen hohen Politit und des angeklagten persönlichen Regiments einer fruchtbaren und ernsten Bekämpsungn der konflittsschwan- geren deutschen Welt- und Flotten-Politik hie beste Handhabe. Die Pariser Blätter publizieren an leitender Stelle die Rede. Der ehemalige Kriegsminister Etienne erinnert sich, den Vergleich mit dem Thermometer bei einem Tischgespräch mit Gambetta gehört zu haben. Sehr angenehm berührt der warme Ton der Bülowschen Sprache. In polit. Kreisen sieht man die schon anläßlich früherer Bülowscher Redeil gemachte Wahrnehmung bestätigt, daß der Reichskanzler wie kaum ein anderer Ausländer die franz ö s. Volksseele kennt. Mit größter Spannung erwartet man jetzt die ersten Aeuherungen des Ministers Pichon auf der Kammer-Tribüne. Das Pariser „Journal" er Härt: Wenn die Taten Deutschlands den Worten des Reichskanzlers entsprechen nng der gegenwärtigen Po litik und auf eine Abwehr der in der bekannten Breslauer Kaiserrede scharf gekennzeichneten „Schwarzseherei" gerichtete. Es hat den Fürsten Bülow offenbar stark verdrossen, daß seine Politik so oft abfällig beurteilt wird im Gegensatz jur Eisenpolitik des Fürsten Bismarck, daß der ,^Lackstiesel" des Husaren bespöttelt wird zugunsten des Bismarclschen „Kürassierstiefels". „Wir, ein Volk von 60 Millionen, mit solcher Armee, brauchen eine Isolierung nicht zu fürchten, niemandem nach- julaufen, wenn wir nur uns selbst vertrauen und treu bleiben, wenn wir ein wahrhaft großes Volk sind" — bei diesen schönen Worten setzte lebhafter Beifall ein. Mit der Möglich leitet nerJsolierung rechnet danach auch Fürst Bülow, und in diesem Sinne wird die Mahnung wohl aufgefaßt werden, mit der der Kanzler seine für fein Wohlbefinden beweiskräftige Rede schloß, die Mahnung nämlich, den Kleinmut zu bannen durch opferbereite Fürsorge für die Wehrkraft zu Lande und zu Wasser. Die erste Krttit aus dem Hause war für den Kanzler wenig erfreulich. Abg. v. Vollmar lieferte sie. Er will nicht im geringsten erschüttert worden sein in seiner Ueber- zeugung vom „Zusammenbruch" der deutschen auswärtigenPolitik, und er führt diese Entwicklung zurück auf das „persönliche Regimen t", von dem zu sprechen Fürst Bülow in feiner rosafarbenen Rede sich versagt habe. Wesentlich wohlwollender urteilten Gras Limburg, dessen schwache Stimme nur zu einem viertelstündigen Vortrag ausreichte, Abg. Dr. Spahn, der erneut auf die Hohenlohe-Memoiren zu sprechen kam, und Abg. v. Tiedemann (Reichsp.). Im Gegensatz zu dem Zentrumsführer forderte Abg. Dr. Wiemer (sreis. Vp.) die Nationalliberalen auf, auch auf dem Gebiete der inneren Politik die Richtlinie der Regierungspolitik zu verlassen und Schulter an Schulter mit dem Linlsliberalismus zu stehen. Fürst Bülow ergriff nochmals das Wort zu einer Rechtfertigung der deutschen Diplomatie und seiner Stellung bezw. Verantwortung gegenüber dem „persönlichen Regiment". Hier waren die Aeußerungen von bemerkenswerter Entschiedenheit. Von anderer Seite wird uns aus Berlin erscheinen. , __ , Zu lyrischen Taten hatte die Natur Ibsen nicht gerüstet. Und, sparsam wie er war, ließ er nur selten als einzelnen Quell ein Liedesgelüst aussprudeln. Er fing aber die lyrischen Wässerlein, die er auf feinem Lebenswege fand, zu so gewaltigen Seen, wie dem „Brand" und dem „Peer Gynt", in denen der lyrische Strom tief und breit die weiten dramattschen Fluren durchrauscht. Ibsens Poesie ist aber auch im lyrischen Gewände nicht, wie die Grillparzers, die uns am Dienstag umkoste, eine zartdustcnde „Blume aus dieses Lebens Blättern, die hoch empor in blaue Lust das Balsam^iupt erh.bt, den fernen zu. Vielmehr zeigt sich auch der Lyriker Ibsen in seinen wertvollsten Gedichten als unbarmherziger Bloßleger seiner teuiften Jierüen, als Schürfer in den tiefsten Tiefen seiner unergründeten Herzensschächte. „Man lernt", so sagt R. Lothar richtig ui feiner guten Ibsen-Monographie Leipzig, 1902, @. A. Seemann), „Ibsen, den Mann, der lieben konnte, wie fein zweiter und der aus Liebe zum Menschenhasser und -Verächter wurde, aus feinen Gedichten ebenso kennen, wie aus seinen Dramen." Zum gestrigen Festabend hatte man aus den Abgründen des Ibsen-Bornes eine kleine Zahl köstlicher Perlen zum Rampenlichte hervorgeholt, reine StimmungSlyrik, in der das aus dem innersten Herzen wie ein klarer Quell hervorbrechende Gefühl durch feine Stärke überrascht. Die Tieibohrung des Lichtscheuen", der in den Schleiern der Nacht und den finsteren Grüften des Verzinnern und der menschlichen Herzenskammern sich besser auskennt als in dem Lärm des Tages, die Sehnsucht nach der nordischen Heimat im sonnigen Süden, das war, neben flüchtigeren, aber zugleich holderen lyrischen Einfällen, seiner gestern gehörten kürzeren Gedichte und Lieder Gurtwerk. Tie Vortragenden waren: Frl. S l a m m l e r, die, am Klavier von Herrn Hayn mit feiner Zurückhaltung begleitet, ein paar von Grieg komponierte Lieder mit wohllauiend weicher Sopran- ftimme, deutlicher Aussprache, lieblich leichter Tonblldung und jd)lid)t inniger VortragSweije fang, sowie die Damen Donecker, Bayrhammer und Schuster, und die Herren Kober, Herrscher und B a k o f. Sie alle, die mehr oder minder Gelegenheit hatten zur Entfaltung ihres Talentes, dürfen sich heute •) Vgl. „Briese von Henrik Ibsen", Berlin 1905, S. Fischer, S. 55. Die Heutige Kummer umfaßt 12 Seiten. Auswärtige Politik im Reichsiage. R. Berlin, 14. Nov. vlu ÜV4,WWW^ v_ ö_____ 0______ ketten, gedankt mit anteiligem Mißtrauen des Auslandes, 'jiadwar wünscht, wird gebilligt werden. Der interessan- öfteren und lebhafteren Beifall im Hause. Bassermann teste Teil der Kanzlerrede war der auf eine Rechtfertig- sprach vielen aus der Seele. Fürst Bulow schüttete em Eine denkwürdige Sitzung! Gespannte Erwartung, beinahe Feststimmung von den entlegensten Bänken bis tyinauf zur übervollen Diplomatenloge. Da tritt er ein, der Langvermißte, Vielberufene, des Reiches leitender Staatsmann. Elastischen Schrittes strebt er seinem Sessel zu, auf dem er vor sieben Monaten in schwerer Ohnmacht zusammen sank. Ein leichtes Neigen des stark ergrauten Hauptes zu den Herren vom Bundesrat und zum Auditorium im Parkett, dann die kurze Erklärung der Bereitwilligkeit, die Interpellation über die auswärtige Politik sofort zu beantworten — und schon ergreift Abg. Bassermann das Wort zur Begründung der Interpellation. -Ein Rückblick auf die Zeiten des „festen zielbewußten Bismarck selben Regimes", vielsagende Hinweise aus die Hohenloheschen Memoiren, das „persönliche Regiment, die Politik der Reden und Liebenswürdigkeiten, Algeciras, die fortschreitende Entwerttmg des Dreibundes, Englands Einkreisungspolitik, Deutschlands Isolierung —«■ kurz, alles, was an sorgenvollen Gedanken politischer Art im deutschen Volk lebt, brachte Bassermann in pointierten Morten zur Kenntnis des leitenden Staatsmannes, häufig vomBeifallallerbürgerlichenParteien unterbrochen. Es war, als ob ein Ventil sich öffnete, und der auf dem öffentlichen Leben lastende Druck sich löste. Hatte Bassermann kurß und bündig gesprochen, so ließen gleich die ersten Sätze der Entgegnung des Fürsten Bülow erkennen, daß feine Rede großzügig disponiert war. Der Kanzler widmete zunächst mit von leiser Rührung durchzitterter, gedämpfter Stimme den Vollsvertretem seinen Dank für die ihm während seiner Erkrankung erzeigte Anteilnahme. Als er bann der Politit sich zuwandte, gewann seine Stimme Farbe, seine Diktion Schwung. Es war wieder der „alte Bülow" mit der unabweisbaren Neigung zu feuilletonistischer Verbrämung der Rede. Fürst Bülow wuchs immer mehr in seine rhetorische Ausgabe hinein, und gleichzeitig in einen politischen Optimismus, der fast Strich um Strich die von Basser- mann vertretene düstere Auffassung durchbrach. Mitunter hatte man allerdings den Eindruck, als ob der Kanzler die Kritik etwas zu leicht nahm, und seinen erfrischenben Humor nicht immer an der richtigen Stelle spielen ließ. Gegen das, was er über Deutschlands Stellung zu Frankreich und England sagte, war kaum etwas einzuwenden. Aber inbezug aus Italien urteilte der Kanzler wohl doch allzu vertrauensselig. Nicht nur an unverantwortlicher Stelle strebt man dort auf eine Lockerung der Be- ziehungen zu Deutschland hin, wie die Haltung der italienischen Negierungspeesse beweist. Auch die ungarischen Heißsporne hätte Fürst Bülow etwas kräftiger anfassen sollen. Dagegen berührte sympathisch die warme Anerkennung der Bundestreue Oesterreichs und der unermüdlichen Friedens- arbeit Kaiser Franz Josephs. Daß Deutschland nicht gewillt ist, sich in die russischen Wirren einzumischen, sondern die Fortdauer der guten Beziehungen zu dem östlichen Eichener Anzeiger General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen gestern seine Lyrik lehrte, I r'ebensgenoffen nackte Wahrhaftigkeit zu zeigen, in der Absicht, ,da» er kühl gegenüber gestanden I Volk zu wecken und es zu lehren, groß zu denken^. ) Es ist mir ...... ' unmöglich, auch nur in flüchtigen Umnlfen die Rede Collins hier zu skizzieren. Dazu fehlt es mir an Raum, wie an Zeit und — an Gleichgewicht un Arbeitsdrange. Nur fo viel fei nur noch gejagt, daß sie nicht nur eine pietätvolle Gedächtnisrede, fondern zugleich eine klärende Einführung m die Hauptnummern des Geiamtprogramms des Abends war und daß sie den lebhaften Beifall der dankbaren Zuhörerfck)aft fand. Sie wird hoffeiitlick) im Druck würden, so sei es nicht ausgeschlossen, daß die Bemühungen, eine Verständigung mitFrankreich herbei- ^zuführen, erfolgreich sein dürften. 2hi$ StaM und Land. Sprechstunden der Redaktion 11 — 1 l;!:v vcm., V27—i/28 Uhr abds. Gießen, 15. Nov. 1906. ** In Audienz empfangen wurde von S. K. $?. dem Großherzog am Mittwoch u. a. Major a. D. Frhrr. von Stark, Kurdirektor in BadMauheim. ** Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Entschließung S. K. H. des Großherzogs den Mitgliedern der freiw. Feuerwehr zu Friedberg Jos. Hirsch und Osk. Noack, sowie dem Mitglied der freiw. Feuerwehr zu Nidda Friedr. Uhl II. •• Tagung der zweiten hessischen Kammer. AuS Anlaß der von S. K. H. dem Großherzog an die beiden Häuser des Landtags gerichteten Allerhöchsten Botschaft über die Geburt eines Prinzen wird zum Zweck der Beantwortung dieser Botschaft durch eine Adresse die Zweite Kammer der Stände auf den 29. November berufen werden. In der hierfür in Aussicht genommenen kurzen Tagung sollen auch einige andere spruchreife Angelegenheiten zur Erledigung kommen. "Aus dem Bureau des S t a d t t h e a t e r s. Ein weiteres Gastspiel bringt die nächste Woche, in der ein alter lieber Bekannter des Gießener Theatervublikums nach einer Reibe von Jahren wieder kommt. Es ist Karl William Büller, der um 20. und 21. November in „Raub der S a b i n e r i n n e n" und in „C h a r l e y s Tante" gastieren wird. Alle Freunde des Humors seien schon heute aus das Gastspiel hingewiescu. ** Der Kreisverein Gießen vom Verband Deutscher Handlungsgehilfen Leipzig feierte am vergangenen Samstag und Sonntag sein 8 jähriges Bestehen. 1— Am Samstag Abend fand bei zahlreicher Beteiligung im Vereinslokal Hotel Schütz ein Herren-Abend statt, und ging aus der Ansprache des Vorsitzenden hervor, welch große sozialpolitische Bedeutung der Verband im allgemeinen hat und wie die bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen von einer wirtschaftlichen Bedeutung sind, die es jedem einzelnen Handlungsgehilfen zur Pflicht machen sollte, einem solchen Verband anzugehören. Daß sich der Verband auch bei der Negierung, den städtischen Behörden und den befreundeten Verbänden des besten Ansehens erfreut, trat bei der Feier des 25jährigen Verbandsjnbiläums in Leipzig in den Tagen vom 16. bis 18. Juni a. c. hervor, die Veteilung von diesen Stellen aus war außerordentlich stark. Mit einem Hoch auf den Verband wurde sodann zur allgemeinen Fidelitas übergegangen und einige frohe Stunden verlebt. — Der Sonntag brachte dann einen Familienausflug nach dem Windhof bei sehr reger Beteiligung, sodaß die Feier des achtjährigen Bestehens in schönster Weise verlausen ist. R. Herbstein, 13. Nov. Arn Sonntag abend starb unser Polizeidiener Schneider an den Folgen eines Unfalles, der sich beim Wirtslokal von Hubertus Eckert ereignete. Dee Verstorbene erreichte ein Alter von 80 Jahren, er machte 1848 den Feldzug in Baden mit und wurde 1855 in seiner Heimatgemeinde Herbstein Polizeidiener. 9(m 18. November 1905 wurde er gelegentlich seines 50jährigen Dienstjubiläums durch die Verleihung des Philippsordens ausgezeichnet. Herr Schneider war treu und gewissenhaft in seinem Berufe, dabei wohlwdllend und in jeder Weise entgegenkoiumend, so daß er in allen Kreisen sehr beliebt und geachtet war. Das An- denken des bis zu Hinein Todestage seiner Pflicht obliegenden Beamten wird hier in Ehren gehalten werden. X Mücke, 14. Nov. Eine recht zeitgemäße Einrichtung hat man in den Postwagen der Personenpost Mücke-Nuppertcurod-Ulrichstein getroffen. Während in diese,i Wagen seither jede Wärmeeinrichtung fehlte, hat man jetzt eine solche insonderheit für die Füße angebracht. Die Wärme wird durch einen Glühstoff erzeugt, der in ovalen, verzinkten Eisenzylindern ruht. Die Glühstücke werden beim Umspannen der Wagen in Ruppertenrod erneuert. Wer jemals zur Winterszeit aus einem Eisenbahnwagen in den eisigen Postwagen gestiegen ist, der wird diese Wärmeeinrichtung in den Postwagen mit Freuden begrüßen. Lauterbach, 13. Nov. Als am verganaenen Freitag der Freiherr!. Forstqelülfe Wenderoth von hier eine Waldtor früh um halb 6 Uhr nach dem Eichküppel unternahm, hörte er unter sich in den Grabenwiesen hüsteln und bald daraus in einem Teiche plätschern. Eiligst sprang er herab an den unteren T e i ch und sah etwa 10 Meter vom lUer entfernt einen Mensche n. Rasch entschlossen sprang er in das kalte Wasser und watete an den Körper heran, der ihm wie leblos erschien. Wenderoth zog dann den ihm fremden Mann ans Ufer und erkannte bald, daß feine sofort angestellten Miederbelebungsverfuche den erhofften Erfolg hatten. RR Darmstadt, 14. Nov. Der Verwaltungsrevision sausschuß der zweiten Kammer erledigte Heute in vorläufiger Beratung den Nesi des fünften Titels der Vorlage und darauf den VT. und VII. Titel, welche die Verwaltung des städtischen Vermögens, sowie die städtischen Umlagen, besonderen Ausschläge, Abgaben und Gebühren behandeln. Art. 130, der die Anfechtungen, Entschließungen oder Vertagungen des Bürgermeisters betrifft, wurde anangenommen. Der Art. 131 gestattet dem Bürgermeister und den Beigeordneten, den Beratungen der Ausschüsse, denen sie nicht als Mitglied angehören, ohne Stimmrecht beizuwohnen. Im Ausschuß wurde von einer Seite angeregt, eine Bestimmung einzufügen, nach welcher auch gestattet sein soll, daß sich die Ausschüsse auch ohne Bürgermeister oder Beigeordnete versammeln können. Dieser Anregung wurde jedoch großer Widerspruch entgegengesetzt. Im allgemeinen waren die heute vom Ausschuß getroffenen Abänderungen an den einzelnen Artikeln der Vorlage fast nur untergeordneter Natur. Von weiterem Interesse ist, daß in betreff der Revision der Stadtrechner im Gesetz vorgesehen ist, daß die Revision dieser sich aus alle Kassen, auch auf die Privatkassen, die der Rechner führt, zu erstrecken hat, damit keine Schiebungen von einer Kasse in die andere stattfinden können. Ein anderer Artikel bestimmt über die Erhebung von Abgaben und Gebühren, daß die Neueinführung besonderer, zur Stadtkasse zu vereinnahmender Abgaben, wie Verbrauchsabgaben, Marktstandgeld rc. durch Ortssatzung zn treffen ist. Im Ausschuß hält man diesen Weg für alle Gebühren als zu weitläufig, und glaubt, gewisse Gebühren von dieser Vorschrift befreien zu können. Ob es aber möglich sein wird, hier eine feste Grenze zu bilden, erscheint sehr fraglich. vermischtes. * Mordtaten. In Freiburg an der Elbe wurde die Rentnerin Günther von ihrer eigenen Tochter ermordet und beraubt. Die Raubmörderin ist geflüchtet. — Bei Kiel wurde die Leiche eines Mannes gefunden, welche ermordet und allem Anschein nach beraubt worden ist. . Ein der Tat dringend Verdächtiger, bei dem sich ein blutbeflecktes Messer befand, und deffen Hände Blutspuren aufweisen, wurde in Hast genommen. — In Blankenese fand die Trauerfeier für den ermordeten Zahnarzt Claussen statt. Die Trauerrede hielt der Bruder des Ermordeten, Pastor Claussen in Wilster. — Im luxenburger Grenzdorf Bros wurde ein Arbeiter namens Brüll von seinerFcau nachts ermordet. Er war erst drei Monate mit seiner Frau verheiratet. * Niederdeutsche Bauernschlauheit. Aus Altona wird geschrieben: Auf einer Radtour durch die Umgegend geriet ein Kaufmann in einem Dorfe zwischen eine Schar Hühner, die in demselben Moment, als er ein Haus passierte, aus der Tür auf die Straße gejagt rourbe, wodurch er zu Fall kam. Kaum hatte er sich erhoben, als ein Bauer, in der Linken ein totes Huhn hallend, und mit der Rechten lebhaft gestikulierend, herankam und Ersatz für das totge- sahrene Huhn verlangte. Der Kaufmann zahlte auch die verlangten 2,50 Mark, wollte aber dafür das Huhn mit sich nehmen. Damit war der Bauer jedoch nicht einverstanden, sondern er wollte das Tier, da es ihm ja noch viele Eier aelegt haben würde, als weiteren Schadenersatz behalten Schließlich aber wurde man doch noch handelseinig: der Kaufmann zahlte noch 50 Pfennig zu und durfte nun das Huhn bebakten, das zu Lebzeiten so schöne Eier gelegt haben sollte. Zn Hause angekommen, mußte er aber die Entdeckung machen, das; er doppelt geprellt war. Denn erstens war das Tier gar nicht totgefahren, sondern es war ihm der Hals umaedreht worden und zweitens war das ,Huhn* in Wirklichkeit ein Hahn. Der Bauer hält stch, wie sich nachträglich herausstellte, einen eisernen Bestand von Hübnern, die er sich stets als totgefahrene Hühner von Radfahrern vergüten läßt und damit ein glänzendes Nebengeschäft macht. * Die letzte Stütze. „Die Huberbäurin hilft jetz ja selber ihre Kuh?fl — „Was will f* denn machen? Der Bauer sitzt im Landtag, die Buab'n studier'n und die Deandln san beim Theater." (Aus dem SimplizissimuS.^) Oct? -dcOaffiott. (ylnouhme Anfragen bleiben unberücksichtigt). W. M. Generalmajor v. Kläden in Wiesbaden bat wohl wiederholt als Kandidat des Bundes der Landwirte für Reichstag und preuß. Landtag sich um parlarn. Mandate beworben, aber bisher keines errungen. des Giessener Anzeigers, mitireteilt von der Bank für Handel und Industrie. G’pssph. Fri>n1 T’np-ar. Goldrente . . 95.25 4°6 Italien. Pente . . . —.— 3e,< Portugiesen Serie I . 69.20 3y< Portugiesen „ III 69.50 4 rnss.Staatsflnl.19n5 89 25 Ä iapan. Staatsanleihe 92.50 1 "6 Conv. Türken von 1903 94.00 Türkenlose......146.80 4 % Griech. Monopol-Anl. 52 25 4 % Nassere Argentinier . 88 50 3°/0 Mexikaner . . 67.30 4%°l0 Chinesen .... 96.05 Aktien: Bochum Guss..... 235.10 Buderus E. W .... 123.60 Tendenz: fest Elektriz. Lahmerer . . . 140.00 Elektriz. Seb ackert . . . 124.50 Eschweiler Bergwerk . . 239 75 Gelsenkirchen Bersrw?rk . 222 80 Hamburg- - Amerik. Paketf. 155.80 Harpener Bergwerk. . . 213 00 Lanrahütte ....«* 242.50 Nordd. Lloyd.....125.50 Obeischles. Eisen-Industrie 124 50 Berliner Handelsges . . 170.50 Darmstädter Bank . .•.138,10 Deutsche Bank . . . 238.50 Deutsch-Asiat. Bank . . 168.50 Diskonto-Kommandit. . . 181.70 Dresdner Bank . . . 155.00 Kreditaktien.....212.00 Baltimore- und Ohio- Eisenl ahn . . . 120.10 Gotthard bahn.....—.— Lombard. Eisenbahn . . 34 60 Oesterr. Staatsbahn . . . 144.30 Prince-Henri-Eisenbahu . 148.00 Berliner BUrfle, 15. Canada E. B. . . . . . 177.90 Darmstädter Bank . . . 137.90 Deutsche Bank .... —.— Dortmunder-Union C. . . 81.00 Dresdner Bank .... —.— Tendenz: fest. November. Anfan^skurse. Harpener Bergwerk. . . 213.10 Lanrabtitte .....—.— Lombarden E. B. ... 34.60 Nordd. Lloyd ..... 125.20 Türkenlose.....— Appetit| gebessert! fassenden Versuchen fortgesetzt als bestes, stärkstes, billigstes zu- träalichstes, bluterzeu- gendes Mittel angewandt und ist in Apotheken, Drogerien usw. das halbe Kilopaket zu drei Mark erhältlich. Frankfurt a. M.,Ovpen- Heimerlandstraße29, den 20. Juni 06. Da ich schon 4Iahre an Lungentu bcr- kulose erkrankt und sehr herunter gekommen bin, teile ichJhuen hierdurch mit, daß ich durch den Gebrauch des hochgeschätzten Bliiterzeug- ungsmittels. „Bioson" mich bedeutend kräftiger und wohler fühle. Ebenso hat sich auch der bei mir stark zusetzende Husten verringert, auch mein Appetit hat sich wesentlich gebessert. Ich habe „Bioson" in allen Bekanntenkreisen empfohlen und werde es mich ferner tun. Auch spreche ich nochmals meine vollste Anerkennung und Dank über den Erfolg mit „Bioson" aus. Hochachtungsvoll Heinrich Wisse n b a ch. Amtlich beglaubigt. Frankfurt a.M., 22. Juni 06. Keobell, Vorsteher des Stadlbezirks 32 B. Bioson wird von berufenen ärzll. Autoritäten u. in Kliniken, Krankenhäusern usw. nach Umlagen, daß sie viele erfreut oder erschüttert haben. Dieses be=. friedigende Bewußtsein angesichts einer solchen Feier mag die Kritik nicht verkümmern. Es sei nur hervorgehoben, daß die Damen Donecker und Baprhammer, sowie die Herren Herrscher und Bakof mit Recht den stärkeren Beifall erhielten. Gan, besonders zeigte sich Herr Herrscher wieder als ein ungewöhnliches Talent, das allerdings noch nicht das rechte Maß kennt, aber alles Zeug 311 einem Franz Moor, zu einem Richard IN. zu haben scheint. Szenen aus zwei auf deutschen Bühnen am seltensten erscheinenden Dramen Ibsens folgten. Zunächst die Sterbeszene der Mutter des „Leer 65hnt", das Juwel dieser merlwürdigen nordischen Bauern-Fanstdichtung, in der Lyrik, Satire, Burleske nnb Groteske, Landschaftsmal"rei, Karikaturen, geistreich-tiefsinnige Radierungen mit bedeutungsvollen Randornamenten, die an Klinaers Intermezzi erinnern, mit einander wechseln. Das eigentliche Modell. für den „Peer Gynt", der uns als tiefsinniges Svmbol nordischen Träumens und Fabulierens erscheint, war, wie Brandes behauptet, ein prahlerischer und phantastischer Däne, den Ibsen in Italien beobachtete, ein seltsamer .Bunpan, der sich sein eigen .Wnigreich ersann, italienischen Mädchen gg'- wundersame Dinge von seiner Herkunft erzählte, in weißem Allaskleide bisweilen uinherstolzierte, in der Einsamkeit des Gebirges ans tragische Visionen harrte und in verhängnisvoller Verwirrung des Scheins imb Seins eine eingebildete poetische Begabung ins Leben übertrug. Die Szene, die wir gestern schauten, ist so bildkräftig, so voll Gemütsticse und zugleich so theaterwirksam, wie kaum -etwas, was Ibfen geschossen hat. Doch Herr Goll griff in. E. als Darsteller des Peer Gynt fehl. Freilich auch Herr Prof. Collin batte nur Worte des Tadels selbst für den Peer am Sterbebette der Mutter; er löge, so sagte er, feig die Mutter in den Himmel, anstatt ihr Gelegenheit zur Selbst- eirtfehr zu geben. Ich meine, hier zeigt Ibsen, wie im „Volksfeind" die Absurdität der foniequenten Wahrhaftigkeit, die Poesie der Lüge. Gewiß, Peer lügt seine Mutter ins Jenseits; aber indem er wie in Kindheitstagen mit ihr im Märchenschlitten ins Weite fährt, erleichtert er ihr den Tod, verschönt er ihr die letzten Augenblicke des Lebens durch kindliche Spielerei, daß sie mit einem Lächeln auf den Lippen hinüberschlummert. Bei einer Sterbenden hätte die Erkenntnis der schweren Lebensfehler feinen Zweck mehr. Hielt sie auch ihren Sohn allzeit dazu an, wie sie selber in Gedanken aus der wirklichen in eine erträumte Welt zufliehen, bildete sie ihn so zum vollständigen Lügner ans, so war sie doch herzensgut und liebevoll, und das vergilt ihr Peer in ihrer letzten Stunde. Aber er leidet Höllenqualen, indem er ihr sein Spiel vortäuscht, schon vor dem Eintritt ihres Endes! Denn auch er beherbergt Innigkeit und Zärtlichkeit in seinem Herzen. Das aber überfah Herr Goll, und so ist man uns, trotz der tüchtigen Darstellung, die Frl. v. I a g e m a n n bot, den tiefsten poetischen Zauder dieser Szene leider schuldig geblieben. Man hätte ja wohl Solvejs Schlaflied, mit dem die grandiose Dichtung so weich und fein ausklingt, statt an den Anfang, besser an diese Stelle gesetzt, llebrigens hatte man für dieses statt der Morgensternschen Uebersetzung der großen, bei Fischer in Berlin ersch-enenen Ibsen-Ausgabe,, die ältere von Passarge gewählt, deren sprachliche Unzulänglichkeiten unangenehm auffallen mußten. Und dann kam dis Skaldenlied Oernulss aus der „Nordischen Heerfahrt", dieser Totensang von erhabener Schönheit, den der alte Sänger am Grabe seiner sieben Sohne, umheult von nächtlichem Schneestn.rme, beleuchtet von flackerndem Fackellichte, spricht. Es ist das Ergreifendste aus dem wilden und schrcckerfiillPn Jbsenschen Nibelunaen-Drama. Herrn B a k 0 f 3 prachtvoller Baß lieh den herrlichen Stab- reimversen vollen rhetorischen Glanz. Schön und würdig verlief die gestrige Ibsen-Gedenkfeier, für die dem Gießener Theaterverein Anerkennung und Tank gebührt, dep in gewisser Weise schon der bis aufs letzte Plätzchen gefüllte Theatersaal, die andachtvolle Aufmerksamkeit der Zuhörer boten. Wie im Lande der Lotophagen weckt Erfüllung die Sehnsucht nach immer mehr und Neuem von auserlesener Geistesspeise, wenn auch im Nachgeschmack des Menüs einer Ibsen-Totenfeier herzbrechend herbe Bitternis überwiegt. Am Schluffe des nänieureichen Abends beschlich wohl manchen das Bedauern, daß in diesem Ring bell- dunkler Poesien nicht noch mehr Edelsteine aus des großen nordischen Sängers königlich ausgestatteter Schatzkammer eingefügt waren. Man fonrtte die weihevolle Gedenkfeier, den heilig sprechenden „Gerichtstag" über Ibsen nicht eindringlicher ausklingen lassen als mit des lebenssatten, tiefsinnigen Dichters kummervoll-trübsinniger, selbstschätzender, ton Herrn Bakof mit mannhaft markiger Begeisterung gesprochenen Mahnung an die Mißverständigen, „An die Ueberlebenden. Der im Mund nun aller Guten, Mußte doch zuerst — verbluten. Kam er, Licht dem Land zu spenden, Nahmt ihr's, ihn damit zu blenden. Lehrte er ein Schwert euch führen, Ließt ih's ihn am ersten spüren. Zog er aus, dem Tag ein Richter, Halft ihr herrlich dem Gelichter. Doch er ließ euch zum Gedächtnis Seines Werkes hehr Vermächtnis. Hegt es treu, wenn als Versöhnter Schlummern soll ein Torngekrönter! Gießener Konzertverein. Tas Konzert, das für den 18. November geplant ist, mag uns als eine Vorfeier des Totensonntags erscheinen. Der Gedanke an die Vergänglichkeit des Irdischen ist Brahms von Jugend auf ein ernster Begleiter gewesen; aber auch der Hoffnung auf die himmlische Verklärung war er zeitlebens zugewandt. Trauer und Hoffnung einen sich in seinem „Regniern" zu dem ergreifendsten Totengesana, den je ein deutscher Tondichter gesungen hot. Auch über den Chorwerken, die uns der Akademische Gesangverein am Sonntag zn Gehör bringen wird, liegt biete Stimmung. Brahms schuf sie in feiner reifsten Zeit. Als Grundlage wählte er sich drei große Dichtungen: Hölderlins „Schicksalslied", Schillers „Nänie", Goethes „Gesang der Parzen". Wer diese Dichtungen auf sich wirken läßt, der wird daraus wohl die Gedanken^ an die Vergänglichkeit, nicht aber die Hoffnung auf die Verklärung heraus- hören. „Es schwinden, es fallen die leidenden Menschen blindlings von einer Stufe zur andern, wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, iohrelang ins Ungewisse hinab/ So schließt Hölderlins Dichtung, und wenn sich Schiller der Gedanke aufdrinqt, daß „auch ein Klaglied zu fein im Mund der Geliebten herrlich" sei, so ist das gewiß ein großer, aber doch nur ein irdischer Wunsch. Vollends die Parzen sind unerbittlich, wie die Gotter, von denen sie singen. Brahms hat daran kein Genüge gefunden. Im „Schickialslied" sind es die Instrumente, die uns in Vorspiel und Nachspiel darauf vorbereiten und daran erinnern, daß den leidenden Menschen im Jenseits ein Höheres winkt. Im Parzenliede ober läßt er die Schicksalsgöttinnen selbst bei der Strophe: „Es wenden die Herrscher ihr segnendes Ange von ganzen Geschlechtern" einen milden, versöhnlichen Ton anschlaaen, her dem harten Göttergeschlecht gar nicht ansteht und Goethes Absichten gewiß nicht entspricht, eines der eigentümlichen Beispiele, daß uns die Musik eine vom Dichter nicht gewollte Stimmung förmlich aufzwingt, ohne daß wir sie als Beeinträchtigung der Dichtung emvsinden. Bei der „Nänie" ist Brahms im Rahmen der antiken Auffassung geblieben, dabei freilich mehr Schillers «Spuren folgend. Ueberall aber hat er den Dichtungen den eigenen Stempel mit sieghafter Kraft aufgedrückt. Wir vergessen nufere Vergleiche, im tiefsten Innern erschüttert von der Macht der Musik, die uns aus Vergänglichkeit und Zeitlichkeit hinaufhebt zu dem „Sicht', in dem die „seligen Genien wandeln." Es ist ein ernster Genuß, zu dem uns der Konzertverein ruft. In ernster Stimmung wollen wir uns ihm weihen. Kr. ♦ B reslau, 14. Nov. Das neue Breslauer Schauspielhaus wurde heute in Anwesenheit der Spitzen der Behörden und zahlreich geladener Gäste feierlichst eröffnet. Zur Aufführung gelangte ein Festspiel von Karl Bieberseld, das Breslau als Kunststadt vor 100 Jahren schildert. ito-Kommandit ier Bank Aktien wre- und Ohio. ml ahn . irdbabn, . Jd. Eisenbahn . 170.50 . 138.10 . 23850 . 168.50 . 181.70 .165.00 . 212.00 . 120.10 . — . 34 60 r. Staatsbahn . . , 144.30 •Henri-Eisenbahn . 148.00 V" f»r ntol61 1.15 Tibr. L1at sich rot\tx\W\^ kn WoMmKeVm nm. freche ich q Md Tant übet den MMöeinrickWii' JOB. Bioson wird von ii Kliniken, Kranken- rtvereiu. . elen:^°2'Traner W|iem 5SV ,t bie'e bta ^Ä^chillerr oiif ®,e ® -machen £, , . s«dende" AM tö W CB t t. an» *.t «ult**; if, 1 nicht rfAj« •X»sX ifjrci"'1 der» , ickillö -bliebe"' da e ?j(6, saß»"" hat er de" SSjsSSV -MS GdnhkUchkr GksWlMMN. SritiflUt Wittet-Safnilni Donnerstag, den 22. November, abends SV2 Uhr im unteren Saale des Cafs Ebel. TageS-Qrdnung: v16/n » Öaie Mbel. Tonucrötag den 15. November: ? Crotzes Schlachtfest Von 10 Uhr ad Wellfleisch l6808 J NM ütleizeisuppe bei toitrl ivozu srenndlichu cmlabet F. Benz. Extra Angebot Wir haben eine Anzahl Abendmäntel und Wollblousen Im Preise erheblich zurück^esetzt. Die Ausnahmepreise, die an jedem Stück ersichtlich sind, haben nur Gültigkeit bis Mittwoch, den 14. November Gebrüder Imheuser Marktplatz 9—10 Ziowsn Donnerstag, den 15. November: *^855 Humoristisches Konzert des bestens bekannten Varietce-Ensemble 08484 „Eraist Borg-haus“ 3 Damen. aus Elberfeld. 3 Herren. Anfang 8 Uhr!Amüsantes Programm! ii. i, 'Tes Souncustraße =:—■•■== Sonuenstraße Freitag, den 16. November 1906 Humoristisches Konzert des beliebten VarißtL-Ensemble 3 Damen „Ernst Bergbaus“ 3 Herren aus Elberfeld. Reichhaltiges, amüsantes Programm. Es ladet freundlichst ein 6833 ___________Kud. Wegener. Flkidinkr-VkieiiiiMlig Montag, den 19. 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Die Mobiliarausstattnng für das Auditorienge- bäude der veterinär-medizinischen Institute in Gießen soll unter Zugrundelegung des Mtntstertalerlasses vom 16. Juni 1903 öffentlich vergeben werden. Zur Vergebung gelangen: Los I, 19 Arbeitstische. e II, III und IV je 2 Sammlungsschränke. H V, 1 Sammlungsschrank, 2 Schaukästen. H VI, Hörsaal-Subsellien für rund 1OO Hörer. Die Möbel Los I bis V werden aus Pitsch-pine-Holz. Angebotsunterlagen können auf ttnserem Zwergburcau, Frankfurter Straße 85, eingesehen, Angebotsformulare (feine Zeichnungen) dorther bezogen werden. Offerten, mit entsprechender Aufschrift versehen, müssen bis Samstag, den 1. Dezember d. I., vormittags 11 Uhr, dem Er- öffnungstermin, auf genanntem Zweigbureau eintreffen. Zuschlagsfrist 3 Wochen. Gießen, den 14. November 1906. Großh. Baubehörde für die Universitäts-Neubauten. Becker. B16/u Schneider, Neuen Bäue 3, zu haben. 08435 W b /“ tioi ‘V* X,'' '■y' '-V ‘-X ^VJ *i Die beste Würze ist und bleibt s Würze Carl Georg Kleinhenn, B Äsche mit MAGGI NurechlMIT ROTBAND Normal-Hemden Hosen- Jacken Hosenträger Strümpfe I I A. "Waag Seltersweg 60. nalflaschen und nachgefüllt bestens empfohlen von Vahnhofstr. 59, Telefon 66. Eintritt für Nichtmitglieder 20 Pfg. pro Person. Karten sind im Vorverkauf bei Herrn Buchhändler Heute wurde uns ein prächtiges Mädchen geboren C“/n Sehr ausgiebig, daher billig im Gebrauch. In Drifli- 1. Geschäftsbericht des Vorsitzenden. 2. RechemchaftSbertcht des Rechners. 3. Vorstandswahl. 4. Vortrag des Herrn Profeffor Dr. H. Oncken: Zur Entwicklungsgeschichte des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert. 5. Mitteilung des Herrn Professor Dr. I. Haller: Aus den Reformverhandltmgen deS Basler Konzils. 2ZZZZZZZZZ Gäste willkommen . .. . — und Objektive der ersten Fabriken zu Orijrinalpreisen von den billigsten bis zu den feinsten Marken. 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H. zu Obbornhofen ist diirch Beschluß der Generalversammlung vom 9. Dezember 1905 aufgelöst worden und damit in Liquidation getreten. Die VectretungSbefugnis der seitherigen Vorstandsmitglieder ist somit erloschen und wird die Genosienschaft in Liquidation nunmehr vertreten durch die gesamten Liquidatoren. Gemeinsame Liquidatoren sind: Heinrich Wilhelm Daniel Block, Heinrich R upp e l XL und Karl I. Ha hn von Obbornhofen. Lausfrau ÄLrAn" vertreten durch Rechtsanwälte Fustizrat Dr. Gulfleijch, Engisch & Arnold in Gießen, gegen den Fuhrknecht Heinrich Hahn zu Rauischholzhausen, Angeklagten, wegen Beleidigung erschienen bei Aufruf der Sache: 1. der Privatkläger und Rechtsanwalt Engisch 2. der Angeklagte. Vor Eintritt in bie Hauptverhandlung schlossen die Parteien folgenden Vergleich: Der Angeklagte erklärt: Ich bedaliere, die hier fragliche Aeußerung wider besseres Wissen getan zu haben und nehme dieselbe als unwahr zurück. Ich übernehme sämtliche Kosten des Verfahrens emschl. der dem Privatkläger erwachsenen notwendigen Auslagen und bin damit einverstanden, daß dieser Vergleich auf meine Kosten im Gießener Anzeiger durch einmaliges Ein- rücfeu veröffentlicht wird. Hierauf erklärte der Privatkläger: Ich ziehe die erhobene Privatklage hiermit zurück. pp. Vorgelesen und genehmigt (gez.) Gebhardt (gez.)Sartorius Für die Abschrift (LS) (gez.) Bühner. Aktuar. Wird hiermit veröffentlicht. Gießen, 14. November 1906. Für die Rechtsanwälte Justizrat Dr. Gutfleisch, Fr. Engisch & F. Arnold Engisch. 6834 K 73/03 Donnerstag, den 20.Dezember 1006, nachmittags 3 Uhr, wird auf hiesigem Ortsgericht die vor dem Namen der Urmersbach, Joh. Richard Ehefrau geb. Babenheim stehende Parzelle der Gemarkung Gießen 1/1379 — J39 qm Hofraite auf dem Aslerweg öffentlich meistbietend versteigert. Auswärtige Bieter haben em Zeugnis ihrer Heimatbehörde bezüglich ihrer Zahlungsfähigkeit beizubringen. Gießen, den 13. Novbr. 1906. Großh. Ortsgericht Gießen. Gros. 'IW Oesfentliche Sitzung des Großherzoglichen Schöffengerichts. Gießen, 2. Nov. 1906. WttPmMWlhe Verschiedene!. Infolge Vakanz uns. hessischen V Gcueral-Agentur suchen wir zur Besetzung derselben nxit einem in Organisation u. Accguisition erprobten u. gute Erfolge uachweiseudcn Herrn in Verbindung zu treten.b,8/n Die Position ist gut dotiert und sehr entwickelungSiahig, daher für tücht. Inspektoren sehr geeignet. Stautiou nicht unbedingt erforderlich. Gefl. Offenen unter Angabe der bisherigen Erfolge, sowie Angabe von Referenzen beliebe man zu richten u.F.G.124 an Daube <6 Co., Franks, a. M. Ia. MW la. ßaiiMklileisch empsiehlt in nur guter Ware Cour. lilaikoaie sitis Aläusburg 19. Telephon 447. Eier! Polster- und Tapezierarbeiten fertigt gut und billigst [08496 Earl Ach, Seliersweg 83. t Frische, geräucherte Kieler Bücklinge empfiehlt [6843 Eb. Dort, Walltorstraße 4ö. 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