Erstes Blatt 156. Jahrgang Mittwoch 15. August ^906 Tckrulstrake 7. Redaktion 112 Bering u.Exped. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Nr. ISO Erscheint täglich außer Sonntags. Dem GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt bic Siegener ZamUien« blätter viermal in der Woche beigelegt Rotationsdruck iu Den lag der Brühl'schen Univerf.-Buch-u.Stein- druckeret. R. Lange. Redaktion, Ervedttton W Afr A «ezugSpretSr ]■ W monmlich7bPs.,mettel- sichtner llnjcigcr General-Anzeiger " »£ Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WW । i.uhj ■ zeigenteil: Hans Be^ Are hevLLge Dummer umfaßt 10 Seiten. Gießen, den 14. August 1906. Betr.: Die Wahlen zur Landwirtschaftskammer. Das Grotzherzogliche.Meisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises und an das Großh. Polizeikommissariat Arnsburg. Gemäß der Entschließung des Großh. Ministerillms des Innern vom 8. August 1906 bringen wir Nachstehendes hiermit zu Ihrer Kenntnis und entsprechenden Beachtung. 1. Einträge m der Wählerliste wie .Heinrich Weigand Kinder^ oder „Karl Scherf Erben" weisen auf ein Miteigentumsverhältnis hin. Der Grundsatz des bürgerlichen Rechts (§ 1011 B. G. B.), daß jeder Miteigentümer die Ansprüche aus dem Eigentum Dritten gegenüber für die ganze Sache geltend machen kann, läßt sich auf das öffentlich rechtliche Wahlrecht nicht übertragen. Die Folge wäre sonst, daß jeder Miteigentümer wahlberechtigt wäre. Der Verbandsangehörige .Heinrich Weigand Kinder" oder „Karl Scherf Erben" würde damit mehr als eine Stimme erhalten. Verbandsangehörig ist nur die Gesamtheit der Weigandschen Kinder oder Scherfschen Erben, nicht jedes der Kinder oder jeder der Erben für sich, abgesehen von dem Fall, daß ein Kind oder ein Erbe noch für sich allein die Voraussetzungen der Verbandsangehörigkeit erfüllt. Diese Gesamtheit wird, wie dies in Artikel 18 Absatz 2 des Gesetzes für nicht natürliche Personen vorgeschrieben ist, nur durch einen Bevollmächtigten wählen können. 2. Eine Berichtigung der Wählerliste durch den Bürgermeister allein, vor der Offenlegung und ohne Anhörung des Steuerkommiffariats, ist unzulässig. Berichtigungen können nur mit Zustimmung des Steuerkommissariats erfolgen, weil dieses die Listen aufzustellen hat und für deren Richtigkeit verantwortlich ist. Es gilt dies für Berichtigungen, die von Amtswegen vorgenommen werden sollen. Anders liegt die Sache bei Berichtigungen auf Grund von Einwendungen während der Offenlegung. Hier ist der Bürgermeister die zunächst entscheidende Stelle und die Anhörung des Steuerkommissariats ist nur erforderlich, um die etwa notwendigen Grundlagen für die Entscheidung und die Angaben für die nachträglichen Eintragungen zu erhalten. ________________I. V.: Dr. Merck._________________ Kaiser Wilhelm «nd König Kduard im Pannus. WilhelmLhöhe, 14. Aug. Der Kaiser Härte den Vortrag des Staatssekretärs des Auswärtigen von Tschirschky und den Vortrag des Chefs des Militärkabinetts Grafen Hülsen-Häseler. Um 121/, Uhr mittags reiste der Kaiser nach Homburg v. d. Höhe ab. Im Gefolge des Kaisers auf dieser Reise befinden sich Oberhofmarschall Graf zu Eulenburg, die Generaladjutanten v. Scholl und v. Üöwen- K9 seid, der General L ]a suite Graf Hohenau, Flügeladjutant Oberstleutnant v. Ehelius, Oberstallmeister Frhr. v. Reischach, Gesandter Frhr. v. Jenisch und Leibarzt Stabsarzt Dr. Riedner. Den Kaiser begleitet der Staatssekretär v. Tsch irschky nach Homburg. Der Ches des Zivilkabinetts Dr. v. Lucanus und der Chef des Militärkabinetts Graf Hülsen-Häseler begeben sich morgen von hier nach Homburg, um am 16. August an der Feier der Enthüllung des Landgrafen-Denkmals teil- zunehmen. — Die Kaiserin gedenkt morgen der Einweihung der neuen Kirche der Anstalt Hephata bei Treysa beizuwohnen und morgen vormittag von hier abzureisen. Kassel, 14. Aug. Der Herausgeber der „Rewyorkcr Staatsztg.", Ridder, der gestern bereits zur kaiserlichen Frühstückstafel zugezogen wurde, ist heute nochmals vom Kaiser empfangen worden. Er hatte mit dem Kaiser eine längere Unterredung über die amerikanischen Verhältnisse, in der der Kaiser seine lebhaftesten Sympathien für die Vereinigten Staaten und den Präsidenten Roosevelt zum Ausdruck brachte. Homburg, 14. Aug. Der Kaiser nebst Gefolge traf um 4 Uhr 5 Min. nachmittags auf Bahnhof Homburg-Reu ein und fuhr im Automobil zur Saalburg. Saal bürg, 14. Aug. Hier traf der Kaiser um 4 Uhr 20 Min. ein. Unter Führung des Geh, Baurats Prof. Dr. Jacobi besichtigte er das Mithräum rind das neuerbaute Prätorium sowie einen Neubau im römischen Stile nach Art der cannabae, welcher einem Saalburgwärter zur Wohnung dienen soll. Im Prätorium nahm der Kaiser die von Konsul Niessen-Köln geschenkten römischen Gläser sowie die in seinem Auftrage vom Maler Nebel angefertigten Aquarelle zu Saalburgpostkarten in Augenschein. Um 5 Uhr 50 Min. fuhr der Kaiser im Automobil nach Schloß Friedrichshof weiter. Cron berg, 14. Aug. In unserem Städtchen ist es anläßlich der morgen stattftndenden Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit König Eduard lebhaft geworden. Die Straßen, die beide Monarchen bei der kurzen Fahrt nach dem Schloß passieren werden, legen festlichen Schmuck an. Neben den deutschen Flaggen sieht man vielfach auch englische. An der Kreuzung der Hauptstraße und Katharinastraße wird ein Triumphbogen errichtet. Von Hanau ist zum Empfang eine Eskadron Ulanen hier eingetroffen und am Schloß hält ein Bataillon des 8. Füsilierregiments aus Homburg die Ehrenwache. Auf dem Schlöffe weht die deutsche Flagge. Der Kaiser traf hier um 8.30 Uhr ein, begrüßt von dem hessischen Prinzenpaare und dem griechischen Kronprinzenpaare. Auf dem Schlosse fand heute abend Tafel zu dreißig Gedecken statt, an der außer dem Gefolge des Kaisers und dem Prinzen und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen und dem Kronprinzen und der Kronprinzessin von Griechenland folgende Herren mit ihren Damen teil- nahmen: Regierungspräsident von Meister, Landrat Ritter von Marx, Professor Dr. Spieß, Leibarzt Dr. Spielhagen, Herr Carl von Grunelius, sowie von den Offizieren des Wach- kommandoS Hauptmann Freiherr von Luettwitz und Leutnant von Gagern vom 6. Ulanenregiment. Der Kaiser blieb während der Nacht im Schloß. Die Ankunft des Königs von England. In Frankfurt traf, wie uns heute drahtlich gemeldet wirb, der König Eduard von England um 8.2 Uhr morgens auf dem Hauptbahnhofe im Sonderzuge ein. In seiner Begleitung befanden sich der Sekretär der au sm. Angelegenheiten Sir H a r d i n g e, Generalmajor Sir Stanley Clarke und Major Consonly. Der engl. Botschafter Sir Frank LaScelleS schloß sich hier den Herrschaften an. Um 8.20 erfolgte die Abreise nach Cron berg, wo der Zug um 8.45 eintraf. Dort empfing der Kaiser, der JntcrimSuniform trug und zu Pferde erschienen war, mit feinem Gefolge den König. Dieser trug schioarzen Anzug und Zylinder. Der Kaiser ivar dem König beim Aussteigen behilflich. Dann begrüßten sich beide Monarchen herzlich und küßten einander auf beide Wangen. Es waren auf dem Bahnhofe auch Reg.-Präs. v. Meister an§ Wiesbaden, der Landrat Dr. Ritter v. Marx aus Homburg und Bürgermeister Pietsch erschienen. Die Herren wurden dem König vorgestellt und dann begab man sich in Automobilen nach dem Schloß Friedrichshof. Im ersten Automobil saßen der Kaiser, der König und das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen. Die Schuljugend bildete bis zum Orte Spalier und lebhaft ivar die Begrüßung des Cronberger Publikums. Ailch zahlreiche Engländer aus Franksiirt, Hom- biirg und Wiesbaden waren erschienen. Nach 9 Uhr war im Schlosse Frühstückstafel im engsten Familienkreise. Die Abreise des Königs erfolgt voraussichtlich Donnerstag vormittag 9 Ul)r 40 Min. vom Bahnhof Cron- berg; ein fester Termin ist noch nicht bestimmt. Der Kaiser geleitet den König nach dem Bahnhof. Nach der Abfahrt deS Königs Eduard fährt der Kaiser im Automobil nach Homburg zur Einweihung des Landgrafen-Denkmals. Die Begegnung bildet den Abschluß einer Reihe persönlicher Verstimmungen Mischen den beiden Herrschern. Mit viel Takt und Geschick hat der Kaiser als den Ort dieses Zusammentreffens den Lieblingswohnsitz der Kaiserin Friedrich bestimmt. Man darf hoffen, daß die Aussöhnung! des Kaisers mit seinem königlichen Oheime eine merkliche günstige politische Wirkung diesseits und jenseits des Kanals ausüben wird, umsomehr, als sowohl Wilhelm II. wie Eduard VII. nicht mit Unrecht ihre eigenen Minister- der auswärtigen Angelegenheiten genannt werden können. Und solange die Pcckitir von Menschen mit menschlichen Schwächen geleitet wird, solange wird man den Wert persönlicher Sentiments nicht zu unterschätzen haben. Müßig wäre es, prophezeien zu wollen, welche Themata den Gegenstand der Besprechung zwischen den beiden Herrschern ab- Sommertage in der Provence. lieber dem sonst so freundlichen Grenoble lasteten schwere Regenwolken, eisige Windstöße, die in kurzen Zwischenräumen das Hochtal der Jsöre herabfegteu, peitschten langwallende, weiße Nebelschleier an den Berghänaen einher und scheuchten die von der Sonnenglut der vorhergehenden Tage verbrühten Bewohner fröstelnd in das Innere der Häuser. Rasch entschlossen verließ ich denn die mit einem Mal so ungastliche Stadt und strebte, der Mahnung des Volkslieds, „Der Sonn' entgegen" einem neuen Reiseziel zu, der Provenze. Ein entsetzlicher Bummelzug brachte mich in einigen qualvollen Stunden nach Lyon. Hier hatte sich der Himmel bereits aufgehellt und ich verbrachte die nächsten Stunden aufs angenehmste mit Bummeln auf den prächtigen, von Spaziergängern belebten Uferanlagen der Rhone- und Saonekais. Dann aber galt es, eine Fahrgelegenheit nach dem Süden auszutreiben, was unter den obwaltenden Verhältnissen keineswegs leicht war; der große französische Schifferstreik hatte nämlich damals gerade feine größte Ausdehnung erreicht und auch die Binnenschiffahrt fast vollständig lahmgelegt. Daher brauchte es langen Suchens, bis ich endlich eine große Segelbarke fand, die am andern Morgen abfahren sollte, wo man denn auch gleich bereit war, mich um ein Billiges mitzunehmen. Nach einigen abenteuerlichen Kreuz- unb Quersahrten durch die nächtliche Großstadt landete ich endlich in einem Gasthof .soundsovielten Ranges zu kurzer Ruhe. Früh schon ging es aus den Federn, das leichte Gepäck war schnell an Bord geschafft, gleich darauf glitt mein Boot, von rascher Strömung oahingetragen, leicht flußabwärts und in kurzer Zeit war Lyon den Blicken entschwunden. Ganz heimatlich mutet sie uns an, diese Landschaft des mittleren Rhonetals; mit einem Mal umschweben uns altbekannte, liebe Bilder — der Rheindurchbruch zwischen Bingen und Koblenz. Weniger schroff zwar treten die Felsen an den Strom heran, aber wie dort dehnt sich Weinberg an Weinberg die lichtumfluteten Berghänge hinauf bis zu den altersgrauen Burgen, die uns trotzig und doch vertraut von oben grüßen, und bestrickend umschmeichelt uns der rheinische Zauber dieser Gegend. In Vienne treffen wir bereits auf den ersten ragenden Vorposten der stolzen Römerbauten von Languedoc und Provenze, den Tempel des Augustus und der Livia. Die Mrze der Zeit erlaubte leider nur eine wenig eingehende Besichtigung; noch einige bewundernde Blicke und wir reißen uns los. Der Kathedrale von St. Maurice, die für die schönste des Rhonetals gilt, gönnen wir nur ein paar Minuten. Hier ist der Abschied leichter, denn die französische Gotik mit ihren abgeftutzten Kirchtürmen berührt uns doch noch gar zu fremdartig. Im Crßdit Lyonnais hält man den landfahrenden Studw im verschallten Lodenrock und Kniehosen, der einen seiner spärlichen deutschen Goldfüchse wechseln will, für ein höchst verdächtiges Subjekt und ersucht mit höflicher Bestimmtheit um Vorlegung der Ausweispapiere; dann geht es eilig zum Ufer hinab. In flotter Fahrt gleitet das Boot stromabwärts an den ^freundlichen Rhonestähtchen vorüber. Die Landschast erhält allmählich südlicheres Gepräge, dunlle Zypressen ragen, bald darauf erscheinen bei Lamanon die ersten Oelbäume. Aber der Anblick der poesieumwobenen Bäume enttäuscht, denn sie sehen unfern Korbweiden zum Verwechseln ähnlich. Bald zieht die Dämmerung heraus und langsam versinkt hinter den Cevennen die Sonne. Ich verbringe die laue Nacht auf Deck, leicht in meinen Mantel gehüllt. Der frühe Morgen trifft uns schon in Sicht von Orange. Orange ist das Urbild eines gottverlassenen Provinznestes. Knöcheltief liegt der Staub auf den Straßen, fingerdick beinahe auf den Blättern der Oleander und Platanen, die hie und da über hoyc Gartenmauern herüberlugen; Menschen sind kaum zu sehen. Nie würde sich ein Reisender hierher verirren, wenn das Städtchen nicht zwei der hervorragendsten und besterhaltenen Werke römischer Baukunst diesseits der Alpen in seinen Mauern bärge, daS Theater und den Triumphbogen. Nasch habe iX) mich durchgefragt und schon türmt sich eine graue, völlig ungegliederte Riesenwand vor mir empor, die Front des Theaters. Durch ein Seitenpförtchen gelangt man ins Innere und bemerkt, daß die leidlich erhaltene Bühne sich eine gründliche Erneuerung hat gefallen lassen müssen, denn auch dieses ehrwürdigen Bauwerks hat sich der nüchterne Geschäftsgeist bemächtigt und will hier mit der Zeit eine Art französisches Bayreuth erstehen lassen; die Römerdramen Corneilles, Racines, auch solche neuerer Litc- raturgröfeen werden gespielt. Da diese ernsten Stücke aber den gewünschten Kassenerfolg allein nicht sicher stellen, hat man, wie ich hörte, auch der leichten und sehr leichten Muse das Wort öerftattet und die würdevollen Alexandriner der Klassiker von Zeit zu Zeit abgelöst durch die Witzchen und Zötchen modernster Pariser Erzeugniffe vom Schlag des „Keuschen Kasimir" und der „Damen von Maxim". Den rechten Begriff von den gewaltigen Maßen des Baus gewinnt man erst von der Höhc des Hügels, an dem die Zufchauer- reiben emporgebaut sind. Ihn krönen spärliche Trümmer einer Burg, der Stammburg jenes Geschlechts, das sich nach diesem Sitze „Oranien" nannte und den Niederlanden den Befreier geschenkt hat. Hier dehne ich mich in wohliger Rast ins warme Gras und der Blick schweift hinaus über die dunsterfüllte Ebene w den Zügen der Voralpen, deren blaue Höhen das zitternde Licht wie mit rosa Schleiern umwoben hat. Am Nordende des Orts lvölbt sich über die nach Montölimar führende Straße der breitorige Triumphbogen, ein älterer Bruder des Konftantinsbogens in Rom. Die großenteils wohlerhaltenen Skulpturen stellen Kriegsszenen dar und sind offenbar mehr als Handwerkerarbeit. Das Volk nennt ihn l'arc Marius und behauptet, daß der Teutonenbezwinger nach dem Siege bei Aix sein Erbauer gewesen fei, eine Mythe, deren Unhaltbarkeit dem einigermaßen kulturgeschichtlich gebildeten Beschauer sofort in die Augen springt. Wahrscheinlicher ist die Annahme, daß Kaiser Tiberius die Niederwerfung aufständischer Legaten hier verherrlicht hat. , . „ « Das massige und doch tn allen Verhältnissen so wohl abgewogene Werk, stimmungsvoll umrahmt von einfachen Anlagen und überwölbt vom tiefblauen Himmel, erzeugte in mir eine romantische Stimmung, und ich saß und sann, und träumte mich zurück in die Zeit, da die eisengepanzerten Legionen der Zäsaren diese Straße zogen. — Da plötzlich töfftöfft ein Auto um die Ecke, und Wolken von Staub und Benzingestank versetzen mich augenblicklich zurück in die rauhe Gegenwart. Der Abendzug brachte mich nach Avignon. Man könnte es wohl ein französisches Nürnberg nennen. Kaum liegt die Bahnhofshalle wenige Schritte hinter uns, so stellen sich uns mächtige, zinnengekrönte Mauern entgegen, die zu beiden Seiten sich ins Unabsehbare dehnen, in regelmäßigen Abständen von mächtigen Türmen unterbrochen. Jahrhunderte sind darüber hin- gegangen und doch scheinen sie, wie von gestern. Eine Bresche führt in die mit herrlichen Platanen bestandene Hauptstraße. Au allen Ecken schreiend rote Plakate. — Wahlausrufe. „Väter pour le caudidat du bloc, c’est vöter pour les franc-ma$ons, c’est vöter pour les dreyfusards, c’est vöter pour lo syndicat international, que noas opprime, c’est vöter pour le perpetuel döfioit", verkündet der Anschlag der klerikalen Manbiöaten seinen Wählern und beweist uns aufs Neue bte erbauliche Tatsache, daß das alte Jesuitenrezopt „andacter calumniaro“ bei den Gottesstreitern noch nicht außer Hebung gekommen ist. Die Hauptsehenswürdigkeit, das Schloß der Päpste, liegt etwas erhöht am Westende der Stadt auf schroffem Felsen hoch über dem Rhonefluß. Es ist ein massiger und regelmäßiger Riesenbau in gotischem Stil. Die Wände dunkelgrau, fast fensterlos, hie und da durchbrochen von Schießscharten und überragt von tranigen Zinnen, erinnern in nichts an die Wohnung eines Kirchenfürstcn, sondern an die Zwingburg eines Despoten und versinnbildlichen in ihrer lastenden Schwere so recht den finsteren Druck, der vom Statthalter Christi durch viele Menschenalter auf die srommgläubigcn Gemüter ausaeüot wurde. Jetzt dient das Gebäude als Infanterie-Kaserne uno durch die hochgewölbten Gänge, in denen einst lebensfrohe Prälaten und zierlich beschuhte Damen in oft recht weltlichen Gesprächen wandelten, ballen nun die schweren Tritte der Troupiers. Die rückwärtigen Fenster bieten prachtvolle Ausblicke über den wallenden Strom hinüber nach Villeneuve und der ragenden Zlvingfeste St. Andrö, die vordem König Philipp der Schöne „zum Schutz" seiner geistlichen Gaste aufgerichtet hat. Erhält Avignon seine Eigenart durch die Wehrbauten des Mittelalters, so wandeln wir in Nimes wieder in den Spuren der Römer. Da ist das Amphitheater, wo ich eines Sonntags mittags ein Stiergefecht ansah, wobei der Maire, die erste Gesellschaft, Soldaten und Volk ganz genau so schrieen und tobten, wie wohl ehemals der süße Quiritenpöbel bei feinen circenscs, baJft vor allem die herrliche maifon carröe mit ihrer marmornen Säulenpracht, ein Juwel römischer Tempelbautünst, das die Umwandlung zur Kirche vor der bilderstürmerischen Zerstörungswut fanatischer Christen bewahrt und für uns gerettet hat; und am Hange des Hügels hinter der Stadt, den der rätselhafte, Notzige Turmbau der tour magne krönte, schlummern im lauschigen Grün herrlicher Gartenanlagen üppige Bäder, die zierliche Ruine des Dianatempels samt mannigfachen anderen Resten. Hat man bann auf bequemem Pfade den Gipfel ge- geben. Denn über den Inhalt solcher Untechaltimgen unter vier Augen werden diplomatische 'Abmachungen vorher nicht «getroffen. , . _ Man irrt übrigens wohl kaum in der Annahme, daß wesentlich realpolltischc Erwägungen den König Eduard zu einer Aussprache mit Kaiser Wilhelm führen. König Eduard sympathisiert bekanntlich mit dem Gedanken einer Annäherung Englands an -u , vland, und er ist ein zu scharfblickender Diplomat, um zu übersehen, daß an der Seite eines befreundeten Deutschland jedwede Vereinbarung mit Rußland sich vorteilhafter präsentiert. Ist doch Deutschland schon finanziell nächst Frankreich am stärksten in Rußland interessiert, und könnte andererseits Deutschland, wenn über seinen Kopf hinweg England nach irgend einer Richtung dem Zweibund sich angliederte, mit den sonstigen in Rußland wirtschaftlich interessierten Staaten: Oesterreich, Holland, Nordamerika, zu einem „Zweckverband" z-t gelangen sich versucht sehen, eine Erscheinung, die die Zirkel König Eduards in Rußland unter Umständen stören würde. Nur' wenn die Gemeinsamkeit der auswärtigen Kapitalsinteressen an Rußland bekundet, und im Zusammenhang damit ein Einvernehmen über die Stellungnahme zur inneren Krisis des Zarenreiches erzielt wird, nur dann kann eine poetische Annäherung Englands an Rußland die von ersterem erwarteten Früchte zeitigen. Es handelt sich für England dabei am Ende um die Rückendeckung in Indien und Persien gegenüber den nach Westen vordrängendcn Asiaten. Die Situation hat sich eben völlig geändert: Rußland ist in keiner Hinsicht mehr das alte. In Asien ist es als Rivale Englands zusammengebrochen unter dem Ansturnr der Japaner. Großmacht bleibt es freilich, aber eine an Erschütterungen und finanziellem Blutmangel leidende Macht. Wer ihrer zu bedürfen meint, kann nach Lage der Sache nicht umhin, sich mit den Staaten ins Benehmen zu setzen, denen Rußland verschuldet ist — und vielleicht erneut verschuldet werden wird. Gedanken dieser Art dürften lebendig sein bei König Eduard, diesem Realpolitiker ersten Ranges, der gewohnt ist, den Rahmen seiner politischen Rechnungen weit zu spannen. In den Trinksprüchen auf Friedrichshof wird sich davon freilich kaum etwas widerspiegeln, wenn es überhaupt zu Trinksprüchen Fommt; handelt es sich doch nicht um einen offiziellen Gegenbesuch des englischen Königs. Für solchen müßte wohl Berlin oder Potsdam in Betracht kommen. In der „Nordd. Allg. Ztg." steht noch kein schwungvoller Begrüßungsartikel zu lesen zur Feier des Besuchs. Es kann sein, daß das Blatt der Regierung morgen den englischen Herrscher willkommen heißt. Aber es liegt doch etwas wie Zurückhaltung in der Unterlassung, da Ereignisse dieser Art, besonders Besuche befreundeter Monarchen, sonst stets schon am Vorabend durch eine im Auswärtigen Amt verfaßte, nach Inhalt und Form sorgfältigst erwogene Auslassung gewürdigt werden. Für den „Lokalanz." steht mehr im Vordergrund des politischen Interesses die Berufung des Fürsten Bülow auf Schloß Wilhelms höhe zum 18. August. Neben gewissen Fragen auf dem Gebiete der äußeren Politik werde bei dieser Gelegenheit der ziemlich komplizierte „Fall P o d b ie l s k i" (die Beziehungen des Landwirtschastsministers zur Firma Tippelskirch n. Co.) einer eingehenden Erörterung unterzogen werden. Beiläufig: „Fall Podbielski" llingt in einem Blatt mit Regierungsverbindungen etivas ominös. Sollte Herr von Podbielski doch der Preßerörterungen und des Amtes müde geworden sein. Die „Voss. Ztg." bemerkt zu der Begegnung von Friedrichshof u. a.: Wir sehen keine Nötigung, größere politische Ergebnisse vorauszusagen, als einzelne Skeptiker jenseits des Kanals. Die agrarische „Tagesgtg." halt ein engeres politisches Verhältnis zwischen Deutschland und England für ausgeschlossen. Aolrtische Tagesschau. Zwei Parteitage. Die nationalliberale Partei hält demnächst Ehren Parteitag in Goslar ab und in Essen findet noch in diesem Monat der Katholikentag statt. Die Zentrumsblätter knüpfen die Betrachtungen, die sie dem Goslarer Parteitag im voraus widmen, an die Kritik an, welche die Tagesordnung des nationalliberalen Parteitages in mehreren nationalliberalen Blättern gefunden hat. Diese Kritik gipfelt in der Forderung, daß in Goslar der Hauptwert nicht auf die Referate, sondern auf den Meinungs- autsausch gelegt wird, weil in der preuß. Schul- und in der Reichssteuerfrage die Uebereinsti mmung Wonnen, so blickt man hernieder auf eine typische provenzalische Landschaft. Damals schrieb ich in mein Tagebuch an dieser Stelle: Vor mir liegt ein weites Tal, am fernen Horizont begrenzt von sanftgewellten, niederen Höhenzügen. Aus dem eintönigen, greisenhaften Silbergrau der Oelgärten lugen weiße und rote Punkte, niedrige Häuser mit den flachen Dächern des Südens, dazwischen verstreut das ernste Grün der Kiefer und des Kolbensumachs und die uns seit Böcklin so wohlvertrauten düster ragenden Zypressen. Verdorrte, braungelbe Grasstrünke, Disteln, Mannstreu und allerlei Dorngestrüpp wuchern im Vordergrund. In der glühenden Luft, auf dem glühenden Boden nirgends, etwas Lebendes außer mir, selbst die muntern Eidechsen sind verschwunden. Das Ganze durchflutet eine den Augen des Nordländers schier unerträgliche Fülle grellen, unruhig zitternden, Sonnenlichts: nur das eintönige Gezirpe einer irgendwo zwischen den Halmen versteckten großen Heuschrecke unterbricht manchmal die schwermütige Stille und berührt mein Ohr, wie das dürstende Aechzen des Landes, das in der Glut des Augustmittags verschmachtend dahinstirbt. Niemand, der im unteren Rhonetal reist, darf es unterlassen, Arles seine Aufwartung zu machen, der ehrwürdigen Hauptstadt des alten arelatischen Königreichs, wo sich Altertum und Mittelalter in ihren Baudenkmälern wunderfam mit der Neuzeit ver- schwistern. Aber wie sehr die nervöse Hast, mit der der moderne Mensch reist, durch die überstrenge Häufung der Eindrücke, Genuß und Aufnahmefähigkeit vermindert, mußte ich hier erfahren, als ich die Ruinen des antiken Theaters und die Arena besichtigte. Ich war so mit den Bildern von Römerbauten übersättigt, daß ich fast automatenhaft, wie ein aufgezogenes Kinderspielzeug zwischen den ehrwürdigen Zeugen der Vorzeit umhwstolperte und in einem fort die schönen Worte aus Busch's frommer Helene vor mich hinmurmelte: „O sieh doch nur, geliebter Schorsch, Hier diese Trümmer, alt und morsch/' Ein Glück, daß die Stadt auch Gegcnwartsreize hat — ihre Frauen, die in ganz Frankreich unbestritten als die Schönsten gelten. „Meine Frau ist aus Arles", sagt der Franzose mit dem nämlichen selbstgefälligen Lächeln, wie etwa der Berliner: „Ich habe soundsoviel Zinshäuser im Tiergartenvicrtel". Ah, les belles Arlesiennes! Ihre Schönheit ist oft von Kennern gepriesen und zu groß, als daß ich den Versuch wagen möchte, sie in Worte zu fassen: ich kann nur sagen, sie sehen ganz genau so aus, wie in diesem Augenblick meine schöne Leserin. Und mit diesem Bild nehmen wir Abschied von der sonnigen Provenze. zwischen Abgeordne ten uni) Wählern zu prüfen und, wenn sie nicht vorhanden, zu schaffen sei. Der Freimut, mit dem die Presse der nationalliberalen Partei an der vorläufigen Tagesordnung des nationalliberalen Parteitages Ausstellungen mack)t, ist gewiß erfreulich und es ist ein gutes Zeichen, daß er auch den Zentrumsblättern imponiert. Der Kernpunkt ist ja der: Sollen hauptsächlich die parlamentarische Fraktion und daneben etwa die Delegierten noch mit Wünschen und Anregungen zu Worte kommen, oder soll durch die Delegierten die Partei sprechen und den Parlamentariern eine feste Marschlinie geben? Iw nationalliberalen Lager mehren sich täglich die Stimmen, die das letztere befürworten, die „Nationallib. Korresp." ist auch gar nicht erzürnt über dieses Verlangen, sondern sagt einlenkend: . Schon die beiden ersten Punkte der Tagesordnung : Politische Rückblicke und Ausblicke, sowie Reichsfinanzreform geben doch nicht bloß genügend Anknüpfungspunkte, sondern drängen geradezu jene allgemeinen Auseinandersetzungen auf". So besteht denn die begründete Hoffnung, daß in Goslar eine sachlich unbeschränkte Aussprache über, die Aufgabe der Partei und >die Haltung ihrer parlamentarischen Vertreter stattfinden wird. Der Katholikentag aber bleibt darin dem durch seinen Namen bezeichneten Charakter und Zweck treu, daß er aktuelle politische Fragen ausschließt. Er will das Zentrum dadurch stärken, baß er das „katholische Bewußtsein" kräftigt und es zum Eintreten für die Zentrumszwecke anregt. Gewisse katholische Kreise, die den religiösen, nicht den politischen Katholizismus vertreten, machen ihm aus dieser indirekten Förderung der Zentrumsbestrebungen einen Vorwurf. Ein stärkerer Vorwurf ist dem Zentrum daraus zu machen, daß es auf wirkliche Parteitage, d. h. Delegiertentage, verzichtet, sodaß die Masse der Wähler nicht in ine Lage kommt, über die Grenze des einzelnen Wahlkreises hinaus an der parlamentarischen Vertretung der Partei Kritik zu üben, oder gar die programmatischen Normen des Parteilebens nötigenfalls zu verändern. Selbst die konservative Partei hat Telegiertentage eingeführt. Herr von Podbielski. Wie einer unserer Berliner Mitarbeiter von bestinfor- micrter Seite erfährt, steht die Vernehmung de§ Landwirtschaftsministers von Podbielski in der Angelegenheit von Tippelskirch-Fischer unmittelbar bevor. Von den Aus- sagen de§ Ministers dürfte in erster Linie die Entscheidung abhängen, ob gegen die Firma von Tippelskirch & Co., d. h. gegen ihre Inhaber, ein Verfahren wegen Bestechung des Majors Fischer einzuleiten ist. Wie man hört, befindet sich Herr von Podbielski in zuversichtlichster Stimmung, und in Kreisen, die für unterrichtet gelten können, erzählt man sich, daß er dem festen Vertrauen Ausdruck verliehen hat, an der maßgebenden Stelle, nämlich beim Kaiser, ohne Schwierigkeit sein kaufmännisches Verhältnis zur Kolonial-Firma zu rechlfertigen. Herr von Podbielski hofft, für seinen au'Sge- prägten Geschäftssinn bet dem Monarchen Verständnis 311 finden. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß der Minister in diesrr Richtung bereits einleitende Schritte getan hat, um sich den Besitz seines Ministerportefeuilles auch über den Abschluß des Fischerschen Prozesses hinaus zu sichern. Ein ungeschriebenes, aber um so strenger befolgtes alt- preußisches Gesetz will es, daß jedes Mitglied des preußischen Staatsministeriums, dessen Name, wenn auch nur zu Unrecht, in Verbindung mit irgend einer kompromittierenden Angelegenheit genannt wurde, es als seine Pflicht erachtet, seinen Vorgesetzten, den Ministerpräsidenten, und seine Kollegen, die übrigen Minister, in entsprechender Weise aufzuklären. Dies pflegt in schriftlicher Form zu geschehen. Sehr intereffant wäre es, zu erfahren, ob sich Herr v. Podbielski inzwischen in dieser Weise geäußert hat, nachdem nun bereits seit mehreren Wochen seine Person den Mittelpunkt einer so unerquicklichen Affäre bildet. Wie die „Voss. Ztg." berichtet, hat Minister v. Podbielski Bad Nenndorf verlassen. Deutsches Reich. Berlin, 14. Aug. Wie die „Rhein.-Westf. Ztg." hört, hat der Kaiser gelegentlich seines Besuches auf Villa Hügel in Aussicht gestellt, daß er mit seiner Gemahlin der im Oktober stattfindenden Hochzeit Bertha Krupps mit Herrn Bohlen-Halbach beiwohnen werde. — Wie die „Deutsche Wochenztg. für die Niederlande und Belgien" meldet, ist zwischen den Niederlanden, Deutschland, England und Belgien ein Postvertrag vereinbart worden, der am 1. November 1907 in Kraft treten soll. Das Gewicht der gewöhnlichen Briefe wird auf 20 Gramm erhöht und das Porto auf 20 Centimes ermäßigt. Auch das Porto für Drucksachen einschließlich Zeitungen erfährt eine Ermäßigung. — Neue schwere V 0 rwürfe gegen den Exgouverneur von Kamerun, Jesko v. Putt kam er erhebt ein „Kenner der Kameruner Verhältnisse", welcher im „Vorwärts" schreibt: „In Tuala besaß der Gouverneur ein sehr schönes Wohngebäude, welches Herrn v. Puttkamer nicht mehr recht genehm war. Da der Reichstag wohl keine oder wenigstens nur eine sehr geringe Summe zu einem neuen Gouvernementspalast bewilligt haben würde, verschaffte man sich das Geld auf eine andere Weise. Wie es in Kamerun Tagesgespräch war, sollen 80 000 Mar k, die der Reichstag für Wege bauten und speziell für Löhnung der schwarzen Arbeiter bewilligt hatte, zum Bau des Gouvernementspalastes verwendet worden sein. Sämtliche Häuptlinge an der neuen Karawanenstraße nach dem Tschadsee bestätigen, daß sie zur Arbeit und zum Wegebau mit ihren Leuten gepreßt wurden. Sie hätten nicht nur keine Entschädigung erhalten, sondern die Eingeborenen selbst beköstigen müssen. Falls der Häuptling nicht so ohne weiteres auf diese Bedingung eingehen wollte, wurde er in Ketten gelegt, jedoch nicht ohne zuerst seine 25 Hiebe mit der Flußpferdpeitsche ausgezählt zu erhallen. Ueberall hört man Klagen der Eingeborenen. Tatsache ist, daß man in eingeweihten Kolonistenkreisen seit Jähren mit einem allgemeinen Aufstande in Kamerun rechnete, der alles bisher Dagewesene in dieser Kolonie in den Schatten stellen würde. Dieser Aufswnd wäre unter dem allgemeinen Regiment nur noch die Frage einer ganz kurzen Zeit gewesen. (Wir überlassen indes dem sozialdem. Blatte die volle Verantwortung für diese Beschuldigungen und zweifeln nicht, daß Aufllärung alsbald erfolgen wird. T. Red. d. Gieß. Astz.) — Die Firma Wörmann kündigt gegen sämtliche Blätter, welche ihr Vertragsverhältnis zu dem Reiche mit den bei Tippelskirch vorgekommenen llefcerteuerungen und' Unregelmäßigkeiten in eine beleidigende Parallele gestellt haben, Strafverfahren wegen Beleidigung an. Russische Greueln. In Petersburg verbreitete eine Korrespondenz die Nachricht, daß bei den Manöverübungen zu KraSnoje Selo am 10. August, denen der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch beiwohnte, eine scharfe Salve abgegeben worden sei, wodurch zwei Soldaten in derselben Stellung wo sich der Großfürst befand, verwundet worden seien. In militärischen Kreisen wird dieser Vorfall tatsächlich als geschehen besprochen. Die scharfe Salve wird dem ersten Bataillon des Leibschützen- Negiments zugeschricben. Am 13. August hielten Truppen auf der Bahnlinie Warschau-Wien einen Zug an und verhafteten 50 Passagiere. Viele derselben wurden durchsucht. Nach dreistündiger Verspätung konnte der Zug seine Fahrt fortsetzen. Der Schles. Ztg. zufolge wurde der Fabrikbesitzer Theodor Michel in Lodz, der mit einem seiner Arbeiter 1400 Rubel bei der Handelsbank erhob, bei der Rückfahrt von der Bank von mehreren noch nicht ermittelten Personen überfallen und erschossen. Auch der ihn begleitende Arbeiter wurde erschossen und die 1400 Rubel geraubt. In Riga sind durch eine Bombe in der vornehmen Weinstube von Schwartz im elegantesten Stadtviertel sämtliche Fensterscheiben zertrümmert worden. Es wurde niemand verletzt. Jom hessischen Kommunatwaylrecht. Wir erhielten folgende Zuschrift, mit deren Ausführungen wir uns nur zum Teil einverstanden erklären, die aber allgemeines Interesse hat und vielleicht zu Aeußerungen Anderer über dieses Thema klärend führt: Vor kurzem wußte eine Korrespondenz, die dem Bauernbund nahesteht, von Abänderungsanträgen zu berichten, die von dieser Seite zur neuen Landgemcindeordming gestellt werden sollen. Unter diesen banernbündlerlschen Anträgen befindet sich ein solcher betr. das Gemeindeivahlrecht nicht. Man vermißt in den Entwürfen jede Rücksicht auf das soziale Prinzip, insonderheit bet den Bestunmungen über das Gemeindewahlrecht. Die Regterungs- entwürfe folgen hier durchaus dem geltenden Gesetz. Wie bisher sollen also die Hälfte der Stadtverordneten bezw. Gemeinderäle aus deut höchstbesteuerten Dritteil der Wählbaren gewählt werden. Auch die jetzigen Seftimmungcn über die Stimrnsähigkeit sind beibehalten, wonach „stimmfähig sind: 1. alle in der Gemeinde wohnenden Ortsbürger; 2. alle männlichen Einwohner, welche die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen, und welche seit2Jahren ihren Unterstützungswohnsitz in der Gemeinde erworben haben, jedoch unter der Voraussetzung, daß sie zurzeit der Wahl 25 Jahre alt und vom 1. April des dem Rechnungsjahr, in welchem die Wahl statr- findet, vorhergehenden Jahres an in der Gemeinde gemeinde- steuerpflichtig sind." Der P a s s i v z e ns u s, der in der ersten Bestimmung aufrecht erhalten wird, läßt sich beute nicht mehr recht begründen. Schon von der Zweiten Kammer im Jahre 1873 wurde seine Zwecklosigkeit anerkannt und daS „Höchstbesteuerten"-Privileg gestrichen. Diese Vorschrift wurde Gesetz infolge des Votums unserer Ersten Kammer. Ein jeder Zensus beim Wahlrecht ist die Quelle von Unzufriedenheit und staatsfeindlicher Tendenz. Der Zensus schafft künstlich Staatsbürger zweiter und dritter Klaffe und bringt so bett Minderbegüterten zum Bewußtsein, daß ihnen das Schicksal nicht nur den harten Alltagskampf mit vielen Entbehrungen beschert hat, sondern daß sie attch die Gleichberechtigung, die Gleichheit öer st aatsb ärgerlichen Rechte entbehren sollen, in einer Zeit, tvo bie Erfüllung seiner staatsbürgerlichen Pflichten non dem Geringsten Einer gefordert wirb. Nichts zerstört so sehr bas Gefühl ber Staatszugehörigkeit, bas Interesse für bie Gesamtheit aller Staatsbürger tuie ber Zensus. Darum ist auch bas Argument, mit bcm bie Anhänger bes Zensus biesen vornehmlich zu rechtfertigen suchen, baß es nämlich ber Staatszweck (hier Gemeinde- zweck) erforbert, (Elemente von ber Verwaltungskörperschast fern zu halten, bie angeblich kein Interesse am Gemeinbevermögen haben können, unhaltbar unb irreführend. Mit bem Wachsen unseres gesamten Wirtschastsorganismus sind attch Aufgaben und Pflichten ber Kommunen gewachsen, bie 31t lösen unb zu erfüllen m einigermaßen zufriedenstellender Weise bebingt bas Gedeihen bes Staatsganzen. Unb habet barf nicht auf bie Mitwirkung betret- verzichtet werden, die zwar minderbesitzend, aber nicht tninber interessiert an der Entwickeltmg des Gemeinwesens sind. Die Besorgnis einer Vergeudung von Gemeindebesitztum, einer Wirtschaft aus bem Vollen und was dergleichett Angstprobukte tnehr sinb, bie von bett Anhängern bes Zenstts noch vorgebracht werben, vermag schon ber Hinweis aus bas St a a t s a u s s i ch t s - unb Einsp r u ch s- recht ztt beseitigen. Dagegen lasten sich viele Beispiele erbringen für Stillstanb in ber gemeinblichen Entwickelung als Folge einer mit Hilfe bes Zensus geschaffenen Gemeindevertretung. Nicht weniger unsozial ist bie jetzt geltende unb in^ den Entwürfen wieber vorgeschlagene Forberung einer vierjährigen A n s ä s s i g k e i t f ü r bie Wahlberechtigung. Der Regier- ungsenttvurf zu bem Gesetz vom Jahre 1873 enthielt nur bett Vorbehalt, baß man, um wahlberechtigt zu sein, seit zwei Jahren ben Wohnsitz in ber Gemeinbe haben ttu'iste. Die Kammermehrhett änberte bies aber in ben Satz um: „welche seit zwei Jahren ihren Unterstützungswohnsitz in ber Gemeinbe haben"; sie verlängerte also bamit die Karrenzzeit auf vier Jahre. Nun mag zugegeben werden, daß es nicht angängig ist, rein schematisch bas Reichstags- wahlrecht auf bie Gemeinbewahlen zu übertragen. Denn man bars nnb muß von einem Gemeinbewähler erwarten, baß er bie Eigenart des Ortes kennt. Darum erscheint es wohl angebracht, das Kantel eines eittjährigen Wohnsitzes zu verlangen. Das genügt, um die Habilität der gemeinbltchen Entwickelung gegenüber fluktuierenden Elementen, wie Wanberarbeiter rc., bie bie Wahlen im Interesse einer bestimmten Partei beeinflussen konnten, sicher- zustelleii. Unb andererseits trägt bas Kantel bes einjährigen Wohnsitzes tiicht bas Odium, bas bie Forberung einer vierjährigen Ansässigkeit mit bem Zensus gemein hat: bett Vorwurf ber absichtlichen Zurücksetzung ber Minberbegüterten zugunsten weniger Besser- situierten. Die Erfahrung hat gelehrt, daß bas Wohl ber Allgemeinheit bauernb nur geförbert werben Fann, wenn bem Einzelnen bie Möglichkeit unb bas Recht gegeben wirb, darüber mit zil entscheiden. Leider ist wenig ober gar keine Wahrscheinlichkeit vorhanben, baß bie Zweite Kammer bei Beratung unb Beschlußfassung ber bctben Gesetze bas Maß an sozialer Einsicht unb liberaler Gesinnung bcfunbet, bas zur Verwirklichung bieser Wünsche not tut. Aus SraSt uns £atto, Gießen, ben 15. August. '* Gewitter. Die drückende Schwüle des gestrigen Tages wurde in den Abendstunden durch ein langsam bereits in den Nachmittagsstunben sich ansammelndes Gewitter mit reichen Regenmengen abgelöst. Es gab hier in der Stabt ein paar sehr starke Schläge und heute erfahren wir, daß ein Blitz in eine Ulme im Botanischen Garten fuhr, sie indes nur leicht beschädigte. Auch in der Bu tzbacher Gegend hat das Gewitter gehaust, ohne indes sonderlichen Schaden anzurichten. Dagegen hat in R 0 dheim v. b.„ H. der Blitz, wie uns heute drahtlich gemeldet wird, fün; Scheunen und ein Wohnhaus der verwitweten Frau Heinr. ?orteiDonbeni k. .?ir°hi L 0 Qm öc öbnco/h 0[üie- '"».BteniJ J? ?°rden 'n icien. c> . [’d) bot ltölQon bcs 0^5°chcn. ^schützen. Mim 3 *n 50 9 feine f VR1< '«Ä icr Arsik-u« , ^obot testen 6foMC'jrne^n,en ben ***** M C§ würbe niemcinb 'E bmn Ausführungen n n[ Qtcn< die aber all. Zu Aeußerungen Anderer denz, bie dem Bauern. °^'I zu berichten, die von nun$ «Wt werben sollen len befindet sich ein solcher wn. »ermißt in ben 6nf ■ Prinzip, insonderheit bei '°blrecht. Die Regierunqs- ^enben Gesetz. Wie bisher mieten bezw. Gemeinderäie Lahldaren gewählt werden, "e vtimmsähigkeit sind bei- Gemeinde wohnenden Ort- e, welche die deutsche Reich- fahren ihren Unterstützung-, n haben, jedoch unter der itahl 25 Jahre alt und vom n welchem die Dahl floh- in der Gemeinde gemeinbt- ■ ersten Bestimmung ackch ebr recht begründen. Sioi 1873 wurde seine Zwcälo^' -n".Prioileg gestrichen. Aese ums unserer Ersten Aainm-i. )ie Quelle von Unzusrickr- )er Zensus schafft fimflliö und bringt so den Mindii" das Schicksal nicht nur ta runqen bewert fjat, fontrn \ bie öe* i'tfeiren sollen, m «w «rfidien T Äichts zerstört \o W ene inr dir Gesamtheit aller i ist auch das Argumeni, eien vornehmlich zu \w -laatszweck shier Gememde- waltungskörperschait fem^ ix Gemeindevermogen hava Mit dem Wachsen auch Ausgaben und Pffishie" nnnbV*m* qt das Gedeihen des Staa^ Mitwirkung derer oey >4^ lbul" i*'b" «trorimÄ'tudjS. SiW«8?9 m,inär‘ m!>9'in bln6c' atfiriffss reiche se't #««*** Hantel b» e’JerioWi betunieli’om’uti bet ®efic itunfl 1 ,h liberaler, in» ^dl,e'13. w*'. °tar in drr Auch ,„des bl -...st- ohnLbhe,n*b |th K ' L„> bis Mk. 2.70. Alles per 50 Kilo, fflefcbäft lebhait. Tendenz: fest. Ein schweres Unwetter ist des 120.70 Prince-Henri-Eisenbahn . 143.00 Berliner Börse, 15. August. Anfaugskurse. . 212.50 Tendenz: schwächer. Ingenieur In Ihre, erhielt Das Automobil war ein alter einer größeren Nevaratur seine dem Dünsbcrg, unserer näheren den Ausflüglern vergnügten Ge- Canada E. B. . . Darmstädter Bank Deutsche Bank Dortmunder-Union C Dresdner Bank . 33.60 144.50 Harpener Bergwerk Laurahütte . . Lombarden E. B. Nordd. Lloyd . . Türkenlose . 98.95 86.95 98.95 86 85 97.50 Stroh- Mk. 2.50 243.75 126.80 tot. Der andere Reisende, schwere innere Verletzungen. Kleyerscher Wagen, der nach erste Probefahrt machte. Solingen, 14. Aug. 327< 3% 3J47c 3% 3^7n 3^7r Beichsanleihe do. Konsols . . do. . . Hessen . . . Oberhessen . 100.10 100.50 9525 100.40 69.70 70.70 86.50 94.90 96.00 144.60 54.80 90.50 68.30 97.80 Arnsburg, Bad-Nauheim, Saalburg, nach soivie nach den bekannten Ausflugsorten Hingebung. Wer zufällig Gelegenheit hatte, zu begegnen, mußte seine Freude an den Qattöcl tttifc Verkehr, Volkswirtschaft. Kalisyndikat. Die Generalversammlung, in der die Ausnahme der Gewerkschaft „Friedrich Franz" in das Syndikat stattfand, hat statt- gefunden und die betreffenden Anträge find genehmigt worden. Die Sollstedt-Angelegenheit kam auch zur Sprache. Der Aufsichtsrat gab die Erklärung ab, daß er auf dem Standpunkt der Gcneralversammlungsbcschlüsse vom 3. April stehen bleibe. Damals war die Ablehnung der Forderungen von Sollstedt beschlossen und der Aufsichtsrot ermächtigt worden, gegebenenfalls nach bestem Ermessen gegen das Werk mit Kampfzöllen vorzugehen. Die Versammlung gab hierzu damals und auch kürzlich ihre Zustimmung. Betreffs der gegen den Generaldirektor des Syndikats gemachten Angriffe wurden keine Beschlüsse gefaßt. Man ging einfach zur Tagesordnung über, nachdem mehrere Mitglieder für den Generaldirektor kräftig ein getreten waren. Schließlich wurde noch mitgeteilt, daß der Absatz der Salze fick) in derselben Weise vermehrt hat, wie i. V., sodaß, falls keine Störung des Marktes eintritt, wieder ein ähnliches Ergebnis wie im vergangenen Jahre zu erwarten sein dürfte. Von der Berliner Börse. Anfangs fest, war die Haltung im weiteren Verlauf abgeschwächt auf die wieder sehr zunehmende Geschäftsstille. Die Spekulation war zurückhaltend und Publikum fehlte. Deutsch- Luxemburger waren belebt auf erste Käufe; sie stiegen bis 216,50. Bochumer verkehrten anziehend auf das Gerücht einer Fusion zwischen dem Bochumer Verein und ben Westfälischen Stahlwerken. Dortmunder waren rege gefragt. Von Kohlenaktien waren Gelsenkirchener und Harpener recht fest. Banken vorwiegend fest aber sehr still. Von Bahnen waren Prince Henri und Franzosen'schwächer; auch Canada waren schwach, da die Dividende enttäuschte. Von Renten stellten sich Japaner niedriger. Rusten waren wieder etwas anziehend. Privatdiskont schloß 31/, Prozent. Märkte. th. Gießen, 15. Aug. Auf dem heutigen Rindviehmarkt bestund der Vorrat aus etwa 1200 Stück Großvieh, 200 Stück Jtmgvieh und 180 Kälbern. Das Geschäft in Milchkühen war besonders lebhaft und für die Tiere mußten hohe Preise bezahlt werden, da die Kundschaft vom Main und Rhein nicht nur stark vertreten war, sondern auch Käufer aus Thüringen als Reflektanten für Milchvieh in den Handel eingriffen und besonders für gute Ware immens hohe Preise anlegten. Tie Rachftage nach Jungvieh zur Zucht war diesmal in gesteigertem Matze wahrnehmbar. Auffällig ist, daß zahlreiche Handelsleute aus der F u ld a er Ge ge n d am Markt waren und Jungvieh kauften, aus einer Gegend, die bekannt dafür ist, datz dort Jungvieh zur Zucht über den eigenen Bedarf der Landwirte hinaus zum Verkauf für andere Gegenden produziert wird. Gesucht war gestern auf unserem Markt prern- wertes Vieh zur Mast, welches nutzt zu haben war und an * Kleine Tages chronik. Auf der Hedwigwunsch-Grube bei Gleiwitz erkrankte ein galizischer Arbeiter a n schwarzen Pocken. Die notwendigen Maßnahmen wurden von den Behörden sofort getroffen. Eine Weiterverbreitunq der Krankheit ist nicht zu befürchten. — Die Luftschifferin Elvira Wilson, die aui der Elbinsel Perlte bei H a m b u r g aufstieg, geriet in einen Wirbelsturm, stürzte ob und blieb auf der Stelle tot. — Aus der Gemarkung K u ch e l n a (Schlesien) wurde derFürstlich Lichnowskvfche Wirtfchaftsassistent Pietrzek auf einem Revisionsgang d o n Feld- b ieben erschossen Als einer der mutmaßlichen Mörder wurde ein Maurer aus Straudors ermittelt. — In Posen entstand ein bedeutendes Großseuer in- den ausgedehnten Maschinenwerk- fteilten der Krenzburger Bahn, das in den Lagerräumen an den großen Massen von Holz und Papier reiche Nahrung sand. — Die Barsuß-Tänzerin Isadora D u m e a n , die sich vor Jahresfrist mit dem englischen Maler Eraig verheiratete, sieht in dem Seebade Noodwyk bei Lenden ihrer Niederkunft entgegen. — In London wurde die S ch r i f t st e l l e r i n C r a i g i e , die unter dem Namen John Eliver Hobbe? eine Anzahl viel gelesener Romane geschrieben hat, t o t in ihrem Bett ausgefunden. Elektriz. Lahmeyer . . . Elektriz. Schuckert . . . Esch weil er Bergwerk • . Gelsenkirchen Bergwerk . Hamburg-Amerik. Paketf. Harpener Bergwerk. . . Laurahütte...... Nordd. Lloyd..... Oberschles. Eisen-Industrie Berliner Handelsges . . Darmstädter Bank . . . Deutsche Bank . . . Deutsch-Asiat. Bank . . Diskonto-Kommandit. . . Dresdner Bank . . . Kreditaktien..... Baltimore- und Ohio- Eisenbahn . Gotthardbahn..... Lombard. Eisenbahn . . Oesterr. Staatsbahn . . . . 33.90 . 131.50 . 14-L50 gut, llederstand unbedeutend. fc. Frankfurt a. M., 14. Aug. £> e n- u n d markt. Man notierte: Heu Mk. 2.90 bis 3.20. Stroh Walde im Odenwald hängen geblieben und wurde erst nach längeren Anstrengungen wieder frei. Eine zahlreiche Zuschauerschar hatte sich bald nach dem Niedergang des Luftschiffes eingefunden. Selbst aus den umliegenden Ortschaften waren viele Neugierige herbei geeilt, die das in hiesiger Gegend noch nie gesehene Fahrzeug aus eigener Anschauung kennen lernen wollten. hb. Butzbach, 14. Aug. Der 59jährige, verheiratete Dachdecker Heinr. Heyd stürzte heute nachmittag vom Dache einer Aufseherwohnung der Zellenstrasanstalt und brach das Genick, was den sofortigen Tod zur Folge hatte. -t-. Bad--Nauheim, 14. Aug. Heute morgen kurz nach 6 Uhr brach in der Wohnung des Kaufmanns M. Feuer aus. Der Hausbursche, der mit Abfüllen beschäftigt war, warf unvorsichtiger Weise ein brennendes Streichholz in einen Petroleumbehälter, so daß im Nu alles in Flammen stand. Durch tüchtiges Eingreifen unserer Feuerwehr, die sofort zur Stelle war, gelang es bald, die Flammen zu löschen und das stattliche Wohnhaus vor Abbrand zu bewahren. Frankfurt a. M., 14. Aug. In der Ruppertshainer- straße versuchte eine 33jährige Frau sich und ihre drei Kinder im Alter von 2, 4 und 6 Jahren durch Leuchtgas zu töten. Sie öffnete die Gashähne, schloß die Türen und legte sich zu Bett, während die Kinder weiterspielten. Um 1 Uhr wurden Hausbewohner auf den Gasgeruch aufmerksam. Man öffnete gewaltsam die Tür und fand die Frau bewußtlos vor, während die Kinder noch ruhig weiter- spielten. Die Frau wurde ins Krankenhaus gebracht. Not dürfte das Motiv der Tat sein, da der Ehemann, welcher Schlosser in einer Fabrik war, seine Familie verlassen und allein das Weite gesucht hat. — Die Protestversammlung der Mittelstandsvereinigung gegen die B ie rprei 8-Erh ö hung fordert die Bürger auf, sich des Biertrinkens zu enthalten, bis die Brauereien das Bier wieder zu dem alten Preise abgeben. — Ein Lehrling der Firma Ludwig u. Fries, welcher die Briefsendungen auf der Hauptpost abholen sollte, fälschte die Quittungen der Postanweisungen im Betrage von 868 Mark und erhob den Betrag. Anzeige wurde erstattet. ** Kleine Mitteilungen ous Hessen und den N a ch b a r st a a t e n. In M a i n z beschäftigt sich die sozialdemokratische Partei mit der Frage der Errichtung eines Arbeiter- Sekretariats. Tie Kosten daiur sind mit 6400 Mark veranschlagt. — Nach den polizeilichen Ermittelungen ist als Täter des 9)1 o r b c § in Zellhausen ein 20—30 Jahre alter Handwerks- bursche verdächtig. Er ist von schlanker Statur und trägt einen bellen Anzug. Er hat lange schwarze Haare, einen sogenannten Kotelettebart und schwarzen Schnurrbart und zeigt stark heroor- tretende Backenknochen. — In Worms bat die Feitelsche Mühle ihren umfangreichen Betrieb eingestellt, weil ihr das Kreisamt nicht gestattete, eine notwendig gewordene Vergrößerung der Damvf- kesselanlagen vorzunehmen. Wie es heißt, ist die Erlaubnis aus Gründen des Denkmalschutzes verweigert worden. — In S ch o t t e n wu rde zum Beigeordneten CteuerkommissariatsgehilfeJohs.Z i n s e r in U l r i ch st e i n der Svarkassenrechuer Gg. M e i s k i, gewählt. — In Hana u verpflichteten sich 70 Gastwirte in einer Versammlung, wegen der Bierpreiserhöhung den Bierausschank, e i n z u st e l l e n. — Eine neue Ordens Niederlassung der Franziskaner ist in Kolkheim im Taunus genehmigt worden. Mit dem Bau des Klosters wird sofort begonnen. . . 165.10 . . 139.50 . . 238.60 dem auch andere Märkte Mangel haben foTTen, sodaß, wie die Handelsleute erklären, au eine Vermehru n g der Flei sch pr o du kt i ou gar nicht zu denken ist. Ter F e t t v i e h m a r k t zeigte das alte Bild, der kleine Vorrat an Rindern und schlachtreifen Kühen ging flott zu hohen Preisen ab und der vorliegende Bedarf war nicht zu decken. Mehrere fette Ochsen und Stiere wurden zu hohen Preisen von Gießener Metzgern angekauft. Ter H a n d e l in Rät- 6 e r n war zwar nicht schlecht, doch war, ooschon es nicht an Käufern fehlte, ein hoher Preis nicht zu machen, weil die Frankfurter und Wiesbadener Käufer einen Teil ihres Bedarfs bereits am Vormarkt mit Erfolg zu decken gesucht hatten. Zwar waren hierdurch die schwersten Tiere dem eigentlichen Marktverkehr entzogen, aber der Handel erhielt dadurch ein ruhigeres Gepräge, welches besonders im Interesse der Käufer liegt, welche im anderen Falle in der Hast sich häufig die Ware gegenseitig teuer machen. Gehandelt wurden Kühe, frischmelkend und tragend 1. Qual. 400—460 Mk. (einzelne Tiere bis 180 Mk., 2. Qual. 340 bis 375 Mk., 3. Qual. 270—325 Mk. pro Stück. Junge Rinder wurden verkauft, 5—7 Monate alt, 125—160 Mk., 9 Monate alte bis einjährige Stiere 175—225 Mk. pro Stück. Es wurde gehandelt per Zentner Schlachtgewicht: fette Rin« der 1. Qual. 79—81 Mk., 2. Qual. 77—78 Mk., fette Kühe 1. Qual. 75—77 Mk., 2. Qual. 70—74 Mk., fette Ochsen 79—81 Mk., Kälber 1. Qual. 72—75 Mk., 2. Qual. 64—70 Mk., 3. Qual. 57—62 Mk. Gangochsen, von denen nur wenige Paare am Markt waren, gingen bas Paar in schwerer Ware mit 850—920 Mk., in Mittelware mit 750—800 Mk. ab. Ter Vorrat wurde in allen Viehgattungen glatt geräumt, auch war der Markt früh zu Ende. lc. F r a n k f u r t a. M., 15. Aug. iOriq.-Telegr. des ,Gieß. Anz.") V i e h m a r k t. Hum Verkaufe standen 00 Kälber. 00 Schafe und Härnmel, 174 Schweine: 1. Qual. 77—00 Psa. Lebendgewicht 60.00—00.00 Pf., 2. Qual. 76—00 Pf., Lebendgewicht 59.50—00 Pfg., 3. Qual. 64—66 Pfg. Kälber 1. Qual. 00—00 Pf., Lebendgewicht 00—00 Pfg., 2. Qual. 00—00 Pfg., Lebendgewicht 00—00 Pfg., Schlachtgewicht 00—00 Pfg. Schafe 1. Qualitä: Schlachtgewicht 00—00 Pfg., 2. Qualität 00—00 Pfg. Geschäft: sichtern des jungen Nachwuchses unserer Stadt haben, welcher feiertäglich gekleidet, teilweise mit Rucksack und Stecken ausgerüstet, stolz vorbeizog. Um allen Kindern die Beteiligung an der Partie zu ern'.öglichen, hatten die Lehrer, welche eine längere Eifenbahnfahrt mit ihren Klaffen geplant hatten, eine Sparkasse eingerichtet, eine Idee, die sich gut bewährt haben soll. *• FahrprejSermäßi gungen für Gesellschaftsfahrten werden, wie man uns mitteilt, wegen starker Inanspruchnahme der Betriebsmittel am 18., 19. und 20. August iin Eifenbahndirektionsbezirk Frankfurt a. M. und in den Nachbarbezirken nicht gewährt. ** Bankgebäude. Heute wurde an der Ecke der Goethe- unb Iohannesstraße der erste Spatenstich vorgenommen, um ein allen modernen Anforderungen des Bankgeschäftes entsprechendes monumentales Bankgebäude für die Mitteldeutsche Kreditbank Filiale Gießen zu errichten. Der Ban wird nach Plänen der Baufirma Holzmann u. Co. in Frankfurt a. M. hergestellt, während der Architekt Hans Meyer-Gießen mit der Ausführung betraut worden ist. Das Gebäude, welches nach den Plänen zwar eine einfache, aber vornehm wirkende Fassade erhält, soll bis 1. Juli f. Js. für bie Benutzung sertiggestellt fein unb wird zweifellos eine Zierde unserer Stadt werden. ** Der postalische Wetterdienst hat auf dem Lande verschiedene unfreiwillige Scherze erzeugt. Bekanntlich gehen von der Zentrale nur bie Chiffern an bie Postämter, diese setzen dann ben Text nach vorgerücktem Schema auf unb geben ihn telephonisch weiter. Da würbe benn z. B. aus „mäßigen westlichen Winden bei zunehmender Bewölkung" „mächtige westliche Winde bei zunehmender Bevölkerung". Ein anderer Schlauberger setzte in seine Wettervoraussage sämtliche ihm zugesprochene Interpunktion mit ein, wie: „Heiter wie am Vortage Komma jedoch Neigung zu lokalen Gewittern Semikolon im übrigen ist die Temperatur nicht wesentlich geändert Punkt". r. Nord eck, 14. Aug. Der Luftballon, der heute morgen, wie bereits gemeldet, nahe bei unserem Orte landete, war gestern Llbend 10 Uhr in Straßburg aufgestiegen. Er trieb über Kaiserslautern nach Worms zu, wo er über den Rhein ging unb kam bann über Butzbach hierher. Als Reiseziel war Amöneburg ins Auge gefaßt. Infolge eines kleinen Defektes, ben der Ballon unterwegs erlitten, mußte bie Reise früher beendet weroen. Der Ballon war nämlich in einem Telefonäsche Kursberichte Giessener Anzeigers, mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie, Giessen. Frankfurter Börse. 15. August, 1.15 Uhr. heute nachmittag über Solingen und Umgegend niedergegangen und hat namentlich in ben südlichen Stadtteilen mehrfachen Schaden angerichtet. In Schaberg stürzte infolge eines heftigen Sturmes das Stationsgebäude ein, wobei mehrere Personen durch Glassplitter verletzt wurden. In Dorperhof wurde ein 13jähr. Knabe unter den Trümmern eines einstürzenden HauseS begraben und getötet, ein anderer wurde schwer verletzt. In Mungsten sind die städt. Anlagen stark beschädigt. Auch von anderen Orten sind Meldungen eingelaufen, baß Häuser zusammenstürzten und Bäume entwurzelt wurden. In Dorperhof riß der Sturm eine Anzahl Häuser nieder und tötete und verwundete mehrere Menschen. Wilhelm sh afen, 15. Aug. Eine der vier Personen, die einen Gemeindevorsteher bei Hamburg ermordet haben, wurde auf dem Banter Schützenplatze verhaftet. Er heißt Süßefeld und logierte in der hiesigen Herberge. 143.00 127.60 256.70 226.75 162.00 212.75 233.00 131.60 126.50 169.60 139.50 238.75 175.00 183.40 158.20 211.40 Winzer in Brand gesetzt und vernichtet. Man sah in Friedberg den Feuerschein und glaubte zunächst an ein Feuer in der dortigen Ackerbauschule, wohin alsbald bie Feuerwehr abrückte, um alsbalb festzustellen, baß bas Feuer in Rodheim war. — In Aachen entlub sich gleichfalls ein äußerst heftiges Gewitter. Es herrschte währenb besten fast vollstänbige Dunkelheit, so baß man in ben Wohnungen Licht anjünben mußte. Der Blitz schlug mehrere Male ein, hat aber nennenswerten Schaben nicht angerichtet, um so größeren jeboch bie hernieber strömenben Wastermasten, bie in solchem Umfange Aachen seit einem Jahrzehnt nicht erlebt. Viele Straßen waren über Trottoirhöhe überschwemmt, infolgebesten auch zahlreiche Keller unb Unterhäuser. Die Feuerwehr wurde von zahlreichen Stellen aus gleichzeitig alarmiert. ** Eine mutige Tat vollbrachten gestern bie Musketiere Rühl unb Steiner ber 11. Kompagnfe in ber Nähe ber Militär-Schwimmanstalt. Gegen 1 Uhr mittags beobachteten sie, wie bie Frau eines Schreiners etwa 100 Meter unterhalb ber Anstalt in bie Lahn sprang. Obwohl beibe Soldaten erst seit einigen Wochen Freischwimmer sind, sprangen sie ohne Besinnen in ben Fluß und erreichten bie inzwischen von bem Ufer forttreibenbe Frau noch, ehe sie zum 2. Mal in ber hier 4 Meter tiefen Lahn untertauchte. Mit vereinten Kräften gelang es ben Wackeren, bie Bewußtlose hochzuziehen. Da bas Ufer in ber Nähe ber Unglücksstelle steil abfällt unb mit Schilf bewachsen ist, war bie Landung der Geretteten mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft. Am Lande unternahmen bie beiden Musketiere sofort Wieder- belebungsversiiche, an welchen sich ber inzwischen eingetroffene Sanitätsfelbwebel Schaaf hervorragenb beteiligte, so daß es gelang, bie Verunglückte nach einiger Zeit roieber ins Leben zu rufen. Die Frau, welche bie Hanblung an» scheinenb in hochgrabiger Erregung begangen hatte, würbe ihren Angehörigen zugeführt. * * Verhaftet. Ein bereits zweimal wegen Sittlichkeitsverbrechen vorbestrafter hiesiger Einwohner würbe gestern wieberholt wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen in Haft genommen. * * Selbstmord. Wir erhielten die Nachricht, daß sich der Stationsvorsteher L. Meyer in Echzell (früher m Hungen) erschossen hat. Näheres haben wir bisher noch nicht ermitteln können. * * Die Belastung der hessischen Gastwirte. Bei dem gegenwärtigen Kampf um ben Bierpreis, ber zwischen Wirten unb Brauereibesitzern geführt wirb, bürste eine Statistik über bie Belastung ber Wirte nicht uninteressant sein. Nach einer amtlichen Zusammenstellung über bie im Jahre 1905 bei ben Großh. Kreisämtern zur Erhebung gekommenen Cteinpelabgaben wurden für bie Erlaubniserteilung zum Betriebe einer Wirtschaft 285,158 Mark an Stempelgebühren erhoben. An ber Spitze steht ber Kreis Mainz mit 82,900 Mark, es folgen Offenbach mit 49,935 Mark, Darinstabt mit 41,945 Mark, Worms mit 24,800 Mark, Gießen mit 1 8,830 Mark, Bensheim mit 12,437 Mark, Friedberg mit 10,772 Mark, Bingen mit 7,532 Mark. An Stempelgebühren für die Aufstellung von Automaten unb Musikwerken mürben 39,707 Mark erhoben, für Erlaubnisscheine zu Tanzbe- llistigungen 106,338 Mark 2C. ?c. AuS diesen Zahlen ist zu ersehen, daß in Hessen wenigstens aus den Wirten ganze hübsche Beträge herausgezogen werben. * • Eine ergebnislose Steuer. Im letzten Jahre brachte bie Steuer auf Reitpserbe in ganz Hessen 80 Mk. ein, bie im Kreise Erbach erhoben wurden. In allen anderen Kreisen wurden Reitpferde nicht versteuert. * * Schulausflüge machten gestern zahlreiche Klaffen unserer Volksschule, Knaben und Mädchen, u. a. nach Kloster- Orrgrual-Drahtineldungen. Berlin, 15. Ang. In einem Interview bestätigte Abg. Erzberger nochmals seine über bie Wörmann- Firma erhobenen Vorwürfe. Neu ist, baß Erzberger an ben Reichskanzler burch eingeschriebenen Brief nach Norberney am 2. bs. neues Belastungsmaterial gesandt habe. Da Erzberger nicht einmal eine Empfangs-Bestätigung erhalten habe, habe er in Düffel- borf bie paar Wort gesprochen unb wohl barauf hin habe er am 13. ein Schreiben aus bem Auswärtigen Amte erhalten, wonach Ermittelungen angestellt würben. Weiter sagte Erzberger, er könne über ba§ neue Material nicht reben, um dem Reichskanzler nicht vorzugreifen. Geschehe aber nichts, so werde er sprechen. Berlin, 15. Aug. Der Präsident der verflossenen St. Louiser Weltausstellung, David Francis, ist in Begleitung einiger Ausstellungs-Direktoren in Berlin eingetroffen, um dem Kaiser persönlich ein Diplom unb eine Mebaille zu überreichen unb ihm ben Dank ber Stadt St. Louis für die Beteiligung auszusprechen. fc. Klingen berg, 15. Aug. Gestern abend zwischen 7 und 8 Uhr ereignete sich hier ein schwerer Automobilunfall. Der 30 jährige Techniker Mieth wurde aus dem Wagen geschleudert, brach das ®cnicf unb war auf ber Stelle 4% Oesterr. Goldrente. . 4*/59" Oesterr. Silberrente 4% Ungar. Goldrente . . 4% Italien. Bente . . . 3% Portugiesen Serie I . 3% Portugiesen III 4K% russ.Staatsanl. 1905 4%°'n Japan. Staatsanleihe 4 % Conv. Türken von 1903 Türkenlose...... 4% Griech. Monopol-Anl. 4% äussere Argentinier . 3°/0 Mexikaner . . . . 4X°/o Chinesen .... Aktien: Bochum Guss..... Buderus E. W . . 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