Erstes Blatt Samstag 13. Oktober 1906 L In- 156. Jahrgang Der Heilige Synod hat angeordnet, daß am 30. Oktober in allen Kirchen deS Reiches ein Gottesdienst zur Erinnerung an die Rettung der kaiserlichen Familie aus Todesgefahr bei dem Eisenbahnunfall von Borki und ein Dankgottesdienst anläßlich deS kaiserlichen Manifestes stattfinden soll. Wie aus Lodz telegraphiert wird, hat der BezirkSches einen Befehl deZ Gouverneurs veröffentlicht, demzufolge alle Industriellen, die ihren Arbeitern während des jetzigen Streiks Lohn zahlen, 3000 Rubel Straf e zahlen müssen oder nut drei Monaten Gefängnis bestraft werden. Derselbe Befehl erging an die Kaufmannschaft. Die administrative Kriegsbehörde hatte eine wichtige Beratung über die Streiklage, die den ganzen Tag dauerte. Der Streik dauert fort, keine Zeitungen erscheinen. Die Terroristen jagten alle Metzger aus dem Schlachthause. Es herrscht daher Fleisch mangel. Viele Einwohner verlassen die Stadt. Ein Schutzmann wurde durch drei Unbekannte erschossen. Als der Oberst des Wladimir-Jnfantcrie-Regiments, Obrutschew Dzielna, die Straße passierte, wurden vier Reooloer- s ch ü s s e durch Unbekannte auf ihn abgefeuert. Das Attentat mißlang jedoch. Ein allgemeiner Streik wird am Montag erwartet. In Rostow am Don wurden die Geschäftshäuser der Firma Friedberg überfallen und beraubt. Sechs Räuber Nr. »41 «rfchetnt tL-ltch außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siegener Kamillen» blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotattonsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Stein- druckeret. R. Lange. Redaktion. Ervedition und Druckerei: Lchulstraße 7. Redaktion 113 Verlag u.Exped.e^Kbl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. AuS den Aufzeichnungen aus der Regierungszeit Kaiser Wilhelms 1889: Gestern fuhr ich nach Baden, wohin ich zur Kaiserin (Augusta) zum Essen geladen war. Ich fand sie wohler als sonst, ihre Stimme Heller und verständlicher. Sie sagte m.r allerlei Schmeichelhaftes und meinte, meine Stellung im allgemeinen „wachse", lieber die Politik äußerte sie sich wie immer sehr vorsichtig, mißbilligt aber doch das gar zu viele Her um reisen des Kaisers und hält die Reise nach Athen (die, wie ich von Fürstin Betsy höre, den griechischen Hof ruiniert) sehr überflüssig. Nach Tisch hatte ich ein längeres Gespräch mit dem Großherzog! (von Baden), der sich über Bismarck beklagte. Dieser sei gegen ihn erbittert, weil er dem Kaiser Gelegenheit gegeben habe, sich über die Schweiz günstig auszusprechen und noch wegen anderer Dinge. Der Großherzog sagte dann: „Der Kaiser hat den Fürsten auch bis hierher — dabei zog er die Linie nicht am Hals, wie dies gewöhnlich bei dieser Redensart geschieht, sondern an den Augen. Ebenso sei ihm Herbert zuwider. Ich meinte: „Ja, er hat ihn ja nach Athen mitgenommen", — worauf der Grohherzoy sagte: „Ja, er ist nun einmal da!" Der Kaiser wolle sich letzt, solange er ihn noch für die Bewilligung der Militärvorlage brauche, nicht mit ihm überwerfen. Später werde er ihn nicht mehr halten. Aus der Zeit nach Bismarcks Sturz; nämlich auS den Tagen des Besuchs König Humberts in Berlin, berichtet Hohenlohe unterm 22. Juni 1892: Ich saß (bei einem Galadiner im Neuen PalaiS) den Höchsten Herrschaften gegenüber. Nach Tisch war Cercle, wie üblich. Der Kaiser kam sehr freundlich auf nrich zu und fragte: „Nun, wie gehls, Alba?" Dann sprachen wir von Uroille wid von seinem Besuch und meiner Reise und dem guten Empfang, den er haben werde. Ich folgte dann, um die Konversation aus die Tagesfrage zil bringen: „Nur fürchten dort die Leute, daß B i s ni a r ck wiederkommen könnte." „Da köiinen sie ruhig sein," ant- ivortete der Kaiser lachend, ,der kommt nicht wieder. Ich habe ihm sagen lassen, daß ich eine schriftliche Erklärung haben ivill. Die wird er nicht geben." In einer späteren Aufzeichnung heißt es: Weiter erzählte^der Kaiser, er habe neulich Herrsurth gesprochen lmd ihm gesagt: „Sie haben doch allen Minlsterialsitzungen beb geivohnt. Habe ich in der gongen Zeit etwas getan, was Bismarck verletzen konnte nnb ihm Anlaß gab, gegen mich auszutreten?" Darauf habe Herrfurth gesagt, alle Minister seien im Gegenteil erstaunt gewesen, mit welcher Langmut und Geduld der Kaiser die Grobheiten Bismarcks ertragen habe. Noch ist nachzutragen, daß der Kaiser auch die Behauptung Bismarcks, er stehe so gut mit dem Kaiser von Rußland, berührte und lachend sagte: „Der Zar Hal mir gesagt, er habe alles Vertrauen zu Caprivi, roenn dagegen Bismarck ihm etwas gesagt habe, jo hätte er immer d,e Ueberzeugung gehabt: „qu’il me sicher ait . Berlin, 25. Januar 1894. , Ergreifend sind die Schilderungen aus der Zeit der . Herrschaft der 99 Tage, in denen Fürst Hohenlohe ; den charakterstarken Dulder Friedrich aus dem i Thro n e ein Denkmal setzt; bei dieser Gelegenheit wird , auch ein vielfach herrschendes Märchen von tiefen D i ff e - renzen zwischen Bismarck und Kaiser Friedrich zerstört und gezeigt, wie beide in weit besserem Einvernehmen lebten, als kurze Zeit nach seiner Thronbesteigung Wilhelm II. mit seinem erstell Ratgeber. Daß über Bismarck u?zb seine Familie sehr viel ungünstiges in dem Werke zu lesen ist, darf nicht weiter Wunder nehmen, denn jeder große Mann hat zahlreiche Feinde; indessen verdient es heroorgehoben zu werden, daß all das Ungünstige über Bismarck, was in den Memoiren steht, aus Grund von Mitteilungen beruht, und daß Fürst Hohenlohe selbst keine Gelegenheit versäumte, dem Vorgänger seine Verehrung auszudrücken. Aus der Zeit seiner Amtsführung selbst dürfte am meisten die Schil- oerung der v e r u n g l ü ck t e n K a n a l a l t i o n inter- e s s i e r e n; insbesondere ist bemerkenswert, daß es seinerzeit nicht zu der erwarteten Auflösung des Landtages gekommen ist, weil man befürchtete, daß die Konservativen alsdann im Reichstage der dort eingcbrachten sogenannten Zuchthausvorlage Schwierigkeiten in den Weg stellen würden. * Aus Berlin schreibt heute unser R.-Korrespondent: Das Aussehen, das die Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe Hervorrufen, steigert sich mit jedem Tage. Die Berliner Zeitungen werden mehr denn je aus der Straße, an den Bahnhöfen gekauft, der Inhalt der spaltenlangcn Auszüge aus dein Werke wird mit dem lebhaftesten Interesse studiert, und wohin man hört, ist eine Diskussion im Gasige über die Sensation des TageS. Die Memoiren des alten Hohenlohe sind noch mehr: sie sind die Sensation des Jahres auf politischen! Gebiete. In den kommenden parlamentarischen Verhandlungen wird manches Zitat aus den Tagebüchern, an denen der kleine unscheinbare Mann schrieb, und für die er die Isolierung des Denkers sand Mochten die Ereignisse noch so bewegt, oder die Zeit durch Erfüllung höfischer und gesellschaftlicher Pflichten in Anspruch genommen sein, eine große Rolle spielen. Denn das muß man zugeben, ein besserer, Liefer auf den Grund blickender Beobachter wie Fürst Chlodwig hat selten in einem Memoirenwerk die Feder geführt. Er schildert die Großen wie die minder Großen o charakteristisch, mit nur ein paar Strichen, aber so greifbar deutlich, so plastisch, er weiß die Worte, die sie bei einer bestimmten markanten Gelegenheit gebrauchen, mit einer verblüffenden Gedächtniskraft derart wiederzugeben, daß der Leser fast den Ton des Sprechenden zu vernehmen und die begleitenden Handbewegungen zu sehen glaubt. Se^-r vieles in den Tagebuchblättern ist von einer Freimütigkeit, die fast den Atem benimmt. Ein Tageschriststeller, der dergleichen auch nur andeutungsweise zu chreiben sich erlaubte, der solche blendend helle Streisichter fallen ließe auf das Leben und Treiben in der hohen Diplomatie, an den Höfen, auf das alles andere als harmonische Zusammenwirken von Staatsmännern, ein Tagesschrift stell er würde, wollte er Aehnliches unternehmen, von der goldenen Freiheit auf sehr lange : Zeit Abschied nehmen müssen. Es ist seltsam und ■ widerspruchsvoll, daß von der Berliner Presse diejenigen i Are Heutige Kummer umfaßt 16 Seiten. Aus den IenLwürdigäeiten Koyenloßcs zitieren wir heute einige Aufzeichnungen: Unterm 22. Juni 1888 berichtete Hohenlohe über eine Unterredung mit Kaiser Wilhelm II. im Marmorpalais. DaS Gespräch kam auf eine für Elsaß-Lothringen zu erlassende Proklamation. Hohenlohe schreibt: Ich bemerkte, daß der Kaiser sich darüber noch fein Urteil gÄHlbet halte, und daß er sich nicht traute, eine von der desReichskanzlerS abweich en deAnsicht zu äußern. Wecker heißt eS in dieser Aufzeichnung über ein Gespräch Hohenlohes mit der Kaiserin Viktoria, die Kaiserin habe gesagt: Herbert BiSrnarck habe die Frechheit gehabt, dem Pnnzen von Wales zu sagen, daß ein Kaiser, der nicht diskutieren könne, eigentlich nicht regieren dürfe usw. Der Prinz habe gesagt, ,yeP,VC1' "ich! Wert auf die guten Beziehungen zwischen England und Deutschland legte, so würde er ihn zur Tur hinausgeworfen haben. Von dem Vater Bismarck sagte sie, er habe nun zwanzig Jahre unumschränkt regiert und habe es nicht ertragen können, einem Willen bei dem Monarchen zu begegnen. Der junge Reifer sei ganz i n seinenHänden. Man könne noch nicht wissen, was er tun werde. Der Puttkamersche Fall sei vom Kaiser, nicht von ihr hervorgerufen worden. Bismarck habe Puttkamer selbst los fein wollen und habe das Odium der Entlassung auf den Kaiser übertragen, wie er es denn überhaupt verstehe, das Odium dessen, was er tue, auf andere abzuladen. Als die Rede aus W a 1 d e r s e e kam, sagte sie, er sei ein falscher gewissenloser Mensch, dem es nicht darauf a n t o m m e n werde, sein Vaterland inS Verderben zu stürzen, wenn sein persönlicher Ehrgeiz befriedigt werde. Auch Kaiser Friedrich habe ihm nicht getraut und ihn tut falsch angesehen. Ich ging noch zum Prinzen von Wales, der vorsichtig sprach, aber über die Grobheit der F a m i l i e Bismarck, Baler und Sohn, entsetzt ift. Zeitungen die Veröffentlichung als solche mißbilligen, die sonst die größtmögliche Offenheit in der Politik, die Politik der erfrischenden Offenherzigkeit, der goldenen Rücksichtslosigkeit als Kleinodien sonderbarer Art nicht genug rühmen können. So sagt ein liberales Blatt, die Veröffentlichung ei „der größte politische Skandal, den man seil langer Zeit erlebt hat". Trotzdem bezeichnet dasselbe Blatt die Denkwürdigkeiten Hohenlohes als ein Quellcnwerk ersten Ranges, von großer Bedeutung für die Beurteilung vieler Ereignisse der inneren und auswärtigen Politik. Daraus folgt doch wohl, daß es zu bedauern wäre, würde ein solches Werk, das tatsächlich den Schlüssel liefert zu den volitischen Vorgängen der letzten zwanzig, dreißig Jahre, dem deutschen Volke vorenthalten worden sein. Am Ende ist es mündig und reif genug, um diese Aufzeichnungen richtig würdigen und verstehen zu können. Einstweilen scheinen die satirischen Nadelstiche, die Fürst Chlodwig nach allen Seiten hin austeilt, besonders auf die Parteien aufreizend zu Mirken. Etliche Parteigrößen präsentieren sich nicht ganz so imponierend in der Darstellung des Fürsten Hohenlohe, nicht ganz so weife und nicht ganz so hochgeschätzt von berühmten Zeitgenossen, wie die Parteigeschichte wahr haben möchte. Auch auf die „Handelei" der Parteien untereinander, von Parteien, die sich sonst grimmig befehden, fällt manches überraschende Licht. Man kann verstehen, daß diese kleinen pikanten Tagebuchnotizen verdrießlich sind, weil sie den Parteinünbus beeinträchtigen. Von eingelveihter Seite wird berichtet, daß Graf Cuno von Räntzau, der Schwiegersohn des Altreichskanzlers, schon seit Jahren auf eine Gelegenheit warte, die ^Veröffentlichung des mit Spannung erwarteten 3. Bandes von „Bismarcks Gedanken und Erinnerungen" in die Wege zu leiten. Man wird nicht fehlgehen mit der Annahme, daß Graf Rantzau, dem seit dem Tode des Fürsten Herbert das Berfügunasrecht über die Veröffentlichung zusteht, nunmehr ohne Rücksicht auf höhere Wünsche seine Zustimmung zur Herausgabe des dritten Bandes erteilen wird. Beispielsweise ist die „Tagesztg." mit Fürst Chlodwig „fertig", weil er den Junkern vorwirft, daß sie auf das Reich pfeifen! Wenn erst diese mehr persönlichen Verstinunungen überwunden sind, wird man das Werk, das man, wie es ist, nicht missen möchte, ruhiger und sachlicher beurteilen. * Auch die Auslandspresse beschäftigt sich mit der durch die Hohenloheschen Veröffentlichungen in Deutschland entfesselten Polemik, teilweise mit unverkennbarer Befriedigung über den verursachten „Skandal". Ein römisches Blatt, „Popolo Romano", sagt, Kaiser Wilhelm habe ttotz seines jugendlichen Alters bei seiner Thronbesteigung schon in der kritischen Periode des Rücktritts Bismarcks die tiefe staatsmännische Einsicht bewiesen, die später so glänzende Bestätigung erfahren habe. Die französische Presse macht natürlich hämische Glossen. Am ausfallendsten wird der „Matin", der sich die Veröffentlichung sehr zu nutze macht, um seiner deutschfeindlichen Gesinnung wieder einmal kräftigen Nachdruck zu geben. behalten, wenn nicht Bismarck bei einem Besuche Mittel und Wege findet, ihn beimKaiserzuverdächtiaen. Caprivi hat sich tn dem ganzen Gespräche heute abend als ein anständiger, ehrenhafter, kaisertreuer Mann gezeigt. Gott gebe, daß dieser sturm an ihm vorübergehe! „ t t Berlin, 27. Januar 1894 abends. - . - Back) darauf kam auch der Kaiser, dem ich mich empfahl, weck ich morgen abreise. Wir kamen auf den gestrigen Besuch Bismarcks zu sprechen und die günstigen Folgen, die derselbe für den Kaiser haben werde. „Ja", sagte der Kaiser, „jetzt können sie chm Ehrenpforten in Wien und München bauen, ich bin ihm immer eine Pferdelänge voraus. Wenn jetzt die Presse wieder schimpft, so setzt sie sich und Bismarck ins Unrecht." Ich erwähnte, daß die rabiaten Bis- marckianer mit dem Besuch gar nicht zufrieden gewesen seien, und daß sie verlangt hatten, der K a i s e r müsse nachFriedrichs- r u h gehen. „Das weiß ich wohl", sagte der Kaiser, „aber darauf hätten fie lange warten können. Er mustte hierher komme n." Rutsches. Der Stadtrat zu Moskau faßte in einer stürmischen Sitzung mit starker Majorität folgenden Beschluß: Angesichts der Möglichkeit eines Vorschlages, an dem Empfange der englischen Deputation teilzunehmen, welche den Mitgliedern der Exduma eine Adresse überbringen soll, und in der Erkenntnis, daß ein solcher Akt das Nationalgefühl beleidigen würde, beauftragen wir den Bürgermeister, im Namen des Stadtrates eine Einladung zur Tellnahme an dem Empfange abzulehnen. _ Infolge des Protestes auch noch zahlreicher änderet russischer Gesellschaftsgruppen gegen den Besuch der engl. Abordnung zur Beglückwünschung de§ Verfassers deS Wi- borget: Aufrufes wurde der Besuch in gegenseitigem Einvernehmen des Petersburg-Londoner Ausschusses auf unbestimmte Zeit verschoben. Eine von dem Archimandriten Witali herausgegebene neue reaktionäre Zeitung veröffentlichte einen äußerst heftigen Artikel, worin Muromzew, der frühere Dumapräsident, der Urheber des beabsichtigten englischen Besuches, als Hauptmann einer Bande von Räubern, Mördern und Dieben bezeichnet wird. Dieser habe sich mit zahlreichen Komplizen inS Ausland geflüchtet. Daran habe die Kanaille, so nennt ihn das Blatt, recht getan. Die russische Regierung wird aufgefordert, die Engländer, welche für die • Anarchisten viel Geld gesammelt hätten, damit diese fleißig Bomben werfen und Güter niederbrennen könnten, ihrer Handlungsweise entsprechend zu empfangen. Die Zeitung wurde in hunderten von Exemplaren sowohl in Petersburg als auch in Moskau gratis verteilt. Das vereinigte Moskauer und Petersburger Zentralkomitee des OktoberoerbandeS veröffentlicht folgende Re- olution: Der Verband bleibt streng auf den Grundlagen des Manifestes vom 30. Oktober; er stellt sich nicht unbedingt auf die Seite des Kabinetts, doch sieht er unter den gegenwärtigen Verhältnissen weder das Vorgehen des Kabinetts noch den Brief Gutschkows als einen Verstoß gegen die Prinzipien der Partei an. Der Verband ist gegenwärtig die einzige weiter organisierte konstitutionelle Partei. Die Kadetten haben in der Duma und nach ihrer Auflösung zu revolutionären Mitteln gegriffen. Einen AuSweg aus der gegenwärtigen bedrohlichen Lage des Landes sieht der Verband m der Wahl einer Volksvertretung, die nicht nur den Willen, sondern auch Verständnis zur Schaffung rmd Festigung konstitutioneller Ordnung und bürgerlicher Freiheit besitzt. Heute morgen ging ich in den Reichstag, um 4 Uhr zu Holstein, wo ich Pourtalss fand, der mir versprach, mit dem Zere- monienmeifter Kanitz über den Rang des Statthalters zu sprechen. Ein solcher existiert zurzeit nicht. Von der bevorstehenden Ankunft Bismarcks (morgen 1 Uhr) war viel die Rede. Die Sache hat ihre Gefahren. Der Empfang Bismarcks, der durch Prinz Heinrich abgeholt und ins Schloß gefahren werden soll, wird den Kaiser ettvas in den Schatten stellen und die Monarchie schädigen. Andererseits wird das deutsche Publikum sehr erfreut fein und dem Kaiser Dank wissen, daß er diesen Schritt zur Versöhnung getan hat. Caprivi, mit dem ich heute abend mit Philipp Ernst und Alexander bei Winterfeldt aß, gesteht zu, daß er von der Absicht des Kaisers nicht informiert war. Er erträgt das mit Resignation. I ch möchte unter solchen Umstünden nicht Reichskanzler sein. _ dessen ist es gut, daß er diese Resignation besitzt und wir ihn @ -wir BezugSpret»: jpiüSy* V K a monatlich7bP1.,viertel- GletzenerAnzeiaersi M General-Anzeiger ** Sg Amts- und Anzeigeblatt für den Mir Gießen MMZ ■i iiiiiwiii ■! ____________________________ zeigenteil: Hans Beck Unterm 20. Mai 1881 schreibt Hohenlohe: . _ Arn Donnerstag mit Hermann in Potsdam. Merkwürdig i daß Prin» Wilhelm ein etwas jugendlich rücksichtslose junger 201 a n n i st, vordemseineMuttersichfürchtet, und der auch mit dem Kronprinzen, seinem Vater, Ko n- V ikte hat. Die Frau soll eine milder ndeWirkung aus- üben. Die Kronprinzeß sprach viel über Rußland, auch der Kronprinz. Sie sind beide entsetzt über die dortigen Zustände, und di« Kronprinzeß teilt ganz meine Anschauungen, daß nur das konstitutionelle System helfen kann. wurden auf frischer Tat fcftgenommen, ein siebenter entkam mit 6180 Rubeln, die drei in den Geschäftsräumen anwesend gewesenen Fremden abgenommen worden waren. Ein Angestellter wurde bei dem Ucberfall verwundet. Die Menge wollte die festgenommenen Räuber lynchen, wurde daran aber von der Polizei gehindert. Rach einer Meldung auS dem Gouvernement Kasan herrscht dort Hungersnot und Hunger-TyphnS. Die Leiden der Bevölkerung sind unbeschreiblich und die Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag. Hunderte von Bauern sterben täglich und die Leichen liegen manchmal tagelang herum, weil niemand sich die Mühe giebt, für ihre Beerdigung zu sorgen.___________________ Deutsches Reich. Berlin, 12. Okt. Ter Kaiser hat sich heute per Automobil nach Hubertusstock begeben. — Der Landwirtschaftsminister v. P o d b i e l s k r ist wieder in Berlin eingetroffen. Hier hat ihn jedoch sein altes Gichtleiden mit erneuter Heftigkeit ersaßt, sodaß er das Bett hüten muß und sich in ärztlicher Behandlung befindet. — Die „Nordd. Altg. Ztg." meldet: Der „Monttorul oficial" veröffentlicht eine Bekanntmachung der rumänischen General-Zolldirektion in Bukarest, derzufolge die Differenzzollbeträge, die den Interessenten aus der Anwendung des neuen statt des alten rumänischen Zolltarifes auf die his zum 28. Februar 1906 in Rumänien angekommenen, dort aber nach diesem Zeitpunkt verzollten Waren zustehen, erst nach Eröffnung der Kammern und Votierung der nötigen Kredite zur Auszahlung gelangen werden. — Im „Derl. Tagebl." liest man: „Die starke jährliche Vermehruygi der Bevölkerung Deutschlands um annähernd 900 000 Köpfe ist in der Hauptsache der hohen Geburtsziffer auf dem platten Lande, in zweiter Linie erst dem Rückgänge der Sterbeziffer in den Städten zu danken. Der jährliche Zuwachs wäre freilich größer, wenn nicht in den Großstädten die Geburtenziffer weit hinter dem Reichsdurchschnitt zurückbliebe. Die relative Zahl der Geborenen nimmt in b en, Groß städten auffallend stark ab." Magdeburg, 12. Okt. Wegen der Fleischnvt werden Magistrat und Stadtverordnete beim Reichskanzler vorstellig werden. Essen a. d. Ruhr, 12. Okt. Anläßlich der am Montag stattsindenden Vermählung von Bertha Krupp erhalten die Arbeiter der Krupp'schen Werke Geldgeschenke im Gesamtbeträge von 600 000 Mk. Weimar, 12. Okt. Der Landtag beschloß mit 17 gegen 13 Stimmen, die Regierung zu ersuchen, neue Verhandlungen mit Reuß j. L. zur Weiterführung der Gerichtsgemeinschaft mit Gera anzubahnen. Die Stellung de§ StaatS- ministers Dr. Rothe erscheint schwer erschüttert. Karlsruhe, 12. Okt. Finanzminister Becker hat auS Gesundheitsrücksichten sein Entlassungsgesuch eingereicht, welches vom Großherzog bereits genehmigt worden ist. — Im hiesigen nationalliberalen Verein gab eS heute einen wuchtigen Vorstoß der Jungen gegen die Alten und ein nicht minder wuchtiges imponierend einmütiges Bekenntnis der Jungen und Alten zur Idee der badischen Blockpolitik, die sich bei den letzten Landtagswahlen so bewährt habe, daß sie auch zur Grundlage für die nächsten Reichstagswahlen gemacht werden müsse. Der rechtsnationalliberale Landgerichtsrat v. Röder erklärte, er habe, seiner Herkunft nach Norddeutscher, bei den norddeutschen Nationalliberalen bisher so wenig Verständnis für unsere badische Blockpolitik gefunden, daß er sagen müsse, leider sei die Mainlinie in liberaler Beziehung noch nicht überbrückt. In Baden sei der Kampf zwischen Alt- und Jungliberalen heute eigentlich schon überwunden. Mannheim, 12. Okt. Da§ GroßherzogSpaar langte heute früh hier auf Station Rheinau-Hafen an. Die Fahrt von Rheinau-Hafen erfolgte im Dampfboot nach Mannheim. Tas Großherzogspaar fuhr eine Strecke rheinabwärts, um dann später an der alten Landungsstätte, an der das Großherzogspaar vor fünfzig Jahren ausgestiegen war, an Land zu gehen. Hieran reihte sich der Einzug durch die geschmückte Stadt bis zum Rheintor. Bürgermeister Martin begrüßte hier das Großherzogspaar. Nach der Ankunft im Großh. Schloß verfolgte das Fürstenpaar vom Balkon aus die Parade der Garnison. Um 41/2 Uhr erschienen der Groß- Herzog und die Großherzogin zu dem von den Vereinigten Mannheimer Gesangvereinen im Nibelungensaale veranstalteten Festkonzert mit Huldigungsfeier. Der Großherzog drückte seine besondere Freude darüber aus, daß man ausdrücklich die Zeit vor 50 Jahren wiederhergestellt, und so allen die Augen geöffnet habe darüber, was war und was ist; er| schloß mit einem Hoch auf Mannheim und seine Bürgerschaft, r Am Abend war Festvsrstellung im Hoftheater; zur Aufführung gelangte die „Huldigung des Landes" und Lortzings „Undine". Nach der Theatervorstellung fand Schloßbeleuchtung statt, worauf die Großh. Herrschaften um 11 Uhr mittels Sonderzuges nach Baden-Baden zurückkehrten. Heer und Flotte. — Der bisherige Kommandeur der 25. Großh. Hessischen Division Generalleutnant Freiherr von Gall ist zum Gouverneur der Festung Köln ernannt und Generalmajor von Strantz, bisher Kommandeur der 2. Garde-Jnsanterie-Brigade, mit der Führung der 2 5. Division beauftragt worden. IColonialpoft» Berlin, 12. Okt. Wie die „Berl. Ztg." meldet, ist zum ständigen Vertreter des Leiters der Kolonial- Abteilung der Geh. Legationsrat Dr. Seitz ernannt worden. Berlin, 13. Okt. Dem Hofrat Tesch in derKolonial- Abteilung ist, wie die „Freis. Ztg." mitteilt, vom Kolonialdirektor Dernburg die Funktionszulage entzogen worden. Tesch hatte dieses Geld, das er lediglich für Wahrnehmung der Geschäfte des Kalkulators erhielt, noch viele Jahre hindurch bezogen, nachdem er diese Funktionen längst abgegeben hatte und zwar, indem er ausdrücklich als Funktionszulage quittierte. Brüssel, 12. Okt. Wie mitgeteilt wird, ist gegen Hackenbroich, den Leiter der deutschen Abteilung im Preßbureau der Kongo-Regierung, den Gewährsmann deS Abg. Erzberger in der Affäre der beiden bestochenen Berliner Blätter, ein Disziplinarverfahren seitens der Negierung deS Kongostaates eingeleitet worden wegen angeblicher Verletzung des Amtsgeheimnisses. Hackenbroich erklärt demgegenüber, daß er mit seinen Mitteilungen an den Abg. Erzberger ganz innerhalb des Rahmens seiner Amtsbefugniffe gehandelt habe. An-Sand. Paris, 12. Okt. Der frühere Botschafter in Berlin Marquis de Noailles wurde befragt, was an einer in Berlin erzählten Geschichte Wahres sei, wonach der Kaiser ihn eines Morgens imBett überrascht habe. NoailleS versicherte, die Geschichte sei vollständig erfunden. Kaiser Wilhelm sei nie des Morgens auf die Botschaft gekommen, wohl aber habe er gehört, daß etwas ähnliches sich mit dem englischen Botschafter Sir Frank LascelleS ereignet habe. Nom, 12. Okt. Dem „Messagers" zufolge schloß die italienische Negierung mit der Firma Krupp einen Lieferungsvertrag für neue Kanonen im Betrage von 17 Millionen Lire ab mit der Verpflichtung für weitere Beträge in Höhe von 2 3 Millionen. — Alls Anlaß der Durchführung der Konversion der italienischen Rente verlieh der König eine große Anzahl von Auszeichnungen. Luzzati wlirde zlim Staatsminister ernannt. Ferner erhielten mehrere Deutsche Ordens- auSzeichnungen: der Chef deS Bankhauses S. Bleichroeder und Co., Generalkonsul Dr. Schwabach, das Großofsizicr- kreuz des Mauritiusordens; die Direktoren Mankieivitz von der Deutschen Bank, Gutiilann von der Dresdner Bank und der frühere Direktor der Bank für Handel und Industrie, Dernburg, das Konunandeurkreuz des Ordens der italienischen Krone. Budapest, 12. Okt. Größtes Erstaunen erregt es im ganzen Lande, daß Ministerpräsident Dr. Weckerle, der neulich einen heftigen Ausfall gegen die Jourilalisten im Parlamente gemacht hat, einen Posten von 4 0 000 Mark als Dotierung desJournalistenpensio>lSfonds in das Budget einstellte. Im Verlalif seiner Blldgetrede führte Ministerpräsident Weckerle in Bezlig auf die von der Negierung vorzlinehmendcn Investitionen und öffentlichen Arbeiten aus, das Abgcordnetenhalls habe zwar die Ermäch- tigling zu der Aufnahme eines Jnvestitionsanlchens von 277 Millionen Kronen erteilt, er beabsichtige jedoch, derzeit nicht an den Geldmarkt zu appellieren, da die laufenden Einnahlnen nicht nur die normalen Bedürfnisse decken, sondern aus ihnen auch die Erforderniffe einer die wirtschaftliche Bewegling fördernden Politik bestritten werden könnten. Bei Aufnahme der Anleihe werde die Negierung sich vor Augen halten, daß nicht allzu große inländische Kapitalien, die in Landwirtschaft und Industrie angelegt sind, ihrer Bestimmung entzogen würden und ferner, daß die ungarische Rente Kurs erzlele, der dem Kredit des Staates entspricht. Ans Stadt nnd Land. Gießen, 13. Okt. 1906. • • Freisinniger Parte itag. Tie hessischen Freisinnigen werden am 17. und 19. November zu einem Parteitag zllsammentreten. Unsere Regimen tsmusik konzertiert morgen nachnlittag 5 Uhr im Neuen Saalbau. * * Aus dem Bureau des S t a d tth e ater s. Es sei darauf hingewiesen, daß für das Gastspiel von Mme. Charlotte Wiehe am nächsten Donnerstag bereits von heute ab bei Herrn Ernst Challier Billets im Vorverkauf zu haben sind. * * D i e bekannten „Fritz S t e i d l - S ä n q e r", die hier bei ihrem letzten Gastspiel im Juni so glänzende Erfolge erzielten, werden im Neuen Saalbau au? ihrer Rückreise nach Berlin wieder 2 Tage gastieren und zivar am 17. und 18. Oktober. Nur dem Umstande, daß der Neubau des „Steidl Theaters" in Berlin nicht zum bestimmten Termine fertig wird, danken wir den nochmaligen Besuch der Künstler, die uns mit einem vollständig neue n Programm erfreuen werden. „Der schlane Johann" und „Herr Lustikns" sind zwei Perlen der Feder Fritz Steidls, der sein Publikum kennt und überall mit seinem Hnmorschatz Begeisterung heroorgerufen hat. △ Münchholzhausen, 12. Okt. Wie die ärztliche Untersuchung ergeben hat, ist der gestern zu Grabe getragene Mampotin bereits durch einen Schlag getötet gewesen, als er in den Dorfbach fiel. Der Sohn, der als recht brav im ganzen Orte bekannt ist, soll in Notwehr gehandelt haben, als er dem wütend mit der Axt auf ihn stürzenden Vater Schläge versetzte. Der so schrecklich ums Leben gekommene Mann wird als Trinker geschildert, der seine Frau an dem letzten Tage mit Totschlägen bedroht habe. Braunfels, 12. Okt. Der Verkauf deS fürstlich Solms - Brauufelsischen Grubenbesitzes an die Firma Krupp in Esten ist, nachdem das Oberlandesgericht Frankfurt a. M. als Vormundschaftsbehörde dem Verkauf seine Zustimmung erteilt und nachdem das aus diesem Anlaste durch Vereinbarung sämtlicher Agnaten errichtete HauS- gesetz die Allerhöchste Genehmigung gefunden hat, nunmehr perfekt geworden. Die Gruben gehen demgemäß mit dem November d. I. in den Besitz der Firma Kruvp über, in deren Dienst auch die Fürstlichen Bergbeamten mit gleichem Tage eintreten. (Wetzl. Anz.) = Groß-Alten städten (Kr. Wetzlar), 12. Okt. Heute nachmittag wurde durch den Geh. Regierungs- und Schulrat Anderson zu Koblenz im Beisein von den Kreisschulinspektoren Anthoni-Werdorf und Geibel-Dutenhofen dem am 1. Oktober pensionierten Lehrer Christoph Schneider hier der Adler der Inhaber des Königs. Preuß. Hausordens von Hohenzollern feierlichst überreicht. Der Geheimerat hob die Verdienste des Emeritus in erhebendster Weise hervor, sprach im Namen der Königs. Staatsregierung dem scheidenden Schulmann für seine stets treue Arbeit herzlichen Dank aus. G r ü über g, 12. Okt. Die verstorbene Frau Bürgermeister Pracht vermachte dem Turnverein 500 Mk. § Friedberg, 12. Okt. Der hiesige Kreditverein wird nunmehr mit der Erbauung eines neuen modernen Kassengebäudes an der Haagstraße beginnen. Das Gebäude wird nach dem Plane des Architekten Müller von hier erbaut. Im Oktober 1907 gedenkt der Verein den Neubail zu beziehen. Der Verein verzeichnet im abgelaufenen Monat September eine Geschäftseinnahme von 431 926 Mk. und einen Barbestand von 25 915 Mk. — Am 13. Okt. findet in der Turnhalle des Lehrerseminars die KreiZ-Lehrer- konferenz für den Kreis Friedberg statt. d. Wetterfeld, 12. Okt. Hier herrscht zur Zeit eine große Wasserkalamität, da die vor einigen Jahren von einer Frankfurter Gesellschaft erbaute Wasserleitung vollständig versagt, so daß die Bewohner zur Benutzung der Brunnen zurückgekehrt sind. Ingenieur Harer beschäftigte in dieser Woche acht Arbeiter an der Leitung. Einer von diesen, eine 91 u in än e, verunglückte heute durch Zusammensturz eines Holzgerüstes. Der auS Grünberg herbeigerufene Arzt ordnete die Ueberführung in das Hospital dorthin an. Wie verlautet, handelt eS sich um eine Verletzung des Rückgrats. X Vom HoherodSkopf, 12. Okt.. Die Erbauung deS Bismarckturms auf dem Taufstein ist verschoben worden und soll erst int nächsten Frühjahr in Angriff genommen werden. Ursprünglich hatte man beabsichtigt, den Turm noch dies Jahr im Rohbau fertig zu stellen. Da aber der Turm nach den neuen Plauen statt 18 Meter — wie erst beabsichtigt — 22 Meter hoch werden soll, so stellen sich die Baukosten entsprechend höher, und es machte einige Schwierigkeiten, weitere erforderliche ca. 2000 Mk. durch Anteilscheine unterzubringen. Doch ist sicher anzunehmen, daß der langentbehrte Turm auf dem höchsten Punkt des Vogelsbergs bis Sommer 1907 vollendet ist. Der Touristenverkehr war in diesem Sommer recht groß und dürfte dank der ASeLnes Feuilleton. — Ein neues Bauerndrama. Aus Berlin wird uns geschrieben: Heinrich Lilienfein, ein geborener Stuttgarter, der in Berlin lebt, hat bereits in seinem Drama „Maria Friedhammer" Proben einer gewissen Begabung gegeben. Lewer entfernt er sich in seinem allzukonsequenten Streben nach theatralischer Wir dang immcrlsin von den seinen dichterischen Schönheiten, die er früher vor uns ausbreitete. Sein neues Werk, „Der Herrgottswarte r", das im „Schiller- Thea - t e r" seine Erstaufführung erlebte, ist teilt als Theaterstück betrachtet, ein kraftvolles Werk, das eine wirkungsvolle Handlung zu stark sich steigernden Szenen verarbeitet. Ter Bauer Niklas Ruhland, der vier Jahre im Zuchthaus gesessen hat, wen er den Geliebten seines Weibes erschlug, kehrt nach dem Hose zurück. Er hat nichts mehr von der Welt zu erhoffen, aber er wartet auf die Racke des Herrn, der das Strafgericht herabsenden wird auf fein Weib, das an ihm zur meineid'gen Dirne wurde. Und der Wille Gottes reckt sich gewaltig und grauenvoll vor ihm aus in dem Schicksal seiner Tochter, bie ebenfalls den Verführungen ihres Blutes erliegt und ihrem Manne, dem ehrlichen Peter, die Treue bricht. Da erkennt der Bauer, der in ek-atischer Starrheit seines Herrgotts wartet, in der unseligen Sünde der Tochter die Stimme des Blutes, das einst sein Weib zur Sünde -jvang. Er drückt der in Schuld verstrickten Christine, die in wilder Liebe zu dem suden Lassen Louis selbst zum Morde des Peter helfen will, die Flinte in die Hand, mit der sie am sündigen Leibe das Unrecht sühnt und die Seele der Gnade Gottes anvertraut. Für ihn selbst ist die zweite Kugel derselben Flinte bestimmt. — Liliensein wollte wohl eine düster tragische Gestalt schassen, wie sie Otto Ludwig im „Erbsörster" so unvergeßlich gelungen ist. Ein dumpfes Schicksal treibt in seinem Stücke die Weiber zum Ehebruch, die Männer zur Rache und zum Tode. Dadurch daß er das gleiche Motiv bet Mutter und Tochter in derselben Weise verwendet, verleiht er dem Ganzen, eine cintnniae. aber wuchtige Stimmung. Diese Häufung von Untaten und furchtbaren Geschehnissen entlädt sich in wilden Szenen zwischen den haßerfüllten Eheleuten, der leidenschaftlichen Tochter und ihrem Galan, dem Vater und seinem sündigen Kinde. Aber diese Ueber- steigerungen sind doch noch stark dilettantisch, dilettantisch ist die Ablenkung des tragischen Verlaufs, die durch eine wenig glaubwürdige Verdächtigung eines unschuldigen. Mädchens entsteht. Liliensein hat nicht die Kraft, uns wie Otto Ludwig die widersinnige, fast wahnwitzige Gott- und Weltansicht seines Bauern durch die Kraft eines souveränen Gestaltens glaubhaft zu machen, sein „Herrgottswarter" ist ein Narr mit einer ihm äußerlich angehängten Marotte, nicht wie Roseggers „Gottsucher" eine psychologisch begründete, menschlich ergreifende Gestalt. Auch das Milieu, das in Anlehnung an Anzengrubers bäuerliche Charakterbilder aufgefaßt erscheint, wird nicht lebendig; wohl bricht die schwüle atembeklemmende Stimmung bisweilen hervor, aber es gelingt dem Dichter noch nicht, die toten Dinge reden zu lassen und das aufdringliche Reden der Lebenden abzudämpfen. Tas schwäbische Lokalkolorit bleibt völlig äußerliches Beiwerk und macht sich nur in dem unwalwen Dialekt der Redenden bemerkbar. Dem Stück wurde eine int ganzen vorzügliche Aufführung zu teil. Die hervorragendste Leistung bot die früher in Frankfurt tätig gewesene Clara Rabitow, eine groß angelegte Schauspielerin, deren verschlossenes und herbes Talent sich immer reifer entwickelt. Dr. P. L. — Ernesto Caruso saug am Donnerstag, wie wir mit- teilten, in der Königlichen Oper zu Berlin den Don Josö in „Carmen". Vor einem Publikum, das durch sein Erscheinen neben seinen „selbstverständlichen" musikalischen Eigenschaften auch noch den finanziellen Befähigungsnachweis unzweifelhaft beigebracht hatte. Denn ein Platz in der Orchefterloge kostete vierzig Mark, ein Parkettplatz fünfundzwanzig. Wenn man ganz offen und ehrlich das Ergebnis des Abends zusammenfaßt, dann wird man wohl feststellen müssen, daß die Leute sich für das viele Geld wirklich nicht int Verhältnis zu den bezahlten Preisen unterhalten haben. Caruso war glänzend bei Stimme, das Publikum jedoch nicht in Stimmung. Dieselben Musikfreunde, die vor zwei Jahren im Theater des Westens dem be- rüh-mten Gaste zujubelten, taten diesmal reserviert. Die Anwesenheit des Kaisers, die Würde des Schauplatzes, die Lust der Hofoper, in der leider so selten der Beifall erklingen, kann, mögen zu der Zurückhaltung beigetragen haben, deren sich die Besucher dieser interessanten Vorstellung schuldig gemacht, haben. Caruso ist in der Tat ein Sänger, wie solche nur äußerst selten auf der Bühne erscheinen. Seine Stimme ist Wohlklang und nichts als Wohlklang, seine Gesangskunst das Vollendetste, das Höchstmaß des Erreichbaren. Und was ihn hoch über den Z isalls- tenor stellt, der nur Stimme hat und fingen kann, das ist seine Persönlichkeit als Rassenmensch, als Typus des geistig regen Gesangskünstlers. In technischer Hinsicht bot, Caruso interessante Einzelheiten. Er beherrscht eben sein natürliches Organ absolut, und kann es allen individuellen Absichten dienstbar machen., Alle Schilderung dieses Künstlers bleibt aber unzulänglich, weil der berauschende Glanz seiner Stimme allein begreiflich macht, was die Natur in die Kehle dieses einzigen Künstlers gelegt hat. Man muß ihn hören, — und koste es auch fünfundzwanzig Mark. — Man schre ibt uns aus Frankfurt, 12. Okt.: Wilhelm D i e g e l m a n n, der vor 25 Jahren in kleinen Partien die hiesige Bühne betrat, hat sich seitdem zu einem vollen Künstler ausgewachsen. In welcher Art von Rollen er immer austritt, er bringt stets eine ganze sympathische Persönlichkeit mit. Vortrefflich ist er in den ostdeutschen Offiziersrollen, zu denen einige moderne Stücke ihm Gelegenheit boten. Auch nach dem Lorbeer klassischer Rollen durste er greifen und immer wußte er die Hörer zu fesseln. Heute trat er als Nathan auf und sand stürmischen Beifall, ein Zeichen der warmen Sympathie, die er hier genießt. Am Schluß dankte er durch eine gemüt- unb humorvolle Ansprache. neuen Bahnstrecke Grebenhuin-Gcbern noch fortgesetzt steinen. — Allertshausen 12. Okt. Die auf den 13. d. M. anberaumte B ü r a ermei st e rwa h l ist wegen bc§ nächsten Sonntag hier stattfindenden ?lbendinahls auf den 2 0. d. M. verschoben worden. Zwischen zwei Kandidaten herrscht ein reger Kampf. R. Offenbach, 12. Okt. Zur Bürgermeisterwahl hat die Kommission beschlossen, die drei Bewerber, deren Namen noch streng geheim gehalten werden, zur engeren Wahl zuzulassen. Die Wahl dürfte schon nächste Woche stattfinden. D Marburg, 12. Okt. Wie schon gemeldet, wurde der durch den Weggang des Prof. Aschaff freigemordene Lehrstuhl am pathologischen Institut dem Pros. Ben necke auS Königsberg übertragen. Der Genannte ist ein Marburger, ein Sohn des verstorbenen Pathologen Geheimrat Bennecke. — Bei der hygienischen Abteilung des Instituts für Hygiene und experimentelle Therapie der hiesigen Universität wird vom 15. Oktober ab ein U nter su ch u n g s - amt für ansteckende Krankheiten errichtet. Direktor des hygienischen Instituts ist bekanntlich Geheimrat Exzellenz Prof. v. Behring. ** Kleine Mitfeil "vgen aus Hessen und den Nachbarstaaten. ?n Schwabenrod ereignete sich ein höchst bedauerlicher Unglücksfall. Der Landwirt Heinrich Schlitt war auf dem Felbe beschäftigt,. als ihm 'Miklich die Bierde durchgingen. Er geriet hierbei unter die Räder des Wagens und trug so schwere Verlegungen davon, daß der Tod alsbald eintrat. — Ein gräßliches Unglück ereignete sich in M ö ls- h.e i m. Dem mit Einlegen an der Dreschmaschine beschäftigten Arbeiter Burkhard wurde ein Arm vollständig ausgerissen. Der Schwerverletzte ist kurz darauf gestorben. — In Mainz sind in einem Wäschegeschäft bedeutende Unterschlagungen vorgekommen, als deren Urheberin die 22 jährige Kontoristin Klara Hermann ermittelt wurde., Dieselbe trank, als sie verhaftet werden sollte, ein Fläschchen Salzsäure aus und wurde schwer verlebt infi gebracht. Die Landwirtschastskammerwahlen krachten keinerlei Ueberraschungen, sondern entsprachen im allgemeinen den Ergebnissen der Vertrauensmännerwahlen. Am interessantesten ist jedenfalls die Tatsache, daß Graf Oriola und Gutsvächter Lucke-Patershausen, die beiden Führer des Bunde? der Landwirte, nicht in die Landwirtschaftskammer einziehen'werden, dagegen Graf Oriolas Widersacher in landwirtschaftlichen Dingen, Geh. Regierungsrat Haas. Und das trotz des Umstandes, daß Haas eigentlich ein Mann ohne Ar und Halm ist und erst' einige Aecker kaufen mußte, um überhaupt wählbar zu sein. Haas repräsentiert mit dem Geh. Kommerzienrat Frhrn. H e y l zu Herrnsheim, der neben seinem Hauptberuf als Großindustrieller auch noch Besitzer ausgedehnter Güter ist, zugleich die Vertretung der hessischen Reichstags- abgeordneten. Dem hessischen Landtag geboren an: Haas, Köhler ,Brauer, Bähr und Breidenbach. Die meisten der Mitglieder sind Bürgermeister von Landgemeinden und stehen auf dem Boden des Bundes der Landwirte, und speziell in Oberhessen blieben die Mitglieder des ehemaligen hessischen Bauernbundes fast auf der ganzen Linie siegreich. Bemerkenswert ist auch der Umstand, daß aus allen drei Provinzen auch freisinnige Landwirte in die Kammer gewählt wurden: in Oberhessen Kalbhenn-Vilbel, in Starkenburg Bürgermeister Höhn-Heru^n^eim und in Rheinhessen Gutsbesitzer Lichtenstein-Windhäuserhof. Nachzutragen haben wir noch die Ergebnisse der Wahlen der Ausschußmitalieder int Bezirk Gedern: Theodor Fischer auf Hof-Zwiefalten und Karl Schaub II. in Weninas. Im Bezirk S ch o t t e u - La u. b a ch wurden Bürgermeister Joch em-Laubach und Theodor Cellarius- Schotten gewählt. — Das im Bezirk Großen-Buseck gewählte Kammermitglied ist Bürgermeister Benner in Treis a. d. Lda. Wie uns aus Darm stadt drahtlich acmeldet wird, wird die Kammer schon am 19. und 2 0. Oktober zur Präsidenten- und Ausschußwahl zusammentreten. Als Präsident wird Geh. Negierungsrat Haas, als Vizepräsident Oekonomie'-at Lichtcnstein-Windhäuserhof in Vorschlag gc- bracht werden. ____________ Vermischtes. • Dresden, 13. Okt. Ter Nennfahrer Nobl hatte gestern bei Großenhain einen schweren Automobil- unsa ll. Al? da? von ihm selbst gelenkte Automobil in in schärfster Fahrt die Chaussee entlang sauste, suchte eine Frau mit ihrem Hundegespann auf die andere Seite de? Fahrweges zu gelangen. Nobl steuerte, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, nach dem Straßeurande hin, wobei der Wagen gegen einen Cbcmsseebaum prallte, sodaß dieser entwurzelt wurde. Die Insassen de§ Automobil? wurden in den Graben und aufs Feld geschleudert und der Wagen zertrümmert. Während Nobl unversehrt blieb und der Chauffeur mit leichten Hautabschürfungen davon kam, blieb der Manager deS Rennfahrers namens Hans Kuibandner mit einem Schädelbruch und einem Bruch des linken | Anms bewußlo? liegen. Er wurde nach Elsterwerda ins Krankenhaus gebracht. * Kleine Tageschronik. Bei Oldesloe wurde die 14 Iah^e alte Tochter des Hofbesitzers (tyrotrian crmnrbet aufgefunben. Der Leichnam des Mädchens war schrecklich verstümmelt : außerdem haben die Täter das Mädchen beraubt. Nach dem ärztlichen Befunde li-at ein Lustmord vor: von den Tätern fef»ft bis fetzt jede Swir. Arbeiterbewegung. , Es) e n , 12. Okt. Der Eingabe der Siebene r-Kom- mission anbei! Bergbau - Verein wurde eine Begrünbuna beigegebe», der bie Rbein. Wests. Ztg. Folgenbes entnimmt: „Die Forderungen der Eingabe stud so in ä ß i a und bewegen sich auf einer Basis, aus welcher sie die Bergwerksbesitzer angesichts der anerkannt guten Konjunktur bei einigermaßen gutem Willen er- stillen konnten. Daß die Löhne der Arbeiter bei den v i e l s a ch gesteigerten Mieten und (Steuern namentlich bei den ungeheuren L e b e n s m i t t e k o r e i s e n ni eb t aus r eichend sind, haben doch den Bergwerksbesitzern nahe stehende Leitungen anerkannt und haben auch die überaus storierenden Uebcrfchichten meistens aus den unzureichenden Löhnen resultiert. Die Arbeiter haben sich infolge der vielfachen Sverrsysteme nicht nur ge» schädig! gefühlt, sondern auch als Staatsbürger zweiter Klasse gefühlt. Aus ben kurz angeführten Gründen hoffen wir auf Entgegenkommen, um im beiderseitigen Interesse auf ruhigem und friedlichem Wege zu einer Verständigung kommen zu können." — Sicherem Vernehmen nach haben die Zechenverwaltungen, die in allen Fragen des Arbeitervertrages frei entscheiden, angesichts der Kurze der Zeit noch nicht Stellung genommen. Berlin, 12. Okt. Die Aussperrung in der Schuh- inbuftrie nimmt größere Dimensionen an. Neuerdings wird den Arbeitern mit einer Generalausfoerrung gedroht. Der Verband der Schuhfabrikanten hat beschlossen, den Bastschuh- machem einen letzten Termin zu gewähren. Wenn bie Ballschuharbeiter nach ber ihnen überreichten Lohnliste bis Montag die Sh-beit nickt wieder cnrfnehinen, so wirb am Dienstag in ber ganzen Schuhinbustrie eine Generalaussperrung erfolgen. Es kommen hierbei 35 Fabriken mit 2000 Arbeitern in Betracht.______________ Gerichtssaal. — Anonyme Briefe vor b e m Reichsgericht. Dieser Tage beschäftigte sich bas Reichsgericht mit den anonymen Briefen von Herne. Das Landgericht Bochum hatte seinerzeit bekanntlich Frau L i n aDr. l a N o ch e, in 8 Fällen ber Beleidigung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Zivischen dem Gatten ber Angeklagten, dem Amtmann Tr. In Roche aus Baukan bei Herne, unb dem Rechtsanwalt Hölschen aus Herne waren bei ber Stabtoerorbneten- wie Reichstaaswahl politische Streitigkeiten entstanden, bie ber Angeklagten Anlaß zu anonymen Zuschriften aaben, in benen bie Beleidigungen enthalten waren. In ber Revision wurde hervorgehoben, das; bie Verurteilung aus §187 Str.-G.-B. (verleumderische Beleibigung) zu Unrecht erfolgt sei, daß vielmehr § 186 Str.-G.-B. hätte herange;ogen werden müssen; ferner hätten nicht mehrere Handlungen, sondern nur eine Handlung vorgelegen. Der Vertreter der Reichsanwaltschaft hielt die Revision für unbegründet. Es seien mit Recht mehrere Handlungen angenommen worden und die Schuld der Angeklagten ohne Rechtsirrtum sestaestellt. Hölscher beantragte, bas Urteil bcs Landgerichts zu bestätigen. Nach längerer Beratung wies das Reichs- gericht die N e v i s i o n kostenpflichtig als unbegründet zurück. Gießener Wetterdienst. Voraussichtliche Witterung für Hessen am Sonntag, ben 14. Okober: Meist trüb, leichte Negensälle. Temperatur nicht verändert. Veränderliche Winde. Märkte. Gieße», 13. Oft. Marktbericht. Auf heutigem Mochenmaikte kosteten: Butter pr. Pfd. 0.90—1.00 Mk., Hühnereier 1 St. 8-9 Vfa., 2 Stck. 00—OO Vsg., Gänseeier OO—OO Vfg., Enteneier O Pfy„ Käse pr. Stck. 6—8 Pf., Kasematte 2 Stck. 5-6 Pfg., Erbten v. P'b. 18-24 W, Linsenv.Pfd.25-40 Pfg,, Tauben vr.Br.0,80-l.OOMk., Hühnerpr.St. 1.00—1,60 Mk., Hähne pr. Stück 0,80—1,80 Mk., Enten pr. Stück 1.80—2,20 Mk., Gante m-. Pfd. 70—75 Pfa., Ochfensteisch »r. Pfd. 82—88 Pfg., Kuh- unb Rindfleisch nr. Pfund 80—82 Pfg., Schweine- sleisch vr. Pfund 90—100 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 104 Pfg., Kalbfleisch pr. Pfd. 84—90 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 60—80 Pfg. Welsche ver Pfund —.— Kartoffeln vr. 100 Kg. 6.00—7,00 Mk., Zwiebeln pr. Ztr. 4.00—5,00 Mk., Milch per Liter 20 Pfg., Ofevfef per Zentner 15 bis 20 Mk., in Korben 00 Pfd., Nüsse 100 Stück 30 Pfg., Birnen per Pfd. Mk. 0.00—0.00, per Ztr. 9—15 Mk., Zwetschen per Ztr. 3,00—3.50 Mk., Weißkraut per Stück 10 — 15 Pfg., per Zentner Mk. 0.00—0.00. — Marktzeit 8—2 Uhr. ke. Frankfurt a. M., 12. Oktbr. Heu- und Stroh- markt Man notierte: Heu Mk. 3.30 bis 3.40. Stroh Mk. 2.80 bis Mk. 3.00. Alles ver 50 Kilo. Geschäft: statt. --!-----111 ‘.'J.1" ■ii" ........ ...... Kassel, 13. Okt. Die Strafkammer verurteilte den 18jährigen Kaufmann Lenge mann, der am 18. August seine Geliebte, eine gleichaltrige Verkäuferin, auf ihr Verlan'-'bn erschoß, zu 3 Jahren imb 3 Monaten Gefängnis. Düsseldorf, 13 Okt. Eine von mehreren hundert Buchdruckereibesitzcrn Rheinlands und Westfalens geltem hier abgehaltene Versammlung beschloß, den deutschen B u ch d r u ck e r t a r i f in der vom Tarifausschuß kürzlich festgesetzten Form an zu nehm en. München-Gladbach, 13. Okt. Der Kassierer Gerhards des freien Bangerverks-HilfsarbciterverbandZ wurde von der Strafkammer wegen Unterschlagung ü o n 15C 0 Mark Streikgeldern im Stukkateurstreik einem Fahr Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust 'verurteilt. Kunst und Glück, i Von (Nachdruck verboten.) Ella von Haunstein. „Glück in ber Kun st" konnten früher nur solche Künstler haben, deren Werke durch hervorragenden Wert, oder durch besondere llm'lonbe die allgemeine Aufvwksomkeit derartig erregten, daß sie schnell Käufen: f'mben. Zu den besonderen Umständen zählte stets b'"e auch jetzt noch viel vermögende Protektion. Sehr erklärlich ist cs daher, daß jüngere Künstler oft schwer zu k^minen hatten, um sich A"erkennuna zu verschossen. Zur Abhilfe die>'es für die Kunfllntwicklung nachteiligen Nebelstandes, veranstallct man schon fest tangerer Zstt Kunstgusstell- unaen, um b’e Werke vieler Künstler im Z '''amm^uhangr zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, und ihren Vertrieb zu vermitteln. Zur weiteren Förderung des letzteren Zweckes bat man in neuerer Zeit iwch das Eiug'-stfen fc^r Glücksgöttin Fortuna nutzbar gemacht, indem man Lotterien zur Verlosung der in den Kunstausstellun-'>'n voraesul^tf-, nnb anderer sich hierfür eignenden Kunstaeoenstände veranstaltet. Hierdurch können nun ar-5 Angehörige weitester Volkskreise „Glück in der Kunst" haben, denn wenn man für wenige Mark ein schönes Gemä'de. ein plastisches Kunstwerk usw. gewinnen kann, so ist dies nicht nur in materieller, sondern auch in ästhetischer Bestehung ein Gewinn, denn Kunstwerke verschönern das Heim und veredeln den Geschmack. Hieran haben besonders alle diejenigen Interesse, denen es sonst nicht vergönnt ist, teuere Kunstwerke anzuschaffen, die aber doch durch' 'Erziehung gewöhnt, oder durch Neigung bestrebt sind, in ihrer Wohnung auch der Kunst die gebührende Stelle einzuräumen. Am 31. Oktober findet nun im Dienstgebäude der königlich preußischen Generallotteried'.rekcion. zu Berlin die Z-'efiung einer solchen Lotterie statt, und zwar von der ersten deutschen Kunstausstellung in Köln am Rhein. Diese steht unter dem Protektorat des Großherwas von Hessen nnb erfreut sich auch tatkr-"ll>en Teilnahme des Königs v"n Württemberg. Die seit b?m Mai eröffnete Köfner Kunstausstellung ist vielen Lese-n b'efer Zsttung ans eigener Anschauung bekannt. Sie hat durch ihre imposante Anlaac unb durch bie ausgestellten prächtigen Kunstwerke großen Erfolg gehabt. Die ersten rheinlänbi- schen Meister finb in umfangreichen Sonderausstellungen vertreten, so zum Beispiel Thoma. Burger, Leibl, v. Haug. Luao, Sattler, v Bock>maun. Janssen, Steiuh.:usen, Schrener. Boehle usw. Aus ber Fülle bieser Kunstwerke sind nun burch eine Kommission von Sachverständigen die meisten der 915 Haupt- und anderen größeren Gewinnen ausgewählt und für die Lotterie angekauft. Es handelt sich also hierbei um zum Teil ganz her- öortaaenbe Werke berühmter Künstler, welche für den Kenner von hohem Wcte sind. Darum sollten anch weniger Kunst- verstand'ae diese Gelegenheit wahrnebmen, sich d"rck Kaus weniger Lose ä 2 Mark die Erwerbung derartiger Kunstwerke zu ermöglichen. Ilm so mehr, da diese Lotterie jedes Risiko ausschließt. Es gelanaen nämlich nach der Ziehung genannter 915 Haupt- und anberen Gewinne noch 74 085 kleinere Gewinne — und zwar je ein hübsches Kunstblatt — zur Verlosung, aber nicht mittels Aufrufs einzelner Nummern, sondern durch eine Pauschalziehung, wonach entweder alle geraden oder alle ungeraden Endnummern einen Gewinn erhalten. Wer also ein Los mit gerader und ein Los mit ungerader Nummer, jedes für "2 Mark kaust, somit im ganzen 4 Mark aus- gibt, gewinnt dafür jedenfalls ein Kunstblatt, hat dabei aber die Chance, wenn Fortuna ihm hold ist, einen der kostbaren Hamburg, 13. Okt. In ber Bürgerschaft beantragte die lozialbemokratische Gruppe bie Einsetzung eines Ausschusses, der Vorschläge zur Abänderung des Hamburger Vereiusgesetzcs machen soll, um unberechtigten Hinderungen in der Ausübung des Vercins- unb Versommlungsrechtes vorzubeugen. Die Mehrheit lehnte diesen Antrag als zu schroff in der Form ab, beschloß aber, einen Ausschuß zur Prüfung des Vereinsgesetzes einzusetzcn. Paris, 13. Okt. Das jüdische offizielle Organ der israelitischen Kultusaemeinbe bringt folgende Mitteilung: Es zirkulieren hier Gerüchte, daß nicht nur auf den englischen, sondern auch auf'den Pariser Rothschild wegen ihrer Beteiligung nir der letzten russischen Anleihe ein Attentat geplant sei. Von Seiten ber Tempel-Direk- tion wurde deshalb an ben Pariser Rotbschilb die dringende Bitte gerichtet, vorläufig dem jüdischen Gottesdienst fern zu bleiben, und man hat tatsächlich Rothschild während der letzten jüdischen Feiertage nirgends in einer Synagoge gesehen. Madrid, 13. Okt. Zwischen bem Alkalben von Malorca unb bem Unterstaatssekretär beS Innern fanb ein Duell statt, welche? einen unblutigen Verlauf nahm. Ter Grund bc5 Zweikampfes ist noch nicht bekannt. Rom, 13. Okt. In hiesigen politischen Kreisen wirb ein burch bie Presse gehenber Artikel kommentiert, worin eS heißt, baß vor Erneuerung beS DreibunbeS Italien ber Eventualität eines KousiikteS zwischen Deutschlanb unb Eng- lanb Rechnung tragen müsse. Wenn ein solcher Konflikt entstehe, wäre Italien gezwungen, sich von Deutsch- lanb zu trennen. Wien, 13. Okt. In Bozen ist gestern ber Priester Valeisis gestorben. Es wirb behauptet, baß er ein russischer Großsürst gewesen ist unb 1875 als Sohn bcs Großfürsten Michael, bes Brubers bes bamaligen Zaren Aleranber II., geboren sei. Bubapest, 13. Okt. Vlättermelbnngen zufolge verhaftete bie Grenzpolizei in Borobowa ben Lyoncser Universitäts-Professor be Mariane unter bem Verbacht ber Spionage. Auf baS Einschreiten ber Bubapester unb Klausenburgcr Universitäts-Professoren würbe er wieber frei- gelassen. Telefonische des Giessener Anzeigers, mitpi nnd Indnsti Frankfurter Fürs 3^®/o Heichssnleihe . . 98.05 3% do. . . 86.40 3%°/0 Konsols ...» 98.20 3% do 86 40 3%°/0 Hessen .... 97.40 3%°l„ Oherhessen . . . —.— 4°o Oesterr. Goldrente. . 99.20 4*/6 -o Oesterr. Silherrente 99.80 4% Unsar. Goldrente . . 95.00 4% Italien. Rente . . . —.— 3°6 Portmyiesen Serie I . 69.30 3Portue-iesen III 70.45 4 rnss.Staatsanl. 1905 86.50 4)5°/n japan. Staatsanleihe 92.95 4 % Conv. Türken von 1903 94 20 Türkenlose 144.50 4 % Griech. Monopol-Anl. 53 40 4% äussere Arg-entinier . 88 50 3°/0 Mexikaner .... — 4>5% Chinesen .... 96.90 Aktien: Bochum Guss 241.00 Buderus E. W . . . . 128.00 Tendenz : ziemlich fest. Berliner Börse, 1 Can ad a E. B 181.20 Darmstädter Bank . . . 139.80 Deutsche Bank .... 238.80 Dortmunder-Union C. . . 81 00 Dresdner Bank .... 157.00 Tendenz • schwächer. Kursberichte teilt von der Bank für Handel ‘ie, Glessen. 13. Oktober, 1.15 Uhr. Elektriz. Lahmeyer . . . 162.40 Elektriz. Sclmckert . . . 127.10 Esch weil er Bergwerk . . 243.60 Gelsenkirchen Bergwerk . 222.40 Hamburg - Amerik. Paketf. 158.50 Harpener Bergwerk. . . 211 75 Lanrahfitte 250.50 Nordd. Lloyd 125.20 Obei «chles. Eisen-Industrie 130.50 Berliner Handelsges . . 172.25 Darmstädter Bank . . . 139.90 Deutsche Bank . . . 239.40 Deutsch-Asiat. Bank . . 172.00 Diskonto-Kommandit. . . 183.00 Dresdner Bank . . . 157.00 Kreditaktien 212.30 Baltimore- und Ohio- Eisenlahn . . . 126.00 Gottbardbahn —.— Lombard. Eisenbahn . . 36 60 Oesterr. Staatsbahn . . . 147.25 Prince-Henri-Eisenbahu . 146.60 3. Oktober. Anfangskurse. Harpener Bergwerk. . . 211.20 Laurahütte —.— Lombarden E. B. ... 36.80 Nordd. Lloyd 125.50 Türkenlose 145.10 Direkter Versand meiner weltberühmten Linbeuer Sammete. Hochelegante glatt, gerippt, gestreift. Nnzcr- haltbare dl.iiUll'viillliUili, reißb. für Knaben unb Mäbchen. EntzückendeBlnfcn Sammete. Eisbärn.Lclden-Jackett-Plnfchc. Muster fr. hin u. her. Sanjmelhais Lonis Schmidt, K. K. Host., ll»nnor?r 323. Die nach- A amr} » sind Sonnfa», den 14. Okt. von stehenden Äüi Alb 12 Uhr mittags bis 12 Uhr nachts sicher anzutroffen. |D18/U Dr. Ploch, Asterwc" 34. - Dr. Schliephake, Goethestr. 44. _______________F. Wagner. Westanls.?e 51,_______________ Sonntag; 4—9 I’kr ' 488 Nur offen. MiSiMMe siilhMÄige Leute zur Einholung bes Abresseumaterials für bas Oiießener Abreßbuch a^fucktt. Brnhl'sche Druckerei. Hauptgewinne erhalten zu könnet:, deren Wert 15 000 Mark, 10000 Mark usw. beträgt. Nach b?’- Ablösung b?r meisten bciitirhen Staatslotteriett durch bic preußische fiat ber letzter.": Generalb'r'ktion bie. Zahl ihrer amtlichen Kollekteure erheblich vermehrt, unb diese Königlichen Lotterie-Einnehmer überuchn:?u als Mitglieder der Losc- Vertriebsgcsellschaft nun auch für bie von dieser Vereinigung emittierten. Privattotferien den Loseverkauf. Dies ist auch der Fall nut der am 31. Oktober zur Z'ehung oelanue"ben Kölnc Ki'nstausl eisunqs-^oiterie, für welche Lose — das Stück nur 2 Mark — bei allen Königl. vrerlßischen Lotterie-Einnehmer:', und zur Beguemlicklleit des Publikums, auch in anderen, durch Plakate ferm firnen Verkaufsstellen zu haben sind. Als besonderes Verdienst der Loseverfriebsgesellschast ist an- zuerkcnnen. daß bei den von ihr in Vertrieb übernommenen Lotterien die Ziehungsferm ine bis ietzt noch nie verschoben worden und, sonder:: stets laut ursprünglicher Ankündigung stattgefunben haben. Enbe Oktober ist eine bevorzugte Zeit für Eheschließnnaen, und darum für bieie Zeit immer ein starker Beaehr nach nwafichst ansehnllchen, nickst zu teueren Gegeustänben. bie sich für H o ch - z e it sgesch en ke eigner. Für diesen Zweck kann es kaum etwas schöneres geben, als solche Kunstwerke, wie in der Kölner Ausstellungslotterie zur Verlosung gelangen. Aber,nicht nur zu Geschenken für andere, sondern ebenso zur Schmückung _be§ eigenen Heims bieten für ein 2 Mark Los die Ansicht stehenden Gewinne der Kölner Lotterie eine Anzahl^ tatsachnch bedeutenber Kunstwerke, so baß jcbem für das „Schöne Empfänglichen der Ziehungstaa 31 tc Okto, her) ein :hm dauernden Genuß bereitender Glückstag werben kann. Schenkt ihm Fortuna ihre Gunst, Dann sindet er „Glück in der Kunst"! Concert Charles €?iess (Violine) Nener Saal bau - Donnerstag, 25. Oktober d. J. Mitwirkende: Fräulein Auguste Gross-Frankfurt a. M. (Sopran). 3 Herr Ludwig Marguth-Frankfurt a. M. (Pianoforte). Z Üiciit MDl«iA»e verlausen. 07672] Kathartnengasse 13. Bektruntnmchung. Dienstag, derr 16. d. Mts., nachmittags 4 Uhr beginnend, sollen in den Waldungen der Gemeinde Wieseck, Distrikt Badenburaer Wäldchen und Hegwald, die Birken- Besenreiser in verschiedenen Losen versteigert werden. Die Zusammenkunft ist auf der Straße nach Lollar am Badendurger Wäldchen. Bemerkt wird, daß die Birken-Besenreiscr im Distrikt Hegwald nicht vorgezeigt werden. B,s/J0 Wieseck, am 12. Oktober 1906. Großh. Biirgermcisterei Wieseck. .__________So m m erlad. " Hofreite-BersteigeruzZg. Auf Anttag der Philipp Founer Witwe soll die Hofreite- Mur 1 Nr. 145 -- 64Quadratmeter Hofrcite in der Gricdeler- straße Dienstag Dai 16. Oktober einer 1., Dienstag den 23. Oktober einer 2. und Dienstag den 30. Oktober I. Js. einer 3. freiwilligen Versteigerung, jedeömal nachmittags 4 Uhr, auf hiesigem Ratdause ausgesetzt werden. Bei Erreichung der Taxation erfolgt nach dem letzten Ver- steigerungstermin die Genehmigung. Die Hofrette liegt in günstiger Geschäftslage in der Nähe des Marktplatzes. Butzbach, 10. Oktober 1906. [6258 Im Auftrage Großh. Amtsgerichts Butzbach: _7 '________. , Großh. OrtSgericht: Küchel.__________ KnüiücheMchl-Lems Kiszelliich n. llmgtgeiii! Sonntag, d. 14. n. Montag, d. 15. Oktober 4. Große Kaninchen- und Geflügel-Ausstellung verbunden mit GratiS-Berlosung, Prämiierung, Konzert, Tanz und Pretsschtetzen g26u m den Lokalitäten deS Gastwirt Bender zu Nodheiw a. d. Sieber. Zu zahlreichen: Besuch ladet ergebenst ein __Vm^stand. Sonntag den 14. Oktober Heuer Saalban (fr. Steins Garten). Grosses Konzert ausgeführt von der Kapelle des Inf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Gr. Hess.) Nr. 116 unter Leitung des Grossh. Musikdirektors Herrn C. Krausse Sonntag, den 14. Oktober Kroßes Tanzvergnügen empfehle vorschriftsmässige in bester Ausführung zu billigsten Preisen. i01 löl \J Frankfurter Schuhlager Giessen lö CD iO Dienst-... 1 4 i im Gasthaus zum Schiffenbergertal unter Mitwirkung des Gesangvereins Harmonie. 07596 Eintritt frei! Eintritt frei! Um zahlreichen Besuch bittet Der Vorstand. Spielplan: 1. Tabasco-Marsch. Chadwick. 2. Ouvertüre Das süsse Mädel. Reinhardt. 3. Vilja-Lied a. d. Operette „Die lustige Witwe . Lohar. 4. Vorspiel u. Siciliana a. d. Cavalleria rusticana. MascagnL 5. Ouvertüre Don Juan. Mozart, 6. Die beiden Brüder. Solo für 2 Cornett a Pistons. Krausse. Hob. Macke u. Goldacker. 7. Frtihlingsluft! Walzer. Fetras-Strauss. 8. Selection a. d. Operette „The Geisha“. Jones. 9. Silberne MyrtenI Marsch (neu' Krausse. 10. Maiglöckchen! Dittrich.' (Solo f. Tubus Campanophon.’ Hob. Conrad. 11. Mein liebes Nachtlokal! Kasino-Walzerlied aus „Der Teufel lacht dazu11. (Neu!) Holländer. 12. Kinker- litzchenl Potpourri (neu). 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