Nr. 61 „Die gestrichen habe. ■ Abg. Schrader (frs. Vg.) spottete über bett einzelstaatlichen Fiskalismus unb besonders über „die lieben süddeutschen Brüder, von denen immer einer gegen den anderen aufstehe". Ganz anders freilich wtirde dem preußischen Fiskus der Text gelesen, und zwar durch den Abg. Bock-Gotha (So?.), der das „Jammergeschrei" der thüringischen Staaten über die Uebervorteilung durch die preuß. Eisenbahnverwaltung im Parlament widerhallen liest. „Die mitteldeutschen Kleinstaaten sind durch Preu st en in die Zwangsjacke gesteckt — der preußische Adler ist ein hungriger Geier, der sich auf seine Opfer Weimar, Koburg, Meiningen und Lchwarzburg stürzt" — durch solche Schilderungen suchte Bock Hörer um sich zu scharen. In einem zusammenfassenden Rückblick auf die Eisenbahn- Partikulardebatte bezeichnete sich der württembergische Abg. Dr. Hie der CnL) als unverwüstlichen Optimisten in Sachen der Betriebsmittelgemeinschaft, tw; aller „Bremserkonferenzen" der einzelstaatlichen Minister. Schulstrabe 7. Redaktion 112 vertag u.Exved.e^Abl Adrebe für Deoeschen: Anzeiger Gieße». Detttschev Reichstag. 63. Sitzung vom 12. März. Die Beratung des Etats des Re i ch s e i se nb a hn a mt es wird fortgesetzt. , Abg. Jäger (Ztt.) will die Betriebsmittelgemeinichaft für Bayern gern akzeptieren, wenn sie sich ohne Schädigung der bayerischen Interessen erreichen ließe. Weiter erörtert^ Redner internationale Verkehrsfragen. Eine Konkurrenz für die Simplon- Route sei zu wünschen, doch werde erst abzuwarten sein, welchen Einfluß die Tanernbahn ausuben werde. Präsident Schulz antwortet auf einige am Samstag vom Abg. Storz an ihn gerichtete Fragen, über das internationale Bahnprojekt, über den Fern-Par und den Ortler nach Italien habe sich der Bundesrat aus Anlaß einer Petition des Augsburger Handels- und Gewerbevereins schlüssig gemacht und zwar dahin- gehend, dem Projekt keine Folge zu geben. Was das Svlügen- Prvjekt anlange von Chur nach Chiavonna und nach Chiasso, so sei dieses Projekt zwar vom technischen Standpunkt aus besser, als das Ortler-Profekt. Soviel ihm bekannt sei, habe auch von dritter Seite hier itvch kein Anlaß vorgelegen, zu diesem Projekt Stellung zu nehmen. gastiert zurzeit das Moskauer Künstlerisch« Theater mit außer- gewöhnlickmn künstlerischen Erfolge. Ein Theaterkenncr wie Harden kann in seiner „Zukunft" nicht genug Rühmens von chm machen. Am SamStag brachte die Gesellschaft Anton Tschechows vieraktiges Drama „Drei Schwesters zur Aufführung, etn Stück, das einer geschlossenen dramatsschen Entwicklung entbehrt, vielmehr ausschließlich Stimmungsmalerei bietet und psychologische Fragen behandelt. Tie Berliner Presse stellt fest, daß auch diese Aufführung ein neues Ruhmesblatt für die russischen Gäste bedeutete. Ein besseres, intimeres Zusammenspiel als das von thnen gebotene, läßt sich nicht gut denken. Man konnte vergessen, daß man eine Theatervorstellung genoß, so zwingend war bic von den Künstlern hervvrgerusene Illusion. In den Leistungen der einzelnen Künstler gab sich «ine vollkommene Einheitlichkeit kund, und jede einzeln« von ihnen wurde in ihrer anspriichslosen uiid dock künfi'erisch tief durchdachten und vollendeten Form zu einer Selbstverstötldlichkeit. Man sah nicht mehr Sehauspieler, sondern Menschen am der Bühne sich ihre Schicksale erzählen, sich ihr Leid Nagen und ihre bescheidenen Freuden genießen. . Berlin, 10. März. Hofkapellmeister Felix Weingartner tritt von der Leitung der Symphonie-Konzerte der König!. Kapelle zurück und gibt feine Dirigententatig- f cit_g ä n.U irfja $ ^Weltereignis des Durchbruchs des Simplotis zu feiern, wird in Mailand am 18. d I. eine große internationale Ausstellung eröffnet, welche im November geschlossen wird. Offiziell vertreten sind Oesterreich-Ungarn isngland, Bel- Aus dem Reichs ag. —tt—’ Berlin, 12. März. Der Abg. Storz (füdd. Bolksp.) hatte ein besonderes Recht, in der letzten Sitzung des Reichstag? im Verlauf der Eisen- bahndebatte die Frage der Betriebsmittelgemein- schaft zur Sprache zu bringen, denn der Vorschlag auf Einrichtung dieser Derkehrsgemeinschast sst bekanntlich v-on Württemberg ausgegangen. Daß es zu einer Verständigung über diese national bedeutsame Frage noch nicht gekommen ist, tst zweifellos auf die bayerischen Sondervorschläge zurück^u- führen, die wohl von einem gewissen Vorurteil gegen Preußen eingegeben sind, denn der preuß. Eisenbahnminister v. Budde hat ‘in der Budgetkommission kein Hehl daraus gemacht, daß die Leitung des Gemeinschaftsamts in preußsschen Händen sein, und daß Preußen die Majorität in dieser Körperschaft haben müsse. Jedenfalls stellt diese Forderung Preußens eine der inneren Schwierigkeiten dar, die der Durchführung der Betriebsmittelgemeinschaft entgegen stehen. Eine weitere wesentliche Schwierigkeit liegt in der Abrechnung über die gemeinsame Benutzung der Wagen, Lokomotiven usw. Der Abg. Dr. Jäger, ein Zentrumsmann aus der bayer. Pfalz, hofft auf ein günstiges Ergebnis der kommissarischen Beratungen bis zum Herbst b. I., ein« Zuversicht, bie Abg. Graf Kanitz lkons.) nicht teilen zu können meinte. Abg. Basser- m a n n sprach resigniert von dem „Essenbahnvartikularismus", der den -g-.roßen Gedanken einer Betriebsgemeinschaft auf eine enblos lange Bank geschoben unb dos kleinere Projekt der Be- ttiebsmittelgemeirvschafr tauf einen kärglichen Rest zusammen- bie Zeugen machen, tst gewiß von Einfluß, aber man wird nicht glauben, daß der Richter, der das Urteil samt der Begründung in seiner Mappe liegen hatte, dieses auch hätte aufrecht erhalten, wenn die Haup-tverhandlung die Verfehlung des Beschuldigten in einem für den Beklagten günstigeren Lichte hatte erscheinen lassen. Einmal hat der Richter ein Gewissen, und zum andern hat er noch vier Kollegen, die auch etwas zu sagen haben, und nicht gegen ihre Ueberzeugung ein Urteil hinnehmen, weil es schon fertig und schon begründet ist. Ich verteidige, wie gesagt, den Uebereifer jenes Richters keineswegs, aber aus diesem Fall schlimme Rückschlüsse aus unser Strafverfahren überhaupt ziehen zu wollen, dazu gehört entweder Unverstand oder böser Wille. Unser Strafprozeß und unser Strafrecht bedürfen der Reform, darüber besteht fein Zweifel. Wer mit einer ängstlichen Prinzipienreiterei und mit einem wilden Krakehl bei durchaus irrelevanten Zwischenfällen fördert man die Reformbestrebungen keineswegs! Hugen Richter als Redner. R Berlin, 12. März. Wenn zu der Zeit, als der Abg. Richter noch im Reichs* tage die führende Rolle inne hatte, Tribünenbesucher zum erstenmale einer Sitzung beiwohnten und voll Eifer den Plarr mit den Plätzen der Mitglieder des HauseS entfalteten, bann pflegte die erste Frage zu lauten: Wo ist der Platz Richters? Die zweite Frage: Wo sst der Platz deS Reichskanzlers? Seit der Verabschiedung deS Fürsten Bismarck war Richter unzweifelhaft bie am meisten inte* reffierenbe und volkstümliche Persönlichkeit im parlamentarischen Leben. Nicht Rudolf v. Bennigsen mit seiner staatsmännischen Abgeklärtheit, nicht Bebel mit seinem überschäumenben Temperament, nicht der mächtige Zentrumsführer Dr. Lieber mit gien, Schweiz, Holland, Mexiko, Japan; und durch besondevß gebildete Komitees die Südamerikanischen Republiken, die Vei> einigten Staaten von Nordamerika, Rußland, Spanien, Portugal* Türkei, Kanada, Griechenland, Rumänien, Marvllo, Monte-» negro, Persien, Indien usw. Die ganze Welt beteiligt sich in; großartiger Weise daran unb Deutschland speziell mit hervorragenden Firmen. Die Gesamtfläche dieser Ausstellung betragt eine Million Quadratmeter, und ist in zwei Teile geteilt Iw Park werden die Gebäude der Retrospektiven Ausstellungen im Transportwesen, die Fischereiausstellung, das Aguariurn, bei Kunstpalast, ber Palast für italienische dekorative Kunst, bet Architekturpalast, bie Fürsorge-Abteilung usw. Aufstellung findenp dort sind auch die Ausstellungen von Japan, England, Holland, Ungarn, Schweiz, Kanada usw., sowie eine Wiedergabe des Sim- plon-Tunnels, die bestimmt ist, die besonders zutage getretenen Schwierigkeiten, die in bem Durckbruch vorgekommen sind, vor Augen zu führen. Auf ber Piazza d'Armi befinden sich die großartige Ausstellung Deutschlands, der Palast Frankreichs, Belgiens, Oesterreichs, der Marine, des Automobil- unb Fahrradwesens, der Wagenfabrikation, des Eisenbahnwesens, ber Sanität des Roten Kreuzes, der Landwirtschaft Nicht zu vergessen ist die Metrologie-Ausstellung, sowie die Luftschiffahrt, für welch letztere ein großer Park von 30 000 Qm. für die Ballonauffahrten und für lenkbare Luftschiffe vorgesehen ist; auch sind in jenem Pari Tribünen, welche ,15 000 Personen fassen können, eingerichtet worden. Es finden Opernaufführungen im Scala-Theater statt, Pferderennen mit dem Grand Prix von 100 000 Frcs., ConcoiuH Schachwurmere, MLftkwettstrette usto» IHcines Feuilleton. — Aus Frankfurt, 12. März, wird uns geschrieben: Ins. K'ainz hat heute ein dreitägiges Gastspiel an der hiesigen Bühne abgeschlossen. Als Oswald Al v i n g , als Frau z M o o r fand er vorgestern und gestern stürmischen Beifall. Heute riß er das Publikum als Fritzchen und Tartüff zu wahren Bei- fallssttirmen hin. Neben der Vielseitigkeit der Gestaltungskraft bewunderte man namentlich die Einfachheit und das strenge Maß. Kainz hat offenbar das Rezept Hamlets wohl beherzigt, daß der Künstler mitten im Strom, im Sturme, im Wirbelwind der Leidenschaft das Ebenmaß nicht verlieren soll. — Aus Lauterbach, 12. März, wird uns geschrieben: Am 11. d. M. fand im Saalbau „zum Johannesberg" eine Theateraufführung zum Besten der Unterstützungskasse des hiesigen Kriegervereins statt. Das Lustspiel von Blumenthal unb Kabel bürg „Zwei Wappen" wurde von Herren unb Damen der Gesellschaft unserer Stadt aufgeführt. Man war allgemein überrascht über bie flotte und gewandte Darstellung. Vor allem gewann die junge Amerikanerin, die obendrein entzückend aussah, durch ihr lebhaftes und natürliches Spiel alle Herzen. Es wäre Unrecht, wenn ein derartiges Tn ent der Bühne verloren ginge. Man kann nur den Wunsch aussprechen, daß die Mitwirkenden öfter ihre Kräfte zum Wohl und zur Erheiterung ihrer Mitmenschen zur Verfügung stellen mögen. Da s:' Vorstellung sehr zahlreich besucht war, so dürfte ein ansehnlicher Betrag der Unter» stützungskasse des Kriegen) creins zufließen. »Int „Berliner Theater" der Reichsbau^sdt außer SomilagS. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck il Verlag der Brüh l'schen Unwers..Buch-u.Stein- bruderet. 9t Lange. Abg. Graf Kanitz lkons.i legt bar, daß Preußen mtt fetne^ Bahnen und deren Betriebsergebnisfen durchaus zufrieden seiq könne. Redner empfiehlt bann Abschaffung der bisherigen Vorort«, tarife Diese seien eine unberechtigte Bevorzugung der ^täbta Er für seine Person bedauere den Beschluß der Steuerkommrsswitz wegen der Kilometerzuschläge. _ _ „ i Abg. 58 aff er mann (nt) bedauert, daß zur Herstellung einer einheitlichen deutschen Betriebsgemeinschaft die dttlsfich-te^ gleich Rull seien. Zum wenigsten aber sollte man sich bemühens eine Betriebsmittelgemeinschaft herzustellen. Ferner bedürfe efl einer einheitlichen, Tarisrefvrm in Deutschland, und es fei W hoffen, daß man in Süddeutschland doch noch den Wwersdano gegen die 4. Klasse aufgeben werde. I Abg. Schrader (frf. Vg.) bezeichnet eS als erfreulich, bafi der deutsche Reichstag die Eisenbahnfragen nicht vom parlikularistischen; sondern vom reichsdeutschen Standpunkte behandle. Die Betriebs-, mittel-Gemeinschait scheitere daran, daß die süddeutschen Bahnens nicht genug zusammenhielten. Infolgedessen werde Preußen tmmers das Uebergewicht behalten. Redner wendet sich dann gegen diy Aeußerungen deS Grasen Kanitz zu Ungunsten billiger Sßorort- Tarife. „ Abg. B e ck -Gotha (Soz.) klagt darüber, daß Preußen gegen-i über den Eisenbahninteressen der Mitteldeutschen, insbesondere alfa der Thüringer Kleinstaaten so wenig entgegenkommend sei. ' Präsident Schulz verzichtet auf die Beschwerde deS ®or-< redners, über rein preußische Angelegenheiten zu antworten und, dankt dem Abgeordneten Schrader für die staatsrechtliche Bolehrung ohne sie in allem als rechtlich anzuerkennen. Das Reichs^ eisenbahnamt werde jedenfalls sortsahren, in unparteiischer Weifet DOr89?bg.eRirsch (Zentrum) verbreitet sich über die Frage bdi Wohnungsgeldzuschusses. j Abg. fieber (natL) bedauert, daß von dem großen Pla« der Betriebsgemeinschaft nichts übrig geblieben sei als eine 9)e*j tttebsmittel-Gememschast. Die bloße Güterwagen-Gemeinschaft seL jedeiüalls kein Ersatz für die Betriebsmittel-Gemeinschaft und süv die Betriebsgemeinschaft. Seine Freunde würden nach wie von diese nationale Frage betreiben, bis sie gelöst sei. Abg. Kamps (frs. Vp.) erinnert den Vorredner an die Be-j schlüsse der Steuerkommffston über die Besteuerung der Fahrkarten^ die einen Rückschritt im Eisenbahnwesen bedeuten, wie er schlimmes nicht gedacht werden könne. Redner äußert dann die Hoffnung daß in Bälde etneReoision der Eisenbahnverkehrsordnung stattfindej Präsident Schulz erwidert, die Verkehrsordnung entspreche vielfach allerdings nicht mehr den Bedürfnissen. Ein neuer Ent-^ wurs sei ausgearbeitet und den Regierungen im Dezember gegangen und voraussichtlich noch in diesem Frühjahre würdevs darüber kommissarische Beratungen ftattfinden. Abg. G o t h e t n (frs. Vg.) kommt zurück aus die in seiner neu^ ttchen Interpellation behandelte Frage der Verschleppung der Der^. zollimg an der russischen Grenze und die Verfügung der Brom»' berger Eisenbahndireklion vom 17. Februar, wonach die Lieferlrift um 10 Tage verlängert worden war und zwar lediglich im russisches fiskalischen Interesse. Sich weiter zu der Frage der Betriebsmittel- Gemeinschaft unb zugleich gegen ben Abg. kkanitz wendend, bekenn^ sich Redner sodann als Gegner der 4. Klasse. Präsident Schulz erklärt, die Verfügung der Brombergs, Direktion sei damit motiviert worden, daß auf der Strecke Eydt- kühnen—Wirballen der Verkehr ins Stocken geraten sei. Die Ursache ber Stockung lag an der russischen Zollbehörde, die die (Hw iührung von Nachtschichten abgelehnt habe. Ter Eisenbahnminister habe infolgedessen die Verfügung genehmigt und auch für das Neichseisenbabnamt liege kein Anlaß vor, die Verfügung zu beanstanden. Auch ohne die Verfügung waren die Exporteure nid^ besser daran gewesen. Abg. Stolle (Soz.) verbreitet sich über den Umsang ber Eisenbahnunsälle und deren innere Ursachen, den Vorwurf gegen die Eisenbahnverwaltung erhebend, daß die Beamten überanstrengt würden. Nach weiteren Bemerkungen be5 Soffalbemokraten Säubert} über mangelhafte Eisenbahnzustänbe in Thüringen schließt die Do- batte und der Etat Reichseisenbahnamt wird genehmigt. Morgen weitere Etats. Erstes Blatt IS«. Jahrgang Dienstag 13. Mürz 1S0E 1 v w ° VezngSpretsr »nonattlch7bPf^oiertel^ Eichener AMgerW M General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den weis Sichen ZMZ Die heutige Rümmer umfaßt 8 Seiten. Juristische Ketzereien. Von einem höheren richterlichen Beamten wird uns von auswärts geschrieben : Bei den Reichstagsdebettten zum Justi,z«tat ist wiederholt, wenn auch nicht besonders eingehend die Rede gewesen von der bedrohten Oeffentlichkeit des Strafverfahrens. Die Kommission, der die Ausarbeitung eines Entwurfs der Revision des Strafprozesses oblag, nracht nämlich den Vorschlag, bei Beleidigungsklagen und im Verfahren gegen jugendliche Angeklagte die Oeffentlichkeit auf Antrag auszu- schließe n. D'arüber hat man sich in liberalen Blättern, wie ich sehe, mit ziemlicher Erbitterung ausgelassen, und es ist ja auch begreiflich. Ein altes liberales Prinzip, das die unbedingte Oeffentlichkeit aNer Hauptverhandlungen verlangt, soweit nicht etwa die Sittlichkeit gefährdet ist, scheint bedroht. Seit 40 Jahren ungefähr bin ich als richterlicher Beamter tätig. Tausenden von Verhandlungen habe ich präsidiert. Man sieht sich bei dieser Gelegenheit nicht nur die '.'lngeklagten und die Zeugen an, sondern mitunter auch das Publikum, lind da macht man die merkwürdige Erfahrung, daß dieses Publikum, das die Oeffentlichkeit repräsentiert, eigentlich immer das Gleiche ist. Es besteht zu, sagen toir gelinde, 70 Prozent aus Gerichtssaalbummlern, die lediglich zu ihrem Vergnügen und um die Zeit totzu-- schlagen, den Gerichtssaal auffuchen. Bei sensationellen Fällen kommen auch andere Leute, aber in der Regel ftefti ein Häuflein von sog. Kriminalstudenten die fog.Oeffent- lichkeit dar. Dazu kommt noch die Presse, die leider gewöhnlich nicht immer ihre besseren Vertreter in den Gerichtssaal schickt. Ich bin dafür, daß die Presse unter allen Umständen und auch bei Sittlichkeitsprozessen zugelassen wird, allerdings wäre ich auch dafür, daß nur durchaus intakte Leute geschickt werden, die auch die entsprechende Auf- ssungsgabe mitbringen. Ich wurde es als kein Unrecht betrachten, wenn besonders bei Ehrenkränkungssachen auf den Antrag der gekränkten Seite die Oeffentlichkeit ausgeschlossen würde, besonders im Falle der Führung eines Wahrheitsbeweises. Unser Strafrecht schützt die persönliche Ehre zu wenig. Nimmt man noch dazu, daß auch bei einem mißglückten Wahrheitsbeweis nach dem alten Wort immer etwas hängen bleibt, baitn wird man es nicht unrichtig finden, die „Bummler" in solchem Falle sn'nauszuweisen. Die Garantien für die Oeffentlichkeit sind durch die Presse gegeben, die in ihrem eigenen Interesse solche Dinge vorsichtig behandeln muß und sich nicht zur " : . gerin deS Klatsches machen wird; der „Bummler" bedarf cs da wohl auf keinen Fall. . Es mag manchem fürchterlich klingen, wenn ich sage: die Oeffentlichkeit in ihrer jetzigen Gestalt hat schon viel mehr Schaden ange- friftet, als sic Nutzen bietet, aber wahr ist das. Jedem Richter ist es belannt, daß geriebene Gauner sich im Ge- - ichtssaal eine Menge juristischer Kenntnisse boten, mit denen die Herrschaften dann dem Gesetz ein Schnippchen ums andere schlagen. Deshalb plädiere ich für eine recht ausgiebige Kontrolle dieser Vertreter der „Oeffentlichkeit, und ich würde cs als gerechtfertigt empfinden, wenn dieser Begriff der Oeffentlichkeit enger gezogen würde. Mit Entrüstungift ein Teil der Presse jungst über einen Beisitzer hergefalten, der das Urteil samt Begründung schon fertig in seiner Mappe hatte, ehe die 5Muptverhandlung begonnen. Ich will keineswegs diese Handlungsweise verteidigen, u,nd ich würde gegen jeden Beisitzer das Disziplinarverfahren in solchem Fall beantragen. Aber, seien wir offen: hat denn die Hauptverhandluug wirklich den kolossalen Einfluß auf das Urteil, den man ihr zuschreibt? Die Untersuchung wird stets sehr eingehend gefüllt Jeder Richter, der es ernst mit seinem Berufe nimmt, studiert die Akten, weiß, was der Angeklagte sagt, weiß, was die Zeugen aussagcn, Ueberraschnngen in den Hauptverhandlungen kommen verhältnismäßig selten vor. Und glaubt man denn, daß die Reden des Staatsanwalts und des Verteidigers auf den Berufsrichter einen so besonderen Einfluß haben? Bei den Schwurgerichten liegen die Dinge anders, aber der Berufsrichter, der die Akten studiert hat, bringt sein fertiges Urteil im Kopf — nicht ausgearbeitet in der Mappe — in vielen Fällen zur Hauptverhandlung mit. Der persönliche Eindruck, den der Angeklagte, den ■ ■ H ' P f 3 et und M diesmal aküv^^^ha 242 292, s G 0" & Hausen 85170, Schwarzburg-Rudolstadt 96 830, Waldeck 59135, Reuß ä. L. 70 590, Rens; j. L. 144 570, Schanmburg--Lippe 44 992, Lippe 145610, Lübeck 10G 857, Bremen 263 426, Hamburg 875090, Elsaß-Lothringen 1814 626 Seelen. Das gefamte Deutsche Reich hat danach rund 6 0'/2 Millionen Einwohner. Tie Marktpreise für Vieh und Frucht und die Gießener Fleisch- und Brotpreise ___nm 12 März 1906. blühen auf und erhalten frische, gesunde Farben, wenn man ihnen als tägliches Morgengctrfink den so nahrhaften und blutbildenden PePtSy* namin-RCakao gibt a 2.50 Mk. in den Apotheken. Die Bevölkerung des Deutschen Reiches. Bei der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 im Deutschen Reiche wurden vorläufig folgende Ziffern festgestellt: Ostpreußen 2 025 741, Westprenßeu 1 641 936, Stadt Berlin 2 040 222, Branden- bürg 3 529 839. Pommern 1 684125, Posen 1 986 267, Schlesien 4 935 823, Sachsen 2 978 679, Schleswig-Holstein 1 504 339, Hannover 2 759 699, Westfalen 8 618 198, Hessen-Nassau 2 070 076, Rheinland 6 485 778, Hohenzollern 68 098 Seelen. Das Königreich Preußen zählte also insgesaint 37 278 820 Seelen, Bauern 6 512 824, Sachsen 4 502 350, Württemberg 2 300 330, Baden 2 009 320, Hessen 1 210 104, Mecklenburg-Schwerin 624 881, Sachsen-Weimar 387 892, Mecklen- burg-Strelitz 103 251, Oldenburg 438 195, Braunschweig 485655, Sachsen-Meiningen 268 859, Sachsen-Altenburg 206 500, Sachsen- Mvehlrchs Nachvrchteir. Evangelische Gemeinde. Mittwoch, den 14. März, abends 6 Uhr: 3. Passionsan d a ch t in der Johanneskirche. Pfarrassistent Knott. Chor, und auf der Tribüne lassen sich Enthusiasten zu einem in diesen Räumen streng verpönten Beifallsklatschen hinreißen. Wer erst dieser Tonnerton der Stimme, die etwas Elementares^hatte, wenn Richter in Zorn geriet! Wer die mit der größten Wucht, mit einem unbeschreiblichen Aus-- druck hervvrgeschleuderten Worte vernommen hat: „Was ist denn das für eine Regierung" . . . ., dem wird die aufregende Wirkung dieser Anklage unvergeßlich bleiben. Nach Richter zu sprechen, war eine gefährliche und ?uhne Aufgabe selbst für einen bedeutenden Parlamentarier, ffelbst für den leitenden Staatsmann. Die Bewegung Witterte noch lange nach, die Einzelheiten der Rede wurden Merall erörtert, die Blicke hafteten an dem still und in sich gekehrt Sitzenden, der gelassen den Bleistift führte, die Worte des Gegners fcstzuhalten. Die halb besorgte, halb selbstgefällige Frage manches Redners: „Wie habe ich gesprochen?" wird man aus dem Munde Richters kaum je -vernommen haben. Wobl aber wissen vertraute Freunde, haß er oft mit sich selbst nicht zufrieden war, auch an ^agen, wo der Erfolg sich stürmisch geäußert hatte. polititoc Tagesschau. Zum Falle Bernhard. / In einem bürgerlichen Blatte lesen wir heute, daß jetzt Lm „Vorwärts- Herr Bernhard seine Stimme zu wuchtigem Einspruch gegen seinen Ausschluß aus dem sozialdemokratischen Wahlverein des zweiten Wahlkreises erhoben hat. Seit zwei Jahren ist Bernhard nämlich aus dem zweiten Wahlkreis nach Charlottenburg verzogen und hat dort seine Parteibeiträge wie der loyalste Genosse bar und richtig an die Parteikasse abgeführt. Trotz aller erfahrenen Unbill protestiert er daher gegen seinen Ausschluß aus der Partei, und so werden die Herren Paul Singer, August Bebel und E. Krumm den Ungeratenen wohl oder übel noch länger in ihren Zukunftsgesilden dulden müssen. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. Handel nn- Verkehr, Volkswirtschaft. Märkte. Gießen, 13.März. Marktbericht. Ans heutigem Wochenmarkte kosteten: Butter vr. Psd. 1.00—1.05 Mk., Hühnereier 1 St. 7—8 Pfg., 2 Stck. 00—00 Psg.. Känseeier 00—00 Pfg., Enteneier 0—0 Psg., Käse vr. Stck. 6—8 Pf., Käsematte 2 Stck. 5—6 Pfg. Erbsen vr. Liter 21 Pfg., Linsenvr. Liter32 Psg., Taubenpr.Vaar0,80-l,00Mk., Hühner pr.St. 1,00—1,60 Mk., Hähne pr. Stück 0,80—1,80 Mk., Enten pr. Stück 1,80—2,20 Mk., Gänse vr. Pid. 00—00 Pfg., Ocbsenlleisch vr. Pfd. 74—82 Psg., Kuh- rind Rindfleisch pr. Pfund 70—72 Psg., Schweinefleisch pr. Pfund 86—90 Pfg.. Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 94 Pfg., Kalbfleisch vr. Psd. 70—80 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 60—80 Psg. Welsche per Pfund —Kartoffeln pr. 100 Kg. 5,50—6,00 Mk., Zwiebeln pr. Ztr. 6,00—8,00 Mk., Milch per Liter 20 Pfg., Aepsel ver Pfund 18 bis 30 Pfg., in Körben 00 Pfg., Russe 100 Stück 30-40 Psg., Birnen per Pid. Mk. 0.15—0.20, Weißkraut ver Stück 10—30 Pfg., per Zentner Mk. 0.00—0.00. — Marktzeit 8—2 Ubr. ** W agner-Feier. Fräulein Minna Körner, die unermüdliche Förderin der guten Musik auf dem Gebiete des Unterrichts, hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Schülerkreise durch entsprechende Darbietungen geschmack- bildend zu erziehen. In erster Linie sucht die tüchtige Pädagogin das, durch Mitwirkung der Schüler bei den Prüfungs - Konzerten, als Nebenzweck zu erreichen. Diesen haben sich jetzt Vortrags-Abende angeschlossen, die weit über den bisherigen Rahmen hinauS- Aewachseu, sich immer mehr zu vollgiltigen Konzerten ausgestalten. Der wohlgelungenen Mozart-Feier vor einigen Wochen reihte sich gestern ein ebenso interessanter Wagner-Abend an. Fräulein Körner hatte mit großem Geschick das knappe und teilweise spröde Material Waa- ^erjMer. K«usmu "" . ......... Ans Stadt nnd Land. Gießen, den 13. März 1906. L.U. Landesuniversität. Dein Assistenten am zoologischen Institut der hiesigen Universität Dr. Max Nauther wurde die venia legendi bei der philosophischen Fakultät für das Fach der Zoologie erteilt. — Seine Habilitationsschrift handelt über: „Beiträge zur Kenntnis von Mermis albicans v. Sieb mit besonderer Berücksichligung de§ Hautneroenntuskelsystems. ” Theater-Verein. Die auf Dienstag, den 20. d. M. festgesetzte 9. (letzte) Vorstellung wird uns mit einem 3affigen Lustspiel von Emil Gott „Der Sch warz- künstler" bekannt machen, das hier mit demselben Beifall, ausgenommen werden dürfte, den e§ bei einer vor kurzem in Freiburg i. B. erfolgten Aufführung fand. Die Titelrolle des Schwarzkünstlers, eines fahrenden Schülers des 17. Jahrhunderts, spielt Frl. Donecker; außer ihr sind noch mehrere erste Kräfte in größeren Rollen beschäftigt. Da das Gött'sche Lustspiel den Abend nur knapp ausfüllen würde, so soll ihm noch ein Einakter — das Lustspiel „Die Dienstboten^ von Benedix — vorhecgehen. sd. Darmstadt, 11. März. Der Landesverband .Hessen des Bundes deutscher Militär« n- Wärter hielt hier heute einen Verbandstag ab. Zu der Tagung iuaren -zahlreiche Delegierte der Vereine Offenbach, Mainz, Gießen, Worms und Bingen erschienen. Auch der Ehrenvorsitzende des Landesverbandes Hessen, Generalmajor z. D. v. Kloeden aus Wiesbaden, war anwesend. Tie Verhandlungen wurden durch den Vorsitzenden, Stadtv. Schupp in T-armstadt, geleitet, der auch den Jahresbericht erstattete. Ter Verband entwickelt sich in vorzüglicher Weise. Er hat auch im vergangenen Jahre sich bemüht, die soziale Lage seiner Mitglieder zu bessern. Tie Kassen- verhältnisse sind günstig. Es wurden verschiedene Anträge gestellt, die dem Vorstand zur Erledigung überwiesen wurden. Ter zweite Verbandstag findet in Offenbach statt. Ter bisherige Vorstand wurde wiedergewählt. General v. Kloeden hielt einen Vortrag über die Ziele des Verbandes, die auch Rechtsanwalt Tr. Bopp aus Darmstadt mit kurzen -Worten erläuterte. sä Babenhausen, 11. März. In der alten St ad t- mühle ist am Samstag ein größerer Brand ausgebrochen, der das Gebäude stark beschädigte und eine große Anzahl Säcke Mebl, die dort lagerten, vernichtete. Das Eingreifer der Feuerwehr hinderte eine weitere Ausdehnung des Brandes. Man vermutet, daß der Brand angelegt worden ist. Der Verdacht richtet sich auf einen früher in der Mühle beschäftigten Müllerburschcn, der wegen Unregelmäßigkeiten entlassen worden ist. Mainz, 10. März. Gestern abend wurde die Frau des Küfermeisters in der Lessingstraße, die am Montag überfallen und beraubt sein wollte, einem Verhör unterzogen und gestand sie dabei, daß sie die ganze Sache erfunden habe. Die 250 Mark habe sie zur Bezahlung von Schulden benutzen wollen, und das Geld in dem Bett versteckt. (F.Z.) t ] Marburg, 11. März. Der Main-Weser-Gou des Deutsch-nationalen Handlungsgehilfen - Verbandes hielt hetite hier unter zahlreicher Beteiligung von Delegierten sämtlicher Ortsvereine seinen neunten Gaütag ab. Den Vorsitz bet den Verhandlungen, welche um 12 Uhr mittags begannen und interner Natur waren, führte Gauvertreter Aßmus-Frankfurt a. M. Fulda, 11. März. Gestern abend 11 Uhr entgleisten auf Bahnhof Elnt neun Wagen eines von Bebra ausfahrenden Güterzuges. Die Ein- und Ausfahrtrichtung Frankfurt-Bebra war zunächst gesperrt, sodaß für den Schnellzug 1 Frankfurt ab 10.23 Uhr ein Hilfszug ab Elm mit 130 Minuten Verspätung abgelassen werden mußte. Die Reisenden mußten umstcigen. Im Laufe der Nacht mürben die Gleise im wesentlichen wieder betriebsfähig hergestellt. Ein Bremser ist leicht verletzt, Reisende wurden nicht verletzt. Vermischtes. * Der neue ft e Eisenbahnunfall. Der N a chtzug London-Liverpool ist bei Schneesturm in der Nähe von Stafford teilweise entgleist. Vier Personen wurden verletzt, darunter eine schwer. . Die Stimme des Kaisers. Ein amerikanischer Gelehrter, das Mitglied des Smitsonian-Jnstituts, Dr. E. W. Scripture, hat für das Nationalmuseum in Washington eine grammophonische Wiedergabe der Stimme unseres Kaisers erworben. An die Gewährung der grantmophonischen „Sitzung" durch Kaiser Wilhelm war die Bedingung geknüpft, daß zu Lebzeiten des Kaisers keine öffentliche Benutzung der Platte stattsinden solle. * Die Pfeife der Königin. Bis vor wenigen Jahren war es in England Sitte, den konfiszierten Tabak bei den Loudon Docks in einem besonderen Ofen ztt verbrennen, der deshalb den Namen erhielt »die Pfeife der Königin". Seit 1892 hat man aber eine andere Verwendung für die kostbare geschwärzte Ware gesunden: Während der letzten fünf Jahre sind ungefähr 40000 (englische) Pfund Tabak beschlagnahmt worden. Davon sind 15000 Pfund an die botanischen Gärten in Kew und Edinburg gesandt worden, um als Waschmittel für die Pflanzen zu dienen, 9800 Pfund sind den Insassen der Knminal-Jrrenanstalt in Broadmore gegeben, 2500 Pstmd Zigarren wurden öffentlich versteigert, 7800 Pfund Stengel tuiirben verbrannt usw. * Wien, 12. März. Unter den Gläubigern der Erz« Herzogin Clotilde, welche ihr Lombarddarlehen auf ihre Aktien der chemischen Fabriken gewährt haben, befinden sich die Oesterreichische Länderbank mit 2l/t Millionen, die Pester Vaterländische Sparkaffe mit 2 Millionen und ein deutscher Bankier mit einer halben Million Kronen. Letzterer fordert die Rückzahlung des Darlehens. Für ein Arrangement wird die Beistellung von 31/., Millionen Kronen als notwendig bezeichnet. ' Schweizerische Städte über 10 000 Einwohner. Zürich hat 170000, Basel 120 000, Genf 115 000, Bern 75 000, Lausanne 55 000. Es folgen St. Gallen mit 46 000, La Chaux» de Fonds mit 37 000 und Luzern mit 32 000 Einwohnern. Die Fabrikstädte Biel und Winterthur haben ihre Einwohnerzahl in einem Jahrzehnt verdoppelt und zählen nun 25 000 Einwohner. Neuenburg mit seinen 22 000 wird von dem Industriezentrum Schaffhausen-Neuhausen (20000) bald übertroffen sein. Endlich kommen noch Freiburg mit 17 000, Locle mit 14 000, Lugano, Vevey und Montreux mit 13 000, Chur mit 12 000, Solothurn mit 11 000, Aarau mit 10000 Einwohnern. ^iner pathetischen und etwas gekünstelten Feierlichkeit ver- uiochten ihm den Rang streitig 511 machen. Wer im Reichs- 4age es traf, Richter zu hören, nahm das Bewußtsein mit .ssch, ein nicht alltägliches Ereignis erlebt zu haben. Wie ein Ereignis wurden die Reden auch im ganzen Laufe aufgefaßt, auf der Bundesratsestrade ebenso wie amten int Parkett. Tie Ankündigung des Präsidenten: ^,Der Abg. Richter hat das Wort" bewirkte immer, das; wie mit einem Schlage die Unterhaltung im Saale verstummte, daß die Herumwandelnden schleunigst ihre Sessel aufsuchteu, daß am Negierungstisch Papier und Bleistift .zurechtgelegt wurden, daß matt den etwa im Vorzimmer teilenden Staatssekretären und Ministern eilige Boten landte, daß im Reichstagsrestaurant behagliche Gäste ihre Mahlzeit unterbrachen und in den Saal stürzten, daß die Journalisten in Bewegung gerieten, und daß die Tribünenhörer in atemloser Erwartung sich weit vorbeugten, auf die Gefahr hin, vom Stuhl herabzufallen. Hunderte von Augengläsern waren in diesem ^Jtoment auf die massive Figur in den Reihen der Linken gerichtet, auf den wuchtigen, höchst energischen Kopf, auf die ruhigen, fast unbewegten Mienen, das klare, sichere Auge. Erst dann, tneirn vollständige Stille eingetreten war, begann Richter zu sprechen. Wohl feder, der zum ersten Male Richter hörte, ist zunächst enttäuscht gewesen. Wie —dieses des Reizes entbehrende Organ sollte gewaltiger Wirkungen fähig sein? Diese leidenschaftslose, nüchterne Art des Vortrags sollte zu erwärmen, sollte hinzureißen im stände fein ? Oder ist der Redner heute nicht disponiert, daß er fast trockenen Tones spricht und zudem so leise, daß es Ait- ^trengung^ macht, den Sätzen zu folgen? Kenner flüstern dem Enttäuschten zu: „Warten Sie nur: Sie werden gleich Zehen, wie das Bild sich ändert!" Und ganz unvermittelt kam es. Richter, der bis dahin kaum den Blick von dem kleinen Notizblatt erhoben hat, auf dem nur ein paar Stichworte verzeichnet sind, reckt ben Arm aus, schöpft tief Sttein, es kommt Leben und Belve.gung in die kräftige Gestalt, urrd nun glaubt man einen völlig Anderen sprechen zu bören. Eine jener satirischen Bemerkungen klingt schneidend in den Saal, beifälliges Gemurmel bei den poli^ itischen Freurrden, Heiterkeit überall weckend, selbst auf der Pundesratsestrade, wo die jungen Regierungskommissare krampfhafte Anstrengungen machen, vor'ihren hohen Chefs, denen der Pfeil aall, das Lachen zu verbeißen. Jetzt, hat man das Gefühl, ist Richter im Zuge. Jetzt ist er zum Angriff übergegangen, hageldicht fallen die Schläge, und sellen, daß ein Schlag nicht trifft. Der Saal dröhnt von den Ausbrüchen der Heiterkeit, die sich erneut und verstärkt nach jeder neuen Pointe. Politische Gegner rechts und links stimmen, wollend oder nicht, mit ein in den mit einigen trefflichen musikalischen Freunden gemeinsam, bei den Darbietungen beteiligt. Fräulein Körner sowohl, wie die Mitwirkenden Professor Krüger (Violine), Assessor B l u nt e n a u (Klavier) uno E r n st K r a u ß e (Cello) führten ihren Part vortrefflich aus und ernteten reichen, wohlverdienten Beifall. X Wißmar (Kr. Wetzlar), 10. März. Heute nacht zwischen 2 und 4 Uhr brannten die Scheuem von zwei Gehöften vollständig nieder. Der Sturmwind begünstigte den Brand sehr und nur dem tatkräftigen Eingreifen der hiesigen und der Launsbacher Fetierwehr ist eS zu verdanken, daß sich das Feuer nicht weiter alisbreitete. Leider sind drei Ziegen in den Flammen umgekommen. Ein junger Mensch wtirde unter dem Verdacht der Brandstiftung heute verhaftet und in das Gefängnis nach Wetzlar eingeliesert. Der Schaden ist größtenteils durch Versichertmg gedeckt. (?) F r i e d b e r g, 11. März. Tas 5 0 j ä h r i g e Am t s- jubiläum unseres 1. Stadtpfarrers Deka n Meyer verlief in schönster Weise. Nachdem mehrere Gesangvereine dem Jubilar nm Donnerstag abend vor seiner Wohnung in der Burg ein Ständchen gebracht Hattert, fand am Freitag nachmittag im Hotel Trapp ein Fest- mahl statt, an dem die Vertreter der Behörden und der Lehranstalten und zahlreiche Bürger teilnahmen. Ansprachen hielten Superintendent P e t c r s e n - Darmstadt, srreisrat Fey und Bürgermeister Stahl. Letzterer verlas die Ernennung des Jubilars zum Ehrenbürger der Stadt Friedberg. Ter Großherzog ernannte ihn! zum Geheimen Kirchenrat. Auf diese offizielle Feier folgte heute abend eine allgemeine Volksfeier zu Ehren des Jubilars. Ein beredtes Zeugnis für die Liebe und Verehrung, die die Bürgerschaft ihrem Gei^lichen entgegenbringt, war es, daß schon vor 8 Uhr der große Saalbau überfüllt war. Um 8 Uhr erschien der Jubilar mit Familie und wurde von der Versammlung lebhaft begrüßt. Eingeleitet wurde die Feier durch einen vom Po saunen chor vorgetragenen Festmarsch, den der Dirigent Kern komponiert hat. Die Festrede hielt F^rdincutd Damm. Er gab seiner Freude Ausdruck, daß es dem Jubilar vergönnt war, fast ein halbes Jahrhundert als Pfarrer und Seelsorger hier zu wirken und hob den unermüdlichen Fleiß hervor, mit dem er auch auf sozialem Gebiete tätig war, hat er doch folgende 7 Vereine gegründet: Halb-Batzen- Kollekte der Baseler Mission, Gustav-Adolf-Frauenverein, fteiwillige Krankenkasse, Psennig-Sparkasse, Evangel. Arbeiterverein, Herberge zur Heimat und den Bauverein „Eigener Herd ist Goldes wert." Frau Obstbautechniker John trug einen selbst verfaßten Festprolog vor, der lebhaften Beifall fand. Sie feierte darin den Jubilar und seine segensreiche Wirssamkeit und verglich diese mit der Luthers und Pestalozzis. Mit den Schlußworten „Friedbergs Herz bleibt treu Dir allezeit" überreichte sie ihm einen Lorbeerkranz und dann eine Statue „Pestalozzi der Kinderfreund". Namens der vom Jubilar gegründeten Vereine brachten Kinder in poetischer Form Glückwünsche dar und übergaben sinnige Geschenke. Von Oberamtsrichter Römheld-Nidda traf ein poetischer Gruß ein, der zur Verlesung kam. Der Jubilar dankte tief gerührt für alle Ehrungen. Tas Programm brachte noch eine Anzahl sehr schöner Chöre und Lieder. Höchste Schlachtviehpreise in F r a n k s n r t a. M. Fleischpreise in Gießen Ochsen Kalber Schweine 50 Kg. Schlachtgewicht 77-79 Mk. '/? Kg. Schlachtgew. 89 —93 Pi. L- ,, 80-81 , 7, Kg. 72-80 Psg. 7, „ 70—80 , 76 86 „ Getreidepreise in Mannheim Brotpreise in Gießen Weizen 100 Kg. 19.00 - 00.00 Mk. Roggen 100 Kg. 17.25—00.00 Mk. Weißbrot 2 Kg. 54 Pig. Schwarzbrot 2 Kg. 50 Psg, i ..... ——..... März 1906 Barometer mir 0° reduziert Temperatur der 2iiit Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit en 'S .o s erfitats=Vru(ieid, $d)ulftrafie 7. n 59]35 De 44995' L87509Ö' R-ie kost, hten fünf deschlag. "tonischen ls Nasch, sind den gegeben, tf, 7800 er Erz. auf ihre iden sich >ie Pester deutscher c fordert gement ^wendig roo^net. 00, >it 4M, iit 32 W )ur haben unb zählen ! 000 wird > (20000) iburg mit MonKeuz 00, Aarau ichaft. )t6ennmi-fte ' 7-8^., M., Me er 21W, jttetvt.Sl. px. f. vr. M. Lchweinr- pr. Vlmid 1 pr. Kind )t. 100 flg. rfi per Liier en 00 M.« , 0.15-0.20, 10-0.00. - cht reise ■80 Pig. -80 , Gießen JAW* Rg. 60 W en Kller Co e- s 6) 6=) *ts 3 2 er Co , h O 32 3*S er o 3 p er 3' ri rs n ♦. o s « 3 • C7< o — t2 CT — <-$ 3 co <0 3: 9 SöS 2. -X O re s 3 3 3< c e — • £2 C3 FZ CO 3- 3: er o 3. 3 2; o er o 3 M 2. s. §8" 3 Co K-, ' "tr ' 5 -3: r3 <»3-o " - 2-ä er e 3 o s< 2 o 3 2, o * O —r. >3«^ ra 3 = s* -r ! ffZZ 7 o- ® «2 er er = & er Q 0. e? “ o* er S 2". CP er Z S o 3 s 3 Z* o = zr a< re 2 —" ** 30 3 3 5 a S . Ö3H g »3-2 ua 3 I ? " 2t5 rr 3 ÖD ri — ~ ‘ I 3??0 7.' ,=Ü Sf -,32 5:« -co (p 5 0 — co "32 co — 31 JX O— <» —- P" c er1 C sCy —' ft q. <• n o “ 2 = « 3 0 — 3 —• O< 3 3 _2.co -■ p- O 2 — CO cl’co « 0 0 , 3- '3. = S3?=s" w. E c sr S !Ä Cö k3 (0 h3 cO CO o» o 05 CD O CD CB CO o co Cl> e 3 s cs" 5 » 3- § 5 co 3 O — cp KO _ cz - C* ■C c - 2* Hi a 3. s aö 2 s 3 *0 0 3T 3- Ä 2. to "3! O C M» r«;s «> - 3. =22 t-t o CD 5 CD — -q SS»3 p - s 3 3 E ® 2 |i»g = E I1 ~ 3 *■» 3 53* 53 3" 55 53 er *-♦ « 3 (2.72.^’S <1 o' 2.3* p< o" 3 §TZ = -=' I I g’s«5 o: — — 3 CS cs" 5- S5 - •=» o 0 53 äs-tf PTCD — O 2 a » 3 S» cP 2* — CB X 2: er —. <1 o er Cti 6) c» r-9 es cO o er. Cf Ä r> 5 n co d2 o e£? er "o* 2 er n <» CT CB •3.- CS —> <3* co S) CP -♦ 2 •—■ §>' 3. o cp s a* "re S> KZ er p P co CP - «u ^>2 er 3 S 1 >S ra s.cpa* *3 3 ~CP 0* p e— 3 co er 06 «# 0 ö p o — ß-M tl 3 3 CB P e §c^ 6)2-~ -tr - er O-5 3 p er o 3 m - £ CP —. -2-0 to I h 'v Ur Photog, Apparate! 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