^'«Sanb. ‘«MS. "*5114, Bn Anzeige. W°7N 0iik'e^'°'^Ervaler, Asbacher L,ut,ta«4 »» und Krau Ansbacher »ormsbächer, 1-,, dm IS. ZE *iitag4U6eeom 05008 lalban rten) . Juli 1906: s-üiiat im (2. fr. Hess.) Nr. 116 rin C. Krausse Eintritt 50 Pig. ■***8fw -M AAH^ ■».jsrSi- 'q(r, k--r;haar^'fU. » Metl Snem ltot" le BelohE ■. j.r io,L ^-----TTTfaafev' »f .ktnailtj^J^iTr 15.3«“ 8.«» 6 Hart ai»9,5** .» ** •ft*” eirfw* 16 yc!l‘Ztt1 $/ : "‘Zey-^ZZ'- Xr^ v «ne. MrÄZ niflkiten, /galten imb Flecken L 'rG:en-u.^dun«tieW ^Mchdi-°0m.^-L Zweites Blatt Nr. 161 156. Jahrgang Donnerstag 12. Juli 1906 Gießener Anzeiger Rotationsdruck unb Verlag der Brüh lachen Universitätsdruckerei. 9L Lange. Gießen. Redaktion, Expeditton u.Druckerei: Schulstr.?. Tel. Nr. 6L Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen. Erscheint «glich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Gießener AamMrndMter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monattich einmal. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen. Hinblicke und Ausblicke. Mau schreibt uns: Seit ungefähr einem Hülben Jahr erscheinen Senso- tiousarzeugnisse, die sich mit dem „bev orsteh en den Weltkrieg" befassen. Sie sind meistens anonym oder doch pseudonym, und der Leser soll glauben, daß sich hinter dem „Beremundus" oder hinter dem „Generalstabsoffizier" oder dem Herrn weiß was für eine großartige, kriegs- und politikerfahrene Persönlichkeit verbirgt. Diese Erzeugnisse, die meist nur einen begrenzten Wert haben, werden dann mit allen Kniffen unserer Verlagsindustrie in die Welt hinausgehctzt, und auf Grund dieser meist romanhaften Lektüre bildet sich dann der Durchschnittsphilister eine polit. Ueberzeugung, die ihm unfehlbar dünkt. Denn es ist ihm ja mathematisch nachgewiesen worden, daß Deutschland unbesiegbar ist, daß die deutsche Flotte unter keinen Umständen von der englischen aufgerieben werden kann, weil die Amerikaner das nicht leiden würden, und was dergleichen schöne Dinge mehr sind. Von der Wirklichkeit sind diese Träume soweit entfernt, wie der Mond von der Erde; Kombinationen, herausgeholt aus einer oberflächlichen Kenntnis der Armee- und Marineverhältnisse des Kontinents und der allgemeinen politischen Lage. Nun erschien ein Buch, baä sich himmelweit von den bisherigen Erzeugnissen schriftstellerischen Handwerks unterscheidet. Wir nennen weder den Titel — der Verfasser ist ohnehin ungenannt — noch den Verlag, um nicht in den Verdacht zu kommen, Reklame für das Buch machen zu wollen. Der oder vielmehr die Verfasser verfügen über eine so gründliche Kenntnis der Armee- und Marineverhältnisse aller Kulturstaatcn, daß man sie unbedingt in Fachkreisen suchen muß und zwar in sehr hohen Fachkreisen. Ihre militärischen wie nautischen Kenntnisse sind geradezu frappierend, und ihre Kenntnis der politischen Verhältnisse wie der politischen Persönlichkeiten ist fabelhaft. Ein Diplomat, ein Generalstäbler und ein hoher Marineoffizier haben das Buch jedenfalls gemeinsam verfaßt — doch: wer es verfaßt hat, das ist an sich ganz gleichgiltig. Das Buch geht nun davon aus, daß sich ein Bruch unter den europäischen Völkern nicht vermeiden läßt. Geschürt von England läßt Frankreich sein Militär in Marokko einmarschieren — das ist für Deutschland und Oesterreich der casus belli! England springt Frankreich bei, Italien und Spanien beobachten eine zweideutige Haltung. Der Gang der Dinge D "in dieser: Im Landtamps wird die Mmeemacht Frankreichs auf dem b e l g i s ch - h o l län d. Kriegs- sch auplatz — Neutralitäten existieren in diesem Kampfe nicht! — trotz tapferster Gegenwehr geschlagen, dagegen vernichtet^ der c n gl. Höch st kommandierende, Lord Beresford, die deutsche Flotte im deutschen Meere fast vollständig. An estne Landung mit Erfolg aber ist nicht zu denken, und so bleibt Deuts chland zu Land Sieger. Inzwischen aber hat England, getreu seiner alten Rolle, in den Kolonien im Trüben zu fischen gesucht- und dabei weder den französischen noch den amerikan. Besitz geschont. Frankreich besinnt sich, selbst geschlagen, daraus, daß der alte Erbfeind aller kontinentalen Staaten England ist: im Handumdrehen wird Friede mit Deutschland und ein europäischer Bund geschlossen, dem auch das inzwischen von Oesterreich geprügelte Italien beitritt. England steht nun im Kampf mit der ganzen Welt, da die Kriegserklärung der Union wie Japans sofort erfolgt ist. Und nun wird England an seinen verwundbarsten Punkten, in den Kolonien angegriffen. Die Pan islamitische Bewegung regt sich, japan. Sendlinge bringen 'Aufruhr nach Indien, Afrika steht in hellen Flammen der Empörung. Nordamerika, das sich anschickt, die Monroedoktrin auf ganz'Amerika auszudehnen, versucht Kanada zu okkupieren — England ist in höchster Gefahr, einfach ausgericben zu werden und seine ganze überseeischen Besitztümer zu verlieren. Es schließt nunmehr mit dem europäischen Bund ein Schutz- und Trutz- bündnis, das ihm allerdings einige schöne Punkte kostet, aber doch immerhin noch die schönen Trümmer der großen Weltmacht rettet. Und dieses neue Bündnis ist der ewige Friede — damit schließt das Buch. Natürlich handelt cs sich hier um eine Utopie, und die aufgestellten Hypothesen sind eben Hypothesen mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit. Aber interessant ist dieses Rechenexempel immerhin, und vor allem ist es richtig, daß ein Fortbetreiben der Rüstungen, wie wir es heute haben, unmöglich anders, als mit einem Weltkrieg enden kann. Der Gründe hierfür gibt es Aleines Feuilleton. — Aus Darmstadt wird uns geschrieben: In unserer Künstler kolonie dürfte sich demnächst wieder ein frischpulsierendes Leben entwickeln. Wie wir hören, haben in den letzten Wachen zwischen den maßgebenden Persönlichkeiten und verschiedenen auswärtigen Künstlern wegen ihrer Uebcrsiedelung nach Darmstadt eingehende Verhandlungen statt- gesunden, die auch teilweise schon dem Abschluß nahe sind. Weitere Mitteilungen darüber werden binnen kurzem in authentischer Weise erfolgen, lleberraschend kommt die Nachricht, daß auch der Bildhauer Dr. Greiner, das jüngste Mitglied der Künstlerkolonie, demnächst aus derselben aus scheid en wird, sodaß alsdann Prof. Olbrich einstweilen als einziges Koloniemitglied verbleibt. Ob dieser Austritt bereits mit der neu geplanten Künstlergruppierung in Beziclnmg zu bringen ist, vermag man vorerst nicht zu beurteilen. Dr. Greiner, der früher Pfarrer in Ob er Hessen war unb sich später in Paris in seiner Kunst ausbilden ließ, hat sich hier in turzer Zeit viel Sympathien erworben. — Die Vorarbeiten für die im Jahre 1908 hier stattfindende hessische Ausstellung für frei und angewandte Kunst sind inzwisrl>en so weit vorangeschritten, daß bereits im nächsten Monat die Grundsteinlegung zu dem großen Kunstausstellungsgebäudc auf der Mathildenhöhe erfolgen kann, welches die Stadtverwaltung mit einem Kostenaufwand von 230 000 Mark zu errichten beschlossen hat. — Welch steigender Beachtung und Anerkennung sich die hessische Kunst auch int Ausland erfreut, beweist die gegen iväriig in London stattfindende deutsche 5k unstaus >tell ung. Dort sind sämtliche berühmten deutsclz-en Künstler mit ihren besten Werken vertreten. Um auch von der hessischen Kunst wahrhaftig genug, jetzt eben bereitet sich auf dem Wclt- theater wieder etwas vor, das gefährlich werden kann. Die Verteilung Abessiniens, auf die doch der abessin. Vertrag zwischen England, Frankreich und Italien schließlich hinausläuft, kann zum Stein des Anstoßes werden. Die panislamitische Gefahr, die nach den Autoren des erwähnten Buches erst während des Weltkrieges sich aufrollen soll, ist vielleicht viel näher und viel gefährlicher, als man denkt, und Afrika steht ja heute schon in Hellem Aufruhr, wie die beschönigende englische Presse nicht mehr in Abrede stellen kann. Und wie ist es im Osten? Haben die Japaner nicht bereits gezeigt, daß sie gute Zähne haben und diese Zähne dem alten Europa zu weisen gedenken? Wie steht es in China? Und wie stehen die einzelnen kontinentalen Mächte zueinander? Das sind Fragen, die sich nicht ohne weiteres beantworten lassen, aber es ist, trotz aller Friedensheuchelei, durchaus nicht zu verkennen, daß sich die Fäden der Politik immer mehr verschlingen. Vielleicht steigen dunkle Wolken auf, ehe man sichs versieht, haben wir den Weltkrieg, ehe man glaubt! Wollte Gott, er hätte dann aber auch ein so erfreuliches Ende, wie die kenntnisreichen Männer glauben, die wir oben angeführt! Politische Lagesscharz. Deutsche unb englische Arbeiterverhältniffe. In der Untersekunda eines süddeutschen Mädchen- Gymnasiums erzählt ein Pfarrer seinen Schülerinnen bei Besprechung der sozialen Frage, daß unsere deutschen Arbeite roerhältnisse sehr z n bedauern seien, namentlich iiji Gegensatz zu jenen der englischen Arbeiter, die sich jeden Tag ihr Beefsteak leisten könnten. Wir Deutsche brauchen uns, so meinen wir, unserer Fürsorge für unsere Arbeiter nicht zu schämen. Das ganze Ausland beneidet uns um unsere weitgehende Arbeiteroersiche- rungs- und Arbetterschutz-Gesetzgebung und der ausländische Arbeiter fühlt sich glücklich, wenn er unter dem Schutze der deutschen Gesetzgebung arbeiten darf. Selbst Bebel mußte den Vorsprung der deutschen Gesetzgebung vor der ausländischen offen zugeben. Auf dem internationalen Sozialistenkongrcß i. 1.1904 in Amsterdam mußte Bebel auf die Forderung der Engländer, Franzosen, Belgier und Amerikaner nach sozialer Arbeiterfürsorge gestehen: „Ja, das haben wir in Deutschland doch schon alles!"-- Bekanntlich sind in den letzten Wochen deutsche Arbeiter in England gewesen, um englische Arbeiterverhältnisse kennen zu lernen. Der offizielle Bericht über diese Studienfahrt ist noch nicht veröffentlicht worden. Immerhin sind bereits einige Mitteilungen über die in England gemachten Erfahrungen der deutschen Arbeiter in die Oeffentlichkeit gedrungen. So berichten die „Lpz. ßtg." und der „Hambg. Korr.": „Die deutschen Arbeüervertreter der Studienkornmijsion haben manchen allgepflegtkn Illusionen über die besonders günstige Lage der englischen Arbeiter im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen den Abschied geben müssen. Namentlich ist ihnen die Freudlosigkeit des englischen Arbeiterdaseins ausgefallen. Kahl und schmucklos liegen lange Reihen von Arbeiterwohnungen in schwarzen, verrußten und schmutzigen Stadtteilen. An Wochentagen sucht der englische Arbeiter fast seinen Ruhm im Schmutz und Schweiß seiner Arbeitskleidung, während er sich Sonntags nobel herausputzt. Es steht die große Masse ä r m- licher Arbeiter einer dünnen Schicht hoch gelohnter, geschickter Arbeitskollegen gegenüber. Die E r n ah r u n g ist minderwertig, die wirtschaft!. Bildung der Arbeiterfrau gering, leichte Biere fehlen, schwere Alkoholika treten an ihre Stelle. Tas Maß der Schulbildung, der Wissbegierde, der Reinlichkeit, wie des Sinnes für Komfort und bessere Genüsse ist gering; kurz, die Lebenshaltung des englischen Arbeiters ist den deutschen Arbeiteroertretern als keineswegs beneidenswert erschienen." Dies mögen sich alle die merken, die immer noch bereit sind, das Ausland auf Kosten des eigenen Vaterlandes herauszustreichen. Das sozialpolitische Negierungsprogramm für die nächste Neichstagssessi on wird bereits jetzt in den „Berl. Pol. Nachr." veröffentlicht. Es soll wohl damit die Entschlossenheit bet Negierung zum Ausdruck gebracht werden, auf dem Wege der Sozialreform fortzuschreiten. War doch in demselben halboffiziösen Organ zurzeit der Vertagung des Reichstags das Bedauern darüber zu lesen, daß in dem abgelaufenen Tagungsabschnitt fein größerer sozial- das Zeugnis abzulegen, wurde Prof. Olbrich zur Beteiligung aufgefordert, der dann außer dem berühmten kostbaren Prunkteppich Sr. königl. Hoheit des Großherzogs auch muh eine Anzahl prächtiger Schmuckgegenstände zur Ausstellung gebracht hat. — Auf der deutschen Kunstausstellung in Dresden wurden auch zahlreiche Auszeichnungen an Hess. Künstler verliehen. Die Firma Gebr. Kl in g spor-Offenbach erhielt als höchste Auszeichnung eine Ehrenurkunde, die Staatsmedaille wurde an PH. v Za bern-Mainz und das Diplom für die goldene Medaille Prof Olbrich und Hofrat Koch (Kunstverlag- in Darmstadt, sowie H. Bindewald - Friedberg verliehen. _ Frl Riza Bajor, die den Gießener Theaterfreunden bekannt geworden ist als Darstellerin von Grilwarzerschen Fraum- geftaltcn, verabschiedete sich dieser ^ag_e vom Mannheimer Theater als „Medea". Sie ist von Martersteig nach Köln engagiert worden. — Gefährliche Schriftsteller sind nach Ansicht des preußischen Kultusministers Hauptmann, Ibsen, Ludermann Die Werke dieser drei Manner dürfen auf preußischen Seminaren nickt gelesen werden Eine von Lehrern l>e rausgegebene Monatsschrift bemerkt dazu: Es ist wirklich ein starkes Stück obrigkeitlicher Bevormundung, angehenden Lehrern unb Erziehern ihre Settute vorzusa,reiben. Den Studenten der Hocyschule gegenüber wurde das ülbst emem preußischen Kultusminister nicht emsallen. Es wird Ahe Seit haft hinter die Klostermauern bet ^emmare das helle Licht der Oeffentlichkeit seine reinigenden Strahlen wirst. — Bon den deutschen Kun stauSstellungen handelt bas Jnlihest ber. Münchener Zeitschrift „Du Kunst" (Verlag Bruckmann, vierteljährlich 6 M.ark-. Zu 1Q7 ausgezeichneten politischer Gesetzentwurf zu stände gebracht sei. Die Schuld daran, so hieß es, falle nicht auf die Regierung, denn sie habe zwei bedeutungsvolle Entwürfe, über die Rechts - fäh igke it ber Berufsv ereine unb btc Sicherung ber Forberungen ber Bauhanbwerker, vorbereitet. Es habe an ben geschäftlichen Dispositionen bes Reichstags gelegen, wenn biesem bie beiben Vorlagen nicht mehr unterbreitet worben seien. All' bas zugegeben — ist aber nicht ber Reichstag in seinen geschäftlichen Dispositionen zum guten Teil von ber Regierung abhängig? Der Termin ber Einberufung bes Parlaments, bie zweckmäßige Einteilung bei ber Zuweisung ber Vorlagen sinb schon im Grunbe bestimmenb für ben Arbeitsplan bes Reichstags. Er hat in ber letzten Session getan, was er tun konnte, um bem Regierungsprogramm gerecht zu werben, unb babei seine eigenen gesetzgeberischen Anregungen arg vernachlässigt. Denn von ben Initiativanträgen sinb nur wenige zur Erlebigung gebracht, einige achtzig bis zum Herbst zurückgestellt, unb unter biesen eine Menge sozialpolitischer. An ber Verschleppung ber Berufsvereinsoorlage ist bie Regierung sicherlich nicht ohne Schulb. Dieser Entwurf würbe bereits im Januar 1904 angekünbigt, im November 1905 vom Bunbesrat beschloßen unb in ber letzten Thronrebe feierlich verheißen. Die Zuweisung an ben Reichstag hätte also wohl beschleunigt werben können. Der nächste Herbst bringt ja nun eine günstigere Situation für bie Losung ber verschiebenen sozialpolitischen Probleme insofern, als ber Reichstag um 14 Tage früher zusammentritt unb sich in bcc Regel — auf Grunb ber Diäten — beschlußfähig erweisen wirb. Tas gerabe bei sozialpolitischen Debatten hervortretenbe Uebermaß an Rebelust wirb sich also beschränken lassen zugunsten praktischer Gesetzgebungsarbeit. Der Letzteren eröffnet günstigere Aussichten weiterhin bie burch bie Reichsfinanzreform bewirkte Drbnung ber Reichsfinanzen. Sie ist gerabezu Vor- bebingung für bie Fortführung ber Sozialreform. Schon bie Vorarbeiten erforbern beträchtliche Summen, wie ein Blick in ben Etat bes Reichsamts bes Innern hunbertfältig zeigt. Sozialreformerifche Großtaten, wie bie Verschmelzung ber Arbeiterversichenmgszweige, bie Witwen- unb Waisenver- sicherung ber Arbeiter, bie Pensionsversicherung ber Privatbeamten usw., kennzeichnen sich banach als kostspielige Ausgaben, bie nur ein finanziell gesunber Staat auf sich nehmen kann. In bas von ben „Berl. Pol. Nachr." bekanntgegebene sozialpolitische Programm für bie nächste Session, bie vorletzte bieses Reichstags, sinb zwar bie erwähnten „Großtaten" noch nicht einbezogen, gleichwohl bedeutet e§ ein planmäßiges Fortschreiten ber Sozialreform, besten Vielseitigkeit umso erfreulicher ist, als bie vorstehenb bargelegten Grunbe erwarten lassen, baß bas Programm auch burchgearbeitet wirb. Soviel steht fest: unter bem Grafen Posabowsky, biesem „Sozial-Staatssekretär", gibt es keinen Stillstanb ber Sozialreform. Frischauf zu gemeinsamer Arbeit! Die „Kyffh.-Korr.", bas Organ bes Kyffhäuserbunbes ber beutschen Lanbes-Kriegerverbänbe, roenbet sich m einem Frischauf zu gemeinsamer Arbeit'. überschriebenen Artikel an bie bürgerlichen Parteien mit ber Mahnung, nicht bie Hänbe in den Schoß zu legen unb ruhigen Bluts bas Herannahen ber Reichstags wählen im Jahre 1908 abzuwarten, fonbern von ber Sozialbernokratie zu lernen unb sich zu bem beoorstehenben Kampfe schon jetzt zu rüsten. Der Artikel, ber einzelne recht beherzigenswerte Gebauten enthält, lautet in seinem wesentlichen Inhalt: Der Reichstag hat seine Pforten bis Enbe November geschlossen, unb für bie Politik ist eine Zeit ber Ruhe eingetreten--Ist es jetzt aber Zeit zur Ruhe, zum sorglosen Schlaf? O nein, keineswegs! In kaum zwei Jahren finben wieder die allgemeinen Reichstagswahleu statt, und auf bie gilt es, für bie bürg erl. Parteien s i ch mit aller Macht z u r ü st e n. Dazu ist aber gerade die parlameutslose Zeit außerordentlich geeignet, da während der Parlamentszeit die ganze Aufmerksamkeit von der gegenwärtig zur Frage stehenden Politik in Anspruch genommen zu' werden pflegt. Freilich wird mancher sagen, bis zu den Wahlen sind es nach volle zwei Jahre, also noch eyte tauge Zeit, und das wird leider nicht nur gesagt, sondern man handelt auch häufig danach. Und doch zeugt es von unglaublicher Kurzsichtigkeit, von trauriger Gleichgültigkeit der bürgerlichen Reproduktionen werden die Hauptwerke der Ausstellungen der Berliner und Münchener Sezession sowie der Kunstgewerbeausstell- ung in Dresden vorgeführt; sie zeigen den Ipiycn künstlerischen Stand der drei Ausstellungen, bie unter den diesjährigen derartigen Darbietungen an erster Stelle stehen, in glänzender Weise, lieber der bekannten vornehmen Art der Illustrierung soll aber nicht die textliche Seite der prächtigen Zeitschrift übersehen sein; die Aufsätze über die drei Ausstellungen, wie auch der übrige textlicl-e Inhalt rühren van bewährter Feder her unb zeigen bie Zeitschrift burchauS aus der Höhe ihrer Msgabe. — Vor uns liegt eine neue Auflage (bie 11.) von F. L. Rhobes praktischem Handbuch ber Handels-Korrespon- denz. Wenn es auch kaum nötig ist, bieses Buch zu empfehlen, da es ja feit seinem ersten Erscheinen eine ganz außerordentliche Verbreitung in der Kausmaunswelt gesunden bat, so kann es doch nur nützen, wenn wir die jüngeren Leute, die es vielleicht noch nicht kennen, wieder einmal darauf Hinweisen. Rhodes Handelskorrespondenz ist wohl das gediegenste Werk dieser Art. Jeder junge Kaufmann, der mit dem Ausland in Verbindung steht unb es sich deshalb anschafft, wird nicht nur an diesem Buch bald einen unentbehrlichen Freund und Ratgeber haben, sondern er wird sich auch, ivenn er es beständig zu Rate zieht, rascher, als auf jede andere Art in seinen Kenntnissen fremder Sprachen vervollkommnen. Diese neue Auflage ist auss gründlichste durchgearbeitet und vervollkommnet, und zwar wurde die Bearbeitung der einzelnen Sprachen Angehörigen des betreffenden Landes übergeben, sodaß die denkbar beste Gewähr für eine sprachlich wie fachlich richtige Uebersetzung gegeben ist. Besonders wollen wir auch noch auf die Preiswürdigkeit dieses nützlichen Werkes Hinweisen, das in 2h ca. halbmonatlichen Lieferungen ä 50 Pfg. erscheint. £- H. , Parteien, daß sie aus ihren Niederlagen fast gamichts lernen. Die Reichstagswahl erfordert an Vorbereitungen eine solche Menge Kleinarbeit, so viel Fäden müssen zwischen den einzelnen bürgerlichen Parteien herüber und hinüber gesponnen werden, daß es die höchste ^eit ist, mit einer planmäßigen Werbearbeit zu beginnen. Die bürgerlichen Parteien können von der Sozialdemokratie, was Arbeitsfreudigkeit und Opferwilligkeit betrifft, viel lernen. Die Sozialdemokratie beginnt ihre Kriegskasse sofort nach dem Wahl seldzug wieder zu füllen, sie seht sofort nach der Wahl zielbewußt und planmäßig mit ihren Verhetzungen, mit ihrem Werben und Buhlen um die Ghmft der Menge ein. Und der Erfolg? Nun, bei den letzten Wahlen war der Erfolg drei Millionen Wähler. Wie viele staatsfeindliche Stimmen sich das nächste Mal in den Urnen finden werden, ist schwer zu sagen. Das läßt sich aber nut aller Bestimmtheit voraussagen, daß es, wenn die bürgerlichen Parteien nicht ebenfalls baldigsteinsehen mit ihrer Gegenarbert, es unmöglich ist, int letzten Augenblick die Sozialdemokraten von den Schanzen zu vertreiben. Dazu ist aber nicht nur eine jahrelange, planmäßige, opferwillige Kleinarbeit nötig, solidem da ist vor allem auch Eintracht erforderlich. Einigkeit niacht stark, das sieht man nirgends bester als bei den Wahlen. Möchte doch bald, möglichst bald — so schließt der Artikel — mit der Werbearbeit von Mann 51t Mann, von Haus zu Haus begonnen werden! Möchten sich auch die bürgerlichen Kriegskassen füllen, und möchten vor allem die Führer der einzelnen Parteien sich im Gefühl defien, was sie eint, miteinander verbinden zu gemeinsamem Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Die neue württembergische Verfassung. In Kürze seien hier die hauptsächlichsten Aenderungen Plsammengestellt. die die neue württemb. Verfassung bringt: In der Zusammensetzung der zweiten Kammer bringt sie das Au s s ch c i d e n d e r 23 „P rivilegier- t e n" der 13 ritterschaftlicheu Mgeordnctcn, 6 evangel. Prälaten, 2 bezw. mit den: Bischof 3 kathol. Kirchenvertreter und des Universitätskanzlers. Die zweite Kammer besteht künftig ausschließlich aus solchen Abgeordneten, die aus dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht hervorgehen. In 63 Ober- ämtern und 6 „guten Städten" wird wie seither je ein Abgeordneter gewählt. Das Verfahren dabei ist aber insofern abgeändert, als die Stichwahlen mit Beschränkung auf die zwei Kandidaten mit höchster Stimmenzahl in Wegfall kommen und dafür nach dem „romanischen System" dann, wenn im ersten Wahlgang keiner der Bewerber mehr als die Hälste der Stimmen erhalten hat, ein völlig freier zweiter Wahlgang einzutreten hat, bei dem alle Kandidaten noch einmal, ja selbst neue auftreten können, nur daß dann die verhältnismäßige Mehrheit schon entscheidet. Zu diesen 69 Städte- und Be- zirksabgevrdneten treten 6 Abgeordnete der Stadt Stuttgart, zu wählen durch Listen und Verhältniswahl in einem Wahlgang: ferner 17 „Zusatzabgeordnete", ebenfalls durch Listen- und Verhältniswahl zu bestellen in zwei eigens hierzu gebildeten Proporzwahlkreisen, von denen der nördliche (Neckar- und Jagstkreis) 9, der südliche (Schwarzwald- und Donaukreis! 8 Vertreter entsendet. Tie Gesamtzahl der Abgeordneten bleibt, wie seither, 92. In der Kammer der Stand csh crre n, die künftig aus 50 statt nur 29 Mitgliedern besteht, treten zu den Prinzen des königlichen Hauses, den Häuptern der standesherrlichen Familien und den zunächst auf 6 fixierten lebenslänglichen Mitgliedern neu hinzu 8 Vertreter des ritterfchaftlichen Adels, 4 Vertreter der evangelischen und 2 der katholischen Kirche, je 1 Vertreter der Landesuniversität und der Technischen Hochschule, je 2 Vertreter des Handels-und Gewerbe st andes, sowie der Landwirtschaft, und 1 Vertreter des Handwerks. Das Recht der Krone zur Ernennung neuer erblicher Mitglieder der ersten Kammer ist gestrichen. Soweit standesherrliche Rechte „auf andere Weise als durch freiwilligen Verzicht dauernd" in Wegfall kommen, kann der König weitere lebenslängliche Mitglieder ernennen. Die erwähnten fünf berufsständigen Vertreter werden in der Weise gewonnen, daß die vorhandenen beruflichen Organi- fationen je die doppelte ZlNzaht von Vertretern wählen, die als „Vorschlag an die Krone gebracht werden, woraus diese die Ernennung der Mitglieder der ersten Kammer vollzieht. Noch einschneidender fast als diese Veränderungen in der Zusammensetzung der ersten Kammer ist der Wegfall des Stimmenübertragungsrechts. Mit diesen übel berufenen „Geisterstimmen" verschwindet eine der schwersten Graba- mina des Volks enHftindens. Dagegen erhalten die Standes- herren das Recht der Stellvertretung durch einen Agnaten. Die Vorschrift eines Wohnsitzes im Deutschen Reich «warum nicht im Lande? D. Red. d. Gieß. Mz.) ist neu ausgenommen, aber von geringer praktischer Bedeutung. Zum Eintritt in beide Häuser der Ständeversammlung bildet für die gewählten und ernannten Mitglieder nunmehr das 25. Lebensjahr die untere Grenze. ©ine schöne Genugtuung bildet das Gelingen des Verfassungswerkes, an dem sich die Staatskunst eines Mitt- nacht wiederholt vergebens versucht hat, für den greisen Ministe-rpräsidenten Tr. v. Breitling, der mit der Durchbringung dieses liberalen Staatsgrundgesetzes, das seit dem Jahre 1848 angeftrebt wurde, dem Namen feines Ministeriums für alle Zeiten einen guten Klang gesrchert hat. Der „Staatsanz." veröffentlicht ein Handschreiben des Königs an den Ministerpräsidenten Dr. v. Breitling, in dem es heißt: „Die Vollendung des Werkes der Verfassungsrevision gereicht mir ^/Ebhaften Be fr iedigun-g und Genugtuung, nicht toeti-cr l$. ueberetnstimmung mit meiner Regierung die Reform für etne dringende Notwendigkeit erachtet habe, widern auch weil deren Durchführung einem seit Jahrzehnten gehegten Wunsche des größten Teiles meines Volkes entspricht. W äußeres Zeichen meiner dankbaren Gesinnung bitte ich Sie, mente Büste entgegennehmen zu wollen." Mischehen iu Deutschland. Unter den 477 822 Ehen, die 1904 im Deutschen Reiche geschloffen wurden, befanden sich 434 530 Fälle, in denen Personen gleichen Religionsbekenntniffes sich die Hand zum Bunde fürs Leben reichten. Von diesen Heiraten waren 283 989 rein evangelffch, 145 696 rein katholisch und 4001 rein jüdisch. Auf die rein konfessionellen Ehen — wenn man sie so nennen darf — entfielen also 90,9 Proz. aller Eheschließungen, sodaß 9,1 Proz. der Heiraten Mischehen waren. Im allgemeinen zeigt sich, daß bei den Angehörigen der evangelischen Kirche das weibliche, bei denen der katholischen Kirche das männliche Geschlecht eine stärkere Neigung zum Eingehen einer Mischehe hat als das entsprechende andere Geschlecht. Wenn während 1904 im ganzen sich 21273 katholische Männer mit evangelischen Frauen verbanden, wurde der umgekehrte Fall, also die Heirat zwischen einem evang. Manne und einer katholischen Frau, nur 19 843 Mal beobachtet. Die Mischehen zwischen Juden und Christen waren im Berichtsjahre besonders häufig. Während 1902 nur 599 derartige Heiraten geschloffen wurden, wuchs ihre Zahl 1903 auf 635 und int folgenden Jahre auf 720. Der weitaus häufigste Fall war die Heirat zwischen einem Juden und einer evangelischen Christin, der 316 Male vorkam, Dann folgten die Ehen zwischen evangelischen Männern und jüdischen Fratien (256). Die 497 jüdisch-protestantischen Mischehen des Vorjahres waren somit auf 572 im Jahre 1904 gestiegen und betrugen annähernd viermai soviel, als die jüdisch-katholischen Verbindungen, deren 148 Fälle sich je zur Hälfte auf die beiden hier möglichen Kombinationen verteilen. Von Jntereffe ist jedenfalls die Tatsache, daß die Häufigkeit der Mischehen in den letzten Jahren in Zunahme begriffen ist. Während ihr Anteil 1902 8,7 Proz. der Gesamtheit auSmachte, stieg er 1903 auf 8,8 und im folgenden Jahre auf 9,1 Proz. Man wird im ersten Momente wohl geneigt sein, diese Entwickelung der Dinge auf Rechnung der fortschreitenden Toleranz in religiösen Dingen zu setzen. Diese Ursache mag da und dort mit ins Gewicht fallen; richtiger ist eS aber wohl, in der immer mehr zunehmenden konfessionellen Mischung der Bevölkerung auch den Grund für die Zunahme der Mischehen zu suchen. Major v. Zander und Genossen vor den Geschworenen. (Unberechtigter Nachdruck verboten.) H. F. Breslau, 10. Juli 1906. (Zwanzigster Tag der Verhandlung.) Nochmals die Maßnahmen deS Untersuchungsrichters. Verl. J.-R. Dr. Mamroth gibt folgende Erklärung ab: Der Untersuchungsrichter hat erklärt, er habe mir zunächst die Sitten- cinsicht freigestellt, sie mir dann aber entzogen, weil er aus beschlagnahmten Briefen ersehen habe, daß ich mein ihm gegebenes Versprechen, mich mit Luetlig nicht über den Gang der Untersuchung in Verbindung zu setzen, nicht gehalten habe. Ich habe hierauf erklärt, daß meine persönliche Auseinandersetzung mit Landgerichtsrat Firle an anderer Stelle erfolgen werde. Aus mir von mehreren Seiten gemachten Mitteillmgeu und den Berichten einiger Zeitungen sehe ich, daß die Reserve, die ich mir hier auszulegen für taktvoll hielt, nicht verstanden worden ist, sondern zu der Mißdeutung gesührt hat, als seien die Vorwürfe des Landgerichtsrats Firle begründet. Sie sind es nicht, sondern vom ersten bis zum letzten Worte h a l t l 0 s u n d n n w a h r. Es ist I. unrichtig, daß Landgerichtsrat Firle durch beschlagnahmte Briese, die er am 19. September vorsand, veranlaßt worden ist, mir die Akteneinsicht zu entziehen. Aklenmäßig hat er dies bereits vor seiner Abreise am 8. August, also viele Wochen vor jener Beschlagnahme getan. Es ist zweitens eine haltloseVerdächtigung, daß ich mich, entgegen meinem Vcrspre l en, mit Lueltig über die Untersuchung in Verbindung gesetzt habe. Ich habe Luetlig zum ersten mal im Leben im Januar 1906 gesehen. Ausweislich meiner Akten sind an ihn vorher nur zwei, spater beschlagnahmte Zuschriften an ihn gerichtet worden. Am 24. Juli habe ich ihm int Auftrage des Majors v. Zander die Bitte ausgesprochen, an J.-R. MalhaeS in Hildesheim für einen dort anhängigen Zivilprozeß 100 Mk. Vorschuß zu zahlen und am 29. August hat Luetlig an mich geschrieben und mich gebeten, Major v. Zander über eine andere zivilrechtliche geschäftliche Angelegenheit zu befragen. Das sind die Briefe, auf Grund deren der U n t e r s u ch u n g s r i ch t e r es gewagt hat, mich zubezichtigen, ein Versprechen gebrochen zu haben. Nochmals der Gesundheitszustand der Frau v. Zander. Die Köchin Hedwig Hutztellcr als Zeugin: Sie fei im Jahre 1904 längere Zeit Köchin bei v. Zander gewesen. Frau v. Zander sei oftmals ohne jeden Oftund so aufgeregt gewesen und habe soviel geschimpft, daß sie zu der Ansicht gekommen sei, Frau v. Zander könne geistig nicht normal sein. Bors.: Frau v. Zander war vielleicht mit Ihrem Kochen un- zuftieden? Zeugin: O, ich muß bitten, ich koche sehr gut. iHeiterkeit im Zuhörerraum.i Frau v. Zander: Ich war mit der Zeugin sehr unzuftieden, deshalb habe ich soviel geschimpft. Arbeiter Krambach bekundet: Frau v. Zander habe viel Wein und Benediktiner getrunken, auch viel Zigarren geraucht. Wiffentlicher Meineid. Es gelangt alsdann ein dem Angeklagten v. Zander zur Last gelegter wissentlicher Meineid zur Verhandlung. Tie Berliner Firma Mattke hat den Angeklagten v. Zander wegen einer Schuldforderung verklagt und ein vollstreckbares Urteil erftritten. Nach der Pfändung intervenierte Luettig auf Grund des von ihm mit v. Zander geschlossenen Vertrages, v. Zander und Joachim beschworen, daß der Vertrag ein ernsthafter Kaufvertrag und keine Schiebung sei. Angeklagter v. Zander bemerkt: Er sei damals ganz kopflos gewesen. Bald darauf sei er schwer krank geworden. Wenn ich in meinen Angaben nicht ganz korrekt gewesen bin, so erklärt sich das daraus, daß ich das Gefühl hatte, Joachim habe gedrängt. Es ist möglich, daß ich die Aeußer- ung Luettigs in Beuchte mit der Joachims in Schmoegerle verwechselt habe. Geistige Depression. Auf Beftagen des Vorsitzenden bemerkt der Sachverständige, Professor Dr. Bonhoeffer: Es sei sehr wohl möglich, daß der Angeklagte trotz geistiger Depression das ganze Gut mit Lucttig und Joachim durchgegangen sei, um das Inventar aufzunehmen. Es sei, auch sehr wohl möglich, daß sich infolge dieser geistigen Depression das Bild über die Vorgänge bei Abschluß des Vertrages bei dem Angeklagten vollständig verschoben habe. Auf Antrag des Staatsanwalts werden einige Briefe verlesen, die v. Zander in jener Zeit in Kali-ANgelegen heften geschrieben hat. Prof. Dr. Bonhoeffer bemerkt darauf: Er halte es' allerdings nicht für wahrscheinlich, daß ein Mann, der derartige Briefe schreibe, an geistiger Depression leide. Falsche eidesstattliche Versicherung. Der Vorsitzende hält den Angeklagten vor, daß sie beide am 19. April 1904 vor dem Breslauer Amtsgericht wegen einer Schuldforderung von 1780 Mark eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben haben. Ende des bunten Flitters. Angeklagter v. Zander: Ms ich mit meiner Familie in der Pension Frankenberg in Goslar wohnte, begegnete ich eines Tages dem Gerichtsvollzieher Hochsommer. Dieser sagte mir, er habe einen PfändunIsauftrag gegen mich, den er am folgenden Tage ausführen müfie. Ta habe ich beschlossen, dem „bunten Flitter" endlich einmal ein Ende zu machen. Ich habe alle Winkel und Schubladen durchsucht, und alles zusammengepackt, was ich von Schmucksachen finden konnte. Dies habe ich dem Gerichtsvollzieher gegeben mit dem Bemerken, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Offizier und als Ehrenmann, daß das alle Schmucksachen sind, die ich in den zwei Zimmern unseres Hotels gefunden habe. Ich muß bemerken, daß ich deshalb eine arge Szene mit meiner Frau hatte. Frau v. Zander: Mein Mann irrt sich. Ich hatte noch eine Reihe Schmuckgegenstände in Woeltingerode verpackt. Bei der eidesstattlichen Versicherung habe ich alles angegeben. Der Untersuchungsrichter beschuldigte mich aber, daß ich zwei fietteu erst nach dem Abschluß des Luettigschen Vertrages gekauft habe, das ist unwahr; jedenfalls bin ich bei der eides- ftattlie^u Versicherung von her Wahrheit nicht abgewichen. v Zander: Er habe etne etdeSstatlltme Versicherung überhaupt nicht abgegeben, sondern lediglich die eidesstattliche Versicherung aufgesetzt und zu seiner Frau gesagt: Sie sei jetzt gewissermaßen der verantwortliche Redakteur. Wenn sie das beschwören könne, dann soll sie die Erklärung unterschreiben. Gerichtsdollzielxw Hochsommer bekundet als Zeuge: Major v. Zander habe ihm in Goslar einen Kasten mit Ächmucksachen überbracht und ihm auf Ehrenwort versichert, es seien das alle Schmucftachen, die er in seinen Zimmern, der Pension Frankenberg in Goslar, gefunden habe. Er habe später in Woeltingerode gepfändet. Frau v. Zander: Als der Zeuge nach Woeltingerode kam, sagte er, er müsse die Fretzschen Sachen beschlagnahmen. Da sagte ich: Gewiß habe ich Freysche Sachen, ich kann bloß nickst dazu. Im übrigen habe ich dem Zeugen alle anderen Schmucksachen gezeigt mit dem Bemerkeit, er solle von der Pfändung noch vorläufig Mstand nehmen, ich werde die Schuld in wenigen Tagen bezahlen. Zeuge: Das ist nicht wahr. Frau v. Zander sagte mir, im Gegenteil, ich habe keine Scknnucksack)en mehr, wenn ich aber welche hätte, würde ich sie Ihnen nicht zeigen, denn Sie würden sie mir ja wegnehmen. Frau v. Zander (in großer Erregung): Das ist absolut unwahr. Sie sagten zu mir, Sie kommen Schmucksachen pfänden, da sagte ich sofort: Hier sind sie, und brachte Ihnen den Kasten^ Als ich Ihnen Zahlung in wenigen Tagen veftprach, sagten Sie: Wenn Sie mir das versprechen, Frau Major, dann glaube ich es Ihnen. Gerichtsvollzieher Hochsommer: Das ist mir nicht erinnerlich. Frau v. Zander: Erinnert sich der Zeuge, daß ich ihm auch die Schublade öffnete, in der die 100 Mark-Spitzen lagen ? Zeuge: Das ist mir auch nicht erinnerlich. Auf Befragen des Staatsanwalts bemerkt der Zeuge, daß er vom April 1903 bis April 1905 60 Pfändungen bei v. Zander vvrgenommen habe, davon seien noch 14 anhängig. Auktion von Wein und Likör. Auf Beftagen des medizinischen Sachverständigen, Professors Dr. Lesser, bemerkt der Zeuge: Er habe von v. Zander einen Oxhoft Rotwein und eine Probesendung anderer Weine und Liköre versteigert. Frau v. Zander: Sie haben doch aber sehr viele Weinfiaschen auflaben lassen? Zeuge: Die waren zumeist leer. (Allgemeine Heiterkeit.) Gießener Strafkammer. )( Gießen, 10. Juli. Die Strafkammer bestätigte ein von einem Eisenbahnbeamten angefochtenes Urteil des Schöffengerichts Nidda, das die Eheftau des K. H. dort von der Anklage der Beleidigung fteigesprochen hatte. Der Beamte will von der Angeklagten die Worte gehört haben: „Das Eisenbahnerpack Hal ja gewöhnlich nichts." Er bezog diese Worte auf sich, weshalb er diese Wahrnehmung feiner vorgesetzten Behörde mitteilte, die gegen die Angeklagte Strafantrag stellte. Weder die Zeugen noch die Angeklagte wollen von einer solchen Aeußerung etwas wissen; doch der Beleidigte, der als Nebenkläger austrat, bekräftigte die erfolgte Beleidigung mit seinem Eid. Das Beruftngsgerickst konnte ebenfalls nicht zur Verurteilung gelangen, da, wenn tatsächlich die Aeußerung gefallen iväre, nickst als erwiesen angenommen werden fonnte, daß sie gerade dem im Hause der Angeklagten wohnenden Beamten gegolten bat. Drei Handwe rksburschen, Schlosser K. E. von Schildesche, Drahtzieher F. H. von Allagen und Schuhmacher G. G. von Großlinichen kamen auf ihrer Wanderschaft bettelnd nach dem Schmitthof bei Lehrbach, wo sie sich verschiedene Kleidungsstücke stahlen, nachdem sie ein Zimmer gewaltsam geöffnet hatten. Tie zwei Erstgenannten wurden des Diebstahls im Rückfall für überführt erachtet und E. zu 10 und H. zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Dem G. konnte nicht nachgewiesen werden, daß er sich an dem Diebstahl beteiligt hat, weshalb er freigesprochen wurde. Dagegen erhielt er, wie auch die beiden andern, wegen Bettelns eine Woche Haft, die durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt zu erachten ist. Ein Schwalheimer Wirt geriet in einer Wirtschaft zuFried - berg mit einem Gast, H. S. in Wortwechsel, in dessen Verlauf der Wirt von S. einen Stoß erhielt. Auf erfolgte Anzeige wurde S. wegen Körperverletzung unter Anklage gestellt, da der Wirt erhebliche Verletzungen am Auge hatte, die ihn längere Zeit arbeitsunfähig macksten. Das Schöffengericht hielt nicht für erwiesen, daß diese Verletzungen von dem Angeklagten hervorgerufen worden sind: wenn er dem Verletzten auch einen Stoß versetzt hat, so geschah dies nur, um einen ihnt drohenden Angriff abzuwehren. Der Verletzte erhob als Nebenkläger Berufung, aber die Strafkammer hielt ebenfalls Notwehr als vorliegend, weshalb ba5 Urteil seine Bestätigung fand. Der Gärtner I. B. von Marburg trieb sich bettelnd in Gedern herum, bei lvelcher Gelegenheit er verschiedene Kleidungsstücke stahl. Wie seine Vorstrafiiste zeigt, ist er ein der Trunksucht und dem Müßiggang verfallener Mensch, der sich durch Betteln und Diebstahl ernährt. Indem das Gericht seine geistige Minderwertigkeit und die Geringfügigkeit des Gestohlenen strafmildernd berütffidjtigte, ernannte es wegen des Diebstahls auf ein Jahr Gefängnis. Wegen Bettelns wurde er in einer durch die erlittene Untersuchungshast als verbüßt zu erachtende Haststrafe von 3 Wochen genommen und die Ueberwcisung an die Landespolizeibehörde zwecks Ueberführung in das Arbeitshaus beschlossen, sobald die Strafzeit zu Ende ist. Universitäts-Nachrichten. — Von der Akademie zu Fr ankfu r t a. M. TaS Vorlesltngsverzeickmis der Akademie für das Wintersemester 1906/07 ist erschienen. Tie Vorlesungen des nächsten Semesters finden in dem neuen Auditoriengebäude an der I 0 r d a n st r a ß e statt, das von der Jügelsiiftung errichtet worden ist. Aus Anlaß der lieber« fiebhmg der Akademie in ibr neues Heim wird am 21. Oktober in der Atlla des Neubaus eine akademische Feier stattfinden; am darauffolgenden Tage werden die Vorlesungen ihren Anfang nehmen. Das neue Vorlesungsverzeichnis kündigt im ganzen 90 Vorlesungen an einschließlich der seminaristische,t und sonstigen Hebungen sowie der praktischen Beschäftigung in Laboratorien. — Der preuß. .Staatsanz." veröffentlicht die Ernennung des Profesiors Adolf Harnnck zum Generaldirektor der königl. Bibliothek in Berlin unter Verleihung des Charakters als Wirkl. Geh. Regierungsrat mit dem Range der Räte erster Klaffe, sowie die Ernennung des bisherigen Abteilungsdirektors Geh. Regierungsrates Schwenke jttm ersten Direktor der königl. Bibliothek. Göttingen, 11. Juli. Eine Versammlung der Medizin Studierenden nahm Stellung gegen die Vivisektion und verweigert den Besuch der Vorlesungen über Phyfiologie, falls weiter viviseziert wird. Wöchentliche flkbttllcht bfr Tsdessölle in der Stadt Gießen 25. Woche. Von: 24. bis 30. Juni 1906. Einwohnerzahl: angenommen zu 29 500 (inkl. 1600 Mann Militärs Sterblichkeitsziffer: 7,08%«. nach Abzug von 0 Ortsfremden: 00,00°/«». Kinder ES starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom 1. Lebensjahr: 2.—-15. Jahr Lebensschwäche 2 — 2 — Krebs 1 1 — — Tuberkulose___1 1________—________— Summe 4 2~ 2 — Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Wie wäre es Mittags mit Mondamin- Fruchtflammeris ? AlsNachspeise erfrischend und köstlich im Geschmack. Natürlich nur Mondamiu verwenden. ,Plondamin" überall zu haben in Paketen ä 60, 30 41. 15 Pf. I Photographische Apparate | S" Original-Fabrikpreisen. 383? KE Katalog gratis. Zubehöre ervrobt und billiast. ;v J 7 4 tt K 36/01 B‘7. Nur kurze Zeit! Nur kurze Zeit! Alle Schuhwaren >ö 8 ^ölbe.t 4275 bis Nr. 35 l18 und l50 1 Posten farbige Kinderstiefel bis Nr. 30 275 Mk., Gocthcstraße 34. 2990, Wasche mif 2.30 3.15 Paar das wäschtam besten das Paar l60 und . . das Paar Kein Kopfweh! Kein Ranch! Kein Russ! 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