Nr. 187 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Slehener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u.Stem- druckerei. R. Lange. Niedaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Redaktion 113 Verlag u.(Lxpec>.s^51 Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. ■■■■■Kn Erstes Blatt 156. Jahrgang Samstag 11. August 1906 jfftSKSSy M» Jk -wgr a DezugSpret»: (TOp Ämk Ws W monatlich 7bPf^viertel- GietzenerAmeiger» w General-Anzeiger ® ** S . den polit. und allgem. Amts- und Anzttgeblatt für den Kreis Gießen MW . zelgenteil: HanS Beck» Die Heutige Kummer umfaßt 14 Seite». Amtlicher Heil. Bekanntmachung. Betr.: Die KaSko-VerficherungsgefeUschaft Nheinfahrt, Ver- sicherungSverein auf Gegenseitigkeit in Homberg a. Rhein. Der oben genannten Gesellschaft ist durch Entscheidung des Kaiserlichen Aufsichtsamts für Privatoersicherung voni 11. Juli d. Js. die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb im Großherzogtum erteilt worden. Gießen, den 9. August 1906. Großyerzogliches Kreisamt Gießen. I. V.: Dr. Wörner. Bekanntmachung. Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 3. Mai l. I., Kreisblatt Nr. 50, bringen mir hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß das Präsidimn des VerbandeS der oberbadischcn Zuchtgenossenschaften auf den Absatz der Lose der anläßlich des am 17. und 18. September 1906 zu Radolfzell stattfindenden Zentralzuchtviehmarktes zu veranstaltenden Verlosung in Hessen verzichtet hat. Gießen, den 9. August 1906. Großherzogliches Kreisamt Gießen. I. V.: Dr. Wagner. Die KrHeöuug «Hessens zum Kroßherzogtum. Ein Gedenkblatt. Am 6. August 1806 war das morsche heilige römische Reich deutscher Nation endgiltig zu Grube getragen worden, nachdem es schon vorher durch die Gründung des Rheinbundes sein tatsächliches Ende erreicht fyatte. Die westund süddeutschen Fürsten mußten, wenn sie nicht ganz ihre Besitzungen verlieren wollten,ihren Frieden mit den Verhältnissen, d. h. mit Napoleon machen und sich dessen Schöpfung, dem Nheinbund, anschließen. Auch Landgraf Ludwig X. von Hessen-Darmstadt tat dies, aber als letzter, als er einsehen mußte, daß er vom Reiche keine Hilfe zu erwarten hatte. Mit der Loslösung vom alten Reich fiel auch der alte Ditel. Wie Bayern und Württemberg zu Königreichen, so wurde Hessen von Napoleons Gnaden zum Großherzogtum erhoben und ihm nach dem Reichsdeputationshauptschluß zu Regensburg als Entschädigung für den Verlust seiner wohlhabenden linksrheinischen Besitzungen reichlicher Ersatz durch das Herzogtum Westfalen und eine Anzahl Aemter in Kurmainz, Bensheim, Heppenheim, Lorsch, Gernsheim, Fürth, Steinheim, Dieburg, ferner Seligenstadt, Hirschhorn, Lindenfels, Otzberg, Umstadt, die Reste des Bistums Worms, Lampertheim und Neckarsteinach, die Reichsstadt Friedberg und die später von Baden eingetauschte Reichsstadt Wimpfen überwiesen, wozu dann noch die Landgrafschast Homburg, das Burggrafen tum Friedberg, die Grafschaft Erbach, die Herrschaft Breuberg und verschiedene Besitzungen der fürstlich und gräflich Solmsschen Häuser kamen. Der Vtonarch führte den Titel „Ludwig L, Großherzog von Hessen, Herzog in Westfalen" usw. und verkündete dies durch nachstehendes Verdikt: Wir Ludewig, von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen, Herzog in Westphalen usw. usw. Thun kund und fügen hiermit zu wissen: Zufolge des am 12 ten Juily dieses Jahres zu Paris zwischen Sr. Majestät dem Kaiser der Franzosen Könige von Italien und Uns, in Vereinigung mit rnehrern bisherigen höchsten und hohen Deutschen Reichs- Ständen, abgeschlossenen Bundes-Vertrags, ist Uns die völlige Souverainität, sowohl über unsere angeftaminte und durch den letzten Reichs-Deputations-Schluß erworbene, als auch nachbe- uannte Lande und Besitzungen beigelegt worden: Ueber das Burg- grasthnm Friedberg mit allen Zubehörungen, die Herrschaften Breuberg, Heubach und Habizheim, die Grafschaft Erbach, die Herrschaft Ilbenstadt, den Stollberg-Gederschen Antheil an der ■ i ■■■■■■■........... Grafschaft Königstein, die Besitzungen der Fürst- und Gräflich Solrnsischen Häuser in der Wetterau, mit Ausschluß der Aemter Hohensolms, Braunfels und Greifenstein, über die Grafschaften Wittgenstein und Wittgenstein-Berleburg, das Amt Homburg vor der Höhe, die bisherigen unmittelbaren von Riedeselischen, nebst mehreren Reichsritterschaftlichen Besitzungen usw. Die Oberhoheit über letztgedachte Lande und Besitzungen begreift die Gesetzgebung, die Ober-Gerichtsbarkeit, die Ober-Polizey, die Militär-Hoheit und das Recht der Auflagen. Vermöge desselben Staats-Vertrags, und nach der nun förmlich erfolgten Auflösung des Deutschen Reichs-Verbands, haben Wir den Großherzoglichen Titel, mit allen von der Königlichen Würde abhängenden Rechten, Ehren und Vorzügen, für UnS und Unsere Nachkommen angenommen und Unsere sämtlichen Herzogthümer, Fürftenthümer, Grafschaften und Herrschaften usw. zu einem souverainen Grobherzog thum erklärt, und machen solches, kraft dieses, zu Jedermanns Nachachtung kund. In der Ueberzeugung. daß alle Unsere Angehörigen, Diener und Unterthanen an diesem für Uns und Unser Grobherzogliches Haus, so wie für unsere gesammten Lande, höchst wichtigen und erfreulichen Ereignisse, den lebhaftesten Antheil nehmen werden, gereicht es zu Unserer größten Zufriedenheit, ihnen zugleich die Versicherung zu erteilen, daß Wir den mit der neuen Würde erlangten unumschränkten Gewalt auch in sofern einen ganz vorzüglichen Werth beilegen, als sie Uns die frohe Aussicht eröffnet, das, Unserem Landesväterlichen Herzen so theure, Glück Unserer Angehörigen, Diener und Unterthanen, so wie die allgemeine Wohlfahrt des Staats, noch würksamer, als bisher, erhöhen und befestigen zu können. Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und beigedruck- ten Staatssiegels. Gegeben in Unserer Residenz Darmstadt den 13. August 1806 (L. S.) Ludewig. Von der Ausnahme, die dieses Edikt bei der Bevölkerung sand, wissen die Chronisten nur weniges zu melden, und es ist bezeichnend für jene Zeit, daß die im Lande erscheinenden Zeitungen (auch das „Gießer Anzeigeblätt- chen", wie sich die Großmama des „Gieß. Anz." nannte) außer diesem Edikt nur noch ein weiteres brachten, das die — Titulaturen des neuen großherzoglichen Hauses regelte. Das Protektorat, das Napoleon wie über die übrigen Rheinbimdstaaten auch über Hessen ausübte, brachte diesem keinen Schutz in den unaufhörlichen Kriegswirren; wenn auch dies Land selbst nicht Kriegsschauplatz war, so hatte es doch unter den unaufhörlichen Truppentransporten zu leiden, und 1806 und 1807 in Preußen, 1809—1813 in Spanien, 1809 in Oesterreich und 1812 in Rußland und 1813 gegen Preußen, wurden zahlreiche hessische Landeskinder den Interessen des fremden Usurpators geopfert. Aber das Versprechen, unter den neuen Verhältnissen die Wohlfahrt seiner Untertanen noch besser fördern zu wollen als seither, hat der edle Fürst auch unter den Stürmen jener Zeit nach besten Kräften gewahrt. So zog er durch reiche Dotationen für die Landesuniversität eine Anzahl berühmter Lehrer hierher. In Darmstadt vollendete er den Bau des Hoftheaters, das Kollegienhaus und viele andere Monumentalbauten und trug besonders dadurch zur politischen Entwicklung des Landes bei, daß er am 17. August 1820 eine neue ftän^ dische Verfassung gab, das Steuersystem und die Heereskonskription neu ordnete und eine gut geregelte Fi- nanzgesetzgebung durchführte. Das Hauptverdienst des ersten Großherzogs aber, mit dem er unserem Großherzogtum zugleich auch in der Geschichte des werdenden deuAchen Reiches ein unvergänliches Ruhmesblatt stiftete und Hessen einen hervorragenden Anteil an Deutschlands Einigung sicherte, war der auf Anregung des Ministers du Thil im Februar 1828 glücklich zustande gekommene Zollvertraa mit Preußen, der den eigentlichen Grundstein zudem 1833 gegründeten Deutschen Zollverein bildete. Während damals die englischen Waren den deutschen Markt vollständig überfluteten, den deutschen Produkten aber durch hohe Zollschranken der Eingang in fremde Länder verwehrt war, erließ im Jahre 1818 Preußen ein Zollgesetz, dessen wichtigste Bestimmungen dahin aingen, daß der Verkehr der Waren im Innern des Lanoes frei fern und keiner Beschränkung unterliegen, dagegen der heimische ©eiöerbe* fleiß durch Erhebung von Grenzzöllen geschützt werden solle. Dieses neue Zollprmzip bedeutete einen gewaltigen Auf-, schwurtg für Preußen, fügte aber den anderen Bundesstaaten furchtbaren Schaden zu und so versuchte du Thil mit glücklichstern Erfolg den Zollanschluß Durch diesen Anschluß aber wurde Hessen wie neu bdicht und seine Kassen' mit Geld gefüllt. Schon dritten Monat der neuen, Zollverwaltung zeigte das wirtschaftliche Leben einen gewaltigen Aufschwung; besonders hatten die seit Jahreu lagernden Weinvorrate reißenden Absatz gefunden, und in den ersten 15 Monaten waren von Hessen eigene Erzeugnisse im Gesamtwert von 3 190 000 Gulden nach Keußert abgesetzt worden, für die mangels des Zollvertrags nicht weniger als 870000 Gulden an Preußen hätten gezahlt werden müssen. Statt dessen wiesen die Zollkcrssen des Landes in den 15 Monaten einen Ueberschuß von 400 000 Gulden auf und die hessischen Produkte stiegen um durchschnittlich um 20 Proz., für Wein aber gar um mehrere hundert Prozent im Preise. Wie der verstorbene unvergeßliche Greßenep Prof. Wilh. Oncken in seinem großen Geschichtswerk konstatiert, war es besonders die Furcht der' Bundesstaaten vor dem Hauptstaat Oesterreick), welche die im Stillen lähmende Gewalt bildete und Sen Anschluß an Preußen selbst dort hintenanhielt, wo man ihn wünschte und seine Notwendigkeit eingefeben hatte. Wer nicht alle Landesteile, die 1806 die Erhebungj zum Großherzogtum miterlebten, konnten sich der allg. Hess. Fortschritte miterfreuen; an die Stelle Westfalens waren Rheinhessen und die isenburgischen Besitzungen getreten. Aus dem „Großherzog von Hessen und Herzog in Westfalen" ist ein „Großherzog von Hessen und bei Schein" geworden, und noch später ist aus Hessen ein Glied des einigen deutschen Reiches geworden, das aufgebaut ist auf den Grundsätzen der Wohlfahrt uni)' Freiheit aller seiner Bürger. In der Kette, die das alte Reich mit bcmi neuen verbindet, ist Hessen nicht das schlechteste Glied gewesen. Kaiser Wilhelm und König Eduard. Aus London wird zu der am nächsten Mittwoch Bei vorstebenden Zusammenkunft des Kaisers mit König Eduard gemeldet: Laut Daily-Telegraph entbehrt die Zusammenkunft des, Kaisers und Königs diplomatischer Bedeutung, weil die Minister der auswärtigen Angelegenheiten nicht zugezogeu werden. Gleichwohi werde das Zusammentreffen Alle befreien, die Englands und Deutschlands Rückkehr zur allen geschichtlichen Freundschaft wünschen. Zwischen der deutschen und der britischen Regierung besteht nicht der geringste Vorwand zum Streit. Dagegen herrscht zwischen den beiden Völkern vorübergehend grundloser Argwohn und Eifersucht, die durch die Zusammenkunft der beiden Herrscher zerstreut werden könne. Dazu bemerkt die „Boss. Ztg.": Eine Zusammenkunft zwischen dem deutschen Kaiser und dem Könige von Großbritannien eMbehrt nie politischer Bedeutung, ob die Minister der ausw. Angelegenheiten dieser Zusammenkunft beiwohnen oder nicht. Im vorliegenden Falle muß diesem Zusammentreffen um so höhere Bedeutung beigemessen werden, als König Eduard, der' im vergangenen Jahre einer Zusammenkunft mit dem Kaiser geflissentlich ausgewichen ist, mittlerweile die Notwendigkeit erkannt zu haben scheint, seinen Verstoß gegen höfische Sitte wieder wett zu machen. Sein verwandtschaftliches Verhältnis zum deutschen Kaiser allein hat ihn zu seinem Besuch in Kronberg gewiß nicht bestimmt. Wenn man in England offenherziger wäre, so würde man einfach erklären: „Wir möchten den Besuch König Eduards auf deutschem Boden als eine nicht länger hinauszuschiebende Höflichkeit, in Erwiderung des kaiserlichen Besuchs, betrachtet wissen. Wir legen auf diese Anpassung Wert, weil uns die Freundschaft mit Frankreich über alles teuer ist, und well wir ängstlich zu vermeiden wünschen, daß unsere Freunde etwa an eine „Extratour" glauben und einen roten Kopf bekommen." Schon jetzt werden Pariser und Londoner Journalisten auf dem Wege fein nach Homburvs v. d. H. und dem romantischen Kronberg. Die schönen Seelen finden sich, um mit „Mutter Brünnhilde." Wirth, Moritz, „Mutter Brünnhilde". Zwei neue Szenen zur „Götterdämmerung" entdeckt und bühnentechnisch erläutert. Mit einem Gutachten von Dr. Max Kormcum und hüt einer Zeichnung .Brünnhilde dem Siegfried den Vergißmemnichttrank zutrinkend" von Georg Schuster, Preis 2 Mk. Leipzig 1906. Verlag von Gebr. Reinecke. Professor Hugo Dinger, der in Jena über Richard Wagner liest, nannte einmal Wirth: den Loge der Wagnerianer und hat danut die Wesensart de§ Leipziger Privatgelehrten nicht übel charakterisiert, sofern er damit einerseits seine Spitzfindigkeit andererseits den in diesem seltsamen Heiligen vorwaltenden Geist, der stets verneint, gekennzeichnet hat. Wirth ist ein überzeugter Gegner des jetzigen „Bayreuth; er läßt die Kunst, so ivie fie von den Erben des Meisters gepflegt wird, nicht als voll und ehrlich gelten, und gar gütig ist Die Lauge, mit der er seine Hypothese,i und Deduk- Lianen wurzt. Hat man bet WirlhS mikroskopischen Haarspaltereien schon früher das Geiuhl gehabt, als mache sich der Verfasser über den Leser lustig, der an die Zuverlässigkeit des Ariadnefadens, der ihn durch em Teilchen des Labyrinthes Wägnerscher Werke zu lecken verspricht, willig glaubt, so steigert sich diese Empfindung bei der Kenntmsnahme der neuesten Arbeit Wirths zur Ueberzeugung. Als Satire auf die Art von Wagner-Forschung betrachtet, die in jedem beliebigen Stabreim, jedem nebensächlichen Motiv de^ „junges eine unermeßliche schöpferische Tat, eine göttliche Offenbarung erblickt, ist „Mutter Brünnhilde" köstlich zu lesen, und, wie es bezeichnenderweise in der Empfehlung der Verlagsbuch- Handlung heipt, geeignet: „zweifellos ©enfation' zu erregen. Wer "s ö*ei?n Festspieltagen auf der langen Fahrt nach Bayreuth sich die Zeck vertreiben will, der genieße diese neuentdeckten Szenen zur „Götterdämmerung", wer zu Hause geblieben ist, der greife auch jur „Mutter Brünnhilde" und erbaue sich an dem Gedanken, daß Nichard 2Ba$ner selbst augenscheinlich gar nicht gewußt hat, warum denn eigentlich über den durch den Lergesienheitstrank vergüteten Siegfried, über das verlogene Giebichungenpaar, über den Alben^ sohn und über die zur Untätigkeit verdammte Göttersippe der Tag der Vernichtung am Schluß des „Rmg"-Dramas heraufdämmern muß. Moritz Wirth kündet es: Weil Brünnhilde von Siegfried einen Sohn im Schoße birgt, für den sie mit dem Ring die Weltherrschaft als einzig Gut geizt, weil der Zustand Brünnhildens, aus dem heraus sie Siegfried verrät, pathologisch ist, muß Siegfried fallen, müssen die Nhemtöchter chr klares Gold wieder gewinnen, muß ©ott und Welt erlöst werden vom Fluche Alberichs. Nach Wirths Ansicht hat Wagner am Schluß der zweiten Szene des ersten Aktes und in der Waltrautenszene ein .ganzes gynäkologisches Kolleg in Musik gesetzt." Die zärtliche Sorgfalt, mit der die Musik dieser Szenen für den hoffnungsvollen Zustand der Wotanstochter ausgelegt wird, nicht minder aber die Kühnheit, mit der auf seltsam kombinierter Basis ein neues Gebäude von schivindelnder Höhe aufgesührt und mit den subtilsten Einzelheiten in philosophischer und medizinischer Fassung ausgestattet wird, das erweckt stamiendes Jntereffe, weckt Widerspruch, macht wohl auch Sensation. Und mit der ^genannten Wirkung wird sich Wirth wohl auch bescheiden. Tenn daß er selbst an eine Umwertung feiner Weisheit für Bayreuth oder die Bühne überhaupt denkt, das mag glauben wer will. — Alexis Müller, das älteste Mitglied des Frankfurter Schauspiels, blickt in den letzten Tagen des August auf eine 5 0 jährige Tätigkeit am Frankfurter Etaditheater zurück und wird sich dann von der Bühne ganz zurückziehen. Die Theaterleitung wird Herrn Müller Gelegenheit geben, sich durch eine besondere Vorstellung, vom Frankfurter Publikum zu verabschieden. Vorher wird Alexis Müller noch in einigen seiner charakteristischen Nollen, insbesondere auch in Frankfurterl Diaektrollen anftreten, die cv in den letzten Jahren, seit Stroheckers Tod, vertreten hat, obwohl er als geborener Rigaer nut Frankfurter Redensart ,em Fremder von außerhalb^ war. — Falsch an gerne ndeteSvarsarnkeit. Der Frankfurter W a g i st r,.a 1 hatte HMlossen, im Schauspielhaus während der Ferien die Regenvorrichttung erneuern zu lassen. Die alle Regenvorrichtung besteht aus verzinkten Eisen- rohren, bereit feine Deffnungen immer von Neuern durch Rost verstopft werden. Dadurch wird die Regenvorrichtung unbrauchbar, was im Kalle eines Bühnenbrandes verhängNtsvolle Folgen haben fann. Wegen der hohen Kosten hat der Magistrat seinen Entschluß, eine Regenvorrichtung aus Kupferröhren im Schauspielhause anbringen zu lassen geändert, die alle ist geblieben. Man hat die Löcher ausgebohrt und die Wasferzuflußvorrichtung etwas geändert. In Kürze werden die Röhren wieder verrostet sein. Hoffeicklich rächt sich diese Sparsarnkell am falschen Orte nicht eines Tages bitter. — EineGruppe von französischen Aerzten und Professoren der Medizin kamen am Donnerstag abend in Köln an, wo die Stadt ihnen zu Ehren ein festliches Mahl veranstaltete. Einen Ailtkommensgruß im Namen der Kölner Akademie bot Prof. Barden Heuer. Er sprach die Hoffnung aus, daß die Besucher von der vor zwei Jahren errichteten Anstalt den Eindruck mitnehmen möchten, daß sie ihrem Zweck ent- ftricht, und daß in ihr ein reges geistiges Leben herrscht. Die soeben angeknüpften persönllchen Beziehungen mögen sich weiter ausgestallen. Er trank auf das Wohl der ftauzösischen Vereinigung. Darauf dankte Bazot in verbindlichen Worten. Es sei eine Freude für die Gäste, das ihrer Heimat so nahe gelegene Köln zu besuchen, das mit ihr so manche enge Verbindung aufweise. Die Kölner Akademie für praktische Medizin errege das größte Jntereffe der Studiengescllschaft, die sich selbst die Fortbildung dcc ärztlichen Wissenschaft zmn Ziele gesetzt habe. Frankreich habe noch feine solche Anstalt und könne immer noch von Deutschland lernen. Frankreich habe einen Pasteur gehabt und sei stolz auf Roux, allein auch Deutschlands Gelehrte von Weltruf, Bergmann, Leyden und viele andere gereichten ihrem Vaterlande zur größten Ehre, und es sei eine Auszeichnung, deutsche wissenschaftliche Stätten besuchen zu dürfen. vereinten Krusten demnächst feft^ufteTTen, daß keinerlei Vereinbarung getroffen würbe, und daß die Begegnung nicht das Mindeste in der politischen Situation geändert habe, «geschweige denn die so überaus herzlichen Beziehungen zwischen Frankreich und England zu trüben geeignet sei. Es gehört keine Prophetengabe dazu, diese Auslassungen vorauszusehcn, vielleicht in etlichen Londoner Zeitungen garniert mit sauersüßlichem Lob „deutschen Wesens" und „Genugtuung" über die glückliche Beseitigung von Mißverständnissen. Doch auf Eines darch man, wenn schon alles ziemlich programmgemäß verlaufen wird, ziemlich gespannt sein: in welche Worte die Begrüßung der offiziösen „Nordd. Allg. Ztg." am Vorabend der Zusammenkunft gekleidet sein wird. Keine leichte Aufgabe für das Auswärtige Amt. Die Begrüßung kam: beispielsweise unmöglich von einem „Herzensbedürfnis" des Königs Eduard sprechen, wie es Brauch ist frei anderen Besuchen befreundeter Herrscher. Es ist da schwer, die mittlere Linie zu finden, weil es schwer fällt, einem Gast etwas Angenehmes zu sagen, der übermäßig lange auf sich hat warten lassen. Deutschland und England haben eine Sorge gemeinsam: die Sorge um Rußland. Deutschland mehr aus alter Ueberlieferung, England aus neueren politischen Erwägungen, die dem verbündeten Frankreichs gelten, mit dem England keine Jnteressenkollision haben möchte. Vermutlich dürfte also von der Zukunft Rußlands und von etwaigen Maßregeln für die persönliche Sicherheit des Zaren in erster Linie die Rede sein. Die Gemahlin des Zaren soll in einem BriefEngland als Zuflucht für dierussische Kaiserfam'ilie erwähnt haben. Ein Beweis, daß dieser Brief existiert, läßt sich kaum führen; aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß für alle Fälle Vorkehrungen getroffen sind. Jeder Privatmann wiirde in ähnlich bedrängter Lage sich auch beizeiten umschen. In England würde der Zar jedenfalls besser aufgehoben sein, als in Frankreich, das sich jetzt gar nicht mehr nach dem Besuch des Zaren sehnt. In dem Augenblicke, da König Edward sich anschickt, wenn auch nur für ein paar kurze Stunden, den Boden Deutschlands zu berühren, ist es nicht uninteressant, sich vor Augen zu halten, daß der König von England vom Hause Braunschweig- Koburg seiner Abstammung nach ganz und gar ein Deutscher ist, und daß man um Jahrhunderte zurückgreisen muß, um überhaupt den spärlichen, einzelnen Tropfen enalischen Blutes 'SU entdecken, der in seinen Adern fließt. Durch seine Mutter, die Königin Vittoria, ist König Edward ein Welfe, durch seinen Vater, dem Prinzen Albert, ein Wettiner. Und nun kann man um Generation und Generation in der Reihe seiner Vorfahren hinaufsteigen, ohne unter ihnen anderen Namen zu begegnen als denen von gut deutschen Fürstengeschlechtcrn, regierenden und, seither, mediatisierten. Nimmt man z. B. eine dlhncn- tafel des Königs vor, so findet man, daß er in der fünften Generation (zu 32 Ahnen) aus folgenden Geschlechtern abstammt: Sachsen-Koburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Braunschweig, Reuß, Castell, Erbach, Stolberg, Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Saalfeld, Brandenburg-Ansbach, Anhalt-Zerbst, Mecklen- kiurg-Strelih, Schwarzburg-SonderShausen, Erbach-Erbach. Und geht man um noch eine Generation höher, so kommen hinzu Ahnherren und Ahnfrauen aus den Familien: Waldeck, Oettingen, Solms, Zinzendorf, Hohenlohe, Sachsen-Eisenach und Loewen- stem. Damit sind wir bis in die Mitte des 17. Jahrh. gelangt, iunb es fragt sich, wo eigentlich der einzige Tropfen englischen »Blutes zu suchen ist, der sich im Könige Edward VII. soviel .stärker erwiesen bat als in seinen Vorgängern. Dazu muß man nuf der Leiter histor. Forschung noch um einige Stufen weiter chinaufklettern, und sich ins Gedächtnis rufen, daß die Dynastie Hannover in der Person . des Kurfürsten Georg I. von Hannover deshalb zur Succession in England berufen wurde, weil die Mutter dieses Königs Georg I., die Kurfürstin Sophie von Hannover, eine Prinzessin von der Pfalz und eine Tochter des :Winterkönigs Friedrich V. von Böhmen und der Prinzessin Elisabeth Stuart, Tochter des Königs Jakob I. von England, war. Man wird zugeben, daß der Weg nicht ganz mühelos ist, aus bem, man endlich dazu gelangt, den heutigen Herrscher des -britischen Jnselreichcs als einen „Engländer von Geburt" kennzeichnen zu können. • i Aus Anlaß der Monarchenzusammenkunft werden umfangreiche Polizeikräfte in Kronberg und Homburg konzentriert. Außer englischen und einigen Berliner Kriminal- -beamten werden in Krvnberg und Friedrichshof voraussichtlich zehn Frankfurter Kriminalbeamte unter Leitung des Polizeirats Wolff eine größere Zahl uniformierter Schutzleute und auch ein starkes Gendarmerieaufgebot anwesend sein. Der Kaiser in ßssen. Essen, 10. August. Bei dem gestrigen Besuch des Kaisers auf der Villa Hügel sang der Krupp'sche Arbeiter-Gesangverein ^Gemeinwohl* mehrere Lieder, denen der Monarch mit großer Aufmerksamkeit zuhörte. Nach etwa halbstündigem Konzert ließ der Kaiser den Dirigenten zu sich bescheiden und lobte -das ausgezeichnete Stimmaterial und die gute Schulung des Vereins. Dann kam er auf das Wesen des Volksgesanges und die Aufgaben des Vereins zu sprechen. Arif die Aeußernng des Dirigenten, daß auf dem Kasseler Gesang- Wettstreit das reine Volkslied eine geringe Rolle gespielt habe, bemerkte der Kaiser lebhaft: „Das ist gewiß. Diese ganze Art der G e s a n g s - Wettstr e i t e ist nicht geeignet, das V o l k s l i e d z u r G e l t u n g zu bringen. In Frankfurt und Kassel ist nur ein Volkslied herausgekoimnen. Diese Wettstreite sind allzusehr Knnstgesänge mit schwierigen Partituren und kaum erreichbaren Höhen. Dadurch wird das Natürliche des Vereinsgesanges gestört. Tarin ist wohl auch der Grund zu suchen, daß mit der vortresstichste Männer- Gesangverein beim letzten Wettstreit durch em kleines Versehen gescheitert tft. Tas eigentliche Volkslied schwindet aus den Gesangvereinen 8 n meinem größten Bedauern, denn ich höre doch lieber ein Lied, wie: „Wer hat dich, du schöner Wald", als irgend eine geschraubte Partitur. Deshalb ist die Neuausgabe der Volkslieder, die eben erschienen ist, wirklich zu begrüßen, und auch bei den Wettstreiten muß auf das eigentliche Volkslied mehr Wert gelegt werden." Die Unterhaltung dauerte etwa eine halbe Stunde. Zum Schluß gab der Kaiser dem Dirigenten die Hand und sagte zu ihm: „Erhalten Sie sich Ihre Tenöre." Den besten begrüßte er noch besonders und meinte scherzend, er könne ihn als Ersatz für seine Hofoper gebrauchen. Der Kaiser unterhielt sich dann einige Augenblicke mit Frau Krupp, wandte sich an Berta und Barbara Krupp, plauderte mit deren Verlobten, den Herren v. Bohlen-Halbach und v. Wilmowski. Dann winkte Frau Krupp ins Gebüsch hinein und von dort tritt Oberbürgermeister Holle vor. (?!) Frau Krupp stellte ihn dem Kaiser als den neuen Oberbürgermeister von Essen vor. Der Kaiser drückte ihm die Hand, beglückwünschte ihn zu seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Esten. Die dann folgende Besichtigung der Kruppschen Werke durch den Kaiser erftrcale sich hauptsächlich auf die in den letzten Jahren neu erstandenen Fabrikanlagen und Erweiterungsbauten. Zum Schluß des Besuches, der mehrere Stunden in Anspruch nahm, wohnte der Kaiser auf dem Kruppschen Schießplatz dem Schießen mit verschiedenen Geschützen modernster Konstruktion bei. Der Kaiser ist heute Nachmittag nach Wilhelmshöhe abgereist. politische Tagesschau. Vom Fürsten Bülow plaudert einer unserer berliner Mitarbeiter folgender- maßeu: Ein „großer Tag". Die Tribünen des Reichstags überfüllt, das Hans gut besucht, die Tische der Minister und des Bundesrats lückenlos, dicht gedrängt Offiziere, Regierungskommissare und Geheimräte: des Reiches Kanzler, Fürst Bülow, wird sprechen. Ihm selbst merkt man wenig von dieser Absicht an. Mit übergeschlagenem Vein sitzt er weit zurückgelehnt auf hohem reichsadlergeschmücktem Stuhl und blättert in Schriftstücken. Gelegentlich ordnet die gepflegte weiße Hand die dünne goldene in leichtem Bogen gezogene Uhrkette, während der Blick das Auge der F ü r st i n in der Ministerloge sucht. Jetzt erhebt er sich und spricht, beide Hände leicht auf das Pult gestützt oder mit den Daumen in den Armlöchern der Weste. Korrekt wie seine äußere Erscheinung vom glatten, blonden Scheitel bis zum gebügelten Beinkleid ist Inhalt und Form seiner Rede: gleichmäßig Tonfall und Patlws seines Organs. Der Fürst gewährt mehr das Bild eines intelligenten, seiner Verantwortung bewußten Chefs eines großen tzandlungshauses, als' eines Diplomaten. Es liegt so viel Wärme und fast Gemütliches in seinen Worten, etwas väterlich Mildes und Beruhigendes. War Fürst Bülow's Lehrer der große, grobknochige Staatsmann in sporenklirrenden schweren Neiterstieselu, so ist er selbst das Vorbild des Salonmenschen. Nicht der Pallasch ist seine Waffe und nicht der wuchtige Hammer, mit dem das Schwert deutscher Einigkeit geschmiedet wurde, sondern das biegsame Florett. Es gilt, so meint er, nicht mehr. Neues, Riesenhaftes zu schaffen und mit Macht zu erkämpfen. Bismarck pflegte mit Worten und Taten die Gemüter zu erregen, um sie dann gesammelt mit kräftiger Faust feinem Ziele zuzuführen. Fürst Bülow träufelt glättendes Oel in die Wogen, die das Staatsschiff umtosen und manchmal zu überfluten drohen. Das Steuer überläßt er einem and ern. Es gilt Klippen und Untiefen zu vermeiden, und da ist der vorsichtig lotende Wachoffizier nützlich am Bug des Schiffes. Schlug Bismarck, seine ganze Persönlichkeit wagend, mit nerviger Faust dröhnend auf das Pult, so tupft Fürst Bülow leicht und leise mit dem Bleistift auf die Akten und Verträge, Gesetze und gelehrte Abhandlungen, au die er. sich stützt. . . . Seine lebhaftesten Bewunderer sitzen im Zentrum. Freilich, mancher verdenkt es ihm, daß er die Verbindung mit dem Zentrum nicht mit dem Gedanken Richards III. geschlossen hat: „Ich will sie haben, doch nicht lang behalten". Das ist einfacher gesagt, als getan. Fürst Bülow hat so gar nichts von einem Richard III. an sich, und das Zentrum sorgt dafür, daß es „behalten" wird, indem es immer aufs neue sich der Regierung zur Verfügung stellt. ♦ Ausnahmegesetze. Die badische Kammer hat kürzlich bekanntlich die beiden Paragraphen des Kirchengesetzes vom 19. Febr. 1874 arHuheben beschlossen, welche die Wahllfreicheit der Bürger gegen geistliche Eingriffe schützen sollen und den Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt'unter Strafe stellen. Die Aufhebung ist von der Kammer mit einer einzigen Stimme Mehrheit beschlossen worden und zwar setzte sich die Majorität aus Zentrum und. Sozialdemokraten gegen Nationalliberale und Freisinnige zusammen. Die Debatten in der Kammer verdienen auch außerhalb Badens größere Beachtung, als sie bisher gefunden haben. Das Harrptargument der beiden Parteien, die die Aufhebung der Paragraphen verlangten, lautete: Diese Bestimmungen laufen auf ein Ausnahmegesetz hinaus. Demgegenüber führte der nation.-lib. Abg. Dr. Obkircher il a. aus: „Wir machen fortwährend Ausnahmebestimmungen. Es ist eine Ausnahmebestimmung, daß wir im Gefetz vom Jahre 1860 überhaupt die großen kirchlichen Gemeinschaften als öffentliche Korporationen anerkannt haben. Es ist eine Ausnahmebestimmung, daß wir diesen Korporationen das Besteuerungsrecht zur Verfügungstellung der staatlichen Zwangsgewält eingeräumt haben; es ist eine Ausnahmebestimmung, daß die katholischen Geistlichen frei sind von der Militärpflicht: es ist eine Ausnahmebestimmung, die Bestimmung des § 166 des St. G. B. und weiter ist es eine Ausnahmebestimmung, daß bei vorgekommenen Beleidigungen die Geistlichen nicht nötig haben, selbst die Klage im Wege der Privatllage zu führen, sondern die Möglichkeit haben, daß die Vorgesetzte Behörde die Sache übernimmt und daß, wie es dann in den meisten Fällen geschieht, die Staatsanwaltschaft das öffentliche Verfahren einleitet. Ich stabe noch nicht vernommen, daß die Herren vom Zentrum diese febr eingreifenden Ausnahmebestimmungen zu beseitigen bereit wären: wenn sie das aber nicht tun, bann haben sie auch nicht bas Recht, sich in bent vorliegenden Falle auf den Charakter einer Ausnahmebestimmung zu berufen." In der Tat haben die Worte Ausnahmegesetz, Ausnahmebestimmung einen sehr vagen Inhalt. Wenn man will, kann man auch dem § 242 des R.-St.-G.-B. eine Ausnahmebestimmung gegen Diebe nennen. Allerdings liegt es einigermaßen anders, wenn eine Bestimmung sich nicht gegen alle Personen richtet, die eine bestimmte Handlung begehen, z. B. die Wahlfreiheit beeinträchtigen, sondern nur diejenigen, die zugleich einen bestimmten Beruf ausüben oder ein bestimmtes Amt bekleiden. Der sozialdemokr. Abg. Dr. Frank nannte das Gesetz deshalb ein Ausnahmegesetz, weil es nur die Geistlichen und nicht auch die Fabrikanten, die Arbeitgeber, treffe. Wenn man nun das Gesetz o umgestalte, daß es sowohl die Geistlichen wie die Fabrikanten träfe, wäre es dann fein Ausnahmegesetz mehir? Offenbar immer nach! Aber es wäre daun vielleicht gerechter? Auch hierüber äußerte sich der genannte Abgeordnete. Er sagte, öaß er auch Wah'leingriffe von Fabrikanten mißbillige; sie seien früher öfter vorgeLni- men, allmählich jedoch unter der öffentlichen Kontrolle eltener geworden. Er halte den Gedanken, die Beeinträch? tigung der Wahlfteiheit eines Arbeitnehmers durch deu Arbeitgeber unter Strafe zu stellen, grundsätzlich für richtig; aber er wisse nicht, wo man hier in der Praxis die Grenze ziehen solle. Das vorhandene Gesetz bestrafe den Mißbrauch, wenn er von behördlichen Personen ausgehe. Das er eine llare und richtige Fixierung des Tatbestandes. Eine „Ausnahmebestimmung" aber wäre das eine wie das andere. Mit der Redensart vom „Ausnahmegesetz" kommt man in der Praxis wirklich nicht weiter. Are Kärung in Anßland. Gegenüber den im Ausland verbreiteten Gerüchten von einer SU erwartenden Abdankung des Zaren wird von berufener Seite mitgeteilt: Ter gegenwärtige Stand der inneren Krise zeige überhaupt kein solches Bild, durch bas man sich an ben maßgebenden Stellen gedrängt fühlen könnte, extreme Entschließungen ins .Auge zu fassen. Der Verlauf der jüngsten Ereignisse sei vielmehr geeignet, den Mut derjenigen, die da- russische Staatsschiff durch die jetzige Bewegung steuern, zu heben, und die Regierung arbeite an ihrem Werke mit der gekräftigten Zuversicht, auf der vorgezeichneten Bahn zum Ziele zu gelangen. Zum Minister für Landwirtschaft ist der ehemalige Chef des Roten Kreuzes Fürst Wassilitschkow, zum Handelsminister, der frühere Reichskontrolleur in Wittes Kabinett Fil- l o f f o f o w ernannt worden. Oberprokureur des Heiligen Shnods wird der ehemalige Schulkurator von Livland und spätere Gehilfe des Unterrichtsministers Iswolski, ein Bruder des Ministers des Aeußeren. Somit ist das Ministerium konstituiert; es besteht durchweg aus Beamten. Wassilitschkow ist in Agrarfragen wenig kompetent. Seine Richtung ist konservativ mit liberalisierendem Einschlag, wie es seinerzeit etwa bei Swiatopolk-Mirski der Fall war. Fillossofow ist ein politisch farbloser, arbeitsamer Beamter. Seine wirtschaftlichen Kenntnisse werden stark angezweifelt. Iswolski hatte wenig Freunde zu der Zeit, als er Kurawr des Petersburger Lehrbezirks war. Seine jetzige Ernennung bedeutet einen weiteren Rückgang des lib. Gedankens im Kabinett Stolypin. Es ist bezeichnend, daß alle drei neuen Minister Aernter übernehmen, die ihrem bisherigen Wirkungskreise völlig fremb sind. Selbst sehr konservative Reichsratsmitglieder nennen sie Verlegenheitsminister. In Odessa traf die Tochter eines Generalleutnants, Barbara Prinze, ein. Da sie eine Freundin der Töchter des Hauptkommandeurs Kaulbars ist, wurde sie von diesem im Hotel besucht und zu Mittag eingeladen. Als sie mit den Damen Kaulbars das Hotel verließ, lieh sie aus ihrem Ridicule eine Bombe fallen, die nicht explodierte. Gleich darauf griff sie aus ihrer Tasche einen R c v o l v e r und erschoßsich; sie erklärte, sie sei aus Petersburg gekommen, um das Urteil der dortigen Kampforganisation, das auf den Tod des Generals Kaulbars lautet, auszuführen. Auf der Bahnstation Sludjenko raubten Bewaffnete 95 000 Rubel; mehrere Beamte wurden verwundet. In den Gruben von V o u s o w k a kam es zu blutigen Ausschreitungen zwischen Arbeitswilligen und Streikenden. Es gab eine Anzahl Tote und Verwundete. Viele Verhaftungen wurden vorgenommen. Dragoner stellten die Ruhe wieder her. Wie aus Kopenhagen gemeldet wird, haben verhaftete Mitglieder der finnischen roten Garde eingestanden, daß ein umfassendes Komplott gegen die russische Regier-- u n g geplant ist. Zunächst soll von den Revolutionären das russische Regierungsgebäude in Helsingfors in die Luft gesprengt werden. Dann sollen die russischen Revolutionäre eine Diktatur errichten und nach Petersburg gehen, um dort mit den Gleichgesinnten gemeinsame Sache zu machen. In Geheimdepots werden eine große Menge von Dynamitpatronen und Waffen aufbewahrt, die zur rechten Zeit bei dem Revolutions- Werk dienen sollen. Für eine Sympathie-Adresse an die Duma werden in Paris Unterschriften gesammelt. Ms erste haben unterzeichnet: Adolf Carnot, der Bruder des ermordeten Präsidenten, der Akademiker Berthelot, früherer Minister des Auswärtigen, ferner der Vizepräsident des Senats Lehdet, sowie eine Reihe anderer Senatoren. Deputierten und Professoren. Deutsches Reich. Kassel, 10. Aug. Der Kaiser ist um 71/, Uhr hiev cingetrofsen. Berlin, 10. Aug. Als Paten bei der am 29. d§< stattsindenden Taufe des Sohnes des Kronprinzen- paareS werden in erster Linie Kaiser Franz Josef von Oesterreich, König Eduard von England und Kaiser Nikolaus von Rußland fungieren. Die Monarchen werden bei der feierlichen Handlung nicht selbst anwesend sein, sondern sich dem Herkommen gemäß vertreten lassen. — Reichskanzler Fürst B ü l o w wird seinen Urlaub in Norderney unterbrechen, um sich zum Vortrag nach Wil» Helms höhe zu begeben. Der Reichskanzler wird jedoch erst nach der Zusammenkunft deS Kaisers mit König Eduarö in Wilhelmshöhe eintreffen, da der König von keinem englischen Staatsminister begleitet ist. Hingegen dürfte der Reichskanzler an der Galatafel zu Ehren des Geburtstages deS Kaisers Franz Josef teilnehmen. München, 10. Aug. Die Abgeordnetenkammer nahm einstimmig den Antrag an, die Petition des bayerischen Brauerbundes, die UebergangSabgabe auf bayerisches Bier bei deffcn Einfuhr in die norddeutsche Brauteuergemeinschaft von 2.75 Mk. pro Hektoliter auf 2.25 Mk. herabzusetzen, der Staatsregierung zur beschleunigten Berücksichtigung zu überweisen. Finanzminister von Pfaff erklärte unter dem Beifall des Hauses, daß die bayerische Regierung für die Ermäßigung energisch eintreterr werde. — Die Blätter lassen trotz offiziösen Dementis durchblicken, daß sie mit dem Wechsel im Ministerpräsidium rechnen. Als Nachfolger des Freih. v. Podewils kommt zunächst der (konservative) Gesandte in Berlin, Graf von Lerchen- eld, in Betracht. , Deutsch-Afrikanisches. Berlin, 10. Aug. (Amtlich.) Am 6. August griff eine Hottentottenbande von etwa 50 Mann die Pferdewache der 2. Kompagnie des 2. Regiments bei Alurisfontein üblich von Warmbad an. Die sofort eingreifende Kompagnie chlug den Feind in die Flucht und verfolgte ihn weiter. ES fielen zwei Reiter, drei wurden schwer verwundet. — Oberst Deimling ist mit seinem Stabe auf dem Marsch von Keeimanshoop nach Warmbad. Eine aus Kapstadt am 4. August hierhergelangte Nachricht, nach welcher bei Viöls- drift ein erneute? verlustreiches Gefecht stattge^ ünden halben sollte, hat sich nicht bewahrheitet. Ausland. Paris, 11. Aug. Der „TempS" widmet den Berliner Kolonial-Skandalen einen Leitartikel. Er sucht nach den Gründen und meint, man werde dem System, wie die Kolonialbeamten ausgewählt werden, einen Teil der Schuld beimessen müffen. Denn dieses System gestatte es einem leichtsinnigen Adeligen oder einem verbummelten Offizier, auf Posten zu gelangen, die für Männer von Erfahrung und Ehrbarkeit bestimmt scheinen. Wenn der Reichstag eine ausgedehntere Macht besäße und wenn man weniger die berechtigte und notwendige Neugierde der Abgeordneten fürchten würde, dann könnten Kontrakte wie der des Hauses Tippelskirch nicht lange bestehen. Marseille, 10. Ang. Aus China wird über die >urch Piraten verursachten Unruhen noch berichtet, daß die Piraten die ganze Küste terrorisieren. Ein Dampfer überraschte ein Boot, in welchem sich sieben, von Piraten gemachte Gefangene noch lebend befanden. Die Ortschaft ©indjeng wurde von den Piraten angegriffen und teilweise zerstört. einen Fall von Staate Tennessee er wahrscheinlich verlautet, hat er Das Verfahren Eine englische Kirche ist ebenfalls zerstört worden. SiebenPersonen sind durch die Piraten getötet worden. Regierungstruppen sind nach dort abgegangen. »eich. er ist um 7% Uhr hier ! haftet, aber spater wieder freigelassen, da an krankhaften Anfällen leidet. Wie sich in eine Kaltwasier-Heilanstalt begeben, gegen ihn nimmt seinen Fortgang. * Reicher Kindersegen, lieber Franzisko aus dem Jahre 1881 berichtet. * Kleine Tageschronik. In der bayerischen Ortschaft Seideltal sind bei einem Schadenfeuer zwei Knaben im Alter von zwei und sieben Jahren verbrannt. — In Berlin veranstalteten 20 Arbeiter der Loweschen Gewehrfadrik in einem Restaurant ein Fischessen. Jetzt sind sämtliche Teilnehmer er- Nr a n k t. Allem Anschein nach liegt F i s ch v e r g r i tu n g vor. — Den „N. N." zufolge hat das Landgericht München I. dem Gesuch des Verteidigers der vormaligen Stiftsdame von Häusler i im Wiederaufnahme des Verfahrens Folge gegeben und die Erneuerung der Hauptoerhandlung vor dem ' Schwurgericht in München zum Herbst d. Js. verfügt. — Auf der Chaussee bei M a ch n i k (Oberschlef.) wurde ein grauenhaster Mord verübt. $oii dem Getöteten, dessen Identität noch nicht feststeht» wurde zunächst nur der Kopf, der zahlreiche Verletzungen ausweist, aisi- giestinden. Man ist dem Täter auf der Spur. — Der Tourist Lehrer Kirsch aus Hannover-Minden hat sich, nachdem er sich zuerst zwei Schußwunden beigebracht batte, in K i s e r s f e l d e n in Tirol vergiftet.— Vier deutsche Touristen, die zum Pordoi- £] o d) (Tirol) wanderten, wurden unterwegs von einem italieni- sochen Wirt von der Höhe herab mit faustgroßen Steinen beworfen umd mit einem Gewehr bedroht. Die Touristen erstatteten Anzeige, r— Nächst dem Uderns im Zillertal ist ein Tonrist gestürzt umd tot geblieben. — In Wattenscheid kam es,zwischen zwei Tkolizeibeamten und vier polnischen Bergleuten zu einen: schweren Zusammenstoß. Ein Bergmann wurde durch den Revolverschuß eiines Beamten tätlich, ein anderer durch einen Säbelhieb schwer Aus Ktadt und Lund. Gießen, den 11. Aug. 1906. "Zum Seligen st ädter Mädchen mord. Der Staatsanwalt zu Darmstadt erläßt in Sachen des am Dienstag nachmittag an der 12 Jahre alten Frida Weih aus Zellhausen im Walde zwischen Seligenstadt und Zellhausen begangenen Mordes einen Steckbrief gegen einen Ler Tat verdächtigen, besser gekleideten Handwerksburschen, der, wie schon erwähnt, etwa 15 Minuten vom Tatort auf der Straße von Seligenstadt a. M. in der Richtung nach Stockstadt gehend, gesehen wurde. Die Zeugen haben denselben für einen Monteur, Schlößer usw. gehalten. Er wird folgendermaßen beschrieben: Größe: 1,70 Meter, anfangs der 40cr Jahre, bessere? Aussehen, schmale Figur, spitzes Gesicht, insbesondere Rase, roten Schnurrbart, möglicherweise auch kurz gehaltenen roten Vollbart, rotes Haar, ohne Stock und sonstiges Gepäck. Bekleidet war er mit leinener, ziemlich neuer blauer Hose, dunklem, gut erhaltenen Jackett und großem Schlapphut von angeblich bräunlicher Farbe. Romrod, 10. Aug. Vorgestern abend tra.f Se. Kgl. Hoheit der Groß Herzog von Schloß Wolfsgarten in 21/2stündiger Fahrt im hiesigen Schlosse per Automobil ein, nm einige Tage in den hiesigen und umliegenden Waldungen zu jagen. Dem Vernehmen nach wurden von dem hohen Herrn heute vier Böcke zur Strecke gebracht. Heute oder morgen verläßt der Großherzog sein hiesiges Schloß wieder. bf. Friedberg, 10. Aug. Heute nachmittag, als der Fuhrknecht der hiesigen Brauerei'Ernst Windecker von Reichelsheim hierher fahren wollte, überholte ihn in der Nähe von Weckesheim ein Güterzug. Als der Maschinist deS Zuges ein Warnungssignal gab, wurden die Pferde scheu und sprangen vor den fahrenden Zu^. Ein Pferd wurde sofort in Stücke zerrissen und das andere wird wahrscheinlich verenden. Der Knecht kam mit geringen Verletzungen davon, obschon er unter dem umgestürzten Wagen hervorgezogen werden mußte. — Ein anderer Berichterstatter meldet uns, daß der Fuhrknecht mit einer Verletzung der rechten Hand davonkam und das Sattelpferd nur eine Wunde am linken Hinterbein davontrug, deren Heilung nicht allzu lange dauern wird. Das verendete Pferd wurde noch vierzig Meter weit von der Lokomotive geschleift, erst bann kam der Zug zum Stehen. — Da dieser Fall nun bereits der neunte ist, der sich an derselben Stelle zutrug, so muß man sich die Frage vorlegen, ob doch nicht hier das Anbringen eines Schlagbaumes angebracht wäre, der von dem unweit entfernt gelegenen Stationsgebäude aus bedient werden könnte, zumal sehr viele ortsfremde Fuhrwerke diese Straße passieren. Wäre eine Schranke oder ein Schlagbaum dagewesen, dann wäre der Wagenführer in Erkenntnis der Sachlage von dem Wagen gestiegen, hätte die Pferde geführt und das Unglück wäre vermieden gewesen. Die in Frage kommenden Orts- behörden werden gewiß die erforderlichen Schritte tun, um bald Abhilfe geschaffen zu sehen. .reichem Kindersegen wird aus Nashville im rin den Vereinigten Staaten berichtet. Dort gebar eine ,Negerin Sechslinge, die alle gesund und kräftig sind. Aus 'diesem Anlaß wird auf einige frühere Fälle hingewiesen, in denen Sechslinge und Fünflinge geboren wurden. 1889 sschenkte eine Frau Sn eil in Malad, Idaho, Sechslingen Las Leben. In demselben Jahre wurden auch Sechslinge in Minnesota geboren. Ein anderer Fall wird aus San Vermischtes. * Liebestragödien. In Kassel erschien ein junger Mann auf dem Bureau des 4. Polizeireviers und teilte mit, daß er seineBraut auf deren ausdrücklichen Wunsch durch einen Revolverschuß getötet habe, und bezeichnete die Stelle, an der man die Leiche finden werde. Die Polizei fand dort die 18 jährige Verkäuferin Simmersbach in ihrem Blute, aber noch am Leben. Der junge Mann, ein 19 jähriger Kaufmann namens Löngemann, wurde in Haft genommen. L. behauptet, er habe sich das Leben nehmen wollen, aber im letzten Augenblick, beim Zusammensinken des Mädchens, den Mut verloren. —In Hof i. B. versuchte der 26 jährige Braubursche Rupprecht seine Geliebte, Strahle, zu erschießen. Er verletzte sie sowie ein anderes Mädchen durch mehrere Schüsse schwer, aber nicht lebensgefährlich. Rupprecht tötete sich darauf durch einen Schuß in den Mund. * Ein Professor als reisender Sittlichkeitsattentater. Im Eisenbahnzuge Danzig-Zoppot j wurde auf die 16jährige Tochter eines in Zoppot ansässigen ! Sanitätsrates von einem Professor aus Danzig ein Sittlich- jleits-Attentat verübt. Der Täter wurde in Langfuhr ver- ten bei der am 29. dS. des Kronprinzen« iser Franz Josef von England und Kaiser Die Monarchen werden 'bft anmftnb jein, fon« xeten [affen. wird seinen Urlaub in m Vortrag nach Wil- chÄcmzür wird )rdoch ließ mit König Eduard er König von keinem iß. hingegen dürfte der Ehren des Geburtstages Abgeordnetenkammer nahm Petition des bayerischen gäbe auf bayerisches norddeutsche Brau« Mk. pro Hektoliter auf CtaatSregierung zur be« berweisen. Finanzmmifter ,n des Hauses, daß ir ißigung energisch emtreten imJUinifiKP'»'14'11“ „ Podmils tommi i"1 <8erfin, SrafwnS*. nisches. Am 6. August W * WSS* Sxr'L iem Stabe am «»'lueiS* "L-h-""' ^merlinek pS' widmet en naj äeitartitel, ^ie die id- dnn ®$V6d)"2 ,n einen Teu cineni Systeni -en, d>- ‘ut fflenn •t$ad)Vne gteiig* > iil nif roirb u 6 If *• 6" en schkvk Malige «w DiÄ SS b-nA Z'LZd * bwi1 ms ihrem S? Kaul. cs Generals Ä't 9500IJ 'Ä®'1 ruttlonäxc eine T mit machen. In Geheim. ,n. ^bnamitpatronen nnd >cit bn dem Revolution^, le DMa werden in Paris wen unterzeichnet: Mols Wenten, der Akademiker awtigen, ferner der Vize, e Reihe anderer Senatoren, verletzt. — Nack Genuß giftiger Pilze erkrankte in Neisse die Familie des Schneidermeisters Olianitsckek. Fran C. ist gestorben. — Infolge abnormer £> i 5 e der letzten Woche starben im Krankenhaus zu L e 0 p 0 l d s h a l l (Sachsen) drei Feldarbeiter und eine Feldarbeiterin. — Am 10. Aug. ereignete sich beim Scharfschießen der dritten Matrosenartillerieabtcilung auf dem Wesersort Brinkhammerhof bei Lebe ein schwerer Unfall. Beim Laden entzündete sich hinter einem der schweren 21 Zenti- metergeschütze die Kartusche. Von der Geschützbediennngsinann» sckait wurden zwei Mann getötet, einer schwer und acht leichtverwundet. Die Toten sind: der EinjaHrig-freiwilliae Matrosenartillerist Liebaum und der Matrosenartillerist Seisscrt. — In B e r l i n brach 6) r 0 ß s e n e r am Freitag abend in dem Hause Kronstraße 30/31 aus. Das ganze ßjebäube war in kurzer Zeit in Flammen gehüllt. Zehn Löschzüge der Feuerwehr mußten aus- rücken, um den Ricsenbrand zu beFämnfen. Drei 2lrbeiter konnten nur mit Mühe gerettet werden. Der Schaden belauft sich auf annähernd eine Million Mark. Verbrannt ist u. a. auch eine wertvolle Zimmereinrichtung, die heute nach dem Großh. Schlosse in Schwerin geschickt werden sollte. Ein Obcrfeuerwebrinann und ein Kaufmann wurden während des Löschens so s ch w e r v e r l e tz t, daß sie nach dem Krankenhaus gebracht werden mußten. — In Wien wurde Generalleutnant I. Fuchs beim Passieren der Singerstrabe von einem Balkon, der von einem im Abbruch befindlichen Hause herabstürzte, getroffen und sofort getötet. Universitäts-Nachrichten. — Tas Kuratorium und der Vorstand der I u b i l ä ' m s- st i f t u n g der deutschen I n d n st r i e haben über ihre Tätigkeit im Jahre 1905 einen umfangreichen Bericht erstattet. Es ist daraus zu ersehen, daß insgesamt 76 100 Mk. aus den Stiftimgs- Mitteln bewilligt wurden. Abgesehen von einem Beitrag in Höhe von 2000 Mk. für das Museum von Meisterwerkeir der Naturwissenschaft und Technik wurde die ganze Summe für wissenschaftlich-technische Zwecke zur Verfügung gestellt. Wir heben nur die folgenden unter den 17 Bewilligungen hervor: 3000 Mk. dem Professor G u t e r m u t h in Darmstadt zur Ausführung von Dampfreibungsverfuchen in Dampfturbinen; 3000 Mk. dem Geh. Banrat Professor Felix Li ncke in Darmstadt zu Untersuchungen an Schrauben. Spiclplan des Großherzoglichen Kurtheaters Bad-Nauheim. Direktion Hermann Stein goetter. Dienstag den 14. August: Operetten-Vorstellung unter Mitwirkung der Kurkapelle: „Das süße Mädel." Ooerette in drei Akten von H. Reinhardt. Mittwoch den 15. August: Schluß der Lperetten-Svielzeit. Unter Mitwirkung der Kurkapelle: „Die Fledermaus". Operette in drei Akten von Joh. Strauß. Freitag den 17. August: „Die Großstadtluft." Schwank in vier Akten von O. Blumenthal und G. Kadelburg. Samstag den 18. August, nachmittags halb 4 Uhr: Kinder-Vorstellung: „Das tapfere Schneider- lein." Kindermärchen mit Gesang und Tanz von PH. v. Wegern. Gerichtssaal. — Wegen eines Pistolenduells wurde von der Strafkammer in Halle a. d. S. der Referendar Welsch mit 8 und der Agronom Hauff mit 6 Monaten Festungshaft bestraft. Hauff hatte einen Schuß durch die Lunge erhalten. Meteorologische Beobachtungen der Statiou Gießen. 9(uguft 1906 o — ~ r-- e VD « c 3? - 10. 10. 11. 2»s 9* 1715 743,0 743,5 740,2 17,2 12,2 14,2 11,5 14,8 12,3 84 WNW 96 W Höchste Temperatur am 10. August — Niedrigste „ „ 10. August — Welter Bem. Himmel Sonnenschein + 18,5 ° C. + 13,8 " C. Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst. Voraussichtliche Witterung in Hessen für Sonntag den 12. August 1906: Veränderliche Bewölkung, zeitweise geringer Neaen, nachts sehr kühl, am Tage Temperatur wenig verändert. Frische nördliche Winde. Näheres durch die 6fie6eiter Wetterkarte. Handel und Verkehr, Volkswirtschaft. — Vori der Berliner Börse. Nnssenwerte sind auch an der heutigen Börse weiter gestiegen und wird dafür immer noch das Fehlschlägen des Generalstreiks geltend gemacht. Dann machte die Kreditanstalts-Bilanz einen sehr guten Eindruck. Tie Minenkurse in London stiegen — kurz, das Geschäft war überall etwas lebhafter. Amerikanische Bahnen waren auf Newyork schwächer, nur Pensylvania hielten sich fest. Reichsanleihe waren erholt infolge spekulativer Aufnahmen. Bergwerke später sehr fest auf den günstigen „Iran Monger"-Bericht. Privatdiskont wie seither 3 8/q Prozent. IBödjrntliiif Kcbtrlidsf du Wufällt iudttZlMEikHkn 31. Woche. Vom 29. Juli bis 4. August 1906. Einwohnerzahl: angenommen zu 29 500 sinkt. 1600 Mann Militär.) Sterblichkeitsziffer: 21,14 %0- nach Abzug von 6 Ortsfremden: 10,57 *7™. Kinder Es starben an: Zusammen: Erwachsene: l.L im vom ebensjahr: 2.—15. Jahr Tuberkulose KD 1(1) — — Keuchhusten 1 — — 1 Empyen 1 — 1 — Lebenssckwäche 2 — 2 — Herzentzündung 1 1 *— —— Krebs 3(2) 3 (2) — — — Verunglückung 3 (3) 3 (3) — — Summa: 12(6) 8 (6) 3 1 A n m.: Tie in Klammern gefetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Briefkasten der Redaktion. (Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt). E. Das Weilburger Jubiläumsfest findet am 18. und 19. d. M. statt. Laniilien-Nacvrtchten. Gestorben: Herr Bürgermeister Ufinger, Mittelgründau. Original-Drahtmeldungen. Duisburg, 11. Aug. In Hamborn gab der Bergarbeiter Spries auf seine Frau mehrere Revolverschüffe ab. Die Frau sprang in der Angst auS dem Fenster und verletzte sich schwer. Spries durchschnitt sich dann mit dem Rasiermesser öic Kehle. Essen, 10. Aug. Der Kaiser verlieh einer Anzahl' Kruppscher Beamter Orden. Er beauftragte in einem Schreiben das Direktorium, der Arbeiterschaft der Kruppschen Werke und Anlagen besonderen Dank für deren mannigfach bekundete treue Gesinnung auszusprechen. Barcelona, 11. Aug. Die italienische Dampfer- Gesellschaft, welcher der untergegangene „©irio* gehörte, ersucht die geretteten Paffagiere, sich in Cartagena zu sammeln, damit sie von dort nach Barcelona gebracht würden. Die amtliche Ziffer der auf dem „Sirio" befindlichen Personen hat 603 betragen. 210 Personen werden nach den letzten Feststellungen verin ißt. Die Arbeiten auf dem »Sirio* werden fortgesetzt. Rom, 11. Aug. Die „Tribüne" veröffentlicht ein Jnterwiew mit dem General Tnrr über die Ereignisse von 1870 und den Plan einer französisch-italienischen Allianz. Der General erklärte, daß preußische und englische Jntrign en ein französisch-österreichisch- italienisches Bündnis vereitelt hätten. Es sei bedauerlich, fügt das Blatt hinzu, daß Italien int Jahre 1870 Frankreich nicht gegen Preußen unterstützt habe, denn das würde Italien verschont haben, in den Dreibund einzutreten, welcher ihm bisher nur Kosten aber feinen Nutzen eingebracht habe. Italien wäre anstatt dessen in eine starke lateinische Liga eingetreten, welche den Pangermanismus in Schach gehalten haben würde. Die demnächst erfolgende Veröffentlichung der Memoiren des Grafen Nigra würde in dieser Angelegenheit noch interessante Ausilärungen bringen. Bukarest, 11. Aug. In Vertschora in Rumänien wurden bei einem Zusammenstöße einer Maschine mit einer Draisine vier Personen getötet, eine wurde schwer verletzt. Petersburg, 11. Aug. Der Zar lehnte das Agrar- Programm, die Amnestie und die Aufhebung der Todesstrafe ab. Ebenso scheiterte Stolhpins Plan, die neue Duma früher einzuberufen, an dem Widerstande der Hospartei. In Moskau fand die Polizei ein Depot mit Sprengstoffen für Bomben auf. Newyork, 10. Aug. Unterschlagungen bei der Milwaukee Avenue State Bank in Chicago führten zur Verhaftung des Kassierers Heering. Der Präsident der Bank Niensland ist in Begleitung einer Frau geflüchtet. Der Kassierer beschuldigt ihn, den ganzen Schwindel allein verübt zu haben. Newyork, 10. Aug. Banditen in Manila töteten bei einem heißen Kampfe fünf Amerikaner. Das aus zehn Mann bestehende amerikanische Detachement wurde von den Banditen in großer Ueberzahl angegriffen, welche die Waffen und die Munition der Amerikaner erbeuteten. Jamestown (Staat Newyork), 10. Aug. Das Oberste Bundesgericht erkannte die Klage gegen die Standard- Oil-Comvany und die Pennsylvania-Railway-Company wegen Verletzung des zwischenstaatlichen Handelsgesetzes als wohlbegründet an. Dallas (Texasst 10. Aug. Auf der Eisenbahnlinie Fort Worth-Denver-City stürzten an einer langgestreckten Kurve bei Fruitland (Texas) zwei Wagen des Zuges, darunter ein^Schlafwagen, eine 20 Fuß hohe Böschung hinunter,.55 Personen wurden verletzt. Im Sommer ist nichts gesünder und erfrischender als frische Früchte und Mondamin-Milch-Flammeri. Als Ersatz für schwerere Speisen sind diese Mondamin-Gerichte in der Hitze erfrischend wie wohlschmeckend, und sie bieten eine ideale Nahrung für Kinder, eine gesunde Nachspeise für Große. „Mondamin" überall zu haben in Paketen ä 60, 30 u. 15 Pf. Telefonisch® Kursberichte des Giessener Anzeigers, mitgi nnd Indnsti Frankfurter Kör? 3%°/o Peichsanleihe . . 99.00 3% do. . . 86.80 3K7o Konsols .... 99.15 3% do 86 90 3^°/0 Hessen 98.30 3%°/n Oberhessen . . . —.— 4% Oesterr. Goldrente. . 100.40 4,/s ,°n Oesterr. Silberrente 100.50 4% Unaar. Goldrente . . 95.25 4% Italien. Rente . . . 103.60 3% Portugiesen Serie I . 69.60 39< Portugiesen III 70 65 412 °ln russ.Staatsanl. 1905 86.85 4 japan. Staatsanleihe 94.90 4 % Conv. Türken von 1903 96.40 Tiirkenlose 145.10 4% Griech. Monopol-Anl. 54.80 4% äussere Argentinier . 90 50 3°/0 Mexikaner .... 68.70 4&°/0 Chinesen .... 98.30 Aktien: Bochum Guss 234.50 Buderus E. W . . . . 126.00 Tendenz: fest. Berliner Börse, 1 Can ada E. B 166.40 Darmstädter Bank . . . 139.40 Deutsche Bank .... 238.60 Dortmunder-Union C. . . —.— Dresdner Bank .... 157.60 Tendenz: fest. teilt von der Bank fllr Handel ie, Giessen. e, 11. Anglist, 1.15 Uhr. Elektriz. Lahmeyer . . . 143.50 Elektriz. Schnckert . . . 128.50 Eschweiler Berg-werk . . 254.90 Gelsenkirchen Berg-werk . 228.00 Hamburg: - Amerik. Paketf. 160.00 Harpener Bergwerk. . . 213.20' Laurahiitte ..... 233.50 Nordd. Lloyd 130.50 Ob er sohl es. Eisen-Industrie 126.55 Berliner Handelsges . . 169.70 Darmstädter Bank . . . 138.80 Deutsche Bank . . . 238 00 Dentsch-Asiat. 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