Nach drei Jahren (!) erst wurde dem demütigen Bittsteller der Titel eines „Königl. Polnischen und Churfürstlich Sächsischen Hofkornpositeurs" in der Tat zuteil. Welch ein schneidender Gegensatz zu der gewaltig überragenden Stellung, die in den Augen der Nachwelt der zu einem der erhabensten Geistes fürsten emporgewachsene schlichte Thomas- kantor entnimmt! — In der zur Zeit im groben Saale deS Frankfurter Rathauses veranstalteten Constantin Mcnnier-Gcdächtnis- ÄuSstcllung sind seitens der Stadt Frankfurt a. M. die beiden überlcbciisgvoßen gewaltig imposanten Skulpturen des Meisters, „Sämann" und Lastträger" in Bronze angckauft worüm. — Ter Schriftsteller W i l 1 V R a t h, früherer Feuill.-Rcdakt. des „Frkf. Gen.-Anz.", ist von der Direktion Dumont-Lindemann für das Düsseldorfer Schauspielhaus verpflichtet worden. — Wilhelm Polstorff t. Am 30. April ist der bekannte lmnwristische Schriftsteller Wilhelm Polstorsf, 62 Jali-re alt, in Berlin gcswrbeir. Der markige Mann ist erneut schweren Leiden erlegen, das im letzten Jähre seine K'raft verzehrte. Pols- torff war als „Gelehrter des Kladderadatsch" dem Namen nach nicht sonderlich vielen bekannt, aber sein frischer Geist hat viele Tausende ergoßt, die int Kladderadatsch nickt nur den politischen Witz, sondern auch den behaglichen Humor zu schätzen wußten. Seit mehr als 30 Jahren regelmäßiger Mitarbeiter des heiteren Blattes, trat er 1883 in die Redaktion des Kladderadatsch ein, in der er bis an sein Ende produktiv tätig gewesen ist. Wilhelm Polstorff war der Typus des kernigen, unbeugsamen, stark- geistigen Niedersacklsen. Ein Pastorssohn aus einem hannöverschen Kirchdorf, das auch Kirchdorf hieß, wurde er 1843 geboren. Nachdem er in- Göttingen sein Philologiestudium vollendet hatte, würde er Gym^iasiäNehrer in Hannover. Tort Wählte er zu seinen Schülern auch die späteren Tickter Wilhelm Mener-For'ter und Otto Erich Harileben. Im Kladderadatsch wurde er der Meister der poetischen Epistel, die in eleganten fünffüßigen Jamoen die Schwächen der Zeit durchmusterte. Polstorsf war mehr als ein humoristisch^ Talen i. er war ein Charakter. Mannhaft trat er, der Majorität trotzend, und über den Parteien stehend, für seine Ueberzeugung ein, und er hat nicht nur mit der Feder, sondern auch mit der Waffe dafür gekämpft. Nock ist das durch einen Kladderadatsch-Artikel veranlaßte Duell in der Erinnerung, das er mit dem Geh. Legationsrat von Kiderlen-Wachter ausfocht und in dem er schwer verwundet wurde. — In Königsberg i. Pr. starb Emil Krause, der nahezu 40 Jahre der alten „Hartungschen Ztg." angehört, ihr Feuilleton geleitet und als Nachfolger GottschallS und Wicherts die Theaterkritik ausgeübt hat. Sein Urteil war daö Urteil der ganzen Provinz, die Stücke, die Schauspieler, die er ablehnte, waren für Königsberg und Ostpreußen unmöglick. Was seinen Einfluß noch vermehrte, was selbst die Gegner seiner Anschauungen (er kämpfte allezeit für klassische Schönheit, entwaffnete und zur Anerkennung zwang, das war sein Stil, die edle klare Form seiner Diktion, das Dichterische seiner Sprache, die nie hohl klang, nie geistreich sein wollte und dennoch so voll Geist war, anmutig, zart und in seltenen Bildern aufleuchtend. Emil Krause ist, trotz seiner 62 Jahre, nie reckt aus Ostpreußen her- ausgekommeu. Aber mit ihm ist einer der Besten aus der deutschen Journalistik dahingegangen, einer, der bewiesen hat, daß man nack Schönheit und Adel und künstlerischem Leben ringen und dennock zugleich mit der Arbeit für eine Zeitung verwachsen sein kann, derart verwachsen, daß erst die Vorboten des Todes den Widerstrebenden aus den Redaktivnsräumen^ zwangen. — D i e Mailänder Ausstellung, von der außerordentlich viel Anziehendes gemeldet wird, ist dieser Tage voM italienischen Königspaare feierlich eröffnet worden. Auch der König von Belgien hat sie bereits wiederholt besucht. Bei dem Besuch des Königs Viktor Emanuel am Montag waren vor dem deutschen Pavillon in der Llusstellung der Lustsckiffer- abteilung zwei Feldwebel der Abteilung als Ehrenfwsten ausgestellt. In dem Saale war die offizielle d e u t s ch e D e l e - gation versammelt, an „ihrer Spitze Ministerialdirektor v. Körner, dessen sich der König von den Handelsverträgen her erinnerte. Generalkommissar Baron von Herff hielt eine kurze Ansprache und überreichte den deutschen Ausstellungskatalog int Prachtband. Ter Kätalog, in italienischer Sprache abgesa'T iit ein Kunstwerk deutscher Vuckdruckerci und Buchbinderei. 2 ie Baronin Hersf überreichte dem Könige ein Blumenarrangennut. Besondere Aufmerksamkeit schenken die Besucher der Ausstellung, der Firma Krupp. 2784 1906 N 9h?, 101 Zweites Blatt 156. Jahrgang Erscheint tltzllch mitAuSnahme der Sonntags. ® . T. <>v Z, AA Sie „Siebener Z-nnM-nbliitter" werden dem I DH H Pli |z|T jzT Jl Pl’ »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der $ Bi Vk, D B >8! Q A H SLä & ^rs fische Lavdwltt" erscheint monatlich einmal. v V «JE " H v ▼▼ ■ ▼ ▼ vH Dienstag 1. Mai 1906 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« Universitätsdruckerei. R. Lange, Dietzen. Redaktion, Expedition ^Druckerei: Schulstr.V. Del. Nr. 6L Delegr.-Adr.: Anzeiger Gießen. 2*2^ «« Hl Hau tifutee ‘“«SoifoH ctropole “LJ2751 lollbe erirr s'E'mg bei ^Meldung. b-Aiiz.erbe,. wfmädchcix P-__[2680 usfrau ober Cll"9e otun- gegen , 103057. ^VSL__ ^aageiucht- Mz 48, i. SoBjcttiou lL2-n. 'm etn _ jrau/eln iauf)äli6nn m :icinzel. Herrn, intdei Frau SW?.!«,.; i» s'icht Stelle me. Zu erfraq. L6t. 103110 beites s-Brot wickel zu haben bef Mels, gchÄpotheke. t Marl jer^cit zu 4°'J gesucht. )le unter 2552 Zeiger erbeten.; intflcr Ttrabe atjeütn von alsbald zuver- padjien. Adolf TchMiü' i, I. 108012 wünscht Mer- der ein bat, erteilt geht im W spiel, be 40, parlerre. HS -ReisegefchäU, «eilte, die t>xve Reilenben .acnb bch'Ulm) oüerPrompon. cn mit besserem LihreMtz । 585 an Rudolf a. M. sende». «em 11*“ Mk isliiie tiih heutigem aubstau«l H General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen. aber zeigte sich betroffen durch das Vorgehen des Abg. Speck. Er sprach bekümmerten Tones von einer Erschütterung des mühsam zustande gebrachten Kompromisses. Das Beispiel des Zentrumsmannes könne leicht die anderen Parteien zur Nachahmung reizen, und wie solle da die Finanzreform unter Doch und Fach gebracht werden? Diese Ernte zu erschweren, ist obendrein die Sozialdemokratie eifrig beflissen. Sie schickte noch in später Stunde einen Redner vor, Abg. Stolle, und reichte gleichzeitig zwei Anträge auf namentliche Llbstimmung ein, denen morgen stattgegeben wird. Dre Beschlußfähigkeit des Hauses wird jetzt noch manches Mal derart auf die Probe gestellt werden. die Abfälle wieder zur Viehfütternng auszukailleu. Nach der iit der Kommission ausgearbeiteten Staffelung würden die kleinen und mittleren Brauereien nicht die Steuer auf die großen Brauereien abzuwälzen brauchen, sie würden auch weiterhin gegenüber den großen Brauereien konkurriren können. Abg. Gamp (Rp.) Tie Berliner Brauereien traten so lebhaft gegen die Steuer aui. Ja, warum heben sie damt nicht zuerst ihre Berliner Steuer aus. Tie bayrischen Abgeordneten treten in ihrer Kammer für eine hohe Brausteuer ein. Wie käme es, daß sie stell hier gegen die Steuer wendeten? Ich glaube, es spielen dabei noch Gründe mit, die hier nicht ausgesprochen werden. Abg. Dr. Pachnike (fr. Vg.-: Der Staatssekretär hat den Beratungen der Kommission seine Anerkennung gezollt. Nun, wenn sich diese Anerkennung auch auf das beziehe, was die Kömmissivn beschlossen hat, so seien die Ansprüche deS Staatssekretärs wirklich sehr gering. Sckon jetzt locrbc das Bier in bofoem: Maße als Steuerobjekt benutzt. Von einem großen Unterschiede zwischen großen und kleinen Brauereien könne man,unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr sprechen. Sei die Steuer nicht abwälzbar, so sei sie eine Steuer für einzelne Gewerbegruppen, die dem Grundsatz einer Gleichmäßigkeit einer Steuer widerspreche. Sei sie aber abwälzbar, so sei sie eine Verbrauchssteuer. Sckon jetzt seien Preis-Könventionen in Berlin, Frankfurt a. M. und anderen Städten erfolgt. Zu diesem Schritt seien die Brauereien gezwungen, wenn sie nicht eine zu große Einbuße an ihren Dividenden erleiden wollten. So lange die Möglichkeit einer rationellen Besteuerung noch offen stehe, werde seine Partei sick gegen eine solche Steuer wehren. Finanzminister Frhr. v. Rbeinbaben führt aus, daß das Bier schon jetzt außerordentlich hoch besteuert werde, diese Behauptung des Vorredners treffe nicht zu. Der Molwl int Branntwein sei jetzt schon viermal so hock besteuert, wie der im Bier. Das Bier sei wohl in der Lage, eine erhöhte Steuer zu tragen Für das Mer würden von der deutschen Bevölkerung pro Jahr 1340 Millionen Mark ausgegeben. In Süd- deutschland sei dock) die Vrausteuer durchführbar gewesen, ohne daß eine Erhöhung der Dierpreiie notwendig war. Warum solle eine solche in Norddeutschland nickt durchführbar fein. Man habe berechnet, daß die Erhöhimg pro Liter nur einen halben Pfennig auSinache. Was wolle dieser halbe Pfennig gegenüber dem großen Schanknutzen bedeuten? Wenn die Brauereien jetzt den Versuck machten, diese Steuer auf das Publikum und die Wirte abzuwälzen, so würde er, Redner, dies Unternehmen für bedauerlich halten. Der Antrag Speck bedeute eine weitere Abbröckelung der Biersteuer von etwa 4 Vs Millionen Mark. Bor dieser W- bröckelung warne er dringend, da sie es den verbündeten Regierungen um so schwieriger macke, die Annahme der Erbschaftssteuer aufrecht zu erhalten. Abg. Speck (Zentrum) befürwortet seinen Antrag, der bic Staffelung des Steuersatzes etwas herabsetzen will ohne dem Zweck der Steuererhöhung selbst Ml-ruck zu tun. An dem Bestehen der mittleren imd kleinen Brauereien habe der Staat ein großes Interesse. . Seitens der sozialdemokratischen Fraktion ist ein Antrag auf namentliche Abstimmung über § 3a und bett Antrag Speck eingegangen. Staatssekretär von Stengel erklärt, in der fttotnnnfvon habe er darauf hittgcwiesen, daß eine Neuregelung der R ick- Vergütungen bei Ausfuhr von Bier in Aussicht genommen sei. Bon der linken Seite ist die Einführung direkter Reickssteuent beantragt ivorben. Dem stimmten die Parteien des Reichstages nicht zu. Ich will hoffen, daß wenigstens der Kvmmifsicmsanttag angenommen wird, der die Sätze der Vorlage ja schon herab setzt. Den Antrag Speck würde idi 'bitten, abzulehnen. Welche Folgen der Antrag für die ganze ReickMinanzreform nach sich neben würde, lasse sich gar nickt übersehen. Abg. Bruhn (Deutsche Rp.) bemerkt, daß die Steuererhöhung auf die Gastwirte abgewälzt werden wird, sei nur natürlich. Wenn das Bier in irgend welcher Weise verteuert werden solle, werde der Schnaps-Konsum zunehmen. Er halte die Erhöhung der Biersteuer für eine ungerechte. ALg. Stolle (Soz.l bemerkt, durch die geplante Steuer mürben bic Aktiengesellschaften in wenigen Jahren zu Grunde gerichtet sein. In Süddeutschland sei der Aufwand für die Brauereien wie für die Wirtschaften kein so hoher wie in Nord- deutschland, deshalb könne dort mich eine höheren Mansteuer getragen werden. Kein Gewerbe sei an sich so hock belastet wie das Wirtsgewerbe. Die Steuer nrusse deshalb auf die Konsumenten abgewälzt werden. Abg. Wolf (wirtsch. Vg.) sagt, seine Freunde haben in der Kommission gegen bett § 3 Kt gestimint und sie würden daran feft- halteit, trotzdem sie mit der Staffelung einverstanden seien. Sie seien aber nickt geneigt, die msttleren und kleineren Brauereien noch mehr als bisher heran zu ziehen. Hierauf erfolgt Vertagung. Der Präsident schlägt vor. Aus dem Wcichstag. - R. Berlin, 30. April. Der „Kampf" um die neuen Steuern rückt der lEntfcheidung näher. Die Kommission hat ihre Arbeit im tzroßen und ganzen getan, eine Arbeit, von der das Volk -richt befriedigt ist, und die Regierung auch nicht, denn aus der vom Schatzsekretär über die von der Kvm- rnission bewilligten Steuern angestellten Berechnung geht hervor, daß die Regierung den Finanzbeoarfnoch nicht für ausreichend gedeckt hält. Auf mindestens 17 Millionen beläuft sich der Unterschied in den Voranschlägen. Inwieweit der Reichstag geneigt ist, seine Berechnung — es gibt auch unter den Parlamentariern sehr sachverständige Männer — zu revidieren, wird die heute begonnene zweite Lesung der Steuervorlagen erkennen lassen. lEs durfte langwierige Debatten geben, und diese Aussicht regt nicht gerade an zu promptem Besuch der Sitzungen. Schon heute hatte sich eine ganze Zahl von Mgeordneten aus eigener Machtvollkommenheit Urlaub erteilt. Tas Bild wird sich wohl erst ändern, lvenn es zu den Abstimmungen tomnrt. Wie in der Kommission, so begann man heute auch im Plenum die Steuerdebatte mit der Erhöhung der Brausteuer. Vorweggenommen sei zunächst,daß derSchatz- sekretar Frhr. v. Stengel seine Brausteuerrede einleitete mit dem Ausdruck des DankeS an die Mitglieder der Kommission für die hingebungsvolle Arbeit, die ein gutes Endergebnis der ganzen Finanzreformberatung erwarten lasse. Bon seinem Standpunkt aus hatte der Schatzsekretär Anlaß zu dieser Anerkennung, denn dadurch, daß sich in der Kommission die Mehrheitsparteien auf ein Kompromiß einigten, sind die Chancen für das Zustandekommen der Finanz-- reform immerhin gestiegen, wenn auch die Kommission ganz andere Wege gegangen ist, als die Regierung in ihrer Vorlage. Bei der Brausteuer zeigt sich dieser Unterschied itn der Behandlung der Staffelung. Tie Kommission hat zwar die einzelnen Steuersätze ermäßigt, aber die Spannung zwischen dem niedrigsten und höchsten Satze gesteigert, uno den letzteren Satz schon für eine 7000 Doppelzentner- Produktion festgesetzt. Zweck dieser Differenzierung ist, die Heuten und mittleren Brauereien gegenüber den Groß- brauet eien zu entlasten und dadurch konkurrenzfähiger zu machen, fottrte schließlich einer Abwälzung der Steuererhöhung auf die Konsumenten nach Möglichkeit entgegenzuarbeiten. (Siner „ungeheuerlichen" Mehrbelastung der großen Betriebe wie einer Verteuerung des Bieres überhaupt widersprachen die Wortführer der Linken heute ebenso energisch, wie andererseits die Redner bdr Mehrheitspar- teien für die Kommissionsbeschlüsse eintraten und die Protestkundgebungen der Interessentenkreise als „Ent- irüstungsrummel" hinzustellen sich bemühtert. Die sachlich am meisten bemerkenswerte Rede hielt von dieser Seite Abgeordneter Tr. Becker-Hessen, bet bekanntlich in der Kommission eifrig bemüht gewesen ist, die Forntel der Verständigung unter den MehrheitsParteien zu finden. Auf der attderen Seite ist die eindringliche Gegenrede des Abg. Tr. Pachnicke (Fr. Vg.) zu erwähnen, der u. a. das Zentrum auf den, gegen die Einführung neuer Konsumsteuern abzielenden Artikel 6 des Flottengesetzes hinwies, mit dem sich die ausschlaggebende Partei nicht in Widerspruch setzen dürfe. Vor dem Zentrumsreduer ergriff der preußische Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben das Wort zu einer recht herzhaften Polemik gegen die Steuergegner. Unter großer Heiterkeit der Rechten meinte er, es komme ihm fast so vor, als seien die Großbrauereien „notleidende Institute", die eines gesetzlichen Schutzes bedürften. Im übrigen beschwor der Minister die Mehrheitsparteien, keine Abbröckelungsversuche an den Kommissionsbeschlüssen vor- Nmehmen. , Das galt besonders dem Mg. Speck (Ztr.), der oute Staffeländerung beantragt, von der Frhr. v. Rheinbaben eine Verminderung des Brausteuerertrages um rund 4i/2 Millionen befürchtet. Speck, ein in der Bierfrage erfahrener Bajuvare, ist nm das Wohl der Konsumenten besorgt, die er mit seinem Antrag gegen die Belastung durch die neue Steuer schützen zu können vermeint. Der S ch a tz s e f r c t ä r Deutscher Reichstag. 90. Sitzung vom 30. A p r i l 1906. Auf der Tagesordnung steht die zweite Lesimg der Bransteuer-Borlage. Präsident Graf B a l l e st r e m schlägt vor, zunächst den § 3 a. zur Beratung zu stellen, der die Staffelli>ng der Steller enthält. Darnach steigt die Steuer von 4 Mk. für ben Doppelzentner bei steuerpflichtigen Braustoffen von 250 Doppelzentner und auf 10 Mk. für den Doppelzenwer bet steuerpflichtigen Braustoffen von über 7000 Doppelzentner. Das Haus stimmt dem Vorschläge des Präsidenten zu. Abg. S u d e k u m (Coz.) führt aus, die Brauereien Fonnten bic in der Vorlage vorgeschlagene Staffelung der Brausteuer nicht tragen. Sie würden die Staffelung auf das Publikum abwälzcn. Daß sich die großen Aktienbrauereien vor der Steuer nicht fürchteten, gehe schon daraus hervor, daß die Aktien dieser Branereien in der letzten Zeit gestiegen seien. Abg. Rettich (Kons.) sagt, eine weitere Herabsetzung der Steuer für kleinere Brauereien, wie er, Redner, sie in der Kommission beantragt habe, fei nicht durchzusetzen gewesen. Der Einkaufspreis des Bieres stehe namentlich in Norddeutschland in großem Widerspruch mit dem Verkaufspreis in den Schanklokalen. Die Erhöhung deS Einkmifspreises um ein Drittel Pfennig für den Liter könne wohl ertragen werden. Wenn das Bier als flüssiges Brot bezeichnet werde, so sei es ein sehr teures Brot, ein LuxuSbrot. Abg. M ü l l e r » Sagan (frs. Vp.): Bai der Vorlage herrsche da? Bestreben vor, aus der Brausteuer eine Gewerbe-Sondersteuer zu machen. Weshalb greife man gerade das Bier zu einer Sonderbesteuerung heraus. Die Begünstigung der kleinen Brauereien sei in dem Maße, wie vorgesehen, nicht angebracht. Er, Redner, kenne kleine Brauereien, deren Ausbeute verhältnisrnäßsg größer sei als die größerer Brauereien. Er glaube sogar, daß die Staffellmg, wie sie hier vorgeschlagen werde, den kleineren Brauereien schaden werde. Der Konkurrenzkampf werde verschärft, die kleineren Brauereien noch rascher als bisher von den großen verschlungen werden. Das Brauereigewerbe in Norddeutschland sei an sich sckon schwer belastet, namentlich durch die gegen Süddeutschland bedeutend höheren Löhne. Redner tritt für Beibehaltung der jetzigen Hohe der Brausteuer und zwar ohne jede Staffelung ein. Hierin stimmten auch seine Freunde mit ihm überein. Staatssekretär Freih. von Stengel dankt in Vertretung des Reichskanzlers und im Namen der verbündeten Negierungen der Kommission für die glückliche Losung der schwierigen Frage. Wenn der Geist, der in der Kommission geherrscht hat, auch hier im Hause der vorherrschende sei, dürfe man wohl aus ein günstiges Ergebnis rechnen. Bei Ausarbeitung der Vorlage sei die vom Vorredner bemängelte Statistik noch nicht vorhanden gewesen. Sie sei erst während der Verhandlungen erlangt worden. Die Ermittelungen seien in ganz sachlicher Weise vorgenommen worden und zeigten Ausnahmepreise wie mittlere Preise. Der Sckanknutzen, von dem in den Ermittelungen die Rede sei, sei nur der Rohnutzen, nicht der Reingewinn. Es sei bemängelt worden, daß die Er- miltelungen nicht auf sämtliche Schankwirtsckaften ausgedehnt morden seien. Er, Redner, habe inzwischen in Ostpreußen, Frankfurt a. M. und Westfalen Ermittelungen anstellen lassen und zwar möglichst in allen Schankstätten. Diese Ermittelungen hätten die die Richtigkeit der früheren Angaben ergeben. Der Unterschied zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis behage 16 und 19 Pfg. und 36 bis 39 Pfg.; je nach dem Orte sei der Erstehungspreis und der Schaukpreis verschieden. Wahrscheinlich sei der Gewinn noch höher, da aus einem Hektoliter mehr als 100 Liter geschenkt werden dürsten, aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre, würde eine Verteuerung von l*/4 Pfg. für den Liter keine Rolle spielen. Abg. Dr. B e ck e r Offenbach (nat(.): Wenn das Bier als Ülahrnngsmittel bezeichnet werde, so sei es sicher ein teures Nahrungsmittel. Seine Freunde stünden auf dem Boden des Beschlußes der Kommission. Grade im Interesse der Landwirtschaft müßten die kleineren Brauereien erhalten werden, den die kleinen Landwirte seien darauf angewiesen, ihre Gerste zu oerfaufen und ^Leines Feuilleton. L-molI-Messe. In Bremen wurde, wie wir in der Weser-Ztg " lesen, dia 5>Moll-Messe durch den Phicharmo- urschen Ehor unläitgst zur Ausführung gebracht. Daß sich Musikstädten wie Berlin, Köln nnd Bremen nun Gießen anrcihcn wird, ist ein sehr crfteullches Zeichen für ine Entwicklung unseres Musiklebens. Bach reichte un Juli 1733 das Khrie nnd Credo seiner Messe als cm fertiges Ganzes beim Dresdener Hofe ein, um ui einer dafür erhofften Titulatur eine Waffe gegen schlechte Behanblung von feiten des Leipziger Stadtrates zu gewinnen. Das beigefügte Dedikationsschreiben ist so interessant und bezeichnend für die Stellung des großen Mannes daß ferne Mitteilung besonders jetzt, da die Auffuhrnng des großen Wcrres nahe bevorsteht, Interesse erwecken tmrd. Unter Weglassung einer langatmigen Aiircde und Titulatur lautet cs: Ew. Königl. Hoheit überreiche in tiefster Devotwn gegen- tourtige geringe Arbeit von derjenigen Wistenschaft, tzielche irf der Musigue erlanget mit gmy, untertäniger Bitte, eie Ullcn dieselbe nickft nack der Deckten Compofttion, sondern ■nach Dero Welt berühmten Clemenz mit giiädigsten Augen lmzu- sehen und mich dabey in Tew maditigftc ^.o^ktwu zu nehinen geruhen. Ich habe einige Jahre und bis daher bev den fcfXn ^aupl-Kircken in Leipzig das Directonum m der Munc « fatt, Ä X ein und andere Mräntfung un«rschnldeter Mise au» imuweilen eine Vermindere derer mit dieser tfuncüon verknüpften Äceidentien empfinden müssen, weiches aber gai^lick nachbleiben möchte, daferne Em. Kvni-sl. .Hoheit unr di. Gnade Si t» und ein Pr-edicat twn Dero 5a°sf.C°peNe conseiir.-n, iind deswegen zur Erteilung eincy DecretZ, gehoriaen -r.y a.sin ergehen lassen würden s Solche gnädigste G-irehtiiNg meine, demüthigstens Bittens wird mich zu unendlicher Berebrung verbitüien und i» offeriere mich in schuldigsten Gehör,an,. .e^ mal aus Ew Königl. v-heit gnädigstes Verlangen, in Eoinpo- tiierung der Kirchen Mufigne sowohl als zum Orchestre inemen unermüdeten Fleis, su erweisen, und meine ganzen Krönte zu Dem Drifte zu widmen, in unauishorlicher Treue verharrend .Em. Königl. Lmheit unterthanigst-gel^mster o-.(, politische Tagesschau. Fürst Bülow hat seinen Gegnern im Ausland schon oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seit seiner jähen Erkrankung hörten Pariser und auch Londoner Zeitungen nicht auf, mit unfehlbarer Sicherheit zu prophezeien, Fürst Bülow werde sich von dem „Schlaganfall" nie wieder erholen und zweifellos sein Amt nicderlegen. Bester als durch alles andere werden solche Behauptungen widerlegt durch die Tatsache, daß Fürst Bülow am politischen Leben vollen Anteil nimmt und im Dienst sich betätigt. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." mitteilt, empfing -er Reichskanzler am SamStag nachmittag den Staatssekretär des Auswärtigen. Herr v. Tschirschky und Bögendorff .dürfte au? Homburg v. d. H., wo er Vortrag beim Kaiser hatte, wichtige Entscheidungen mitgebracht haben, an deren Vorbereitung Fürst Bülow persönlich beteiligt ist. Wäre Fürst Bülow noch in besonderem Grade schonungsbedürftig, so würde ihm gerade die Beschäftigung mit der auswärtigen Politik, die trotz des Abschlusses der Marokkofrage noch manche Sorge birgt, von ärztlicher Seite entschieden verwehrt werden. Auch das Beileidsschreiben, das Fürst Bülow an die Witwe des preußischen VerkchrSministers v. Budde gerichtet hat, beweist die unveränderte geistige Frische des Kanzlers. So ist denn anzunehmen, daß Fürst Bülow bald wieder im Reichstag erscheinen und die Glückwünsche zu seiner Genesung entgegennebmen kann. Mü Rücksicht auf die DeFetzungZfeier für den verdorbenen Minister 6L Dudde die Sitzung crft um 2 Uhr beginnen zu lassen. Dos Häusl fHmnrt dem zu. Morgen: Tabaksteuer. i'N \t '. fl* Kirche itnfc Schule. -m- Darmstadt, 29. April. Seit Jahren konnten die Abiturienten der Gymnasien und Obcrrcalschulcn direkt als Schul vermalter an der Volksschule Verwendung finden. Die Erfahrungen, welche die Schulbehörde mit diesen zu pädagogischer Wirksamkeit unvorbereiteten jungen Männern machte, gaben in diesem Jahre zur Einrichtung eines pädagogischen Kursus für Gymnasial-- und Oberrealschulabiturienten in Darmstadt Veranlassung. Auf die Meldungen der Abiturienten zum Schuldienste erhielten die Gesuchstcller eine Anfrage, ob sie gewillt seien, vor ihrer Verwendung im Schuldienst einen halbjährigen päd. Kursus in Darmstadt zu besuchen. Der Unterricht erfolgt kostenlos für die Teilnehmer. Von der Teilnahme an diesem Kurse erst wird die Verwendung im Hess. Volksschuldienstc abhängig gemacht. Zu diesem Kursus haben sich nun 20 Kandidaten aus Mainz, Offenbach, Gießen, Fulda, Worms und einer aus Passau gemeldet und bereits am Unterricht teilgenommen. Da im .Hessenlande noch Mangel an Volksschullehrern herrscht und die diesjährigen Abiturienten dec hcsi. Seminarien fast alle schon im Schuldienste verwendet sind, haben die Kandidaten nach Beendigung des päd. Kursus Aussicht, baldigst Unterkommen im Volksschuldienste zu finden. Deutsches Reich. Berlin, 30. April. Der Kaiser hat den Kronprinzen mit seiner Vertretung bei der morgen mittag im Konferenzsaal des Eisenbahnministeriums stattfindenden Trauerfeier für den verstorbenen Staatsminister v. Budde beauftragt. — Die deutsche Regierung hat am 28. Juni Einladungeu zu einer Konferenz betr/die Funkentelegraphie ergehen lassen. Eingeladen sind außer den europäischen Staaten die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Egypten, Argentinien, Brasilien, Chile, Japan, China, Mexiko, Persien, Perm, Siam und Uruguay. Als deutsche Vertreter sollen an dieser Konferenz teilnehmen Staatssekretär Krätke, Unterstaatssekretär Sydow u. a. — Tie „Börsenztg." hört zuverlässig, Generalleutnant Schubert, mit dem Verhandlungen wegen der Ueber- uahme des A r b e i t s m i n i st e r i u m s gepflogen worden seien, ersuchte unter Hinweis auf seine verschiedenartigen Aemter von seiner Person a b z u s e h e n. Dresden, 30. April. Der König bewilligte dem Vor- isitzendcn des Staatsministeriums, Staatsminister von Metz sch, die aus Gesundheitsrücksichten erbetene Versetzung in den Ruhestand und übertrug dem Gesandten kin Berlin, Grafen H»ohenthal-Bergen, die Leitung der Ministerien des Innern und der auswärtigen Angelegenheiten, sowie dem Staatsminister Tr. Rueger den Vorsitz des gesamten Ministeriums. Breslau, 30. Llpril. In Kandrzin fand eine Versammlung der oberschlcsischen kathol. Geistlichkeit statt, in Der die Frage berate:: wurde: Soll sich der Klerus politisch überhaupt noch betätigen oder nicht. Mit überwiegender Mehrheit erklärte sich die Versammlung für eine politische Tätigkeit, da die politischen Fragen zurzeit «culch kirchliche Interessen berühren und der Klerus selbst tin der Politik diese Fragen auch von Amtslvegen zu ver> treten hat. Schwerin, 30. April. Die Verfassung S'f rage, soll nun endlich gelöst werden. Wie auS absolut sicherer Quelle verlautet, liegt der Entwurf für diese Verfassung im Ministerium vor. Straßburg, 30. April. Für die Reichslande soll eine Ausgestaltung der Verfassung in Aussicht stehen. Dem Vernehmen nach soll von 1907 ab an die Stelle des kaiserlichen Rates ein Verwaltungsgerichts- h o f treten. Aus SraSt uns £anö. Gießen, den 1. Mai. - Herr A. Peppler, der Leiter des Hess. landw. Wetterdienstes am landw. Institut, der sich in dieser Stellung mannigfache Verdienste und vielseitige Anerkennung in weiteren Kreisen unserer ganzen Provinz erworben hat, ist, wie uns mitgeteilt wird, zum Vorsteher der reichsamtlichcn Wetterdienststelle in Bromberg vom preuß. Landwirtschaftsministerium berufen worden. Der Dienst wird, wie wir hören, ganz in derselben Weise durch Herrn Wilhelm Peppler weitcr- geführt werden. ” ^ie Wahlen für die hessische Landwirtschaftskammer werden, wie verlautet, Mitte Juli vor- genommen werden. Es werden damit gegenüber der jetzigen bernfsständischcn Vertretung der Landwirtschaft einschneidende Veränderungen cintcetcn. Zur Landwirtschaftskammer werden die kleinsten Orte, wenn sie eine große Zahl landwirtschaft/ :. a V ') v uj c'a kicher Betriebe haben, die meisten Wahlmanner wählen, die dann auch auf die Wahl selbst einen großen Einfluß ausüben können. *♦ Tagesordnung für d i e Sitzung der Stadt- vcrordnctcn-Vcrsammlung am 3. Mai, nachmt 4 Uhr. T. Mitteilungen. 2. Baugesuck des Jvhs. Leichtweiß für die Sonnenstraße. 3. Desgl. des G. Trinkaus für den Seltersmeg; hier: Befreiung. 4. Tesgl. des A. Helfendem für den Wicsecker- weg: hier: Befreiung. 5. Desgl. des L. Zutt für die Ludwigstraßc; liier: Befreiung. 5. Desgl. des D. Sckmckhardt für die Diczstraßc. 7. Gesuch des I. Jtttnann dahier um Erlaubnis zur Anbringung eines Firmenschildes am Hause Plockstraße 14. 8. Baugesuch des Karl Nicolaus dahier für Ecke Ntoltkestraße und Roonstraße. 9. Baugesuch des Karl Nowack für den Scltcrswcg. 10. Ausbau der Goethestraße zwischen der Stephan- und Henselftraßc: hier: Vergebung von Arbeiten. 11. Verbreiterung der K'reisstraßc nach Heuchelheim; hier: Kvftenanteil der Stadt. 12. Verlegung der Kteisstraße von Gießen nach Krofdorf; hier: Kostenanteil der Stadt. 13. Erwerb von Gelände zum Ausbau der Kreisstraße Gießcn-Wisinar. 14. Feldbereinigung rechts der Lahn; hier: Kvftenanteil der Stadt. 15. Entwässerung der Vichwagenremig- ungsanstalt; hier: Benutzung städt. Oseländes. 16. Erwerb des Grundstücks Dammstraße 26. 17. Gesuch von Georg Schwan II. Neustadt 75 um Anschluß ans Elektrizitätswerk. 18. Gesuch des Vorstandes des Gießener Lesehallenvereins um Uebcrlasiung weiterer Räume. 19. Gesuch des Vorstandes der Elistbetb-Klein- kinderschule um Otewährung einer Unterstützung. 20 Festsetzung des Schulgeldes für die Vorschule des Gymnasiums. 21. Erhöhung des' Schulgeldes an der höheren und erweiterten Mädchenschule. 22. Teilung von Klassen der höheren Mädchenschule. 23. Qucllfassung des Hubertusbrunnen. 24. Verbesserung der alten Stollenanlage bei Großen-Buseck. 25. Anlage eines Schachtes zum Wasserverteilungskasten bei der Bürgermeisterei. 26. Gesuch des Peter Kaiser dahier um Erlaubnis zum Wirtsckasts- betrieb im Hause Walltorstraße 38. 27. Desgl. des Josef Oppcrs für Wolfstraße 9. r 28. Desgl. des Karl Geffert für Kaplaneigassc 7. 29. Desgl. des Löb Grünewald für Wcstanlage 35. 30. Desgl. des Heinrich Abel für Asterweg 7. 31. Desgl. des Gustav Trinkaus für Seltersweg 50. 32. Desgl. des Christian Duill für die Grünbergerftraße 89. ** Gießener Frauenverein. Der Gießener Frauenverein hielt Samstag, 28. April, im unteren Saal der Aliceschnle feine erste ordentliche Mitgliederversammlung ab. Sie wurde durch die Vorsitzende, eröffnet, deren Bericht wir folgendes entnehmen. Im März v. Js. gründete sich in denselben Räumen der Hausfrauenverein, der es sich zur besonderen Aufgabe machte, sich der D i e n st b o t e n f r a g e zuzuwenden. Welch großen Zuspruch die am 1. April 1905 eröffnete für Dienstboten unentgeltliche Stellenvermittlung gesunden hat, beweist die Tatsache, daß im abgelaufenen Geschäftsjahr an Personal 284, an Herrschaften 544 sich gemeldet haben. Außerdem fanden 180 Laufund Putzfrauen mehr oder weniger Beschäftigung. Veranlaßt durch die zahlreichen Mängel, die sich in Gießen im Sommer am fühlbarsten machen, und daß hier, wie sonst überall, wirkliche Not an geschulten Dienstboten ist, hat der Verein den Beschluß gefaßt, hier in Gießen eine Dienstbotenschule zu errichten, wie solche in anderen Städten mit schönstem Erfolg bereits tätig sind. Die jungen Dienstmädchen sollen sich darin Kenntnisse in Hans- und Küchenarbeit, wie Waschen und Plätten erwerben, die ihnen ein gesichertes Fortkommen in ihren Stellungen, wie später eigenen Hallshaltungen gewähren, unb was besonders dazu beitragen soll — die Dienstbotenstellung wieder 311 einer geachteten zu machen. — Es ist daher sehr wünschenswert und zum Vorteil aller Haushaltungen, wenn dem Frauenverein allseitig recht reges Interesse entgegen gebracht wird unb demselben immer noch mehr Mitglieder zugeführt werden. — Dank eines vortrefflichen Vortrages der Vorsitzenden des Kaufm. Vereins, Frau Joh. Wäscher in Kassel, wurde am 24. Februar von dem Frauenverein in den Räumen des Kaufm. Vereinshauses der Kaufm. Verein für weibliche Angestellte gegründet. Dieser wird im Mai eine Handelsschule eröffnen, in der junge Mädchen gründlichste Ausbildung von bewährten Kräften in allen kaufm. Zweigen, wie Buchführung, Stenographie, Maschinenschreiben re. geboten wird. Das Haupt- thema der Versammlung bildete die Eröffnung einer unentgeltlichen Nechtsschutzstelle für mittellose Frauen und Mädchen. Schon seit letzten Herbst nehmen eine Anzahl Damen an juristischen Belehrungen teil, um sich später, mit der notigen Vorbildung ausgerüstet, in den Dienst der Rechtsschutzstelle stellen zu können. Nachdem die Vorsitzende den Jahresbericht beendet hatte, ex'griff Fräulein Mina Pfungft au§ Frankfurt a. M. das Wort, die der dortigen Rechtsschutzftelle vorsteht. Sie verstand in fesselnder Weise von ihrer Wirksamkeit zu erzählen, von dem Mißtrauen, das man der Rechtschutzstelle anfangs entgegenbrachte, und schilderte dann eingehend die Not und das Elend, das sich ihnen jetzt, da ihre Hilfeleistung außerordentlich stark in Anspruch genommen wird, überall darbietet und zeigt, wie sehr Hilfe not tut den-vielen Frauen und Mädchen, die Rechtsdingen so gänzlich unwissend gegenüber stehen unb in Ehestreitigkeiten, Alimentenklagen unb Vor- munbschaftssachen weder aus noch ein wissen. Die hiesige R e ch t s s ch n tz st e l l e soll im Oktober d. I. ihre Tätigkeit beginnen und wird sich natürlich, wie alles Neue, erst langsam ihren Weg bahnen müssen. Wir hoffen jedoch von Herzen, daß all die edlen Bestrebungen des Frauenvereins, dessen Mitglieder sich so selbstlos in den Dienst ihrer Mitmenschen stellen, überall in Gießener Frauenkreisen freundliches Interesse und Entgegenkommen erwecken. Der jährliche Beitrag, einschließlich für die Rechtsschutzstelle, beträgt 5 Mk., für letztere allein 1 Mk. — Bei der Wahl des Vorstandes für die Rechtsstelle wurde einstimmig als 1. Vorsitzende Frau Schneider wiedergewählt, die seit dem Bestehen des Vereins diesem in aufopfernder Weise ihre vollste Kraft gewidmet und ihn zu großem Dank verpflichtet hat. Nachdem noch die Einnahmen unb Ausgaben des abgelaufenen Jahres verlesen waren, schloß die Versammlung um 8 llhr. ch. Laubach, 30. April. Aus Bensheim traf heute hier die Trauernachricht ein von dem Ableben des im 46. Lebensjahre stehenden Oberlehrers Prof. Becker, der am Karfreitag ernstlich erkrankte. Prof. Becker war von 1888 bis 1904, also 16 Jahre, am hiesigen Gymnasium tätig. Ein warmes Andenken ist ihm gesichert. — In den letzten Nächten voriger Woche haben Nachtfröste großen Schaden getan. Die Temperatur sank auf —4 bis 5° C. Die Birnblüten sind meistens vernichtet. Aus Altenstadt, 30. April. Zwei Revisionsbeamte auS Darmstadt revidieren und ordnen die Bücher des vergangene Woche verstorbenen dortigen Sparkasfenrechners. Wie gemeldet, ergaben die Ermittelungen kurz nach dem Tode de§ Rechners, daß in der Kaffe etwa 30000 Mark fehlen. Die nahen Verwandten des Verstorbenen haben sich bereit erklärt, das Manco zu decken. a. Wallenrod, 30. April. Einem hiesigen Manne wurde von einem anderen ein Stück aus dem Ohr gebissen. Es ist dies das zweitemal, daß der Bissige einen Mitmenschen verletzt hat. a. Landenhausen, 30. April. Eine recht rohe Tierquälerei ließen sich einige Leute aus Salzschlirf zu Schulden kommen. Sie hatten in den Gewässern nach Schlitz zu, auf hessischem Gebiete, Frösche gefangen, ihnen die Hinterbeine abgeschnitten und dann wieder ins Wasser geworfen. Die Rohlinge wurden auf frischer Tat ertappt und konnten zur Anzeige gebracht werden. Aus dem Kreise Lauterbach, 30. April. Vom 1. Mai ab wird das Schweinefleisch einen Abschlag von zehn Pfennig erhalten. Der Ladenpreis beträgt 70 Pfg., der Einkaufspreis (Schlachtgewicht) 64—65 Pfg. a. Lauterbach, 30. April. Dieser Tage kehrte m einem hiesigen Restaurant ein in den 30er Jahren stehender Mann ein. Der Wirt unterhielt sich einige Augenblicke mit dem Fremden und ließ dabei seinen goldenen Zwicker im Werte von 18 Mk. auf dem Tische liegen. Der saubere Gast benutzte einen günstigen Augenblick und verschwand unter Mitnahme des Zwickers. [] Marburg, 30. April. Die Walpurgisfeier der Marburger Studenten nahm auch diesmal, trotzdem das Mailüftchen etwas kühl wehte, einen schönen Verlauf. In allen studentischen Vereinshäusern herrschte bei Musik und Gesang eine fröhliche Stimmung und nach Anbruch der Dunkelheit zeigten sich das Schloß, der Spiegelslustturm, die verschiedenen Kneipen usw. prächtig beleuchtet. An den Bergwänden bemerkte man die sich hin und her windenden Lampionzüge der Studenten. Die traditionelle Maifeier deS Corps „Nassovia" auf dem Marktplatze hatte wieder eine große Menschenmenge auf die Beine gebracht. Das fröhliche Treiben dauerte bis in die Morgenstunden. * Kleine Mitteilungen n u 5 Hessen und den Nachbarstaaten. In S ch 0 tt e n starb im Alter von 77 Jahren der reichste Mann der Stabt, Rentner P rösch er, ber einer alteingesessenen Familie entstammte. — Bei Bingen würbe in einem Weinberg die scheußlich zugerichtete Leiche eines neugeborenen Kindes gefunden. * Kleine Tages cbronik In dem Schlosse des Grafen P ü ck l e r auf Kleiu-Tschirne (Schlesien) entstand ein größeres Feuer, welches den Dachstuhl unb bas Gesindehaus einäscherte. Verbrannt sind unter anderem verschiedene Ausrüstungsgegenstände zu den Reiterfesten des Grafen und einige von den Uniformftücfen. — In München erstach der Agent Hüttinger seine frühere Geliebte, die Näherin Seywald, unb erhängte sich dann. — Auf dem Bahnhofe D 0 r st s e l d (Wests.) ist ein G ü t e r z u g mit einem beladenen Bauznge zusammen g e st 0 ß e n. Sänüliche mit Kiee beladene Wagen des letzteren Zuges wurden zertrümmert. Die Geleise von und nach Dortmund waren während 5 Stunden gesperrt. Der Materialschaden ist bedeutend. Personen wurden nicht verletzt. — In Rheydt hat sich der 75 Jahre alte Rentier Göters erschossen. Er litt seil längerer Zeit an einem Augenübel. — In Antwerpen ereignete sich an Bord bes Dampfers Sardinia ein schwerer Unfall. Drei Mann verloren das Gleichgewicht unb stürzten m den Laderaum. Zwei waren sofort tot, ber dritte ist schwer verletzt. — In Lyon stieß ein Straßenbahnwagen mit einem Lastwagen zusammen. Der Straßenbahnwagen wurde vollständig zertümmert unb ber Führer getötet, 12 Personen wurden leicht verletzt. — In Magdeburg ist der Berliner Rennfahrer Frendenberg, ber beim Rennen stürzte, seinen Verletzungen bereits erlegen. Er kollidierte beim Eröffnungsrennen mit einem zu früh auf die Bahn gelassenen Schrittmacher-Molor. Die Lenkstange beö Motors bohrte sich in den Oberschenkel ein unb zerriß ihm bie Schlagader. Obgleich Freudenberg sofort ins Krankenhaus eingeliefert wurde, konnte ihm doch feine Hilfe mehr gebracht werden. Arbeiterbewegung. (h.) Offenbach, 28. April. In Sacken ber Ausstands- beweg ung her Former, von bereu Ausgang ber Verband ber Metallindustriellen die Aussperrung von etwa 16 000 Arbeitern abhängig macht, werden heute voraussichtlich die Verhandlungen fortgesetzt. Dieselben haben, wie von feiten der Arbeitgeber mitgeteilt wird, insofern zu einer Verständigung geführt, als die Arbeiter die Positionen 1 und 3, Minimallohn und Arbeitszeit, unter Vorbehalt der Zustimmung ber einzu- berusenden Versammlung der streikenden Former, zurückgezogen haben. Ueber die übrigen Punkte des Tarifes hat man sich bereits verständigt. Die von den Arbeitgebern angedvohte Kündigung erfolgt trotzdem und wird solange aufrecht erhalten, bis volle Einigung erzielt wird. Auszug aus der „Berliner klinischen Wochenschrift“ (mit eine ber ersten mebizinischen Zeitungen Deutsch'» lanbs); diese schreibt in ihrer No. 22 1904 in einem Aufsatz von vr. Max Heim: „Kurz zusammengefaft, können wir auf Grund unserer Beobachtungen über das Bioson folgendes sagen: 1. Das Bioso 1 verbindet mit einer guten ernährenden Wirkung die blutbildende des Eisens und die neruenftärfenbe bes Lezithins. 2. 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