Donnerstag 6. Dezember 1906 ISS. Jahrgang Erstes Blatt GietzenerAnzeiger General-Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Nr. 287 Ers <6 etnt tflfllt J) anker Sonntaqft. Dem siebener Anzeiger werden tm Weckfel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamillen« blätter viermal tn der Wecke beigelegt. Nolcmousdvuck u. Verlag der Brühl 'scken llnivers.-Buch-a. Stern- b ruderet. R. Lange. Redaktion, HrvedrtUm und Druckerei: Echu« st ratze 7. Redaktion 119 Verlag u.Exped.sMWLI Adresse für Tevefcken: Anzeiger Gießen. VezvgSpretOr monat lick 7b Pt., viertel- jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pl.; durch die Post Pik. 2.— viertel- jährl. ausickl. Beilellg. Annahme von Anjetgen für die TaqeSnum'ner bis DonntttaflS 10 Uhr. ZeilenvreiS: lokal I2Ps^ auSmäni 20 P'g. Verantwortlich *üt den polit und aUaem. Teil. P. W'ttko, 'ür ,Stabt und Üaub' und ,(Scnd)tS|aale. litnfl Heß. hit den An- zeiaenteil: £>an e ©ei. 5>ie ljeutige stummer umfaßt 8 Ketten. Deutscher Reichstag. 134. Sitzung vom 5. Dezember. Am BundcÄrntstische St.iatssekrctäc N i e b e r d i n g. Auf der Tagesordnung stehen die Jnterpellatioueu wegen des Schul st reikes in Posen. Staatssekretär Nieberding erTlärt sich bereit, sofort zu antworten. Abg. v. Jazdzewski (Pole): Das Erziehungsrccht der Eltern sei unantastbar und dürfe nur aus, im Bürgerlichen Ge- sevbuch festgesetzten Gründen cingeschranlt werden. Den Religionsunterricht erteilen die Volksschullehrer nicht im Auftrage des Staates sondern sie erteilen ihn im Auftrage der Kirche. Wie nun die katholische Kirche sagt, muß der Religionsuntev- richt in der Muttersprache erteilt werden. Der Staat ist nach der Verfassung verpflichtet, sich nach diesen Grundsätzen zu richten und wenn jetzt von diesen Grundsätzen so allgemein abgewichen werde, so müsse er sagen, sei den polnischen Eltern tad sächlich nichts anderes übrig geblieben, als den Kindern die Teilnahme am Religionsunterricht in deutscher Sprache zu verbieten. Nur passiver Widerstand habe stattgefundcn. Wenn aber nebenher auch gioheiten wahrzumihrncn gewesen sind, so nehmen wir diese durchaus nicht in Schutz, aber auch bei den Lehrern sind Roheiten vorgekommen. Was bezweckt man mit dem deutschen Religionsunterricht? Man will damit auch die deusiche Predigt in der Kirche erzwingen, sonst hätte es keinen Sinn. Der Redner geht nunmehr auf den Inhalt der §§ 1666 und 183b deS bürgerlichen Gesetzbuches ein und richtet, an den Staatssekretär das Ersuchen, dafür zu sorgen, daß die preußischen Gerichte, besonders das Amtsgericht in Zabrze ihr Amt nicht mißbrauchen, indem sie den Eltern ihr Recht auf Erziehung ihrer Kinder nehmen. Wir ersuchen auch das ganze Haus, mit einer deutlichen Kritik nicht zurückzuhalten. Wir wünschen den Frieden und von dieser Tribüne her mahnen wir zur Ruhe, aber wenn die StaatSregicrung uns nicht entgegenkommt, werden wir es erleben, daß der gegenwärtige Zustand noch sehr lange dauert. (Sehr wahr bei den Polen, Freisinnigen und Sozialdemokraten.) Es gibt zwei Wege, die Konflikte zu lösen: entweder geht die preußische Verwaltung zu dem oeriiünstigen Grundsätze zurück, daß man die Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet und ihnen daneben in der ausgiebigsten Weise die Kenntnis der deutschen Sprache beibringt, die fürs Leben not- weiidig ist. Sonst gibt es nur noch einen Ausweg: man legt den Religionsunterricht in die Hände der Kirche zurück. (Lebhafte Zuilirninung bei den Polen, Zentrum und Sozialdemokraten.) Der Kaiser hat in Görlitz die Freiheit der Religion proklamiert, ich ersuche die preußische Regierung, sich mit den Worten des Kaisers in Ucbereinftimmung zu setzen. Abg. Glowatzki (Ztr.): Bei der Wichtigkeit der Materie haben mir uns veranlaßt gesehen, eine besondere Interpellation einzubringen. Sie stützt sich auf den § 631 des bürgerlichen Gesetzbuches, welcher verlangt, daß die Erziehung der Kinder den Eltern gewährleistet wird. Dies gilt auch von der religiösen Erziehung. Aus Naturrecht und aus einer vernünftigen Pädagogik heraus, stehen wir auf dem Standpunkt, daß die Religion jedem Volke in der Muttersprache erteilt werden soll- Die preußische Unterrichtskommission hat einstimmig sich dafür ausgesprochen, daß die Lilthauer den Religionsunterricht in der Muttersprache erhalten. (Hört! Hört!) Dem gegenüber fühlen die oberschlesischen Polen sich schwer gekränkt. Wohl _i|t es bisher gelungen. Dank dem einmütigen Eintreten des Klerus, den Schulstreik von Oberschlesien fern zu halten. Der Klerus ist ein großer Feind der großpolnischen Bewegung, die als Feind jeder Weltlichkeit und Kirchlichkeit auf tritt. (Sehr richtig rechts. Von polnischer Seite wird gerufen: Ist nicht wahr.) Wenn aber die Regierung fortfährt, die gerechten Forderungen der Oberschlesier nicht zu beachten, dann fördert sie die großpolnische Agitation. (Sehr richtig.) Ich bitte daher den Reichskanzler dafür zu sorgen, daß die polnischen Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. (Beifall im Zentrum.) Staatssekretär Nieberding: Ich werde die beiden vorliegenden Beschwerden auseinanderhalten, weil die rechtliche und die politische Grundlage der Beschwerden eine verschiedene ist. Einmal handelt eS sich um die Erteilung des Religionsunterrichts in der deutschen Sprache, sodann um die Frage des Erziehungsrechtes der Eltern in den Fällen, wo Kinder sich auf Weisung der Eltern geweigert haben, an dem Religionsunterricht in deutscher Sprache teilzunehmen. Der Reichskanzler ist nicht verfassungsmäßig berechtigt, im Sinne der Interpellationen Schritte bei der preußischen StaatSregierung zu tun. (Heiterkeit und Lachen. Singer ruft: Er ist doch preußischer Minister.) Als solcher ist er nicht interpelliert worden. (Heiterkeit.) Die Berufung auf den Artikel 3 der Reichsversassung ist nicht angebracht, denn dieser garantiert nur den Angehörigen eines Staates, daß sie in einem anderen Staate ebenso behandelt weiden, wie die Angehörigen dieses Staates. Mit etwas mehr Recht berufe man sich auf § 1631 des bürgerlichen Gesetzbuches, aber auch dieser ist nicht zutreffend. Zweifellos gebe dieser Paragraph den Eltern ihr Erziehungsrecht, aber fein unbegrenztes. Nach 8 1660 darf eine Fürsorge-Erziehung zweifellos nicht verhängt werden, bloß weil ein Kind böswillig oder störrisch ist. Das Vorgehen darf sich nur gegen einen Vater richten bei schuldhaftem Verhalten, das die Erziehung des Kindes gefährdet. Wenn ein solches schuldhaftes Verhalten vorliegt, darüber zu entscheiden sei Sache der Gerichte. Die preußische Slaatsregierung hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Der Staatssekretär legt dann bar, wie die Angelegenheit überhaupt nur bei wenigen Amtsgerichten schwebe. Ein Amtsgericht habe die Verhängung der Fürsorgeerziehung bereits für unzulässig erklärt. Dieser Fall sei also erledigt im Sinne der Interpellation. Andere Fülle schweben noch. In die Unabhängigkeit der preußischen Gerichte werde nicht eingegrijfcn werden. Die preußische Regierung werde jedenfalls nichts tun, was dem Reichsrecht widerspreche. ~ Auf Antrag des Abg. d. Czarlmskl erfolgt die Besprechung der Interpellation. Abg. v. Wörmann (kons.) erklärt, da es sich um eine rein preußische Angelegenheit handelt, halten wir den Reichstag nicht für kompetent, in der Fürsorgefrage ju urteilen, dasselbe gilt von der preußischen Schulpolitik. Wir werden uns daher nicht an einer Besprechung beteiligen. . , Abg. v. Tiedemann (Rpsi: Aucy seine Partei beteilige sich an der Besprechung nicht. Wir vermögen keine Berechtigung des Reichstages zu erkennen, sich in diese Angelegenheit zu milchen. Seine politiichen Freunde würden im preußischen Landtage ausreichend über diese Frage Rede und Antwort stehen. Wir geben zugleich der Zuversicht Ausdruck, daß der Reichskanzler .Übereinstimmung mit der preußischen StaatSregierung ine Ziele seiner Ostmarkenpolitik scharf im Auge halten werde, wenn es sein muß, mit dem nötigen Nachdruck (Beifall rechts.) Abg. Büsing (nl.): Seine Partei legte im Landtage und Reichstage wiederholt ihren Standpunkt bar, daß sie mit einer zielbewutzten Polenpolitik der Behörden durchaus einverstanden sei. (Hört! Hört! und Unruhe.) Wir verlangen, daß die polnischen Einwohner Preußens Abstand nehmen von jeder deutschfeindlichen Agitation (sehr richtig), und daß sie ohne jeden Vorbehalt und für immer als preußische Staatsangehörige zu betrachten sind. (Bravo!) Mit allen zulässigen Mitteln muß den offenen großpolnischeu Bestrebungen entgegengetreten werden. Wir billigen die Politik durchaus, in welcher die Behörden mit aller Energie bestrebt sind, den Widerstand der polnischen Eltern und Kinder zu brechen. Die Anordnung der Fürsorgeerziehung gegen viele tausende von Kindern halten wir aber nicht für ein geeignetes Mittel gegen den Schnlstreik (Bewegung). Dieses i|i eine rein juristische Frage. (Zuruf von den Polen: Nein, eine Frage des Menschenrechtes!) Redner fortfahrend: Es ist ein Mißbrauch der Elternrechte, wenn diese zur Anstiftung von strafbaren und ungesetzlichen Handlungen und zum Ungehorsam der Kinder gegen die Schulordnung gebraucht werden. (Zuruf: prza krew!) Redner: Herr Präsident, schützen Sie mich doch vor solchem Zuruf! . Vizepräsident Graf Sto 11berg: Ich habe den Ruf nicht gehört. Abg. Dr. Chlapowski (Pole) ruft: Ich habe gerufen! Vizepräsident Graf Stollberg: Dann rufe ich Sw zur Ordnung. Abg. Büsing fortsahrend: Wir erachten die zum Ausdruck gebrachten Beschwerden nicht für begründet. (Beifall bei den 'Nationalliberalen). Abg. Bebel (Soz.) erklärt, eS fei bedauerlich, daß der Reichskanzler heute hier nicht erschienen sei. Tiedemann und Büsing bchandelten diese Frage im wesentlichen politisch. Wunderbar erscheine ihm, daß Büsing, der in der mecklenburgischen Frage einen ganz anderen Standpunkt einnehme, die Kompetenzfrage anschnitt. Die Rede Büsings wimmele von Widersprüchen gäbe aber ein Charakteristikum für die Grundsatzlosigkeit der gtationallibctalen. (Sehr richtig (in 13, im Zentrum und bei den Polen.) Die Entziehung des Erziehungsrechtes wird im au3giebig|ten Maße borgenommen, so wegen der Zugehörigkeit zu Arbeiterturnvereinen usw. Ve. uns i]i alles im Rückschritt begriffen. Immer rückwärts lautet die Parole. Dahm gehört bie Zunahme der Nichtbepätigung von Sozialdemokraten zu öffentlichen Aemtern. Der realtionäre v. Mühler war ein Fortschrittsmann gegen Herrn v. Studt. (Sehr gut.) An Schleswig- Holstein sollten wir gelernt haben, daß die Unterdrückung der deutschen Muttersprache bei der deutschen Bevöllerung seinerzeit die Grundlage aller Agitation und Begeisterung gebildet hat. Wollen Sie (nach rechts) wahre Kulturmenschen sein, so legen Sie die Hand an dnse Polenpolitik t Schleudern Sie sie in den Orkus! (Beifall.) Abg. Traeger (fr. Vp.): Durch die moderne Polenpolitik hat die preußische Regierung der polnischen Nation den größten Liebesdienst erwiesen. Unzweifelhaft ist der Reichstag in dieser Sache zuständig. Ist doch daS preußische Fürforgee^iehungs-- gesctz nichts weiter als ein Ausführungsgesetz zu § 1666 des B. G. B. Das Erziehungsrecht muß dem Vater genommen werden, wenn er nicht genügend für das geistige und körperliche Wohl des Kindes sorgt. Das wäre denkbar, wenn ein Vater fein Kind veranlaßte, im nassen 9ZoDemberroetter auf der Stxaße Spalier zu bilden. (Große Heiterkeit.) Der Richter, der den polnischen Eltern das Erzichungsrecht abspricht, hat barbarisch gehandelt. Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Wirtsch. Vg.) meint, daß nicht der Reichstag, sondern der Sanbtag zuständig sei. Dm politischen Mcotivcn ist das religiöse Mäntelchen umgehängt. Der Kinderstreik ist eine Vorbereitung der polnischen Revolution. (Bewegung.) Wir schätzen das vorzügliche Menschenmaterial der polnischen Nation. Wenn aber seitens der Polen Gewalt an» gewendet wird, dann wird ihnen mit Gewalt begegnet werden. Abg. Gothein (frs. Vag.): Wir billigen den Schuislreik nichl, bebauet» ihn vielmehr auis höchste. Wir meinen, es wäre besser geiuefen, wenn der Streit ausgesochten werde lediglich von Er- ivachsenen, aber wir geben zu, derartige Bewegungen emstehen ipoman und es sei ost auch oemünftigen Männern schwer oder immöglich, solche Bewegungen zu verhindere Aus patriotischen Gründen haben wir das größte Interesse daran, daß wir an unserer Ostgrenze ein zufriedenes Volk Hadem Die jetzige Polenpolitik habe md)t einmal etwas genutzt, sondern nur oeibutert. Wir erkennen auch den Polen ihre slaalsbiirgerlichen Rechte zu, auch das Reckt ouf Religionsunterricht in ihrer Muttersvrache. Ter Sckulstreik schädige die Staats-Autorität aber durch eigene Schuld des Staates. Es sei eine berechtigte Forderung der Sltrdie, daß sie den Unterricht m der Religion allem erteile, aber außerhalb der Schule, die eine Staalseinrichtung sei und bleiben müsse. Abg. Roellinger (Elsässer) steht der PoleninterpeNation sympathisch gegenüber. Es sei dock eine große Aehnlickkeit zwiscken den Polen und den Elsaß-Loihrmgern in tiefer Beziehung. Der Gebrauch der Multerspracke ist em uuverlengbares Menschenrecht. Von der schönen herrlichen Behandlung, welche die Elsaß-Lothringer während zweihundert Jahre von Frankreid) erfuhren, sollte Preußen etwas Innen. Wenn Preußen die Polen ebenso behandelt hätte, dann waren heute die Interpellationen nicht nötig gewesen. Abg. Jessen (Töne,: Tie vorliegende Frage interessiert uns um so mehr, weil man bei uns in Nordschleswig schon früher in ganz derselben Weise ans demselben Anlaß uns das Erziehimgs- recht genommen hat. Es kann uns nid)t verdacht werden, daß wir unserer Nationalität treu bleiben und an der angestammten Sprache festhalten. Wir verlassen uns daraus, daß der demsche Neiuistag gegen eine solche Fürsorge-Erziehung aus politischen Gründen ent- schieden Einspruch erheben wird. Ein Vertagimgsanlrag von Rechts wird fetzt angenommen. Morgen Juterpellcmou Speck betreffend Gerslenverzotstrng, des- gleichen betreffend Ausführung von Eisenerzen aus Sckiveden, drittens Forlsetzimg der eben abgebrochenen Debatte, endlich erste Lesung der Ä l g e c i r a s - B o r l a g e. Kolen-Interpelttttion im Reichstag. R. Berlin, 5. Dez. Ein ander Bild. Polnisches Milieu. Die Schulstreik- Jnierpellation der Polen und des Zentrums sind ebenso betemnt, wie Einzelheiten des „Kulturkampfs" in der Ostmark. Es handelt sich bei den Interpellationen zwar im Grunde um eine preußische Angelegenheit, aber das Bürg. Gesetzbuch bietet eine Handhabe für die Unterstellung, durch die Maßregeln der preußischen Regierung gegen die unbot- mäßigeu Molenkhrd.er fei ein Reichsgesetz verletzt, womit die Zuständigkeit des Reichspariaments konstruiert ist. Dies und staatsmännische Erwägungen verboten der Reichsregierung, die Beantwortung der Interpellationen abzulehnen. Es wäre von den polnischen Agitatoren als ein Zeichen von Schwäche hingestellt und dementsprechend ausgebeutet worden. Fürst Bülow lehnte es allerdings ab, persönlich die Beantwortung der Interpellation zu übernehmen, er Hatto den Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Nieberd in g mit seiner Vertretung beantragt und damit zugleich zu verstehen gegeben, daß die Neichsverwaltung sich nur auf die jurist ifche Seite der Sache einlaffen, die schub- politische aber der preußischen Regierung Vorbehalten wolle. Für die interpellierenden Parteien stand die letztere Seite natürlich im Vordergrund, speziell der „im göttlichen und menschlichen Necyt begründete" Anspruch der Polen auf religiöse Unterweisung ihrer Kinder in der Muttersprache. Wortführer der polnischen Fraktion war Abg. v. Jadzewski, der alte Kulturkämpfer, der des Zentrums Ab. Glowatzki, Erzpriester in Oberschlesien. Das Zentrum wollte wohl durch sein gesondertes Vorgehen und durch die Wahl dieses Redners den Oberschiebern polnischer Zunge, die der Zentrumsfahne untreu geworden find, kundtun, daß der; lc.iljolijch-deutichKlerus sich der polnischen Interessen ebenso sorglich a.mimmt, wie der polnische Klerus. Abg. Glowatzki tonnte freilich die Gegnerschaft des deutschen Klerus gegen die großpolnische Bewegung nicht mit Stillschweigen übergehen, und da rührten sich die Herren von der polnischen Fraktion sehr lebhaft. Beide Redner sprachen sonst von ihrem. Standpunkt aus sehr geschickt. Staatssekretär Dr. Nieberding entgegnete sehr ruhigen Tones und sehr — beruhigend. In der Frage der Fürsorge-Erziehung renitenter polnischer Kinder, wobei es sich übrigens nur um wenige Fälle handele, habe die preußische Negierung kein Reichsrecht verletzt, was sie grundsätzlich nicht tue. Es komme hier lediglich das Vormundscyasrsgericht in Betracht, gegen dessen Verfügungen den Betroffenen die Anrufung der höheren Instanz freistehe. Im übrigen habe die Reichsverwaltung das öffentliche Recht eines Einzel-, staates, nämlich das des preußischen Unterrichtsministe- riums, zu respektieren. Sie lehne es deshalb ab, sich ay der Diskussion über diesen Gegenstand zu beteiligen. Soweit also verlies die Sitzung ruhig. Bei der Besprechung der Interpellationen aber braa; die Leidenschaft d u rch. Namens der Konservativen, der Reichspartei und der Nationallllwralen machten die Abgg. von Norman n, v. Tiedemann und Büsing Kompetenz- bedenken geltend, was Bei dem letzteren Abgeordneten umsomehr überraschte, als er, der Mecklenburger, den Reichstag stets für kompetent hielt, wenn er politische Unzuträglichkeiten seines Heimatlandes vor breitester Oesf entlieh keit zur Sprache bringen wollte. Obendrein schlug Büsing, sonst ein liberaler Mann, so sch arsm ache- rische Töne an, daß er von der Linken tumul- tuarifch unterbrochen wurde, was den Vertretern der Rechten nicht passiert war, obwohl auch sie der preuß. Regierung geraten hatten, die Polen „fest anzufassen". Bebel ließ sich die günstige Gelegenheit zu einem scharfen Vorstoß gegen die Nationalliberalen nicht entgehen, zur unsäglichen Genugtuung der „Abwehrmehrheit" des Reichstags. Wäre Bebel in seiner Kritik der preußischen Polenpolitik, namentlich des „Kurses Studt", weniger weitschweifig gewesen, dann hatte er mehr Eindruck erzielt. Mit seiner Behauptung, die Preußen seien die schlecht e st en Zivilisatoren, sand er je* ooch starken Beifall. Am wirkungsvollsten sprach zweifellos Abg. Trager (fr. Vllsp.), der mit seinen Parteifreunden die polnische Interpellation unterschrieben hat, weshalb er seinen Patriotismus aber keineswegs für minderwertig erachtet. Mag auch durch die eine religiöse Frage in den Vordergrund stellenden Interpellationen im Grunde ein politischer Zweck angestrebt werden, die juristische Kontroverse Trwi gers gegen den Staatssekretär Dr. Nieberding, besonders in Sachen der Fürsorge-Erziehung, war im hohen Grade beachtenswert. Abg. Liebermann v. Sonnenberg rollte den Hintergrund des Nationalitätenkampses auf. Der Schulstreik sei ein Vorspiel zur polnischen Revolution, die Preuß. Regierung stehe auf der Wacht gegen das Slawentum und set berechtigt zu Ausnahme-Maßregeln. Der Humor kam auch bei dieser schwarzseherischen Darstellung zu seinem Recht, denn als eine der aus dem Polentum stammenden tüchtigen Persönlichkeiten wurde Herr v. Podbielski namhaft gemacht. Die Linien einer „verständigen" Polenpolitik zeichnete Abg. Goth ein (fr. Vg.), dessen Stimme frellich die des Predigers in der Wüste bleiben wird, denn er empfiehlt eine Politik der Versöhnung. Abg. Rö Hing er (Ers.) stellte der preuß. Regierung Frankreich als Muster hin für die politische Behandlung ,remdsprachiger Volksteile, und Abg. Han ß en reichte den Polen die „geknebelte" dänische Bruderhand. Das Interesse an der Debotte war erschöpft. Das Recht auf die Muttersprache blieb der Sieger des Tages im Reichsparlament. Z»ü0we/.asttkanijches. Berlin, 5. Dez. Die Budgetkommission begann die Beratung deS Nachtragsetats für Südwcstafrika. Dr. Spahn als Referent fordert Klarheit über die Notwendigkeit von weiteren Truppenstärken in Südweslasrika. Der Korreferent Dr. Paafche schließt sich diesem Wunsche an. ReichSschatzsekretär Frhr. v. Stengel erklärte die Einzelheiten der Ueberschreitungen nicht angeben zu können. Der leitende Truppenführer dürfe, wenn er vor die Entscheidung gestellt sei, im Felde nicht erst prüfen, ob die dadurch not- ^rndige Ausgabe etatsmäßig bewilligt sei oder nicht. Gouverneur v. Lindequist führt aus: Die Sammlung der zersprengten HereroS habe besonders dank der Mithülfe der Mission den Erfolg gehabt, daß sich rund 14 000, wahr- scheinlich sogar 16 000 gestellt hatten; die Sammelarbeit sei nahezu vollendet. Die HereroS hätten sämtliches Vieh in dem Aufstand verloren und müßten nun an geregelte Arbeit gewöhnt werden, da eS ausgeschloffen sei, sie dem früheren Nomaden-Hirtenlebcn wieder zuzuführen. Die HereroS hätten sich als gute Arbeiter erwiesen. Zwei größere Land- komplexe seien im Hererolande für die HereroS reserviert. Da seien versuchsweise eine Anzahl von HereroS angesiedelt worden, um festzustellen, ob sie ohne die jetzt noch gemachten Zuwendungen seitens des Gouvernements würden fortkommen können. In den Hereros rege sich immer wieder der Freiheitsdrang, deshalb kämen Entweichungen vor. Würde nicht eine ausreichende Bewachung vorhanden sein, so sei zu befürchten, daß die HereroS sich in größerer Anzahl in die Berge flüchten und dort Viehraub betreiben. Außerdem befänden sich der Oberhäuptling Kamaherero und einige der wichtigsten Großleute mit 300 bis 400 Mann am Wjamisee, also nicht weit von der deutschen Grenze. Ungeachtet der durchaus loyalen Haltung der Regierung von British-Bechuanaland sei cs nicht ausgeschloffen, daß diese Großlcute, die immer noch Einfluß bei den Hereros hätten, wieder die Grenze überschritten. Endlich seien in das Ovamboland, im Norden des Schutzgebietes, eine große Anzahl Hereros geflüchtet, darunter eine Anzahl Großleute. Ovambo sei im Besitze vieler Waffen und Munition, und eS sei unbedingt nötig und erforderlich, daß die im Norden vorhandenen beiden Stationen weiter stark besetzt bleiben. Im Süden seien dauernde Fortschritte in der Kriegführung erzielt worden; so habe sich der Stamm der Witboi-Hottentotten ergeben; Morenga sei in das engl. Gebiet gegangen. Trotzdem ständen noch etwa 3 0 0 Hotten- tottenbanden gegen uns im Felde, welche sich immer wieder auS dem englischen Gebiet ergänzten. Die Kapregienlng nehme eine durchaus loyale Haltung ein, doch laffe sich bei der Schwierigkeit der Grenzüberwachung dieser Zuzug nicht verhindern. Es sei hiernach das Verbleiben einer erheblichen Truppenmacht im Süden notwendig. Der Redner gibt darauf eine eingehende Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Schutzgebiete. Südwestafrika stehe als Land für Viehzucht keineswegs hinter weit entwickelteren Teilen von Britisch» Südafcika zurück; auch sonst bieten sich vielfach günstige Entwickelungsmöglichkeiten. Von den ehemaligen Schutztrupplern haben sich 971 als 'Ansiedler gemeldet, die zum Teil im Besitze von nicht unerheblichem Kapital seien. Landrat von Uslar habe an vielen Stellen Wasser gefunden. Für Kleinsiedelungen seien einige geeignete Gebiete bereitgestellt; die Aussichten für Kleinsiedelungen seien erheblich beffer als früher angenommen wurde. Korell in Worms. WormS, 4. Dez. Gestern abend sprach in einer Versammlung der Verein. Liberalen, die von etwa 1000 Personen besucht war, Pfarrer Korell über die Lage des Liberalismus im Reich und in Heffen. Er kennzeichnete in seinen zweistündigen Ausführungen die Stellung der freisinnigen Parteien zu den anderen Parteien, insbesondere den Nationalliberalen. U. a. führte er aus, daß die Konservativen nicht die einzigen Bauernfreunde seien. Der Bauernstand sei ein ganz unersetzlicher und unentbehrlicher Teil des deutschen Volkes, und was ihm nottue, müffe ihm bewilligt werden. Er denke nicht daran, ihn durch Freihandel zu ruinieren; ebensowenig falle es ihm ein, die indirekten Steuern zu verwerfen, nur bezüglich ihrer Verteilung habe er andere Wünsche. Zur hessischen Politik äußerte er nach der „W. 3tg/ u. a.: Hessen habe einen liberalen Fürsten und eine liberale Regierung, aber merkwürdigerweise keine liberale Majorität im Parlament. Keineswegs wolle er die nationalliberalen Abgeordneten der Kammer und ihre Wähler als Reaktionäre bezeichnen, das falle ihm nicht im Traume ein, denn da spielten mancherlei anonyme Kräfte mit. Der Redner besprach die Wahlrechtsvorlage, die Gemeinde- steuervorlage und übte scharfe Kritik an der Stellungnahme der Ersten Kammer. Leider habe sich im Falle Eißnert auch die Zweite Kammer auf die Seite des Oberhauses gestellt. Die Behauptung, daß durch die Bestätigung die reichstreuen Arbeiter und die Wähler im Offenbacher Kreise stutzig gemacht worden seien, widersprach er; er sei im Gegenteil der Meinung, daß gerade dadurch den Sozialdemokraten ein wichtiges Argument genommen worden wäre. Er verkenne keinen Augenblick die Fehler der Sozialdemokratie, die die gegenwärtige Staatsordnung in einer Weise bekämpfen, die nicht den Forderungen der politischen Gerechtigkeit entspreche. Auch daß sie in unserer wirtschaftlichen Ordnung weiter nichts als Ausbeutung und Unterdrückung sehe, sei eine Ungerechtigkeit; und wenn sie behaupte, die Vertretung der Gesamtheit des arbeitenden Volkes zu sein, so merke man davon sehr wenig; immerhin könne er aber die Sozialdemokratie unmöglich so bekämpfen, wie eS etwa ein Scharfmacher aus Ostelbien oder ein Kaplan täte, er bekämpfe sie so, wie es der Liberalismus verlange, mit Einbehaltung des Rechtsstandpunktes, in der unbedingten Treue gegen die Verfaffung. Die etwa zweistündige Rede wurde mit starkem Beifull ausgenommen. In der Diskussion gab Freiherr Heyl zu Herrnsheim zunächst seiner Freude Ausdruck über die sachlichen Ausführungen des Referenten. Er sehe nur Meinungs- vtrschiedcnheiten in der Wirtschaftspolitik und in dem Verhalten der Sozialdemokratie gegenüber, aber auch, was letzteres anbelangt, stehe er mit seinen Freunden im Reichstag und in der zweiten Kammer auf dem Standpunkt, den Pfarrer Korell bezeichnet hat. Nur in der Taktik unterscheide er sich von ihm, der trotz der Verurteilung der Sozialdemokratie für sie zu stimmen geneigt ist, während die Nationalliberalen prinzipielle Stellung zu nehmen bei den Wahlen entschlossen sind. In der weiteren Debatte legte Landtagsabg. Reinhart die Stellung der Kammer zum Falle Eißnert dar. In jener Sitzung haben die Sozialdemokraten menschlich gefühlt, indem sic die Glückwunschadrcsse an den Großherzog mitunterzeichneten, aber bald daraus siegte wieder ihre Doktrin, und sie verließen den Saal, um nicht in das Hoch auf den Großherzog einstimmen zu müssen. Redner ging dann weiter mit der Sozialdemokratie ins Gericht und hielt ihnen das Verhalten der Sozialisten in anderen Ländern vor Augen. — Pfarrer Korell hielt dann ein Schlußwort, das nicht ohne Eindruck blieb, um so mehr, als es den Anwesenden ein gewisses Entgegenkommen zeigte und mit einem Hoch auf das gemeinsame Vaterland schloß. Ans Stadt und Land. Gießen, den 6. Dezember 1906. •• Eine Sitzung des Provinzial-Ausschusses der Provinz Oberhessen findet am Mittwoch, den 12. d. Mts., vormittags 9 Uhr beginnend, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Wirtschaftsbetricb des Peter Waterkamp zu Gießen, Steinstr. 76; hier Antrag auf Konzessionsentziehung. 2. Heranziehung der Gemeinden zu den Kosten de§ Geländeerwerbs für die Nebenbahn Butzbach-Lich. " Vom Theaterbau. In der gestrigen Mitteilung über die Beteiligung an den neuerdings ausgeschriebenen Submissionen ist nach dem ersten Satz versehentlich folgendes ausgefallen: Acht Offerten für das Gestühl sind eingegangcn und zwar von Gebr. Thonet-Wien (Vertreter Aug. Oßmann- Gießen), Walter Hyan-Berlin, Th. Brück-Gießen (zwei Offerten für Hyan-Fabrikat und Gestühl von Jakob Joseph Kolm-Wien, Ferd. Nennstiel-Gießen als Vertreter von Jakob Joseph Kohn, Aktien-Möbel-Fabrik Wien, Ziegler u. Wanke, Möbelfabrik Darmstadt, Stuhlfabrik Alt-Mittweida und W. Peschlow-Berlin. Die vorliegenden Offerten bewegen sich zwischen 11 500—16 000 Mk., je nach der Ausführung und Güte der Fabrikate. ** DerHeilstättenvcreiu fü r dasGroßher- zo^tum Hessen hielt am 30. November seine ordentliche Mitgliederversammlung in Mainz ab. Nach eingehender Besichtigung der dermalen in Mainz befindlichen Tuberku lose-Ausstellung sand die Wahl des Landesausschusses statt. Tie seither dein Landesausschuß angehörenden Damen und Herren wurden fast sämtlich wiedergewählt. Auch die Wahl der Rechnungsrevisoren hatte die Wiederwahl der seitherigen Herren zum Ergebnis. Den Hauptpunkt bildete der Voranschlag für das Jahr 1907. Er sieht für die Eleonvrenheilstütte 13a 800 Mk. Einnahme und Ausgabe vor. Die Einnahme wird in der Hauptsache durch die Pflegegelder gebildet, während in der Ausgabe Gehälter, Kosten der Heizung, Wäscheergänzung und Na- turalverpslegung enthalten sind. Auch die H pothekenzinsen nehmen einen ansehnlichen Betrag in Anspruch. Weitere Ausgaben bilden Steuern und Abschreibungen re. Der seitherige Vorstand (Vorsitzender Geh. Negierungsrat Dr. Dietz- Darmstadt) wurde gleichfalls wiedergewählt. "Der deutsche Papagei. Folgende hübsche Geschichte lesen wir in der „Kl. Pr.": Ein Bauersmann aus dem Vogelsberg besuchte auf einer Nhcinreise einen Bekannten in einem rhcinhessischen Städtchen. In der Wohnung fiel ihm ein sehr gesprächiger Papagei auf. „Gelt/ sagte die Frau des Gastfreundes, „so Vögel habt ihr nit im Vogels- berg?" — „Doch/ erwiderte der Bauer, „in unserm Wald dabaam wachse aach so Viggel." — „So", sagte die Frau, „dann bringen Sie mir doch mal einen mit, wenn Sic wiederkommcn/ Nach einiger Zeit brachte der Bauer richtig einen Vogel, einen — Uhu. Der verhielt sich natürlich tiefsinnig und schweigsam im Käfig. „Ja/ sagte die Frau lachend, „spricht denn der auch?" — „Ei, spreche duht der nix/ erwiderte der Bauer, „der denkt sein Da al/ -i' Lieh, 5. Dez. Wegen Sittlichkeitsvergehens an einem 13jährigen Mädchen, wurde heute der Taglöhner K. in Untersuchungshaft genommen. K. hatte vor einigen Tagen versucht, sich in der Wetter zu ertränken, jedoch war das Wasser nicht tief genug, vielleicht auch zu naß und kalt, und so konnte er sich wieder an das Trockene retten. Die ihm zur Last gelegten Vergehen sollen seit einem Jahr erfolgt sein. O Niederkleen (Kr. Wetzlar), 5. Dez. Ein frecher Einbruchsdiebstahl wurde vorigen Freitag bei dem Landwirt Johannes Knorz hier begangen. Dessen Haus liegt direkt an den Gärten. Der Embrecher hat sich nun vom Garten aus durch ein Waschküchenfenster Eingang ver- chafft. Ein neuer Anzug, 1 Kistchen Zigarren und ungefähr 20 Mark Geld fielen ihm in die Hände. 600 Mark, die er jedoch nicht fand, lagen in einem Schubkasten in demselben Zimmer. z M ücke, 4. Dez. Heute Nacht wurde hier bei dem Gastwirt Reitz ein Einbruch ausgeführt. Ter Dieb hatte 'einen Weg von einem in dec Nähe befindlichen Neubau aus genommen; er hatte eine Fensterscheibe ausgebleit, das Fenster geöffnet und ist in das Gastzimmer eingedrungen. Alis der Tageskasse entnahm er sechs Mark und hieß dem- nach zwei Paar Schlihe und Eßwaren mitgehen. Die Polizei von Ruppertenrod wurde telephonisch benachrichtigt. Möglicher Weise steht der Diebstahl mit einem Fund zusamrnen, der dieser Tage unter einer Brücke bei Weickartshain geinacht wurde. Dort fand man ein Bündel ganz neue Weißwaren, bestehend aus Bettbezüge, Taschentücher rc. versteckt vor. Pfordt, 5. Dez. Unser Bürgermeister Johs. Schäfer feierte am 1. Dezember sein 25jährigeS Amtsjubiläum. Abends wurde der Jubilar von der Gemeinde durch ein Ständchen geehrt; der Gesangverein Pfordt brachte dabei das Lied „Gott grüße dich" zum Vortrage. Beigeordneter Ritz gab in einer Ansprache der Zufriedenheit der Gemeinde Aus- druck, widmete ihm ein Hoch und überreichte als Zeichen der Anerkennung und des Dankes schöne Geschenke (einen Sessel, eine Taschenuhr mit der Inschrift „Gewidmet für 25jährige treue Dienste von der Gemeinde Pfordt 1906", ein Schreibzeug unb eine Pfeife). Der Jubilar dankte mit herzlichen Worten für die Ehrung, betonte seine Freude über die hellte von der Gemeinde bewiesene Anerkennung seiner Wirksamkeit, schloß mit einem Hoch auf den Landesfürsten und lud dann alle zu einer geselligen Bereinigung bei Herrn Gastwirt Schaub ein. Im Laufe des Abends feierte Gemeinderat H. Goppel die Verdienste des Bürgermeisters und widmete ihm ein Doch. Der Jubilar ergriff nun das Wort zu einer längeren Rede, in der er besonders hervorhob, daß er heute wohl mit Recht und Stolz sagen dürfe, daß Pfordt eine der einigsten Gemeinden des Kreises sei; der ferneren Einigkeit der Gemeinde galt sein Hoch. Die Feier, verschönt dlirch Liederoorträge des Gesangvereins, nahm einen schönen Verlauf. Offenbach, 5. Dez'. Tic sozialdenrokratischen Stadtverordneten Ulrich, Orb und Falke, Mitglieder der Komnlission der Bürgermeisterwahl, haben ihre Reise nach Sachsen und Königsberg i. P. angetreten, um an Ort und Stelle über die in die engere Wahl gekommenen Kandidaten Erkundigungen einzuziehen. Einer davon, Bürgermeister Hokop in Großenhain, ist vor kurzem von der Kandidatur zurückgetreten. Er ist gestern nach zwanzigmonatiger Amtsdaller auf Lebenszeit zlim Bürgermeister von Großenhain gewählt worden. (Off. Ztg.) Mainz, 5. Dez. Die kath. Pfarrer von Mainz erlassen im Mainzer Journal einen Protest gegen den vom Schulvorstand gefaßten Beschluß, die Kruzifixe aus den Schulen zu entfernen. Sic erklären, dies verstoße gegen den auch der gemcinfmnen Schule gewährleisteten christlichen Charakter und bedeute eine beklagenswerte Unduldsamkeit gegen die Katholiken und eine tiefe Erschütterung konfessionellen Friedens. Vermachtes. " Brände. In Glasgow wurde ein großes Warenhaus durch Feuer zerstört. Der Schaden ist enorm. — Nach einem Telegramm aus Clift on wurde ein großer Teil der Stadt durch einen Dammbruch zerstört. 18 Personen sind dabei nm gekommen. 'König und Kronprinz von Portugal in Lebensgefahr. Nach einer Meldung auS Liffabon entgingen der König von Portugal sowie der Kronprinz bei einer Wildschweinjagd mit knapper Not dem Tode. Sie jagten mit einer Anzahl Herren in der Nähe von Arronches, als die gehetzten Eber plötzlich einen heftigen Angriff auf die Jäger machten. Des Königs Pferd roitrbe unter ihm getötet, der König selbst kam jedoch ohne Schaden davon. Auch der Kronprinz entging wie durch ein Wunder der Gefahr. Zwei Herren der Umgebung wurden ernstlich verwundet, drei Treiber getötet. * Kleine Tageschronik. Am 5. Dezember stürzte int Torvedobootsba^eu zu Kiel ein Matrose vom Linienschiff „Deutschland" ins Wasser. Einer seiner Kameraden sprang nach, um ihn zu reffen ; beide versanken jedoch in den Fluten unb ertranken. Die Leichen wurden bald danach von Tauchern geborgen. — In Mannheim ereignete sich ein gräuliches Unglück auf der Neckarbrücke, wo Arbeiter, nachdem ein Bogen eingesetzt war, mit der Beseitigung der Gerüste beschäktigt waren. Hierbei stürzten vier Arbeiter ab. Zwei fielen in den Neckar, die beiden anderen am ein Schiff. Von den letzteren beiden ist einer schwer verletzt, von den beidell anderen ist einer ertrunken, der zweite ins Wasser ge- iallene konnte gerettet werden. — Die Firma Krupp in Essen bewilligte sänitlichen Beamten eine Zuwendung in Hohe eines Monatsgehaltes. Diese Summe beträgt etwa 2 Millionen Mark. — Im Stadftheater zu Temesvar (Ungarn) enfsfand durch Umkallen mehrerer Kulissen eine große Panik. Mehrere Personell wurden im Gedränge mehr oder minder schwer verletzt. Die Vorstellung muhte abgebrochen werden. — InLondon wurde ein Deckoisizier I. Klasse, der mit der Leitung eines Teiles des Signalsfabes betraut war, und der gewisse besonders sekrete Signalbücher unter sich hatte, verhaftet. Ein an feinem Aul» belvahrlingsort vermißtes Signalbuch rourbe bei ihm gesunden. Der Verhaftete führte einen Revolver bei sich und leistete ver- zweitelten Wiberstand. GerlchtssaaL. T a r m st a d t, im Dezember. Ein int Grunde genommen recht müßiger Streit, der sogar literarische Fehden gezeitigt hat, schwebt schon längere Zeit bezüglich des rechtlichen Charakters der hiesigen städtischen Sparkasse. Tas Oberlandes-' gericht h.tt in höchstrichterl'cher Entscheidung. im vorigen Jahre ausgesprochen, daß die 1828 stistungsgemäß begründete Kasse als Gemeindeanstalt Rechtspersönlichkeit besitze und als öffentliche Sparkasse vom Ministerium anerkannt fei. Mit dieser Entscheidung gehen dad Justizministerium und das des Innern nicht einig; sie verlangen, daß gemäß Art. 2 des Sparkassengesetzes vom 8. August 1902 die Sparkasse sich statutarisch diesem Gesetze unterstelle. Falls dies nicht geschieht, soll die im Jahre 1903 deklarierte Anerkennung der Kasse, als öffentliche Sparkasse gemäß Art. 2 des genannten Gesetzes als irrtümlich erfolgt, zurückgenommen werden. Die Spätste wird sich nun wohl oder übel ügen müssen. Offenbar hat der Gesetzgeber, als er das Gesetz über die öffentlichen Sparkassen in Arbeit nahm, nicht daran gedacht, daß die Sparkasse in Darmstadt nach ihrer historischen Entwicklung schon so lange als juristische Person existiere, denn es hätte dann wohl näher gelegen, in einem neuen Gesetzentwurf aus'zusprcchen, daß die Kasse nicht unter das neue Gesetz falle. (Frkf. Ztg.) R. B. Darmstadt, 5. Dez. Wegen Meineids hatte sich heute der 1876 zu Gro ß--O st h e im geborene Schneidermeister Johann Josef Höfling zu verantworten. Er wohnt in Dieburg und hatte von der Firma Lehmann daselbst ein Fahrrad für 140 Mark bezogen, für das er Waren in Gegenrechnung liefern sollte. Er lieferte aber nur für 22 Mark und beschwor vor dem Amtsgericht in Dieburg, daß seine Schuld durch Gegen- rechnung beglichen sei. In ähnlicher Weise verfuhr er mit der Firma Lazarus Fuchs, der er 32 Mark schuldete. Da die Buch- ührung in den beiden Geschäften sehr mangelhaft war, wurde in der heutigen Verhandlung eine umfangreiche Beweisführung notwendig. Das Schwurgericht erkannte auf 2 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, auch das Recht, als Zeuge oder Sachverständiger zu fungieren, wird ihm auf Lebenszeit aberkannt. Wia verliere f w*e erlange ich meine Xii “1 VUmIIuLj ich meine körperliche Frische zurück, fragen Sie viele Menschen. Hierauf gibt der nachstehende Brief die beste Antwort. ...... Magdeburg, Kaiserstrnße 46, den 8. August rg. In einem Zeitraum non kaum 1/4 Jahr habe ich jetzt das 3. Paket begonnen, genieße täglich nur eine Mahlzeit mit Biosou-Bouillon, zum Frühstück oder als Vorsuppe des Mittags, war in einem sehr- großen nervösen unb allgemeinen körperlichen Schwachezustand verfallen, hoch Ihr Bioson Hat, trotz ber eigentlich mäßigen Au- wcudimg, meine Nervenirische unb Körperkrast schon nach kurzer Zeit hervorgerufen. — Meine Adern schienen von neuem Blut durchrieselt, Lebensdrang und neugeborener Lebensmut kamen in mich, die mich zu einem fast neuen Leben, als neuen Menschen erwachsen ließen. Ich werde daher bei keiner Gelegenheit unterlassen, Ihr Bioson als Vorzüglichstes zu empfehlen. Mit bestem Dank. Fr. Ch. verw. Schwäblein. Bioson ist in Apotheken, Drogerien usw. da? halbe Kilopaket zu drei Mark erhältlich. Jeder Arzt mirb auf Wunsch über die Vorzüglichkeit des Bioson acm Austunst erteilen. vermischtes» * Berlin, 5. Dez. Ein schweres Unglück hat sich heute Mittag in der Nähe des schlesischen Bahnhofes zugetragen. Dort fuhr ein Zug in eine Streckenarbeiter-Kolonne. Drei Arbeiter wurden getötet, einer schwer verletzt. Die Arbeitet konnten wegen Nebels den Zug nicht sehen und auch den Zugbeainten blieben die Arbeiter unsichtbar, bis der Zug in die Kolonne hiueingefahren war. — Der Raubmörder Rudolf Hennig ist heute durch den Scharfrichter Zietsch aus BreSlau auf den» Gefängnishofe der Strafanstalt Plötzensee hin gerichtet worden, womit die, gerade vor einem Zahr, am 4. Dezember v. I. an dem Kellner Giernoth verübte Untat ihre Sühne gefunden hat. \ Hennig zeigte bis zu seinem Todesgange keine Reue und legte kein Geständnis ab. In der letzten Nacht spielte er den wilden Mann. Er war für den Trost des Geistlichen unzugänglich. Nur mit Muhe gelang e§, ihn zum Nichtplatz zu bringen, wohin ihn die Gefängnlsbeaniten schleppen mußten. Als der erste Staatsanwalt von Potsdam, von Mendelssohn, das Urteil verlas, blickte Hennig limher, als ob er nicht wüßte, wer ihn zur Rtchtslätte gebracht hätte. BiS zum letzten Augenblick leugnete Hennig und sträubte sich gegen die Vollstreckung. Als das Urteil verlesen war und er zum Nichtptatz geführt wurde, verließ ihn die Kraft unb wie gebrochen mußten ihn die Gehilfen auf die Richtbank legen. »Kleine Tages ciironl! In Köln ist ein großes Haus, inmitten der Stadt gelegen, das 42 Jahre tätig verschlossen, mit vernagelter Tür und verschallen Fensterlt wie in «■iiii will ui ii'। imrr n~ ein Tornröscbenschloß dagestanden hat, von einem gerichtlichen Taxator nun geöffnet worden, da seine Besitzerin, eine Witwe Bogen in Worms, gestorben ist. Tas geheimnisvolle Haiis enthielt in den oberen Stockwerken eine gute und vollständige Einrichtung. Tie Erbin, eine m Berlin wohnende Schwester der Verstoibcnen, will das „Spuckhaus" seiner eigetitlichen Bestimmung wieder zugänglich machen und es verniieten. — Durch den Genuß verdorbener Wurst erkrankten iast sämtliche Mitglieder der Familie des Malermeisters Blnnck in Kiel. Tie Frait starb aii Der- giitung, die übrigen Erkrankten erholten sich und sind setzt auf; er Lebenege'ahr. — Wie aus Nom beruhtet wird, gedenkt der 8 4jährige Kammerpräsident Bioncheri sich mit einer Eousine seiner verstorbenen Frau wieder zu oerhcirateu. — In Eli'ton (Arizona) sind durch Ucberflutimg infolge Tamin- brnchcs 6 0 Menschen umgef otnmeii und große Schäden an Eigentum augcrichlet worben. Ter Geschäftsteil der Stadt ist zerstört. Tie Geleise der Arizona- und Mexiko-Eisenbahn sitid aus mehrere Meilen Länge iortgewült. — Die Sphinx. Bon scar Wilde. Deutsche Umdichtung von Felix Paul Greve. Brosch. 2.50 Mark. I. C. C. Bruns' Verlag, Müvwn i. W. — Dr. Karl Hagemann, der neue Intendant des Mannheimer Schauspielhauses, charakterisiert diese Dichtung mit folgenden Worten: Was hier vor unfern aufgewühlten Sinnen vorüberrauscht und sich bald an die subtilsten, bald an die intensivsten Reaktionen umercs Vor ullungsvermögens wendet, ist reinstes Prärasfaelitentum. Allein die „Salome" kommt in der Fülle und Maßlosigteir der Empfindungen und Betrachtungen und in der glutvollen Ueppigleck der Bilder an „Tie Sphinx" bis aus eine gewisse Strecke heran — an diese glanz> reiche Apotheose des Lebens und seiner Schönheit, seiner Freuden und E^nüsse, seiner Laster. Tenn ein heiges Wünschen und Wollen nach zwangloser Betätigung der menichlichen Triebe, eine blendende, überhitzte und damit fast schon krankhafte Erotik schlagt uns aus diesen Versen entgegen — was durch die beispiellose Bewältigung der sprachlichen Ausdrucks-Möglichkeiten nur um so eindringlicher auf _un5 niederfällt. Man hat hier wirklich vielfach das ganz bestimmte Gefühl, als wenn dem Dichter die Worte zur restlosen Darstellung seiner Empfindungen einmal ganz zu Willen gewesen seien. Und in diesem ^inne ist „Die Sphinx" eine poetische Tat, die kaum ihresgleichen I>aL Felix Paul Greve hat sich in dieser Umdichtung als glänzendeL Interpret Oscar Wildes erwiesen. üTöl rutlii rlirbrriüit der ([uörcuur ui i rr >:nöt \t cn 48. Woche. Vom 25. November bis 1. Dezember 1906. Einwohnerzahl: angenommen zu 29500 linkt. Itiuu Mann Uiilitär.) Sterblichkeitszisfer: 15,860 fi0, _ nach ^lbziig von 3 Lrtsireuiben: 10,57 Kinder Es ftarbeit an: Zusammen: Erwachsene: im vom 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr 1 1 i m i i i i im KD i i i i KD i(i) i i Tuberkulose d. Lungen „ d. Gehirns Lungenentzündung Herzerweiterung Schlaqfluß Epilepsie Nierenentzündung Rhachuis Toll. Körperverletzung 1 (11 _______ Summe 9 (3) 6(3, — 3 Anm.: Die m Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betrefienben Krankheit atü von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke iouuueu. 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