HS Die heutige Aummer umfafot 24 Leiten mal ein ausbewahrt. Tas Palmsonntagswort: „Sei getrost" gilt aber auch denen, die vom Mutterboden losgelost, der Bcu.erhamit waren sogar die Einnahmen der sozialdemokratischen Parteikasse übertroffen. Es wird der größten Opferwillig- kcit seitens d.r Liberalen bedürfen, um cn fü.anziellcr Lciftungs- föhigkeit nicht hinter den politischen Gegnern zurückzubleiben. Deutsches Reich. Berlin, 6. Aprcl. Der Bundesrat fiat in seiner gestrigen Sitzung die Diäten Vorlage nocy nicht ver - a b s d) i e d e t. Er wird sie aber voraussid)tlich in der ersten Plenarsitzung nach den Osterfeiertagen erledigen, sodaß der Reichstag bei seinem Wiederzusammentritt am 24. April sie bereits vorfinden dürfte. Bremerhaven, 6. April. Die Schlußbesichtigung des deutschen Schulschiffes „Gr 0 ßherz 0 g in Elisabeth" hat heute in Anwesenheit des Großherzogs von Oldenburg, der Bürgermeisters Backhausen-Bremen, des kommandierenden Generals des 9. Armeekorps v. Bock und Pollach, sowie von Vertretern des Hamburger und Lübecker Senats und der preußischen Regierungsbehörde stattgesunden. Der Großyerzvg sprach seine volle Zufriedenheit aus. An die Besichtigung schloß sich ein Festmahl an Bord des Schnelldampfers „Kaiser Wilhelm II." an. Hagen, 6. Apr. Bei der Landtagsersatzwahl für den Wahlkreis Hagen-Schwelm, wurden von 653 abgegebenen Stimmen sür den Kandidaten der Freis. Volkspartei, Ge- nossenschastsanwalt Tr. Hans C r ü g e r - Eharlottenburg 460 Stimmen und für den nationalliberalen Kandidaten Prof. M 01 d e n h a u e r - Köln 193 Stimmen abgegeben. Ersterer ist somit gewählt. L e i p z t g, 6. April. Reichsanwalt Dr. M e n g e s wurde zum SenatSpecisidenten beim Reichsgericht ernannt. Das Unglück von Courrivrcs und die französischen Ausstande. Lens, 6. April. Heute wurde eine Anzahl Leichen aus verschiedenen Gdkidüen heraufoefördert. Dieselben sind derart in Verwesung übergegangen, daß den Angehörigen nur gestattet wurde, einige Minuten bei den Lüchen zu verweilen. — In Sala u m i n e S dauert die Aufregung unter der Bevölkerung fort Die Truppen werden verhöhnt und müssen eine große Geduld an den Tag legen, um ernstere Zwischenfälle zu vermeiden. Ein zweites Pferd ist in der Grube vier lebendig aufgefunden loorbcu. Diese Tatsache hat die Gemüter der schon erregten Bevölkerung in noch größere Aufregung versetzt. Besonders die c rauen gebenden sich wie wahnsinnig und meinen, wenn noch lebende Pferde unten seien, müßten sich auch noch lebende Menschen in den Gruben befinden. Die Rettungsmannschaften sind von den Anstrengungen ganz erschöpft. Während dcS gestrigen Tages haben sie in den Gruben Über hundert Kiwmeter Entfernung Gänge abgesucht und mußten nach dem Wiederaufstieg sich einige Zett der Ruhe widmen. Gestern abend kam es in Billy Monligny wiederum zu hestigen Krawallen, da drei geborgene Opfer fortgebracht werden solttcn, ohne die AgnoS- zierm'.g durch die Verwandten abzuwarten. Der Staatsanwalt wirb gegen die Ingenieure bas Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung eröffnen. Die Zahl der im Kohlenrevier beS Pas de Calais streikenden Bergleute beziffert sich auf 47000. Der Ausstand ist in allen Gruben v0llstandig durchgesührt, ausgenommen in den Gruben von Brnay, wo die Arbeit fortgesetzt wird. Die Nacht ist ruhig verlaufen. 2er h;nte morgen unter Vorsitz Basltzs zusammengettetene K 0 n g r e ß der Delegierten der B e r g ar b e i t e r in den Kohlen- bcccen Anzin, Nord und Pas-de-E^ilaiS beschloß, an den Forderungen der Bergarbeiter s e st z u halt e n. Z'almjonnlag. ES gibt wohl kaum einen Sonntag im Kirchenjahre, der so weil)evoll, so stimniungsties, so von innigem Liede umklungen und von sinnigem Brauche umrankt ist, wie der Sonntag an der Schwelle der stillen Woche, der Sonntag der grünen Zionspalmen, der Sonntag, den die l-ess. Landeskirche tiefen Sinnes voU zum Bußtage bestimmt hat, zum Tage des Gewahrens der sittlichen Nöte unserer Zeit. Wir geleiten Jesus von Nazareth auf seinem letzten Einzuge m Zion; wir sehen die grüßenden Palmen, die bald zum Dornenlranze sich nxmbeln sollen; wir hören das jauchzende, vielstimmige Hosiannah, das binnen wenigen Tagen in das wüste „kreuzige" ausklingen wird; wir fühlen das krampfende Weh des Herzen künd igers nach, der schon in den Palmblättchen die Stacheln der Dornkrone voraus empfindet und aus den Grüßen die Tagesförderung heraus hört. Es webt ein eigenes, zur Buße mahnendes Weh uni die Geschichte des ersten Palmsonntags. Sie sührl und auf die höchsten Höhen der Heilsentwicklung und in die tiefsten Geheimnisse des Hei.lspl.anes hinein. Zion — Gethsemaneh — Golgatha, — welche erschütternde Entwicklung ! Von den lichten Höhen des Triumphes durch düstere Seelenkämpse zur grausen Todesstunde! Mußte es so sein? Mußte dem sonnigen Zionssonntage der wollenverhaugeue Karfreitag von Golgatha folgen? Warum mußte der Palmen- umgrüßte, Jubelumbrauste die sd>merzende Kroue der Dornen tragen ? Warum mußte der, bem sie die Kleider aus den Weg breiteten, am Holze des Fluches hangen? So alt diese Fragen sind, sie werden immer wieder laut, wenn über das lenzharrende, lebens sehn süchtige Land hin die Palms onntagsg locken klingen. Und es tut unserm in 5^aft und Unrast sich selbst aufreibenden und schier vcTnid> tenben, im lärmenden Kampfe um die Sondcrinteressen, der Berufe wütenden und genußvollem Trubel sich betäubendem Gesd-iechte gut und not, daß es sich am Bußtage in die heilige Stille sold-er Ewigkeitsgedanken zw- rückzieht und versenkt. Das Alltagsgetrieve mit allen seinen vielen allzu aufdringlichen Nichtigkeiten, in der großen internationalen Politik, wie in den Angelegenheiten der Staaten und Städte, die daraus erwachsenden zermürbenden Kämpfe madjen die Augen der Seele blöd und blind, die Herzen stumpf und siech, den Menschen zur Ziffer, zum Maschinenrade. Wir besinnen uns auf uns selber, wenn wir uns wieder in die Geheimnisse des Erlüsungsgeoankens Vertiefen. Und es ist uns, unserer Zeit und unserer Zu- tunjt recht dienlich, daß wir soeben erst an einem ganz besonderen Weltexempel, bei(en Schlußakte sich nach banaern Kriegsgeheul in einem obskuren Küstenstädtcheu der spa-- uischen Halbinsel Jdjieblid) friedlich ab spielten, recht klar gesehen haben, wie nein und nichtig die ausgebauschten und aufgeblasenen sogen, „großen" politischen Zeitfragen und Zeitsorgen sind. Was damals jedoch am ersten Palmsonntag vorbereitet und am Karfreitag erfüllt ward, ist unvergeß- lid) wirksam trotz seines Geschehens vor nahezu zwei Jahrtausenden. Auf eine höhere Worte führt uns die stille Woche — hock) hinauf über die Kleinkriege einer kleinen Zeit. Unser Maßstab wird anders; unsere Llugen werden schärfer, wir sehen durch die ausgeputzte Schale in den Kern hinein; unsere Ohren werden geöffnet, wir hören unfern eigenen Herzschlag und den l^erzschlag der Zeit. Und mandjed ftolAe unb dock) der Stille bedürftige, unruhige und doch müde Herz sehnt sich, bewußt 00er unbewußt, nach Erlösung, die die Last ihm nimmt und Rast ihm bringt, die den Bußfertigen entsühnt und zum Frieden führt, die Gott, das Q)utc, allein im Herzen lebendig und wirksain macht. Hosiannah! Sei gegrüßt! So klingt es in wenigen Wochen taufcnbftimmig von den Lippen der Knaben und Mägdlein, die am Altäre, umwebt von den innerlichst empfundenen, heiß zitternden Segenswünschen und Hoffnungen, den reinsten und höchsten Gedanken treu sorgender Väter und bangender Mütter, das Gelübde der Gottestreue, der unwandelbaren Treue zum Guten ablegen. Wie selten wird der rechte Ernst ganz enrpfuuden; wie oft ist die Weihe verHungen unb verblichen, ehe die Feierstunde vorüber ist! Fi.r wie viele ist die weihevoll poesiereick)e Symbolik der Christenlehre nur leere Form und nichtiger Sd)ein, unverstandener, im geheimen verspotteter Brauch! Wie viele stehen stumm und stumps in bemitleidensiverter Mchtern- l)cit und Phantasielosigkeit beim Einzuge des Zionssürsten, wie viele haben sck)on in ihrem Herzen und in ihrem Tun die Palmen zur Dornenkrone gewandelt! Wie wenige fassen und halten die Mahnung in ihrer ganzen Tiefe, die ihnen aus treuer Eltern, Lchrer und Seelsorger Munde entgegen yingt: „Sei getreu bis in den Tod! e-et getreu dir selbst, laß dich nicht 3um Zerröilde, zur Schablone machen,, wehre dich gegen die Verflachung und wahre dich vor der Leräffnng, sorge, daß deines Gewissens Stimme nicl>t übertäubt und überdröhnt wird von dem Lärmen des Marktes und^von dem betörenden Schmeiäielklange süßlockender Verführung! Sei getreu dem deutschen Wesen, laß das reine Geschmeide deutscher Keuschheit nicht beschmutzen, laß dir reicht von gierigen Fingern lügender Lust deine Krane rauben, halte fest an der Wahrheit, die allein die Seele lebendig und das 5)erz stark erljält, an der Reinheit, ohne die alle Jugend greisenhaft, alle Blüte welk, alle Kraft brüchig wird! Behalte Heb deine Heimat, die dir den Wurzel- bodeii gegeben hat, die deines Wesens Mark und Präge ist, und von der du, bleibst du dir selber treu, dich nicht lösest; tust du es doch, so gibst du dich selbst auf. Dann aber verlierst du leicht, wenn auch nicht immer, wie du daS jedoch an manchem begabten Landsmann?, der seiner Heimat untren wurde, beobachten kannst, dein Bestes, deine Eigenart und stärkste SchassenS- traft Sei getreu deinen Eltern, die dich auf bebenden Herzen getragen haben, die dich mit tiefem Weh und wunder Seele hinausziehen lassen müssen ins Leben, deren innige Fürbitten und heiße Wünsche dich auf deinen Pfaden wie eine lichte Wolke geleiten! Sei getreu deinem Gotte, dem Guten in dir, das allein deinem jungen Leben Richtung und Ziel gibt, daS deine schwache Jugend hütet, das dich trägt und führt und schirmt." Sei getreu! Mit zitternden Lippen, mit tränenerstickter Stimme kverden diese Leit- und Liebes-, diese Mahn- und Warnworte gesprod)en. Der Palmsonntag ist als der erste Tug nad) beendeter Schulzeit, als der erste Tag der ersten unsicheren selbständigen Sd)ritte ins feind- lidje Leben, sür viele ein wehmutsreicher Erinnerungstag, ein Tag tiefen Trennungswehes und heißen Heimwehs für viele arme, einfame, dem Vatcrhause ferne Mensd)enkindcr. Wie manche Mutter sucht heute den fernen, den saft fremd gewordenen Sohn sehnend und weinend mit der Seele! Auch für sie bat der Palmsonntag ein lindes, tröstendes, aufrichtendes Wort: Sei getrost! Wie die Sonne mit deinem Kinde geht, so geht auch leuck)tend mit ihm das Gute, das du in seine Seele legtest. Steine Ferne ist so weit, keine Irre so tief, daß nickft der guten Eltern und guten Kinder herzliche Gedanken einander begegneten. Sie vermögen einander im dunkelsten Winkel zu finden. Irrende aus dem Elenb zu retten und wieder heim zu fuhren zum Guten. Wie manches Kind, das in der Ferne sich verlor und an des Abgrunds Rande taumelte, hat inbrünstiges Gedenken und Erinnern der Eltern zum Guten zuruckgefuhrt. Und mand)- Nr. 83 Erstes Blatt ISO.Jahrgang Samstag 7.Aprill90« ’Ä sÄ* O © monalllch7bP^ se tnl PKPit pr zl IttM itpr Woche ve,gelegt. ¥? O •>'£ Li tJ Jr M W V•:. Kj L'L L'ti VX «1 Annahme von Anzeige« RoialionSdrnck iu Der- M ■ 9L ■ ■ WH die Laqesmmnner MÄL'S v 11V > W■ V ■ VW> JSSJÄ bnideret. R. Sange. Att AyAT * auswärts SO Big. Redattwn. frroebttUm ^51161(11 5 PerontmortHd) unb Druckerei: v ben poliL unb allaem. siss Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW Anzeiger Vießeu. ** 1 Kr zeiaeuteil: Hans Beck. ■ fr’ । >X L ■l^fr ■ ■ Ifel äVL <(.1 iw SMWr WohmOchiveis Gießtll. Gartenstratze 2, Ztuimer Rr. 2. (Gefchästsstunden von 8—1 und von 3—6 Uhr.) 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