Nr. 261 Erscheint fflflltJ) außer SonniaqS. Dem (Shcfeenei Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Kamillen- blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Bering der Brüh l'schen llmoers.-Buch-n. Stern- bruderet. R. Lange. Redaktion, (SrrebUiow und Druckerei: 156. Jahrgang Erstes Blatt General-Anzeiger Dienstag 6. November 1906 9 L X Bezugspreis: monailich7bP!., viertel« lährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monaillcb Go Ps>; durch diePost Alk. 2.—viertel« fährt. ariSschl. Bestellg, Annahme von Anzeigen sür bie TaqeSnunnnet bis vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 13Pf^ auswärlS 20 Pig. Verantwortlich tü« den poltt und allgem. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen Schul st ratze 7. Redaktion 112 Verlag u.Exped. e^Söl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Teil: P./Wittko: füt »Stadt uub 2anb* und ,(Send)l§jaal*: Ernst Hetz; für den Anzeigenteil: HanS Beck. Are ljeutige Dummer umfaßt 8 Setten. Kiu DrciKaiserbündnis? Gestern meldeten wir, daß in Petersburger diplomatischen Kreisen die Gerüchte von dem bevorstehenden Abschlüsse eines Dreikaiser-BündnisseS bestätigt würden. ' Heute wird uns dazu auS Wien geschrieben: Bereits vor einem Lustrum, als Baron Aehrenthal mit der diplomatischen Vertretung Oesterreich-Ungarns am Petersburger Hose betraut wurde, sprach man m Wiener politischen Zirkeln allgemein davon, daß dieser äußerst geschickte und sehr begabte Staatsmann das Ziel im Auge habe, den Dreibund durch die Wiedcrherstellimg der heiligen Allianz zu ersetzen. Schon damals war es in eingcweihten Zirkeln kein Geheimnis, daß der Petersburger Posten sür Baron Aehrenthal nur ein Interregnum bebente zu dem Zwecke, die maßgebenden Kreise Niißlands für die Idee des Dreikalserbündnrsses zu gewinnen, dessen definitiven Abschluß sodann der Botschafter als Nachfolger Goluchoivskis vollziehen solle. In der Tat ist es auch diesem Diplomaten gelungen, die Beziehungen zwischen Wien und Petersburg außerordentlich freundschaftlich zu gestalten, und das Mürz st eg er Programm war vorwiegend sein Werk. Die Tragweite dieser Abmachungen ist wesentlich höher, als in der Oeffcnt- lichkeit gemeiniglich angenommen wird, denn die wichtigsten Punkte des Mürzsteger Programms sind nicht bekanntgegeben worden. Die gegenseitigen Vereinbarungen, den Status quo ante auf der Balkan-Halbinsel aufrecht zu erhalten, können in Wirklichkeit nur als ein Dekorationsstück bezeichnet werden, um den Kernpunkt der Verständigung zu verschleiern. 9lut soviel kann mitgeteilt werden, daß die zuverlässige Rücken - deckilng, welche die habsburgische Monarchie dem russischen Nachbar während seines Krieges mit Japan gewährte, mit gleicher Münze zurückgezahlt werden würde, wenn Oesterreich- Üngarn an seiner südwestlichen Grenze bedroht werden sollte. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß man m Berlin von diesen Vereinbarungen auf daS Genaueste unterrichtet wurde und selbstverständlich dagegen nichts einzuwenden hatte. Ta nach anfänglicher Entfremdung Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus sich miteinander befreundet haben und zwischen den Hohenzollern und Romanows das alte traditionelle Freundschaftsverhältnis wiederhergestellt wurde, so würden sich der Nestailrierung der heiligen Allianz persönlich-dynastische Hindernisse nicht in den Weg stellen, sondern die trennenden Momente könnten höchstens politischer Statur sein. Nun wird man aber vergeblich nach Reibungsflächen zivischen Deutschland und Rußland suchen, und ebensowenig bildet der Orient mehr einen Zankapfel zwischen Oesterreich und Rußland. Man wird heute vergeblich auf der Balkan- Landkarte nach einem Fleckchen Erde suchen, nach welchein Rußland lüstern sein könnte, und der panslavistlsche Traum, auf der Aja Sofia das heilige Doppelkreiiz aufzupflanzen, mußte mit dem Augenblicke der brutalen Wirklichkeit weichen, wo sich selbständige aufstrebende christliche Staaten, wie Ru- mänien und Bulgarien gleich einem Keil zwischen Rußland und der europäischen Türkei hineinschöben. Andererseits faun Oesterreich die Hand nach Saloniki nicht eher ausstrecken, bevor es Serbien, Montenegro und Albanien erobert hat. Ein solcher Krieg aber würde der habsburgischen Monarchie ungeheure Opfer kosten, abgesehen davon, daß ihr Italien und Rußland in den Arm fielen. AuS diesen Erwägungen heraus entstand das Mürzsteger Programm. Unter solchen Verhältnissen liegt also der Gedanke eines Dreikaiserbündnisses sozusagen in der Luft, und es kommt Kaiser Wilhelm II. und die Byzantiner von Graf E. Reventlow. Preis 3 Mk. München, I. E. Lehmanns Verlag. Blüte edelsten Gemütes ist die Rücksicht, doch zuzeiten sind erfrischend wie Gewitter gold'ne Rücksichtslosigkeiten. Diese Verse Storms hätte man diesem Buche vorsetzen Tonnen. Das Buch war, wie der Verfasser in der Vorrede sagt, nahezu fertig gedruckt, als die Hohenloheschen Lebenserinnerungen erschienen. Reventlow schildert zuerst das Wesen des Byzantinismus, um dann zu der Person und dem Charakter des Kaisers überzugehen. Tie glänzende Begabung des Kaisers und sein unermüdliches Streben für des Reiches Wohlfahrt zu sorgen, wird rückhaltlos anerkannt, aber es wird auch auf Gefahren hingewiesen, b;te aus andern seiner Eigenschasten hervorgehen. Ein paar Staatsmänner, die es zwar trefflich verstehen, den Weihrauchkessel zu schwingen, im übrigen aber ihrem Vaterland schlechte Dienste erweisen, werden über ihre Porträtierung wenig erbaut sein. Sollte diese scharfe Kritik einen Wechsel in einem Botschasterposten zur Folge haben, so kann das deutsche Reich sicy nur gratulieren. Der Byzantinismus der Presse — im allgemeinen wird ihr ein gutes Zeugnis ausgestellt — wird in ihren typischsten Vertretern, den Schertschen Blättern, drastisch vorgesuhrt. Die Kritik des Gescherls wäre, wenn die Sache nicht bitter emft wäre, höchst ergötzlich, lieber Kunst und Literatur, Feste und Sitten ist manch treffendes Wort gesagt und zumal aus der Schulbücherliteratur sind Proben gegeben, die zeigen, in welcher Weise von Knechtsseelen versucht wird, der Fugend byzant.ursche Gesinnungen einzuimpfen. Wir hätten diese Proben emfach für unmöglich gehalten; leider müssen wir sehen, daß außer Köpenick noch vieles in Preußen möglich ist. — Graf dleventlaw besitzt zweifellos eine scharfe Beobachtungsgabe; mag er in manchem Lu weit neben, jo noch hinzu, daß für seine Realisierung sehr gewichtige innerpolitische Gründe sprechen. Rußland, Deutschland und Oesterreich-Ungarn sind bekanntlich die drei konservativsten Großmächte Europas, aber sie werden in ihren Grundlagen durch revolutionäre Elemente bedroht. Tie aufrührerische Bewegung in Rußland, die drei Millionen roter Stimmzettel in Deutschland, die Unabhängigkcitsbestrebungen der Magyaren in Verbindung mit der Wahlreform in Oesterreich, wodurch die dortige Sozialdemokratie unzweifelhaft erstarken wird — alle diese Erscheinungen drängen förmlich zu einem engen Zusammenschluß der drei Kay'ermächte. Endlich ist noch in Betracht zu ziehen, daß die österreichischen Slaven sich zu dem deutsch-österreichischen Bündnis unbedingt freundlicher stellen würden, wenn gleichzeitig die Allianz mit Rußland bestände, und wie,die rebellischen Magyaren 1849 mit Hilfe der russischen Waffen besiegt mürben, so könnten sie jetzt wieder mit Unterstützung Rußlands moralisch niedergehalten werden. Daß endlich das Treikaiserbündnis mit seiner gewaltigen Waffenmacht den dominierenden Faktor in der Weltpolitik bilden würde, braucht wohl nicht besonders bemerkt zu werden. Man erzählt sich in hiesigen diplomatischen Kreisen, daß die Berufung Aehrenthals vornehmlich auf den Erzherzog Franz Ferdinand zurückzuführen ist, zu dessen politischen Vertrauensmännern er gehört. Damit hat aber auch der Erbe von Habsburgs Kronen den deutlichsten Beweis geliefert, wie sehr ihm daran gelegen ist, das den t sch - ö st erreicht sch e Bündnis intakt zu erhalten. Hoffentlich findet Baron Aehrenthal mit seinen politischen Plänen ein offenes Ohr in Berlin, schon weil das Drcikaiserbündnis daS einzige Mittel darstellt, die deutsch-österreichische Allianz zu sichern. Denn andernfalls würde die habsburgische Monarchie infolge des politischen Uebergewichtes, welches sich Ungarn über die österreichische Reichshälste errungen hat, langsam aber sicher ins englisch-französische Lager hmüber gedrängt werden. Die jüngsten Verbrüderungen zwischen Apponyi, Kossuth und Genossen mit Franzosen und Engländern lassen keine Zweifel mehr darüber offen, daß die Magyaren lieber heute als morgen den österreichisch-deutschen Allianzvertrag zerfetzen würden. Die Berufung Aehrenthals bedeutet noch einen Sieg des deutsch-österreichischen Bündnisgedankens, aber nur einen Pyrrhus-Sieg, wenn er nicht das Dreikaiserbündnis zur Folge hat. So liegen die Dinge in Wirklichkeit. Die offiziösen Blätter melden, daß die Besprechungen Aehrenthals mit dem italienischen Botschafter in Wien, dem Herzog von Avarna, die österreichisch-italienischen Beziehungen und damit den Dreibund neu gefestigt hätten. Das wollen wir auch hoffen, obwohl Zweifel nur allzu berechtigt sind. * In einem offiziösen Berliner Telegramm erklärt dagegen heute die „Wln. Ztg."r Bei ruhiger Ueberlegung sollte man sich sagen, daß eben erst sowohl R u ß l a n d wie F r aii k r e i ch deutlich genug zu erkennen gegeben haben, daß sie auf die F’-orrbauer des Bündnisses bedeutenden Wert legen. Das Dreikais er bündnis würde also unter diesen Umständen nur denkbar sein mit Frankreich als Sßiertcm im Bunde. Da das augenblicklich unwahrscheinlich ist, so kennzeichnen sicb die Gerüchte vom Drcikayer- bündnis als leere Redereien. poletifcbc Sagesscharr. Schulreformen. Tie Sachsen bewähren wieder einmal den Ruf ihrer „Helligkeit", beim ihr Kultusministerium erließ, wie wir gestern infolge Raummangels nur kurz mitteilen konnten, eine neue Verorbnung über bie Reform des Schulunterrichtes, enthält das Werk auch viel Treffendes, dem man unbedingt | zuslimmen kann. „Speziell der Stand der Bürgermeister hat sich innerhalb der letzten Jahre eine Unterwürfigkeit! des Ausdrucks angeeignet, die felbst bei uns unangenehm auffällt, mit ihm halten nur deutsche Botschafter einen Vergleich aus. Auch Pfarrer lassen sich, mag der Kaiser zugegen sein ober nicht, zu den größten byzantinischen Geschmacklosigkeiten hinreißen, während das Offizierkorps sich noch immer vorteilhaft abhebt." Die letztere Beobachtung ist noch bei den letzten Kaisermanövern durch Tatsachen bestätigt worden. Dieser kurze Einblick in den kritischen Inhalt des inhaltreichen Buches mag genügen, um zu zeigen, was hier geboten wird. Das Positive, und darin besteht in unseren Augen der Wert des Buches, beruht darin, daß der Verfasser zeigt, wie Kaiser Wilhelm beeinflußt werden kann oder tonnte, wenn seine Berater und seine Umgebung sowie die gesamte Presse und das ganze Volk zielbewußt dem Byzantinismus mit Entschiedenheit entgegentreten. Dem Verfasser, der ein Vorkämpfer der Flottenvergrößerung ist, war es sicher nicht leicht, dieses Buch zu schreiben. Der Umstand, daß das Buch in einem Verlag erscheint, der seine Kraft schon wiederholt in den Dienst der nationalen Sache stellte, gibt auch in dieser Richtung die Sicherheit, daß es sich hier nicht um em Sensationsbuch, sondern um ein ernstes Werk handelt, das das Beste will, und auch den Mut hat, nach oben und unten, nach rechts und linis die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie nicht gern gehört wird. Münch en, 5. Nov. Ter Kunstmaler Professor Edmund Harburger ist gestorben. (Harburger, geb. 6. April 1846 zu Eichstätt, hat leider nur ein Alter von 60 Jahren erreicht. Als Zeichner )ur uic „Fl. Bl." begründete er feinen Ruf. Aber auch als Maler schuf er sich uieie Freunde und Verehrer durch eine Reihe prächtiger urwüchsiger Gestalten welche in der Hauptsache darauf abzielt, bie Unterrichtsstunden in Deutsch zu vermehren, die Pausen zu verlängern und bie Schuljugend durch Turnübungen, Sport und Ausflüge körperlich zu kräftigen. Es scheint also, daß nach und nach bie Erkenntnis heraufzudämmern beginnt, wie veraltet unser Schulunterricht im Verhältnis zu ben Anforderungen der Gegenwart geworden ist. Wie vielen, die ihr Gymnasium absolviert haben und im öffentlichen Leben eine Stelle einnehmen, zeigt sich eine öde Büchergelehrsamkeit nicht fortwährend schädlich und hemmend, wer i|t nicht heute noch empört darüber, daß er sich das Gehirn mit zahllosen Wissensstoffen vollstopfen mußte, den er vielfach zu vergessen sich emsig bemühen mußte, um sein Fortkommen finden zu können. Vor allem ist es bie maßlose lieber« schätzung des BilbungSwerteS der alten Sprachen, von der viele nicht abzubringen sind, wogegen der Unterricht im Deutschen heute wohl kaum minder als vor einem Viertel« jahrhunbert in den Gymnasien in einer Weise vernachlässigt wirb, daß gar viele Fachgelehrte nicht imstande sind, flüssig und stilistisch einwandfrei zu schreiben. Wie viele dicke und selbst wissenschaftlich wertvolle Werke legen von diesem Mangel Zeugnis ab. Und auch die körperliche Ausbildung unserer „höheren* Schuljugend läßt immer noch viel zu wünschen übrig; unser Kaiser hat diesen Uebelstand wiederholt bitter beklagt. Hoffen wir also, daß daS Beispiel Sachsens die Initiative gibt zu einer gründlichen Reform des Schulunterrichtes in allen deutschen Landen! Todesstrafe. Am Sonntag sprachen in Berlin gegen bie Todesstrafe Fräulein Dr. jur. Anita AugSpurg und der Schriftsteller Dr. Bruno Wille in einer öffentlichen Versammlung. Frl. Dr. Augspurg sprach von der Todesstrafe als Strafe für vorsätzliche und bedachte Tötung eines Menschen und zog den Vorgang des Staates als strafenden Organes zum Vergleich heran, dessen Tätigkeit sich, an diesen Merkmalen gemessen, in nichts von der des bestraften Mörders unterscheidet. Der Staat zwingt seine Richter, den Mord zu veranlassen, und seine Nachrichter, ihn auszuführen. Ferner hob die Rednerin hervor, daß die Strafe niemals gerecht sein könne, weil kein menschlicher Geist alle Faktoren ermessen könne, die zur Verübung des Verbrechens geführt haben. Darmn dürfe man nicht an Leib und Leben strafen, sondern nur diejenigen Menschen, die sich den Gesetzen der bestehenden Gesellschaft nicht fügen wollen, einfach aus der Gesellschaft ausschließen. Dies soll durch Deportation nach human organisierten Strafkolonien am besten bewerkstelligt werden. lieber Thronfolger-Erziehung schreibt Oberstleutnant von Wartenberg im Novemberheft des Türmers (Verlag von Greiner u. Pfeiffer in Stuttgart). Nichts ist dem angehenden Herrscher, schließt ec seine interessanten Betrachtungen, notwendiger als ein objektiver, sein demnächstiges königliches Amt niemals aus den Augen verlierender Geschichtsunterricht. An diesem fehlt es aber fast immer. Wer berufen ist, über das Schicksal vieler Millionen mitzuentscheiden, im Mittelpunkte eines ganzen Volkes und gleichzeitig über ihm steht, dessen Pflichten reichen ins schier Unermeßliche. Wo fänden wir den Monarchen, der nicht zuerst an die Dynastie, will sagen an sich und sein Haus dächte! Die Zukunft des Hauses Brandenburg spielte in den politischen Erwägungen auch Friedrichs II. eine große Rolle. Vorwiegend nach den Interessen der Dynastie fragte selbst der alte Kaiser Wilhelm vor allen Entscheidungen von Wichtigkeit. Viel zu wenig werden die HTTin-ll |~auS dem bayr. Dauernwirtshäusern. Seine Kunst erinnerte in etwas an die des großen Niederländers Brouwer. D. Red.) |— Am 4. d. M. starb hier der Maler Josef Flüggen (geb. 3. April 1842). — Einer weiteren Mitteilung zufolge ist der norwegische Maler Fritz Thaulow am 5. d. M. in Volendam m Holland gestorben. — Krauß, Dr. N., „Tas Schauspielbuch". Ein Führer durch den modernen Theaterspielplan. Preis geb. 3 Mk. Stuttgart 1906. Muthsche Verlagshandlung. — Der Verfasser bietet in diesem schmucken Bande eine Auslese aus der neueren und neuesten Literatur in Form von knappen Inhaltsangaben der gangbarsten Theaterstücke. Er hat eine kritische Rundschau auf das moderne Schauspiel — annähernd die Zeit von 1870 bis zur Gegenwart — beschränkt. Das war schon durch die ungeheure Steigerung der modernen dramatischen Produktion geboten. Die Bühnendichter sind alphabetisch — von d'Annunzio bis Wildenbruch — geordnet. Jeder einzelne erhätt oft mit wenigen Strichen eine Charakteristik, jedes Drama wird in kritische Beleuchtung gerückt. Außer unserer deutschen Bühnenliteratur ist auch das Ausland, soweit es aus unserer Bühne heimisch geworden ist, vertreten. So Brieux, Echegaray, Gortt, Herjermans, Maeterlinck usw. Ten breitesten Raum nimmt neben Hauptmann und Sudermann Ibsen ein. Naturgemäß hat der Verfasser die Gestalten der einzelnen Dichter, wie ihre Dramen subjektiv geschaut, aber trotz manchen scharfen Urteils wird er den Verdiensten der verschiedenen literarischen Richtungen meist gerecht. Verfolgt das Buch auch zunächst den mehr praktischen Zweck, beim Theaterbesuch Führer und Berater zu sein, so ist es andererseits auch ats literarische Arbeit zur Einführung in das moderne Drama beachtenswert. angehenden Herrscher auf die ihnen spater obliegenden Pflichten gegen diejenigen, über die sie herrschen sollen, und auch darauf aufmerksam gemacht, wie sehr sie sich im eigenen Lichte stehen werden, wenn sie es an der gewissenhaftesten Erfüllung dieser Pflichten fehlen lassen. Und daß wäre doch um so nachdrücklicher zu betonen, als der zukünftige Monarch, noch bevor er aus der Wiege genommen wird, Gegenstand von Huldigungen ist, die ihm bezeugen, daß er nur Rechte hat und als geborener König ohne weiteres den Aufgaben seines späteren Amtes gewachsen sein wird. Not tut somit auch in der konstitutionellen Monarchie den Negierten vor allem als Geschichtslehrer des Thronfolgers ein aufrechter Mann, der ihm nicht nur daS sagt, was er gern hören mochte, sondern namentlich auch das, was er hören muß. Wo ein solcher Mann zur Stelle ist, bedarf es zur gründlichen Vorbereitung des zukünftigen Herrschers auf sein Amt nicht einmal der Anweisung des regierenden Herrn. Er selber, der Thronfolger, wird schon auf sie dringen. Denn die Geschichte lehrt ihn, daß die Schmeichler lügen, die ihm einreden, die Erben einer Krone kämen bereits als fertige Regenten auf die Welt, daß seinem Regierungsantritt vielmehr harte und ernste Arbeit voraufgehen muß, wenn er selbst und die von ihm Regierten nicht Schaden erleiden sollen._____________________________________________________ Aus Seaot uns tano« Sprechstunden der Redaktion 11—1 Uhr vo-m.. —Vs8 llfir abds. Gießen, den 6. November 1906. ** Vortrag. Donnerstag, den 8. November, abends 8 Uhr, wird Missionar Ruh land im Matthaussaal, Kirchstraße 9, einen Vortrag über „bie Frauenfrage in Indien und deren Lösung" halten. Da Herr Ruhland durch vieljährige Arbeit in Indien ein genauer Kenner, zugleich ein guter Redner ist, so darf man eine anregende Behandlung des interessanten Themas erwarten. § Groß en-Linden, 5. Nov. Gießener Jäger gewahrten an der Lückenbach einen Kranich, der angeschossen war rmd nicht fliegen konnte. Sie singen das sich heftig wehrende Tier. Es war ein sehr starkes Exemplar und hatte eine Flügelspannung von 2,10 Meter. — Wackere Schützen scheinen dieser Tage bei Klein-Linden gejagt zu haben, der eine schoß ein Kind an, und der anoere hielt einen Jagdgenossen in der Dämmerung für einen Rehbock. Er gab einen Schuß auf ihn ab, der zum Glück fehl ging. § Reichelsheim i. d. Wetterau. Einen großen .Verlust erlitt unsere Stadt durch den Wegzug des Medizinal- rats Dr. Schäfer, welcher mehr als '36 Jahre dahier als Arzt tätig war und nunmehr seinen Ruhesitz in Gi e ß e n aufgeschlagen hat. Eine Abschiedsfeier im engeren Kreise veranstaltete die „Runde Tischgesellschaft" deren langjähriger Präsident er war, und die ihn zum Ehrenpräsi-. deuten ernannte. Aber auch die Stadt Reichelsheim ließ es sich nicht nehmen, ihrem langjährigen Arzt bei seinem Scheiden Beweise ihrer Dankbarkeit und ihrer Wertschätzung zu geben. Es fand ein glänzender Fackelzug mit nachfolgendem Kommers statt, an dem Bürgerschaft und Vereine geschlossen teilnahmen. Bürgermeister Schneid pries die Verdienste des Scheidenden und teilte mit, daß er kraft Beschluß des Stadtrates zum Ehrenbürger der Stadt Reichelsheim ernannt worden sei. Möge Medi^inalrat Dr. Schäfer noch lange Jahpe seine wohlverdiente Ruhe Bei körperlicher und geistiger Frische in seinem neuen Heim genießen. ----Laubach, 5. Nov. Es verlautet, daß nach einer Zuschrift der Oberpostbirektion Darmstabt an bie Großh.' Bürgermeisterei bie Verlegung bes Postlokals nach dem alten Amtsgerichtsgebäube geplant ist. In dem im stäbtischen Besitz befinblichen Gebäube werben zuerst noch Veränderungen, so bie Verlegung des Haupteingangs nach ber Gartenseite vorgenommen. Die Uebersiebelung geschieht am 1. April 1908. — Das Anwesen bes Bäckermeisters Friebrich Hellwig (Obere Langgasse) ging samt Inventar zum Preise von 15 000 Mk. in ben Besitz seines Gesellen Wikhelm Döll über. Die Geschäftsübergabe erfolgt am 1. April 1907. s.. Frischborn, 5. Nov. In der Nacht auf Montag brannte hier bie bem Lanbwirt Heinr. Bing gehörige, mit betreibe gefüllte Scheuer vollstänbig nieber. Es liegt Brandstiftung vor. a,. AngerSbach, 5. Nov. In ber Helmesmühle sinb zwei Personen an Typhus erkrankt. Nach Ansicht ber Aerzte ist bie Lauter verseucht unb bie Benutzung bes Wassers ist behördlicherseits bereits verboten. (X) Mücke, 3. Nov. Gestern abenb kam ein Wagen mit Hochzeitsleuten von Babenhausen gefahren, bespannt mit zwei Pferden. Ein einspänniges Fuhrwerk von Groß-Eichen fuhr dem ohne Laternh kommenden entgegen. In der Dunkelheit rannten diebeidenWagen zusammen. Dem einen Pferd des Doppelgespanns stieß die Wagenschere des Einspänners mit solcher Wucht vor bie Brust, baß sie tief eindrano unb ein mächtiger Blutstrom baraus hervor- - Verhandlung standen, beschloß, die Verhandlung gegen Marschella wegen fahrlässigen Falscheids abzutrennen und bis zur rechtskräftigen Erledigung der beiden anderen Anklagen zu vertagen, im übrigen aber die beiden Sachen zu verbinden. Trotzdem die Zeugenanssagen dieselben blieben, kam das Ober- kriegsgericht zur entgegengesetzten Ansicht wie das Kriegsgericht. Es sprach die drei Gefreiten frei, und verurteilte die „Selbstbezichtiger" Glotzbach und Meisel zu ie 3 und Mitz zu 2 Monaten Gefängnis, wobei es ihnen strafmildernd anrechnete, daß sie sich selbst gemeldet hätten. VermLsch-es. ' Portsmouth, 5. Nov. 300 Mann, meist Heizer, veranstalteten gestern abend ans Wut über den Befehl eines Offiziers, zu knien, wenn er mit ihnen spreche, in der Kantine der M acine kaser ne einen Tumult, versuchten aus der Kaserne auszubrechen und wollten die Wohnung des mißliebigen Offiziers demolieren. Die Tumultuanten gelang es erst zur Ruhe zu bringen, nachdem die ganze Kaserne alarmiert war. — Nach späterer Meldung waren die Seute, bie vor ber Kaserne angetreten waren, wegen eines starken Regengusses ohne Befehl in bie Kaserne g elau sen. Als sie bann in ber Turnhalle wieder antraten, befahl der diensttuende Offizier, der von etwas kleiner Figur ist, daß das erste Glied niederknieen sollte, damit er die Leute besser übersehen könnte. Als einige von ihnen zögerten, diesen B»fehl auszuführen, und einer sich direkt weigerte, wurde dieser der Wache übergeben. Das gab den Anlaß zu den weiteren Geschehnisien. * Kleine Tageschronik. Am 4. d. Mts. entstand aut dem Gehisst des Gutsbesitzers Clauß in Linda (SÖnigr. Sachsen) ein Bran d, der die Scheune, das Wohnhaus und ein Neben- qebäube einäscherte. Am 5. wurden aus den Trümmern die verkohlten L e i ch e n z w e i e r K i n d e r bervorgezogen. Man nimmt an, das; sie den Brand in der Scheune selbst verursacht haben und in' den Flammen umoefommen sind. — Am 5. Nov. brach im Verlagsgebäude der Zeitung „Seeolo" in Mailand Feuer aus. 'Äußer dem Schaden, den das Haus erlitt, beziffert sich der Verlust, der durch die Zerstörung von Büchern herbeigeführt wurde, auf 250 000 Lire. — Die Polizei in H a m b u r g setzte 5 0 0 M k. Belohnung auf die Ergreifung des Mörders der unverehelichten Zimmervermieterin Bertha Jark aus, die gewaltsam erstickt in ihrer Wohnung aufgefunden worden ist. Der Mörder ist der 35jährige Bildhauer und Geschäftsführer Heinrich Max Friedrich Nandt. MuvverFrLLitS-Naichrichten. — Die Zulassung ber Russen an den preußischen Universitäten ist jetzt wieder gestattet. Zu der bisherigen Bedingung politischer Unverdächtigkeit wird nunmehr auch der Nachweis von Uuterhaltungsmitteln zum Studium gefordert. Nach dem Bekanntwerden der erneuten Zulassung häuften sich sofort die Gesuche um Einschreibung. Breslau, 3. Nov. Geheimrat Prof. Neißer trat zu Beginn des Monats den ihm vom Minister bewilligten Urlaub bis Mai nächsten Jahres zu seiner zweiten Syphilisforschungsreise nach den Sundainseln an. — In den B'irschenschaftl. Müttern kommt Dr. W. Südel auf die Alkoholfrage zu sprechen. Seine Ausführungen gipfeln in den Vorschlägen: Der Svinnkomment ist abzuschaffen, da er als für viele in hohem Masse schädlich unb unzweckmäßig erkannt ist. Eine Verpflichtung, Bicrjungen usw. anzunehmen. Ganze mit der gleichen Quantität nachzukommen, besteht nicht mehr. Jeder trinke, soviel er vor sich verantworten zu können glaubt. Die leitenden Mitglieder einer Burschenschaft haben die- jentgen Bundesbrüder, deren übermäßiges Trinken schädliche Folgen für ihre Gesundheit befürchten läßt, durch vernünftige Vorstellungen hiervon abzubringen zu suchen. Münster, 3. Nov. Heute mittag fand im Beisein des! Kültusministers Dr. v. Studt die feierliche Uebergabe der medizinischen Institute an die staatliche Uuterrichtsver- toaltung unb die Eröffnung der neuen Universitätsbibliothek statt. Kultusminister Dr. v. Studt übernahm die Räume int Namen der Universitätsverwaltung. Zum Schluß teilte der Minister die Auszeichnungen mit, die aus Anlaß ber Eröffnung der Universitätsbibliothek verliehen worden sind. Es erhielten: den Kronenorden 3. Klasse der Direktor der Universitätsbibliothek Prof. Dr. Molitor, den Roten Adlerorden 4. Kl. der Oberbibliothekar Prof. Dr. Bahlmann. Dem Privatdozenten der theologischen Fakultät Dr. Engelkemper wurde das Prädikat als Professor, dem Buchhändler Coppenrath ber Titel als Universitätsbuchhändler verliehen. Am Abend fand die Ueberreich-- ung der Ehrenbürger-Urkunde an den M i n i ft e r statt. Sandel nnd Verkehr, Volkrwlrtschnft. München, 5. Nov. Kommerzienrat Georg von Krauß, der Gründer unb langjährige Chef der Lokomotivfabrik A. G. Krauß & Co. ist 77 Jahre alt g e st o r b e n. Er hat sich große Verdienste um die Verbesserung des Verkehrswesens und Verbesserungei; im Lokomotivbetrieb erworben. Teüefomscßw Kursberichte des Giessener Anzeigers, mitgeteilt von der Bank fllr Handel nnd Industrie. Giessen. 3% 3%7o 3% 3 »7. Frankfurter Börse, ß November, 1.15 Uhr. Reichsanleihe . . 97.90' 86.20 98.00 86 25 96.80 do. Konsols do. Hessen . 3^% Oberhessen . . . —•— 4% Oesterr. Goldrente. . 99.40 41/,, % Oesterr. Silberrente 100.10 4% Ungar. Goldrente . . 95.20 4% Italien. Rente . . • 103.10 3% Portugiesen Serie I . 69.10 3% Portugiesen „ III 69.90 4^% russ.Staatsanl. 1905 88.70 4}40/n Japan. Staatsanleihe 92.2a 4% Conv. Türken von 1903 93.20 Türkenlose 145.40 4% Griech. Monopol-Anl. 52.60 4% äussere Argentinier . 88.30 3% Mexikaner . . . 67.40 4%% Chinesen .... 96.10 Aktien: Elektriz. Lahmeyer . . . 140.40 Elektriz. Schlickert . . . 124.95 Eschweiler Bergwerk . . 236.75 Gelsenkirchen Bergwerk . 218.70 Hamburg - Amerik. Paketf. 155.60 Harpener Bergwerk. . . 208.25 Lanrabütte ..... 241.80 Nordd. Llovd 125.80 Oberschi es. Eisen-Industrie 125.00 Berliner Handelsges . . 169.00 Darmstädter Bank . . . 137.90 Deutsche Bank . . . 237.40 Deutsch-Asiat. Bank . . 170.60 Diskonto-Kommandit. . . 181.30 Dresdner Bank . . . 155.00 Kreditaktien 212,30 Baltimore- und Ohio- Eisenbahn . . 120.80 Gotthardbahn .... —.— Lombard. Eisenbahn . . 35.00 Oesterr. Staatsbahn . . . 144.80 Bochum Guss . . . . 231.50 Priuce-Hcnri-Eisenbabn . 148.00 Buderus E. W .... 123.50 Tendenz: matt. ■Berliner Börse, 6. November. Anfangskurse. Canada E. B 178.00 Darmstädter Bank . . . 137.70 Deutsche Bank .... 237.20 Dortmunder-Union C. . . 79.80 Dresdner Bank .... 154.80 Tendenz: träge. Harpener Bergwerk. . . 208.60 Laurahütte .... 240.60 Lombarden E. B. ... 35.10 Nordd. Lloyd 125.60 Türkenlose —.— Ball-SeitU v.Mk.i.io.b — Zollfrei! — Muster an Jedermann! — perdynamin perdynamin-Kakao Fabrikant: H. BARKO WSKI, Berlin0. 27. Verkauf durch die Apotheken in Flaschen und Dosen ä 2.50 M. SS“/,» der besten von allen Aerzten glänzend empfohlenen Nähr- und Kräftigungsmittel für Blutarme, Bleichsüchtige, Kranke und Rekonvaleszenten sind Seidenfabrikt. Kennebers:, Zürich. Nur immer kaltes Blut, mein Sohn! TO brauchst noch lange nicht ztl verzage,:, weil der Katarrh gar nicht weichen will — es gibt doch Fays ächte Sodener ! 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