Erstes Blatt Samstag 6, Oktober 1906 Die heutige Mumruer umfaßt 13 Kerken. 156. Jahrgang Auch Ostasien ist ein Feld für Jntriguen gegen Deutschland. Der unaufhaltsame Aufschwung des deutschen Handels dort erregt Neid und Mißgunst. Wenn selbst ein so hervorragender Henner Ostasiens, wie der Generale Inspektor der chinesischen Seezölle, Sir Robert Hart, vor-, aussagt, daß die Deutschen den Briten handelspolitisch den Rang ab laufen werden, bann erklärt sich die Besorgnis der konkurrierenden Nationen, Deutschland könne eines Tages begründeten Anspruch erheben auf Besetzung der Directwn der chinesischen Seezollverwaltung. Dieses Borrecht steht England nur solange zu, als der britische Handel mit China den einer anderen Nation übertrifft. Nr. 235 Erscheint tLgliq auster Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt , die Siebener Familien- blätter viermal in der \ Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'scheu Unwers.-Buch-u.Stein- druckerei. 9t Lange. Redaktion, Erpedttion und Druacrei: Schul st ratze 7. Redaktion 112 Oerlag u.Expcb.L^äl Adresse für Deocschen: Vuzetger Gießen. ALeines LeuilLeton. — Man schreibt uns aus Frankfurt a. M., 5. Okt.: Gestern abend wurde die seit längerer Zeit in Vorbereitung begriffene Oper „Benedikt und Beatrice" von B e r l i o z neu aufgeführt. Sie erwies sich als Caviar für das Volk. Die Musllkenncr erfreuten sich an der graziösen geistvollen Instrumentation, an den mannigfachen Feinheiten. Für die große Masse fehlten zu sehr die Knalleffekte, auch ist das Textbuch ganz und gar unzulänglich. Für jeden Gebildeten war der Titel der Oper, schon hinreichend, die Erinnerung an Shakespeares „Biel Lärm um nichts" zu wecken. Dieser prachtvollen Komödie sind die beiden Träger der Titelrollen entnommen. Aber den tragischen Konflikt hat der Verfasser vollständig ausgemerzt, ebenso die grotesl komischen Figuren Shakespeares, und was geblieben, ist gar dünn für Die Handlung, sodaß diese zeitweise den Eindruck ermüdender Lange macht. Die Vorstellung, von Kapellmeister Neichenbergcr dirigiert und von Oberregisseur Krähmer glänzend inszeniert, nahm guten Verlauf. Frau Ker nie verkörperte die Beatrice gesanglich tote darstellerisch in vorzüglicher Weise. Auch Herr Gentner als Benedikt leistete Tüchtiges. Die übrigen Partien waren ebenfalls in guten Händen. Hervorzuheben ist der burleske ^'Musikmeister, den Herr Gar eis ergötzlich wiedergab. Der Oper folgte eine Baltett-Pantomime „Die Alttoerber- Bauernpolitik. Wir lesen in der christlich-sozialen, antisemitischen Zeitung, „Das Reich" bei einer Besprechung des neuesten Buches von! Fr. Naumann „Neudeutsche Wirtschaftspolitik": „Einer der besten Köpfe unserer jüngeren Ncllionalökonomen! hat einmal gesagt: „Bauernhof an Bauernhof bis an die russische Grenze!" und damit ohne Frage an, den Kernpunkc des landwirtschaftlichen Notstandes gerührt. Denn nicht die unter Einwirkung der überseeischen Konkurrenz geworfenen Korn preise sind der eigentliche Hippo-, kratische Zug im Antlitz unserer Landwirtschaft, das ist vielmehr die Agrarverfassung des Ostens und die in ihrem Gefolge einherziehende Leutenot. Hier Wandel zu schaffen, der Abwanderung Halt zu gebieten durch eine Reform, die benti ländlichen Nachwuchs das Leben auf demLande wieder l e b e n s w c r t macht, ist sicher eine unserer wichtigsten Aufgaben; an ihrer glücklichen oder weniger glücklichen Löfungl hängt vielleicht ein wesentliches Stück deutscher Zukunst." Sehr richtig! Man kann sogar das Wort „üieUeidjt" int Schlußsätze ruhig streichen. Tro^öem aber spielen die Groß- Grundbesttzer die maßgebende Rolle int Bunde der Landwirte. Sie treten, wie der Frhr. v. Hehl, für Fideikommisse ein, die eine Aufteilung deS Bodens verhindern: sie fördern die Bildung großer Güter und hindern die Ansiedelung von Bauern oder Arbeitern im Osten. Sie hindern jede Verbesserung, im Rechte der ländlichen Arbeiter. Es ist beweisbare Tatsache, daß die Abwanderung aus dem Osten am stärksten war, als die Kornpreise am höchsten standen. Bauernpolitik ist liberale Politik und die Forderung: Bauerngut an Bauerngut geht auf — Naumann zurück. mühle" von Anna Hill, 9Nnsik von Fritz Baselt, in der toir die Verjüngerung verschiedener alten Weiber, die dann nationale Tänze aufführen, mit ansehen. Das Publikum erwies sich für die Darbietung dankbar und wurde sehr belustigt. — Man schreibt aus Darmstadt: Unser Richard Wagner-Verein eröffnete seine Wintersaison mit einem Komponistenabende, der Herrn Ludwig Heß, dem trefflichen Tenoristen, gewidmet war. Das Programm enthielt 17 Lieder und 3 Duette für Tenor und Alt. Heß (1877 in Marburg geboren) ist ein ebenso fleißiger wie von künstlerischem Ernst erfüllter Tonsetzer, der, was in erster Linie anzuerkennen ist, mit festem Schritt seinen eigenen Weg geht und sich von allen banalen, billig zu erringenden Effekten sernhält. Scheint und die Ersinoung auch nicht immer ganz selbständig — nicht selten hat wohl Hugo Wolf Pate gestanden —, so überrascht doch fast jedes einzelne Lied durch geistvolle melodische und harmonische Wendungen, die durch ityre Feinheit oft gerade entzücken. Ter Gefühlsgehalt der Lieder wird von deut Komponisten prachtvoll ausgeschöpft. Alles hat Farbe und Leben, auch da, wo er sich vielleicht in allzu viel Reflexion und gleichförmige weltentrückte Resignation verliert. Von Gut und Leideuschast sind die schwärmerischen Minnelieder aus dem Mittelhochdeutschen erfüllt, in denen die dramatische Steigerung manchmal bzs.zur. Ekstase führt. Um die Wieder- Grimm über das ihm Widerfahrene den Altreichskanzler beherrschte, davon wissen die Besucher in Friedrichsruh zu berichten. Noch nach Monaten regle die Erörterung des Rücktritts den Fürsten derartig auf, daß in seinem Gesicht jede Muskel arbeitete, die Züge einen unvergeßlich bitteren Ausdruck erhielten, und die Augen sich mit Tränen füllten. Es war wie ein aus dem Innersten kommender Schrei, als Bismarck auf seine plötzliche Vereinsamung hinwies: „Man flieht mich, als ob in meinem Hause die Pest aus- gebrochen wäre!" Nach den Aeußerungen Bismarcks hatten den Hauptgrund zu der Entlassung die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Kaiser in der Arbeiterschutzfrage gebildet. Ter Kaiser habe die bekannten Erlasse gewollt, er, Bismarck, habe sie nach heftigem Sträuben nur „als Diener des Kaisers redigiert", aber seine Gegenzeichnung versagt. Die Hoffnung, die er! auf die internationale Konferenz setzte, daß sie „wie ein Sieb" wirken, daß sie den „jugendlichen Elan des Kaisers hemmen" würden, erfüllte sich nicht. So spottete Bismarck, die Verhandlungen dieser Konferenz seien „eine einzige Phraseologie" gewesen. Nun aber stellt Hohenlohe in seinen von „Ueber Land und Meer"' veröffentlichten hochinteressanten Aufzeichnungen fest, — und daö ist ein ganz neues, Überaus wichtiges Moment —, daß noch ernstere Differenzen als in der inneren Politik in der auswärtigen Politik zwischen Kaiser und Kanzler bestanden haben und zur Entscheidung drängten. Der Kaiser war für unbedingte Treue gegen Oesterreich-Ungarn, in dem Falle, daß Rußland Bulgarien militärisch besetzen wolle, was den Krieg mit Oesterreich herbeiführen müsse. Bismarck gedachte in diesem Konflikt es mit Rußland zu halten. So, berichtet Hohenlohe, habe der Kaiser den kommandierenden Generälen mitgeteilt. Diese Meinungsverschiedenheiten waren, das wird man zugeben müssen, nicht überbrückbar. Der Kaiser erzählte dem Fürsten Hohenlohe noch, Bismarck habe nach Petersburg sagen lassen, daß der Kaiser eine antirussische Po litik befolgen wolle. Doch habe er, der Kaiser, dafür keine Beweise. Wir glauben auch nicht, daß für eine solche unbegreifliche Handlung Beweise, etwa von russischer Selle, beizubringen wären. Es kann wohl fein, daß jemand mit dieser Behauptung Bismarck beim Kaiser hat verdächtigen wollen. Sehr bemerkenswert, weil sie in mancher Hinsicht die Auffassungen korrigieren, sind die Mitteilungen Hohenlohes, daß der Groß Herzog von Baden „seine besondere Befriedigung" über den Rücktr itt Bismarcks zu erkennen gab. Eine seine Satire liegt in der Schilderung Hohenlohes, wie in Berlin das behagliche Gefühl vorherrschend war, daß „der große Mann nicht mehr zu fürchten ift", und daß Admiral v. S t o s ch „f r o h w i e ein Schneekönig war". Nicht nur Herr v. Stosch. Auch Miquel, Minister geworden nach Bismarcks Rücktritt, sprach in Frankfurt a. M. das Wort gelassen aus: „Alle danken Gott, daß er fort ift". Ein Blick nach China. Nach einem von der „Köln. Volksztg" dieser Tage veröffentlichten Privatbrief sollen sich in China bedrohliche Anzeichen einer unruhevollen Zukunft bemerkbar machen. Das Land ist angeblich einer Katastrophe nicht mehr fern, gegen die die Wirren von 1900 als Kinderspiel erscheinen dürften. In der die Deutschen besonders interessierenden Provinz Schantung setze bereits eine Art Rebellion ein, man verstehe deshalb in China nicht recht, warum gerade jetzt die europäischen Truppen zurückgezogen wurden. Das letztere erfolgt auf Grund internationaler Vereinbarung. Sollte das diplomatische Korps in Peking sich so gründlich über die Volksstimmnng in China täuschen, um eine Maßregel anzuraten, die zum Schaden der Weißen ausschlägt? Sollten sie durch die Erfahrungen von 1900 nicht gewitzigt sein? Uebrigens ist durch das Bundesverhältnis zwischen England und Japan eine getoiffe internationale Sicherheit gegeben, beim England hat noch immer bie umfangreichsten Hanbelsinteressen in China, und wenn biese Interessen burch eine Chinesenrevolte bebroht werben, bann käme bie Abwehr durch bie vereinigten Engländer unb Japaner gleichzeitig auch der Sache der Weißen zugute. gäbe des Programms war es glänzend bestelll. Dag Kammersänger Heß selbst dafür die ganze tonliche Kraft und Wohllaut seiner prächtigen Tenorstimme, wie auch alle Feinheiten seiner aufs höchster Stufe stehenden Gesangs^ fünft ins Feld führen würde, war zu erwarten; und ep erzielte denn auch eine zündende Wirkung. In Fräulein Elfe Schünemann aus Berlin hatte er eine erstklassige Partnerin, die bei ihrem ersten Auftreten in Darmstadt sogleich einen vollen Erfolg davoillrug. Die vorzüglich ansi gebildete, sympathisch weiche Altstimme ist zwar nicht de- sonders groß, trägt aber ausgezeichnet und entwickelt im Affekt eine überraschende Tonfülle. Beide Sänger tvurden Dom Publikum durch rauschende Beifallsspenden und wiederholte Hervorrufe ausgezeichnet. Die Klavierbegleitung des Abends lag bei dem Komponisten selbst und Professor Arnold Mendelssohn in besten Händen. — Aus M ainz w.lld geschrieben: Am 2. Oktober waren es 25 Jahre, seit Direktor M. Behr end seine Künstlers laufbahn begann. Dieses Jubiläum wäre ohne Feierlich-, fetten vorübergegangen, wäre nicht durch ein Glückwunsch-! telegramm das Geheimnis verraten worden. Nun wurde rasch eine kleine Feierlichkeit improvisiert. Bohrend, der den Narziß spielte, wurden nach der Vorstellung Gratula^ hotten und Kranzspenden in reichstem Maße zuteil. Außer den Bühnenangeyorigen erschien, Dr. Bamberger im Pamen der. Bürgerschaft. Politische Tagesschau. Bismarcks Entlassung. Mit der Veröffentlichung eines Kapitels aus den Denkwürdigkeiten des dritten Reichskanzlers, Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, wird zum ersten aMle die Entlassung des Fürsten Bismarck mit historischer Treue und Objektivität bargestellt. Bismarck selbst hat zwar zu wiederholten Malen kn Unterredungen mit Tagesschrift- stollent kurz nach seinem Rücktritt bie Gründe des Zerwürfnisse^ mit dem Kaiser berührt, und eine ganz ausführliche Schilderung der Vorgänge soll in dem noch unver- öfsentlichten unb kaum sobald zur Veröffentlichung gelangenden dritten Baud der Bismarck-Memoiren enthalten sein — aber Bismarck war eben in diesem Falle Partei, seinem durch Zorn getrübten Blick erschienen beinahe Alle schuldig oder mindestens verdächtig, mitgetoirtt zu haben au seinem jähen Sturz. Wie außerordentlich stark der Die Braunschweigische Krage. In den amtlichen „Braunschw. Anz." wird jetzt der ganze B riefwe chsel zwischen dem Ministerium und dem Reichskanzler, sowie dem Herzog von Cumberland ans Anlaß der vom Landtag beschlossenen Resolution veröffentlicht : In dem Schreiben des Ministeriums an den Reichskanzler vom 2?. Sept, heißt es nach Anführung der seit dem Tode des Regenten geschehenen amtlichen Schritte sowie der Resolution, jbaö Ministerium Müsse die nachteilige Wirkung der provisorischen Regierung ans die politischen Verhältnisse namentlich bezüglich der Partcibitdungen anerkennen und könne idie Befürchtung nicht abweisen, daß der nachteilige Einfluß j i ch v er s chä r s e n würde, wenn jetzt ohne weiteres der Regentschastsrat und die Landesvcrsammlung die Wahl eines neuen Regenten bewirkten, ohne zuvor alles getan zu haben, daß an Stelle des Provisoriums ein Desinitlvum, d. i. die lieber nahmeder Regierung seitensdeszurTH ron- folge im Herzogtum berufenen Agnaten gesetzt werde. Die Herzog!. Landesregierung sei nicht im Zweifel, daß letzteres ausgeschlossen sei, wenn die Tatsachen, die den Bundesrat zu dem Beschluß vom 2. Juli 1885 bestimmten, noch jetzt unverändert fortbestünden und ihrer Beseitigung zur Zeit unüberwindliche Hindernisse sich entgegenstellten. In der Oeffent- lichkeit sei stets behauptet worden, daß jene Hindernisse unverändert fortbeständen und daß insbesondere der Herzog von Cumberland die Ansprüche auf Gebietsteile Preußens nicht ausdrücklich und zweifellos aufgegeven habe. Es müßte beut Herzogtum daran liegen, eine Erklärung darüber zu erhalten, ob in der Tat die in dem Bundesratsoeschluß vom 2. Juli 1885 bekundeten Tatsachen augenblicklich fSrtbestehen; wenn ja, so knüpfe daran die in der Resolution zum Ausdruck gebrachte wichtigste Frage, ob nicht eine Beseitigung jener Tatsachen möglich sei. Das Herzogtum sei feit dem Bestehen des Regentschastszustandes stets seiner Pflichten gegen das Reich eingedenk gewesen und habe bei der Bemühung der Erfüllung dieser Pflichten stets die Unterstützung der Reiaisorgane gesunden, es glaube sich daher auch in der gegenwärtigen Lage des Herzogtums an die Reichsregierung wenden zu sollen. Das Ministerium bitte den Reichskanzler um Mitteilung, ob die Tatsachen, auf welche der Bundesrats- beschlnß sich stützt, fortoestehen und, wenn dies der Fall, ob sich den Organen des Reiches Mittel und Wege bieten würden, aus einen Ausgleich der Geg ensütze zwischen der Krone Preußens und dem Herzog von Cumberland hiuzuwirkeu, und bitte um Anwendung dieser Mittel und um Mitteilung des Ergebnisses.^ Der Bundesrat werde indirekt bei der Prüfung der Legitimationen der Buudesratsbevollmächtigten Braunschweigs Gelegenheit zur Stellungnahme haben. Da ferner die Behinderung des Herzogs von Cumberland in dessen Verhältnis zum Bundesstaat Preußen ihren Grund habe, mithin die Entschließungen der preußischen StaatSregieruug in Betracht Tämeit, habe das Ministerium die Resolution mit einer Abschrift dieses Schreibens und einem Begleitschreiben dem preußischen Ministerium des Auswärtigen übermittelt. Hierauf folgt das Begleitschreiben zu der dem preußischen Ministerium überreichten Abschrift und das Schreiben an den Reichskanzler. Es folgt das Schreiben des Ministeriums an den Herzog von Cumberland vom 25. Sept, und die Antwort vom 27. Sept. Ersteres ist das Begleitschreiben zu der übersandten Resolution deS Landtages, letzteres die Empfangsbestätigung. Hieran schließen sich das gestern veröffentlichte ^lutwortschreiben des Fürsten Bülow als Reichskanzler und preußischen Ministers des Auswärtigen. Der Schriftivechsel soll dem braunschweig. Landtag bei 'seinem Zusammentritt am 18. Oktober vorgclegt werden. -r-rx Vezu gSpretAl 3Ö monatlich 7bPs., viertel- GlchenerAnzelger» General-Anzeiger w w den oolit. und nUgem. Amts- Md Anzeigeblatt für den Ureis Metzen MW __zeigenteil: Hans B-ck. Ein englischer Sozialist über die deutsche Sozialdemokratie. Der englische Sramaiiter Bernard Shaw hatte vor einiger Zeit in einem Briese, den auch wir seinerzeit auszugsweise veröffentlichten,■ seinen Ansichten über die deutsche: Sozialdemokratie Ausdruck gegeben unb ausgeführt, daß daK älißcre Gebaren dieser Partei in Mißklang stehe zu ihren Leistungen. Der „Vorwärts" hat davon keine Notiz ge--j nommcii, aber die „Sozialistischen Monatshefte" nahmen dazu Stellung unb ber Herausgeber ber Hefte wanbte sich in einem Schreiben an Shaw mit der Bitte, bie Methobe zu beschreibens bie er im Gegensatz zu der von ihm kritisierten Methode ber beutschen Soz>albemokratie für die richtige halte. Daraus ist nun eine Antwort eingegangen. Es heißt barin: Wenn Liebknecht, ber durch und durch Fabier war, niemals sich offen auszusprechen wagte unb dis an sein Lebensende seine Parteigänger mit revolutionären Phrasen unb orthodox-marxistischen Redensarten, die er verachtete, irresuhrte, wenn Bernstein, will er sich nicht komproiniitleren, zu meinen Gunsten nicht mehr Vorbringen darf als Entschuldigungen, was würbe Sie erwarten, wenn Sie in Ihrer Zcilschrüt meine Ansichten zum besten geben wollten ? Diese sind übrigens ben Sozialdemokraten in der Haupt- fache schon burch Janre unterbreitet worben, unb bie Sozialdemokraten haben sie vor dem Angesicht Europas verworien. Um eine so törichtePa rtei werde ich mir nicht weitere Unbequem* lichkeiteu machen. Ich werbe einfach, was ich zu sagen habe, so lange in der bürgerlichen Presse jagen, bis ocr reaktionäre? Charakter deS AtarxisiNilS für jedermann offenkundig wirb. Tie besonderen Bedingungen in Deutschland haben mit! meinem Tagclücutvriefe nichts zu tun. Tie versafsungsmäßigev Unterschiebe zivijchen dem Reichstag und dem Hause der Gemeinen sind völlig bekannt unb verstanden. Sie tangieren diirchaus nicht ben Unterschied zwischen der Achtundvierzigerel und dem zivanzigstei, Jahrhundert. Bitte, denken Sie ja nicijt, ich sei in irgend einer] Weise uilsreunbschafllich gefilmt. Ich möchte sehr gern dieser Ihrer] z u r ü cf a e b 1 i c b e n e n Partei im Interesse der ganzen euro^ patschen sozialistischen Bewegung zur Modernität verhelsen. Aber] Sie müsseii mich das in meiner eigenen Weise hm lassen. Ich] habe eine gute Portion Unsinn ans englischen Sozialisten heraus-j geklopft, uiib ich gebe Ihnen bie Versicherung: bas geschah nichts indem ich ihre Gefühle schonte ober meine Zeit damit vergeudete^ den Paplertörben ihrer Rebakteure meinen Tribut zu entrichten, j Shan> ist selbst Sozialist, das macht seinen Brief noch interessanter._______________________________________________________ Heer und Flotte. — Kriegsdrachen sind Lei den englischen großen H'erbst- übungen des Mdershvt-Armeckorps unter Generalleutnant Sir John French bei Chichester in Sussex erprobt worden und scheinen sich bewährt zu haben. Während Fesselballons für Veobachtnngs- zwecke des herrschenden starken Windes wegen kaum aufgelassen werden konnten, bereitete der Aufstieg von rekognoszierenden Offizieren in sogenannten boxkitcs — Kasten-Rahmen-Drachen — nur vereinzelt Schwierigkeiten. Freilich ist das Gefechtsfeld von «einem solchen Drachen aus im Vergleich zu den Fesselballons ziemlich beschränkt. Auch wurde bei einer Gelegenheit ein Offizier durch den orkanartigen Sturm, der die Drachengondel umkippte, Leim Aufsteigen von seinen: hohen Sih herabgeschleudert. Der Aeronaut fiel glücklicherweise in die Krone eines hohen Baumes und kam mit unbedeutenden Verletzungen davon. Aus Stadt und Land. Gießen, 6. Okt. 1906. •* Vom Großherzoglichen Hoflager. Während seither beabsichtigt war, daS Hoflager bald nach der Rückkehr Sr. Kgl. Hoh. des GroßherzogS von seiner Reise von Jagdschloß Wolfsgarten nach dem Neuen Palais in Darmstadt zu verlegen, werden die Großh. Herrschaften voraussichtlich noch bis zum Ende dieses Monats in WolfSgarten verweilen, wenn die Witterung nicht ungünstiger wird. — Parlamentarisches. Der 6. Ausschuß für die Vorberatung der Verwaltungsgesetze wird an: Donnerstag dem 11. Oktober unter dein Vorsitz des Präsidenten Geh. Regierungsrat HaaS seine Beratungen beginnen. Der 4. (Petitions -) Ausschuß wird unter dem Vorsitz des Abg. Adelung am Mittwoch, 10. Oktober, tagen, um einige spruchreife Gegenstände zu erledigen. Auch der dritte i(W a hlprüfungs-)Ausschuß wird unter dem Vorsitz dcS ^Abg. Bähr in den^nächsten Tagen zusammentreten, uni bezüglich der immer noch nicht für giltig erklärten Wahl des Abg. Dr. Schmitt-Mainz für den Wahlkreis Mainz-Land Beschluß zu fassen. Bekanntlich wurde seinerzeit die von den sozialdemokratischen Wahlkomitees eingereichte Reklamation als unberechtigt verworfen. Gleichzeitig hatte aber auch der Zentrumswahlverein reklamiert. Dem Vernehmen nach wird nun diese Reklamation zurückgewiesen, da nur zwei der angefochtenen Wahlmänner .Preußen" sind, die anderen angefochtenen sich aber als hessische Staatsbürger entpuppt haben. Diese sind aber nicht ausschlaggebend, da die Majorität seinerzeit 4—5 Stimmen betrug. Daher kann diese Beanstandung nicht in Betracht kommen und die Wahl Schmitts wird für giltig erklärt werden. *• Gelände-Enteignung. Der Kgl. Preuß. Eisenbahn- Direktion zu Frankfurt wurde von S. K. H. dem Großherzog das Recht erteilt, daS zur Erweiterung des Bahnhofs Groß-Karben in der Gemeinde Kloppenheim, sowie das zur Enteignung von Gelände zur Herstellung einer größeren Uebersichtlichkeit von Bahnübergängen in der Gemarkung Holzhausen erforderliche Gelände im Enteignungsverfahren zu erwerben. — EineVerä n der ungvonGemarkungs grenzen erfolgte bei dem Bau der Bahn Laubach-Mücke zwischen Stockhausen (Kr. Gießen) und Stockhäuserhof und Lardenbach (Kr. Schotten). Dementsprechend wurde nunmehr auch die 'Regulierung der Kreisgrenzen vorgenommen. ’* Unser Stadttheater-Neubau. Zur Zeit ist man damit beschäftigt, den letzten Rest des Dachstuhls über dem Zuschauerraum, der in Eisen hergestellt wird, aufzuschlagen. Die Glaserarbeitcn, die kürzlich zur Vergebung ausgeschrieben waren, sind an folgende vier hiesige Unternehmer übertragen worden: Hch. Fillmann, Ph. Jakobi, Beruh. Wolf und die Dampf-Schreinerei E. H. Müller, die gemeinsam mit der Firma H. Fasig Sohn-Ludwigshafen offeriert hatte. Bei der Vergebung der Weißbinderarbeitcn waren betreffs des Außenputzes folgende Angebote zu berücksichtigen: Vereinigung der Weißbinder (Freie Innung) Mk. 7701, Heinrich Launspach Mk. 4955, Karl Nikolaus Mk. 4444, so daß der Letztere als der billigste und als leistungsfähig bekannte Unternehmer die Arbeit übertragen erhielt. Für den Innenputz waren die vereinigten Meister mit Mk. 6500, die sie für die Arbeit verlangt hatten, um ca. Mk. 150 billiger als ihre Konkurrenten Launspach und Ntkokaus, weshalb ihnen der Zuschlag erteilt wurde. •’ Vorträge. Auch in diesem Winter veranstaltender Kaufmännische Verein und der Ortsgewcrbe- verein eine Reihe von öffentlichen Vorträgen. Der erste Vortragsabend findet, wie schon mitgeteilt wurde, am 12. Oktober im Hotel Saalbau statt. P.:ofcssor Eduard Engel von Berlin wird an diesem Abend über „die bevorstehende Eisenbahnresorm" sprechen. Weiter spricht am 27. Oktober Herr Gg. Wagner von Dresden-Radebeul über „die Gesundheitspflege nach naturgemäßer Anschauung", am 12. Nov. Dr. B. Schapirc-Berlin über „Flüssige Luft und Radium" (mit Experimenten), am 3. Dez. Professor Brockmann von Offenbach über „den Simplontunnel" (mit Lichtbildern), am 3. Jan. Lens Lützen von Berlin über „den Vesuvausbruch im April 1906 und die Katastrophe in San Franzisko und Valparaiso" und am 24. Jan. Herr Franz Fürstcnberg von Berlin über „unsichtbares Leben im Wasser und in der Lust" (mit Lichtbildern). Außerdem hält Schriftsteller Hans Weber von Mainz am 21. Febr. einen „modernen deutschen Dichter - a'bend" ab. ’* Blindenkonzert. Hiermit sei nochmals auf das Konzert des erblindeten Pianisten Max Becker hingewieszn, das am 8. Oktober, abends 8 Uhr, im Neuen Saalbau stattfindet. -Besitzwechsel. Peter Ruckstuhl Ww. veräußerte ihr Besitztum Bismarckstraße 16 an den Kaufmann Karl Volk für 85 000 Mk. — Die Firma Gebr. Homberger u. Söhne verkauften dem Maurermeister Gg. Pfaff das an der Westanlage liegende ca. 1000 Quadratmeter große Fabrikgrundstück für 31 000 Mk. Es ist dies das letzte noch unbebaute Stück der Wcstanlage und es ist zu hoffen, daß durch baldige Errichtung eines modernen Hauses auf dem Gelände endlich einmal der unserer Stadt unwürdige Zustand beseitigt wird, daß an der Anlage eine Ruine sich befindet. p. Aus dem Kreise Wetzlar, 6. Okt. In sämtlichen Bürgermeistereien unseres Kreises bestehen Hand- werkervereine und Innungen. Damit diese fortan eine größere Tätigkeit als bisher entfalten können, wird jetzt ein Zusammenschluß der einzelnen Korporationen zu einem Kreisverband und eine Zentralleitung gewünscht. Ausgabe des Kreisverbandes würde es zunächst sein, in jedem Jahre abwechselnd in den einzelnen Teilen des Kreises eine größere Handwerkerversammlung abzuhalten. Eine Ausstellung von Handwerkserzeugnisscn, von Lehrlingsarbciten und Gesellenstücken könnte mit der Jahresversammlung verbunden werden. Die Tätigkeit wird nach dieser Organisation besonders in den Landorten segensreich sein, weil durch Veranstaltung geeigneter Unterrichtsgelcgenhciten eine größere Konkurrenzfähigkeit des ländlichen Handwerks eintritt. Noch in diesem Monat soll eine allgemeine Versammlung in Wetzlar statt- findcn, in der die Statuten zu genehmigen sind. X Mücke, 5. Okt. Eine dringende Verkehrsnotwendigkeit dürfte cs sein, wenn von Seiten der Oberpostdircktion der Spätpostverkehr nach Ulrichstein wieder cin- geführt würde und auch den Winter von hier hindurch bliebe und so eine Abfahrt von den Postzügen auch der Postsendungen wegen, für die die 7-Uhrpost nur sehr minimalen Wert hat, stattfände. Es ist dies in allen Gebirgsgegenden der Fall, wo kleine Bahnen lausen. Dazu kommt noch, daß die sogen. Ohmstraße nach Ulrichstein den ganzen Winter schneefrei — vom Winde geputzt — ist. Zu einem Eisenbahnbau nach Ulrichstein sind di-e Aussichten doch wieder einmal geschwächt, da frühere Ulrichsteiner Eiferer der Bahn jetzt Gegner derselben sind. Sitzung Ser Stadtverordneten. w. Gießen, 6. Okt. Der Oberbürgermeister eröffnete gestern nachmittag um 5 Uhr die Versammlung. Anwesend waren außer Oberbürgermeister Mecum die Beigeordneten Heyligenstaedt und Curschmann, sowie die Mehrzahl der Stadtverordneten. Der Oberbürgermeister setzt die Gründe auseinander, weshalb die Versammlung so spät eingeladen sei, und bat, die Dringlichkeit der Verhandlung zu beschließen, was auch geschah. (Daß es der Herr Oberbürgermeister indeß unterließ, der Presse von der Einberufung dieser „öffentlichen" (!?) Sitzung Mitteilung zu machen und nur einen privaten Journalisten davon zu benachrichtigen für gut befand, verdient an dieser Stelle besonders hervorgehoben zu werden. D. Rd.) Oberbürgermeister Meeum teilte daraus mit, es habe sich ergeben, daß die Wasserversorgung der bestehenden Kliniken auf dem Seltersberg im vergangenen Sommer nicht mehr aus gereicht hat. Im abgelaufenen Monat habe die Kliniksverwältung berichtet, daß an einigen Tagen die Wasserzufuhr so wenig ausreichend gewesen sei, daß die Zentralwaschanstult in Gefahr stand, den Betrieb einzustellen. Die Kliniken, so berichtet der Vorsitzende, brauchen zurzeit täglich 250—300 Kubikmeter Wasser aus der städt. Quellwasserleitung Queckborn, außer etwa 40—90 Kmtr. Wasser aus eigener Wasserleitung. Es sei selbstverständlich, daß man städtischerseits die Kliniken an Wasser nicht Not leiden lassen dürfe und daß die Kalamität sofort gehoben werden müsse. Tas Wasserwerk schlage eine umfassende Verstärkung der Wasser zu slußrohre nach dem Seltersberg usw. vor dergestalt, daß diese Rohre später für den weiteren Ausbau des Wasserrohrverteilungsnetzes für den sich vergrößernden Stadtteil des Seltersbergviertels Verwendung finden können. An Hand von ausliegenden Plänen erläutert der Oberbürgermeister, wie die Rohrleitung praktisch verlegt werden soll, und bemerkt, daß das hoch gelegene Stadtviertel vom Hochdruckbehälter versorgt wird. Die Stadtverordneten erklären sich mit den Vorschlägen einverstanden und bewilligten die dafür geforderten 9000 Mk. Für die Neuanlegung der Gasleitung auf dem Brand unöLandgraf-PchilippsPlatz reichen die von der Versammlung bewilligten Mittel nicht aus. Mit der Verlegung der Gasrohre soll gleichzeitig eine verbesserte Lage des Wasserzusührungsrohres auf beiden Plätzen vorgenommen werden. Für diese Arbeiten werden als Nachtrag zusammen 9 3 0 M k. verlangt und von den Stadtverordneten bewilligt. Nachdem auf einer Seite des Selters Weges, vom Rathschlagschen Hause bis zum Selterstor, die Hausanschlüsse der Kanalisation ausgeführt sind, ist man mit der Anlage des Bürgersteiges vorgegangen. Das Diefbanamt macht den Vorschlag, da sich Asphalt als Trottoirbelag bisher nicht bewährt hat und der am Seltersweg vorhandene, noch gute Betonuntergrund eine Verlegung von Zementplatten nicht zuläßt, den Bürgersteig mit Dör ritplatten zu belegen. Eine damit vorgenommene Probe auf dem Trottoir vor dem Mülterschen Laden an der Mäusburg habe bewiesen, daß daS Material sich vorzüglich geeignet erweise. Außerdem soll Königstein im Taunus, wo seit sechs Jahren dieser Bürgersteigbelag eingeführt ist, gute Erfahrungen damit gemacht haben. Allerdings sei das Material anfangs schwarz, doch bald nehme es eine graue Farbe an. Tie Kosten des Törritbelags stellen sich genau so wie die bei Asphalt. Stadtv. Löb er fragt an, ob das kleine Königstein mit Gießen und dessen Verkehr vergleichbar sei. Ter Oberbürgermeister erklärt, daß Königstein im Sommer einen sehr starken Passantenverkehr hat. Stadtv. Schaffstaedt wünscht zu wissen, ob bei Einfahrten die dünnen Dörritplatten für die darüber hingehenden Wagen haltbar sind und ob sich die Platten leicht aufnehmen und wieder hinlegen lassen, falls sich dies als nötig erweist: ob weiter das Material nicht die schlechte Eigenschaft wie z. B. Asphalt hat, der im Sommer bei großer Hitze weich wird. Nachdem der Oberbürgermeister mitgeteilt hat, daß an den Einfahrten stärkere Platten gelegt werden sollen, daß die Platten leicht zu entfernen und wieder einzufügen sind, und daß nach der Auskunft von Königstein Dörritplatten bei der Hitze im Sommer nicht weich werden; nachdem endlich eine Musterplatte in der Versammlung von Hand zu Hand gegeben war, waren die Stadtverordneten mit der Verwendung des neuen Materials einverstanden. Es folgt eine nichtöffentliche Sitzung. Vermochte». * Erdbeben in Tirol. In der Umgebung von GlurnS wurde ein Erdstoß in der Richtung von Süden nach Norden verspürt, der 11/2 Sekunden dauerte und von donnerähnlichem Krachen begleitet war. * Kleine TageS chronik. Bei einem Großfeuer, das die Ortschaft D ö l s a ch in der Nähe von Lienz teilweise zerstörte, wurden ein Briefträger und ein Postillon von einstürzenden Trümmern erschlagen. Ein Stationsdiener wurde schwer verletzt. An der Rettungsaktion beteiligten sich außer den Nachbarwehren auch eine Abteilung des 18. Infanterieregiments aus Lienz. — Bei der Einweihung der Beval-Hütte im Engadin durch Graubündencr MpenklUbisten stürzte der Bergführer Schmidt von Vontresina ab an einer gefährlichen Stelle und starb an den Kopfverletzungen. — Auf dem Pferde markt in Buttstädt (Thür.) gerieten zwei Zigeuner-Karawanen in Streit, der in einen wütenden Kampf ausartete und mit Revolvern, Dolchen und Säbeln ausgefochten wurde. Die Feuerwehr wurde alarmiert und machte dem Kampf durch kalte Wasserstrahlen ein Ende. 3 Zigeuner wurden schwer verwundet, 13 verhaftet. — In Bamberg drang nach Verbüßung einer zweijährigen Gefängnisstrafe der Dienstrnecht Mein in die Wohnungseiner früheren Geliebten, der Arbeiterfrau Schümm, und versetzte der in gesegneten Umständen befindlichen Frau sechs lebensgefährliche Messerstiche. Der Täter, der von herbeieilenden Personen durchgeprügelt wurde, wurde verhaftet. — In Berlin versuchte sich in einem Hotel der Fähnrich Wolf von der Wittelsbach zu erschießen. Er verletzte sich schwer und wurde ins Garniwn-Lazarett gebracht. Was ihn zu dem Schritt veranlaßt hat, ist noch nicht bekannt. — In Ludwigshafen wurde wegen umfangreicher Eisenbahn-Diebstähle der Rangierer Eichmann verhaftet. Eine Haussuchung bei ihm lieferte ein ganzes Lager von gestohlenen Gegenständen. — Aus unbekannter Ursache ermordete der 25jährige Barbier Göbel in H errn- stadt (Posen) seine 22jährige Frau, indem er ihr mit seinem Rasiermesser den Leib ausschlitzte. Er verübte hierauf Selbstmord durch Erhängen. — In Budapest stürzte in einem Variete ein Artist infolge eines mißglückten Luftsprunges so unglücklich, daß er das Genick brach und sofort tot war. Gerlchtssaal. R. B. D a r in stadt, 5. Okt. Unerlaubte Entfernung aus feinem Truppenteil und nächtliche Ruhestörung re. wurde dem Dragoner i r n a n d aus Griesheim vom 23. Trag.- Regt. vor dem Kriegsgericht zur Last gelegt. Er hatte sich eines schönen Abends zu Anfang dieses Monats aus der Kaserne entfernt, während der Nacht mit mehreren gleichgesinnten Rum« panen lüderliche Lokale besucht und daselbst ruhestörenden Lärm verübt. Er trieb sich dann drei Wochen lang in der Umgegend von Darmstadt umher, wobei er meist auf dem Felde in Strohdiemen oder dergleichen nächtigte. Als er auch in die Nähe von Griesheim kam, wurde sein Vater von dem Vaqabondenleben seines Sohnes unterrichtet, worauf der erstere Anzeige erstattete und die Festnahme bewirkte. DaS Kriegsgericht verurteilte den freiheitslustigen Burschen, der schon mehrmals vorbestraft ist, zu. drei Di o n a t c n Gefängnis und acht Tagen Hast, welch letztere auf die Unter-suchungshaft angerechnet wurde. B e rli n, 5. Okt. Tas Kammergericht erkannte gegen den Militärschriftsteller G a e d k e, der wegen Führung des Ober st en- titels angeklagt und von dem Landgericht freigesprochen worden war, auf Z u r ü ckv e rw e i s un g der Revision, weil dem Angeklagten die Kabinettsordre, durch die ihm der Oberstentitel abgesprochen wurde, nicht nachweisbar zugestellt war. Die Ka- binettsordre vom 2. Mai 1874 über ehrengerichtliche Verfahren wurde dagegen für gültig erachtet. ..... Ausmg m den LtandesMksregjstttll der Stadt Gießen. I Aufgebote. September: 29. Christian Pfaff, Oberpostfchaffner dahier, mit Marie Elisabeth Wagner geb. Dietzel in Franksurt a. M. Oktober: 1. Hermann Krause, Schutzmann dahier, mit Minna Fai Hierselbst. — Albert Haibach, Schneider dahier, mit Gertrude Wurm Hierselbst. 3. Anton Bender, Hüttenarbeiter dahier, mit Marie Gleiß Hierselbst. 4. Alexander Paul Wiederhold, Kaufmann in Budapest, mit Mathilde Müller dahier. 5. Georg Todt, Kaufmann dahier, mit Margarete Klein Hierselbst. i Eheschließungen. September: 29. Wilhelm Lepper, Techniker dahier, mit Marie Stühler Hierselbst. — Bernhard Schulze, wissenschaftlicher Hilfslehrer am neuen Gymnasium in Bremen, mit Mathilde Ott dahier. — Karl Schäfer, Installateur dahier, mit Maria Dickel Hierselbst. Oktober: 4. Friedrich Hofmann, Streckenarbeiter dahier, mit Else Frieda Zech Hierselbst. Geborene. September: 22. dem Milchhändler Philipp Eisenhuth eine Tochter, Emma Elise Anna Ottilie Margarete. 23. dem Knecht Konrad Schneider eine Tochter, Katharine. 24. dem Schreiner Hermann Tenster eine Tochter, Marie Hermine Auguste. 25. dem Tnglöhner Johann Friedrich Wenzel ein Sohn, Friedrich Philipp. 26. dem Bierbrauer Karl Zimmer ein Sohn, Heinrich Wilhelin. — Dem Rentner Johannes Erdmann eine Tochter, Elfriede Anna Katharine. 27. dem Hilfs-Lademeisler Karl Weber eine Tochter, Luise. — Dem Kaufmann Heinrich Joh ein Sohn, Willi Heinrich Walter. 28. dem Uhrmacher August Schwab ein Sohn. — Dein Großh. Universitätsprosessor Dr. Johannes Haller ein Sohn, Hans Jakob Pontus. 29. dem Kutscher Ludwig Schmidt ein Sohn, Ludwig Heinrich. — Dem Taglöhner Georg Reichwein ein Sohn, Hans Andreas Georg. 30. dem Buchbinder Wilhelm Braunsdors eilt Sohn, Karl Friedrich Wilhelm. — Dein Großh. Universitäts- vrosessor Dr. Albrecht Heinrich Körte eine Tochter, Frieda Auguste. Oktober: 1. dein Fuhrmann Georg Sauer eine Tochter, Christine Elisabeth. 2. dem Schuhmacher Karl Daubertshäußer ein Sohn, Arthur. Gestorbene. September: 30. Hans Rosenbecker, 4 Monate alt, Sohn des Dienstknechts Johann Peter Rosenbecker. Oktober: 1. Amalie Rödel geb. Stöcker, 68 Jahre alt, Ehefrau des Privatmannes Theodor Rödel. 2. Marie Johanna Linsenmann, 1 Jahr alt, Tochter des Lagerarbeiters Johann Evangelist Linsenmann. 4. Lina Kleiit geb. Siegbert, 37 Jahre alt, Ehesrau des Lehrers und Kantors Bernhard Kleiw Sandel und Verkehr, Volkswirtschaft. Märkte. Gießen, 6. Okt. Marktbericht. Anf heutigein Wochenmarkte kosteten: Butter pr. Pfd. 0.90—1.00 Mk., Hühnereier 1 St. 8—9 Pfg., 2 Stck. 00—00 Pfg., Gänseeier 00—00 Pfg., Enteneier 0 Pfg., Käse pr. Stck. 6-8 Pf.^Käsematte 2 Stck. 5-6 Pfg., Erbfen p.Pfd. 18-24Pfg.,' Stufenp.Pfd.25-40Pfg., Tauben pr.Pr.0,80—l,00Mk., Hühnerpr.St. 1,00—1,60 Mk., Hähne pr. Stück 0,80—1,80 Mk., Enten pr. Stück 1,80—2,20 Mk., Gänse m-. Pfd. 00-00 Psg., Ochfensteisch pr. Pfd. 82—88 Pfg., Kuh- und Rindfleisch pr. Pfund 80—82 Pfg., Schweine- fleifch vr. Mund 90—100 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Psund 104 Pfg., Kalbfleisch pr. Psd. 84—90 Psg., Hammelfleisch pr. Psund 60—80 Pfg. Welsche per Pfund —.— Kartoffeln pr. 100 Kg. 6,00—7,00 Mk., Z.viebeln pr. Zlr. 5,00—6,00 Mk., Milch per Liter 20 Pfg., Aevfe! per Zentner 10 bis 18 Mk., in Körben 00 Pfd., Nüsse 100 Stück 30 Pfg., Birnen per Pfd. Mk. 0.00—0.00, per Ztr. 9—15 Mk., Zwetschen per Ztr. 2,00—2.50 Mk., Weißkraut ver Stück 10—15 Pfg., per Zentner Mk. 0.00—0.00. — Marktzeit 8—2 Uhr. fc. Frankfurt a. M., 5. Oktbr. Heu- und Strohmarkt. Man notierte: Hen Mk. 3.20 bis 3.40. Stroh Mk. 2.90 bis Mk. 3.00. Alles ver 50 Kilo. ~ic Entwöhnung der Kinder ist oftmals eine recht schwierige, weil dieselben die Kuhmilch nicht vertragen können. 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