Nr. 230 Erstes Blatt ISS. Jahrgang Montag 1. Oktober 1006 Vrschetut täglich außer SomitagS. Dein GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem Krsfischen Landwirt die Stegen« Familien« blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unioers.-Vuch-u. Steindruckerei. 9L Lange. Redaktion, Ervedition und Druckerei: Metzener Anzeiger w General-Anzeiger " ZM Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Anzeiger Gießen. Vezngspretä» monatlich 7b Ps., »rettel- jährlich Mk. 2.510; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch diePost Mk. 2.— viertel- jährl. ausschl. Bestellg, Annahme von Anzeige« sür bie Lagesnuminer bi? vornrittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal I2Pf* auswärts 20 Big. Verantwortlich stbr den polit. und allgem. Teil: P. Wittko- für »Stadt und Lank/ und ,(Send)t§jnale; Ernst Heß; sür den Anzeigenteil: HanS Beck. Die heutige Mummer umfaßt 12 Seiten. jAoMssche Wochenschau. In unserer inneren Politik herrscht augenblicklich Windstille, denn selbst der am Samstag beendete sozialdem okr. Parteitag nahm keinen sonderlich interessanten Verlauf. Die Leitung deS roten Kongreßes verstand es ausgezeichnet, ein schärferes Aufeinanderprallen der Gegensätze hintanzuhalte», und sogar Zwistigkeiten über den Plan eines Generalstreiks kunstvoll zu überbrücken. Der Friedensschluß zwischen Gewerkschaft und Partei, zwischen den beiden Heer- Haufen unter der Führung von Bebel und Legten, bildete den komödienhaften Schluß eines Aufsehen erregenden Schauspiels, bei dem man, um zu einem guten Ende zu kommen, im letzten Akte das Schwert des Generalstreikgedankens in die Scheide einer blutrot dräuenden Resolution steckte, in der es, unzugestandenermaßen zwar, doch die gewisse Bestimmung hat, zu verrosten. Materiell ist bei der Beratung nicht mehr herauSgetommen, als daß die Aussichtslosigkeit deS Massenstreiks von Bebel selbst aufs deutlichste zu- gcstandcn wurde und fortan aus der ernsthaften Erörterung ausscheidet. Sonst muß hervorgehoben werden, daß ein so starkes Uebergewicht der Gewerkschaften über die »Politische Partei*, wie es durch diese Debatte samt Abstimmung bewiesen wurde und hier zum ersten Male in die Erscheinung trat, von niemandem erwartet worden war. Was wird aber nun die prakt. Wirkung deS Sieges iyc Gewerkschaften sein? Die Radikalen und Nurpolitiker haben eine Nied erläge erlitten; gewiß ist, daß der Fanatismus allein eine große Partei nicht zu wirklichen Erfolgen führt, das hat der Parteitag in Mannheim erwiesen. Insofern darf man mit Fug von einem Erfolg der possibilistischen oder opportunistischen Richtung sprechen. Auf das Endziel verzichten aber auch die Gewerkschaften und die Possibilisten nicht. Der sozialdemokratische Parteivorstand hat übrigens ein interessantes vertrauliches Rundschreiben erlassen, welches durch ein freis. Blatt veröffentlicht wurde. Nach dem Inhalte dieses Zirkulars zu schließen, sieht die deutsche Sozialdemokratie mit einiger Ve sorgniS den nächsten aügemeinen Reichstagswahlen entgegen, aber die bürger- lichen Parteien begingen einen großen Fehler, wenn sie sich von dem pessimistischen Grundton des Rundschreibens be- stimmen ließen, in der Vorarbeit für die nächste große Wahl^ schlacht nachzulassen. Vorkommnisse , wie der dreslauer Streikkrawall, die LebenSmittelteuerung usw. werden dafür sorgen, daß die Zahl der roten Stimmzettel nicht abnimmt, und wenn es dein Parteivorstand gelingt, die Einigkeit in der Sozialdemokratie wenigstens nach außen hin neid] wie vor aufrecht zu erhalten, so wird man den Sozialisten wohl kaum ihren parlamentarischen Besitzstand schmälen: können. Die bürgerlichen Fraktionen tun also gut daran, mit dieser Wahrscheinlichkeit zu rechnen und um so rastloser an ihrer Organisation zu arbeiten. In Rußland zirkulieren Gerüchte von der bevorstehenden Bildung eines gemäßigt-liberalen Ministeriums. Fürst Swiatopolk - Mirski soll dem Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch ein Projekt vorgelegt haben, ivclck)es geeignet sein soll, sofort eine Verständigung zwischen der Regierung und dem Volke herbeizuführen. Dem Großfürsten habe das Projekt so gefallen, daß er es sofort telegraphisch dem Zaren nach Finnland übermittelte. Sollte ein liberales Ministerium zustande kommen, so würde Fürst Siviatopolk den Vorsitz übernehmen. Ein Blatt verzeichnete bereits das Gerücht, daß Stolypin beabsichtige, zu demissionieren. Nach Meldungen aus Odessa wird die Lage dort stündlich schlimmer. Die Mitglieder des Verbandes russischer Patrioten greifen Studenten und Juden auf der Straße an, mit Messern und Revolvern. Kein Mensch nimmt mehr von solchen Vorgängen Notiz, da es zu den alltäglichen Ereignissen gehört. Die sog. russischen Patrioten drohten den Oberbürgermeister von Odessa hinzurichten, weil er die Juden seiner Stadt unter seinen Schutz nahm. Die Wahlen zur Duma sollen während der Neujahrsfeier stattfinden. Der Zusammentritt der Duma soll am 15. März erfolgen. Der Gouverneur von Finnland, Gerhardt, soll vom Zaren knit der Ausarbeitung der Geschäftsordnung der Duina und des ReichsrateL beauftragt worden sein. — Einem Londoner Blatte wurde aus Petersburg geschrieben: Der Zar und König Eduard werden nächster Tage einen Vertrag über Tibet unterzeichnen, wonach Rußland allen Schutz in Tibet aufzugeben hätte. Der Entwurf eines solchen Abkommens ist dem Zaren vorgelegt worden. Der wichtigste Punkt darin ist der beiderseitige Verzicht auf eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Tibets. England gibt die Vorteile auf, die er sich durch seinen militärischen Zug nach Lhassa gesichert hatte (?), während Rußland dem Dalai Lama keinen Schutz mehr gewährt. Nack) Unterzeichnung dieses Vertrages wird die persische Frage erörtert werden. Die Erkrankung des greisen Kaisers Franz Joseph ist so weit gehoben, daß der Monarch fick) bereits wieder int Freien ergehen konnte. Liber Jo stramm er auch noch im Sattel sitzt und so unermüdlich er sich in der Erledigung der Negierungsgeschäfte zeigt, macht sich doch bei ihm das Alter mit seinen Beschwerden immer fühlbarer. Der Thronfolger muß öfter denn je die Repräsentationspflichten seines kaiserlichen Oheims übernehmen, und der inneren politischen Lage Oesterreich-Ungarns ist es auch nicht förderlich, daß der Kaiser seit einiger Zeit kränkelt. Mittlerweile bereitet sich die Ziveiteilung der habsburgischen Monarchie unaufhaltsam, sogar in der Armee, vor. So bekommt jetzt die ungarische Landwehr, die Honved, ebenso ihre eigene Artillerie wie die österreichische, aber während bei der letzteren die Kommandosprache natürlich deutsch ist, wird die ungarische Honved-Artillerie magyarisch kommandiert werden. Die Situation auf dem Balkan ist nach wie vor höchst kriegerisch. In den letzten Septembertagen sind von Konstantinopel noch 5 Schnellfeuecgeschützbatterien, 384 Pferde und 16 Waggons mit Munition nach Adrianopel abgegangen. Nach den Informationen der Pforte wurde ein großes bulgarisches revolutionäres Komplott in Jenidse entdeckt. Eine Kommission wurde hingesandt; zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. In Barichan (Bezirk Monastir) tötete eine griechische Bande fünf Bulgaren und verwundete ein junges Mädchen. Es verlautet, daß an der bulgarischen Grenze ernste Zwischenfälle vorgekommen seien, bei denen mehrere Batillone beteiligt gewesen seien. Die Jahreszeit ist für einen Feldzug aber schon zu weit vorgeschritten, und der Herbst hat diesmal auch auf dem Balkan ungewöhnlich rauh eingesetzt; trotzdem muß man leider damit rechnen, daß es dort über kurz oder lang blutiger Ernst wird. In der kubanischen Frage ist die Entscheidung gefallen. Der ameritan. Kriegssekretär Taft hat sich zum Gouverneur von Kuba proklamiert. Er will den Posten bis nach den Wahlen behalten. Präsident Palma hat sich auf seinen Landsitz begeben. Er und Vizepräsident Ca- pote sind endgiltig zurückgetreten. Das^ Vorgehen Tafts ist die Folge des Mißlingens des Versuchs, den kubanischen Kongreß zusammentreten und einen neuen Präsidenten für Palma wählen zu lassen. Eine deswegen von Taft erlassene Proklamation machte, so wird von amerikanischer Seite wenigstens behauptet, in Havanna einen ausgezeichneten Eindruck, besonders wegen ihrer gemäßigten Sprache. In der Proklamation wird erklärt, daß die Einsetzung einer provisorischen Regierung nur wegen der dringenden Erfordernisse der Lage und der Wiederherstellung der Ruhe, Ordnung und des öffentlichen .Vertrauens erfolgte, bis eine ständige Regierung geschaffen sein wird. Alle Exekutive-, Stadt- und Provinzialbehörden bleiben bestehen, wie die Proklamation besagt. Niemand, so wird weiter von Herrn Tast kühn aller Welt verkündet, scheine die ehrlichen Absichten Roosevelts und seiner Vertreter in Zweisel zu ziehen bezw. Befürchtungen zu hegen, daß die provis. Regierung Schwierigkeiten oder offenen Widerstand in irgend einem Teile von Kuba finde. Die geschäftlichen Kreise seien von dem Wechsel der Regierung sehr befriedigt. Im übrigen sind 5000 Mann zur Unterstützung der friedlichen und „ehrlichen" Absichten Roosevelts nach Kuba beordert worden! Fernerhin entwaffnet Taft die Jnsuraenten sowie die Regierungsrekruten. Bestehen bleibt nur die Landgendarmerie. Glaubt er oder sein Herr und Gebieter im Weißen Hause zu Washington, daß angesichts solcher diktatorischer Maßnahmen das Märchen von der amerikanischen Ehrlichkeit irgendwo aus der Erde nicht durchschaut wird? Uebrigens zeigen wieder einmal Die Rassenkämpfe inGeorgia, daß die Amerikaner sich davor hüten sollten, ihr Land von Truppen zu entblößen. Nicht nur der Haß zwischen den Weißen und Negern, sondern auch noch andere ,Gefahren lauern im Reiche des Dollars. Es ist möglich, daß die Industriearbeiter, vor allem die Bergleute, die günstige Gelegenheck, wenn Amerika seine Armee nach Kuba entsendet hat, benutzen und den General- streik proklamieren. Sozialdemokratischer Parteitag. (Unberechtigter N achdruck verboten.) VL S.u.H. Mannheim, 29. Sept. Letzter Tag. Am heutigen letzten Verhandlungstage des Parteckages ist die Zahl der Genossen recht zusammengeschmolzen. Das Hauptthema des heutigen Tages ist Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug Referent dazu ist der durch den Königsberger Hochverratsprozeß bekannt gewordene NeichstagSabg. Rechtsanwalt Haase. Er stellt folgende Forderungen auf: Aus dem Gebiete des Strafrechts: 1. Eintritt der Strafmündigkeit frühestens mit dem vollendeten 16. Lebensjahre. — 2. Beseitigung aller dehnbaren Begriffe aus dem Strafgesetzbuch und scharfe Präzisierung der Strafvorschristen. — 3. Beseitigung aller Strafbestimmungen gegen die freie Meinungsäußerung und das freie künstlerische Schaffen, sowie gegen die Bestrebungen auf Verbesserung der Lebenslage der Arbeiterklasse. Dagegen Schutz der Arbeitskraft gegen Ausbeutung und Erweiterung des Notstandsrechts. — 4. Aushebung des Landstrafrechts der landesgesetzüchen Forst -und Felddiebstahlgesetze, der Ausnahmegesetze gegen Landarbeiter und Gesinde. — Reichsgesetzliche Regelung des Polizeistrafrechts unter genauer Begrenzung der Polizeibefugnisse und Eindämmung der Polizeiwillkür. Abschaffung der Strafen wegen Bettelns, Landstreichens, Nichtschaffung eines Obdachs. Anerkennung und Sicherung bei unbedingten Rechts aus Streikpostenstehen. — Abschafsung der Todesstrafe. Beseitigung alter Mindeststrasmaße. Zulassung mildernder Umstände bei allen strafbaren Handlungen. Mildere Bestrafung der Eigentumsvergehen. Bestrafung der Entwendung von Gebrauchsgegenständen zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse, sowie von Arbeitsmaterialien von nicht er«* heblichem Wert nur als Uebertretung. Weitgehende Zulassung der bedingten Verurteilung. Zulässigkeit der Geldstrafe sür alle strafbaren Handlungen an Stelle der kurzzeitigen Freiheitsstrafe. Unzulässigkeit der Umwandlung einer un ein ziehbar en Geldstrafe in Freiheitsstrafe. Festsetzung einer mäßigen Maximalhöhe für die Geldstrafe bei Uebertretungen; Bemessung nach der Höhe des Einkommens bei allen anderen strafbaren Handlungen. Beseitigung des Rechts auf Ueberweisung an die Landespolizeibehörde unD. auf Stellung unter Polizeiaufsicht. Für den Strafvollzug: 1. Der Strafvollzug ist durch Rerchsgesetz einheitlich so zu gestalten, daß er nicht nur Niederdrückung und Peinigung der Verurteilten, der Opfer der bestehenden Gesell-, schaftsordnung, sondern zur Stärkung ihrer körperlichen, geistlichen, sitrlichen Widerstandskraft im Kampf ums Dasein führt. Abzuschaffen sind das Schweigegebot und die brutalen Disziplinarstrafen. 2. Für Jugendliche bis zum 20. Lebensjahre sind besondere Anstalten unter pädagogischer Leitung, für geistig Minderwertige unter pädagogischer und ärztlicher Leitung, zu errichten. 3. Ist der Zweck des Strafvollzugs erreicht, so ist der Verurteilte auch vor Ablauf der Strafzeit zu entlassen. — 4. Dem Entlassenen gegenüber hat der Staat eine Fürsorgepflicht zur Beschaffung von Arbeit. Aus dem Gebiet des Gerich ts-Ver sassungs- gesetzes und des Strafprozesses. 1. Wahl der Richter ohne Unterschied des Geschlechts durch das Volk mcktels des allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten Wahlrechts. Bis zur Durchführung dieser Forderung Aufrechterhaltung der Schwurgerichte unter Enoeiter- ung ihrer Zuständigkeit. — 2. Einführung besonderer Jugendgerichte. — 3. Beseitigung des Anklagemonopols der Staatsanwaltschaft. — 4. Volle Verantwortlichkeit der Beamten für Verschulden bei der Strafrechtspflege unten Mithafutng des Staates. — 5. Beseitigung des geheimen inquisitatorischen Vorverfahrens. 6. Beseitigung der Untersuchungshaft wegen Kollusionsgefahr. Einschränkung der Untersuchungshaft wegen Fluchtverdachts auf'bestimmte schwere ,Verbrechen beim Vorhandensein konkreter, den Fluchtverdacht rechtfertigenden Tatsachen. Beiordnung eines Verteidigers für den Verhafteten. Der Verteidiger nimmt aus Vorschlag Singers Die. Thesen en bloc an. Die ausgeschlossenen Genossen Schröder-Berlin und Wegner-Stettin, die um die Wiederaufnahme in der Partei bitten, erhalten einen ab lehn end en Bescheid. Nun stehen noch eine ganze Reihe von Anträgen zur Verhandlung. Die Resolution Bebels über die! russische Revolution nimmt der Parteitag eim. stimmig an. Für verschiedene Anträge zur Frage der Jugendorganisation tritt Dr. Frank-Mannheim ein. Dr. Frank und Rechtsanwalt Dr. Liebknecht legen folgenden Antrag vor: Das Erwachen der jugendlichen Arbeiter zu selbstständiger Tätigkeit wird begrüßt. Der Parteitag macht es den Parteigenossen zur Pflicht, überall dort, wo die Bereinsgesetze es gestatten, Die Bildung von Jugendorganisationen vorzunehmen. Es wird jetzt über Anträge verhandelt, die Organisatioll betreffen. Pfanukuch-Berlin schlägt vor, alle Anträge, die die Organisation betreffen, von der Tagesordnung abzusetzen. Man habe ja erst in Jena eine neue Organisation, geschaffen. Daher dürfe man nicht jetzt schon wieder an diesem Werke rütteln. Warten wir ein Jahp der Entwicklung ab. Die Anträge können ja aus dem nächsten Parteitag wiedertehren. Der Parteitag beschließt nach dem Anträge. Es wird nun eine Reihe von Anträgen zum Thema Presse behandelt. Die Genossen erklären, sie verlangen in' bezug auf Kunst etwas besseres, als ihnen in letzter Zeit geboten wurde. Ein Antrag, die persvnliche Polemik in der Parteipresse einzustellen, findet nicht genügende Unterstützung. Interessant wie immer gestallRe sich der Kampf um Den Ort des nächsten Parteitages Ein Antrag, Den Parteitag stets in Berlin abzuhalten, wirb a b g e l e h n t. Auch Die StäDte Offenbach, Chemnitz unD Solingen finden keine Gegenliebe. Der Parteitag beschließt mit großer Majorität, die nächste Tagung in Essen abzuhalten. Nach oer Mittagspause werden die Anträge beraten,. die von Der Agitation handeln. Vor allem wird von Liebknecht eine rege Agitation gegen Den Militarismus gefordert. Bebel: Wir lassen uns aus eine solche Agitation nicht ein. Dazu haben wir ein zu großes Gefühl Der Verantwortlichkeit. (Lebhafter Beifall.) Es gibt in ganz Europa reine zweite sozialdemokrat. Pari ei. Die im Parlament unD in Der Presse so energisch gegen D e n Militarismus eintritt, wie unsere Partei. (Lebhafter Beifall.) Schütz-Breslau: Wir haben alten Grund, _Der Gesellschaft ihre größte Waffe, das Militär und die Sekte Des. Handabhacker, zu entreißen. Liebknecht gibt sich, nicht zufrieden. Bebes: Daß ich Liebknecht nicht überzeugen kann, 'davon bin ich längst überzeugt. Ich rede gar nicht zu ihm, sondern zum Parteitag. (Sehr richtig!) In Frankreich ist die antimilitaristische Propaganda in einer Weise betrieben worden, d-ie ich nur lebhaft bedauern kann. (Zustimmung.) Für die Anträge betreffend die militaristische Propaganda stimmen nur 3 bis 4 Genossen. Der Antrag Essen: Der Parteitag möge beschließen, alle für die Sozialdemokratie in agitatorischer Beziehung in Betracht kommenden Reichstagsverhaudlungcn, insbesondere die Verhandlungen über die Arbeiterschuhgesetzgebung, Handelsverttagspolittk, Heer- und Marineforderungen nach den stenographischen Berichten in Broschürenform zum Selbstkostenpreis an die Vtitglieder der Partei abzugeben, wird dem P^rteivorstand zur Erwägung überwiesen. Berliner Genossen haben folgenden Ankrag 'cingebracht: „Trotz des bereits bestehenden Beschlusses, im Falle einer Stichwahl zwischen gegnerischen Parteien sich der Stimme zu enthalten, ist hiergegen vielfach in gröblichster Weise verstoßen worden. Der Parteitag zu Mannheim bringt deshalb dringend in Erinnerung, daß dieser Beschluß überall und unbedingt respektiert werden muß, solle er nicht zur Farce werden. Ganz besonders aber widerspricht es dem Pont. Ehrgefühl der Genossen, der sogenannten Freisinnigen Volkspartei irgendwelche Wahl hülfe zu leisten. Diese Partei hat keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne ihrem Haß gegen die Sozialdemokratie die Zügel schießen zu lassen, sie hat bei wllen Wahlen selbst dem krassesten Reaktionär gegen unseren Genossen zum Siege verhalfen und kann heute mit Recht als die Bannerträgerin der Reaktion bezeichnet werden. Eine solche Partei je eher je besser vom politischen Schauplatz verschwinden zu lassen, muß als Ehrenpflicht der Genossen betrachtet werden." Bebel: Der Genosse hätte den Anttag dem Vorstand zur Erwägung überweisen sollen. Eine positive Stellungnahme können wir heute,. wo wir in keine Wahlrechtsdebatte eingetreten, nicht fassen. Auf-Bebels Vorschlag wird der Anttag von der Tagesordnung a b g e s e tz t. Die Frauenkonfercnz hat folgenden Anttag eingebracht: „Tie Frauenkonferenz lenkt die Aufmerksamkeit der Genossen und der Genossinnen auf die erschreckend hohe Zahl von Fällen entsetzlicher Mißhandlung, Verwahrlosung und Ausbeutung von Kindern durch die eigenen Eltern, Pfleger oder Erzieher. Sie fordert alle Patteiangehöri- gen und alle Arbeiterorganisationen auf, solchen Unmcnschlich- keiten aufs kräftigste entgegcnzutreten und durch die Organe der Arbeiterschaft (Arbeiterpresse, Gewerkschaften, Krankenkassen) auf deren Verhütung planmäßig hinzuarbeiten. Dje Konferenz protestiert ferner gegen die heute herrschende Ausgestaltung der Zwangserziehung, die das verwahrloste Kind der planmäßigen Ver- muckerung und oft der schmählichsten Ausbeutung überliefert. Sie fordert eine wirkliche Fürsorgeerziehung, die eine wahrhafte Zuflucht für mißhandelte Kinder schaffen und diese dem kindlichen Wesen gemäß zur Selbständigkeit heranbilden soll. Die Konferenz erwartet von den Arbeitervertretern in allen öffentlichen Körperschaften, daß sie ständig und planmäßig den Kampf führen auch für diesen Schutz der Kinder gegen Verwahrlosung und Mißhandlung." Der Parteitag stimmt der Resolution zu. Ein Anttag bezieht sich auf die Parteikorrespondenz. Es wird gefordert: Die neu herausgegebene „Parteikorrespondenz" ist allen -Ortsvereinsvorsitzenden unentgeltlich zuzustellen. Es soll so verfahren werden: Parteisekretäre, die bereits in anderen Stellungen höheren Gehalt bezogen haben, sollen dieses Gehalt auch in der neuen Stellung erhalten. Alle anderen sollen mit einem Anfangsgehalt von 2000 Mt. an gestellt werden. Damit sind die Verhandlungen beendet. Singer teilt dann das Resultat der Wahlen zum Vorstande mit. Insgesamt wurden abgegeben 352 Stimmen, von denen 350 gültig waren. Es erhielten als Vorsitzende Bebel 350 Stimmen, Singer 349 Stimmen, Gerisch als Kassierer 350 Stimmen. Singer: Wir stehen jetzt am Schluß des Parteitages. Ich kann feststelten, daß der Mannheimer Parteitag seit Halle der bestbesuchteste war. 409 Delegierte und $6 Gäste waren erschienen. Wir können mit der „roten Wehr" zufrieden sein. Wir haben die Frage der Volkserziehung hier behandelt. Unser Arbeitsgebiet wird dadurch vertieft werden. Auf dem Gebiete der Strafrechtspflege haben wir ebenfalls Stellung genommen. Vor allem waren aber die Fragen des M a s s e n st r c i k s von allerhöchster Bedeutung. Ein revolutionärer Geist wehte durch alle Ausführungen. Meinungsverschiedenheiten entstanden nicht. Parte: und Gewerkschaften lassen sich nicht auseinanderbringen, nicht von außen, noch von innen. Das mögen sich die Anarchosozialen merken. (Lebhafter Beifall.) Wie der Main und Neckar in den großen Rhein fließen, so find auch Partei und Gewerkschaft Arme der großen proletarischen Arbeiterbewegung. Dieses brüderliche Z u s a m m e n st e h e n ist es, was diesem Parteitag den Siegel aufdrückt, ihm die Weihe gibt. Der Mannheimer Parteitag wird cinge- graben sein in die Geschichte der Partei und Gewerkschaft. Von hier aus kämpfen diese beiden einig und gemeinsam. Unsere Verhandlungen werden von der Bourgeoisie mit Entsetzen, von den Arbeitern mit stolzer Freude gelesen werden. Die nächsten Wahlen werden uns schwere Kämpfe bringen. Das Bürgertum wird einig und geschlossen gegen uns auftreten. Wir wissen es, drum müssen wir daran denken, den Kampf siegreich zu bestehen. (Lebhafter Beifall.) Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie und der Absingung der Marseillaise wurde dann der Parteitag geschlossen. politische Lcrgesschatt. verein auf sozialistischer Grundlage im Juli 190 3 in Offenbach ä. M. gegründet wurde. In Süddeutschland wurde durch Dr. Frank-Mannheim eine lebhafte Agi- tatton in Szene gesetzt, die 1904 in Mannheim zur Gründung des „Verbandes junger Arbeiter" führte. Der Vorsitzende Bruno Wagner begrüßte die Versammlung, besonders die Gäste aus Belgien. Zunächst wird beschlossen, daß der Genuß von alkoholischen Getränken für die ganze Dauer der Tagung verboten ist. Auch das Rauchen wird aus Rücksicht auf die anwesenden Genossinnen . u n te r s a g t. Kassierer Gerisch vom Parteivorstande begrüßt die junge Genossenschar. Frau Zi etz-Hamburg: Ich gehöre zur Men Garde (Heiterkeit) und weile hier als Vertreterin der Frauenkonferenz. Frauen- und Jugendbewegung sind aufeinander angewiesen. Neben der männlichen Jugend muß aber auch die weibliche Jugend herangeholt werden. Bruno Wagner wies darauf hin, daß auch andere Parteien solche Jugendorganisationen haben, z. B. die Nation alliberale. Freilich wären die Nationaltibe- ralen jetzt froh, wenn sie diese Geister nicht gerufen hätten, denn zwischen der alten Partei und den Jungen bestehen scharfe Gegensätze. Bei uns, so meinte der Redner, werde so etwas nicht Vorkommen. (Sine unserer ersten Aufgaben muß der Kampf gegen den Militarismus sein. Bei allen unseren Fragen tooffen wir im Einklang mit der großen alten Parteiorganisation stehen. (Beifäll.) Verschiedene Genossen besonders die Pfälzer, erklärten kategorisch: „Wir muffe demouschtriere mit der roten Fahne!" Ein junger Genosse aus Hessen macht den alten Parteigenossen heftige Vorwürfe. Er wirft ihnen Lauheit und Mißtrauen vor. Man habe sogar den Jugendlichen zum Vorwurf gemacht, daß sie sich auf der Straße „Genosse" titulieren. Me 100 Delegierten haben sich zum Wort gemeldet, einige sogar zweimal. Man schließt aber die Diskussion durch einen Schlußanttag. Indirekte Wirkungen der Fleischverteuernng. Zu den unliebsamen Wirkungen der Fleischverteuerung gehört auch die, daß die Ersatzmittel für Fleisch infolge der steigenden Nachfrage ebenfalls verteuert werden. Dies laßt sich für manche Attikel statistisch genau nachweisen. So sind die Großhandelspreise von Fischen in Berlin von 1891 bis 1905 ’tn Jahresdurchschnitt wie folgt gestiegen: Es kostete: 1 Dz. Hechte lebend 1891: 128,43 Mk. W V II 1905: 192,64 , „ , „ in Eis 1891: 96,19 , U ■ » n w 1905: 123,46 „ „ „ Schleie lebend 1891: 161,68 , l v r >, 1905: 200,84 , „ „ - in Eis HU II n w 1 „ Bleie lebend 1 » w n 1 „ , in Eis 1 „ Barsche lebend 1 , ,, 1 „ „ in Eis 1891: 81,75 , 1905: 129,25 , 1891: 84,37 „ 1905: 100,61 „ 1891: 40,71 „ 1905: 63,82 „ 1891: 112,44 y 1905: 152,78 „ 1891: 51,20 „ r» v u 11 1905l 86,26 „ Die Steigerung der Preise ist ganz enorm. Hausfrauen, die über ein gutes Gedächtnis verfügen, werden auch eine Preissteigerung für Eier konstatieren können. Solche Preis st ei gerungen machen alle Lohnerhöhungen und Gehalts st eigerungen, die im gleichen Zeitraum stattgefunden haben mögen, illu * orisch. Aervand junger Arbeiter Deutschlands. L (Unberechtigte'' Ncchdr"ck verboten.) S. u. H. Mannheim, 30. Sept. Die „Junge Garde", wie sich die in den Jugendorganisationen zusammengeschlossenen jugendlichen Genossen nennen, hielt heute ihre erste Generalversammlung im Anschluß an den sozialdemv- krattschen Parteitag ab. Tie Jugendorganisationen Hutten etwa 100 Telegierte entsendet. Der „junge" Verband zählt heute 35 Ortsgruppen mit etwa 3000 Mitgliedern, die sich zum größten Teil aus Süddeutschland — vornehmlich aus Baden, Hessen und der Pfalz — rekrutieren. Die „junge Garde" will eine Vorhut und Vorschule der Sozialdemokratie sein. In einigen Staaten, in denen sich junge Herren nach den Vereinsgesetzen nicht politisch organisieren dürfen, hat man die gewerkschaftliche Form gewählt. Der Geschäftsbericht ist zugleich eine Abhanmum- über v.„- Geschichte der Jugendorganisationen. Daraus geht hervor, faj der erste JugendJn Würzburg beschloß der Magistrat, wegen der fortwährenden Steigerung der Fleischpreise bei der Staatsregierung vorstellig zu werden, daß diese beim Bundesrat auf Oeffnung der Grenzen für Schlachtvieh dringe. Die Petition soll von allen bayerischen Städten unterzeichnet werden. Gießener Strafkammer. K Gießen, 30. September. Gefährdung eines Eisenbahntranspsrtes. Die Strafkammer verhandelte am Freitag zunächst über die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen ein Urteil des Schöffengerichts Büdingen, das den M e tzg e r l e h r l i n g K. T. dort von der Anllage der fahrlässigen Gefährdung eines Eisenbahntransports freigesprochen hat. T. versuchte mit dem Fuhrwerk seines Meisters den Bahnübergang auf der Straße Orleshausen-Büdingen nodj zu passieren, als der Bahnwätter bereits mit dem Schließen der Schranke begonnen hatte. Der Wagen blieb an dem sich inzwischen senkenden Schrankenbaum hängen, sodaß das Pferd, das auf dem Gleise stand, weder vor- noch rückwätts konnte. Ein in der Nähe arbeitender Bahnbediensteter befreite ihn auf feine Hülferufe aus feiner gefährlichen Lage durch Hochheben der Schranke. Kaum hatte das Fuhrwerk den Bahnkörper verlassen, so passiette schon der Zug die Stelle. Trotzdem der Angeklagte im ersten Moment erklärt hat, er habe geglaubt, er könne noch durchkommen, bestritt er in beiden Instanzen das Gloclensignal gehört zu haben. Ec behauptete, das Läutewerk fei erst in Tätigkeit getreten, als er sich unter der Schranke befand. Demgegenüber wurde von den Bahnbeamten bekundet,. daß sich die Schranke erst nach dem 18. Glockenschlag senkt. Die Strafkammer wie das Schöffengericht hielten es nicht für ausgeschlossen, daß er das Läutewerk überhört haben könne, weshalb die Verhandlung mit Freisprechung endigte. Vergehen gegen das Biehsenchengesetz. Gegen den Schäfer O. W. von Ettingshausen war wegen Vergehens gegen das Viehfenchmgesetz Anklage erhoben, weil er, ohne int Besitz eines tierärztlichen Gesundheitsscheins zu sein, eine Schafherde über die Gemarkungsgrenze transportiert hatte. Der Angeklagte versicherte, er habe geglaubt, die Bescheinigung des Bürgermeisters genüge, daß die Gemarkung seuchenftei sei, zumal der Bürgermeister derselben Ansicht war. Das Schöffengericht kam zum Freispruch mit der Begründung, daß dem Angeklagten als einfachen Mann nicht 5:1 gemutet werden könne, die sich vielfach ändernden Bestimmungen ?". kennen, da selbst der Bürgermeister davon keine Kenntnis habe. Tie Sttas- kammer dagegen, kam infolge Berufung der Staatsanwaltschaft zu einem verurteilenden Erkenntnis. Sie war der Ansicht, daß ein Schäfer, der viel mit Viehttanspotten zu tun hat, verpflichtet ist, sich über die einschlägigen Bestimmungen zu orientieren und erkannte auf eine Geldstrafe von 10 Mar k. Der Landwitt Johann P. H. von Gamm elsb ach hat mit Hülfe eines Schäfers die Schafherde seines, Vaters von der Winterweide int Odenwald nach der Sommerweide in den Vogelsberg verbracht. In der Nähe von Büdingen wurde er zum Vorzeigen des tierärztlichen Gesundheitsscheins aufgeforbert, wobei es sich herausstellte, daß das Datum der Gültigkeitsdauer auf zwei Tage später abgeändert worden war. H. behcnrptete, der Schäfer habe den Schein auf der ganzen Reise nachgetragen, wenw tatsächlich eine Fälschung vorgenommen worden sei, müsse sie der Schäfer begangen haben. Es wurde deshalb auch ein Verfahren wegen Urkundenfälfchunc, eingeleitet, das später auf H. ausgedehnt und in dem der Schäfer als Zeuge auf treten mußte. Der Untersuchungsrichter merkte bald, daß der Zeuge beeinflußt ist, weshalb er ihn 8um Zweck einer wahrheitsgetreuen Aussage beeidigte. Hier gab er zu, daß ihm der Angeklagte angegeben hat, wie er awssagen solle, was ssine weitere Untersuchung wegen Meineidsverleitung zur Folge hatte. In der Hauptverhandlung bestritt der Zeuge zum Teil seine früheren beeidigten Aussagen, indem er sich auf Gedächtnisschwäche berief. Wegen Verdachts der Teilnahme an der strafbaren Handlung sah das Gericht von seiner Beeidigung ab. Es war auf Grund der widersprechenden Angaben nicht in der Lage, wegen Verleitung zum Meineid Verurteilung eintreten zu lassen, dagegen erkannte es H. der Urkundenfälschung und des Vergehens gegen das Viehseuchengesetz für schuldig und verurteilte ihn zu 3 Monaten Gefängnis. Ta Fluchtverdacht nicht mehr vorlag,, wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Ein Pfarrer alö Wahlvcrbesserer verurteilt. Die Nachmittagssitzung galt der Anklage gegen den Pfarrer Tr. G: Sch. von Eschenrod bei Schotten wegen Wahlfälschung. Nach der eidlichen Bekundung einer größeren Anzahl Zeugen hat er bei der Ergänzungswahl des Kirchenvorstandes vorsätzlich ein unrichtiges Wahlergebnis herbei- geführt. Es kam ihm darauf an, den mit ihm auf gespanntem Fuß lebenden Bürgermeister nicht in den Kirchenvorstand zu be- komrnen, während eine Anzahl der Wahlberechtigten sich verabredet hatten, den Bürgermeister zu wählen. Schon vor der Wahl hat er einer Anzahl Wähler Zettel mit den Namen zweier von ihm gewünschten Kandidaten zugeschickt. Die Wahl wurde in der Kirche nach beendetem Gottesdienste vorgenommen. Der Pfarrer sammelte die Zettel in einen Hut, der in Ermangelung einer Urne auf dem Mar Platz fand. Er faltete die Zettel alle erst auf und hielt sie in der Hand. Beim Verlesen schob er die verlesenen Zettel immer unten hin und fragte wiederholt, wie viels Stimmen dieser oder jener Kandidat bis jetzt habe.-.Schließlich verkündete er, ohne daß vorher einem andern die Stimmzettel zu Gesicht kamen, das Wahlergebnis mit den Worten: P. ist als Kirchenvorstand gewählt, zwischen dem Bürgermeister uni) Sch. entscheidet das Los. Er fertigte zwei Zettel, die er mit Nummern und den Anfangsbuchstaben der zwei in Bettacht kommenden versah und legte sie in den Hut, worauf er ein Mitglied, der Wahlkommission ziehen ließ. Nachdem er das ihm überreichte Los entfaltet hatte, bemerkte er, ohne jemanden Einsicht zu gestatten, Sch. ist gewählt. Die Zettel schob er in einen Briefumschlag und verschloß ihn. Nach feiner Behauptung hat er den Umschlag sofort versiegelt, während dies von niemandem beobachtet worden ist. Dreizehn oder vierzehn Wähler beschworen, sie hätten dem Bürgermeister ihre Stimmen gegeben, während der versiegelte, an das Dekanat Schotten eingesandte Umschlag, nur 7 auf ihn lautende Stimmen enthielt. Nach dem Inhalt des Briefes hätte eine Stichwahl überhaupt nicht ftat'tfinben dürfen, da der Gegenkandidat des Bürgermeisters schon im ersten Wahlgang mit zwei Stimmen Majorität gewählt gewesen wäre. Äuf Befragen des Vorsitzenden, was er auf die Anklage zu erwidern habe, bemerfte er, daß er die Beschuldigung mit Verachtung zurückweife. Er war der Ansicht, daß seine Gemeinde sich zu einem Komplott gegen ihn verschworen haben müsse: insbesondere habe der Bürgermeister ihn verfolgt und denunziett und die Gemeinde vom Kirchenbesuch abzuhalten versucht. Dies habe ihm alle Lust und Liebe zum Beruf genommen, weshalb er außerhalb des Pfarramts tätig werden wollte, was sich aber aus finanziellen Gründen nicht ausführen ließ. Er schildette bei seiner zweistündigen Vernehmung die ihm augefügten Chikanen jeglicher Art: U. a. sind ihm in seiner Baumschule 1000 Bäumchen abgeschnitten worden: es wurden ihm Steine ins Haus geschleudert und der Garten mit Bierflaschen beworfen, Fensterscheiben zertrümmert und der Gartenzaun weggerissen und das Obst geholt. Die Gemeindemitglieder, insbesondere der Bürgermeister, gingen achtlos an ihm und seinen Familienangehörigen vorbei ohne zu grüßen; von der Jugend würde er „ausgeblött" und mit dem Vornamen gerufen, sogar im Gotteshaus wäre ihm ^Stafsorst" zugerufen worden. Eine Reihe beleidigender anonymer Schriften und Neujahrskarten beleidigenden Inhalts seien ihm 5 u gegen gen, wovon er einige zu den Akten gab, die zum Teil zur Verlesung gelangten, abgesehen von den Beschwerden und Eingaben an die vorgesetzte Behörde um Versetzung. Es war deshalb nicht zu verwundern, wenn angenommen wurde, er soll aus dem Ott „hinausgeekelt" werden. Der Direktor der Landesheil- anftalt zu Marburg, Prof. Dr. Tuezek, bei dem Dr. Sch. sechs Wochen lang zur Beobachtung seines Geisteszustandes untergebracht war, erklärte ihn für einen schwer nervösen Menschen, der auch erblich belastet ist. Ter Vater war leidend und die Mutter irrsinnig, Geschwister und andere Verwandte seien geistig nicht normal. Bei ihm liege zwar Geisteskrankheit nicht vor, doch sei seine physische Widerstandskraft sehr herabgemindert. Für die Tat fei er verantwortlich zu machen, da er weder bei ihrer Begehung noch jetzt sich in einem Zustand befunden habe, bezw. befindet, der feine freie Willensbestimmung ausschließt. Das gegen Mitternacht verkündete Urteil lautete auf die geringste zulässige Strafe von einer Woche Gefängnis. Wenn auch eine Reihe von Handlungen dem Geistlichen gegenüber vorgenommen worden ist, die von roher und niedriger Gesinnung zeugen, so konnte doch die Strafkammer nicht annehmeu, daß eine so große Anzahl Zeugen vor dem vom Oberrönsistorium beauftragten Kommissar im Disziplinarverfahren sowohl, als auch im ©traf»' verfahren Meineide geleistet hätten Sie war der lieber Beugung,' daß er später das Couvert mit den Stimmzetteln geöffnet hat, um den Inhalt mit dem Ergebnis in der Kirche in Uebercinftimmung zu bringen, wobei ihm das Versehen passiert fei, daß der Bürgermeister eine Stimme zu wenig, und fein Gegenkandidat eine zu viel erhielt. Arbeiterbewegung. Aachen, 29. Sept. Auf dem Hüttenwerk „Rote Erde" iand heute vormittag die von der Lohnkommifsion bet' ausständigen Arbeiterschaft nachgesuchte Besprechung mit der' Direktion statt. Laut Mitteilung der Direktion wurde der Kommission eröffnet, daß die Arbeit nur auf Grund des von der Direktion schon am 2. August sestgelegten unabänderlichen Standpunktes, nach welchem die geforderte generelle Lohnansbefserung ausgeschlossen ist, wieder aufgenommen werden könne. Die Frage, ob die Arbeiterschaft sich auch auf diesen Standpunkt gestellt habe, konnte die Lohickommission nicht beantworten. Dem Vernehmen nach werden die ausständigen Arbeiter am nächsten Dienstag eine große Vsrsammlnng veranstalten, in der zur Eröffnung der Direktion Stellung genommen werden soll. . , St" 11 g art, 29. Sept. Tie vereinigten Klavier- sabriken, 16 Betriebe mit über 1000 Arbeitern, kündigten eine allgemei ne Ausspe r r u n g der organisierten Ar-' der ter an, ialls die im Ausstande befindlichen Arbeiter dreier Fabriken am 2. Oktober die Arbeit nicht wieder ausnehmen. . nberg, -9. Sept. In der heutigen Vollversammlung befc Arbeitgeber im Baugewerbe wurde, nachdem die Einigungsverhandlungen über den Abschluß der Tarifverträge zft mrl.Cr k 1 1 worden waren, beschlossen, von Montag an auch ^.litglieder der freien Gewerkschaften wieder in Arbeit aiifzunehmen. 4.et Ai a u r c r ft reif ist somit gänzlich erledigt. Haris, 29. Sept. Der Ausstand sämtlicher Bäckergesellen ivegen Lohndifferenzen steht bevor. o < 11 Glasgow sind 7000 Bergarbeiter wegen Lohndifferenzen m den Ausstand getreten.________________ Attiver-rtälts-Nachrrchten. t , — Die Gr 0 ße Goldene Medaille für Wissen- I cd af t wurde dem ordentlichen Professor in der Berliner Juristen ^akullut, Geh. Justizrat Dr. Heinrich Dem bürg, Mit- glied des vreumschen Herrenhauses, verlieben. Der Meister des bürgerlichen Rechts steht im 78. Lebensjahre. chäl Mit , I. Oktober, heutige 6951 Drogerie ich mein nermKauen-, rariumenen- una r aroe sowie die Fabrikations-Abteilung in meinen Neubau, fast gegenüber dem seitherigen Geschäftslokal. Bekanntmachung. Auf Grund des § 42 der Verordnung vom 18. Januar 1900, die Anlegung des Grundbuchs und die Ausführung der Grundbuchordnung betreffend, hat das Grobherzogliche Ministerium der Justiz bestimmt, daß daS Grundbuch und Berggrundbuch für die Gemarkung Allertshausen vom 20. Oktober 1006 an als angelegt anzusehen sind. Die Vorschriften darüber, was seitens der Beteiligten noch bis zu dem angegebenen Zeitpunkte zu geschehen hat, können auf der Amtsstube des Großh. Ortsgecichtsoorstehers zu Allertshausen und aus dem Anschlag an der dortigen Ortstafel ersehen werden. Gießen, den 29. September 1906. ______________Großherzogliches Amtsgericht.______________ Bekanntmachung. Wegen Vornahme von Kanalisationsarbeiten wird die Westanlage, zwischen Bahnhofstraße und der Unterführung bei GeilfuS, von heute an bis auf weiteres für den Fuhrverkehr gesperrt. Gießen, den 29. September 1906. Großh. Potizriamt Gießen. __________________Herberg.__________________ Bekanntmachung. In der Zeit vom 22. bis 29. September 1906 wurden in hiesiger Stadt gefunden: 1 Sack Hafer und 1 Filzhut; verloren: 1 Fünfmarkschein. Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihren Anspruch alsbald bei -uns geltend zu machen. Gießen, den 29. (September 1906. Großh. Pouzemmt Gießen. __________________Herberg.__ I. Futterlieferung für die Großherzogtiche medizinische Veterinär-Klinik (Klinik für innere Tierkrankheiten). Für die Zeit vom 1. Nov. 1906 bis zum 31. Oktober 1907 soll die Lieferung von Heu, Stroh, Hafer, Futtermehl, Reis und Hundekuchen für die „Innere Klinik" vergeben werden. II. Verkauf von Dünger. Der in der Zeit vom 1. Nov. 1906 bis zum 31. Oktober 1907 gewonnene Dünger soll nach dem Gewicht, so wie er sich in der Grube befindet, an den Meistbietenden verkauft werden. Reflektanten wollen ihre Angebote an die Direktion bis zum 15. Oktober d. I. einreichen. Die Bedingungen sind in der Klinik, Frankfurterstraße 85, einzusehen. Gießen, den 1. Oktober 1906. Die Direktion der medizinischen Veterinär-Klinik. Prof. Dr. Gmein er. D1/« Lttgebung VN WMbeiten. Dir für die Befestigung der Bürgersteige in der Stephanstratzc zwischen Bismarck- und Gölhcstraße erforderlichen Asphaltarbeiten sollen Montag, den 8. Oktober d. I., vorm. 11 Uhr, üffemlich vergeben werden. Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen während der Dienst- stunden bei uns zur Einsicht offen. Angebote auf Bordruck, der daselbst erhältlich, sind spätestens biS zum vorgenannten Zeitpunkt verschloßen und mit entsprechender Aufschrift versehen an uns emzureichcn. Zuschlags- frist 3 Wochen. Gießen, 29. September 1906. BJ/io Städtisches Tiefbauamt ________________________I. B.: Köhler.________________________ Groß. GemckMe Gießen. Das Wintersemester der unter Oberaufsicht Groß- herzoglicher Zentralstelle für die Gewerbe stehenden technischen Lehranstalt beginnt am 29. Oktober d. I., vormittags 81/. Uhr. Denjenigen Handwerkern, die sich der Meisterprüfung unterziehen wollen, ist Gelegenheit geboten, als Vollschüler oder Hospitant an den betr. Unterrichtsfächern teilnehmen zu können. Anmeldungen nimmt entgegen und Auskunft erteilt die Schulleitung. Gießen, am 26. September 1906. DVi0 Der Aufsichtsrat: Die Schulleitung: Heyligenstaedt.___________________Traber. Die Ausführung der Arbeiten und Lieferungen zur Einbauung einer Lokomotw-Drehscheibe und Herstellung einer Stützmauer (en. 400 cbm Bodenmassen auszuheben, 60 cbm Beton, ca. 120 cbm Mauerwerk pp.) auf Bahnhof Grünberg soll öffentlich vergeben werden. Die Verdingungsunterlagen sind bei der unterzeichneten Inspektion einzusehen und können auch gegen post- und bestellgeldsreie Einsendung von 1 Mark in bar von dort bezogen werden. Di- Zeichnungen liegen bei der unterzeichneten Inspektion, Zimmer 12, zu Einsicht aus. Angebote mit entsprechender Aufschrift sind versiegelt bis zum Eröffnungstermin, am 12. Oktober 1906, vorm. 11 Uhr, post- und bestellgeldsrei einzusenden. Zuschlagssrist 3 Wochen. Gießen, den 27. September 1906. Bx/10 Großherzogl. Eisenbahu-Betriebs-Jrrspektton 1. Strickwolle (Marke M. & K.) in allen Farben und Qualitäten zu billigsten Preisen. Wr* Rockwolle von 90 Pfg. an per Psund und höher. 5956 J. H. Fuhr, Lomchche 25. NB. Stricken von Strümpfen, Nöcken rc. billigst. Auch stehen Musterröcke zum Abstricken gratis zur Vertilgung. Brenner der Soeben erschien der „Vfga“-Brenner ' (Patente in allen Staaten). „Vega“ ist der beste Petroleum- a) eine Steuervorrichtung zur Verhinderung des Blakens besitzt b) der ohne Vorwärmung sofort Licht gibt c) der 2 Gewinde, zugleich für I0‘“ und 14"* hat, paßt also auf jede gewöhnliche Petroleumlampe d) dessen Docht niemals geschraubt zu werden braucht e) der bei einer größeren Lichtstärke wie Gasglühlicht nur für ca. 1 Pfennig Petroleum pro Stunde verbraucht f) der geruchlos brennt. 0 Preis des VEGA-Brenners kompl. m. Glühstrumpf u. Cyllnder M. v. Niederlagen in Giessen: Heinrich Lieh, Sonnenstrasse 28. Herrn. Mettenheimer, Beleuchtungsgegenstände. KZ (5954 Um stille Teilnahme bitten Abrador l________________________'_______:______________j ZSt gegen Barzahlung: 1. eine Partie Goldleiste; 2. 3 Drehbänke, 14 Handelswagen, 1 Fahrrad, 1 Kassenschr., 1 Kassenkontrolle, 8 Hühner, drei Hobelbänke, 25 buchene Bohlen u. verschiedene Möbel. Die Versteigerung zu 1. findet bestimmt statt. Born, Gerichtsvollzieher. die trauernden Hinterbliebenen. Großen-Buseck, Grünberg, Gießen, Rodheim a. d. B. den 30. September 1906. Die Beerdigung findet Dienstag den 2. Oktober, nachmittags 3 Uhr zu Großen-Buseck statt. ms die Hand’ Iienstng,ö.2.AM.ö.Z., nachmittags 2 Uhr versteigere ich Neustadt 55 dahier [5950 Todes-Anzeige. Verwandten, Freunden u. Bekannten die traurige Mitteilung, daß unsere liebe gute Mutter, Schwiegermutter, Groß-- und Urgroßmutter BalMonarins Witwe, geb. Kraft, heute morgen 8‘/2 Uhr nach langem Leiden im 89. Lebensjahre sanft in dem Herrn entschlafen ist. Freibank. Heute und morgen: [B710 Schiveinefletsch 50 Pfg. Danksagung 5944 Für die vielen wohltuenden Beweise der Teilnahme, die uns beim Tode unseres lieben unvergesslichen Gatten und Vaters Grünberg, den 29. September 1906 Herrn August Will von allen Seiten zu Teil geworden sind, sagen wir hierdurch unseren tiefgefühltesten Dank. Die iranernden Hinterbliebenen * 8k «F,: ■L.frr U 1 W M ■ & M N •< M 1' M 8 K U W liegen der Fe #n: der Mau Rh- bei b( libern gung aime^i cad)je! scheu' r 3n ** £!*•« j* s Si ti, JöieixN ÄS' Malunterricht. Unterricht in Oel-, Aquarell- und Pastellmalerei wird erteilt. KinderkursuS im Zeichnen, Brennen und Malen kann bei genügender Beteiligung eingerichtet werden. 07163 Marie Felcbner, Mchrche 13, pari. Obst-Gläser zu Ketter's verbessertem Steriltsierapparat wieder eingetroffen. Die Gläser sind sehr billig und paffen auch zu den Weck'schen Apparaten. Ludwig iCroil Küchengeräte- Magazin Plockstrasse IO. 6938 8 grosser Posten 595g Winterliaudschiihe bedeutend unter Preis. J. Kaan jr., Kreuzplatz. heute nacht nach kurzem, schweren Leiden sanft entschlafen ist. Bensheim a. d. B., den 29. September 1906. Die Beerdigung findet Mittwoch, den 3. Oktober, nachmittags 3 Uhr, vom Bahnhof Friedberg aus statt. Im Namen der tieftrauernden Hinterbliebenen: Elisabeth Taschfe geb. Seyd. Teilnehmenden Verwandten und Freunden die traurige Mitteilung, dass unser innigstgeliebter Gatte, Schwager und Onkel Herr Oberamtsrichter Stege Tasche Todes-Anzeige. Die Beerdigung findet Mittwoch, den 3. Oktober, nachmittags 3 Uhr, vom Bahnhofe Friedberg aus statt. 1 Die Beerdigung findet Dienstag, den 2. Oktober, nachmittags auf dem Schwabinger Friedhof, München, statt. •SB® Giessen, den 1. Oktober 1906. Frau Marie Klipstein geb« von (Srolman 61. Lebensjahre. im Im Namen der Hinterbliebenen: August von Klipstein Melie von Ritter, geb. von Klipstein Eduard von KSipstein, Hauptmann und Else von Klipstein, geb. Tent Robert von Ritter« Statt jeder besonderen Anzeige Heute verschied nach kurzem Leiden unsere geliebte Mutter Brigadeadjutant München, den 29. September 1906. Seine lieben a. H. a. H. und auswärtigen i. a. C. B, i. a. C. B. erlaubt sich unterfertigter C. C. von dem am 29. September zu Darmstadt erfolgten Ableben seines lieben alten Herrn und Ehrenmitgliedes ergebenst in Kenntnis zu setzen. Der C. C. der Hassia i. A.: Kitz 2O/XXX-X Oberamtsrichter Tasehö (XX- XX. X- X- X) Brunsvigae-Göttingen