Nr. 830 Viertes Blatt. 155. Jahrgang Samstag 30. September 1005 Erscheint ILgttch mit Ausnahme des Sonntags. Die „Gießener ZamMenblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^tzesstsche Landwirt' erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Rotationsdruck und Verlag der Brühlsschm Universitätsdruckerei. R. Lange. Gießen. Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulftr.7. Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gieß«. General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Ziehen. Zur ßharaKteristiL des Iürsten Aulow wird uns aus Berlin geschrieben: Auf Eins legt Fürist Bülow mit Recht großen Wert: daß der Verkehr der Beamten mit dem Publikum sich frei hält von kleinlichem bureau- kratisckern Formalismus. In der Reichskanzlei, im Auswärtigen Amt wird vor allem die Presse, die Repräsentantin der Oeffentlichkeit, mit aller Zuvorkommenheit behandelt. Davon könnte mancher lernen, der es für seiner Würde schuldig hält, nahezu alles als „Amtsgeheimnis" zu betreiben, wie erheblich und wie berechtigt immer die Teilnahme der Oeffentlichkeit sein mag. Tie naive Ansicht, daß der Presse, oder gar der einzelnen Zeitung, ein Gefallen geschehe, wenn man sie verständigt von dem, was vorgeht, ooer ihr Auskunft erteilt — soweit nicht schwebende Verhandlungen in Betracht kommen — ist von einer immer wieder in Erstaunen setzenden Lebenskraft. Richt der Zeitung als solcher, sondern der Oeffentlichkeit, trt deren Dienste bekanntlich sich die Presse stellt, wird ein Dienst erwiesen mit jeder Auskunftserteilung. Das kann nie genug betont werden! Man braucht mit der Politik des Fürsten Bülow keineswegs überall einverstanden. zu sein, doch das muß inan ihm billigerwcise zugestehen: er hat in Berlin auf die Regierungsbehörden durch sein Beispiel sehr fördernd im Interesse' der Oeffentlichkeit ein gewirkt. Früher war es ein Problern, iuemt ein Journalist nicht unmittelbare Beziehungen zu einem Minister hatte, auch nur bis in die amtlichen Vorzimmer zu gelangen, ein noch größeres Kunststück, von einem der Geheimen oder Wirklichen Geheimen Räte die karge Antwort herauszubckommen, daß sich etwas nicht so verhalte, wie angenommen wurde. Heute wird die Aufgabe der Erkundigung in nahezu allen Reichsämtern und staatlichen Verwaltungen leicht gemacht. Und es sind durchaus nicht etwa nur die Vertreter der regierungsfreundlichen Presse, die Zutritt haben; der Vertreter eines oppositionell gerichteten Blattes wird mit der gleichen Bereitwilligkeit empfangen. Daß die Auskunft Erteilenden ihrerseits auf de.. Takt der Presse rechnen, daß diese beiläufige persönliche Urteile in einem Gespräch von den amtlichen Anschauungen zu trennen vermag, versteht sich von feigst. Es ist denn auch seit einer Reihe von Jahren nicht ein einziger Fall bekannt geworden, daß dies Vertrauen enttäuscht wurde. Tas Eine ließ sich aussetzen, daß immer noch die Ver- treter der Presse des Anstandes, namentlich die amerikanischen und englischen, einen gewissen Vorzug haben. Gewiß sind nicht alle Londoner Blätter deutschfeindlich, und es ist zu verstehen, wenn die Diplomatte Wert daraus legt, durch Beziehungen zu wett verbreiteten englischen Zeitungen, beispielsweise dem „Standard", irrigen oder tendenziösen Meinungen entgegenzutreten. Aber es gibt Deutschenfresser sozusagen aus Grundsatz, aus tiefeingewurzelten Abneigungen, Personen, denen mit keiner Belehrung beizukommen ist. Und diesen Herrschaften gegenüber ist die deutsche Artigkeit nicht am Platze. Es wäre besser, sie so wenig als möglich in die Karten sehen zu lassen, denn die etwa erlangte genauere Kenntnis der Tinge wird in der Regel gegen Deutschland ausgenützt. Die englische Diplomatie hat überall ihre Leute. Würde ihnen mehr auf die Finger gesehen, die mit Taschenspielergeschicklichkeit diskreditierende Erfindungen aus der Luft greifen, so wäre das nur nützlich. Politische Tagesschau. Ueber „die Eidesnot in der Gegenwart" hat auf dem 33. Kongreß für Innere Mission zu Leipzig Justizrat Dr. E. Lucius aus Mainz einen Vortrag gehalten. Er verlangte grundsätzliche Beibehaltung des religiösen Eides als Bekräftigungsmittel zur Erforschung der Wahrheit, da die für seine gänzliche Abschaffung geltend gemachten religiösen und sittlichen Bedenken zwar schwerwiegend seien, aber als durchschlagend nicht angesehen werden könnten. Die Tatsache, daß das Bewußtsein von der Bedeutung und Heiligkeit des EideS vielfach abhanden gekommen sei, habe ihren wesentlichen Grund einerseits in der Häufigkeit seiner Anwendung, andererseits in dem formlosen, jeder Feierlichkeit entbehrenden Verfahren bei Abnahme des Eides. Der Redner empfahl deshalb eine möglichst weitgehende Verminderung der Eide und zwar durch völlige Beseitigung aller promissorischen Eide (Huldigungseide, Diensteide u. s. w.) und der Parteieide in der Ueberzeugungsform, d. h. der Eide über eine Tatsache, die nicht in der Handlung des Schwurpflichtlgen besteht oder Gegenstand seiner Wahrnehmung gewesen ist; ferner durch möglichste Beschränkung der Verpflichtung zur Leistung von Editions- und Offenbarungseiden, durch umfangreiche Einschränkung nicht nur der Zeugenbeeidlgung, sondern auch der Zeugenvernehmung selbst sowohl im Zivil-, wie auch im Strafprozeße, wobei der Voreid durch den Nacheid zu ersetzen sei; endlich durch Herauffetzen der Altersgrenze für die Eidesmündigkeit. Weiter verlangte der Redner eine würdigere, der Heiligkeit des Eides entsprechendere Form bei Abnahme des Eides. Bei Gottesleugnern und überhaupt allen Personen, die nachweisbar einer religiösen Gernein- chaft nicht angehören, müsse der Eid durch eine nichtreligiöse Beteuerungsformel ersetzt und eine unter dieser abgegebene falsche Aussage ebenso bestraft werden, wie die Verletzung des religiösen Eides. Oerichtstaal. Frankfurt a. M., 27. Sept. Der Chauffeur August Seger üb erfuhr mit feinem Automobil am 15. Mai 1904 in der Nähe des Griesheimer Exerzierplatzes den Schreiner Noß und dessen vierjährige Tochter. Tas Kind blieb tot auf dem Platze, der Vater trug Quetschwunden, einen Nivpenbruch und eine Gehirnerschütterung davon. Selbst heute, also nach anderthalb Jahren, ist er noch nicht wieder voll arbeitsfähig. Die Wiesbadener Strafkammer, vor der sich Seger am 12. September 1904 zu verantworten hatte, nahm an, daß sich der als Nebenkläger zugelassene Schreiner den Unfall selbst zuzuschreiben habe, weil er, statt auf dem Fußgängcrweg zu bleiben, auf den Fahrdamm gesprungen war, um das Kind wegzureißen. Sie verurteilte daher den Chauffeur lediglich wegen fahrlässiger Tötung in Verbindung mit Uebertretung einer Polizeiordnung, betreffend den Verkehr mit Kraftfahrzeugen, zu zwei Monaten Gefängnis. Noß legte Revision ein. Das Reichsgericht hob das Urteil auf, da die Voriustanz die Frage, ob Seger nicht auch wegen fahrlässiger Körperverletzung zu verurteilen sei, nicht hinreichend geprüft hatte. Die Strafkammer zu Frankfurt verurteilte heute Seger wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Uebertretung der Polizeiordnung zu 5 Atonalen. Tie höhe Strafe schien gerechtfertigt, weil das Leben der Straßenpaffanten vor den Automobilisten geschützt werden müsse. (Franks. Ztg.l fc. Frankfurt a. M., 28. Sept. (Oberkriegsgericht). Schwere Mißhandlungen hat der Musketier Emil R e i n i n g e r von der 4. Komp. 118. Rgts. während seiner Dienstzeit von 1900—1902 zu erdulden gehabt, und zwar hauptsächlich von Kameraden, die ihn unzählige Male nachts durchprügelten. 4 davon sind im Jahre 1904 auf die Anzeige eines andern Kameraden, nachdem sie längst in der Reserve waren, von der Mainzer Strafkammer wegen schwerer Körperverletzung zu 6, 4, 4 und 2 Monaten Gefängniß verurteilt worden. Nachträglich wurde auch gegen einige Vorgesetzte des Reininger, der infolge der erlittenenMißhandlungengeistes- schwach geworden ist, Anklage erhoben, weil sie sich teils an den Mißhandlungen beteiligt, teils dabei em Auge zugedrückt haben sollen. Das Kriegsgericht hat u. a. den Sergeanten Friedrich Nickel zu 3 Wochen, den Unteroffizier Reinhold Z e l l m a n n zu 2 Wochen Mittelarrest verurteilt. Dem Gcrichtsherr waren die angesetzten Einzelstrafen zu niedrig. Seine Berufung hatte indessen nur den Erfolg, daß die Strafe des Zellmann von 14 auf 12 Tage herabgesetzt wurde. Zum 115 Korrzerljahr des Kießener Konzert- Vereins. (8p.) Aus einer intimen musikalischen Gesellschaft, deren Mitglieder im engsten Kreise ihr eigenes musikalisches Können der Pflege guter Musik jeder Art widmeten, ist der Gießener Konzertverein zu der Vereinigung herangewachsen, die er heute bildet. Als er zusammen mit dem im Jahre 1819 gegründeten akademischen Gesangverein sein erstes Chorkonzert gab, da waren es nahezu ausschließlich Musikliebhaber, die bei der Ausführung in Chor und Orchester, wie als Solisten mitwirkten. Es betrugen die Gesamtausgaben dieses Konzertes ea. 175 Mk., nach unserm Gelde berechnet, die Einnahmen ca. 425 Mk., sodaß ein Ueberschuß von ea. 250 Mk. an die Stadtarmen verteilt werden konnte. Die Verhältnisse haben sich seitdem vielleicht auf keinem Gebiete so gewandelt, als auf dem der Kunst; nirgend gilt nnd findet so allgemein der Satz Anwendung, daß das Beste gerade gut genug sei, wie hier. Wir stellen heute an die konzertgebenden Künstler Ansprüche, denen nur noch berufene, ja auSerwähltc Musiker genügen können; schon den rein technischen Anforderungen kann heutzutage nur mehr der Musiker von Fach genügen. Damit sind die Kosten der Konzerte auf ein« Höhe gestiegen, die sich bei aller Knauserei und Sparsamkeit unter den hierorts gegebenen Verhältnissen nicht wesentlich herabsetzen läßt, zumal daß sog. Tantiömegesetz gerade Vereinen wie dem unsrigen kaum erschwingbare neue Lasten auferlegt; zehren wir auch zu einem ganz wesentlichen Teil an bem freien musikalischen Erbe der unsterblichen Klassiker, so können wir doch an den neueren Werken nicht vorbeigeh-m, ohne in unseren Leistungen ganz unaufhaltsam zurückzugehm. Bei uns in Gießen kommt im besonderen aber hinzu, daß wir seit Jahrzehnten infolge unserer Raumverhält- niffe einen inS Gewicht fallenden Zuwachs an Zuhörern nicht erfahren haben, solchen auch vorerst, ehe ein allen Anforderungen entsprechender Saal geschaffen wird, nicht zu erwarten haben. . Den Eingeweihten ist bekannt, daß bereits feit Jahren gegen ständig wachsende Fehlbeträge angekämpft werden mußte; so ergaben Aufführungen des akademischen Gesangvereins wiederholt Fehlbeträge von 600 und mehr Mark, z. B. Haydn's Jahreszeiten, Brahms Deutsches Requiem u. a. Der Konzertverein suchte seine Fehlbeträge dadurch zu decken, daß er, wiederholt statt der regelmäßigen 6 Konzerte deren für denselben Abonnementsbetrag nur 5 gab. Die Chor- roie die Orchester-Abende haben seit einer Reihe von Jahren fast niemals ohne Zuschüsse gedeckt werden können; oft genug haben die Ueberschüsse der andern Abende nicht hmge- reicht, um jene Fehlbeträge zu decken. So drohte schließlich die Gefahr, der mir durch die seit dem Vorjahr in's Leben getretenen Vereinigung zu begegnen suchten, die Gefahr des Ueberangebots an musikalischen Darbietungen, der gegenseitigen Konkurrenz und wachsender Fehlbeträge, wenn wir nicht kurzerhand von Chor- und Orchesterauf- führungenAbstand nehmen wollten. Es liegt auf der Hand, daß dieser letzte Ausweg einem..Selbstmord gleichgekommen wäre, daß er einen Rückschritt bedeutet hätte, der -einmal getan in Jahrzehnte langer Arbeit nicht wieder wett gemacht werden kann: denn eine große Choroereinigung, ein geschultes Orchester kann nur bestehen, wo ihm hinreichende Aufgaben gestellt werden. Hier, wenn irgendwo, heißt es: wer rastet, der rostet! Die verttagsmäßige Vereinigung des Konzertvereins, des akademischen Gesangvereins und der Trautmann'schen Kammermusik erreichte was folgt: während seither der Konzertverein regelmäßig 6 Konzerte zum Preise von 15 Mark (Sperrsitz) bezw. 10 Mk. (unnumm. Platz) gab, das Traut- mannsche Trio 3 Konzerte zu 6 bezw. 4 Mark, der afa- mische Gesangverein 2 eigene Konzerte zu 6 bezw. 4 Mark, während also seither insgesamt 11 Konzerte zu 27 bezw. 18 Mk. gegeben wurden, sollten deren in Zukunft nur 1 0 zu gleichen Gesamtpreisen gegeben werden. Da außerdem die Mitglieder des akademischen Gesangvereins der guten Sache zu Liebe auf das seit altershcr bestehende Recht des freien Eintrittes verzichteten und persönlich Mitglieder des Konzertvereins unter Zubilligung geringer Preisermäßigungen wurden, so durfte man unter den sonst unveränderten Verhältnissen hoffen, den Ausgleich der Ausgaben und Einnahmen zu erzielen. Immerhin war die Neuorganisation insofern nicht ganz ohne ihre Schattenseite, als nun zehn Konzerte eine zusammengehörige Reihe bildeten; es stand zu befürchten, daß manchem ein Vollabonnement auf zehn Abende zu viel sein würde. Um diesem Uebelftanbe zu begegnen, entschlossen wir uns trotz mancher Schwierigkeiten bei der Kartenausgabe und Platzoerteilung zur Einrichtung von Teilabonnements neben den Vollabonnements. Freilich war eS unmöglich, dabei bestimmte Konzertarten zusammenzufassen oder gar Preisermäßigungen auf solche eintreten zu lassen; denn nur die Ueber- schüffe der einen Konzerte (Kammermusik, Solistenabende) ermöglichten die kostspieligen großen Konzerte, bei denen regelmäßige Fehlbeträge zu decken verbleiben; denn wir können bei ausoerkaustem Hause höchstens 1400 Mk. alles in allem einnehmen, während die Orchesterabende durchschnittlich 1900, die Chorabende sogar 2700 Mk. kosten, und nur in her Kirche können ausnahmsweise einmal höhere Einnahmen als 1400 Mk. erzielt werden. Wir gaben daher Teilabonnements auf sechs, bezw. vier bestimmte Abende derart aus, daß jede Art von Konzerten darin enthalten war. Dadurch waren die Teilabonnenten wiederum in der Wahl der Abende nach individuellem Geschmack gehindert, und da§ mag wohl dazu beigetragen haben, daß im Abonnement ein Ausfall von rund 1000 Mk. gegen den Voranschlag eintrat. Es ist eine bekannte, im Gießener Anzeiger wiederholt variierte Klage, unsere Preise seien zu hoch. Erst kürzlich wurden die Winderstein-Konzerte in Coethen herangezogen, ein Vergleich, der auf völliger Verkennung der örtlichen Verhältnisse beruhte. Gewiß begrüßen wir das Bestreben, gute Musik zu billigen Preisen in weite Kreise zu tragen, mit unserer vollen Sympathie, aber man muß da doch nichts unmögliches von uns verlangen. Durch den uns zur Verfügung stehenden Raum sind wir auf einen immerhin beschränkten Hörerkreis hingewiesen, wir können angesichts der uns zur Verfügung stehenden Plätze nicht die Preisermäßigung eintreten lassen, welche allein geeignet wäre, in einer Stadt wie Gießen einen weiteren und wie dann erforderlich wäre verdoppelten Kreis zur Teilnahme an unseren Konzerten heranzuziehen. Die Zahlen mögen reden. Was können wir einnehmen? was haben wir eingenommen? was kosten unsere Konzerte, wenn wir nicht deren Güte so beeinträchtigen wollen daß viele Besucher dann fernbleiben ivürden? (Ein zweiter Artikel folgt.) * — Das Neue Halber ft ädter Stadttheater wird am 30. d. M. eröffnet. Mit den Plänen und der Leitung des Neubaues wurde vor zwei Jahren der Architekt Bernhard Sehring beauftragt. Als Kosten für den Bau einschließlich Mobiliar und technischer Mhneneinrichlung wurden gegen 500 000 Mark bewilligt. Die Gesichtspunkte für den Neubau des Theaters waren folgende: Die Stadt besaß bisher nur einige Saaltheater älteren Stils, deshalb wurde seit Jahren der Plan der Errichtung eines ständigen Stadttheaters erwogen; doch wußte ein solches bei nicht allzugroßem Kostenaufwand den Erfordernissen des modernen Schauspiels genügen, also vor allem ein inttmes und aus akustischen Gründen nicht allzu großes Zuschauerhaus besitzen, damit bei moderner, konversationsartiger, schneller Sprechweise auch die von der Bühne weiter entfernten Plätze noch 'sich den Schauspielern so nahe befinden, daß ein settlicher Nachhall die Deutlichkeit nicht etwa dadurch stört, daß er das Ohr des Hörers zugleich mit der diretten Schallwelle der nächsten gesprochenen Silbe erreicht. Zu gleicher Zeit aber durfte der Nachhall nicht ganz vermieden werden, denn gerade dieser ist es, der den Klang der Instrumente und den Ton der menschlichen Stimme erheblich verschönt. Drittens sei noch erwähnt, daß, der modernen, sozialen Entwicklung der Stadt entsprechend, gewünscht wurde, daß das Haus etwa 1000 Zuschauerplätze faßt, damit auch durch nicht allzu hohe Preise sämtlichen Bevölkerungsschichten die geplanten künstlerisch 'hervorragenden Darbietungen zugängig gemacht werden können. Im Zuschauerraum sind zwei wichtige Neuerungen aus Baireuth entnommen, nämlich Erstens: fast sämtliche Zuschauersitze sind der Bühne gegenüber angeordnet, und die wenigen seitlichen Plätze des 2. Ranges befinden sich alle auf der ersten Reihe. Auch im T. Rang sind nur einige Logen seitlich gelegen, so daß auch hier wie im 2. Rang die überwiegende Mehrzahl der Plätze amphitheatralisch anfteigenb der Bühne gegenüberliegt. Zweitens ist auch das Orchester./ (ähnlich wie bei unserem neuen Gießener Theater) stark vertieft. Für das Zuschauerhaus ist der Stil Louis XVI. gewählt, „weil hierin der festlich gesellschafttiche Charakter am besten seinen Ausdruck findet", auch ist das oval gestaltete, mit einer Kuppel abgedeckte Foyer des 1. Ranges eine völlige Neuhett im Theaterkmu. Das Bühnenhaus hat einen burgartigen Charakter erhalten. — Vom neuen Nürnberger Stadtt Heater. In den Kreisen der Magistralsräte und Gemeindebevollmächtigten Nürnbergs sollen z. Z. sehr erregte Debatten über das neue Theater stattfinden. Nicht nur klagt der Direktor über den schlechten Besuch des Theaters und hat den gemeindlichen Behörden nahe gelegt, aus auf den stipulierten Pachtschilling zu verzichten und statt dessen ihm eine Subvention zu gewahren, um das Theater in. dem großen Stile seiner äußeren Anlage auch repräsentabel fortführen zu können. Diese Erörterungen aber treten in den Hintergrund gegen die Ueberraschung, die die Forderung einer Architekten- entschädigung von 600000 Mark seitens Seelings, des Erbauers des Theaters, hervorriesen. Seeling soll sich bei Ueber- nahme des Baues ein Architektenhonorar von 15 Prozent der gesamten Bausumme ausbedungen haben, das man s. Z. mit 60 000 Mark berechnete, während Seeling nachwies, daß 15 Prozent von 4 Millionen Mk. 600 000 Mk. und nicht 60 000 Mk., also 540 000 Mark mehr sind, als bisher die Väter der Stadt glaubten. Gerüchte wollen wissen, daß Bürgermeister von Schuh sich mit Rücklicht auf den drohenden Konflikt wegen des Theaterneubaues in den Ruhestand zurückzuzieheu beabsichtigt. Selbst für beu zweiten Bürgermeister, den man auch in Pension schicken möchte, werden schon Nachfolger genannt. — InMünchen verlautet, das P r i n z r e g e n t e n t h e a t e r solle für einige Monate im Jahre verpachtet werden, da die Zivilliste den aus der Benutzung des Theaters für nur 20 Wagner- Aufführungen entstehenden Fehlbetrag von ungefähr 20 000 Mark nicht mehr tragen wolle. Vermischtes. • Woher stammt der AuSdru'ck „Nassauern"? rbie „Straffälligkeit des Nassauerns" zu ahnden, ver- yctngte kürzlich der Kaiser beim Frühstück in einem Garten zu Nastätten (Rheinprovinz) über die kaiserlichen Prinzen, welche die Zwetschenbäume auf den Reifegrad der Früchte untersuchten, lachend eine Buße von je 10 Mark, was den körnigen und vierschrötigen Gartenbesitzer zu der Aeußerung veranlaßte, daß ihm unter diesen Bedingungen alle Zwetschen abgeerntet werden dürften. — Vielleicht interessiert anläßlich dieser Anekdote die Frage nach dem Ursprung des anrüchigen Wortes „Nassauer", das bekanntlich vielfach gebraucht wird, um einen Menschen zu bezeichnen, der sich auf Kosten anderer Genüsse verschafft. Der burschikose Ausdruck soll in Göttingen entstanden sein. Den auf Wunsch ihres Landesherrn die dortige Universität besuchenden Angehörigen des bis 1866 selbständigen Herzogtums Nassau wurden im Bedarfsfälle seitens der herzoglichen Regierung bestimmte Beneftzien, u. a. auch Freitische zuteil. Diesen Freitisch benutzten jedoch bei günstiger Gelegenheit bisweilen auch solche Studenten, die nicht aus Nassau stammten. Diese wurden dann von ihren Studiengenossen scherzweise „Nassauer" genannt, weil sie an dem nassauischen Freitisch „genassauert" hatten. Die ersten „Nassauer" waren also alles andere, nur keine — Nassauer. * Die Kronprinzessin und die deutsche Industrie. Man erinnert sich des allgemeinen Bedauerns, das seinerzeit heroorgerufen wurde, als fast die ganze Ausstattung und insbesondere das Hochzeitskleid der Kronprinzessin Cecilie nicht in Deutschland, sondern von Pariser Firmen angefertigt wurden. Daher dürfte die Mitteilung interessieren, daß die Kronprinzessin sich in jüngster Zeit mehrfach dahin geäußert hat, diese aus Frankreich stammenden Toiletten entsprächen nicht ihrem persönlichen Ge- schmacke und sie werde sie schon jetzt durch Erzeugnisse der deutschen Industrie ersetzen. In der Tat ist einigen großen Berliner Modegeschäften bereits die Benachrichtigung zugegangen, daß sie zu dem nahenden Winter Auf- träge von der Kronprinzessin erhalten werden. * Keine Versöhnung des Zaren mit dem Großfürsten Paul. Als der Zar Nikolaus II. nach der Ermordung seines Ohein'.s, des Großfürsten Sergius, dessen Bruder, den wegen seiner unstandesgemäßen Heirat vom Hofe verbannten Großfürsten Paul zu sich berief und ihn wieder in die Charge als Generalleutnant emsetzte, die ihm seinerzeit genommen worden war, schien eine völlige Aussöhnung beider nur eine Frage der Zeit zu sein. Indessen ist das Einvernehmen zwischen dem Großfürsten und seinem kaiserlichen Neffen noch keinen Schritt weiter vorwärts gerückt. Großfürst Paul wird nach wie vor dein russischen Boden fernbleiben müssen. Er hat sich soeben mit seiner Familie wieder für den Wmter in Paris eingerichtet, nachdem er mit ihr längere Zeit in dem benachbarten Chantilly zugebracht hatte. Der am 27. September 1902, also genau vor drei Jahren, in Livorno geschlossenen Heirat des Großfürsten mit Frau von Pistohlkoos sind übrigens zwei Kinder, Wladimir und Irene, entsprossen, die bereits bei der Erhebung ihrer Mutter zum Range einer „Gräfin von Hohenfelsen" durch den bayr. Prinzregenten ebenfalls unter dem gleichen Namen die graf- liche Würde erhielten. — Die Wiederverleihung seines Ranges im Heere hat für den Großfürsten Paul wenigstens den Vorteil gehabt, daß seine Eigenschaft als Mitglied des Zarenhauses in Paris nicht mehr ignoriert, sondern offiziell respektiert wird. Auch hat der Zar seinem Onkel seitdem wieder einen Adjutanten zugesellt. * Wegen Vielmännerei, so lesen wir in der „Nordd. Allg. Ztg.", wurde in New-Port eine junge Dame verhaftet, die sich Heliose de Armis nennt; bei ihrer Verhaftung erzählte sie dem Richter und einigen Berichterstattern über ihre abenteuerliche Lebensfahrt eine Geschichte, die an Fabelhaftigkeit alles in den Schatten stellt, was je die Phantasie eines Kolportageromandichters ersonnen haben mag. Zunächst erklärte Heloise, daß sie eine begnadete Jüngerin der Tanzkunst sei, und erhärtete die Wahrheit dieser Behauptung mit einer praktischen Probe ihres Könnens, indem sie im Korridor des Jusliztempels einen Cake-walk losließ, dem aber ein pedantischer Polizist ein schleuniges Ende bereitete. Nachdem die Dame wieder zu Atem gekommen war, sagte sie: „Mein Vater, meine Herren, ist der Graf Wladimir Jean de Armis, ein spanischer Edelmann vom reinsten Wasser. Meine Mutter ist eine ungarische Zigeunerin vornehmen Geschlechts. Mein Großvater war der Marquis Jean Jze de Armis; er wurde im Sudan-Feldzug zum Marschall befördert. Ich selbst bin 1884 in Genua geboren und wurde in einem Kloster zu Kanada erzogen. Ich war ein wenig wild, verstand schon als junges Mädchen herzbrechend schön zu tanzen und widmete mich schließlich ganz der Tanzkunst. Ich habe einen Bruder, der in der italienischen Garde Ofsizier ist. Meine Schwester Virgina ist an den russischen General Sergius Ranünski verheiratet; eine andere Schwester ist die Gattin des Honorable H.M. Millard, eines ehemaligen Mitgliedes des englischen Oberhauses. Und eine dritte Schwester endlich", hier holte Heloise tief und zögernd Atem, „die dritte Schwester ist an einen so hochstehenden Herrn verheiratet, daß ich mich fürchte, seinen Namen zu nennen." * Erdbeben in Samoa. Auf Savau auf den Samoa-Inseln fand ein großes Erdbeben mit vulkanischen Ausbrüchen statt. Viele Gebäude, darunter diejenigen der englischen Mission wurden zerstört. Der erste Ausbruch erfolgte im Distrikt Matanta, wo drei Vulkane in volle Tätigkeit gerieten. Die Einwohner in einem Umkreise von zehn Meilen verließen ihre Behausungen. Die Stadt Safotu mit 400 Einwohnern und einer großen deutschen Handelsstation ist bedroht. Ein Eing eboreuen-Häuptling siel mit einen Leuten in eine Spalte der Matuatuahänge unb wurde unter den Lavaströmen begraben. Meilenweit ist fruchtbares Land vernichtet. Die Missionare kon- tnticren eine schnell um sich greifende Verwüstung der Insel. * S)ic Farben der Zigarrenbänder. Warum zeigen die Zigarrenbänder gerade nur die gelbe oder rote Farbe? Die Antwort darauf ist einfach. Gelb und rot sind die Landesfarben Spaniens, und Spanier versandten die ersten Zigarren aus Kuba nach Europa. Die sogen. Espagniola- bänder sehen gelb und rot, die Figarobänder rot und die CabanaS oder Partigas gelb aus. Diese Sitte ahmten die Bremer, Hamburger und andere Zigarrenfabrikanten nach, und man wird nicht leicht ein Zigarrenbündel finden, daz durch ein anderes als ein rotes oder gelbes Seidenband zu- sammengehalten wird.__________________________ Gerichtssaal. — Eine Duellaffäre beschäftigte die 6. Berliner Strafkammer. Wegen Herausforderung zum Zweikampf waren der Kandidat der Rechte Robbert und der Studiosus Rohrbusch angeklägt, mährend sich zwei ihrer Freunde wegen Kartelltragens verantworten mußten. Im März d. Js. saßen sämtliche Beteiligten in einem Lokal in Charlottenburg. Aus einem geringfügigen Anlaß fatn es zu einem Wortwechsel, der mit Karten- austausch eiidigte. Robbert ließ seinem Gegner durch seinen Kartellträger eine Forderung auf Säbel überbringen. Trotz des gerinq= fügigen Anlasses genehmigte das Ehrengericht der Verbindung die Säbelsorderung nicht, sondern entschied, daß der Ehrenhandel nur mit der Pistole ausgelragen werden könne. Zeit und Ort des Zweikampfes mar schon festgesetzt, als die Polizei von dem beabsichtigten Pistolenduell Kenntnis erhielt. Zur rechten Zeit erschien ein Kriminalschutzmann, der die Personalien der Beteiligten sesj- stellte. Für diese folgte ein unangenehmes Nachspiel in Form einer Ariklage wegen Herausforderung jum Zweikampf bezw Kartelltragens. Ter Gerichtshof beließ es, da es zu einem Zwei^ kampf noch nicht gekommen war, bei milden Strafen und erkannte gegen, die vier Angeklagten auf Strafen von 3 Tagen bis m 2 Wochen Festungshaft. WöüMliüie WkrW der Todesfälle in der Stadt ll-ichu 30. Woche. Boni 23. bis 29. Juli 1905. Einwohnerzahl: angenommen zu 28 000 (inkl. 1600 Mann Militär. Sterblichkeitsziffer: 22,28 nach Abzug von 6 Ortsfremden: 11,14 °/co. Kinder Zusammen: Erwachsene: im vom 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr 3(2) 3(2) - - 1 1 — — 1 1 — — Gehirnerweichung 1 1 — — Lungenentzündung 1 1 — — Herzfehler 1 (1) 1 (1) — — Eingeklemmtem Bruch 1 <1) 1(1) — — Gelbsucht 1 (1) 1 (1) — — Knochenmark-Entzündung 1 (1) — — 1 (1) Selbstmord ______1 1_______—________— Summe 12 f6) 11 (5) — 1 (1) An m.: Tie m Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Es starben an: Krebs Schlagfluß Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. September 1905. Barometer auf 0° reduziert Temperatur der Luft Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Wetter 29. 29. 30. 935 9“ 72» Höchste Niedrig: 743,9 743,5 742,0 Kemper tc 15,3 10,6 9,2 atur a 10,8 9.3 8,4 N 28. 28. 84 98 98 -29. —29. N 8 SSE Septem 2 2 4 der + 4- Bew. Himmel KlarerHimmel Bed. Himmel 15,90 C. 7,3° „ <50 8» o <5o n S an >50 2- ~ '50 o § rt P 63 —: p P» p 77 cs Ä *•> £>■ -S.S — cs o SöD = er — o r cs ^7, o 7 — CD — 68p 2 - <50 <50 © , . o ~ <=* - P CZ o 2 <50 CS o <50 s P- p CP ä IO <50 <50 <50 © o 3 CP <50 CT1 5St» <5 o <50 o 2. — 7 "o* CS ca ® <50 © * S s" P a co ro 3" 0 3 5 <2 S" o -L-ro - cr^--» 12 53 C53 c. r: CS 3 o -tt-- P ■7 CD P-P ^5: —; CS L-S n, ro ' Vf> m i & s — XB 5 3 co_g< f p P ö 5"*' %" P cz«« «I p®. — " ro «g« ~ CO 63 5 67-p -e 2 « p S p ö - KZ.' CO CD ' ? I I ~ s, <2 3? = 3 2. — 00; ’n 3 r ’ ^■(SKsiz ? 2 = R. 2-' 7'gSr 2^2 « 3-3'S' " 3 3 ~!25‘ I -P'" _ P p CZCP = 2 ß - o p Ts ® -7 __-p.H’ , ■ cz CP UZS O = 3- <50 P 3 o *-1 3 2 LS * P.ZS O ■ « sr MA = ÄL-Z S^p =i 2 S5p ~ A Wp " o 5 ce «i P CP .Tcp p A O 0 o - c< 5ö" p §0 A P P CP p‘ 3^ w «1 'S- p % P A P cU T ■ V = E' I p.® © wl gsl ©in r-l-g«"" IsPtjen li -bg-g°"S?= J Ader auf d« I ^Sperfonal l 1 I Wt. Hauptmann Sittin«*« I -chldehall-n auf » I m 3flefarafaf)te ist IliiMtaie noch L Seytt 9la6tun: * Der M.W gonge« ausgeplu. ■ü!e in Sicherheit, ■afen eine Besatzung iie für den Schutzti iwbrn Ende Oktobe unb dürften Ende Senn alles gut gk Maten unterdrückt In Odessa is /als Kondraten! getroffen. Bei der abgehaltenen Traue I ralität und der Be Sarg war mit Si schuüschen Armee, Stadtverwaltung v waren. Don Ode^ aus einer Lafette r die aus Mannschaj Achur jujammeng? in M T xs mduffneüe fto'ü Straßenbahn in di Stehplatz des hin ooloem bewaffnet durch drei Schüsse versuchte zu entkot verfolgenden Poliz er ist etwa 30 Ja. arbeitet. Der Sltt war einer der ßofy sahrtseinrichtungen. 20(3 Mitau Marianow angeqi leine Gattin sollen d 'äsen wurden voM i Rominten, 1 . ahnten heute dem ( I '^dbielski fei: ,7r und die Kaiser *n 3» besuchen. Merlin, 1. Okf in ein ■?'Änb( S9”' Schmidts fif.. Meb.) übetne0ni( ? 91 Oktob ^°^Eand ; beraten 9el SS? ’ W befri° ^en J'ini ‘8‘ i ä d •’ 3°. 61