Nv. 178 Erstes Blatt. 155. Jahrgang Dienstag 35. Juli 1905 bigimg begrüßte. ♦ Ochulprahe T. fLbrffie für Devefcheur «nzetger «Stctze». AernsprrchanfchlußNr.bl. auch die Ruhe im Lande lediglich auf der BasiS vertrauensvollen Einvernehmens zwischen Herrscher und Pvlk aufzubauen sind. Was die Fricdensfragc betrifft, so weiß man ja, welchen großen Anteil Kaiser Wilhelm an der Einleitung derFriedensaktion seitens des Präsidenten Roosevelt hat: man kann also sicher sein, daß die Sache des Friedens durch die Begegnung nur gewinnen wird. Der Umstand, daß weder Fürst Bülow noch Graf Lams- dorff an der Entrevue teilnehmen, soll deren durchaus privaten freundschaftlichen Charakter klar vor Augen führen. So hat auch, wie wir wissen, der russische Ministerpräsident von Witte die Begegnung aufgefaßt, die er mit lebhafter Befrie- ununterbrochcn, auch während der Nacht, eine Untersuchungskommission. Es wurden chemische Analysen verschiedener Explosionsreste vorgenommcn. Die militärische, sowie die polizeiliche Ueberwachung des Mdiz wurde bedeutend verstärkt. Nach amtlichen Feststellungen beträgt die Zahl der- Getöteten 24, die der Verwundeten 78. Dagegen besagen Privatnachrichten, daß die Zahl der Toten und Verwundeten nahezu 200 betrage. Darunter befinden sich viele! Offiziere und eine große Anzahl Droschkenkutscher, berent Wagen und Pferde in Stücke gerissen wurden. Ueberhaupt! hat sich die Wucht der Explosion mehr nach der Straße zu gerichtet als nach dem Vorhof der Moschee. Der Attentäter soll Offiziersuniform getragen haben. Man behauptet nämliche jetzt, daß das Attentat durch eine geworfene Bombe aus-- geführt wurde, wahrscheinlicher aber ist die Version, daß es sich um eine Bombe mit Zeitmünder handelt. In der ersten Aufregung nach der Detonation luden viele Soldaten ihre Gewehre und legten an. Nur durch die Kaltblütigkeit des Sultans, der ihnen durch einen Wink einzuhalten befahl,, wurde ein Blutbad verhindert. Unter den Getöteten befinden sich Beba-Bey, bet Gouverneur beS Prinzen Selim, sowie ber Palastsekretäri Chefki-Bey. Die Bombe schlug auch in ben breißig Meter hohen, auf bem Moscheeplatz befinblichen Uhrturm ein unb brachte bas klangvolle Uhrwerk zum Stillstand. Hieraus kann man bie genaue Zeit bes Attentats feststellen; fünf Minuten nach 6 Uhr, türkische Zeit, was 12 3/< Uhr unserer Zeit entspricht. Der burch bie Höllenmaschine ausgehobene Kreis hat einen Durchmesser von fünf Metern. Am 23. würben alle Toten unb alle unkenntlichem Leichenreste begraben. Ein Schwerverletzter sagte aus, baß kurz vor ber Explosion ein unbekannter Mann einen Korb auf einen Wagens stellte unb sich bann entfernte. Einige Minuten später er-> folgte bie Explosion. Die Botschafter erhielten am SamStag, also am Tag nach bem Attentate Drohbriefe bes armenischen Revolutionskomitees, worin angesichts ber verwickelten Lage unb ber Gleichgültigkeit in Europa mit Gewaltakten gebroht wirb. Es ist nicht ausgeschlossen, baß eS sich um eine Mystifikation hanbelt, um ben Verbacht von ben Armeniern abzulenken ober gerabe auf sie zu lenken. Aehn- liches ist hier schon öfters versucht worben. Soweit bie heutigen mannigfach zerstreuten Nachrichten, bie wir im Vorstehenben einigermaßen georbnet haben. Sie lassen im Unklaren, weß Geistes Kinb ben Anschlag verübt hat. Erst hieß es: ein jungtürkischer Anschlag. Dann sollte es ein Bulgare gewesen sein. Jetzt hat man, nach ben Drohbriefen an bie Botschafter, boch nicht zu unterschätzenbe Anhaltspunkte für ein armenisches Komplott. Die kurze Meld- ung, baß ber Attentäter verhaftet sei, nennt bessen Nationalität nicht. Sie ist aber offiziös unb barum anscheinend richtig. Für einen Augenblick konnte inbes ber Argwohn entstehen, bas Attentat, bei bem ber Pabischah auf so rounber- bare Weise verschont blieb, sei etwas wie „bestellte Arbeit", um einen Grunb mehr zu rücksichtsloser Ausübung eines SchreckensregimentS zu bekommen. Die außerorbent- liche Kaltblütigkeit Abdul HamibS, ber, mit heiterer Ruhe grüßend, ben Wagen selbst ins Palais zurücklenkte, erschien auffällig, weil soviel, selbst für einen Türken, stoischer Gleichmut, soviel heldenhafte Unerschrockenheit am wenigsten von biesem Herrscher vermutet werben konnte. Es müßten benn alle Berichte crfunben sein, bie von ben bis zur Lächerlichkeit ängstlichen Vorsichtsmaßregeln erzählen, bas kostbare Leben des Beherrschers ber Gläubigen zu schützen. Diese Vorsichtsmaßregeln waren in letzter Zeit, unter bem Einbruck bec Taten russischer Revolutionäre, noch außerorbentlich verschärft worben. In ber Türkei ist zwar ebensoviel „möglich" wie im Zarenreich. Dennoch glauben wir nicht cm ein von hohen Würbenträgern in Auftrag gegebenes Attentat. Die Wirkungeiner Bombe ist in bezug auf ben Umfang ber Verheerung, ben sie anrichten kann, unberechenbar. Außerbem pflegen bis Machthaber im Pildis wenig barnach zu fragen, ob sie starke äußere Grünbe haben für Verhaftung unb Unschädlichmachen unruhiger Personen; bas Meiste geschieht ja boch in aller Stille unb Heimlichkeit. Sehr wohl möglich ist es aber auch, baß das mazedonische Komitee an dem Anschlag beteiligt war. Bereits seit zwei Wochen sollen Drohbriefe auch von diesem Komitee einge- lausen sein. Die Beauftragten des mazedonischen Komitees haben schon wiederholt den Bombenwurf in Anwendung gebracht, um durch dies gewaltsame Mittel die Großmächte zu einer Einmischung in bie türkischen Verhältnisse aufzufvrdern. Dieser Erfolg ist bisher nur zu einem Teil erzielt worden. Oesterreich-Ungarn und Rußland haben sich zwar des Reformprogramms für Mazedonien angenommen, aber es ist einerseits dabei so sehr auf die Empfindlichkeit des Sultans Rücksicht genommen worden, andererseits erfolgt die Ausführung der Reformen so langsamen Schritts, daß die Annahme einige .......... Wahrscheinlichkeit besitzt, das mazedonische Komitee beabsichtige Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Es durch neue Schreckensakte einen Druck auf die Entschließung wurden Bulgaren, Armenier und Angehörige anderer Nationen, der Mächte auszuüben. Schon vor einiger Zeit wurde auf ebenso zahlreiche Mohamedaner verhaftet. Im Pildiz tag eine erneute Rührigkeit dieses Komitees aufmerksam gemacht. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Metzen MW tr -«k » fletqentefl: HanS Beck- ©vlöetae tletit I A außer Sonntag-. €3 monatlich^viertel- DM W WlVnV11vl KIljvlUvl MW ««B W General-Anzeig-- MM Die heutige Aummer umfaßt 8 Seiten. * • . . ... . -— Sie Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Zaren. Petersburg, 24. Juli. (Pet. Tel.-Ag.) Der Hofininifter telegraphiert aus Bjoerkoe von gestern: Am Abend um 10 Uhr warf die „Hohenzollern" in der Nähe des „Polarstern" Anker. KaiserWilhelm mit dem Prinzen Albert von Schleswig-Holstein und Gefolge begab sich in einem Boot nach dem „Polarstern" und wurde an der Treppe vom Zaren und dem Großfürsten Michael Alexandra witsch empfangen. Nach herzlicher Begrüßung schritten die Majestäten die Front der Ehrenwache und der Besatzung der Jacht ab und zogen sich, nachdem das Gefolge gegenseitig vorgestellt war, in den Dccksalon zurück. Um 11 Uhr begaben sich Kaiser Wilhelm und der Kaiser von Rußland mit Gefolgen in einem Boot an Bord der „Hohenzollern", von wo der Kaiser von Rußland um IV2 Uhr morgens nach dem „Polarstern" zurückkehrte. Petersburg, 24. Juli. (W. B.) Der Deutsche Kaiser und Kaiser Nikolaus trafen sich gestern nachmittag auf See in den Schären bei Bjoerkoe. Am Abend fand auf dem „Molarstem" ein Galadiner statt. Heute um 2 Uhr nahm der Kaiser von Rußland das Frühstück auf der Jacht „Hohenzollern" ein. Nach dem Frühstück ver- abschiedeten sich die Kaiser, worauf der „Polarstern" der „Hohenzollern" eine Strecke Wegs das Geleit gab. Heute abend traf Kaiser Nikolaus wieder in Peterhos ein. In den leitenden russischen Kreisen wird diese Zusammenkunft sehr freudig begrüßt und macht einen sehr günstigen Eindruck. — Petersburg, 24. Juli. (Pet. Tel.-Ag.) Im Gefolge >es Zaren befinden sich äußer dem Hofminister Baron Fredericks;, Hofmarschall Graf Benckendorff, der M a r i n e m i n i st e r, der Kommandeur der Gardeequipage Milow und der frühere Kommandant des Kreuzers „Nowik" und des Panzers „Sewastopol", Kapitän ersten Ranges, Essen: ferner Flügeladjutant Tschagin, Kommandant des Kreuzers „Almas", der Chef der Feldkanzlei, Flügeladiutant Kapitän ersten Ranges Graf Heyden und Leutnant Podgurski. In der Zusammensetzung des Gefolges will man eine besondere Aufmerksamkeit für Kaiser Wilhelm erblicken. (Warum? D. Red.) Berlin, 24. Juli. Aus Bjoerkoe wird amtlich gemeldet: Nachdem gestern abend der Kaiser von Rußland und die Herren seiner Umgebung bei der Abendtafel auf der .„Hohenzollern" anwesend gewesen sind, hat heute früh der Kaiser das erste Frühstück auf dem „Polarstern" eingenommen und ist mit den Herren der Umgebung um 1 Uhr zur Mittagstafel zu Kaiser Nikolaus geladen worden. Bjoerkoe, 24. Juli. Die Jacht „Hohenzollern" hat heute die Weiterreise nach Wisby (Gotland) fortgesetzt. Soweit die amtlichen russischen und deutschen Meldungen, die mit einander in Einzelheiten nicht voll überein- stimmen. Außerdem liegen folgende private Meldungen vor: Petersburg, 24. Juli. Es heißt, daß die Zusammenkunft auf die Initiative des deutschen Kaisers zurückzuführen sei. . Petersburg, 24. Juli. Die Begegnung wird m den maßgebenden Kreisen lebhaft erörtert. Der Zar ist zwar nur von seinem Bruder Michael und einer kleinen Suitebegleitet, aber niemand verkennt hier angesichts der großen Schwierigkeiten der politischen Lage Rußlands, die Bedeutung dieser Zusammenkunft. Man betont, daß Rußland sich der traditionellen deutschen Freundschaft auch wahrend des russisch-japanischen Krieges zu erfreuen habe, und schöpft neue Zuversicht für eine baldige Besserung der inneren und äußeren Verhältnisse des Reiches aus dieser vor aller Welt bekundeten Anhänglichkeit des deutschen Kaisers. . Paris, 24. Juli. Ueber den Zweck der Begegnung zirkulieren hier die verschiedensten Gerüchte. Man fragt sich, ob die Aeußerungen Kaiser Wilhelms den Zaren in fernem Wunsche bestärken werden, Reformen einzuführen und Frieden zu schließen, oder ob sie den Zaren ermuntern worden, eine reaktionäre und kriegerische Politik fortzuführen. Andererseits glaubt man jedoch überwiegend, daß der Kaiser den Zaren dazu bewegen wird, eine gemäßigte Politik nach innen und außen zu verfolgen. m Paris, 24. Juli. Petersburger Korrespondenten Pariser Blätter versuchen es so darzustellen,, als ob man m einflußreichen russischen Kreisen die Zusammenkunft der Monarchen nicht gern sehe. Man erblickt in derselben ein Gegenstück zu dem plötzlichen Kaiserbesuch in Tanger. Selbst M hohen Kreisen kenne man die Tragweite der Entrevue nicht- ^eunde Wittes erklärten, daß dieser bei seiner Abreise von der Absicht des Zaren keine Kenntnis hatte. Witte wünsche den Frieden unter annehmbaren Bedingungen und seine Anftckft decke sich mit der zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten Petersburgs. Man befürchtet, daß die Unterredung des Zaren m Fr a n kr e ich wegen der jüngsten Marokko-Affäre einen schlech t e n Eindru ck machen könnte und ebenso in En gl a n d' wahreich Rußland gerade nach dem Friedensschluß Mit Frankreich und England das beste Einvernehmen pflegen müßte r Von Wichtigkeit ist ferner folgende Darstellung des leider io häufig als Offiziosus benutzten „Berl. Lokalanz/ : Zur Vorgeschichte der Entrevue. Die Initiative zu der Käiserbegegnung ist vom Zaren Ausgegangen. Bei der herzlichen Freundschaft, die den Zaren und Kaiser Wilhelm verbindet, ist die Anregung des Zaren natur- sich auf der „Hohenzollern" sehr freudig begrüßt worden, denn Kaiser Wilhelm wird den Zaren nach so langer er- eiaiiisreicher Zeit gern Wiedersehen wollen. Als eme haltlose Unterstellung aber muß die in der englischen und ftanzösi- schen Presse aufgestellte Behauptung bezeichnet we^en, Kai l e r Wilhelm beabsichtige, dem Zaren gute Ratschlage auf zu drängen zur Erreichung des F r 1 e de n s im Innern sowohl wie in Ostasien. Kaiser Wilhelm hat es immer roeit von sich gewiesen, wenn ihm zugemutet wurde, sich m die mternen Angelegenheiten eines anderen Staates zu Mischen, so wird er auch in diesem Falle handeln und von sich aus gewiß nicht die schwebenden Fragen, die jefct ganz Rußland bewegen, selbst zur Sprache bringen Sollte jedoch der Zar, dessen Wertschätzung für ^Deutschen Kaiser bekannt ist, Kaiser Wilhelm um seme Ansicht bitten Uso werden diejenigen sehr enttäuscht s-m, die da meinen der Deutsche Kaiser werde raten, unbekümmert um Re form- Versprechungen kräftig autokratisch weiter zu regi^en^Die Auffassung Kaiser Wilhelms durfte, nach semer ganzen Denkweye zu urteilen darauf hinauslaufen, daß Macht und Ansehen wie So ist denn Björkö, der kleine Hafen an der finnischen Küste, etwa 80 Kilometer von Kronstadt entfernt, über Nacht ein weltberühmter Name geworden. Die Vergnügungsreise unseres Kaisers hatte diesmal schon dadurch einen etwas politischen Charakter angenommen, daß sie Norwegen, das sonst immer ihr Ziel war, diesmal vermied und die schwedischen Gewässer aufsuchte. Die Zusammenkunft des Kaisers mit dem König von Schweden zeigte deutlich genug, wohin sich die Sympathien des ersteren in dem schwedisch-norwegischen Konflikt wenden. Da die Fahrt auch . an der russischen Küste vorüberging, so erklärt es sich eigentfief) in ganz ungezwungener Weise, daß der Zar die Gelegenheit wahrnahm, um mit dem Kaiser Höflichkeiten und Meinungen anszutauschen. Dieser wird es ohne Zweifel nicht daran haben fehlen lassen, dem Freunde zu zeigen, wie schmerzlich er durch das russische Mißgeschick im Osten berührt wird. Wer im Glück ist, gewinnt leicht Freunde; kommt er ins Unglück, so verliert er sie gewöhnlich rasch genug. Hier ist dem nicht so; der Zar und das russische Volk werden sich überzeugen, daß die deutsche Freundschaft in allen Fährnissen ausdauert. Das ist das weltgeschichtliche Ergebnis der Zusammenkunft. Sie erregt, je unwahrscheinlicher sie den unbefangenen Beobachtern vorkam, um so größeres Aufsehen. In England und Frankreich wird sich in die Verwunderung vielfach Verstimmung mifchen. Nicht allenthalben, aber doch in jenen Kreisen, die nichts sehnlicher wünschen, als Deutschland zu isolieren und mit Krieg zu überziehen. Man war bereits eifrig an der Arbeit, allerlei Bündnisse , gegen Deutschland zu schließen, wenn auch vorerst nur in der Phantasie. Rußland sollte mit Japan nicht nur Frieden machen, sondern sich fest verbünden, wobei es selbstverständlich sein sollte, daß dieser Bund feine Spitze gegen das Deutsche Reich richte. Da Frankreich, lediglich mit England verbündet, das Kriegsglück nicht auf bie Probe stellen will, sollte durch die Vereinigung von Frankreich, England und Rußland eine überlegene Koalition hergestellt werden. Dann konnte man an das Wagnis gehen. Nun aber kommt der Zar mit dem deutschen Kaiser zusammen. Da hat es am Ende mit dem neuen Dreibund ober Vierbund noch gute Wege. Und da läßt sich die Enttäuschung ober aud) Entrüstung schlecht verhehlen. Die Unruhe, die vielfach in England unb Frankreich über bie Zusammenkunft ber Herrscher empfunden wird, verrät daher nur ein böses Gewissen. Man scheint dort zu fürchten, daß ber Zar bie Rolle nicht übernehmen wolle, die ihm in bem Spiel gegen Deutschlanb von freundlichen Gönnern zuerteilt werben sollte. Jedenfalls beweist die Begegnung, baß Nikolaus II. bas Bebürfnis hatte, feine guten Beziehungen zum deutschen Kaiser unb zum Deutschen Reich durch ben Augenschein barzutun. Das war nicht ohne Belang in einem Augenblick, wo man an der Seine ben Aufenthalt des Herrn v. Witte unb feine Unterrebungen mit französischen Staatsmännern weiblich auszubeuten begann. Inwieweit ber Zar mit bem beutschen Kaiser politische Dinge erörterte, wirb vielleicht heute noch selbst ben leitenden Staatsmännern beider Mächte unbekannt sein. Manche Fragen unb Antworten ergeben sich erst aus bem Gange ber Besprechung, aus ber Stimmung bes Augenblicks. Für uns in Deutschland ist noch eine Aeußerlichkeit nicht ohne Belang. Während bie „Norbb. Allg. Ztg." mit der einfachen Mitteilung sich begnügt, baß bie Begegnung ftattgefunben habe, ist ber üble ,Lokalanz." vom Auswärtigen Amt aus in ben Staub gesetzt worben, eine Erläuterung zu geben. Viel neues erfährt man freilich baraus nicht. Daß ber Z ar, unb nicht ber Kaiser bie Anregung zu ber Zusammenkunft gegeben hat, war bekannt. Ebenso beburfte es kaum einer offiziösen Versicherung über bie Art ber etwa efbetenen Ratschläge Kaiser Wilhelms. Man braucht nicht vom Auswärtigen Amt versorgt zu werben, um zu sagen, was hier gesagt worben ist. Diplomatisch bunte! ist bie Bemerkung: „Man könne sicher sein, baß bie Sache des Friedens nur gewinnen wirb." Das „Berl. Tagebl." vermutet, baß es sich darum handle, Deutschlands finanzielle Hilfsmittelin Gemeinschaft mit Frankreich zu gunften Rußlands flüssig zu machen, und daß dies nur unter ber Garantie des Zwei- bunbes für einen bauernden Friedenszustand geschehen könne. Wir meinen, alle bloßen Vermutungen sind so überflüssig als unter Umstanden von UebeT. Warten wir ab, was von ben Offiziösen in Berlin unb Petersburg etwa in ben nächsten Tagen verraten werden wirb. Wir glauben, man wirb sich beiberseits mit Recht in Eckuveiaen hüllen. Jas Attentat aul den lü k scheu Sultan. Aus Konstantinopel liefen heute folgende Nachrichten ein: Wie verlautet, ist die Person, die am Freitag das Attentat verübt hat, bereits verhaftet worden. £)en vollständigsten Erfolg glauben die Aufständigen zu erzielen, wenn es ihnen gelänge, Abdul Hamid ums Leben zu bringen, und dadurch mit einem Schlage die orientalische Frage aufzurollen. Daraus haben die Verschwörer nie ein Hehl gemacht. Jeden Freitag vollzieht sich die feierliche, von Fremden foul bewunderte Fahrt des Sultans zur Moschee. Mögen tue Absperrungsmaßregeln noch so streng und umfassend sein, man wird trotzdem nicht verhindern können, daß ein Fanatiker unter die Zuschauer sich einmischt, und das todbringende Geschoß schleudert. Der Sultan muß die Zeremonie des Selamlik ausüben, wenn er nicht erkrankt ist, die Bestimmungen des Religionskultus dulden keine andere Ausnahme. Es ist daher die Befürchtung nicht abzuweisen, daß der Anschlag wiederholt wird. __________ Kammerverlagung statt Kammerschluß! Wenige Tage nach dem Eintritt der großen Gerichtsferien ist nun am Samstag auch endgiltig über die porlcunen- tarischen Ferien in Hesten entschieden worden. Die Entscheidung fiel so aus, wie wir vorhergesagt hatten. Der Landesherr hat dem Vorschlag der Regierung Folge gegeben und den Landtag nicht, wie zuerst beabsichtigt war, schon im Juli geschlossen, sondern genehmigt, daß die Kammern im September nochmals zusamnientrcten und dann erst Mitte Oktober verabschiedet werden. Man darf aus dieser in Hessen etwas ungewöhnlichen Hinausschiebung des Kammerabschieds wohl ohne weiteres den Schluß ziehen, daß die Regierung sich noch immer mit recht optimistischen Hoffnungen trägt, Hoffnungen, deren Realisierung sich nach unserem nüchternen Dafürhalten kaum in dem gewünschten Maße erfüllen lassen werden. An eine Verständigung zwischen den beiden Kammern über die Grundprinzipien für die Einführung des direkten 'Landtagswahlrechts in dieser Tagung ist wohl leider kaum mehr zu denken. Der hauptsächlichste Gesetzentwurf, um den es sich bei der im Frühjahr bevorstehenden abermaligen Beratung handeln wird, dessen Verabschiedung auch der Regierung am meisten am Herzen liegt, ist die Gemeindc- umlagenreform. Die hastige Erledigung der Einzelberatung des Gesetzentwurfs in der zweiten Kammer hat vhne Frage das Durchschlüpfen einer Reihe von Unklarheiten und Ungereimtheiten zur Folge gehabt, was bei einem mehr bedächtigen Vorgehen sicherlich vermieden worden wäre. Es hat sich auch im Laufe der Beratung bei einigen Abgeord- neten Mangel an Sachkenntnis her aus gestellt, der ein Hin- und Herschwanken zur Folge hatte und eine klare Stellungnahme bei der ^Abstimmung erschwerte. Eigentümlich war z. B. das Verhalten des >216g. Hirschel. Er protestierte gegen die Heranziehung der Konsumvereine zur Gewerbesteuer, obwohl er sich sonst stets als geschworener Feind der Konsumvereine überhaupt gcberdet hat. Sein lächerliches .Hetzwurstblättchen zieht übrigens zurzeit wieder gegen die oberhessischen Amtsblätter vom Leder und zeigt die größte Angst vor dem Gieß. Anz., auf dessen bauernfreundliche Tendenz und starke Verbreitung in bäuerlichen Kreisen es mit blassem Neide blickt und dessen tüchtige landwirtschaftliche Mitarbeiter, die zugleich treueste Freunde des Bundes der Landwirte und des Bauernbundes sind, ihm ein Dorn im halbblinden Auge sind. Die „hönischen" (so schreibt nämlich das Blättchen > persönlichen ^Anzapfungen von Plumpester Mernheit richten sich selber. Daß die Mehrheit der Nationalliberalcn Hand in Hand mit dem Zentrum für den Antrag Molthan eintrat (von den beiden Darmstädter Nationalliberalcn stimmte der eine dafür, der andere dagegen), während die Freisinnigen und Sozialdemokraten mit dem größten Teil der Bauernbündler dagegen stimmten, ist eine Tatsache, die Bedenken erregt, und man muß nun hoffen, daß wenigstens die Erste Kammer die kritische Sonde anlegt und Ausglcichungs- rcsp. Verbesscrungsvor- schläge macht, oder eine genauere, liebevollere Prüfung der zahlreichen Einwendungen der interessierten Bcvölkerungs- gruppen beispielsweise hinsichtlich der Gewerbestcuerveranlagung veranlaßt. Auch bezüglich des Gesetzentwurfs über die berufliche Organisation der Landwirtschaft in Hessen ist bekanntlich lange nicht das erfüllt worden, was die große Mehrheit der Interessenten davon erwartet hatte. Die aus eine ganz schablonenhafte Zentralisierung gerichteten Abänderungsbeschlüsse der zweiten Kammer haben vielfach den schärfsten Widerspruch erfahren. Auch hier wird hoffentlich die erste Kammer ihre Nachprüfung der Beschlüsse der zweiten Kammer gründlicher gestalten. So könnte man mit einer Kammervertagung anstatt Kammerschluß, durch welchen ja die erwähnten, von der zweiten Kammer bearbeiteten Gesetzentwürfe einfach unter den Tisch gefallen wären, sehr wohl zufrieden sein, wenn sie nicht doch zu einem ernsten Bedenken Veranlassung böte: der Wahlbeeinflussung durch die Kammer selber. Nach den Vcrfassungsbestimmungeu sind die Neuwahlen der Kammer innerhalb sechs Monaten nach Schluß des Landtags anzusetzen. Man hat den Spielraum dafür so weit bemessen, um die Vorbereitungen in aller Ruhe und ohne jede künstliche Erregung der Wählerschaft sich vollziehen zu lassen. Erfolgt aber der Kammerschluß nicht, wie üblich, im Juli, sondern erst im Oktober, so bleiben nur noch wenige Wochen bis zur Neuwahl übrig, deren Vollziehung im Herbst >chon deshalb sehr geboten erscheint, damit die Kammer noch vor Jahresschluß den neuen Etat cntgegennehmen und ihn an den Finanzausschuß verweisen kann. Nun haben aber schon während der jüngsten Kammerdebatten gewisse Herren es ganz ungeniert und ungehindert unternommen, Reden zum Fenster hinaus zu halten und sich den Wählern möglichst angenehm zu empfehlen. Und da ja bei der bevorstehenden Herbstberatung noch einmal die Wahlrechts- Vorlage und die Gemeindcumlagenreform, ferner der Antrag auf Beseitigung der ersten Kammer u. a. m. zur Debatte kommen, so wird sich wohl mancher die so selten wreder- kehrende Gelegenheit wieder nicht nehmen lassen, mit hochtönendem Wortschwall vom Forum des Parlaments Jemen volksvertreteris chen Befähigungsnachweis zu versuchen. Hoffentlich rafft sich dann der Kammerpräsident zu eurer energischen Geschäftsführung auf und laßt den Rednern nicht wie bisher die Zügel schießen. Aer Krieg. Sachalin. Petersburg, 24. Juli. (Petcrsb. Telegr.-Ag.) Der Gouverneur von Sachalin telegraphiert unter den, £3. ds.: Heute vormittag wurden am südlichen Horizont der Tatarischen Meerenge bei dem Posten Alexandrowsk mehrere japanische Schiffe und Torpedoboote wahrgenommen. Zwei davon fuhren nordwärts, die anderen gruppierten sich in der Nähe des Postens Doue und gaben vier Schüsse ab, ohne Schaden zu verursachen. Um 11 Uhr wurden im Süden mehrere große Schiffe bemerkt. — Eine zweite Depesche de§ Gouverneurs von Sachalin, aufgegeben am 23. ds., mittags, meldet: Zwei japanische Torpedoboote hielten in der Mündung des Flusses Arhoff, zwölf Werst nördlich von dem Posten Alexandrowsk, beschossen die Küste und entfernten sich dann in südöstlicher Richtung. Ebenfalls nach Südosten entfernten sich ein Kreuzer und vier Torpedoboote, welche sich in der Nähe des Postens Doue gefunden hatten. Mandschurei. Petersburg, 24. Juli. (Pet. Telegr.-Ag.) General Linewitsch meldet unter dem 22. ds.: In der Gegend von Hailungchcn ging am 20. ds. morgens um 10 Uhr eine russische Abteilung in zwei Kolonnen gegen die feindlichen Stellungen vier Werst nördlich von Pulangtse vor. Die Kolonne rechts rückte gegen die Front des Feindes heran, die Kolonne links umging den rechten Flügel der Japaner. Das plötzliche Erscheinen der linken Kolonne in den Seitenstellungen des Feindes zwang diesen, seine Stellungen ohne Widerstand zu räumen. Die Russen besetzten hieraiif die j ap a n isch e n Laufgräben, während sich die Japaner auf eine befestigte Stellung im Westen von Piilangtse zurückzogen. Ein Tal deckte die Bewegungen. Für die Russen bot es große Schwierigkeiten, die Terrainhindernisse zu überwinden. Dies veranlaßte ihren Rückzug in die Gegend nördlich von Liaupunow. Wladiwostok. Petersburg, 24. Juli. Der Korrespondent der „Nowoje Wremja", der sich beim 11. sibirischen Armeekorps befindet, meldet, daß japanische Torpedoboote unter dem Schutz dichten Nebels und Regens versuchten, in die Wladiwostok benachbarten Buchten einzudringen und für die Landung der Truppen Vorbereitungen zu treffen. Mehrfach sind bereits Truppen gelandet worden. Man glaubt, daß dies der Beginn von weiteren bedeutenden kriegerischen Operationen gegen Wladiwostok sei. Witte in Paris. Paris, 24. Juli. Der deutsche Botschafter Fürst Radolin besuchte heute nachmittag den Minister von Witte, mit dem er von seiner Petersburger Votschafterzeit her in freundschaftlichen persönlichen Beziehungen steht. Neue russische Anleihe?? Berlin, 24. Juli. Der Bankier von Mendelssohn, der mit dem Minister von Witte auf dessen Durchreise nach Paris hier konferierte, ist gleich nach dieser Unterredung nach Norderney abgereist und vom Reichskanzler empfangen worden. Die Besprechung dürfte sich um eine neue russische Anleihe gedreht haben. Rubel und Yen. Man schreibt uns aus Berlin, 24. Juli: In Börsenkreisen herrscht die gespannteste Erwartung, ob das Novum in der Finanzgeschichte zur Tatsache werden wird: Daß Rußland zwar keine Kriegsentschädigung zahlt, aber die von Japan während des Krieges kontrahierten Anleihen selbstschuldnerisch übernimmt. Es handelt sich um einen Gesamtbetrag von rund 2,6 Milliarden Mark, den Japan in fünf inneren und vier äußeren Anleihen ausgenommen hat. Für das verhältnismäßig arme Land eine sehr beträchtliche Last. Sich dieser durch das in Frage stehende Arrangement zu entledigen, könnte Japan höchstens um deswillen abgeneigt sein, als ihm so der „Aufschlag" entgeht, den es sich bei der Vereinbarung einer Kriegsentschädigung herausgerechnet hätte. Auf der anderen Seite freilich kommt Japan die Kurssteigerung zu statten, die seine Anleihen seit dem ersten Waffenerfolg vor Port Arthur andauernd aufweisen. Bis jetzt beträgt diese Steigerung rund 27%, die Rußland wohl an Japan würde vergüten müssen, insofern, als bei Uebertragung der japanischen Kriegsanleihen auf das russische Konto die Differenz zwischen dem Emmissionswert und dem derzeitigen zugunsten Japans, das diesen Wertzuwachs herbeigeführt, „abgestoßen" werden dürfte. Auf dem breiten Rücken Rußlands würden außer den 2,6 Milliarden von Japan übernommener Schuld noch Verpflichtungen in Höhe von mindestens 2 Milliarden Rubel lasten, die es durch eigene, innere und äußere Anleihen während des Krieges eingegangen ist. Es zeugt von Geschicklichkeit und Kraft der internationalen Hochfinanz, daß sie es während dieser langen Zeit verstanden hat, einen Kurssturz der Russenwerte hintanzuhalten. Rückgänge waren freilich unvermeidlich, aber eine Panik wurde verhütet. Das berechtigt zu der Erwartung, daß die internationale Hochfinanz auch die beispiellose Aufgabe bewältigen würde, die ihr aus einem japanisch-russischen Anleihe-Arrangement erwächst. Heutzutage heißt es nicht: „Es soll der Dichter mit dem König," sondern: „Es soll der Staatsmann mit den Banken gehen." Ausstiche Wenigkeiten. „Pravo" verbreitet, der Ministerrat habe das Projekt Bulygins einer gründlichen Abänderung unterworfen. Man habe allen Ei gen Mietern das Wahlrecht erteilt, ferner die Unterteilung der Volksvertretung in verschiedene Kollegien fallen lassen und zugestanden, daß der Präsident der Volksvertretung gewählt und nicht vom Zaren ernannt werde. Die „Kgsb. Hartung'sche Ztg." meldet aus Hasenpot in Kurlan d, daß der Bauernkommiffar Baron Prevern auf einer Amtslahrt am 22. Juli meuchlings erschossen wurde. Das Blatt meldet ferner, daß in Libau bei der Beerdigung von Revolutionären ein Gendarm erschossen und zwei andere verwundet wurden. In Warschau streiken wegen Nichterfüllung der Forderungen der Gießereiarbeiter in der Fabrik-Aktiengesellschaft Lilpop-Rau 2000 Mann. Die Werkmeister wurden mit Gemalt aus den Fabrikräumen gejagt. Im Hofe hielten die Anführer aufwiegelnde Reden. Auf mtion der Weichselbahn Peltsowisna wurde c ' wschleu- dort; es entstand nur geringer Materio Unweit dem Dorfe Alexandrows emc Charkow, wurden in der Nacht 14 Ba uernmüdchen, öte auf dem Felde schliefen, von Bauern überfallen, ihres Geldes beraubt, genotzüchtigt und dann ermordet. Die Schul» digen wurden ermittelt und verhaftet. Wie der „Petersburger Lisiak" mitteilt, ist in Jeka« terinosdar im Kaukasus eine Kompanie Sold aten des Anapski-Regiments, die in diesen Tagen nach dem Kriegsschauplätze abgehen sollten, mit ihrem Chef und ihren Offizieren nach der Türkei desertiert. Keer und Ilotte. — Der Verlag der amtlichen Rangliste des 18. Ar m e e* ko rps einschließlich Reserve und Landwehr (Hof- und Militär- Adreßbuch für Hessen und Hessen-Nassau) zu Frankfurt a. M. sandte uns seine neueste Ausgabe nach dem Stande vom 1. Mai. Vom Generalkommando des 18. Armeekorps ausgearbeitet, enthält die Rangliste sämtliche Offiziere, einschließlich Reserve und Landwehr, sowie Beamte, Behörden und Geschäftsräume im Bereiche des 18. Armeekorps und den Großh. hessischen Hof. Die Rangliste ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen und kostet brosch. 1.25 Mark. Aus Stadt und Land. Gießen, 25. Juli 1905. LU. Dem 1. Assistenzarzt Dr. Franz Soetbeer wurde die venia legendi für das Fach der inneren Medizin erteilt. ** Frei studentische Bewegung an der Landes» Universität. Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 28. Juni d. Js. fand im „Hotel Schütz" eine Versammlung von Nichtkorporationsstudenten der Landesuniversität unter dem Vorsitz der vier Fakultätsvertreter statt. In der lebhaften Debatte, die sich entwickelte, traten ehemalige Berliner, Münchener, Würzburger und Heidelberger Finken (Nicht- korporationsstudenten) aufs wärmste für die Gründung einer Finkenschaft ein, die noch am selben Abend erfolgte. Am 19. Juli wurde die neugegründete Organisation von den akademischen Behörden genehmigt. Die Gießener Finkenschaft will den Nichtkorporationsstudenten Gelegenheit geben, sich ohne jeden Korporationszwang zur Wahrung ihrer Jntereffen, ;ur Pflege des Sports und des studentischen Frohsinns zu vereinigen. Diesen Zweck sucht sie zu erreichen durch Gründung von Abteilungen für Fußwanderungen, Sport, Kunst, Literatur usw. Da das Semester schon zu weit vorgeschritten war, begnügte man sich mit der Schaffung einer Wanderabteilung, die jeden Sonntag Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung Gießens macht. Für den kommenden Winter ist die Gründung eines Arbeits- und Bücheramts sowie einer wissenschaftlichen, literarischen und sportlichen Abteilung, endlich die Veranstaltung von Gesellschaftsabenden in Aussicht genommen. Wenn auch die „G. F." erst auf ein kurzes Dasein zurückzublicken hat, so sind ihr doch erfreulicherweise von einer ansehnlichen Zahl Nichlkorporierter warme Sympathien entgegengebracht worden. Leider steht noch mancher Nicht- korporationsstudent dieser Bewegung, die doch nur sein Bestes will, gleichgültig oder sogar feindlich gegenüber. Zu bemerken' ist noch, daß die „G. F." keineswegs korporationsfeindlich ist, obschon den Finkenschaften häufig dieser Vorwurf gemacht wird. Sie verwahrt sich nur mit aller Entschiedenheit dagegen, daß man oft im Nichtkorporierten einen Studenten zweiter Klasse erblickt. Wo es gilt, für Recht uyi Freiheit der Studentenschaft zu kämpfen, wird sie stets ihren Mann zu stellen wissen. Nachrichten aus unserer Nachbarstadt Marburg zufolge ist auch auf dortiger Universität eine Finkenschaft im - Entstehen begriffen. So wird die Zeit nicht mehr fern sein, wo die finkenschaftliche Bewegung an allen deutschen Universitäten und Hochschulen festen Fuß gefaßt hat. ** Kunstwissenschaftliche Exkursion. Prof. Dr. Sauer, der in diesem Sommer eine Vorlesung über die „KUnu- denkmäler Hessens und benachbarter Gebiete" hält, führte seine Hörer am letzten Sonntag nach Marburg, Jnankenberg und Kloster Haina. Zunächst besichtigte man Sonntag früh unter Leitung von Prof. v. Drach das Marburger Schloß mit Museum, sowie die vielbewunderte in reiner Gothik erbaute Elisabeth- kirche. Dann fuhren die Teilnehmer per Bahn nach Fnanken- berg, wo ihrer ein Sommerwagen harrte, der sie nach Kloster Haina führen sollte. Nach etwa 21/2 stündiger Fahrt ans glatter Chaussee und zum Teil herrlichen Wald, blickten die Türme der Klosterkirche aus den Bäumen hervor. Haina, jetzt Irrenanstalt, ist eine Gründung des Cisterzienserordens und liegt wie alle Eisterzienser Klöster, z. B. auch das benachbarte Arnsburg, im Tal. Sehr interessant ist die Klosterkirche. Ihr Ban wurde 1215 begonnen, und dieser Periode und dem zweiten Viertel des Jahrhunderts gehöreii die oberen Teile von Chor und Querschiff an. Als man gegen die 50 er Jahre zum Bau des Langhauses fortschritt, wählte man dafür die Hallenform, also Mittel- und Seitenschiffe gleich hoch. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil keine andere Cisterzienserkirche Hallenform zeigt, und sie ist offenbar veranlaßt durch die Elisabethkirche, bereit Einfluß auf die Bauform man auch sonst beobachten kann, so z. B. bei der Pfarrkirche von Wetter bei Marburg, an der Kirche von Friedberg und mehreren anderen unseres Landes. Einen eigentümlichen Eindruck machte der Kreuzgang, der das Kloster umgibt. Hier wandelt nicht der Mönch in seiner KNtte, sondern hunderte von armen Menschen, denen schon in frühester Jugend der Schöpfer den Verstand versagt hatte, oder auf deren Gemüt sich später sehwarze Nacht senkte, führen hier fern von der Welt ein Dasein ohne Freud und Leid: und der Besucher, der diese Hallen durchwandert, fühlt sich in einer andern Welt: er kommt sich vor wie Odysseus im Hades. — Nach eingehender Besichtigung der Klosterräume fuhr man nach Frankenberg zurück, wo noch das alte Rathaus und die Kirche besucht wurden. Diese ist ebenfalls beeinflußt von der Elisabethkirche und birgt neben dem Chor ein Kapellchen, ein wahres Schmuckkästchen, das dem Beschauer sehr fein ausgearbeitete Skulpturen zeigt. Kurz nach 12 Uhr kam man in Gießen wieder an. Vor üblem Schaden infolge der häufigen Schnaken- und Bremsenstiche wurden die Teilnehmer behütet durch das lindernde Salmiakfläschchen des Herrn Professor Henneberg, der sich ebenfalls der Exkursion amgeschlossen hatte. ** Verlängerun g der Hundesperre. Leider kann die leidige Sperre noch immer nicht aufgehoben werden. Nach einer Mitteilung aus Berlin ist der am 21. Juni hier getötete Hund tollwütig gewesen, weshalb die Sperre laut einer Bekanntmachung des Großh. Polizeiamtes bis auf weiteres bis auf den 22. September d. Js. ausgedehnt werden muß. ** Spielen mit Feuer. Gestern nachmittag gegen 2 Uhr machten sich die zwei kleinen Kinder der Frau Margarete St. an der Wetzsteingafse während der Abwesenheit ihrer Mutter mit Feuerzeug zu schaffen. Dabei zündeten sie eine Tischdecke im Zimmer an, welche total verbrannte. Die Nachbarn merkten das Feuer recht- eit z und konnten weiteres Unheil verhütens Einwirkungen des Sommers geltend gemacht haben: man hoffe jedoch, im zweiten Halbjahr im allgemeinen ein günstigeres Erlen geleit yaven. rvegnningr starken Regengüsse der lebten «d d-r nister arbeitete Paüvatkapitals sich bis morgen. , Luxemburg, 24. Juli. Nach einem aus Anlaß de» Geburtstages des Großherzogs abgehaltenen Zapfenstreich kam es zwischen dem Militär und dem Publikum zu Tumultszenen. Die Gendarmerie war machtlos. Petersburg, 24. Juli. Der Finar einen Entwurf aus behufs Heranziehung zum Bau von Eisenbahnen in Rußland. Das Ministerkomitee und das Reichsratsdepartement für Staatsökonomie habe beschlossen, denjenigen Privateifenbahnen, die ökonomische Bedeutung für das Land haben, eine Reihe von Privilegien zu gewähren. Der Entwurf des FinanK- ministers ist vonr Kaiser genehmigt worden. Konstantinopel, 24. Juli. (Wiener Korresp.-Bur.) Kirchliche Nachrichten. Evangelische Gemeinde. Mittwoch den 26. Juli: Ausflug der Kinderkirche der Lukasgemeinde nach der L i e b i g s h ö h e. Zusammenkunft um 3* *4 Uhr bei der Johanneskirche. Pfarrer Euler. t%*6**4^^4-A** in leder beliebigen Schristatt und Kortoih uiitnanen f°rtc- i°rok mu wen«»« *1**»**» Vereinigungen. liefert zu mäßigen preisen vrüdl'scye Uuiverfitats-Vrulkerei. Schulftratze l bet. n’$ ’M?*" Bekanntmachung. Betr.: Maßnahmen gegen die Tollwut. Nach Mitteilung der Wutschutzabteilung des Königlichen Instituts für Infektionskrankheiten in Berlin ist bei einem am 21. Juni l. Js. dahier getöteten Hunde Tollwut festgestellt worden. Unter Bezugnahme auf unsere frühere Bekanntmachungen wird deshalb die angeordnete Hundesperre für den Bezirk der Stadt Gießen, der Gemarkung Gießen, einschließlich der Gemarkung Schiffenberg, bis auf weiteres bis auf den 22. September l. Js. ausgedehnt. Gießen, den 22. Juli 1905. Großh. Polizeiamt Gießen. Herberg. Schnell und dauernd troffene Dr. Thompsons Seifeupulver, Marke Schwan, die Gunst der Hausfrauen erworben. Minderwertige Nachahmungen weife man zurück. — Ueberall zu haben. ss^/. wieder ausgenommen worden. London, 24. Juli, (U n t e r h a u s, Fortsetzung.) Andre Erklärungen Balfours schloß sich eine hitzige Erörterung darüber, welches Verfahren einzuschlagen sei. Endlich schlug Balfour vor, daß ein Minister formell den Antrag auf Vertagung des Hauses stellen und die Erörterung bezüglich Balfours Erklärung bei diesem Anträge stattfinden solle, welcher als Vertrauensvotum betrachtet werden solle, indem die Mitglieder, die die Regierung unterstützen, für, die Gegner der Regierung gegen den Antrag stimmen sollten. Daraufhin stellte Acland Hood den AMrag auf Vertagung des Hauses. Campbell Bannerman bezeichnete das Verhalten der Regierung als gänzlich verfassungswidrig und führte aus, Balfour scheine zu glauben, er könne noch einige Monate dahinstolpern im vergeblichen Bemühen, die konservative Partei zu rehabilitieren. Redmond (Rat.) erklärte, das Mandat der Regierung sei erloschen und fragt, welches Recht Balfour habe, sich besondere Fähigkeiten für die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten des Reiches anzumaßen. Sie haben sich auf die großen Interessen des Reiches bezogen. Welches Recht hat der Premierminister, anzudeuten, daß er allein genügend Rechtschaffenheit und Vaterlandsliebe besitze, um die Interessen des Landes zu wahren? Diese Anmaßung tft etwas Unehrenhaftes. Es ist die Pflicht aller Verfaffungs- treuen, sich zusammenzuschließen und die Fortsetzung der Existenz dieser Regierung in diesem Parlament unmöglich zu machen. (Beifall bei den Oppositionellen). Was die Nationalisten betrifft, werden wir Pardon weder geben, noch onnehmen. (Erneuter Beifall.) Wenn dieser Geist bte ganze Opposition erfüllt, werden wir mit dieser Regierungde r F e tz e n und Flicken kurzen Prozeß machen. Redmond fragte im weiteren Verlaufe der Verhandlungen an, ob Song nach der Abstimmung vom 20. ds. im Amte bleiben werde. Balfour erwiderte, der Gedanke, daß Lang abdanken sollte, wahres die Regierung im Amte bleibe, sei ihm niemals gekommen. (Beifall bei den Ministeriellen.) Da die Oppositionellen aus taktischen Gründen wünschten, sich der Abstimmung zu enthalten, wurde die Debatte in unerwarteter Weise geschlossen. Das Haus vertagt gebnis zu erzielen. , ,, Paderborn, 24. Juli. (Amtlich.) Der gestrige Unfall im Altenbekener Tunnel ist vermutlich auf daS Durch- chlagen eines Steines durch das Tunnelgewölbe, der ein etwa 21,5 Quadratmeter großes Loch gerissen hat, zurückzuführen. Die nachdringenden Schuttmassen verschütteten darauf den Tunnel. Vermutlich war über dem Gewölbe ein hohles Terrain vorhanden, in dem sich die Steinmassen gelöst haben. Begünstigt wurde der Vorfall durch die enorm starken Regengüsse der letzten Zeit. Mit Airsnahme eines Falles sind sämtliche Verletzungen! der Personen leichter Natur. Die Aufräumungsarbeiten dürsten etwa drei bis vier Wock>cn beanspruchen. K i e l, 25. Juli. Kapitänleutnant Schultz, Konrpayure^ chef einer Matrosenartillerieabtcilnngin Kiel, ist vom Kriegsgericht zu zehntägigem Kammerarrest wegen Er- tattung einer wissentlich unrichtigen Dienst- Meldung gegenüber dem Kommandeur, Fregattenkapitän v. Lewetzow, verurteilt worden. .Hamburg, 25. Juli. Beim Baden am Putloser Strande versank der Gärtner Wiedemann. Der 'Apotheker Heinrich wollte ihn retten, beide jedoch ertranken. Glauchau, 25. Juli. Zwei größere, dem Färber- ringe nicht angehörende Firmen bewilligten den Arbeiternihre Forderungen; die Arbeit ist daselbst ri albe fehl vom 15. Juni 1810 mußten diese Schlachthäuser ge- chlossen werden, und erst mit der Errichtung des städtischen Zen- ttal-Viehhofes sind mustergiltige Schlachteinrichtungen in Berlin geschaffen worden. Arbeiterbewegung. Dresden, 24. Juli. Von streikenden Klempnern wurden vor einer Fabrik Arbeitswillige und Schutzleute tätlich angegriffen. Die Polizei nahm fünf Verhaftungen wegen Aufruhrs vor. ■ Juli 1905. ta"i Soetbeet Mebijin "d°- 8«nbts. .Mift: gni oN der leb, hemalige Berliner, r Men (Nicht. ,e Endung einer erfolgte. An, ttqanon von den Hener Finkenschast enheit geben, sich ihrer Interessen, ’$en Frohsinns zu en durch Gründung >rt, Kunst, Literatur l^ritten war, be« ' Wanderabteilung, 1 und weitere Um« ldcn Winter ist bi; sowie einer wissen« teilung, endlich bit sussicht genommen. :je§ Dasein zurück« >eise von einer an« Sympathien ent« h mancher Nicht« doch nur sein Beste? egenüber. Zu be< iwegs korporations- häufig dieser Vor- nur mit aller Ent- htkorporieckn eint gilt K-Krcht ur ritb \\t \W 'M 5 unserer Nchdm- dortiger Univechtäi So wird die Zeit tliche Bewegung an den festen Fuß ge- Reserve un^M * — Ein Ra drenn en wird nächstens wieder auf dem • hiesigen Sportplätze stattsinden. Es handelt sich um ein Dauerrennen mit Motorschrittmacher. Die Preise betragen insgesamt 1000 Mk. bar, und zwar erhält der Sieger Mk. 500, sowie ein echt goldenes Ehrenzeichen, das goldene Rad von Gießen mit Lorbeerkranz, der zweite 300 Mk., der dritte 200 Mk. ' ** Das 23. Turnfest des Lahn- und Dill- ' kreis es fand am Sonntag unter großer Beteiligung der ■ Turner auch aus Gießen und Umgebung in Braunfels statt. Unter den Nichttumern, die das Vergnügunasprogramm mit genießen wollten, befand sich auch eine größere 'Anzahl hiesiger Studenten, die bei der Abfahrt des letzten Zuges der Ernstbahn keinen Platz mehr fanden und mit halb fröhlichen, halb traurigen Gefühlen den in der Kleinbahn fortdampfenden glücklicheren auswärtigen Festteilnehmern nachschauten. Die Gesichter wurden aber länger, als die Herren in der Stadt auf der Suche nach Unterkunft erfahren mußten, daß weaen der Einquartierung der auswärtigen Turner (über 300) nur noch ein bescheidenes Strohlager für die Nacht übrig war. Vermutlich wurde in dem romantischen Nachtlager viel Kurzweil und Frohsinn getrieben, ja man spricht sogar von einem nächtlichen Gelage. Frankfurt a. M., 24. Juli. Am Sonntag früh überfielen einige junge Leute von hier im Stadtwald einen Eisenbahn-Assistenten aus Neu-Isenburg. Dieser gab, als er angegriffen wurde, zwei Schüsse ab und verletzte einen der Angreifer. In Sachsenhausen wurden die Burschen festgcnommen. — In der Meisengasse lief heute vormittag der drei Jahre alte Knabe des Kaufmanns C. Müller, der im Hause Nr. 10 wohnt, vom HauSgang auf die Straße und direkt in einen vorüberfahrenden Rollwagen der Spedi- tionssirma Gebr. Wolff. Das Kind kam zwischen Hinterrad und Trottoir zu liegen. Die Verletzungen sind so schwer, daß das Kind kaum am Leben erhalten werden kann. "Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbar st aaten. In Mainz stürzte eine Droschke mit Insassen, vier Herren, in den Rhein. Alle vier und der Kutscher, konnten sich retten. Auch die Pferde wurden lebend aus dem Wasser gebracht. • Der Tabak und der Esta ratter. Uebcr den Einfluß des Tabaks auf den Charakter plaudert eine englische Wochenschrift: Wer die Geschichte überblickt, wird sich der Tatsache nicht verschließen können, daß der Gebrauch des Tabaks aus die öffentlichen Sitten stets besänftigend eingewirkt hat. Ueberstitzte Diplomaten werden durch das Rauchen einer „Friedenspfeife" in die Sanftmütigsten aller Sterblichen verwandelt. Ueberdies gewannen sie während des friedlichen Rauchens Zeit zu ruhiger Ueberlegung, ehe sie handelten. Kurzum der Tabak erweist sich als ein wichtiger Faktor für die öffentliche Wohlfahrt, gleichviel, ob man ihn in Form einer Pfeife, Zigarre, Zigarette oder als Schnupftabak konsumiert. Welchen Wert man im 18. und zu Ansang des 19. Jahrhunderts auf den Schnupftabak als Besänitigungsmittel legte, zeigte der Ausspruch des deutschen Geschichtsschreibers Jacoby: „Wenn jemand Zeichen von Gereiztheit zeigt, wird ihm die Schnupftabaksdose gereicht, und wir alle haben uns zu sehr in der Gewalt, selbst unter den schwierigsten Umständen, um dieser Macht jemals zu widerstehen." Selbst die Frau en jener Zeit, die nicht selbst schnupften, hatten Schnupftabaksdosen bet sich, um Streitigkeiten zwischen ihren Bewunderern vorzubeugen. Man hielt es allgemein für eines der wirksamsten Mittel, um freundschaftliche und angenehme Beziehungen aufrecht zu erhalten. Jetzt ist der Schnupftabak nicht mehr modern. Aber an die Stelle der Schnupftabaksdose ist bei dem heutigen Diplomaten die Zigarettentasche getreten. Es ist bemerkenswert, daß die Russen, die dem Studium der Diplomatie so besonders grobe Bedeutung zumessen, immer die besten Ziga° retten rauchen. Dagegen war einer der Gründe, warum der frühere Khedive von den verschiedenen Ministern und Konsuln, die an seinem Hofe akkreditiert waren, so sehr unterdrückt und unaufhörlich belästigt wurde, sicherlich seine scheußlichen Zigaretten. Es gehörte die stärkste Dosis Höflichkeit dazu, um nur so zu tun, als ob man sie rauchte. Infolgedessen wurden alle unliebenswürdigen uni) verstimmenden Gedanken, die seinen Besuchern in den Sinn kamen, noch verschärft. Diese Zigaretten inspirierten den Geist nicht zu ruhiger Ueberlegung, reizten die Gemüter eher, statt sie zu besänftigen. Für den inneren Zusammenhang zwischen diplomatischer Begabung und Tabakskonsum spricht auch die Tatsache, daß alle Frauen, die in der Diplomatie bekannt sind, wie die Fürstin P a tl l i n e M e 11 e r n i ch, die Fürstin Life Troubetskoi, die Fürstin Croy, Frau v. Nivikoff u. a. m., eingefleischte Raucherinnen waren. Während sie friedlich die Rauchwolken ihrer Zigaretten verfolgten, schmiedeten sie ihre diplomatischen Pläne und überlegten, ehe sie handelten. Die gelassensten und lenksamsten Frauen des Weltalls sind die Orientalinnen, die den ganzen Tag rauchen. Mit Ausnahme der Zarin, der Königin Alexandra und der Königin der Nieder- lande rauchen fast alle Frau en der regierenden Häuser Europas. Selbst am dänischen Hofe, an dem stets, besonders zu Lebzeiten der Königin Luise, die strengste Etikette herrschte, rauchen fast allekaiserlichenundkönrg- I i ch e n D a m e n, die sich im Sommer in Fredensburg zusarnmen- finden, und nicht nur im Schloß, sondern auch in der Oeffent- tichkcit . . . . * Fleischpreise in Alt-Berlin. Im Jahre 1398 oesaß Berlin 47 Schlächter und 3 Wurstmacher, die alle gute Geschäfte machten. Damals war der Fleischverbrauch auch sehr groß, man berechnete ihn durchschnittlich pro Kopf, der Bevölkerung auf 2—3 Pfund täglich. Interessant ist eme Poltzewer- orbnung vom Jahre 1514, die u. a. folgendes vorschreibt: „^eder Bäckermeister, der seinen Gesellen zur Mühle mahlen schickt, tft verpflichtet, ihm für den Tag 8 Quart Bier, für 5 uhg. Brot und 4 Pfund Fleisch mitzugeben". Die Preise für Rind-, und Hammelfleisch waren damals äußerst gering, so daß such selbst der „kleinste Mann" einen guten Braten an ^onn- und Feiertagen leisten konnte. So bezahlte man im ,^ahre 1657 sirr ein Pfund bestes Rindfleisch 8—10 Pf., für Schweinefleisch 10 Pfennig, und für Hammelfleisch 12 Pfg. Vorzügliches Kalb- fleisch kostete höchstens 9 Pfg., Lunge und Leber nur 5 Pfg- das Pfund Die Preise wurden durch amtliche Probetchlachtungen festgesetzt. Im Jahre 1723 erstand das Berliner Schlachtergewerk auf 'bent Breslauer Johannismarkt 412 -Ochsen. Die Berliner Polizeidirektion suchte sich die sechs fettesten und das Berliner Gewerk die sechs magersten Ochsen aus. Letztere wurden in das Rathaus eingeliefert und hier geschlachtet. Dann wurden die Unkosten genau berechnet und es stellte sich heraus, daß den Schlächtern das Pfund Rindfleisch einschließlich aller NeberEb- aaben nur 20 Pfennig kostete. Danach wurde der Verkaufspreis für Rindfleisch auf 24 Pfg. pro Pfund festgesetzt. Die Preye blieben jahrzehntelang die gleichen, bis sich ungefähr mit dem Beainn des 18. Jahrhunderts auch hierin ein Umschwung vollzog. Noch im Jahre 1834 kostete Rindfleisch 26 Pfg Hammelfleisch 20 Pfg. und bestes Schweinefleisch 25 Pfg. Wie das handschriftliche Corpus bonorum des Berliner Magistrats besagt, wurde im Jahre 1750 von den hiesigen Schlächtern alles RiA- fleisch in drei öffentlichen Schlachthäusern geschlachtet, und für tedes Stück mußte ein Silbergroschen in der Kämmerei erlegt werden Das älteste von diesen drei Schlachthäusern befand sich in der Nähe der ehemaligen Paddengasse und geriet 1852 bereits in einen so baufälligen Zustand, daß die Schlächtermeister sich aeAtmmacn sahen, eine Eingabe wegen Erbauung eines neuen Schlachthauses an den Magistrat zu richten. Dieser berechtigte Wunsch der Berliner Schlächtermeister ging auch bald m Erfüllung und einige Jahre später wutt>e an der „Blaksbrucke (heutigen Waisenbrücke) ein zweites Schlachthaus und dann in der heutigen Dorvtheenstadt ein drittes erbaut. Durch Mimste- Landwirtscßaft. — Landwirtschaftliche Landes- und Jubilä- u ms-Ausstellung Mainz. Vom Hess. Landwirtschaftsrat wird uns geschrieben: Da es außerordentlich schwierig ist bei Beurteilung landwirtschaftlicher Erzeugnisse auf Ausstellungen zum Zwecke einer Prämierung allein nach dem äußeren Ansehen, ohne Berücksichtigung ganz bestimmter Eigenschaften, die Preisverteilung vorzunehmen, hat der Hessische Landwirtschaftsrat beschlossen, bei der Prüfung in der Gruppe Ackerbau des Preisbewerbsplans auf der Landes -Ausstellung in Mainz bei einigen Erzeugnissen ein besonderes Punktierverfahren zur Durchführung zu bringen. Auf diese Weise wird es ohne Zweifel auch möglich sein, eine gerechtere Beurteilung der ausgestellten Produkte zu erreichen. So werden z. B. Braugerste und Hafer in der Weise beurteilt, daß für bestimmte, als besonders wertvoll zu bezeichnende Eigenschaften dieser Fruchte je eine festgesetzte Höchstpunktzahl in Anrechnung gebracht werden kann. Die eumme der für die einzelnen Veurtcilungsmomente zusammen zugeteilten Punktzahlen stellt das Gesamturteil dar. Diejenigen ausgestellten Proben, welche die höchste Punktzahl erreicht haben, können als die besten mit Preisen bedacht werden. Mgesehen davon, daß diese Beurteilung der Proben, bereit Aussteller den Preisrichtern nicht bekannt sind, eine sehr gerechte ist, giebt sie auch weiter dem Landwirt selbst Aufschluß über die Beurteilung der Eigenschaften seiner ausgestellten Früchte und zeigt ihm den Weg, nach welcher Richtung hin er bestrebt sein muß, Qualitätsverbesserungen seiner Produkte vorzunehmen. Jeder Aussteller kann Gelegenheit nehmen, sich über die Einzelbeurteilung seiner Proben zu orientieren und erhält damit Aufschluß über die Gründe, welche event. maßgebend sind, wenn, ihm kein oder nur ein niedriger Preis zuzuerkennen ist. Wir möchten nicht versäumen, unsere praktischen Landwirte auf den ausgedehnten Preisbewerbsplan in Gruppe Ackerbau hinzuweisen, nach welchem Gelegenheit geboten ist, die verschiedensten Getreidearten, Rübenarten, Kartoffelsorten, ferner Samen, Grünsutter- und Gründüngungsgewächse, Hülsenfrüchte, Korbweiden, Hopsen, Tabak n. a. m. zur Ausstellung zu bringen. Der Anmeldeschluß für diese Abteilung ist der 1. August. )( Frankenberg, 22. Juli. Im Anschluß an die gestern hier abgehaltene General-Versamnilung der kurhessischen Land- wirffchastskammer fand heute früh um 7 Uhr beginnend, hier eine Tierschau mit Prämiierung für ganz Kurhessen statt. Auf den großen Edderwiesen hatten außer Pferden, Schweinen, Schafen und Ziegen über 500 Vogelsberger, Waldecker, Schwalmer und Simmentaler Bullen, Kühe und Rinder Aufstellung gesunden. Der Vorsitzende der Landwirtsckaflskammer wies in einer Ansprache darauf hin, daß die Viehzucht in Hessen erfreuliche Fortschritte mache. Cs gelangten an die besten Züchter etwa 8000 Mark an Prämien zur Verteilung. Der landwirtschaftliche Fest- zug, welcher sich mittags durch die Stadt bewegt, gewährt mit seinen zahlreichen Wagen und den Trachten der Insassen ein farbenprächtiges Bild. Das Fest geht Sonntag abend zu Ende. Das Gerücht, der Urheber des Attentates am vergangenen Freitag sei bereits verhaftet worden, bestätigt sich nicht. Athen, 24. Juli. (Havas.) Telegramme aus Monastir berichten von neuen bulgarischen Greueln im Distrikt Perlepe. Eine Bulgarenbande, die sich in Kriko gebildet hat, griff das griechische Dorf Lorikovo-Gradesnitza an, brannte 64 Häuser nieder, plünderte das Dorf und tötete den Priester nebst 7 angesehenen Griechen. Eine andere bulgarische Bande griff zu derselben Zeit ein kleines Dorf in demselben Distrikt Namens Petalina cm, brannte einige Häuser nieder und tötete mehrere Griechen. Der Angriff auf Gradesnitza rief allgemeine Entrüstung hervor. Tanger, 24. Jüli. (Reuter.) Eine französische Jacht, welche in Tanger und anderen marokkanischen Hafett Vermessungen vornahm, um von dem Maghzen den 'Auftrag zur Verbesserung der Häfen zu erhalten, war in Mogador angekommen und nahm Lotungen und Vermessungen in der Bucht vor. Dies rief unter den Eingeborenen großeErregung hervor. Die Eingeborenen warfen mit Steinen nach den Vermessungsingenieuren, als diese sich ausschifften, und drohten, sie zu erschießen, falls sie landen sollten. New-OrleanS, 24. Juli. Amtlich wird bekannt ge» geben, daß hier am gelben Fieber 17 Personen erkrankt und 6 gestorben find. Dlindel und Verkehr. Volkswirtschaft. Essen (Ruhr^. 24. Juli. In her heutigen Zecbenbesitzer- versammlung des Kohlensyndikats brachte der Vorsitzende Kudors Auslassungen über die Stellung des Fiskus zum ^Kohlen- yndikat in der Hi bernia-Angelegenheit zur Sprache. Er erllärte, das Syndikat sei an den Erörterungen unbeteiligt. Wenn etwa die Preßerörterungcn wegen der Regelung der Hiber- nia-Angelegenheit und des etwaigen Beitritts des fiskalischen Gruben zum Syndikat dem Wunsche des Fiskus entspringen sollten, dann glauben Vorstand und Auffichtsrat, daß in ^dem mit Genehmigung der Zechenbesitzerversammlung vom 16. September 1904 dem Handelsminister gemachten, von diesem aber ab- gelehnten Anerbieten, in eine Verhandlung über die Beitritts- srage einzutteten, der Weg hierzu gegeben sei. da das Kvhlen- svndikat seine Bereitwilligkeit noch jetzt aufrecht erhalten habe. Die Versammlung nahm von der Erllärung unter Zustimmung Kenntnis. _ Ernteaussichten in den Vereinigten Staaten Wie das Fachblatt „Cincinnati Price-Current" meldet, wurde das Wachstum der Maispflanzen durch die fruchtbare Witterung der letzten Woche begünstigt. Die Ernteaussichten für Mais werden als vorzüglich bezeichnet. Im Stand der Winters- und Frühjahrsweizensaaten ist eine Veränderung allgemein nicht einge- treten, nur vom Winterweizen wurde berichtet, daß dieser stellenweise durch Feuchtigkeit leichte Schäden erlitten hat. Die Drescharbeiten wurden infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse auf- gehalten. Das Angebot der Farmer ist ziemlich,umfangreich. Aus der Dünger-Industrie. Tie Societä de Mines et Fondieres de Zine de la vieille Montagne in Angleur bei Lüttich will demnächst eine Superphosvhatfabrik errichten.. Diese Nachricht dürfte geeignet sein, in den Kreisen der deutschen Dünger- Herstellung Aufsehen zu erregen, weil zu befürchten ist, daß das neue Werk, nachdem die belgischen Fabriken schon seither infolge ihrer großen Mengen Schwefelsäure aus dem Zinkhütteugewerbe an Uebererseugung leiden, seine Erzeugnisse im Rheinland und im westlichen Deutschland unterzubringen sucht. Erz-Kuxe. F e r n i e. Angebot —, Nachträge 3950. Ausbeuten und Zu- wißen 1903: 225: 1904: 300. lksion. M funa über bic „MM M führte W a, Muitlcnberg ww M früh unter Leü« oi) mit Museumsi erbaute GüW W na4FE der sie er Zehrt auf glatte' lickten die Türme da ia, jetzt Frrenanstal und liegt ime all- Arnsburg, m Ta ir Ban wurde weiten Siertci M und QnM ^u des Langhau s ^alsaWel-un Ks sr*** 'M“ > » • am 4 (oiil »bitS * ff'«wi* J(*«*5* FamilienUachrichten. Gestorben: Bürgermeister a. D. Georg Reitz in Södel. — Frau Mathilde Könnecke Wwe. in Wetzlar-Niedergirmes. Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst. VoranSfichtliche Witterung in Hessen für Mittwoch, den 26. Juli 1905: Zeitweise aufheiternd, Temperatur unverändert. Näheres durch die Gießener Wetterkarte. Original-Vraljtmetvunqen. Essen, 24. Juli. Die Beiratssitzung des K o h l e n s y n d i - kats beschloß die Richtpreise für das Winterhalbjahr 1905/06 unverändert zu lassen, dagegen die Richtpreise für Briketts um 40 Pfenni g für bic Tonne zu erhöhen. In der Zechenbesitzer-Versammlung berichtete der Vorstand wie folgt: Im Juni betrug der Absatz bei 22 drei Achtel Arbeitstagen 4 605 345 Tonnen, das ist gegen den Voranschlag mehr 248 008 Tonnen, also gegen die veranschlagten 77 Proz. 81,38 Proz. der Beteiligung, gegen Mai 1905 beträgt er mehr 2,99 Proz., gegen Juni 1904 9,18 Proz. Die Förderung betrug im Juni 1905 pro Arbeitstag 240 283 Tonnen, das ist gegen Mai 1905 pro Arbeitstag weniger 0,04 Proz., gegen Juni 1904 pro Arbeitstag mehr 7,74 Proz. Das Versenden von Kohlen, Koks und Bttketts betrug im Juni pro Arbeitstag 220 963 Tonnen, das ist gegen Mai mehr 2,44 Pro-., gegen Juni 1904 mehr 8,71 Proz. Der Absatz im zweiten Quartal betrug 79,77 Proz. der Beteiligung. Pro Arbeitstag stellte sich der Gesamtversand um 7,51 Prozent höher gegen den des zweiten Quartals im Vorjahre. Zum Schluß gab der Vorsitzende des Syndikats einen Ucberblick über die Geschäftslage und betonte, daß sich im Juli bereits die 6. ini letztes Abonnements-Konzert Zum neuen Saalbau ■■ (früher Steins Gart 0- ---------- Donnerstag, den 27. Juli: ausgeführt von der Kapelle des Inf.-Reg. Kaiser Wilhelm (2. Grossh. Hess.) Nr. 116 unter persönlicher Leitung C25/, Grossh. Musikdirektors Herrn C» Krausse. Anfang S Uhr. Eintritt 50 Pfg. Rheinwein-Essig Man verlange mit Rheinwein hergestellt von hv^/g TH. WSKOPF i. FAHR (Rheinland). Vorzüglichste Fabrikate. Allseitig anerkannt. Zu haben in den meisten Kolonialwaren-, Drogen- und Delikatessen-Handlangen. krHeWgl. UmverW-Bihliölhek. Alle Benutzer, mit Ausnahme der Studierenden, haben die von ihnen vor dem 10. Juli entliehenen Bücher spätestens am 10. August zur Musterung einzuliefern. Vom 14. August bis 21. Oktober ist die Bibliothek täglich von 9 bis 1 Uhr geöffnet. Gießen, den 24. Juli 1905. D,5/7 Der Großherzogliche Direktor: Dr. Haupt. Gartenaniage. Infolge Neubaues des Markus-Pfarrhauses an der Kirchstraße wird die Umgestaltung des Pfarrgartens erforderlich und sollen die hierzu erforderlichen Grabarbeiten und die Bepflanzung an einen Gärtner vergeben werden. Bewerber wollen den Gartenplan und die Bedingungen Lei Herrn Architekt Stein einsehen und dem Unterzeichneten bis zum Donnerstag, den 27. d. Mts. Augebote zugehen lassen. Gießen, den 22. Juli 1905. B”/7 Der Evang. Gesamt-Kirchenvorstand I. 93.: D. Schlosser. In meinen Neubauten an der West-Anlage find mehrere schön eingerichtete elegante Wohnungen zu vermieten und per 1. Oktober ev. früher beziehbar. 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