Nr. 78 Drittes Blatt. 155. Jahrgang Erscheint «glich mü Ausnahme des Sonntags. T ,.-, A A A Die „Sietzener KamiNenblalter" werden dem H 8 WM D W B J?|| BW JX § 4 p ä,X M ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der g p W ßj M \^k, £h tfx/JL IM fl W ^k, Lj fj M »hejstschtz Landwirt' erscheint monatlich einmal. B® d' d' Samstag L. April 1805 Rotationsdruck und Verlag der Brüh lachen UntoerftlätSi)ruderet 9L Lange, Dieben. Redaktion, ExpeOttton u. Druckerei. Schulstr.I. LeU Nr. 61. Telegr.-Adr. t Anzeiger Gieß«. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen. Mismarcks 90. Kevurlstag flt heute. Jeder wiederkehrende 1. April sollte für alle nationalgesinnten Deutschen stets ein Lag der Einkehr sein, an dem sie andächtiger als sonst auf Deutschlands große Leit zurückblickeu. Das ist notig, um daraus neues Vertrauen und frische Kraft HU schöpfen, die uns über alle Verdrossenheit des Tages hinweghelfen und zu nierastendem Kampfe gegen das Undeutscye und Unnationale stählen sollen. In vielen deutschen Städten wird der heutige Tag festlich begannen. Im Mausoleum zu Friedrichsruh türmen sich die Kranzspenden, die ersten Wunder des jungen Lenzes, zu Bergen. In Hamburg findet heute abend ein großer allgemeiner Bismarckkornrners statt und es werden dort viele begeisterte Bismarckreden gehalten werden. Wir gedenken heute Bismarcks als Redner. Wir sehen ihn, wie er hochansgerichtet auf der Rednertribüne des Reichstages steht, breitschultrig, graniten: wie alles aushorcht, wenn seine Worte donnern und blitzen. Und wer ihn selbst nie gesehen hat, dem erhebt sich lebendig aus seinen Reden seine Gestalt. Man meint, daß aus der Hünengestalt Bismarcks eine Kraft des Tons gequollen sein müsse, die alles niederge- donnert hat. Im Gegenteil: dieser Mann, der wie ein Riese dastand, hatte ein zartes, weiches Organ, das nicht einmal klar klang, sondern verschleiert und schwerfällig. Dazu gesellte sich noch eine böse Angewohnheit, ein langes, lautes Räuspern, das oft die gedankenvollsten, besten Sätze unterbrach. Die Zuhörer auf den Tribünen waren am Anfang der Reden Bismarcks damals enttäuscht, bis sich ganz langsam der Ton hob und die Wärme der Begeisterung sich einstellte. Dann, wenn er die Sache, die er erst objektiv erläutert hatte, persönlich anpackte, und nach seinen Empfindungen und Ueberzeugungen zurechtknetete, wenn das Herz an die Stelle des Verstandes trat, dann ward man der Größe und des blendenden Geistes dieses Mannes bewußt. Da spürte man die unüberwindliche Kraft des Genius, der alles niederzwingt, mag es sich sträuben, wie es wolle. Dann bekamen seine Reden das feine organische Gewebe, den großen, immer schlichten und nie grellen Farbenton, durch den sie mit zum besten gehören, was die deutsche Prosa seit Goethe hervorgebracht hat. Der trockene Ton des abwägenden Politikers trat zurück, und in die gleichmäßig hinfließenden rhetorischen Perioden sah man, wie weiße Blüten des Frühlings, eine glänzende Fülle poetischer Bilder sich wirken. Auch der Humor blieb nicht aus. Kein schlagender Witz machte sich breit, sondern jener überlegene Humor, der das Leben unter sich dahinströmen sieht und darüber lächelt. Wenn Bismarck so recht in Wut war, konnte seine Sätze und Gedanken niemand aufhalten. Die Rede ward immer überzeugender, der Humor schärfer, die Bilder reicher. Er spricht von der Eharybdis der Jakobinerherrschaft und der Scylla eines wohltuenden Säbelregiments, von Dem Buce- phalus des preußischen Geistes, der den unberufenen Sonntagsreiter mitsamt seiner schwarz-rot-goldenen Hämmnng« auf den Sand seht. Er schilt die Lotterie der Wahlen und den Destillationsprozeß der doppelten Wahl und warnt vor der dem Simson der Monarchie drohenden konstitutionellen Dalila. Er belächelt die gekränkten Kammerzelebri- täten und zieht kategorisch eine Parallele zwischen Diplomatie und Viehhandel. Er warnt davor, oas Nessus-Ge- wand der französischen Staatslehre auf unseren gesunden Körper zu ziehen und hat Besorgnis vor dem phontomischen Fluge der preußischen Politik. Dann wieder zieht er mit zornigem Haß gegen alles Bureaukratische zu Felde, gegen die geheimrätliche Allgewalt hinter dem grünen Tisch, und als Alter im Sachsenwalde klagte er, daß das nationale Bewußtsein erstickt wird in den Umschlingungen der Boa constrictor der Bureaukratie. Er hatte für jede Empfindung den entsprechenden Ton in der Brust, und wie alle Kraftmenschen für jedes Ding den richtigen Namen auf den Lippen. Das hat ihn zum Scböpfer jener geflügelten Worte gemacht, die wie Blitze einschlugen: solche Blitze sind niemals aus Grammatik und Lexikon herauszuschlagen, sondern nur aus dem Mut, einem starken Gefühle vollen Ausdruck zu geben. Das macht ja auch der Dichter, und es ist nur wahr, daß der märkische Junker manchmal unbewußt ein Stück von einem solchen gewesen ist. Die geflügelten Worte Bismarcks sind oft aus fremden Zutaten gewobene Gedanken. Wenn er von der alten Volksmeinung spricht, daß ein Königreich mehr gilt, als alles Drehen und Deuteln am Buchstaben des Gesetzes, so hat er vielleicht an Bürgers „Ein Kaiserwort soll man nicht drehen und deuteln" gedacht. Ueberhaupt ist die Art und Weise des Bismarckschen Zitierens originell. Sein erstes Zitat am 21. April 1849 stammt aus dem „Freischütz". Bis 1852 zitiert er dreimal Schiller und zweimal Goethes „Faust". Das ist alles. Erst von 1862 an werden die Zitate häufiger. Ein Berliner Brief der „Köln. Ztg." vom 2. Okt. 1862 spricht von dem „höheren Flug des Herrn von Bismarck". Aber Bismarck hat nie daran gelegen, die Zitate wörtlich richtig wiederzugeben. Wenigstens modelte er sie um und gibt sie so, wie sie ihm in seine Rede passen. Für die Empfindungen, die ihn bewegten, verstand er es ost, eigene Aussprüche zu prägen, von denen viele zu geflügelten, heute überall bekannten und gebrauchten Worten geworden sind: „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts aus der Welt"; „Nach Eanossa gehen wir nicht"; „Der "Appell an die Furcht wird in deutschen Herzens niemals ein Echo finden"; „Setzen wir Deutschland, sozusagen, in den Sattel, reiten wird es scy-on können"; „Ich gewöhne mich daran, im Gefühle zähmender Unschuld alle Symptome von Kälte zu vertrage:: und die Stimmung gänzlicher Wurschtigkeit in mir vorherrschend werden zu lassen"; „Ueber juristische Zwirnsfäden wird die Regierung nicht stolpern"; „Er lügt wie telegraphiert"; die Worte vom „Luxus der eigenen Meinung", von der „politischen Brunnenvergiftung", dem „passiven Widerstand", den „katilinarischen Existenzen", dem „am besten gehaßten Mann" — es sind alles Wendungen, die uns ohne weiteres eingehen, und die wir immer behalten werden, weil sie trefflicher einen Gedanken, einen Begriff beim richtigen, einzigen Namen nennen. Und ixu wir in Gedanken an ihn stets beherzigen mögen' Das ist das beste, was wir uns an seinem Gedenktage geloben können. Uolitische Tagesschau. Vom Hochschulstreit in Hannover. Dieser Tage wurde gemeldet, in Hannover sei ein neuer Studentenverband mit einem neuen Ausschuß gewählt worden. Rektor und Senat haben die Gründung und die Wahlen gutgeheißen und genehmigt. Die „Nordd. Allg. Ztg." hat demgegenüber behauptet, daß die Genehmigung neuer Satzungen für den Ausschuß noch nicht erfolgt sei. Zur Klärung des Sachverhalts dürfte folgende Mitteilung des Korrespondenten des „Berl. Tagebl." in Hannover von Interesse sein: „Eine am 16. März tagende Studentenversammlung beschloß die Gründung des neuen Verbandes und sandte die Satzungen dieses Verbandes an den Rektor Barkhausen zur Genehmigung. Die Genehmigung erfolgte innerhalb weniger Tage, ünd am 23. März wurde der Ausschuß des neuen Verbandes gewählt. Bereits am 24. März genehmigte der Rektor diesen neuen Ausschuß, und zwar, wie es in einer Bekanntmachung des Rektors beißt, vorbehaltlich der endgiltigen Regelung der Bildung eines Ausschusses des StudentenveÄandes. Inzwischen begann der neue Ausschuß seine Tätigkeit. Da kam unerwartet das Dementi der „Nordd. Allgem. Ztg." Nunmehr wird es bekannt, was in ein- geweihten und unterrichteten Kreisen längst kein Geheimnis mehr war, daß die Freiheit der Studentenschaft in der Tat beschränkt werden soll, und zwar durch einheitliche, für alle Hochschulen gleiche Satzungen, die im Kultusministerium aufgestellt sind. Die neuen Satzungen sollten etwa zum kommenden Winter-, beziehrmgsweise nächstjährigen Sommersemester in Kraft treten." Danach hat der Rektor seine Genehmigung der Satzungen und der Ausschußwahlen nur widerrufllich gegeben und will sich dem Verlangen des preuß. Kultusministers fügen, der die Genehmigung der Satzungen und der Wahlen für die Studentenausschüsse vom Mlnisterium abhängig machen will. Der Kampf um die akademische Freiheit ist also wieder vertagt; hoffentlich benutzen die akademischen Kreise Preußens die Frist bis zum Beginn des Kampfes, um sich für diesen gebührend zu rüsten. Die preußischen Hochschulen wissen jetzt, woran sie sind. Gleichzeitig bestätigt es sich, wie der ,£>ann. Cour." mitteilt, daß der Erlaß des Ministeriums, welcher die Genehmigung neuer Satzungen diesen: vorbehält, nicht nur an die Technischen Hochschulen, sondern auch an die Uni* versitäten ergangen ist. Das Heim der deutschen Gesandtschaft in Tanger, das am Freitag den Kaiser beherbergt hat, liegt, wie die Häuser aller in Tanger wohnenden Europäer, außerhalb der eigentlichen Stadt, in freier luftiger Gegend aus dem sachtaufsteigenden Hügelrücken, von dem aus sich eine wundervolle Fernsicht über die weißen Häuser am Haien, die Türme und Kuppeln der Moscheen und über das tiefblaue Wasier des Golts darbietet, wenn man aus dem Gange — oder vielmehr Ritte, denn kein Europäer in Tanger geht zu Fuß — durch die engen, nichts weniger als sauberen Straßen einen zwar sehr interefianten, aber den Geruchs- und sonstigen Empfindungsorganen nicht gerade sonderlich zusagenden Einblick in unverfälschtes orientalisches Leben und Treiben genoffen hat, so atmet man mit doppeltem Behagen die reine Luit, die den Besucher empfangt, sobald er den Fuß über die Schwelle zu dem weiten, von prächtigen Bäumen und Pflanzen gefüllten Garten gesetzt hat, der das deutsche Gescmdtschattspalais umgibt. Ein paar Kawaffen, Soldaten im Dienste des Sultans, die als Wächter und Polizisten fungieren und an der Eingangstur kauern, erheben sich mit maurischer Grandezza zu feierlichem Gruße, trennt uns dann aber das Gitter von ihnen und durchschreiten wir den Garten dem Hause zu, so erwacht schon in unserer Brust das behagliche Empfinden, auf deutschem Boden zu sein, denn alles zeugt von Sauberkeit, Pflege und Ordnung, lauter Eigenschaften, ' deren Gedeihen dieser Himmelsstrich sonst nicht gerade günstig zu sein scheint. Der Schreiber dieser Zeilen weilte hier zu Gaste, als noch der derzeitige Gesante in Lissabon, Graf Tattenbach, in Tanger die Interessen des Deutschen Reiches wahrnahm. Seine ebenso liebenswürdige als kunstsinnige Gemahlin, eine Tochter des Frankfurter Palriziergeschlechtes der Herren von Metzler, Hatte es auf das glücklichste verstanden, in ihrem Heim höchsten europäischen Komfort mit den Bedingungen des Klimas zu vereinigen. Schon die Bedienung beim Tiner durch einen korrekt stilisierten Kammerdiener und einen kaum minder gewandten Araber in blauweißem faltigem Gewände und mit dem Tilrban um den Köpf, bot einen amüsanten Kontrast. Und wie behaglich saß es sich nachher beim Kaffee und Zigarette, in der hohen, mit schonen Teppichen und Waffen ge- schückten kühlen Halle, in die kein Lüftchen der draußen herrschenden Gluthitze brang . . . Das diplomatische Korps in Tanger ist ziemlich stark an Zahl, zu ihm gesellen sich noch, seit Tanger als Winterkurort, namentlich für Brustleidende und Rekonvaleszenten, Rrü gewonnen hat, ein paar in den beiden großen Hotels wohnende, meist englische Familien, sowie die sehr hübsche Villen besitzenden, fest angesiedelten europäischen Kaufleute und übrigen Unternehmer. Und diese kleine Kolonie hält nicht nur fest zusammen, sondern versteht es auch, sich die Zeit in angenehmer Weise zn vertreiben. Feden Tag fast ist „etwas los", ein Gartenfest, ein Ausflug die Küste entlang ober ins Innere hinein — beides augenblicklich zwar wohl mit einiger Gefahr verbunden — Tennispartien, Five o'elocks und Dmers wechseln miteinander ab und geben den Damen Gelegenheit, die modernsten pariserischen Toiletten zu zeigen. Man kann sich leicht vorstellen, wie eifrig sie jetzt wohl an der Arbeit sind, um zu dem iu der deutschen Gesandschaft angesehten Empfange würdige Figur zu machen. Aiich gegenwärtig wieder ist Deutschland in Marokko durch einen Süddeutschen repräsentiert: den Freiberrn Friedrich von iiiid zu Mentztngen, einen Badener von Geburt, der mit der belgischen Gräfin Rechne von Liedekerke verheiratet unb Vater einer munteren kleinen Kinberschar ist, deren zwei jüngste das Licht der Welt auf marokkanischem Boden erblichen. Und ebenso ist der Legationssekretär Dr. von Kühlmann süddeutscher Herkiinst, ein Bayer Sohn des in München lebenden früheren General- direktors der anatolischen Bahnen unb Enkel des Dichters Oskar von Redwitz. DermifcbUi« • Eine Offizierstragödie im Schnellzug. Aus Madrid schreibt man; Als kürzlich der Schnellzug Aranjuez— Cuenca abends gegen 9 Uhr in die Station Tarancon einlief, entdeckte man in einem Abteil zweiter Klasse die Leichen ünes Offiziers und einer jungen Dame. Es konnte bald festgestellt werden, daß der Offizier mit einem Taschenrevolver die Dame und dann sich selbst erschaffen hatten Ueber die Vorgeschichte des Dramas ist folgendes bekannt geworden. Der Gendarmerieleutnant Felix de la Cueva, hatte in Cuenca, wo er garnisonierte, mit Pilar Ortega, her Tochter einer Köchin, ein Liebesverhältnis angeknüpst imb- war mit ihr, nachdem er von dem Gelde, das ihm für die Soldzahlung an die Gendarmen anvertraut war, 2500 Pesetasunterschlagen hatte, nach Andalusien entflohen. In Cordoba wurde er festgenommen und von einem Offizier und zwei. Gendarmen nach Cuenca zurückgebracht. In einem anderen! Abteil des Zuges saß die Geliebte des Leutnants, die gleichfalls nach Cuenca zurückkehren wollte. Unterwegs fand bec| Offizier Gelegenheit, die Wachsamkeit seiner Begleiter zu, täuschen und sich zu der Geliebten zu schleichen, wo sich beibc- erschossen. Kunst und Wissenschaft. — Trc Kaiser und die Maestros. In der Pariser „Revue" veröffentlicht Daucaire. was ihm Leoncavallo vom Kaiser erzählt hat. Wir entnehmen daraus einiges, daS der italienische Maestro über die Hauptprobe des „Roland b ort Berli n" , zu berichten hatte: „Es verdient erzählt zu werde», wie es bei der Hauptprobe, zu der allein Kaiser Wilhelm gekommen ist, zuging. Die Hauptprobe sollte als Matinee vov dem Kaiser bei verschlossener Tür siattfinden. Ich 'bat dennoch^ den Intendanten, meine Frau und meinen Verleger mitbringen zu dürfen. Man erlaubte es unter der Bedingung, daß Madame Leoncavallo im Hintergründe der Dircktorialloge und mein Verleger in der kleinen Loge des diensttuenden Feuerwehrmannes auf der Bühne bleibe. Punkt 11 Uhr erschien der Kaiser mit zwei Prinzen und zwei Generälen: er nahm in der dritten Reihe, des Parketts Platz und ich setzte mich einige Reihen dahinter/ Nach der Ouvertüre drehte sich der Kaiser händeklatschend nach mir um. Nach dem ersten Aufzug rief er mich zu sich, um mir die wärmsten Komplimente zu machen — welche die Bescheidenheit zu wiederholen verbietet — und ging dann nach der Jntendanten- loge, aus der ich ihn bald darauf mit meiner Fran am Arme herauskommen sah. Ta meine offenbar bestürzte Frau sich, wegen ihrer Straßentoilette nicht genug entschuldigen konnte, sagte der Kaisen „Morgen, Vtadame, kommen wir in GaLa: heute ist noch Arbeitstag, da moguieren wir uns über dte 'Elikette." Und wie er sprach! Im rein ft en Französisch, mit einem richtigen Pariser Accent! Meine Frau äußerte ihre Furcht vor dieser Premiere, da man ihr täglich zwanzig entschiedene Feinde ihres Gatten und seines Werkes nenne. Der Kaiser lachte: „Was denken Sie? Sie haben keinen Feind, nicht den geringsten: ich habe sie alle! Ich lann kern Bild bestellen und keine Statue in Arbeit geben, ohne daß . man malitiöser Weise die Wahl des Künstlers unterstreicht, die ich^ getroffen habe. Ist das Werk gut, so schlägt es allein durch. Und bis jetzt scheint es mir kräftig genug gebaut zu sein, um meine künstler'schen Gegner zu verwirren; das ist die Hauptsache." — Man erinnert sich noch des Titanenkampfes, der kurz nach der Berliner Uraufführung des „Roland von Berlin" zwischen M a s c a g n i und Leoncavallo znm Ausbruch kam. Mascagni hatte einem Pariser Journalistert erzählt, daß eigentlich et den „Roland" hätte komponieren sollen; er sei von dem Generalintendanten zri Berlin im Auftrage des Kaisers eigens dazu aufgefordert worden, habe aber abgelehnt und auf Leoncavallo als den „besten Mann im Felde" hingewiesen. In etlichen Briefen und zahlloftn Interviews erklärte aber Leoncavallo diese ganze Geschichte für Schwindel und rief einen verflossenen und eilten amtierenden Generalintendanten als Eideshelfer auf. Mascagni replizierte grob, daß Leoncavallo die Erfindungsgabe, die er in seinen Werken vermissen lasse, in seinen offenen Briefen und in seinen Gesprächen mit Zeittmgsmenschen offenbare. Dann ward es still. Nun kommt die Nachricht, daß die beiden Stars der neuitalienischen Komponierkunst sich 'ausgesöhnt und sich gegenseitig den Bruderkuß appliziert haben. „In Ventr- miglia war es", so lesen wir im Mailänder „Secolo", „wo die beiden Meister zusammentrafen. Mascagni kam von Monte Carlo und fuhr nach Florenz, während Leoncavallo von.Italien Hen Paris pilgerte. In plötzlicher Liebesaufwallung schritten sie auf einander zu, reichten sich stumm die Hände und umarmten und küßten sich. Beide waren tief ergriffen." Nun wird sich alles, alles wenden! Kcrichtssaal. — Der „pathologische Raus ch". Wegen versuchten. Totschlags hatte sich der R i 11 e r g u t s b e s i tz e r Alexandev v. R o h r vor bem Schwurgericht in Neu-Ruppin zu verantworten. Es handelte sich um einen Streit des Angeklagten mit dem Gutsinspektor Lernbcke, mit bem er in einen Wortwechsel geraten war, in besten Verlaufe er auf ben Inspektor einen Schuß abgefeuert hatte. Die Angelegenheit staub bereits Enbe Oktober vor. Js. zur Verhandlung, doch trat barnals Vertagung ein, weil ein Overgutachten des Medizinalkollegiums der Provinz Brandenburg darüber eingebolt werden sollte, ob sich v. Rohr zur Zeit ber Begehung ber Tat infolge bebeutenben Alkoholgenuffes in einem Zustande von krankhafter Störung der Geistestätigkeit befunden, durch ben seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen war. Zu der jetzigen Verhandlung waren als Sachverständige geladen Medizinalrat Dr. König, Oberarzt an ber sta'btischen Irrenanstalt zu Dalldorf, und der Berliner Universitätsprofessor Dr. med. Klemperer. Die Sachverständigen kamen zu der Ueberzeugung, daß ber Angeklagte infolge Alkoholgenustes einen „pathologischen Rausch" gehabt habe unb daher im Sinne des § 51 des Strafgesetzbuches für seine Xai nicht verantwortlich gemacht werden könne. Hierauf plädierten der Staatsanwalt wie die beiden Verteidiger auf nichtschuldig. Nach kurzer Beratung der Geschworenen, deren Wahrspruch auf nichtschuldig lautete, wurde der Angeklagte sreigesp rochen» Will man in Zukunft jeden Kriminalfall, bei dem „zur Zeit ber Begehung der Tat" ein „bedeutender Alkoholgenuß* vorlag, sp eingehend begutachten lassen ? — Das würde wohl richtig sein, denn vor dem (tzesetz sollen alle gleich sein, aber es würde einen riesigen Sachverständigen-Apvarat beanspruchen, denn ber Alkohol spielt bei Verübung von Vergehen unb Verbrechen eine große Rolle. Schließlich würbe bann ber Arzt die Entscheidung fällen, wie viel eines Gehirngittes „krankhafte Störungen" im Sinne des Gesetzes hervorrutt, unb man würde endlich zu ber Einsicht kommen, daß der Aiensch nicht sein Delcken trüben, nicht seine Willenskraft schwächen, überhaupt nicht sein Gehirn mit Alkohol vergiften soll. Dr. M. ScliulÄe-Hnhloyss. Nervenarzt. Sanatorium Hofheim im Taunus. Rra Sommerkur für schlossen). 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Dtobilien-Conto Zahl der Genossen Ende 1904 Das Geschäftsguthaben der Genossen betrug des Geschäftsjahres 1904 . . . . Es verminderte sich um < und beträgt Ende 1904 ..... Die Gesamthaftsumme der Genossen beträgt Gießen, 1. April 1905. Der Vorstand. Wasserheilanstalt zu Michelstadt i. Odenw. Station der preuß.-hess. Odenwaldbahn (Fransiurl a.M.) Hanau— Eberbach (Heilbr.—Stultg.). Heilanstalt für chronisch Kranke der verschiedensten Art, des. Nerven» leidende (Geisteskr. ausgeschl.), Rheumatiker u. Blutarrne, Anwendung des wissenschaftlichen Wasserhetlveriahrens, der Elektrizität, Massage, Hellgyinnastik, dtälellscher und psychiatrischer Behandluiig. Landaufenthalt für Erholungsbedürftige, Reconvaleszenten etc. Während der Wnitermonate (Dloveiuber bis emschl. April) Ermäßigung der Preise. 9täheres durch Prospekte. ss18/, San.-Ral Dr. Scharfenberg, Bes. u. dir. Arzt. genommen wird. Gießen, den 30. März 1905, Gäste können eingeführt roeibeit. Der Vorstand § 18 Absatz 2. 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