General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitälsdruckerei. 5L Lange, Gieße» Redaktion, Expedition u.Druckerei: Echulstr.7. Tel. Nr. 5L Telegr.»2ldr.: Anzeiger Greßen. Nr. 263 Drittes Blatt. ISS. Jahrgang Mittwoch 8. November 1803 Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags. AA ZS. AA AAA A \ A Z\A Die „Glehener ZamilienblStter" werden dem H j EXH | R< 9 J| || B ß ff S< g ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der B N B & JL EL kV, M, ^hesfische Landwirt"' erscheint monaUich einmal. " eB6 ▼ 'V ▼ ▼ * * |i ▼ ▼ ” Valltifche Tag es schm. Neber den 8. hessischen Katholikentag, 6er unlängst in Mainz stattfand, schreibt das „Zwanzigste Jahrhundert", daS Organ des Reformkatholizismus: „Was wir unter einem .Katholikentage" zu vergehen haben, darüber bat uns der 8. hessische Katholikentag aulgeklärt. Wohl war die Versammlung eröffnet und geschloffen von den äußeren Zeichen des katholischen Bekenntnisses, aber alles übrige war von r e i n st e m parteipolitischem Wasser. Der bayr. Zentrumsabg. Dr. Schädler renommierte stark mit den Ettolgen, die vom Zentrum errungen worden seien; in Bayern und in Baden „werde es einem ganz schwarz vor den Augen". Trotzdem wurden aber auf der Tagung wieder die alten Klagen über die Verfolgungen laut, denen die Kirche ausgesetzt 'n und gegen die es nur ein Mittel gäbe: möglichst viele Zeinrums-- wahlzettel bei der demnächst stattsindenden Landtagswahl. So war also dieser Katholikentag in der Tat nur eine Wahl-Ver- samrnlung der Zentrumspartei. Die Bezeichnung „Katholikentag" müffen wir als eine Anmaßung zuri'ickweisen. Wenn das hessische Zentrum in dieser offenen Weise die katholische Kirche mit der Partei vermischt, so mag sie sich nicht über Kirchen- vcrfolgnng beklagen. Wenn seine Führer sich beim politischen Kampfe hinter den Schirm der Kirche flüchten und die Angreifer als „Kulturkämpfer" ausgeben, so ist das nicht nur eine Feigheit, sondern eine Bloßstellung der Kirche, die dann die Schläge auszuhalten hat. So geht es immer! Man benützt die kirchlichen Institutionen, man umgiebt x. 9. in diesem Falle den Zentrnmsparteitag mit kirchlicher Weihe, und wundert sich nachher, wenn die zu einem unheiligen Zwecke gebrauchten heiligen Mittel ähnlich in Mißkredit kommen, wie einst der einträgliche Ablaßhandel. Dasselbe ist wieder einmal aus Baden zu berichten. Wir wollen nicht untersuchen, inwieweit die gemeldeten Fälle von Mißbrauch der Kanzel auf Wahrheit beruhen, es genügt uns die eine nicht bestrittene Tatsache: die Inanspruchnahme der Geistlichkeit zur Wahlarbeit." * Vom Reichstag. R. Berlin, 7. November. Es ist davon die Rede, der Reichstag wolle im Hinblick auf die Fülle wichtiger Vorlagen die Einführung von Diäten erzwingen durch dilatorische Behandlung speziell der Finanz reform, der Mi litärpensionS- gesetze und der Flottennovelle. Rach unseren Erkundigungen in parlamentarischen Kreisen trifft das nicht zu. Man ist zwar der Meinung, daß der Mangel an Tagegeldern sich bei Bewältigung des sehr umfangreichen Arbeitspensums insofern recht fühlbar machen werde, als die verhältnismäßig geringe Zahl von Abgeordneten, die die mühevolle Kom- missionSarbeit zu leisten pflegen, stark in Anspruch genommen werden dürste. Die Erfüllung der parlamentarischen Pflicht jedoch abhängig zu machen von der Entschließung der Re- qicrung, Diäten zu bewilligen, dieser Gedanke kommt bei der Volksvertretung jetzt ebenso wenig zum Durchbruch, wie in früheren Sessionen. Im übrigen kann in der Diätenfcage das früher an dieser Stelle Gesagte nur wiederholt werden: dieser Reichstag ist aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte unter der Voraussetzung der Diätenlosigkeit gewählte. Bis zum Sommer 1908 wird Fürst Bülow eine Aenderung herbeiführen wollen und auch herbeiführen können, ohne daß eine „Kompensation" auf dem Gebiete des Reichswahlrechtes in Frage kommt. Aög. Köyler-Lauqsdorf vor Gericht. (Unberechtigter Nachdruck verboten.) S.u.H. Gießen, 7. Nov. Es wurde dann das Zustandekommen der Veröffentlichung der Köfrlerschen Interpellation besprochen. Abg. Köhler gibt dazu an, daß er die Interpellation Im allen Weiöersomnrer. (-Original-Artikel des Gießener Anzeigers.) Nun ist er doch noch gekommen. Bei all den Stürmen und 6ntteitern im Oktober gab au«b der Hoffnungsfroheste_ es auf, in diesem Derbst noch im goldenen Sonnenlichte die Fäden des Altenweibersommers fliegen zu sehen. Nun führte er sich am vergangenen Samstag besonders schön ein. Warm schien die Sonne, die Silberfäden flogen im leichten Herbstwinde und überzogen mit leichten Schleiern den Hut des Wandernden., Mein Weg führt mich über Gießen dasWiesecktal hinaus. Zum Gehen ist der Weg viel zu weit, ich muß den sog. Mittagsschnellzug um 2.15 Uhr benutzen. — In dem schön ausgestatteten neuen Wartesaal des Gießener Bahnhofes wird einem das Warten nicht zu lang. Der Saal ist vom Sonnenlicht durchflutet, mir scheinen die Reisenden, die kommen und gehen, fröhlicher gestimmt als an andern Tagen, ein Wiederschein des schönen Herbsttages liegt auf allen Gesichtern. — Ter Zug sühn uns rasch aus dem Weichbild der Stadt, der buMgefärbte Laubwald nimmt uns auf, die Lokomotive bläst auf ihre Art „Gewehr in Ruh", wir paflieren die Militärschießstände. Dann im steten Wechsel Wiesen, Aecker und Wald, bis sich ein toeitcr freier Ausblick bietet rückwärts über den weiten Wiesecker Wiesengrund, das lang gestreckte Dors im Vordergründe: links :in Teil der Stadt, darüber hin der R o d b e r g, das L a h n t a l, 9er H ardtb erg, Gleiberg, Vetzberg, die zahlreichen Dörfer von Kinzenbach bis hinüber nach Wismar. Als ob rc eigens dazu aufgeb aut wäre, schließt derDünsberg das schöne Landschastsbild ab. Wir fliegen an dem Torfe Alten-Buseck vorbei, es tat sich an die lange Berglehne geschmiegt, der so schön bewaldete pangelstein und der langgestreckte Höhenzug dahinter schützt es >or den Winterstürmen. In den Wiesengründen sind die Menschen beschäftigt, die Grenzgräbchen zu öffnen, die Bewässerungsgräben )u säubern, damit das befruchtende Wasser im Lauf des Spätherbstes die Wiesen überrieseln kann. Dankbar wird den Wiesen ifir die im Sommer entnommenen Ernten Dünger aller 9trt zu- jefüfrrt, auf Wagen und in großen und Heinen Fässern, Wagen nit Pferden oder Kühen bespannt, und dabei eine Gcschäftig- |eft, eine Rührigkeit als fürchte man, dieser Tag wäre in diesem derbst der letzte, der solche Arbeit gestatte. Hier und dort werden auf den Feldern noch Dickwurzel teemtet, die untererdige Kvhlrabe steckt noch, sie kann ohne schaden einige Kältegrade verttagen, auch das Weißkraut und mderes Gemüse steht noch vielfach im Felde. Auf den braunen und schwarzen oder roten Aeckern grünt licht allzuhäufig die junge Wintersaat. Im allgemeinen ist die Zestellung spät erfolgt, ja man sieht noch da und bort den kaemann mit dem wmßen Leinentuch um die Schultern weit aus- ttrie fast alle derartige Arbeiten dem Redakteur Holzinger der ,^Lcmdpost" mit dem Auftrage über geb en habe, sie nach ihrer Einreichung bei der zweiten Kammer zu veröffentlichen und einen Abzug an den Rcdcnteur Wellmann der „Franks. Ztg." nach Darmstadt zu senden zusammen mit dem vorher erwähnten Briese. Er habe Holzinger angegeben, daß er am nächsten Tage nach Darmstadt fahren und die Jüterpellation einreichen würde. Dies sei auch geschehen, der Kammerpräsident Haas sei jedoch zufällig nicht da gewesen, und so habe die Zvterpellation erst den Einlaufstempel des folgenden Tages erhalten. Seine journalistische Ueberzeugung sei, daß die Interpellation ohne weiteres in der Presse veröffentlicht werden dürfte. Köhler fuhr fort: Ich stand unter dem Eindruck, daß auf eine anonyme Anzeige hin in dieser Weise gegen ein meiner damaligen Ansicht nach unschuldiges Mädchen vorgegangen wurde. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Mädchen nach Gießen zu laden und dort zu untersuchen, als mitten in ihrer Heimatsstadt auf der Bürgermeisterei. Bors.: Also Sie haben sich von der allgemeinen Erregung leiten lassen und nähere Erkundigungen nicht für nötig gehalten? D n g e k l.: Bors.: Hat jemand zu Ihnen etwas von „Martern" gesprochen, denen die Minna Goerlach ausgesetzt gewesen sei? A n g e k l.: Ich erinnere mich nicht. Aber war die vorgenommene Untersuchung nicht eigentlich eine „Martes? V o r s.: Tie Justiz muß unter Umständen in die intimsten Verhältnisse ein greifen. Haben Sie sich das nicht gesagt? Ange kl.: Ich glaube nicht, daß in England so etwas möglich wäre. V o r s.: Die englische Justiz intereffiert uns hier nicht. (Heiterkeit.) Ich Alaube auch nicht, daß sie in solchen Fällen milder sein würde. Und im allgemeinen steht doch die deuffche Justiz nicht tn schlechtem Rufe. Wußten Sie nicht, daß es einen Beschwerdeweg gibt? A n g e k l.: Man hielt Minna Goerlach durchweg für unschuldig. V o r s.: Dann konnten Sie die Sache doch auch in Ruhe aufklären. Statt dessen haben Sie nnt Ihrer Veröffentlichung nur Oel ins Feuer gegossen. Ange kl.: Ich bin als Abgeordneter nicht verpflichtet, mit Beschwerden von hinten herum zu gehen wie die Katze um den heißen Brei. Mein Weg geht durch die Kammer und durch das Plenum, 5>ch war erregt als Abgeordneter und wandte mich daher geradewegs an die Kammer. Heute sage ich, daß es unrecht war, so scharf Vvrzugehen. Hierauf wurde die inkriminierte Veröffentlichung verlesen. Es heißt darin u. a., daß die Minna Goerlach und Frau Goerlach „gegen ihren Willen unter der Wucht der grauenhaften Anklage des Kindesmordes durch Drohung und Ueber- redung zur Duldung einer Leibesuntersuchung veranlaßt worden feien". Man habe dann die Minna Goerlach, obwohl am Tage darauf ihre Unschuld von ihrem Hausarzt Tr. Schaad konstatiert worden sei, gleich darauf verhaftet und eine zweite Untersuchung durch Professor Pfannenstiel und Dr. Haberkorn angeordnet, bei der „mo- derne Folterwerkzeuge" anscheinend in „unmenschlicher Weise angewendet worden seien. Dieses Vorgehen der Staatsbehörde habe den Erfolg gehabt, daß die weibliche Ehre der Minna Goerlach und ihrer Mutter beschimpft und ihr Lebensglück vernichtet sei. Ferner habe man die Erregung der Bevölkerung von Eberstadt und Umgegend aufs höchste gesteigert uno den letzten Rest von Glauben an öffentliches Recht und Gerechtigkeit zum Absterben gebracht. Die Interpellation schließt dann mit sechs Fragen an die Großh. schreitend die goldenen Weizenkörner über das braune Erdreich streuen. Auf den meisten Saatfeldern schlummert nvck die Saat — scheinbar. Leicht mit Erde bedeckt schwillt das Saatkorn in dem durchfeuchteten Boden. Dann bricht, jetzt unter den wärmenden Sonnenstrahlen, der Keim hervor. Vorsickstig hebt er die letzte Bvdenkrume, die ihn noch deckte, in die Höhe und sieht in das helle Sonnenlicht. Soll ich 'mich hervorwvgen? so fragt er sich, und da ist er auch schon heraus. Die Saat spitzt, sagt der Landmann, denn wie tausende weißlich grüner Spitzen heben sich 'die zarten Keime vom dunklen Grunde ab. Nun geht es im alten Weibersommer rasch vorwäns. Tas erste zartgrüne Keimblatt bildet sich und in der Morgenfrühe, wenn die ersten Sotmenstrahlen über die junge Saat leuchten, hat sich jedes Keimblatt mit einem Tautropfen geschmückt, in dem sich das Licht bricht, daß sie funkeln wie Gielsteine. — Die Obstbäume umstehen im weiten Kranze das Dorf. Manche sind schon entlaubt, die Blätter zeigen alle Abstufungen zwischen tiefem Grün und leuchtendem Rot. In der Umgebung des Dorfes weiden noch 'die Rinder, das Geschrei der weißgefiederten Gänse Hingt durch die hellhörige Herbstlust. Auch die Hühner unternehmen weite Spaziergänge über die Dorfgrenze hinaus auf die sonnigen Wiesen und picken hier und dort auf, was ihnen befragt. Mit doppeltem Eifer scheint man heute zu arbeiten. Da fallt mir ein, es ist ja freute Samstag. Da wird bei den Landleuteu immer gefraftet. Die Sfocfre ist beinahe herum. Dies und das muß noch herein, morgen ist Sonntag, da kann nicht geschafft werden, darum flink ihr Mädels, doppelt flink, so flink wie morgen Abend beim Tanz! Da ist der Grünberger Wartturm. Zur Rechten die Stadt, welche uns neidisch ihre Schönheiten verbirgt. Sie verlangt vom Reisenden, daß er bei ihr einkehrt, bann zeigt sie ihm die lauschigen Gärten, die tiefen grünen Gründe, in denen Quellen rieseln, die grünen steilen Hänge mit Wäldern von Obstbäumen und über den waldigen Höhen Münzenberg. Wieder nimmt uns der Wald auf. Jeder Mensch weiß ja. daß der Wald jetzt nicht mehr grün ist, daß er braun und rot ist und alle Schattierungen von braun und rot zeigt. Mit dieser Wissenschaft begnügen sich so viele. Man sollte sie gewaltsam hinaustreiben an schönen Herbstsonnentagen, damit sie die ganze Pracht sähen im hellen Sonnenlichte. Manches verhärtete Herz würde weich werden. — Wir halten einen Augenblick in Mücke, der Holzvorrat dort ist zusarnrnengeschrnolzen, es werden Roteisensteine verladen, überall, auch anderwärts, sieht man Anzeichen, daß die Industrie wieder anfängt, das Haupt hoch zu beben. Die Anzeichen werden nicht trügen, trotz der Brände im Osten. — . . Die Ohm hat uns schon einige Zeit begleitet, letzt wendet Regierung, unter anberm heißt es in Frage 3: Welche Maßregeln gedenkt die Großh. Regierung zu ergreifen gegen diejenigen Beamten, die die geschilderten empörenden ärztlichen Eingriffe angeordnet und ausgeführt haben, die üt der Meinung aller Vorurteilslosen als Verbrechen gegen die persönliche Freiheit und die allgemeine Sittlichkeit sich charakterisieren. Köhler verlangt dann eine Anweisung der Regierung an die Staatsanwälte, daß diese anonyme Anzeigen unberücksichtigt lassen sollen und fragt an, warum der Untersuchungsrichter hte Minna Goerlach immer noch in Untersuchungshaft hielt, trotzdem „der praktische Arzt Tr. Schwad die gänzliche Schuldlosigkeit als seine wissenschaftliche Erkenntnis zu beschwören sich erbietet und auch Professor Tr. Pfannenstiel von dcrSchnldMinnaGoei> lachs nicht überzeugt ist." In einer späteren Berechtigung hat Köhler seine Angabe, daß Pros. Pfannenstiel von der Schuld des Mädchens nicht überzeugt sei, zurückgenommen. Es wird dann in die Beweisaufnahme ein gen treten, obwohl der Angckla« c die Erklärung abgab, daß er nach Lage der Sache auf jede Zeugenvernehmung ba> Sichte. Redakteur Holzinger bestätigt, baß er die Interpellation in dem Glauben abgedruckt habe, er sei durch § 12 Str.-G.-B. vor jeder Verantwortlichkeit geschützt. Die; Frage eines Beisitzers, ob Köhler sehr temperamentvoll sei, bejaht der Zeuge, doch bezweifelt er auf weiteres Ben fragen, daß Köhler in der Erregung die Fähigkeit verliere, die Verhältnisse llar zu übersehen. Bei der Uebergabe des Manuskripts fei Köhler jedenfalls sehr erregt gewesen und habe gesagt: Denken Sie sich, wenn das Ihrer Frau passierte! Staatsanwalt Reu ß bekundet, daß das ermordete Kind Anfang April 1904 auf dem Eberstädter Kirchhof gefunden wurde. Zunächst hieß es, baß die Frau des Orts«, pfarrers die Mörderin sein müsse, weil sie wiederholt in der Gießener Klinik gewesen war und weil die Leute sich manche Vovi gange, so die zeitweise Unterbringung der Dame in einen Irrenanstalt nicht zu erklären vermochten. Ter Pfarrer stellte jedoch sofort bei der Gießener Staatsanwaltschaft Strafantrag gegen die Urheber dieses Gerüchts und wies durch ein ärztliches Zeugnis nach- daß seine Frau unmöglich als Täterin in Betracht kommen könne. Nach etwa zwei Wochen sei dann eine anonyme Anzeige ein« gelaufen, in der die 39jährige Ehefrau Goerlach und dir 25jährige Tochter Minna Goerlach des Maurermeisters Goerlach als verdächtig bezeichnet wurden. Er, Zeuge, fei daraufhin im Mai nach Eberstadt gereist und habe diese beiden Personen durch einen Kriminalschutzmann auf die Bürgermeisterei bestellt. In 6tegentoart des Beamten und des Geh. Rats Pfannenstiel habe er zunächst die Minna Goerlach gefragt, ob sie glaube, daß die Frau Pfarrer dast Kind umgebracht habe. Das habe sie verneint. Nun habc^ er ihr den gegen sie selbst geäußerten Verdacht vorgehalten, und das speziell mit Rücksicht darauf, weil ihr ganzes Verhalten sie höchst verdächtig erscheinen ließ. Sie fräße' sich sofort nach diesem Vorhalt in Widersprüche verwickelt, auch wiederholt^betont, ihre Eltern seien doch angesehene Leute, sie sei sogar noch ganz keusch usw. Er habe ihr darauf gesagt: Wenn Sie sich unschuldig fühlen, so bitte ich Sie, sich alsbald von dem Herrn Professor untersuchen zu lassen! Sie habe sich nicht mit direkten Worten geweigert, sondern nur gesagt, sie wolle erst ihre Eltern fragen, auch sei sie nicht so angezogen. Man habe ihr jedoch erwidert, was denn ihre Eltern dabei sollten, sie habe doch ein dringendes Interesse an der schleunigen Feststellung ihrer Unschuld, auch fei der Herr Medizinalrat ein älterer Herr, vor dem sie sich nicht zu genieren brauche. Irgend eine fie sich scharf zur linken, sie sucht ihren Weg in den weiten Kirchhainer Talgrund und ihre Vereinigung mit bey Lahn. Der Zug hält, die Träumereien sind zu Ende. Ich steige aus und bin auf der Station, die den hochHingenden Namen fuhrt Burg und Niedergemünden. Ich sehe an der Sta-, tion ein neuerbautes Haus von absonderlichen Formen — das! neueste Gctreidelagerhausder oberhessischen Korn-- Haus-Genossenschaft in Alsfeld. Nicht wett davon steht das Gasthaus, drinnen im Saal in drangvoller Enge sitzen viele Landwirte und andere, die es angebt, und hören gespannt auf den Bericht ihres Vorstandes, der Rechenschaft gibt von seiner Tätigkeit. Die Ergebnisse sind günstig gewesen, sie haben sich weiter gut eMwickelt. Man hofft auf dem richtigen Wege zu sein und alle Anzeichen sprechen dafür. — Das GetreidelageS Haus an der Station Burg und Niedergemünden soll heute feierlich eröffnet werden. Noch hämmerts und Hopfts unten und oben. Aber schon liegen Ladungen von Getreide in den Räumen, der Motor ist in Tätigkeit, der Elevator hebt das Getreide spielend in die Höhe, die Arbeit, für die Landwirtschaft hoffentlich segensreich, beginnt — in den Lagerräumen das Unterbringen und Austauschen der Waren, in der Schreibstube die stille Arbeit des Buchhalters. Der Bericht des Vorstandes ist zu Ende. Die Ausfilhrunaett ließen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Die für die nächste Zeit in Aussicht genommenen und vorgeschlagencn Maßnahmen werden gutgeheißen. — Das hier erbaute Lagerhaus ist nicht groß, man geht bei uns sehr vorsichtig zu Werke. Hoffentlich warten unsere etwaigen Gegner vergeblich bei uns auf einen; ganz Heinen Krach'in der genossenschaftlichen Bewegung. Nach der eingehenden Besichttgung des Lagerhauses, das etwa 150 Tonnen Ware aufnehmen kann — große Anhäufungen von Getreide sollen überhaupt nicht stattffnden — zogen sich die Versammetten wieder in den Saal zurück. Bei einem einfachen Essen wurde manch gutes Wort gesprochen. Kreisrat Melior- Alsfeld feierte unseren Landesherrn und fand begeisterten Beifalls der Präsident des Provinzialvereins gratulierte dem Steife Alsfeld, zu den schönen Erfolgen in der Errichtung von S'omfraufem., Denn die Landwirte können nur durch die genossenschaftliche Verwertung ihres Getteidcs und die Beschaffung ihrer Bedaffs- artikel gefördert werden. Tirektor Oehlsen dankte den Behörden und all den Landwirten, die ihm treu zur Seite gestanden und den genossenschaftlichen Zusamn'.enschluß der Landwirte gefördert haben. — Die Mahnung, einig zu fern, schien in dieser Versammlung ganz unnötig. Daß diese Männer treu zur Sache halten, konnte man ihnen von den Gesichtern ablesen. Wir wünschen dem, was im Kreise Alsfeld Zutes in der Kvrnhaus- frage geschaffen ist, weiteren guten Erfolg. Das Beispiel wird wohl auch anderswo gute Früchte zeitigen. Drohung sei also keineswegB erfolgt, das Mädchen sei vielmehr so wohlwollend als rrgend möglich behandelt worden. Tie Untersuchung habe nur kurze Zeit in Anspruch genommen. Tann habe Medizinalrat Dr. Haberkorn erklärt, daß nach seinem Dafürhalten die Goerlach vor kurzer Zeit geboren habe. Er wolle aber sein Gutachten von einer nochmaligen Untersuchung in der Gießener Klinik abhängig machen. Zu dieser sei sie dann zwei Tage später bestellt woroen. Von irgendlvelchen „Martern" bei der Untersuchung wisse er nicht das geringste. — Angekl.: Tatsache ist doch, daß die Frau des Bürgermeisters gesagt hat, sre könne es nicht mehr mit anhörcn. — Zeuge: Ich wiederhole, daß ich absolut nichts gehört habe. Natürlich ist drei gesagt worden. Hat man doch sogar behauptet, wir Beamten hätten der ganzen Untersuchung beigcwohnt, und in einem dem Angellagten nahestehenden Parteiblatte ist sogar ausgeführt worden, es sei doch etwas neues, daß die Staatsanwälte mit der Milchpumpe ausrückten. (Heiterkeit.) Der Zeuge bekundet dann weiter, daß nach dem Fortgänge der Minna Goerlach die Ehefrau Goerlach untersucht worden sei. Diese habe sich gewissermaßen mit lächelnder Miene dazu bereit erklärt, indem sie gesagt habe: Ich werd' doch kein Kind umbringen, wo ich froh wäre, einen Bub zu bekommen! (Heiterkeit.) — Angell.: Ich konstatiere im Anschluß an die Aussage des Herren Staatsanwalts, daß er die Frau Goerlach noch untersuchen ließ, obwohl der Verdacht bei der Minna Goerlach ziemlich schlüssig erschien. Tas hat mich damals empört und empört nnch heute noch. — Zeuge: Ich habe die Frau untersuchen lassen in ihrem Interesse, damit sie allen etwaigen späteren Anschuldigungen entgegentreten konnte. Med.-Rat Dr. Habertorn erllärt, daß die von ihm vorgenommene Untersuchung den beiden Frauen keinerlei Schmerzen verursacht habe. Auch Kriminalkomm Pfeffer undOberl.-Gerichtsrat Sandmann-Tarmstadt bestätigten dem Staatsanw. Reuß, daß er durchaus korrekt vorgegangen sei. Geh.-Rat Dr. Pfannen stiel meint, auch er habe bei der späteren Untersuchung keine Mittel angewendet, die weh taten. Einen leichten Schmerz könne die Minna Goerlach wohl verspürt haben, geschrieen habe sie aber nicht ein einzigesmal, nur geweint. Ihr Auftreten sei für alle Beteiligten ein höchst verdächtiges gewesen. Er habe festgestellt, daß sie vor etwa 5—b Wochen entbunden hatte, also zu der Zeit, wo die Kindesleiche auf dem Eberstädter Friedhof gefunden worden war. Dr. med. Schaad aus Lich sagte demgegenüber aus, daß er bei der Untersuchung der Minna Goerlach, die er auf Betreiben ihres Vaters vornahm, nichts entdeckt habe, was zu der später von Geh.-Rat Pfannenstiel getroffenen Feststellung berechtigte. Er sei vielmehr zu der positiven Ueberzeugung gekommen, daß das Mädchen nicht geboren hatte. Iustizrat v. Brentano: Und haben Sie diese Ihre Ueberzeugung auch dem Angekl. Köhler gegenüber zum Ausdruck gebracht? — Zeuge: Jawohl. — Bert.: Auch dann noch, als das Mädchen schon festgesetzt worden war? — Zeuge: .Ja. — Vors.: Sie sollen zu Köhler auch später noch gesagt haben, das Mädchen sei infolge der ihm widerfahrenen Behandlung zu Tode erkrankt? — Zeuge: Ja, es waren heftige Blutungen ein getreten. — Angekl.: Haben Sie zu mir gesagt. Sie könnten beschwören, daß Minna Goerlach unschuldig sei? — Zeuge: Jawohl, ich war zu fest davon überzeugt. — Angekl.: Waren andere es nicht auch? — Zeuge: Die ganze Stadt. .Es wurde dann die Zeugin Minna Goerlach In den Saal gerufen. Tas untersetzte, brünette und wenig schöne Mädchen erscheint, heftig schluchzend, in der Begleitung eines Gendarmen uni) gibt an, daß sie zurzeit ihre ZhLjährige Gefängnisstrafe wegen Kindesmordes in Mainz verbüßt. Sie habe tatsächlich am 14. März morgens ein Kind geboren und es sofort umgebracht. — Vorsitzender: Sie sollen es mehrmals mit dem Kopf an die Bettwand geschlagen haben? — Zeu gin (weinend): Nur einmal. Tann habe sie es in ihrer Schlaskammer verborgen und die .Leiche nachts aus den Eberstädter Friedhof getragen, wo sie es in das Grab einer Bekannten einscharrte. Sehr eingehend gestaltete sich die nun folgende Vernehmung der Gewährsmänner des Angellagten, des Bürgermeisters Goerlach von Eberstadt, des Vaters der Minna Goerlach und des Lehrers Leidig. Ter Bürgermeister bestätigte, daß seine Frau gesagt habe, sie könne es gar nicht mit ansehen, daß man die beiden Frauen in ihrem Hause untersuche. Er solle doch dagegen einschreiten. Der Vater der Goerlach, Maurermeister Goerlach, erllärt, er habe bis zum letzten Augenblick fest an die Unschuld seiner Tochter geglaubt und sich sehr gefreut, daß Köhler so warm für seine Sache eingetreten sei. Lehrer Leidig gab zu, daß er von „anarchischen Zu ständen" in Eberstadt zu Köhler gesprochen und diesen zu 'einem Vorgehen ermuntert habe. Frau Goerlach. die an zweiter Stelle untersucht wurde, meint, die Sache sei ihr doch nid)t so zum Lachen gewesen, weil sie unter dem Eindruck gestanden habe, sie folle sich gewissermaßen t ir die ganze Weiblichkeit von Eberstadt untersuchen lassen. (Heiterkeit.) Sie habe auch den Herren etwas ähnlick)es gesagt, worauf man sie auf den Inhalt des anonymen Briefes hingewiesen und ihr bedeutet habe, die Untersuchung liege doch auch in ihrem Interesse. Mit den Worten: Aber da könnte ja schließlich jeder schreiben! yabe sie dann die Untersuchung zugelassen. — Justizrat v. Brentano: Sie hielten es also auch nicht für richtig, daß man Sie als ältere, verheiratete Frau einfach auf ein anonymes Schreiben hin untersuchte?—Zeugin: Nein. — Abg. Köhler: Die Frau Pfarrer ist ja nicht untersucht worden. (Heiterkeit.) Bors.: Angeklagter, wenn man das ganze Ergebnis der Beweisaufnahme zusammenfaßt, so loeiß man doch wirklich nicht, wie Sie vhne weiteres zu so schweren Anschuldigungen übergehen konnten? — Angekl.: Ich habe mindestens schon dreimal gesagt, daß ich übereilt gehandelt habe und in den meisten Fällen meine Vorwürfe zurücknehme. Ich habe aber immer viel weniger Wert auf die Feststellung der Unschuld der Minna Goerlach gelegt, als auf die Gefahr hinzuweisen gesucht, die darin zu erblicken ist. daß jederzeit auf eine anonvme Anzeige hin in dieser Weise seitens der Staatsanwaltschaft vorgegangen werden kann. Tarin erblicke ich eine große Gefahr für die gesamte Frauenwelt. Zum Schlüsse der Bew-eisanfnahme wurde dann noch die Erklärung verlesen, die Abg. Köhler am 14. Nov. o. I. vor der 2. Kammer der hessischen Stände abgegeben hat. ES heißt darin, das; er, Köhler, nicht nur vor dem Landtage, sondern vor dem ganzen Volke bekennen müsse, daß er getäuscht worden sei und ;eme Angriffe gegen die Gießener Staatsanwaltschaft uni) die beteiligten Aerzte als unbe- äuakhtdnnen müsse. Es folgte das Plaidoyer des Oberstaatsanwalts. Obwohl der Angeklagte erllärt habe, übereilt und unvorsichtig gehandelt zu haben, so sei es doch nicht angegangen, auf die Beweisaufnahme zu verzichten, weil sie einen Anhalt dafür geben müßte, inwieweit der An- gellagte getäuscht worden sei, bezw. böswillig gehandelt habe. Was Abg. Köhler den Beamten zur Last gelegt habe, könnte mit viel besserem Recht auf sein unerhörtes Vorgehen angewendet werden. Es sei empörend, aus nichts heraus eine so schwere Anklage zu erheben gegen Leute, die nichts anderes als ihre Pflicht getan hätten und die durch Köhlers Angriffe eine Zeitlang der öffentlichen Verachtung preisgegeben worden seien. Erst durch Köhlers Publikation sei die Sache in die Oeffentlichkeit gezerrt worden, hätte die unschuldige Frau Goerlach Schaben von der Angelegenheit gehabt. Ter Angellagte habe also dieser Frau keinen Dienst eriviesen. Tie Sache hat aber noch eine weit über den Fall selb sthinausgehende Bedeutung. Ter in die weiteste Oeffenl lich keil hinausgeschleuderte Vorwurf des Angeklagten 6ebeiiLet eine Herabsetzung der amtlichen Tätigkeit der Behörden. Er hat versucht, die Justiz zu terrorisieren und das Publikum zu beeinflussen. Tie allgemeine Erregung hätte sicher nicht den Grad erreicht ohne die Publikation des Angellagten. Zum Verständnis der Sache ist es notwendig, darauf hinzuweisen, daß gegen den Ortspfarrer von Eberstadt eine große Animosität herrschte, und daß man es dort gern gesehen hätte, wenn man die Frau des Pfarrers in die vorliegende Sache hätte hineinziehen können. Es hat auch nach dieser Richtung yin eine Untersuchung geschwebt, man hat die Aerzte befragt und festgestellt, daß dre Pfarrersfrau überhaupt nicht in Betracht kommen konnte. Wohin soll es führen, wenn es Mode werden sollte, an stelle der geordneten Tätigkeit der Behörden die Meinungen irgend welcher beliebiger Leute, und seien es auch Landtagsabgeordnete, zu stellen? Wohin würden wir kommen, wenn man einfach brecher machen. Das einzige ist, daß man sie mit besonderer sagt: Meiner Meinung nach ist der und der unschuldig, zumal, wenn der Betreffende weder die Vorbildung noch die Fähigkeit besitzt, in gewisse Dinge hineinzusehen? Das von dem Angeklagten an die Regierung gerichtete Ersuchen, einzugreifen, bedeutet das Verlangen nach Wiedereinführung der Kabinettsjustiz, für deren Beseitigung Jahrzehnte hindurch freiheitlich gesinnte Männer gekämpft haben. Was soll man dazu sagen, wenn ein ebenfalls im freiheitlichen Sinne kämpfender Mann in dieser Weise Forderungen erhebt? Der Angellagte hat geradezu die Schuldige begünstigt, als er durch sein Eingreifen die Beamten zwingen wollte, von ihr abzulassen. Wären diese nicht unerschrocken und pflichtbewußt gewesen, so hätten sie die Minna Goerlach vielleicht verlassen und ihr damit Gelegenheit gegeben, die letzten Spuren ihres Verbrechens zu beseitigen. Verkehrt sei ferner die Forderung des Angellagten, man solle anonyme Anzeigen nicht berücksichtigen. Tenn im vorliegenden Falle hätte ohne sie niemals die Schuld der Goerlach festgestellt werden können. Es ist also ganz falsch, anonyme Anzeigen über einen Leisten zu schlagen und sie einfach in den Papierkorb zu werfen. Mit solchen Grundsätzen würde man schließlich -Oberhessen zu einem Eldorado für Verbrecher machen. Auch in den namentlich unterzeichneten Denunziationen finden sich oft falsche Angaben. Der Angellagte hat die Autorität des Dr. Schaad über alle anderen gestellt. Er ist erpicht darauf gewesen, eine Anklage gegen die Behörden aufzubauen. Er habe nach alledem in unerhört leichtfertiger, leichtsinniger und ftivoler Weise seine schweren Anschuldigungen vorgebracht und es frage sich, ob er nicht auch aus § 187 zu verurteilen sei. Eine gewiße Animosität des Angeklagten gegen die Behörden gehe auch daraus hervor, daß er an die „Franks. Ztg." herangetreten sei, um sie in seinen Kampf als Bundesgenoffen hineinzuziehen. Er beantrage eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten. Hierauf nahm der Zentrumsabg. Justizrat von Brentano Offenbach als Verteidiger des Angellagten das Wort. Abg. Köhler habe doch in der loyalsten und anständigsten Weise nicht nur vor dem Landtage, sondern gleichzeitig vor dem ganzen Lande sein Bedauern ausgesprochen und die Ehre der Angegriffenen wiederherbestellt. Es unterliege auch keinem Ztveifel, daß den beteiligten Beamten nicht der geringste Vorwurf wegen ihres Verhaltens zu machen sei. Tas einzige, was mit einem gewissen Rechte gesagt werden könnte, sei die Frage, ob es wirklich nötig war, eine ältere, sogar sehr alte unbeteiligte Frau körperlich untersuchen zu lassen, nachdem eine andere der Tat nahezu überführt erschien. Und wenn er diese Frage verneine, so erhebe er damit noch keinen Vorwurf gegen die beteiligten Beamten. Aber es komme hier gar nicht darauf an, was die Beamten getan hätten, sondern wie ihre Handlungen vom Volk und seinem Abgeordneten aufgefaßt wurden. Von alledem abgesehen mache er, der Verteidiger, den auf § 11 und 12 des Str.-G.-B. gegründeten Einwand, daß der Angellagte in der Veröffentlichung einer Landtagsinterpellafton straffrei fei. Was die Sache selbst anlange, so habe Abg. Köhler gewiß ungeheuerliche Vorwürfe erhoben, aber die Frage sei, was er damals geglaubt habe. Und in dieser Beziehung sei Köhler von der Unschuld des Mädchens überzeugt gewesen und als Abgeordneter mit Recht dafür eingetreten. Sein Herz sei bewegt gewesen von der Sache, .rrie eine Zuschrift an den Vater des Mädchens bezeuge, in der es heiße: JchbetezuGott, daß dieses schwere Leid bald von Ihnen genommen werden möge! Daß er Kabinettsjustiz gefordert habe, sei nur auf die technische Unbeholfenheit des Angellagten zurückzuführen, der ja in seiner Interpellation überhaupt aus Unkenntnis eine Reihe der gröbsten, törichsten und unglaublichsten Böcke geschossen habe. Er habe bis zum letzten Augenblick erwartet, daß man die ganze Affäre auf gütlichem Wege aus der Welt schaffen werde, und bitte in erster Linie um die Freisprechung des Angellagten, andernfalls aber um eine geringe Geldstrafe. Oberstaatsanwalt Theobald erwiderte, daß Beamte in Ausübung ihres Berufes beleidigt worden seien und daß das Gericht dies unter allen Umständen zu berücksichtigen habe, ebenso, daß man ihnen doch das schlimmste vorgeworfen habe, lvas sich überhaupt denken lasse: Verbrechen gegen die persönliche Freiheit und Sittlichkeit. Wie ständen die Beamten ihren Familienmitgliedern und Freunden gegenüber da? Auch habe der Angeklagte wohl im Landtage, aber nicht hier entschuldigende Erklärungen abgegeben. Abg. Köhler: Ich habe erllärt, daß ich alles zurücknehme. Was denn noch? Lor bett Beamten auf den Knieeu herumrutschen, bis sie mich begradigen, das will man mir doch nicht zumuten. Verurteilen Sie mich meinetroegen zu Gefängnis, ich tue deshalb doch das weiter, waS ich als richtig er- lanni habe. Urteilen Sie überhaupt, mie Sie wollen! Nach beinahe einstündiger Beratung verkündete der Vor. sitzende, Landgerichtsdirettor Prätorius, folgendes Urteil: Der Angellagte ist der Beleidigung aus §§ 185, 186, 196, 200 schuldig. Er bat den Beamten und Aerzten im Falle Goerlach Pftichtwidrigkeiten vorgeworfen und sie des schweren Verbrechens gegen die persönliche Freiheil und Sittlichkeit bezichtigt. Tie Beweisaufnahme hat ergeben, daß von alledem keine Rede sein kann, daß vielmehr die Beamten nach jeder Richtung hin korrekt vorgegangen sind | Es kann gegen Staatsauwalr Reuß nicht der Schatten eines Vorwurfs erhoben werden. Tie §§ 11 und 12 Str.-G.-B^ schützen Köhler bei seinem Vorgehen nicht, denn er hat seine Vorwürfe nicht in Ausübung seines Berufes als Abgeordneter, sondern in der Presse erhoben. Es handelt sich auch nicht um Aeußerungen, die ohne Verantwortlichkeit in Presse veröffentlicht werden durften, denn die Interpellation wurde vor ihrer Besprechung veröffentlicht, die Per- | öffentlichung charakterisiert si h also nicht als ein Referat, ein Sitzungsbericht. Bei der Strafabmessung war zu berücksichtigen, daß der Angellagte in der ganzen Zeit nicht i mit Entschuldigungen an die Beteiligten herangetreten ist, daß er andererseits in Erregung und mit Rücksicht auf die Volksstimme handelte. Tas Gericht gelangte zur Verhängung einer Freiheitsstrafe, weil es sich um ungemein schwer Vorwürfe handelte und weil diese mit einer geradezu frivolen Leichtfertigkeit vorgebracht worden seien. Endlich fet auch der ganze Ton des Angellagten, sein Verlangen nati einer Kabinettsjustiz und die Tatsache, daß durch sein Eingreifen die Untersuchung in einer Strafsache gefährdet wurde, straferschwerend ins Gewicht gefallen. Das Urteil lautete demgemäß auf 3 Monate Gefängniß, Tragung der Kosten des Verfahrens und Publikation des Urteils ‘in der Hungener „Lanopost", dem „Gießener An. । zeiger" und der" „Darmstädter Zeitung. Sitzung des oöerheff ^rovinzia,-Ausschusses. ® i e 6 e n, 8. Nov. In der letzten Sitzung wurde zuerst über das Gesuch deS Karl DickHaus in Gießen um Erteilung der Er. lanbniS zum Gastwirtschaftsbetrieb int Hause j Walllorstraße Nr. 28 verhandelt. Die Stadtverordneten. Versammlung hatte das Gesuch mit Rücksicht auf die gegen die Person des Gesuchstellers bestehenden Bedenken nicht bc- fürwortet. Das Großh. Polizeiamt Gießen erklärte sich auö I den gleichen Gründen gegen das Gesuch. Demzufolge kam der Kreisausschuß deS Kreises Gießen sowohl in seiner nicht, öffentlichen Sitzung oom 20. Mai 1905, wie in feiner öffentlichen Sitzung vom 15. Juli 1905 zu einem ablehnenden Bescheid. Der hiergegen von dem Anwalt des Gesuchstellers an den Provinzial-Ausschuß verfolgte Rekurs blieb ohne ! Erfolg, da dieser heute ebenfalls die Konzession versagte. * Die folgende Sache: Gesuch deS Heinrich Schneider voll Rödgen um Erlaubnis 311m Gastwirtschafts- ! betrieb wurde behufs Anstellung von Ermittelungen aus- 1 gesetzt. Zum Schlüsse gelangte das Fasel wes en in der Gemeinde Großen-Buseck, hier die Wahl der Zucht- richtung zur Verhandlung. Die Gemeinde Großen-Buseck hat darum nachgesucht, neben den Faseltieren der Vogelsberger ! Rasse auch solche der Simmentaler halten zu bürfenj Tas Großh. Kreisamt Gießen hat dieses Gesuch nid)t genehmigt und der Kreisausschuß des Kreises Gießen hatte ent- | schieden, daß die Gemeinde nur Faseltiere einer Zuchtrichtung | und zwar solche der Vogelsberger halten dürfe. Der Ge- | meinderat verfolgte hiergegen Berufung an den Provinzial- Ausschuß. Auf Antrag des Vertreters der Gemeinde, Rechtsanwalt Grünewald Gießen, wurde heute die Bestellung zweier Sachverständigen zwecks Abgabe eines Gutachtens beschlossen. * Kleine Tageschronik. In Elmshorn verübte btt Bahnsteigschaffner Hellsritz in der Fahrkartenausgabe dä Bahnhofes einen Einbruch und stahl eine große Summ Geldes. Der Einbrecher wurde verhaftet. — In den Gl arner Alpen stürzte am Sonntag der 25jährige Studierende von dm Polvtechnikum in Zürich, William Vollmer aus Stuttgart beim Skifahren zu Tode. Mb 'itervewcgung. B 0 ch u ui, 7. Nov. Gegenüber der unter den B e r g l e u t en Mittel-Deutschlands bemerkbaren S t r e i k n e ig u n g ersucht der alte Bergarbeiterverband in einem Aufruf, von der Arbeitsniederlegung Ab st and zu nehmen, solange feint Versammlungen stattgefunden haben Die gleiche Mahnung richtet er an die Bergleute des Königreichs Sachsen, die Lohnerhöhung fordern. Gera, 7. Nov. Die Presser und Drucker sämtlicher Färbereien kamen der Aussperrung durch die heutige Nieder- legung der Arbeit zuvor. Tic Lage wird immer gespannter. £i' Zahl der Arbeitswilligen hat heute infolge der Bearbeitung duub die Agitatoren nachgelassen. Dor einer Fabrik kam es gestern Abend zu einem Zu s a m m e n st 0 ß mit d e r P 0 l i z e i, welch.' Mühe hatte, die Menge auseinander zu bringen. Wenn sich beut' die Demonstrationen wiederholen, wird die Polizei unnachsicklliä vorgehen. Das Militär wird bereit gehalten, um eventuell zur Aufrechterhaltung der Ordnung einzuschreiten. Es ist zu erwarten, daß die Arbeitswilligen nicht mehr zunehmen, l'oboR schon heute mit Sicherheit anzunehmen ist, daß am Samstag sämtliche Webereien und Färbereien geschlossen roerben. Wien, 7. Nov. In Salzburg sind heute die Bahnarbeiter in Obstruktion getreten. Auch in Wien finden morgen Versammlungen der Bahnarbeiter und Bahnbediensteten statt, um zu der Prager Ausstandsparole durch Obstruktü« Stellung zu nehmen. Prag, 7. Nov. _ Die Vertrauensmänner der Eisenbahn t‘ der Staatsbahnen beschlossen, die ihnen vom Eisenbalmministeriur gemachten Angebote abzulehnen und die passive 9b' sistenz solange fortzusetzen, bis alle erhobenen Forderung^ der Eisenbahn bedien sieten vollinhdttirt' bewilligt ivcroen. | hAMama, der Papa sagt, ■ du sollst schnell eine Schachtel Jay's ächte Sodener Mineral- lv| Pastillen holen lasten. Dann sollst bii ihm eine Taste heiße , |ßl Milch machen und 6 Pastillen hinein tun. Papa sagt, er 1^1 will endlich seinen Katarrh los sein, und die Pa'tiller würden damit schnell ein Ende machen. Und daun be- ■Al komme ich anch welche, mein Mnttelchen, ja ? Ich hab dock ’ ™ immer den bösen -tzniten. Die Schachtel kostet nur 85 W Die Hälfte Lalle erspart Verner Treuer'; Cafie-Surrogat weil es der feinste und ergiebigste Caffe-Zusatz ist. Iit öeaiisff 264 Wodie jw", y Un'vtrft^^Lan! dn^erti- öin ir I* G^ca‘ Tie mwiV' fernrt 5^ ft W Mr Iver ly ■ weiß, daß (s kann, die Hr bie ziffffmnaß'l U Herbei eine R- lind, bic in der H c-itj ® kjcteit die MteM o.'-iteM §aM "bä fhtrt Mesung ' ercnnrrhöhunM m mci ten ho H TcplaceÄents, l!inirnsck:ffe c stellt, al? ob lMbc !rst ein Virfit aust tobe, über bic bish ,s auf IS 000 Toi -aalen haben läng Ji-nit Tenlsckland 1 rach Ansicht bet „Z einer genügenden ■ ktaaten liegen. Ei sc-ndere Zeschaffenl nMentlich auch 1 dlacements verknus oilngen intb der kchiffe, so wurde berichtet, müsse a maße des Ka beben. 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