Samstag, 30. Januar 1904 154* Jahrg« erkfceint Utgltch mtt flufittabme M Sonnt«-». Li ,®teßc- gatnilienblätter* »erben berr. Anzeiger v rma wSchenUtch betgelegl Der „heififche LanSwft- erlchetni »LMLllrch einmal Gietzener Anzeiger BermtteMdfWt «ft» N» «fivBuwinm Mb v. Bütte, für De» 6 M fiotatümflbntif unt- Ikrlof Nt Beckht^chM »imnetfthfafibwdei« feefcfl» General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Ärttkel in Die tum herzichen würde! — Die Hauptsache für das Handwerk ist und bleibt: Gelb " . Das kann aber nur erreicht werden durch eine Redner legt dann noch ein Wort zu Ehren des Pfarrers SHnk ein Der Pfarrer Schink hat nach bestem Wissen und Genüssen gehandelt, und es ist empörend, daß man hier sagen konnte: „Es gibt keine Infamie in der Weltgeschichte, zu der nicht em Ps-ttfe seinen Segen gesprochen hätte." («*- ntfen wiederum „Sehr richtig!" iiuuc." (Die Sozialdemokraten rufen für volljährige Gesellen, ferner die Aufhebung des 8 nneOerum Leor rtcnnq:' Präsident Graf Ballestrem schüttelt aber werbeunfallverficherungsgesetze- (Ansammlung eines RezervefondSj, dü?nml7m"rworttosdas Haupt) Was würde wohl geschehen, wenn in dem es eine Belästig der Gegenwart zu Gunsten derZuftmA eineZcitunglemaW so gegen das Judentum, gegen "das Rabbiner- erblickt Die n+ »mb bl«bt- Gelb tum her stehen würde! — Die Sozialdemokraten haben auch gar kern und Auftrage. Parlamentarische Berhanolungen. Nachdruck ohne «creinvarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 21. Sitzung vom 29. Januar. 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Am Bundesratstische ist zunächst nur Graf Posadowsky zu bemerken. t _ . , , „ . „ Die zweite Lesung des Etats des Rerchsamts des Innern wird beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs" fortgespart hat. , , - 4. Man hätte einen Teil der Mittel dazu nehmen sollen, die man für S. Louis zur Verfüguna gestellt hat. Redner verlcmgt ferner rm Interesse der Konsumenten und damit der Allgemeinheit eine Beschleunigung der Kartell.'nquete. Trmgend notwenorg ist auch eine Erhebung über di: LehrlingSverhaltmsse, um so notwendiger, als das Handwerk, wenn ihm der Befahigungsnachwers verweigert bleibt, auf eine immer größere Vertiefung angewiesen ist und die Handwerkerfraae somit immer mehr zu einer DrldungS- frage wird. Bedauerlich ist es M so wemg Meisterprüfungen abgelegt werden Es wäre angebracht, den Meistern cm Vorrecht bei der Vergebung von öffentlichen Arbeiten zu geben. Ein weiterer Wunsch des Handwerkes isr die Einrichtung von Arbeitsbüchern auch —" ■ - — r - --- ° ' 34 des Ge- Recht, über schlechte Arbeitsbedingungen zu klagen. Wie behandel» ie denn in ihren Konsumvereinen ihre Lagerhalter? (Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) So lange noch daS Kreuz aufgepflanzt ist in deutschen Landen, so lange wird der Anprall der Sozialdemokratie machtlos zerschellen. (Gelächter bei den Sozial- demokraten.) Wenn hier gesagt worden ist: „Es gibt keine Jnfaune in der Weltgeschichte, zu der nickt ein Pfaffe fernen Segen gesprochen hat!", so sage ich: Es gibt kein politisches Verbrechen, eS gibt fernen Mord, der nicht von den Sozialdemokraten verherrlicht wird! (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Präsident Graf Ballestrem: Sie dürfen einen derartigen Vorwurf gegen Mitglieder dieses Hauses nicht erheben Abg. Graefe (fortfahrend): Die Sozialdemokratie rst auch gar keine Vertretung des Volkes. Schon jetzt hat sie em aristokratrsches Regiment; in Dresden ist es proklamiert worden. Und der StaatS- treick folgt am nächsten 2. Dezember. (Jromsche Zustimmung bei den Soz.) Möge die Regierung daher für eine rettende Tat sorgm, ehe es zu spät ist, sonst wird sich das bitter rächen. (Verfall rechts.) Mg. v. Gcrlach ffreif. Vgg ): Ich bin selbst in der Drenstboten- bewegung tätig gewesen und kann nur sagen, daß m der Presse tn keinem Punkte so gelogen ist, als in diesem.. Unertlarlich rst es mir, weshalb die Dienstboten noch immer nicht in Oie Krankenkassen- Gesetzgebung aufgenommen sind. Gründe für diesen UJCangel fmD nicht angeführt worden, sondern nur leere Redensarteii. Rot- wendig ist ferner, daß das Koalitionsrecht auch den Landarbeitern bewilligt wird, sie sind stets das Stiefkind Der Gesetzgebung gewesen. In einem Prozeß der „Welt am Montag" ist nachgewiesen, daß tn dem Kreise Wohlan Löhne gezahlt wurden: An Frauen im Sommer 40 Pfg., im Winter 35 Pfg. täglich, an Männer im Sommer 80, im Winter 60 Pfg. Und das ohne freie Wohnung, ohne Hebung usw. Ich bitte deshalb den Staatssekretär, den landwirtschaftlichen Verhältnissen feine Aufmerksamkeit zuzuwenden, denn vom preußischen Landtag ist nickts zu erwarten. Im Fall Crimmitschau stehe ich nicht auf dem Standpunkt der beiden Vorredner. Von Ausschreitungen ist nichts nachgewiesen worden, nur die berühmte Maifeiergeschichte von dem Mädeln, das gemißhandelt worden sein soll, weil es sich kern Marfestzeichen gekauft hat. Da hatten die Behörden doch kein Recht, so m den Stteik einzugreifen. Auch die evangelischen Geistlichen hatten anders auftreten sollen, jetzt sagt die Sozialdemokratie mit Recht: „Seht, die Küche ist die Beschützerin der Besitzenden." Jeder Evan- aelische muß gegen das Vorgehen der Geistlichen Protest erheben. Nun sagt man, die Crimmitschauer Ausgesperrten hätten ja anders- ivo hingehen können. Schön, aber in Neustadt a. d. ©rla wurden Arbeiter zurückgewiesen, weil sie aus Crimmittchau kamen. DreS zeigt doch, daß die Fabrikanten die Hungerpeitsche übet die Arbeiter schwingen wollten. Als ick Herrn Lehmann hörte, meinte ich, die sächsische Regierung hätte sich doch bei ihrer schlechten Finanzlage die Kosten einer Vertretung sparen können, denn sie hat ja so vorzügliche freiwillige Vertreter. Es ist nicht nachgewiesen, daß die Streikenden die Fenster in Crimmitschau eingetoorfen haben, es können doch auch dumme Jungens getan haben. (Lachen rechts.) Jedenfalls rechtfertigt das dock noch nicht das Verbot der 93er# samml ungen, das war ein Willküratt, gegen den wir Kautelen fordern müssen. Nur ein Reichsvereinsgesetz kann hier helfen, daS auch den Frauen gerecht werden muß. Auf Grund der landeSgesetz- lichen Bestimmungen macht man es auch den Polen unmöglich, ihre Berufsinteresscn zu vertreten. Abg. DrSscher fkons.): Die Beredsamkeit des Herrn von Gerlach steht mit der Zuttcffendhett seiner Behaupttingen nicht im Einklang. Deshalb hat seine Partei auch auf dem Lande keinen Erfolg gehabt. Wenn die Linke bessere Löhne will, muß fie für höhere Agrarlöhne eintreten. Das geben auch Sozialdemokraten zu, denken Sie nur an Herrn Sckippel! Bei den Landarbeitern lebt trotz des zersetzenden Einflusses noch immer der patriarchalische Geist. Ich muß daher die Vorwürfe gegen, die ländlichen Verhältnissen zurückweisen. Die Wohnungsverhältniffe ssnd auf dem Lande besser als in Berlin und Charlottenburg. (Zuruf des Abg. Stadthagen: Ja, die Sckweineställe!) In den Schweineställen wohnen nur die Schweine und nickt die Menschen. Ich halte es für höchst bedenklich, daß man die Arbeiter in den Mittelpunkt der gesetzgeberischen Tätigkeit stellt. Dadurch, schürt man nur die Begehrlichfest und Unzufriedenheit. Den Sozialdemokraten können wir es doch nicht reckt macken. Ihnen kommt es ja nur auf Umwerbung der Massen an, auf agitatorische Wirkung, sie treiben „Byzantinismus nach unten". Redner kommt dann auf die Kaufmannsgerichte zu sprechen. (Zuruf von den Sozialdemokraten t Wie kommt das denn plötzlich hierher?) Ueber die Dispositton meiner Rede habe ich allein zu entscheiden. (Zuruf: Wstd auch danach!) Sozialdemokrattsckrt Führung habe ich mich noch nie anvertraut (Zuruf: Tas merkt man! Heiterkeit) und werde, so alt ick auch werde, das niemals hm. Ick bedaure, daß ein Mecklenburger Wahlkreis das getan hat. Gegen eine Ausbildung des Gewerkschaftswesens habe ich nichts einzuwenden, ebenfo_gegen einen Ausbau des Genossenschaftswesens. Tie Voraussetzung muß aber die sein: daß die Arbciter- stbaft sich von der politischen Führung der Soziawemokratte heftest. Notwendig zur Aiiftechtcrhaltung des Friedens im Betriebe ist eine Erweiterung des § 123 der Gewerbeordnung dahin, daß ein Arbeiter, der sieh tätlich gegen einen Mitarbeiter vergeht, sofort entlassen werden Fann. Eine Ausdehnung der Gewerbeinspektton würden auch wir befürworten. Nur muß vermieden werden, daß etwa der Arbeitgeber unter die Kontrolle der Arbeiter, kommt. Eine Ausdehnung der Aufsicht auf das Handwerk lehnen wir unter allen Umständen ab. Die Zustände im Handwerk sind nicht derart, daß sie eine Gewerbeaufsicht notwendig machten. Gegen die @infteQung weiblicher Gewcrbeiusveftoren sverren wir uns. „ Wir sind aber strikte gegen jede Ausdehnung der weiblichen Tättgkert auf das politische Gebiet. Die Einrichtung von Haushaltungsgenouen- schaften würden wir beklagen, weil sie die Ehe zersetzen. Redner kommt dann auf das Handwerkersystem zu sprechen und wünscht eine weitestgehende Förderungen aller Besttebungen, die darauf 1 abzielen, das Handwerkertum lebensfähig zu macken. Bedauerlich ist es, daß man die Ausgabe für die Handwerkerenguete noch hindern. Sie (zu den Soz.) wollen ja auch nicht das Koalittons- recht, sondern den Koalitionszwang. Noch jetzt werden die Fabrikanten angegriffen, unD doch weiß ich bestimmt, daß die Fabrikanten alles tun werden, um die Arbeiter den häutigen Stteik bald vergessen zu lassen. (Beifall.) Eine Weihnachtsfeier mit dem Abg. Fischer-Berlin als Festredner, das konnte ja eine nette Bescherung werden. (Lachen ber den Soz.) Was den Austritt aus der Landeskirche anlangt, so hat auch da die sozialdemottattsche Presse ganz falsch berichtet. Am 18. Dezember versammelten sich ca. 200 Arbeiter vor dem Hause des Pastors Schink und verlangten den Austritt aus der Landeskftche. Der Pfarrer Schink sagte, ja das könnt Ihr haben, aber das geht nicht so schnell. (Lachen bei den Soz.) Kommt mal nach dem Fest wieder, da werde ich täglich eine Anzahl abfertigen. (Schallendes Gelächter bei den Soz.) Darauf sagten die Arbeiter: Nein, wenn die Sache erst nach dem Fest fern soll, dann hat es ja keinen Zweck. (Heiterkest rechts.) Man steht, die Arbester wollten keineswegs aus Ueberzeuaung aus der Landeskirche auStreten, sondern sic sind nur von den Sozialdemokraten verhetzt worden, und wie die Sozialdemottatte gegen die Kirche hetzt, das sieht man ja deutlich aus den Worten des Abg. Fischer, der hier gesagt ha: Schließlich hat es noch keine Infamie m Der Geschichte gegeben, zu Der nicht irgend ein Pfaffe seinen Segen gesprochen hat. (Stürmische Zustimmung bei den Soz. Zurufe: Sehr richtig! Lärm und große Unruhe rechts. Mehrfache Pfuirufe im Zentrum. Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf Ballcsttem (erregt): Ich bitte, solche empörenden Aeußerrmgen wie dieses „Sehr richtig!" zu unterlassen. Derartige Aeußenmgen sollen im deutschen Reichstage nicht gehört werden. (Große flnruhe bei den Soz.) Abg. Lehmann (fortfahrend): Ja, das hat ein Redner hier im Hause gesagt. Hätte das jemand außerhalb dieses Hauses gesagt, so wurde ick es eine bodenlose Gemeinhest nennen. (Zurufe bei den Soz.: Lümmel! Große Unruhe.) Aber alle Ihre Verhetzung wttd Ihnen nicht mehr helfen. Sie haben nur bewirft, daß jetzt cm fester Zusammenschluß aller Arbeitgeber ftattfinDet und dieser Zusammenschluß aller Industriellen wird Derartige leichtfertige und frivole Streiks wie in Crimmitschau für die Zukunft unmöglich machen Ich will nur noch betonen, daß gerade die gut national-liberalen Fabrikanten in Crimmitschau (großes Gelächter bei den Soz.) durch ihren festen Zusammenschluß, unbekümmert um ihren persönlichen Vorteil, zur Niederwerfung des Stteiks das Wesentlichste beigetragen haben. Dadurch haben sie sich den unauslöschlichen Dank (Gelächter und Lärm bei Den Soz.) aller Derjenigen erworben. Die auf Dem BoDen des modernen Staates stehen. Hoftentlich werden Die Crimmitschauer balD Den schweren Schaden verwinden, den ihr dieser Streik verursacht hat und werden Arbeitgeber und Arbeitnehmer msteinander am Werke fein, die Crimmitschauer Industrie zu ihrer alten Höhe emporzuheben. (Beifall rechts und bei Den National-Liberalen.) Abg. Graefe (Anttft): Es fällt mir nicht ein, mich als Anwalt Der Crimmitschauer Fabriftmten aufzuspielen. Ich muß aber als sei der einziger bürgerlicher Abgeordneter aus Sachsen (Hesterkest bei den Sozialdemokraten) meine Haltung zu dieser Fratze kundtun. Die Verhältnisse in Crimmittchau lagen keineswegs so schleckt. Redner führt zum Beweis dafür einige Zahlen an. (Von sozial- demokrattscher Sette wird ihm zugerufen: „Längst widerlegt!") Das Ihre Widerlegungen wert sind, weiß man längst. Sie legen sie sich so zurecht, wie Sie sie zur Verhetzung der Arbeiter brauchen. (Gelächter bei Den Sozialdemokraten.) Nicht Arbeiterinteressen waren es, sondern lediglich sozialdemoftatiscker Einfluß, welcher diesen bodenlos frivolen Streik hervorgerufen hat. Ten Crimmitschauer Arbeitgebern war es ganz unmöglich, allein Den Zehn- sttmdentaa au bewilligen. Das wäre geradezu Selbstmord gewesen. Ein TOjähriger Arbeiter in Crimmitschau schreibt seinem Sohne: „Es ist trostlos in unserem Heimatsort, denn gewissenlose Leute haben grenzenloses Elend über uns heraufbeschworen. Ich verdiente mit 70 Jahren noch 20 Mk. die Woche, aber Gott wird schon weiter helfen." Dieser Brief zeigt auch, daß es Den Arbeitern nicht schlecht ging. Die Arbeiter haben noch ein großes Gott- bertrauen, Der alte Gott wird noch leben, wenn Die Sozialdemokratie längst vergessen ist. Nun geben Die Sozialdemokraten den Fabrikanten die Schuld. Sie machen es also wie jener Dieb, der fortlief und rief: Haltet den Dieb! (Lärm bei den Sozial- demoftaten.) Ja, dies hm Sie, Denn Sie haben den Arbettern Glück, Zufriedenheit und Menschenwürde geraubt. (Ironischer Zu- ruf bei den Sozialdemokraten: Ausgezeichnet!) Die Maßnahmen der Behörden haben mich anfangs sehr gewundert, denn meine Freunde wollen auch Die Koalitionsfreiheit. Aber nach Kenntnisnahme der Sachlage muß ich sagen, die Behörden konnten nicht anders handeln, sie haben nicht nur für Die Arbeiter, sondern auch für Die übrige Bevölkerung zu sorgen unD Ordnung und Ruhe aufrecht zu halten. Wenn Die Versammlungen ftattgefunDen hätten, wären Ausschreitungen unausbleiblich gewesen, die Hunderten von Arbeitern viele Monate Gefängnis eingebracht hätten, nach Denen Sie (zu Den Sozialdemokraten) Dann nicht mehr gefragt hätten. Die Regierung macht sich Die Bekämpfung Der Sozialdemokratie sehr leicht. Graf Bülow hält eine schöne Rede, macht einige nette Witze und weist so Den sozialdemokratischen Angrift zurück. Mer damit ist es nicht getan. Die Behörden in Crimmittchau haben recht gehandelt. Ich bin fest davon überzeugt, daß nach Jahrhunderten noch ein Kulturhistorikcr das Vorgehen Der Behörden in Crimmitschau eine rettende Tat nennen wird. (Lachen bei Den Sozialdemokraten.) Der Stteik hat nur bewirft. Daß Die Fabrikanten sich zu einer festen Phalanx zusammengeschlossen haben. Der Zehnstundentag ist eine berechtigte Forderung. Sie (zu Den SozialDemokraten wußten ganz gut, Daß er auf gesetzlichem Wege balD erreicht toerben wird; das war ja gerade das Frivole, Daß Sie ttotzdem Den Streck provoziert haben. Der Abg. Fischer hat sich nicht gescheut, hier an Beschlüssen des sächsischen Landtags Krittk zu üben, er Hat sogar die Erhöhung der ZiviNiste bemängelt. Das hat uns Sachsen sehr empört (Lacken bei Den Sozialdemokrateii). Kümmern Sie sich nicht um Sachsen, kümmern Sie sich um das rote Haus, Daß da nicht Die Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Wären Die Führer der Sozialdemokraten so gewissenhaft vor Gott und den Menschen, tote der König Georg, so toärc es zu jenem Stteik nicht gekommen. Redner kommt bann plötzlich auf die Handwerkerftage zu sprechen und äußert seine UnzuftieDeuheit mit der Haltung des Bundesrats; er zittert Dabei foIgenDen Vers des „Sächsischen Volksblatts": „Wir ertoägen immer, wir erwägen noch heut'. Wir werden erwägen in Ewigkettl" Wg. Lelmiann (nat.-lib.): Ich sehe mich veranlaßt, auf den Crimmitschauer Stteik zurückzulommen und aus eigener Kenntnis Der Sachlage Die Angaben von sozialdemokratischer Seite richttg zu stellen. Ich bin fett langem in Der Nähe von Crimmittchau ansässig unD kenne daher Die Verhältnisse ganz genau. GeraDe die sozialdemokratische Presse hat redlich das ihrtge getan, um Die öffentliche Meinung irre zu führen. Die sozialdemokratische Presse hat nur aufhetzend gewirkt. Unter anDerm hat Der „Vorwärts" ■ folgender Tonart verfaßt: „Die Geschichte der sächsischen Tcrttlindusttie ist mit Blut geschrieben." Angesichts einer solchen Sprache werde ich das Material beibringen, welches ich selbst ge- scmmelt habe, damit man ein richtiges Bild gewinnt. Der Crttnmttschauer Streik ift nicht plötzlich entstanden. Er i(t Wohl borbereitet gewesen. In Crimmitschau bestand vorher em besonders gutes Verhältnis zwischen Den Unternehmern und den Arbeitern. Dieses Verhältnis anDerte sich im Jahre 1900. SDa oar es besonDcrs ein Mann — seinen Namen will ich nicht nennen —, Der Dieses gute Einvernehmen störte. Der Mann war früher Arbetter gewesen, jetzt ist er Verbandsangeftellter. Es tour De nun ein Arbetter ausschuß gebildet, der Den Arbeitgebern gegenübertrat. Ich habe gar nichts gegen Arbeit er ausschüsse, aber wohin muß es schließlich führen, wenn Organisatton gegen Organisation steht. (Lachen bei Den Soz. Zuruf: Das will ja Herr von Hcvl selbst.) Da kommt es schließlich Dahin, Daß alle Verhandlungen geführt toerDeu zwischen Herrn Hübsch und Herrn Legien. Wie lag nun Die Sache in Crimmitschau? Wenn gestern hier gesagt worDen ist, daß Die Arbeiter Oberschlesiens sich in einem unwürdigen Abhängigkeitsverhältnis von ihren Arbeitgebern befinden, so kann ich mngeiehrt sagen, daß Die Arbettgeber in Crimmitschau unD in Der Nähe, m Thüringen, sich fast schon in einem unwürdigen Abhängig- keitsverhältnis von ihren Arbeitern befunden haben oder sich in dasselbe hineinbegeben sollten. (Gelächter bei Den Soz.) Redner gibt ferner eine ausführliche Darstellung Der bekannten Entstehungsgeschichte des Crimmittchauer Stteiks. Er jucht Den Nachweis zu führen. Daß von vornherein ein Generalstreik in Der gesamten Textilindustrie beabsichtigt worden sei. Am 12. De« gember hat ein sozialdemokratischer Agitator in Crimmittchau selbst zugegeben. Daß es sich lediglich um eine Machtprobe Der Sozialdemokratie handelte. Er hat nämlich offen gesagt, toenu wir hier in Crimmilschau geschlagen werden, so werden wtt überall geschlagen, wenn wtt hier aber siegen, so wird Der Streik sofort anderswo ausbrechen. Bon Der Sozialdemokratie war der Kontos um Den Zehnstundtmtag eine beschlossene Sache. Es kamen in Bettacht die Städte Forst, Neumünster oder Crimmttschau. Die Arbeiter in den ersten beiden Städten verhielten sich ablehnend, sodaß also nur Crimttschau in Bettacht kam. Die blühende Crimmttschauer Industrie war also Den Arbeitern geraDe gut genug, um diese Machtprobe zu versuchen. Ich betone nochmals, es handelte fick in Crimmttschau gar nicht um einen Stteik Der Arbeiter gegen die Unternehmer, sondern lediglich um eine Machtprobe der SozialDemo- hatie Tie Angaben, Die Herr Bebel über Die Verhältnisse in Crimmittchau gegeben hat, sind ganz falsch. Jugendliche Arbeiter bekommen nicht 9 Pfg. für die Stunde, sondern 14 Pfg., 16—18- jährige bekommen nicht 11 sondern 14—16 Pfg., Mädchen bekommen nicht 13—14 Pfg. sondern 17—21 Pfg.^ Ich bin fett vielen Jahren in der Crimmttschauer Gegend ansässig und leone Die Verhältnisse aus eigener Anschauung. Ich kann sagen, die Arbeiter in Crimmittchau stehen sich nicht schlecht- Alle ihre Woh- nungen in den Dörfern machen einen durchaus wohmichen unD einen außerorDentlich sauberen Eindruck. Ein fernerer Beweis Dafür, Daß es Den Arbeitern gut geht, sinD Die zahlreichen Einlagen in Den Sparkassen. In Dem letzten Monat sinD so viel Gelder von Den Sparkassen zurückerhoben worden, wie es noch niemals zuvor Der Fall war. Es ift ganz eigenartig, hier stellen sich immer die Sozialdemokraten, als wenn fie Die Vertreter der Aermsten träten. Im LanDe selbst aber haben sie sehr oft mtt den Geldmitteln, Die ihnen zur Verfügung ständen, geprahlt. So hat Der Abg. Stolle offen gesagt. Die Arbeiter sind reich und toerDen es mich so lange aushalten, bis der Stteik beendet ist. Der Stteck wttd den Arbettern gegen 2 Mill. Mk. gekostet haben. D^es find ja sehr angenehme Aussichten für Den Herrn Schatzsekretar und ein Beweis für Die Steuerkräfttgkeit Der Arbeiter. In Der zehnstündigen Arbeitszeit kann das keineswegs geleistet toerDen, toas in 11 Stunden geleistet wttd, toeil fie gleich mit dem Zehnstunc^n- tag auch eine zehnprozenttge Lohnerhöhung gefordert haben. Die Einführung des Zehnstundentags würde den Crimmittchauer Fabrikanten mindestens % Mill. Mk. kosten und wenn er überall em- aLführt würde, so können Sie sich ja selbst ausrechnen, wie sehr dies unsere Industrie belasten würde. Wenn durch diese Mehrbelastung die Konkurrenzfähigkett unserer Unternehmer beschränft toerDen würde, so würde ich das seyr bedauern und zwar im Interesse per Arbeiterschaft selbst. Herr Wurm sagte, daß der Ausfall der so^ialdemoftattschen Wahlen hoffentlich erzieherisch auf die Unternehmer gewirkt habe und daß man sich Den ArbetterforDerungen nicht mehr so ablchnenD gegenüberstellen toürDe. Ick mochte feststellen, Daß es auch noch Leute gibt, auf Die die Wahlen m dieser Beziehimg nicht erzieherisch eingetoirft haben. (Zuruf: Das sehen tott! Heiterkeit.) . Die Herren verlangen jetzt Den Zehnstundentag. Ick mn oa- bon überzeugt, wenn man Den hat, bleibt es nicht dabei (feh^.^cktigl bei Den Soz), Dann verlangen Sie Den NeunstunDentag. (Sturmiscke Zustimmung bei Den Soz.) Dann Den Achtstundentag, (torneutc Zustimmung bei Den Soz.) Schließlich verlangen Sie Die Beteiligung Der Arbeiter an Der Geschäftslettung selbst. (AnpauemDe Zustimmung bei Den Soz.) Ja, Sie wollen Die Arbetter überhaupt nicht mehr in Zufriedenheit lassen, Denn Dann würden Sie jn Den Ast absägen, auf Dem Sie sitzet' (Gelächter bei Den Soz.) Man führt sanitäre Gründe für Den Zehnstunderttag an. In Crimmitschau lagen aber die Gesundhettsverhälttisse günsttger als sonst in Sachsen. Die (Srimmitfchauer Arbeiter sind keineswegs körperlich heruntergekommen; sie sind vielmehr als gute Turner bekannt unD haben als solche viele Preise Dabongetragen. (Lachen bei Den Sozialdemokraten.) ,___ Die Haltung Der kommunalen Behörden in Crimmttschau ist E Herrn Bebel nicht richttg ^gestellt worDem Der Bürgermeister war allerDings in erster Ehe mtt Der Tochter eines Crimmitschauer Industriellen verheiratet. Wer diese Frau ist bereits seit 5 Jahren tot, und sein Schwiegervater ist heute Privatmann. Die Arbetter haben gewiß das Recht zu streiken, aber wenn 15 streiken, so haben sie nicht das Recht, Den 16. an Der Arbeit zu Energische Förderung der Landwirtschaft. Getteidezölle und Viehzölle bilden die Grundlage des Volkswohlstandes. Wenn Herr Gothein sagre: die Arbeiter hätten kein Interesse an der Erhöhung der Zölle, so mag das sehr wohl zutrefsen für die gewerblichen Arbeiter, obgleich es für diese nicht zutrifft. (Heiterkeit.) Eine gesunde Handwerkerpolitik ist undenkbar ohne eine gesunde Agrarpolitik. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Beumer (nat.-lib.): In Crimmitschau handelte es sich nicht um den zehnstündigen Arbeitstag, sondern um eine Macht- ftage, um die Frage, wer Herr im Hause sein solle. Das Bestreben, die Herrschaft un Betriebe aus die Gewerkoereine zu übertragen, ist das Leitmotiv der Gewerkschaftsbewegung. Die Arbeiter wollen ,über Entlastungen r>u entscheiden haben. Soll eine richtige Disposition im Betriebe herrschen, so mutz der Arbeitgeber das Recht haben, begründete Entlassungen vornehmen zu können. Hat er das nicht, so tritt ein Chaos ein, unter dem beide Teile zu leiden haben. Es besteht zwischen Kapital und Arbeit eine Solidarität, das haben die Trade Unions älterer Richtung auch stets anerkannt. Was den zehnstündigen Arbeitstag betrifft, so haben die meisten Fabriken in unserem Rheinlands ihn ohnehin; sie sind aber gegen eine gesetzliche Festlegung, weil sie in der Saison auch zuweilen darüber hinausgehen müssen. (Vizepräsident Graf Stolberg ersucht den Redner, nicht zu ausführlich auf den Zehnstundentag einzugehen, weil davon doch bei der Besprechung der Interpellation die Rede sein wird.) Es sind auch andere Redner darauf eingegangen. Ich werde mich auf das Notwendigste beschränken. Die gesetzliche Festsetzung des Zehnstundentages halten wir für bedenklich. Die Sache würde dann imer weitergehen. Man verlangt dann zunächst den Neunstundentag für die Frauen, dann muß er auf die Männer ausgedehnt werden. Dann geht es immer weiter herab, bis wir auf den Einstundentag kommen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ja, der Abg. Wurm hat ja gestern gesagt, daß bte Sozialdemokratie immer die Signale aufstellt, denen wir nachzulaufen haben. Also, wenn es nach Ihnen allein ginge, kommen wir wirklich schließlich zum Einstundentag. (Abg. Hoffmann-Berlin (Soz.) ruft aus einer Ecke des Saales: Sie haben den ja schon! Große Heiterkeit.) In einer Volksversammlung hat man gesagt, wer soll denn bei einer solchen kurzen Arbeitszeit die Steuern aufbringen, darauf erwiderte man, die Steuern solle der Staat bezahlen. Das Verlangen nach Arbeiterausschüsten und Tarifgemeinschaften klingt ja sehr schön, aber wie das in großen Betrieben in der Praxis sich gestalten soll, das sehe ich nicht. Gerade in kriegerischen Zeiten versagt der Arbeiterausschuß oder gibt womöglich selbst noch das Signal zum Ausstand. In sozialpolitischen Dingen brauchen wir uns nicht zu überstürzen: das ist die Meinung weiter Kreise des Volkes. Wir brauchen nur einen allmählichen Ausbau der Sozialpolitik, die in vernünftiger Weise auf die Kon- kurrenzverhältniste. des Auslandes und den Mittelstand Rücksicht nimmt. Denn es ift eine Tatsache, daß es dem Mittelstand vielfach schlechter geht, als dem Arbeiter. Ueberhaupt: nicht allzu viel gesetzliche Reglementierung! Jetzt will man uns auch vor dem Alkohol durch Gesetz beschützen (Heiterkeit), obwohl hier Selbsthilfe viel mehr am Platze wäre. Wir haben gar keinen Grund, uns in ein sozialpolitisches Automobil zu setzen, während die anderen Nationen sich noch nicht einmal eines sozialpolitischen Omnibus bedienen. Die Regierung möge sich vor sozialpolitischen Experimenten in acht nehmen und an das Wort eines alten Sanitätsrats denken: „Es gibt keine Krankheit, die so unbedeutend wäre, daß sie durch das Hinzutreten eines Arztes nicht lebensgefährlich werden könntet (Heiterkeit und Beifall bei den National-Liberalemt Abg. Fräfidors (Soz.): Ich spreche hier als Arbeiter; ich bin auf allen drei Gebieten versicherungspftichtig und bisher noch nicht durch Maßregelung gezwungen, einen anderen Berus zu ergreifen. Herr Dr. Beumer ist gegen die Arbeiter mit dem sattsam bekannten „Herrn im House"-Standpunkt zu Felde gezogen. Er fürchtete, daß man schließlich zum Zchnsrundentag kommen könne. Ernst kann man ja so etwas nicht nehmen; aber ich kenne auch Leute, die gar nicht arbeiten und doch gar nicht so schlecht leben sollen. (Heiterkeit.) Herr Gräfe hat sich verpflichtet gefühlt, die Crimmitschauer Arbeiter anzugreisen. Herr Gräfe ist ja das einzige nationale Bliemhen, das noch aus Sachsen gekommen ist (Heiterkeit); wäre er nicht mit Mühe und Not in Der Stichwahl durchgekommen, so hätte man hier von den teutonischen Mannen aus Sachsen gar niemand mehr gesehen. Was Herr Graefe von den Einkommensverhältnisten Der Crimmitschauer Arbeiter gesagt hat, war längst widerlegt. Der offizielle Bericht der Berussgenosten- schäften hat festgestellt, daß der Durchschnittslohn eines Crimmitschauer Arbeiters 650 Ml. pro Jahr beträgt (hört, hört!), und wenn Herr Graefe sagte, es wäre ihnen so gut gegangen, daß sie noch Geld auf die Sparkasse hätten tragen können, so kann ich nur sagen, dieses Geld haben sich die Arbeiter abgehungert. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Man spielt hier die Interessen der Crimmitschauer Industrie gegen die Arbeiterforderungen aus. Ich sage Ihnen, wenn die Behörden und wenn die sächsische Regierung nicht ihre bekannte Haltung eingenommen und die Unternehmer noch bestärkt hätte, dann wäre der Zehnstundentag ohne die geringste Schädigung der Jndusttie eingeführt worden. Doch will ich diesen Gegenstand verlassen, da noch andere darauf eingehen werden. Es ist hier wieder einmal viel die Rede von der Ausdehnung der Sozialpolitik. Tie Arbeiter können da wirklich sagen: „Ter Worte sind genug gewechselt, laßt uns nun endlich Taten sehen!" Sie haben genug von den schönen Reden, von den papiernen Resolutionen und dem ewigen Zurückziehen des Zenttums. (Sehr wahr bei den Soz.) Ja, das „arbeiterfreundliche Zentrum" hat einzig die Schuld, wenn die Sozialpolitik nicht vom Fleck kommt. Wir sind bereit, positiv mitzuarbeiten, kommen Sie uns doch nicht mit Ihren Reden, daß wir nur die Unzufriedenheit schüren wollen. Gerade die bessergestellten Arbeiter sind unsere treuesten Anhänger, weil sie mehr Verständnis haben für die sozialdemokratischen Verhältnisse. (Zurufe rechts.) Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte, diese Zurufe zu unterlassen, ich glaube, der Herr Redner hat die beste Absicht, nicht zu kurz zu werden. (Große Heiterkeit.) Sie haben es gar nicht nötig, durch Zurufe die Rede noch zu verlängern. (Stürmische Heiterkeit.) Abg. Fraßdorf (fortfahrend) verbreitet sich über die Verhältnisse der Steinarbeiter. Für diese muß unbedingt etwas geschehen. Unter den Steinarbeitern herrscht die größte Sterblichkeit von allen Arbeiterkategorien Trotzdem wollen ihnen die Unternehmer das bischen Arbeiterschutz, das ihnen der Bundesrat eingeräumt hat, wieder nehmen. Unsere Arbeiterversicherung ist besser als nichts, aber sie ist noch vollkommen unzureichend, zumal den Hilfsbedürftigen, wenn sie die Invalidenrente erhalten, die Armenunterstützung vielfach entzogen wird. Man hat also keinen Anlaß, die Arbeiter- Versicherung, die doch nur einen Anfang darstellt, wie es jetzt besonders häufiy geschieht, über das Maß hinaus zu loben. Die Arbeitgeber leisten für die Arbeiterschutzgesetzgebung nur 57u> Psg. pro Mann und Tag; einen Sechser zahlen sie, aber für einen Taler machen sie Lärm. (Sehr wahr! bei den Soz.) Unbedingt nötig ist es, daß auch die Landarbeiter und Dienstboten der Krankenversicherung angegliedert werden. Bei der Unfallversiwerimg müßten in Betteft Der Rentenfestsetzung Arbeiter als Sachverständige schon in der ersten Instanz hinzugezogen werden. Wir sind für eine Zusammenlegung der Unfall-, Kranken- und Invalidenversicherung, aber unter der Voraussetzung, daß die Rechte Der Selbstverwaltung der einzelnen Anstalten nicht geschmälett werden. Tie Frage, ob freie Arztwahl ober Zwangsarztsystem, ist keine Prinzipienftage unb keine Parteifrage. Die Meinungen sind in unserer Partei noch geteilt. Für bte Aerzte handelt es sich lediglich um eine Verteilungsfrage. Wenn die übrigen Teile der Bevölkerung gleich hohe Summen wie die Krankenkasten für die Aerzte auSgeben würden, dann würden die Aerzte im Golde schwimmen. Zu den Krankenkassen können wir ebenso wenig wie in anderen Institutionen jeden zulassen. Wie kämen wir dazu, jeden Stümper zuzulassen. Der sein Examen mit Ach und Krach bestanden hat? Die Krankenkassen haben bas ernste Bestreben, friedlich mit den Aerzten zusammenzuarbeiten, ober gegenwärtig ist dieses Verhältnis von den Aerzten in der rücksichtslosesten und willkärlichsteii Weise gestört luorben. Die Aerzte sollten in ihren Fordernngen Maß holten. Wohin ist es aber jetzt schon gekommen? Der oberschlesische Knappschaftsverein hat' im vergangen Jahre nicht weniger als 1* 3 Million für Aerzte und Medizin auszugeben gehabt und nur knapp 400 000 Mk. für Kranlenunterstützung. (Hört, hört! Zuruf: Besteht dort freie Arztwahl?- Nein, und zwar hier lediglich deshalb nicht, weil die deutschen Aerzte ihre polnischen Kollegen ausschließen wollen. In kleinen Städten ist die freie Arztwahl gewiß gut, aber in großen läßt sie sich nicht durchführen, weil viel zu viel Medikamente verschrieben werden würden und der Krankassenvorstand unmöglich auf Tausende von Aerzten einen Einfluß ausüben kann. Wie verhalten sich aber die Behörden? Das zeigt der Kölner Aerztestteik. Dott hat die Behörde das Selbstverwaltungsrecht der Kranken lassen suspendiert und die bisherigen Aerzte unter Bewilligung ihrer Forderungen erneut angestellt. Das wideriprichr dem klaren Wortlaut des Gesetzes. Das sozialpolitische Mäntelchen, das sich die Freisinnigen umhängen, nützt ihnen nichts. Die Raiten verlassen doch immer mehr ihr Schiff. (Beifall bei den Soz.^ Um 6 Uhr ergreift das Wort Staatssekretär Graf Posndowsky, um gegen die Ausführungen der Redner ans dem Hause zu polemisieren bezw. die Haltung der Regierung AU den angeschnittenen Fragen zu rechtfertigen. Er spricht diesmal so leise, daß er nur mit Mühe zu verstehen ist. In Bezug auf die Einbeziehung der ländlichen Dienstboten und Arbeiter in die Krankenversicherung sei eine Umfrage bei allen Bundesregierungen erfolgt; nur noch drei 9ieg erungen ständen aus. Das Material werde eingehend bearbeitet. Das Ergebnis werde dem Reichstag zugehen. Er (Redner) persönlich sei für diese Einbeziehung, doch könne er auch die Schwierigkeiten derselben nicht verkennen. Er wisse nicht, wie der Bundesrat sich in seiner Gesamtheit dazu stellen würde. Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Sonnabend 1 Uhr. (Zentrums-Interpellation betreffenb die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine.) Schluß Uhr. Aer Aufstand der Kcreros. Oberleutnant Zülow schockte aus Okahaudja folgendes Telegramm durch Boten nach Korllnb, datiert vom 20. Januar: ^Jch halte Okahaudja feit dem 15. Januar nach einem heftigen Kampfe mit 200 Mann besetzt nnb kann mich noch einige Zeit halten. Ich warte auf die Geschütze des ,Habicht" und erbitte eine Abteilung Artillerie. Ein schwaches Windhuk-Entsatzkorps mit einem Maschinengewehr wurde am 12. und 13. zurückgeworfen, wobei acht Reservisten gefallen sein sollen. Die Namen sind »mbekaunt. Die Verbindung mit Windhuk ist völlig zerstört. Um die rückwärtige Verbindung herzu- stelleu und die nachtommendeu Militärtransporte sicher her- zubringen, ist heute mit 70 Mann eine Eisenbahnfahrt nach Karibib versucht worden. Eingehender Bericht geht heute ab." Vom 21. Januar datiert: „Gestern nachmittag bei Ka- watnerasane zwischeu Waldan und Okasise heftiges Gefecht der von mir mit der Eisenbahn zurückgeschickten, etwa 70 Mann starken Abteilung, die rückwärts Verbindung suchen sollte. Unsererseits vier Tote und drei Leichtverwundete; Namen wurden nicht gemeldet. Die feindlichen Verluste werden auf 20 bis 25 Tote geschätzt. Da die 20 Meter lange Brücke zerstört ist, versuche ich durch sichere Eingeborene Nachrichten nach Karibib zu senden." Oberleutnant Zülow meldete weiter, daß sich bei Oka- handja die Kasfern mit den Herero vereinigen. Mit den „Gaffern" werden wohl die westlich von Omaruru 'angesiedelten Bergdamara gemeint sein. TaNarrurUarilches. Berlin, 29. Jan. Die Kommission betreffend die Lausmannsgerichte hielt heute ihre erste Sitzung ab und eröffnete die General-Tiskussion über die Frage des Anschlusses der Kausmannsgerichte an die Amtsgerichte oder Gewerbegerichte. Die Abgg. Dove, Müller- Meiningen und Jtschert traten unter eingehender Begründung für den Anschluß an die Amtsgerichte ein, erklärten aber, daß sie bei Ablehnung dieses Vorschlages sich auf den Boden der Vorlage stellen wollen. Singer und auch Trimborn waren unbedingt für die Gewerbegerichte. — Tie Bu d g e t k 0 m m i s s i 0 n des Reichstages setzte die Beratung des Militärctats bei den fortdauernden Ausgaben fort. Tie Zentrumsabgg. Groeber und Gen. beantragen, die Kommission wolle beschließen, der Reichstag solle den Reichskanzler ersuchen, zur Verhütung von Soldatenmißhandlungen, namentlich der systematischen Mißhandlungen daraus hinzuwirken, daß bei schuldhafter Verabsänmung der Beaufsichtigung der Untergebenen gegen die für die Disziplin veranrwortlick)en Vorgesetzten Strafverfolgung unnachsichtlich eingeleiiet wird. Auf Antrag Speck werden statt der geforderten 97 Milckärgerichtsschreiber nur 90 bewilligt. Groeber begründet sodann seinen Antrag, der mck allen gegen drei Strmmen angenommen wrrd. Es folgt dir Beratung der Mehrforderung für 205 Oberstleutnants je 1800 Mark. Im Laufe der Tebatte führt der Kriegs- m in ist er aus, es müsse der Antrieb gegeben werden, bei der Infanterie einzutreten. Bei derFeld- arrillene sei der A n d r a n g s 0 g r 0 ß, daß ohne tat-- Iserliche Ermächtigung niemand mehr eingestellt werden darf. Ebenso ift ein kolossaler '. .1 drang bei der Marine. Bei der Infanterie dagegen sind 700 Fehlstellen. Einen Luxus in der Weise, wie die Oeffent- lichkeit glaube, gebe es nicht. Er gebe zu, daß im 'Lause vou 15 bis 16 Jahren 33 bis 34 Uniform- änderungeu vorgeuommeu worden sind; dabei war das Bestreben maßgebend, Einheitlichkeit zu schaffen. — Im Ab geordneten Hause wurden heute zunächst einige Rechnuugssachen der Rechnungskommission überwiesen. Ferner wurden an verschiedene Kommissionen überwiesen der Gesetzentwurf betreffend Verpflichtung zum Besuch ländlicher Fortbildungsschulen in der Provinz Hessen-Nassau, wonach durch Ortsstatut bestimmt werden könne, daßj jdkie ans Volksschulen entlassenen unter 18 Jahre alten männlichen Personen für das Winterhalbjahr zum Besuch! einer ländlichen Fortbildungsschule verpflichtet sind und die Arbeitgeber den Fortbildungsschülern den erforderlichen Urlaub gewähren müssen; ferner oer Gesetzentwurf betreffend Kosten für die Prüfung und Ueberwachnng von elektrischen Anlagen, Dampf chffern, Auszügen und anderen gefährlichen Einrichtungen; weiter die Novelle zum Schutz über die ärztlichen Ehren-Ge- ri chte, das Umlagerecht und die Kosten der Aerzte- kammern vom 25. November 1899 und der Entwurf eines Ausführungsgesetzes zum Reichs-Seuchengesetz vom 30. Januar 1900. München, 29.Jan. Die Kammer der Abgeordneten nahm die Ersatzwahl für den infolge der Simplizissim u 8- affaire zurückgetretenen liberalen Vizepräsidenten v. Leistner und den liberalen Schriftführer Schmidt vor. Alle Parteien außer dem Zentrum erklärten, sich der Wahl enthalten. Das Zentrum erklärte sich bereit, der zu Beginn der Session getroffenen Abmachung gemäß einen liberalen Vizepräsidenten zu wählen. Hieraus wurde Land mann (lib.) mit 79 Zentrumsstimmen gewählt. Landmann lehnte die Wahl ab. Daraus wurde mit 81 Stimmen Fuchs (Zentr.) zum Vizepräsidenten und mit 70 Zentrumsstimmen Frank (Zentr.) zum Schriftführer gewählt. Ale Aerg.stungsaffäre in Darmstadt. R. B. T a r m st a d t, 29. Jan. Tie furchtbaren Folgen des Genusses verdorbenen Bohnensalats haben hier nallrrgemäß große Erregung und schmerzliches Mitgefühl hervorgerufen, namentlich in den zahlreichen besseren und minder bemittelten Familien, deren Töchter an manchen der vielen Lehrkurse teilnahmen, die auf den Gebieten der Kochkunst und der praktischen Ernährung seit Jahren mit bestem Erfolg von der Alice- Kochschule veranstaltet wurden. Welch allgemeiner Zufriedenheit und Wertschätzung sich das Institut unter der tüchtigen Leitung der Frl. Göring erfreute, beweist der Umstand, daß sich die Räume und Kücheneinrichtungen schon längst als viel zu klein erwiesen; auf Wunsch der Vorsteherin wurde auch bereits im Sommer v. I. eine beträchtliche Erweiterung der Küchenränme vorgenommen unD die Küche selber mit allen modernen Einrichtungen versehen, sodaß sie wirklich als eine Musteriüche bezeichnet zu wenden verdient. Die allgemeine Bestürzung über den furchtbaren Vorfall ist um so größer, al» man jeden Augenblick neue Hwbsposten aus dem Elrsabethstift oder oern städtischen Krankenhaus, wo die Kranken unter sorgfältigster ärztlicher Kontrolle stehen, zu vernehmen befürchten muß. So tarn auch heute abend wieder die Kunde von e.nem neuen, dem achten Todes s all, doch war der vorgerückten Stunde ivegen Näheres darüber nicht mehr zu erfahren. Neben beit zahlten, unkontrollierbaren Gerüchten, die über einzelne Vortommnisse bei den Erkrankten erzählt werden und a d 1 Iweise in der Presse auftauchen, bildet n । । ■ ........... den hauptsächlichsten Punkt der Erörterung die Frage über die Art des Giftes, die festzustellen den Sachverständigen leider noch immer nicht gelungen ist. Man hat aber jetzt noch einen Rest des unheilvollen Salats in einem Aschekasten aufgesimden und zur Untersuchung nach Gießen gesandt, sodaß Die Ermittelung der Art wohl nicht mehr lange ausbleiben kann. Es liegen bisher drei Möglichkeiten vor: Pflanzengift, sog. Wurstgift und endlich Ptomain, ein Leichenalkaloid, das, durch irgend eine chemische Verbindung in der Büchse begünstigt, sich spater im Tarrn ober den T armsekreten entwickelt hat. — Wie fnrchtbar tzie Wirkung des Bohnengiftes gewesen sein muß, geht daraus hervor, daß wahrscheinlich nur die eine Büchse, die den scharfen, unangenehmen Geruch zeigte, den gefährlicher: Giftstoff enthielt; ihr Inhalt wurde mit den zahlreichen anderen Büchsenbohnen zusammen zu Bohnensalat zubereitet. — Man liest übrigens in verschiedenen Blättern, daß Vergiftungsfälle durch Büchsengemüse glücklicherweise äußerst selten vorkämen. Taß dem aber nicht so ist, beweist folgender, uns von einem Arzte mitgeteilter Fall: Tie Odenwälder Aerzte waren vor kurzem in einem freundlichen Odenwaldort zu einem gemeinsamen Essen beisammen. Bald nach der Einnahme der Mahlzeit stellte sich bei vielen mehr oder minder starkes Unwohlsein, Ma- genschmerz usw. ein, so daß sofort zu durchgreifenden Mitteln gegriffen werden mußte. Tie Ursache war, darüber herrschte in dem Kreis der Teilnehmer kein Zweifel, der Genuß eines verdorbenen, aber gut mundrecht gemachten Büchsengemüses, das sich weder durch einen absonderlichen Geruch, noch! durch ungewöhnlichen Geschmack bemerkbar machte. In Anbetracht der verhältnismäßig weniger schlimmen Folgen kam man überein, die ganze Sache nuht weiter an die große Glocke zu hängen. Tie Fälle von Vergiftungen durch Mchsenkonserven sind aber, wie unser Gewährsmann versichert, viel zahlreicher, als das Publikum gemeinhin glaubt; nur gehören wirklich schwere Vergiftungsfälle Gott sei Tank zu den Seltenheiten. Ein so entsetzlicher Fall, wie der hiesige, soll unter so eigentümlichen, unklaren Umständen in Teutschland überhaupt noch nicht vorgekommen sein. Hoffentlich bewirkt die strenge, rastlose Untersuchung der Herren Geh. Medizinalrat Prof. Tr. Gaffky und Dr. Softröm, daß gründliche Lehren daraus gezogen werden uno der Vorfall auch der einzige bleibt. Dermiidytcs« • Glogau, 29. Jan. Der Tischlergeselle Georg Motcko aus Bautsch, der auf der Landstraße in der Nähe von Glogau den Handelsmann Gutackcr aus Bautsch ermordete und 00m Schwurgericht 3um Tode verurteilt war, wurde heute früh im Hose des Gerichtsgefängnisses durch den Scharfrichter Schwietz aus Breslau hingerichtet. Die junge Frau Motckos ist kürzlich aus Gram über die Mordtat g e st 0 r b c n. * Stuttgart, 29. Jan. In dem Atelier des Landschaftsmalers Professor Reiniger ist heute früh ein Brand ausgebrochen, der großen Schaden angerichtet hat. Dem „Schwäb. Merkur" zufolge ist eine Reihe wertvoller Gemälde teils vollständig verbrannt, teils mehr oder weniger stark beschädigt. Vernichtet ist unter anderen das auf der Dresdener Ausstellung prämnede Gemälde „Fluß am Abend". AtvetUlöcw.gUttg. Krim mir \ , _9. ^an. . .mtshauptuiannschaft Zwicrau unb der Stadtrat von K^immitschau hoben heute oas über Kvimmilschau verhängte Versammlungsverbot auf.