Nr. 150 Zweites Blatt. 154. Jahrgang Mittwoch 2». Juni l»O4 Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Gitfiene: Samilienblötter' werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -Hessisch« Landwirt' erscheint monatlich einmal. Giehener Anzeiger Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universttätsdruckeret. ÖL Lange. Gießen. Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.V. Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Aie heutige Dummer umfaßt 8 Seiten. das große reformatorische Werk nicht scheitern wird. Die Einführung des direkten Wahlrechts liegt denn doch zu sehr im Interesse des Volkes und im Parteiinteresie des Liberalismus! In letzter Stunde! -o Gießen, 29. Juni 1904. Die Verhandlungen der Zweiten hessischen Kammer haben gestern ihren Anfang genommen. Was da zunächst zur Sprache kam, war nicht von besonderer Bedeutung, und erst der heutige Tag bringt die erste Wahlrechtsdebatte. Die liberale Wahlreform und vollends die Wahlkreiseinteilung, wie sie der Ausschuß verlangt, finden bekannllich nicht die Zustimmung der Wormser Heilsarmee und sie arrangierte sogar eine Protestversammlung, die natürlich offiziell „ glänzend * verlaufen ist. Man tat dort außerordentlich volksfreundlich und setzte alle Hebel in Bewegung, um die Wählermassen irre zu führen. In der Stadt, wo Martin Luther vor bald vier Jahrhunderten seine flammenden glaubensreformatorischen Worte wie Donnerkeile in die Ä3elt schleuderte, hetzt und tobt man am Beginn des 20. Jahrhunderts gegen das wahlreformatorische Werk, das eine liberale Regierung und eine liberale Mehrheit im Volke vollenden möchten. Daß die robusten Vorwürfe gegen die Arbeiten des Ausschusses, die man am letzten Sonntag zu Oppenheim a. Rh. hören ließ, zum mindesten sehr übertrieben sind, liegt auf der Hand. Man hat in Oppenheim u. a. erklärt, daß man „in der Zugrundelegung der Beoölkerungszifier unter gleichzeitiger tunlichster Berücksichtigung der konfessionellen Verhältnisie, sowie der Steuerleistung die Basis einer gerechten Wahlkreiseinteilung erblicke. Wenn schon die Konfessionen eigentlich nichts mit den politischen Wahlen zu tun haben sollten, denn Religion und Politik ist doch wahrlich zweierlei und es wird vielleicht doch noch einmal die Zeit kommen, da die einzige konfessionelle, die Zentrums-Partei, aufgegangen sein wird in den nur volkswirtschaftlich sich scheidenden Parteien — was hat die Steuerleistung mit der Wahlkreiseinteilung zu tun? Ist denn die Stimme eines vermögenden, aber geistig beschränkten Mannes wertvoller als die eines intelligenten, aber atmen Handwerkers oder Bauern, als eines in bescheidenen Verhältnissen lebenden großen Gelehrten? Soll ein Mann, dessen Grundbesitz z. B. durch günstige Lage im Lauf der Jahre um ein Riesenhaftes im Werte gestiegen ist, der, wie es deren so viele giebt, selber nichts, aber auch gar nichts dazu getan hat, um seinen Besitz wertvoller zu machen, einfach seines gänzlich unverdienten Vermögens wegen zu allen den großen Vorzügen, die ihm deswegen zu teil werden, auch noch den genießen, um seiner höheren Steuern willen auch im Wahlrecht den Vorzug zu haben, mit einem verhältnismäßig kleinen Häuflein von Männern einen Landtags- abgeordneten zu wählen, während große, aber arme Distrikte, wie der rauhe Vogelsberg, dem gegenüber zu kurz kommen sollen, weil sie weniger Steuern zahlen als die reichen Herren am sonnigen Rhein? Das wäre eine nette Volksfreundlichkeit, das wäre wahre Gerechtigkeit! Für eine solche Politik bedanken wir in Ob er Hessen unS allerbestens! Und den Städten Friedberg, Alsfeld und Bingen wollen die Herren von Oppenheim und Umgegend die uralt geheiligten Gerechtsame der Wahlkreisprioilegien freundlichst entziehen. Auch sehr liberal! — Wir wollen die Wahlkreis-Einteilung, die der Ausschuß vorgeschlagen hat, durchaus noch nicht gutheißen, dazu bedarf es wohl sehr gründlicher Prüfung und Erwägung, und vorerst ist vor allem die Regierung an» zuhören. Die Herren in Oppenheim und Worms aber behaupten, die neue Wahlkreiseinteilung sei dem Zentrum und den Sozialdemokraten besonders günstig und wettern dabei gegen uns in Oberheffen. Ja, wo sitzen denn in Oberhessen die vielen Zentrumsleute und Sozialdemokraten? Wir haben immer gedacht, daß sie da am meisten vertreten sind, wo sie gewählt werden. Nun hat aber Oberhessen keinen einzigen Zentrums- und sozialdemokratischen Vertreter im Landtage! Also müßten doch eigentlich die Herren von Worms gerade mit aller Macht für die Vermehrung der oberhessischen Mandate eintreten, denn hier hat die Zentrumspartei gar keinen und die Sozialdemokratie doch erst im allerentferntesten so günstigen Boden wie in Worms und Mainz! Gerade dort zu Lande sitzen bte von ihnen so heftig Angefeindeten, deren Ueberzcchl im Landtage sie fürchten, in Mengen, lln begründet aber ist im höchsten Grade der dort ausgesprochene Wunsch nach Vermehrung der rhein-hessischen und Verminderung der oberhessischen Mandate. Wir in Oberheffen sind aber gar nicht so mißgünstig wie bie Herren in Rhein Hessen.' Wir wollen eine Wahlkreiseinteilung allein nach der Bevölkerungsziffer, dabei kommt kein Haupt zu kurz, und auch den bösen Rhemheffen wird dabei, was ihnen zukommt. Die schlauen Herren in Rheinhessen aber möchten, in» hem sie auf die Zentrums- und sozialdemokratische Gefahr Hinweisen, die beiden Parteien, die ihres Erachtens schon so gut im Ausschuß abgeschnitten haben, m Sicherheit wiegen und womöglich erreichen, daß die Angehörigen dieser Parteien angesichts der ihnen scheinbar bereits so überaus günstigen Position lässig werden. Sie wollen womöglich dahin wirken, daß die Abgeordneten diese Parteien m der Ueberzeugung, daß ihre Sache- gar so gilt steht, sich vom Parlament feNchcklten, in dem der Aufenthalt während des Hochsommers natürlich fein Genuß ist. Dazu fonuui, daß es auch noch den oberhessischen Volksvertretern aus den ländlichen Orten sehr schwer werden wird, an der Tagung leilzunehmen, imb so haben sie denn wacker vor- gearbeitet, um das ganze Werk zu Fall zuDringen. Wir wollen aber hoffen, daß an dresin Machinationen Kescher Landtag. R. B. Darmstadt, 28. Ium. Die zweite Lämmer der ©taube ist heute vormittag IQVs Uhr wieder zusammengetreten. Am Mmistertrsch nahmen Platz Staats- Minister Rothe, Geh. Staatsrat Krug von Nidda und die Ministerialräte Dr. B e st, v. B i e g e l e b e n , B ra u n u. a. Bor Eintritt in die Tagesordnung beglückwünscht der Präsident den Abg. P e n n r i ch zu fernem 25jährigen Abgeordnetenjubiläum, aus welck>em Anlaß der Platz des Abgeordneten reich mit Blumen geschmückt ist. Tas Haus erhob sich zu Ehren des Jubilars von den Plätzen Der Gefeierte dantte in bewegten Worten für die Ehrung und lud die Kollegen ein, ihm bei Gelegenheit des vom 3.—10. Juli in Bingen stattsindenden Mittelrheinrschen Berbands- schützenfestes einen Besuch abzustatten. Es folgt die Einführung und Vereidigung der beiden neu- gewähllen Abgeordneten Rechtsanwalt Windecker und Bürgermeister Ullmann die in der üblichen Weise vollzogen wird. Punkt 1 der Tagesordnung .betrifft den AMrag des Abg. Köhler u. Gen. über eine Samurelausgabe der sämtlichen zurzeit im Großherzogtum Hessen gittigen Gesetze, Verordnungen rc. Ter Ausschuß beantragt, die Kammer wolle die Grvßh. Regierung ersuchen, 1. die Kreisämter anzuweisen, eine Zusammenstellung der zurzeit für den Kreis maßgebenden Ausschreiben, Verfügungen usw. zu verfertigen und zu veröffentlichen und diese Zusammenstellung von zehn'zu zehn Jahren zu erneuern; 2. in Erwägung zu ziehen, ob nicht ein besonderes Register zum Regierungsblatt l)crausgegeben werden könne, in welchem nur die derzeit noch gütigen Gesetze und Verordnungen ausgenommen sind. — Damit soll der Antrag Köhler sür erledigt erklärt werden. Nach einer kurzen Darlegung der schon schriftlich niedergelegten Anschauung der Regierung und einigen Bemerkungen des Abg. Köhler wird der Ausschußantrag angenommen. Es folgt der dringliche Antrag Reinhart und 32 Genossen: ,Hohe Kammer wolle beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen, für den Fall im Bundesrat eine Gesetzesvorlage über die Einführung von Verkehrsabgaben auf schiffbaren Flüssen vorbereitet werde, gegen eine solche Borlage Stellung nehmen zu wollen." Die Regierung hat sich in einem Schreiben vom 12. März d I. über die Frage geäußert und dargelegt, daß sie sich in voller Uebereinstimmung mit der in der Reichstagssitzuug vom 10. Dezember v. I. abgegebenen Erklärung des Reichskanzlers befinde, inhalllich .deren nach Art. 54 der Reichsverfassung aus allen natürlichen Wasserstraßen nur für die Benutzung besonderer Anstalten, die zur Erleichterung des Verkehrs besttmmt sind, Abgaben erhoben werden dürfen und durch diese Besttmmung das Recht der einzelnen Staaten beseitigt werden sollte, auf den deutschen Strömen lediglich für die Bewahrung derselben irgend welche Abgaben zu erheben. Weiter hatte die Regierung schon bei Beantwortung einer Anfrage David u. Gen. hervorgehoben, daß nach vertragsmäßiger Abmachung zwischen den deutschen Liheinuferstaaten und dem Königreich der Niederlande in Art. 3 bet revidierten Rheinschifjahrtsakte vom 17. Oktober 1868 auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen eine Abgabe, die sich.lediglich auf die Tatsache der Beschiffung grünbet nicht erhoben rverden darf. Die Ausschußmehrheit beantragt nach diesem Bescheid der Regierung, das Haus möge beschließen, an die Regierung das Ersuchen zu richten, im Bundesrat für die Einführung von Schifffahrtsabgaben auf den natürlichen Wasserstraßen einzutrcten, während) die Minderhett des.Ausschusses beantragt, die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat gegen jede Gesetzesvorlage entschieden Stellung zu nehmen, welche die Erhebung von Schiffahrtsabgaben auf den natürlichen Wasserstraßen bezwecken sollte. Abg. Reinhart weist als Vertreter der Minorität aus die Entwicklung hin, die der- Verkehr auf den schiffbaren Flüssen im letzten Jahrhundert genommen hat. Redner „ kritisiert dann die widersprechenden Erklärungen, die der preußisch« Minister Budde in der Kammer und der .Reichskanzler in der schon erwähnten Reichstagssitzung abgegeben haben. Tann geht der Redner auf eine Darlegung der Besckstüsse der großen Mamzer Protestversammlung näher ein und beleuchtet besonders die Erklärungen des Ministers Budde und die daran angeknüpsten Verhandlungen im preußischen Abgeordnetenhause. Merkwürdig fei, daß gerade Preußen, als der Staat mit dem größten Eisenbahnbesitz, sich mit der Frage neuer, drückender Verkehrserschwerungen beschäftige. Dank der enormen Zunahme des Güterverkehrs und der Verbesserung der Schiffahrtswege seien viele Ortschaften an den Fluß- länfen kräftig .emporgeblüht, .und da verlange es das Interesse der einzelnen Bundesregierungen, gegen jede Einschränkung oder Erschwerung des Schiffahrtsverkehrs energisch Frorst zu machen. Er ersuche die Großh. Regierung dringend, die von den Agrariern geforberte Einführung von Schiffahrtabgaben im Bundesrat entschieden zu bekämpfen. Geh. Staatsrat Krug vvn Nidda gibt namens der Regierung die auch schon schriftlich ausgedrückte Versicherung ab, daß ihr nichts davon bekannt sei, daß von irgend einer Seite geplant werde, an den Grundlagen verfassungsmäßiger Bestimmungen und vertragsmäßiger Vereinbarungen eine Aenderung her- beizuführen und daß insbesondere die Vorbereitung einer Gesetzesvorlage über die Einführung von Verkehrsabgaben auf schiffbaren Flüssen im Bundesrat in Aussicht genommen sei. Im übrigen könne er die Versicherung abgeben, daß die Regierung beabsichttge, an dem Grundsatz der Abgabenfteihcit, wie er in der Reichs- Verfassung und der Rheinschiffahrtsakte gewährleistet, festzuhalten und daß nach.Ansicht der Regierung die bisherigen Karrektions- arbeiten und Werke zu Gunsten einer Verbesserung des Fahr- waffers des Rheins nach ihrer Beschaffenheit und ihrem Umfang nicht als solche Anstalten zu betrachten sind, für »velche die Erhebung einer Verkehrsabgabe nach ben bezeichneten Bestimmungen zulässig.erscheinen würde. Den Befürchtungen des Abg. Reinhart könne er daher nicht zustimmen, sie gingen jeden- faHS zu weit. Abg. Hirsche! legt als Vertreter der Ausschutzmehrheit die Gründe für berät Antrag dar. Die Rheinschiffahrtsabgaben seien begrünbet durch die vielen Lvstenaufwendungen, welche die Staaten durch die Schiffahrt zu bestreiten hätten. Die Verkehrsabgaben seien heute sehr wohl am Platze und bildeten eine gute Einnahmequelle. Man habe auch für die Rheinstromvegulierung schon ben enormen Betrag von 330 Millionen ausgegeben. Von dem außerordentlich in die Höhe gegangenen Güter»eriehr an' dem Rhein habe nur die Industrie Vorteile, nicht aber die Landwirtschaft. Nicht her Konsumenr ziehe den Nutzen daraus, sondern nur die einzelnen großen Handelsfirmen. Auch nach der Fertigstellung des Rhein-Mainkanals feien die Kolstcn nicht billiger geworden, wie man angenommen hatte. Tie Landwirtschaft habe gar lein Interesse daran, daß keine Abgaben erhoben werden; er glaube auch wicht, daß eine Gefahr für bte Einführung derselben vorliege, aber er ersuche jeden, der es mit der Landwirtschaft wohl meine, für den Mehrheitsantrag zu stimmen. Abg. Dr. David wendet sich gegen bte Aussührungen Hivscliels. Er Haire gerade eine Gefahr für vorliegend. .Tie Politik, wie 'sie im Rtehrheitsantrag zum Ausdruck komme, schädige das Volk. Der Rhein bilde den Hauptverkehrsvermittler in unserer Industrie, und Verkehrsabgaben würden die letztere am stärkstem treffen Es trete hier dasselbe Streben zutage, wie in ber Jtana^ Politik der preußischen Agrarier; er habe nicht geglaubt, daß die Politik der Ostelbier auch von den hessischen Agrariern ausgenommen werden würde. Er ersuche die Regierung dringend, tm Bundesrat gegen jede Schiffahrtsabgabe aufzutreten. Ministerialrat v. B i e g e l e b e n beipncht noch die Stellung der Regierung des näheren und wendet sich gegen bie Behauptung des Abg Äirschel, daß die Landwirtschaft kein Interesse an ber Abgabensreiheit auf den Flußläufen hätte. Zunächst wurden durch die Stromregulierungen bte Ueberschwemmungen sehr eingeschränkt und von dem billigen Transport für Kohle und landwirtschaftliche Produkte profitiere doch auch die Landwirtschaft. _ Abg .lllrich polemisiert in ziemlich erregter Weise gegen den Abg. Hirschel und meint, daß von den billigen Wasserfrachten ebensowohl die Landwirtschaft wie der Kleinhandel und auch ber Koryument Vorteil habe. „ , Abg. Brauer toiberfegi die letzteren Behauptungen und meint, die Sozialdemokraten wollten sich wohl schon in Rücksicht aus die kommenden Wahlen als die Vertreter des kleinen Mannes auffpielen. Er stelle sich auf den Standpunkt der Aus- chußmehrheit. „ . , ... , _ Der Antrag der Ausschußmrnderheit wird darauf mit 19 gegen 17 Stimmen angenommen; zu ben letzteren gehörten bie ober- hessischen Bauembündler und 7 nationalliberale Vertreter ländlicher Bezirke. Nachdem dann noch eine Petition der Wittve des Gemeinde- orsttoarts Philipp Schröter III. aus Lampertsheim wegen Pension ür erledigt erklärt worden ist, folgt noch eine längere Debatte über ben Antrag Schönberger, bett, die Entschädigung' für an Maul- und Klauenseuche gefallenes Rindvieh. Der Anttag- steller wünscht, daß die im vorigen Jahr nicht mehr zur Erledigung gekommene diesbezügliche Regierungsvorlage wieder vorgelegt, die Entschädig ungslesttung durch den Staat üt einer jährlichen festen Summe Aufnahme finde und dem Gesetz zunächst nur ein provisorischer Charakter und eine Geltungsdauer von zehn Jahren beigemessen werde. . Der Ausschuß hat hierzu mehrere Anträge gesteift. Nach Mott- Dierung des Antrags durch Abg. Schönberger bringt Abg. S t ö p l e r verschiedene Wünsche vor. Abg. .Weidner hält jedoch die ganze Frage noch nicht für spruckweif und beantragt die Zurückverweisung an den Ausschuß, die im Hinblick auf das inzwischen eingegangene weitere Material auch Ministerialrat Braun befürwortet Das Haus beschließt die Zurückverweisung mit allen gegen die Stimme Schönbergers und vertagt sich darauf. Nächste Sitzung: Mittwoch 10 Uhr. Tagesordnung: Wahlrechis- v o.rla g e. _ Die tzrrveitervng und Keröcsserung der Anlagen in Aad-Aauherm. Gießen, 29. Juni. ' Heute ist uns derWorllaut der Regierungsvorlage an die zweite Kammer der Stäube zugegangen, bie zunächst die auffteigende Entwicklung Bad-Nauheims sett dem Jahre 1881 dartut und im Anschluß daran feststellt, daß die vorhandenen Einrichtungen nicht mehr genügen. In erster Linie, heißt e8 in der Vorlage, muß die Zahl der zur Verfügung stehenden Bäder vermehrt werden. Schon in den letzten Jahren waren Kurgäste gezwungen, zur Zeit des stärksten Besuchs 4 bis 5 Stunden auf ein Bad zu warten, ein Mißstand, der baldiger Abhülfe dringend bedarf. Ferner befinden sich die noch unter dec kurheffischen Regierung errichteten Badehäuser Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 3 in einem so schlechten baulichen Zustand, daß es nicht gerechtfertigt erscheint, jährlich noch größere Beträge für Wiederherstellimgsarbeiten an denselben aufzuwenden; außer der Vermehrung der Badezellen müffen daher auch Ersatzbauten für die genannten Badehäuser zur Ausführung kommen. Es erschien daher geboten, eine große BadehauSanlage zu entwerfen, die auf Jahre hinaus selbst einen noch erheblich steigenden Bedarf zu decken im Stande ist. Weiter ist in Aussicht genommen, vor den Badehäusern an die Ludwigsstraße gegenüber der Bahnhofsstraße 2 Verwaltungsgebäude zu errichten, die im Untergeschoß die Kassenräume und die Geschäftszimmer der Badedirektion und des Tiefbauamts enthalten und darüber die Wohnungen für den Vorstand der Badedirektion und den Kurdirektor aufnehmen sollen. Für die jetzigen, nur als vorübergehende Einfassungen errichteten Holzbauten der Sprudelumbauungen muß eine der Bedeutung der Sprudel für das Bad angemessene baukünsllerische Anlage geschaffen werden. Die Kosten für die Badeanlage, die Verwaltungsgebäude und die architektonische Gestaltung der Sprudelumbauten einschließlich der erforderlichen Installationen für Sprudelwasser, Süßwasser, Heizung und der Kanalisation betragen 3199 630 Mk. Dieser Betrag soll jedoch, wie gleichfalls aus den Erläuterungsberichten zu entnehmen ist, auf eine Reihe von Jahren verteilt werden. Auch für eine Erwefterung und Umgestaltung der Kurhausterrasse ist u. a. Sorge zu tragen. Dabei soll für den unzweckmäßigen und mangelhaften Mufiktempel Ersatz geschaffen und es soll ferner ein Saal' errichtet werden, worin an kühlen Tagen und bei ungünstiger Witterung die Konzerte ftattfinden können. Als ganz besonders geeignet für die bauliche Weiterentwicklung von Bad-Nauheim erscheint das gegenwärtig von der Saline eingenommene Gebiet von dem Viktoria-Melita- Ring ab bis an die Gradierwerke auf der rechten Usaseite. Für dieses Baugelände liegt ein Bebauungsplan vor. ES zeigte sich u. a. als erwünscht, für den im vergangenen Jahr abgerissenen alten Kursaal ein neues Kaffe e- reftaurant zu errichten, ferner in Verbindung mit den er» 1 he blich zu erweiternden Wandekgängen BerkcwfSläden anzulegen. Für den auf diesen Grundlagen bearbeiteten tÄttwurf sind die hierfür auszuwenden Kosten auf 670 000 Mk. veranschlagt und sotten auf 2 Baujal)re verteilt werden. Diesem Ausgabebetrag stehen jedoch aus der Verpachtung des Restaurants und ber Vermietung der Läden erhebliche Einnahmen gegenüber, so daß diese Anlage den größten Teil der dafür > erwack "nden Zinsen selbst aufbringen wird. Um für die Kolonnaden Platz zu schaffen, sind die Gärtnerei und die Gewächshäuser an anderer Stelle zu errichten: sie sollen im Nordosten des Parks ausgeführt werden; dies erfordert einen Kostenaufwand von 73 000 NU. Die Bereitstellung des jetzigen Salinengeländes zu Bauzwecken bedingt ferner die Verlegung der Saline. Als Bauplatz ist das in staatlichem Besitz besindlichc Gelände östlich der Bahn und südlich vom Goldstein, neben der alten, außer Betrieb liegenden Ziegelei in Aussicht genommen. Die Baukosten stellen sich auf 356 270 Alk. Mit der steigenden Bäderzahl wächst der Verbrauch der Badewäsche. In dem letzten Jahr wurden 37 726,81 Alk. für die Reinigung dieser Wäsche an Unternehmer bezahlt. Es erscheint dringend geboten, diesen Betrieb in eigene Verwaltung zu übernehmen, selbst wenn in den ersten Jahren etwas größere Unkosten daraus entstehen sollten, und ihn mit den Aufbewahrungsräumen für die Wäsche und einer allen Anforderungen der Gesundheitspflege entsprechenden Desmfektlonsanstalt in einem Gebäude zu vereinigen. Dieses Gebäude soll ebenfalls auf dem Goldstein in unmittelbarer Nähe der Saline errichtet werden; der Kostenanschlag schließt ab mit einem Betrag von 260000 Mark. Bei dem großen Kraftbedarf für die staatliche Verwaltung ist die Errichtung emes eigenen Elektrizitätswerks geboten. Auf dem Goldstein in der Nähe der Dampfwaschanstalt und der Saline soll eine einheitliche Maschinenanlage beschafft werden. Diese Maschinenanlage muß enthalten em Fernheizwerk, ein neues Elektrizitätswerk, das auch die zum Betrieb der Dampfwaschanstalt erforderliche Kraft liefert, und eine neue Eisfabrik, sowie Wohnungen für einen Maschinisten und einen Heizer. Der hierfür bereitzustellende Kostenbetrag einschließlich der sämtlichen Kanäle und Leitungen nach den verschiedenen Badehäusern ist zu 954400 Alk. berechnet, wozu für die Verlegung der Eisfabrik noch 29000 Mk. kommen. Von der Bearbeitung einer Moorbadeanstalt und damit zu vereinigender Süßwasserschwimmbäder wurde vorläufig Ab- stand genommen, so erwünscht die erstere Anlage auch für die an Gicht- und Rheumatismus, sowie an Frauenleiden erkrankten Kurgäste wäre. Die Badegebäude werden nicht in Fachwerk, sondern in Steinbau ausgeführt, so daß sie auch während größerer Kälte bei der vorgesehenen Heizung stets gebrauchsfähig bleiben. Die für die gesamten Bauarbeiten im ganzen 6 496 000 Mk. betragenden Gesamtkosten verteilen sich je nach ihrer Dringlichkeit auf eine längere Reihe von Jahren. Für das erste Baujahr 19 04 sollen 1 688 600 Mk. aufgewandt werden; für das zweite Baujahr 19 05 1 239 500 Mk., für das dritte Baujahr 1906 1096470 Mark, für das vierte Baujahr 1907 837 000 Alk., für das fünfte Baujahr 1908 493000 Mk., für das sechste Baujahr 19 0 9 146 000 Mk., für das siebente Baujahr 1910 253 500 Mk., für das achte Baujahr 1911 305 500 Mk. Der Restbetrag von 436 430 Mk. ist für den nördlichen Teil des Badehauses 9 bestimmt und wird s. Zt. zum vollständigen Ausbau des Entwurfes dienen. Zur Bestreitung dieser Baukosten sollen die notivendigen Beträge nach vorheriger Genehmigung durch die Stände des Groß Herzogtums und zwar für jedes Baujahr getrennt von der Regierung bereit gestellt roerben. Das Ministerium der Finanzen richtet zum Schluffe an die Stände des Großherzogtums, zunächst an die zweite Kammer das Ansinnen: 1. die Zustimmung zu dem vorbezeichneten Plane zur Ausgestaltung der staatlichen Anlagen von Bad-Nauheim zu erteilen, 2. zu genehmigen, daß als 1. und 2. Nate für das Etatsjahr 1904 noch 1688 600 Mk. — und für das Etatsjahr 1905 1 293 500 Mk. — im Wege des Staatskredits unter den gleichen Bedingungen, wie sie im Artikel 3 des Finanzgesetzes vom Jahr 1904 angegeben sind, flüssig gemacht werden, um mit den Bauten beginnen zu können, und 3. zuzustlmmen, daß die ans dem Verkauf des zu den Staatsdomänen gehörigen Salinengeländes zu erzielenden Einnahmen dem Erneuerungsfond für Bad- Nauheim zufließen, mit der Bestimmung, daß sie zur Verminderung der Kapitalaufnahme oder zur Tilgung des Anlehens dienen sollen. Da die Bereitstellung neuer Badezellen und die Ausführung der Maschinenanlage alsbald notwendig sind, heißt es endüch wörtlich, bitten wir um eine dringliche Behandlung des vorliegenden Ansuchens. Zer Krieg ziv!jcheu Japan und Außlauv. Rückzug der Russen. Ein Telegramm des Generals Kuropatkin an den Kaiser oom 28. d. M. meldet: Am 26. Juni gingen die japanischen Truppen gegen unsere Truppen der östlichen Front, welche sich vor dem Fenschulin-, Modulin- unu dem Dalin-Pan befanden, zum A n g r i s f vor. unsere Kavallerie- und Jnsauterie- abtemingen zogen sich unter dem ^lndrang der Japaner zurück und stellten dabei seit, daß der Vormarsch gegen reden von oen drei erwähnten Püffen nut überlegenen Streitlrästen erfolgt war. Gegen den Dalm-Pav rückte, wie feitgestellt worden ist, außer den anderen truppen no(i) eine Gardediviiwn vor. Ferner umgingen die Japaner mit bedeutenden Streitlrästen unsere Truppen, die den Fenschulln- und Mod^lin-Pak besetzt hielten, von b.ideu Flügeln aus. Heute morgen wurde gegen unsere Truppen, die sich vom Femchulin-Passe zurückgezogen hatten, von geringen japanischen Abteilungen em Angriff ausgesührt, der ohne Mühe zurüage- schlagen wurde. Nachdem die Japaner am Abend des 26. Juni un>ere gruppen aus Wansiapudsa zum Dalin - Paß hin zur uchge drangt batten, fuhren sie heute morgen fort, gegen unfere Stellung auf dem Dalin - Paß vorzurucken. Uniere Borpoitenabteilungen hielten einige Zell einer gegen sie vor- gehenden Znsanteriebrigade mit drei Batterien, die von der Front vorrückten, Stand, .wurden von den anderen Truppen bedroht und zogen sich ^zurück. Durch Rekognoszierungen wurde fest- geitelit, dai; ein I.eil der Truppen der japanischeil Südarmee in nordöplicher Richtung vorgeht, üm sich mit der Armee Kur okis zu vereinigen. Nach einer um die Mittagszeit emgegi.ngenen Meldung hat iui) unsere Kavallerie bei Sseniutfchen in ein heftiges Gefecht eingelassen. Nach allen in den letzten Tagen erhaltenen Nachrichten lamt man die Streitkräfte der Japaner, welche gegen die Mandschurei-Armee borrücleit, 8 oder 9 Divisionen In,unterie und cmige Brigaden der meservetruppen schätzen, die jetzt von den Japaneni cbaifalU in die erste Linie vorgeschoben sind. Tie Russen Ixtammen also harte Schläge und die Lage wird für sie fchlimmer. Darum ist die Meldung eines russischen Zeit- ungskorrespondenten aus Taschetscheao mit Vorsicht aufzunehmen, der sich über Grausamkeiten der Japaner beklagt. Es sei bedauerlich, auf die Art und Weise Hinweisen zu müssen, wie sich die Japaner den Verwundeten gegenüber auf dem Schlachtselde benahmen. „Tr. Stankewllsch von der Abteilung des Generals Mischtschenkow machte eine Anzahl photographischer Aufnahmen von Soldaten, die den Grausamkeiten der Japaner zum Opfer gefallen sind. Diese Photographien sollen als Beweisstücke dem, Haager Schiedsgerichtshof unterbreitet werden. Diese Opfer machen einen entsetzlichen Eindruck. Manchen war die Zunge ausger.ssen, anderen die Hände abgehauen. Zahlreiche Körperjtellen zeigten Bajonettstiche. Ein Offizier, der leoend aufgefunden wurde, erzählt, daß ein Japaner, der ihn verwundet auf dem Boden liegend fand, trotzdem dreimal auf ihn schoß. Glückliu?erweffe war reine Verwundung tödlich. Die hierüber empört.n Lfs.z^ere nahmeil ein Tret.kolk auf. General Romanow teilte dem Roten ätreuz andere Fälle von Grausamkeiten mit. Insbesondere schossen die Japaner auf Krankenwagen und Aerztepersonal. Mehrere tuaiiferiträger und Laza- rettgehilsen wurden getötet. Tr. Rollow wurde verwundet, während er mit gefangenen Soldaten beschäftigt war. In Petersburg herrscht lebhafte Beunriihiguirg wegen des Ausgangs der Seeschlacht bei Port Arthur angesichts der weben ein- getroffenen ausländischen Nachrichten von schweren Verlusten der russischen Flotte, während hiesige amtliuje Berichte den Ausgang der Schlacht noch nicht kennen wollen. Es scheint, daß die maßgebenden Kreide auch hier die volle Wahrheit kennen, dem Publikum aber noch vorenthalten wollen. Das erzeugt nur noch schlimmere Gerüchte. In M ar in e kr e i s e n heißt es, daß am 23. Juni der „Peresnijet" gesunken, „Sewastopol" und „Aurora" kampfunfähig geworden seien, also gerade die wenigen größeren Schiffe in Port Arthur, die bisher noch intakt waren. Jlw uni) Gießen, den 29. Juni 1904. ** Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben dem Eisenbahn-Stationsvermalter Johann Semmler zu Schlitz die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm ooii dem Kaiser verliehenen Kronenordens 4. Klasse erteilt. ** Personalien. Der Oberlehrer Büttner in Mainz wird am 6. August d. Js. ailßer Dienst treten, nachdem S. K. H. der Großherzog sein diesbezügl. Gesuch allergnüdigst berücksichtigt hat. ** Das Züchtigungsrecht der Volksschullehrer. Das Großh. Ministerium des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat unter dem 19. April l. I. eine Verfügung über die in der Volksschule zulässigen Disziplinarmlltel erlassen. Diese Verfügung bedeutet, wie uns von zuständiger Selle getrieben wird, einen wesentlichen Fortsckfrllt und hat in ganz Deutschland Beachtung gefunden. Zweifellos wird sich ihr Einfluß auf die Schulgesetzgebung anderer Staaten des Reiches bald bemerklich machen. Insbesondere wird sie hoffentlich auf die Anschauungen des preußischen Kultusministeriums umstimmend wirken. In Hessen lieben sicy die bisher gellenden Bestimmungen nicht länger halten. Bei den allergeringsten Bestrasungen unartiger Kinder wurden von unverständigen Eltern Staatsanwalt und Ver- wallungsgerichtshos in Bewegung gesetzt. Welcher Unfug in dieser Beziehung getrieben worden ist, geht daraus hervor, daß in der Mehrzahl der Fälle Freisprechung erfolgte. Für die unnötig vor Gericht gestellten Lehrer aber halte die unberechtigte Klage eine Fülle von Gemütsaufregungen und Aerger zur Folge. Künftig wird der Lehrer auch verlogenen, trotzigen Schülerinnen, die schlimmer sind als die bösartigsten Knaben, nicht mehr völlig maästlos gegenüberstehen. In besonders schwierigen Fällen dürfen auch sie körperlich gejtraft werden. Ebenso ist in solchen Fällen die Züchtigung von Kindern unter acht Jahren statthaft. Immer hat der Lehrer dabei selbstverständlich mit größter Ruhe und Besonnenhell vorzugehen. In Wegfall kommen künftighin folgende Strafen: Zurücksetzung in der Klassenordnung, Anweisung von Strafplätzen, Strafarbeiten. Tie Strafe des Zurückbehaltens und dcacharbellenlassens in der Schule darf nur unter Aufsicht des Lehrers geschehen. In Anwendung dürfen künftig kommen: Verweis durch den Lehrer; Zurückbehalten und Nacharbeitenlassen; Verweis von dem Schulvorstand; körperliche Züchtigung. Die Schulzucht erstreckt sich auch auf das Betragen der Schuljugend auf dem Schulwege, auf den häuslichen Fleiß, Joie überhaupt auf das Verhalten der «L-chüler außerhalb des Unterrichts. Ter Lehrer ist befugt, bei Ungezogenheiten gemeiner Art mit den innerhalb der Schulzucht liegenden Strafmitteln dann einzuschrellen, wenn eine vorherige Anzeige an die Eltern und deren Mitwirkung untunlich erscheint, oder die Wirkung des Zuchtmittels dann nicht erreicht würde. Man darf erwarten, daß sich die Zuversicht der obersten Schulbehörde, die Lehrer würden von ihren Strafbefugnissen einen maßvollen und pädagogisch richtigen Gebrauch machen, als gerechtfertigt erweist. Jedenfalls schuldet ihr die hessische Lehrerschaft warmen Tank für die Abänderung der früher geltenden Bestimmungen. ** Aus dem unlängft erschienenen Jahresbericht der Großh. hessischen Gewerbe-Inspektionen für das Jahr 1903, der uns leider nicht vorliegt, ist, wie man uns aus Darmstadt schreibt, hinsichtlich der Arbeitsnachweise in Oberhessen folgender Bericht der G e w e r b e i n s p e k - t io n zu Gießen von allgemeinem Interesse: „Ter Arbellsnachweis oer Stadt Gieren hat gegen das Vorjahr eine wesentlich stärkere Inanspruchnahme zu verzeichnen. Diese Zunahme erstreckt sich in gleicher Weise aus die gemeldeten Arbeitsstellen wie auf die Anfragen um Arbeit, und zwar sowohl bei den einheimischen wie auswärtigen, und männlid)€n wie weiblichen Arbeitgebern und Arbeitern. Ersieulicherweise bedienen sich auch die Gewerbetreibenden des Arbeitsnachweises zur Erlangung ihrer Arbeitskräfte jetzt mehr und mehr, während dies früher nicht immer in dem gewünschten Umfang geschah. Im ganzen wurden im Laufe des wahres von Arbeitgebern rund 1500 Arbeitsstellen gemcioet, von Arbeitern wurden fast genau soviel Arbeitsstellen gesucht; vermittelt wurden 551 Arbeitsstellen. Mit den Arbeitsnachweisverhällliisseii der Provinz hat im lausenden Jahr sich auch die Gesellscyast für soziale Reform, Sektion Oberhessen, besaßt unö durch Um | rag en die Uebeizeugung gewonnen, baß eine Ausdehnung des Arbeitsnachweises auch auf die Landstädte und das flack>e Land einem wirklichen Bedürfnis entspräche. Allerdings würde man mit dem sehr er- schwereiiden Umstand zu rechnen haben, daß bei dem großen Arbellermangel, der auf dem Lande bestehe, die Landgemeinden einer jeden Einrichtung, tue die Landflucht noch mehr zu begünstig. n drohe, sehr mißtrauisch gegenüberstehen. Daher gelte es, diese Gefahr sorgfällig zu vermeiden und vielmehr auf eine Zurückführung der Arbeiter auf das Land Bedacht zu nehmen. Von der Einrichtung einer Zentralstelle für die ganze Provinz erwartet man aber auch dafür eine gute Wirkung." Tiefe Bewegung in Oberhessen zu Gunsten der Ausdehnung der Arbeitsnachweise auf das flache Land, sowie die Schaffung einer Zentrale kann nur mit Freuden begrüßt werden. Es Ware zu wünschen, daß sich solche Bestrebungen auch in den beiden ankeren Provinzen unseres Großherzogtums gelten!) machen würde. Als Endziel dieser Bestrebungen könnte die Errichtung einer Landeszentrale ins Auge gefaßt werden. Wie man sich in Frankreich Deutschland oorftcllt, dazu liefert der uns vorliegende Umschlag einer Kreuzbandsendung aus Paris eine köstliche Illustration. Absender ist der Verlag des „Journal d'Agriculture Tropicale" in Paris und die Adresse lautet wörtlich: „Monsieur Universität Giessen Berlin illemagne.“ Der Pariser, dem seine Stadt ganz Frankreich ist, übertrug augenscheinlich seine Empfindungen auf uns Deutsche. Glücklicherweise aber giebt es bei uns in Deutschland auch noch außer Berlin Einiges. x Klein-Linden, 28. Juni. Unser Krieg er- verein ocranflalicte ain Sonntag bei schönstein Wetter einen Ausflug nach dem Rhein und dem Niederwalddenkmal. Die Zahl der Teilnehmer betrug 74. Um 4 Uhr 30 Min. wurde die Fahrt von Gießen per Bahn angetreten, und um 8 Uhr 15 Min. traf der Verein in Kastel ein. Nach gemeinsamem Frühstück wurde der Rhein mit seinem Leben und Treiben, die Rheinanlagen und die Stadt Mainz besichtigt und um 10 Uhr das Schiff „Rheinfels" bestiegen. Die Schifffahrt bis Aßmannshausen bildete den Glanzpunkt des Ausflugs. In Aßmannshausen wurde im „Hotel Rheinstein" ein gemeinsames Mittagessen eingenommen. Um halb 3 Uhr, traf man auf dem Niederwald ein. Vor dem Denkmal hielt Konrad Germer eine kernige Ansprache. Dann sang man gemeinsam das Lied: „Es braust em Ruf wie Donnerhall." Um 4 Uhr erfolgte der Abstieg nach Nüdesheim, wo man sich an einer guten Flasche Rüdesheimer stärkte. 5 Uhr 17 Mm. verließen die Ausflügler hoch befriedigt die herrliche Gegend, um nach kurzer Rast in Frankfurt um 11 Uhr 30 Mm. in Gießen einzutreffen. § Friedberg, 27. Juni. Zu den beiden Bahnpro- jekten Friedberg-Florstadt-Ransiadt und Friedberg-Rockenberg-Holzheim-Gießen ist jetzt noch ein drittes getreten Friedberg-Bad-Nan Heim-Usingen. Demnächst soll m Ober-Mörlen eine Versammlung einberufen werden, um dem Projekt näher 511 treten. Die Bahn soll dem Usatal folgen und von Nauheim über 9licöer=9)lörlen, Ober-Mörlen- Bodenrod und Ziegenberg nach Usingen führen. § Stockheim, 28. Juni. Am Ncbenbahnbau ereignete sich gestern ein Unfall. Ein Kippwagen, etwa 11/i cbin Erde enthaltend, fiel auf einen Arbeiter aus Ober-Mockstadt, wobei der Mann eine starke Nierenquetschung davontrug. ? Grebenhain, 28. Juni. Die in hiesiger Gemarkung am Oberwaldc gelegene S 0 m merw 0 hnung des im vorigen Jahre verstorbenen Besitzers Ernst Dillernuth ist nunmehr in die Hände des Teilpächters der Oberwaldjagd (ehem. Polizeipräsidenten von M., Frankfurt a. M.) übergegangen. In dem großen Garten läßt der nunmehrige Besitzer eine Villa erbauen. g. Rinderbügen, 29. Juni. Wie verlautet, soll daL Eingehen des Betriebes der hiesigen Braunkohlenzeche bald bevorstchen. Es ist dies im Interesse der ärmeren Bevölkerung unserer Gemeinde, die auf der Zeche immer Arbeit fand, sehr zu bedauern. ‘ ic. Mühlhci m a. M., 28. Juni. In einer hiesigen Wirtschaft kam cs zwischen einem Landwirt und einem Ackerburschen zu einem Streit. Der Landwirt packte den Burschen, warf ihn zu Boden und schlug ihn. Dieser wußte sich nicht zu Helsen, er trat und biß schließlich dem Landwirt die Nase ab. Der Verletzte kam in eine Klinik nach Frankfurt a. Main. Wald-Michelbach, 27. Juni. Die Mitteilung, datz der hessische Dommialfiskus die ca. 760 Hektar großen Gräfl. Berckheim'schen Güter im Kreise Erbach für 900 000 Mk. käuflich erworben habe, erinnert an das in der Tat verschwundene Dorf Dürr-Ellenbach. Die Grafen von Berckheim in Weinheim haben nämlich mit den Grafen von Erbach die ganzen Güter des ehemaligen Dorfes Dürr-Ellenbach im Besitz. Vor 70 Jahren hatte der Ort noch eine Schule von 11 Kindern, also eine Bevölkerung von 55 bis 60 Personen. Heute wohnt nur noch ein Förster mit einem ganzen Haushalt von drei Personen dort. Sämtliche Bauern Dürr-Ellenbachs haben vor jetzt 60 Jahren Hab und Gill verkauft und sind nach Amerika auSgcroanberi. Die Grafen ließen alle Gebäulichkeiten bis auf eines abreißcn und die Ländereien mit Wald bepflanzen. Aus den vorhandenen Hochwaldungcn aber verkauften die Grafen für die damals im Bau begriffene Main-Neckarbahn so viel Schwellenholz, daß sie mehr cinnahmen, als ganz Dürr-Ellenbach gekostet hatte. Heute repräsentieren die wohlgepflegten Wald- ungen ein respektables Vermögen. Und da, wo vor 70 Jahren noch ein ansehnliches Dörfchen stand, sieht jetzt nur noch in stiller und großer Abgeschlossenheit, etwas über eine Stunde von hier im Gebirg nach Beerfelden zu ein niedliches Gräf- liches Försterhaus. Marburg, 28. Juni. Die Reklame-Mauer am Steinweg hat heute Nacht eine wesentliche Veränderung er- fahren. Ein Polizist vernahm nämlich auf der Hofstadt, mit sich zwei Studenten davon unterhietten, daß die Reklamemauer beschmiert werden sollte. Er benachrichtigte sofort den Polizeibeamten des Reviers, der sich schleunigst in Zivil- kleider rbarf und bei der Mauer Posto faßte. Bald tarnen auch die Mitglieder einer hiesigen „farbentragenden" Stu- denten-Verbindung mit Farbentöpfen und Pinseln angezoger und begannen die bunten Firrnen-Jnschriften an der Mauer ihren Farben entsprechend zu bepinseln. Als sie in der schönsten Arbeit begriffen waren, trat der Polizist hinzu und notierte die „Anstreicher". Bald danach jedoch tehtten sie mit verstärkten Kräften, zurück und begannen ihre Malerei von Steuern, wobei sie aber alsbald vertrieben wurden. Wie wir hören, hat Harr Deinert, der die Reklamemalereien an der Mauer hergestellt hat, Strafantrag gegen die Studenten gestellt. Bei einer Verurteilung und nachherigen Entschädigungsklage dürste der Scherz die Studenlen ettoas teuer zu stehen kommen, denn die bemalte Fläche umfaßt 90 Quadratmeter, wovon jeder 8 Mark kostet. (H. L.-Ztg.) Wiesbaden, 28. Juni. Wie der „Rhein. Kur." meldet, trafen heute Abend 6 Uhr, von Baden-Baden kommend, der Großherzog und die Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin zu einem Besuche des Königs von Dänemark hier cm. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Rod he im a. d. Bieber feierte der Männerturnverein am 26. und 27. d. Mts. fein Fahnen- weihfest, verbunden mit Schauturnen. Tas Fest war auch von Ausflüglern aus Gießen stark besucht. — In Llnd- h e i m machte der Dienstknecht Heinrich Hirth II. fernem Leben durch Erhängen ein Ende. ic Ziehung 3. Klasse der 4. H c s s i s ch°Thüriugische« Slaatslotteric findet am 5. u. 6. Juli d. Js. statt. Interessenten mäaen die Lvserucueruvg nicht versäumen. 5599