Nr. 149 Zweites Matt. 154. Jahrgang Dienstag 28. Juni 1904 Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die ..Eichener Samilienblätter* werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^efflsche Landwtrtt' erscheint monaUich einmal. Giehener Anzeiger Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen UnwersUätSdruckerei. R. Lange. Gießen. Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.^. Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.; Anzeiger Gießen. General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Are heutige 'Dummer umfaßt 8 Seiten. Politische Tagesschau. Der Oberhofmeister der Kaiserin als Zeuge. Die „Zukunft" hatte Einblick in den stenographischen Bericht des Pornmernbank-Prozesses. Daraus ergeben sich noch mancherlei Neuigketten, die der gewöhnliche Gerichtsbericht verbarg. Wir geben hier einiges wieder samt Glossen der genannten Zeitschrift. Das Schreiben des Oberhofmeifters an den Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel vom 14. d. M. lautet: „Euer Hochwohlgeboren erlaube ich mir ergeben$1 zu benackj- richttgcu, daß ich, mtt Rücksickst auf die im Pommernbank- Prozen am achten Juni gemachten Ausführungen, es für wünschenswert halte, meine Vernehmung vor Gericht eintreten zu lassen, und bitte demgemäß, mich baldigst vorladen zu wollen." In der ersten Stunde desselben Verhandlungstages, an dem Mirbachs Brief verlesen wurde, hatte der Vorsitzende gesagt: „Wir können uns in öffentlicher Sache nicht auf persönliche Dinge einlassen" imb einem Zeugen das Wort abgeschnitten. Jetzt fand er die Vernehmung des Oberhofmeisters nötig; im Interesse der Sackst, versieht sich, nid)t etwa der Person „Zur Aufklärung des Sachverhalts über die Hingabe der Gelder ist die Vernehmung von Wert." So sprach er am 15. Juni. Am 9. Juni hatte er, nach .Buddes Aussage, über denselben Gegenstand als Gerichtsbeschluß verkündet: „Für uns ist der Punkt erledigt": und weder Mirbach noch die von Budde genannten Tatzeugen vorgeladen. Nun war der Punkt nickst mehr erledigt, war die Vernehmung „zur Aufklärung des Sachverhalts von Wert". Tann, scheint mir, mußte sie der Gerichtshof auch ohne Mirbachs Brief anordnen. . , . , . . . Außerdem (sagte Freiherr v. Mirbach vor Gericht) „sollen im Oktober noch 50 000 Dftark gesttftet worden sein; von dieser Summe ist weder mir noch einem meiner Vereine etwas zugegangen" Ganz richtig: diese 50000 Mk. hat, auf Mirbachs Empfehlung, im Oktober 1900 das „Kleine Journal" von den Pommern empfangen; sie wurden, mit gutem Grund, auf das Konto K deS Freiherrn geschrieben, und Schultz und Romeick erklärten den Kassenbeamten: „Mit dieser Sackst haben wir werter nicksts zu tun" Sckjade, haß der Kirchengründer nicht die „Zukunft" lieft, sonst hätte er sich der Tatsache erinnert und nicht nur gesagt: „Von dieser Summe jst weder mir noch einem meiner Vereine etwas zugegangen" Denn sie wurde auf seinen Wunsch, noch Fragen an Excellenz?" Keine. Am nächsten Tage lasen wir in vielen Zeitungen, die Angelegenheit sei nun zu allgemeiner Befriedigung aufgeklärt und nur zu bedauern, daß der Freiherr nicht schon früher gesprochen habe. Ich bedauere noch 'mehr, daß er nicht gesagt hat, ob er auch Privatgeschäfte mit der Pornmernbank machte. Der Preußenbank hatte er sein Gvdesberaer Terrain zum Kaufe angeboten; und oauben sprach über dieses Gesckstift nicht gern * Kolonial Pettoleum. Man schreibt uns aus Berlin, 27. Juni: Der Gouverneur Kameruns, v. Puttka wer, wellt Mrzeit in Deutschland. Es ist also anzunehmen, daß er an den demnächst begiuneniden Beratungen des Kolonialrats sich beteiligen' wird, da einer der roid)tigften Punkte der Tagesordnung dieser Versammlung der Erlaß einer Bergwerks ord- nung für Kamerun ist. Von den vielverspreckstuden Petroleumfunden in der Kolonie ist bereits berichtet worden, zu deren Ausbeutung die „Kamerun-Bergwerksgesellsckstlft" mit einer Million Mark Kapital in der Bildung begriffen ist. Für das geringe Maß von Optimismus, das bezüglich der kolonialen Zukunft in Deutschland ybwallet, ist es kennzeichnend, .daß nach Bekanntwerden der Pettoleumsunde sofort Zweifel geäußert wurden, ob die daran geknüpften Erwartungen berechtigt seien. Vielleicht nimmt der Kolonialbirektor Veranlassung, mitzuteilen, wie die Regierung .in dieser für die Entwicklung des Schutzgebietes bedeutsamen Frage urteilt. Die diesmaligen Verhandlungen des Kolonialrats dürften größeres Interesse erregen, als es sonst der Fall zu sein pflegt. MrLamentarischcs. Berlin, 27. Juni. Das Abgeordnetenhaus erklärte heute die Wahl des Abg. S t a ck m a n n - W e tz l a r für g i l t i g. Der Gesetzentwurf bett. Erhöhung des Kapitals der Seehand - lung wurde in dritter Beratung definitiv angenommen. Es folgte alsdann die zweite Beratung des Ansiedeluugs- g e s e tz e s, und zwar zuerst bei § 13 b, .wobei sich Redner sämtlicher Parteien in sehr langen Ausführungen ergingen. — Das Herrenhaus erledigte heute zunächst einige Petitionen. Das Lotteriegesetz wurde unverändert angenommen. Es folgte die Novelle zu dem Gesetz über die ärztlichen Ehrengerichte und die Kasse der Äerztekämmern. Der Gesetzentlvurf betteffend Vertretung des Staatsfiskus auf den Kreistagen und bet den Wahlen in den Provinziallandtag in der Provinz Posen wurde unverändert angenommen. Die Vorlage betteffend Veteranenbeihilfe wird in der Gesamtabstimmung einstimmig abgelehnt. ... — Im Abgeordnetenhause brachte die freifinnige Volkspartei eine Interpellation ein, fragend, ob die Staatsregierung den -O l> e r h o f rn e i st e r Fr h r n. v. Mirbach dazu ermächtigte, daß er, wie die Blätter melden, die Verwaltungsbehörden zu der Veranstaltung von Samm- lungenfürdiesilberneHochzeitdesKaiserpaares in Anfprnch genommen hat, und ob die Regierung die Benutzung der Autorität der Behörden für Sammlungen als zulässig erachte, bei denen es besonders nötig ist, den Anschein der Unfreiwilligkeit zu vermeiden. Keer und Motte. Berlin, 25. Juni. .Durch Kabinettsordre vom 24. Juni 1904 werden dem Admiral ä la suite des Seeoffizierkorps von Knorr aus Anlaß seines 5 0 j.ä h r i g e n Die nstjubilänms die Brillanten zu dem en sautoir (am Bande um den Hals) zu tragenden Großkreuzes des Roten Adlerordens mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe und der kgl. itrone verliehen. — Im Sier Lage Don Löb e r L Eo. in Frankfurt erschien loe^en die Ran g l tft e des 18. Ar m e ekorps mit den ©tont vom 1. Mai 1904. Vom General-Kommando des 18. Armeekorps auSgcai beitet, enthüll sie sämtliche Offiziere, einschließlich Reserve und Landwehr, sowie Beamte, Behörden und Geschäftsräume im Bereiche deS 18. Armee- koups und den Großh. hessischen Hof. Die Rangliste ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen und tostet bro- schürl 1.25 Mk. Iünfziger-Mier. Gießen, 28. Juni 1904. Die schöne Sitte, daß alle in einem Jahre in Gießen geborenen Männer sich zur Feier ihres 50. Geburtstags alljährlich vereinigen, um bei frohem Festgelage Erinnerungen aus ihrer frühesten Jugend wie aus dem späteren Leben aus- zutauschen, besteht schon seit einigen Jahrzehnten. Es ist uns nicht bekannt, ob und in welchen anderen Städten die gleiche Sitte besteht, so daß wir wohl nicht fehlgehen, wenn wir sie, wie so manche andere, als eine Spezialität Gießens bezeichnen. Die Feier blieb bis vor etwa sechs Jahren auf die in Gießen Geborenen beschränkt. Da naturgemäß die Zahl der m einer Kleinstadt, wie es Gießen noch vor 60 und mehr Jahren war, Geborenen eine kleine sein konnte, übrigens noch durch Tod und Wegzug erheblich vermindert wurde, so konnte von einer größeren Feier nicht die Rede sein. Man erweiterte deshalb den Kreis der Altersgenossen auch auf bie nicht hier Geborenen, wobei sich herausstellte, daß dieselben in der Mehrheit waren. Belief sich die Teilnehmerzahl bei der Beschränkung auf die in Gießen Geborenen oft nur auf 20 bis 25 Mann, so stieg sie beispielsweise in diesem Jahre beinahe auf 100. Daß mit einer solchen Teilnehmerzahl sich mehr ausrlchten läßt, wie mit einer kleinen ist selbstverständlich, und so kam denn auch wieder in diesen Tagen ein Fest zustande, das allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben wird. Die Feier begann am Samstag abend in dem festlich dekorierten Saalbau mit einem Festesten und darauf folgenden Kommers. Wie bereits mitgetcilt, waren der Einladung Altersgenossen aus weiter Ferne gefolgt, andere, die verhindert waren, wünschten brieflich und telegraphisch dem Feste guten Verlauf. Der Vorsitzende, Kommerzienrat Gail, eröffnete die Feier mit einer Ansprache, in der er die Altersgenossen bewillkommnete, besonders die von auswärts erschienenen, und dem Wunsch Ausdruck gab, daß alle hier freudige Stunden verbringen und es ihnen vergönnt sein möchte, in 10 Jahren als Sechziger wieder begrüßt zu werden. Sein Hoch galt dem guten Verlauf des Festes. — Der folgende Redner Bauunternehmer W in n betonte in trefflichen Worten den Charakter des Festes als eines Familienfestes. Sein Hoch galt den Familien der Fünfziger. Weiter bemerkt Herr Winn, daß Se. Exzellenz Fmanzminister Dr. Gnauth, der Ehrenbürger der Stadt Gießen und Altersgenoste der diesjährigen Fünfziger, der an ihn ergangenen Einladung Folge geleistet und damll bewiesen habe, daß er immer noch in Liebe an Gießen hänge. Die Verdienste, die Se. Exzellenz sich m seiner Eigenschaft als Oberbürgermeister der Stadt Gießen um das Emporblühen derselben erworben, betonend, spricht er namens der Versammelten den Dank für dessen Erscheinen aus. Freudigen Wiederhall sand das von Herrn Winn auf Se. Exzellent ausgebrachte Hoch. »»T—r.Wffll« TT ?»'' WW - XI ttfll 11II I man auch vor seiner Nation so erste lautet: Ter Dichter taktete das Wort lind stimmte seines Reims Akkord Melodisch für das Ohr. 4 rum bittet er, begnügt euch nie Nur durchzu s e h e u sein Gedicht: 'Nein, lest es tonend vor. WUHeün Zorbau. Ein Nachruf von Paul Wittko. (Schluß.) heft zu oerfammeln. Als geeigneten Ltoff solcher Poesie erkannte er den nationalen Sagenschatz. So ent [tauben seine „Nibelunge", dieses wunderbare Epos des 19. Jahrhunderts. In unferm Zeitalter, sagt Jordan, .hat die Naturwissenschaft genau das erliegt, was der altgermanische Naturmychns anftrebre. Als unerläßlick-e Bedingung zu wirksamem Dasein einer Lichtung .sieht er es daher an, wissenschaftlich wahr zu sein. So kommt es, daß wir die rauhen Recken der Vorzeit mit einer Ueberfülle moderner wissenschaftlicher Ideen belastet sehen. Doch Jordan laS auch das allgemeine Menfchew- sckftcksal, die ewige Naturempftudung des Menschenherzens aus ben Sagen des germanischen Altertums heraus, und indem er ihren Gestalten das Kostüm der Mythe unverändert erhielt/ weckte er in der Seele seiner Helden und Heldinnen Menschenempfindungen, die durch alle Zeiten verstanden werden und die in ihren Grundtönen immer lebendig waren, well der tiefere Sinn der Sage es so gebietet Krimhildens Witwenleid und Rachedurst, Bruuhlldens unglücklicher Herzenstraum, Siegfrieds fürchterliche Liebeslüge sind in Jordans Epos keine antik stllisierten Gedankenschemen, sondern reale Menschenschicksale von zeitlos allgemeinem Gehalt, sie sind ebenso wenig antik wie Goethe's „Iphigenie", und dieser hat man es immer zum höchsten Ruhme angerechnet, daß sie unter dem griechischen Gewände ein so chvistlickj-germanisches, so veredelt modernes Fühlen im Busen berge; daß sie, wie Goethe selbst sich ausdrückt, so „verteufelt human" sei. Doch was sich jeder von dem Griechentum Goethe s ober Grillparzers gern gefallen läßt, mißfällt manchem an dem Ger- manentum Jordans. Zudem stört auch viele Hörer des Rhapsoden und mehr noch die Leser der Stabreim, der alte Vers der Germanen, den Jordan für sein Evos neu sich gemodelt hat. Doch wer wollte behaupten, daß etwa die Ottave Rime Torquato Tasso's oder gar Ernst Schallze's auf die Tauer erträglicher wären! Es ist nicht zu leugnen, daß der Stabreim oft eine wunderbare Verstärkung der poettschen Klangwirkung herbeiführt, eine Sprachmusik von sinnlichem Reize schafft. Dabei hat man zu beachten, daß er für das Rhapsoden freien münblirfxm Vortrag ein ganz außerordentliches Unterstützungsmittel deS Gedächtnisses liefert, weit mehr als der Endreim. Gleich den Rhapsoden des Altertums verflocht Jordan die im Volke von Urzeften Her. erhaltenen epischen Gesänge zu einem neuen Ganzen. Und er bemühte sich dabei, die altgermanische Göttersage mit der deutschen Volks- und Weisheitsgeschichte zu vereinigen. Wie der Stand der Sänger-Priester in grauer Vorzeit, sollte sein Epos das Gesamtgut der heutigen Zell an geistigem Eigentum bewahren. Aber gerade dieser wissen- schaftliche Ballast hat es verhindert, daß Jordans Epos die Popularität erlangte, die es sowohl seines ethischen Gehaltes als seines künstlerischen und endlich auch seines pattiotischen Wertes wegen verdient. . Nicht nur seine ,/Nibelunge", sondern auch ein großer Teil seiner übrigen Dichtungen hat Jordan für den mündlichen Vortrag geschaffen. So schickt er z. B. .schon seinem „Temiurgos" (1852) eine „Gebrauchsanweisung" von drei Strophen vor, .deren 9 ^So kam Jordan zu der Ueberzeugung, daß nicht nur mnft- kalische Werke und dramatische Dichtungen, sondern auch epi,che und lyrische Gedichte einzig durcys Ohr und Nicht durchs Auge zur vollen Wirkung gelangen konnten, Lwch die Ueberiulle vor- bandener „Augenpoesie" schien, ihm durchaus nicht geeignet, im Redevortrag weiteste Kreise fesselnd zu unterhalten. , Um vor die Nation hiuzutreten, müsse der Poet, .wie er Wb Jagte, eme „Hörpoesie" mitbringen, die tauglich sei, sie in ihrer Gesamt- *i Vgl. Jordans scharfsinnige kleine Schrift „Tas Kunstgesetz Homers unb die Nhapsodik Heber seine Promoiiousfchnft sagte mir einmal ^»orvan. «U ich das schriftlich« unb mündlich« D°kwr-r°m-n macht-, „ei » xu.) uu > von Hegelei. Nach glücklicher Gc- nching sckämte ich mich dessen, sammelte und vernichtete alle mir zugänglichen Exemplare meiner Dissertation . Bei Goethe fand Jordan den Stoßseufzer: ,Mir geben imjer Bestes sckxwarz auf weiß: Jeder kauft sich damit ui eine Ecke Mld Eno Wert wie er kann. Wenn man auch vor feiner Nation so frpfyrt unb sie persönlich belustigen dürfte!' Was, fo fragte irck) Jordan, soll den deutschen Poeten daran hindern, .vor feine Nation hinzutreten und sie persönlich zu belustigen?^) Hatte das doch.Georg Herwegh im Jahre 1842 getan. Und wie, Jordan mit eigenen Ohren gehört hatte, mit raufchendem und den Lebendigen" stlbst berauschendem Erfolge. Erst seit einem halben Jahre hatte Jordan den philosophischen Doktorhut ge- ftaoeu **) als erden damals Deutschland gleich einem Sieger durchziehenden schwäbischen Frecheitssän^r fti einer von Königs beraer Studenten veranstalteten Festlichkeit fein kraftgenialisches Die Lerche war'S, nickst die Nachtigall" unb andere feiner schwungvollen Dithyramben hatte remitieren hören. Die Beffalls- itürme die Herwegh umtost hatten, .verlockten Jordan fckjon ba- mals zur Nachahmung. Wiederholt trug er bi jener politisch bewegten Zeit in öffentllchen und privaten Gesellschaften Dichtungen Herweghs vor, und seine Deklamationen wurden enthusiastisch angenommen. Und einige Monate nach den Königsberger Herwegh-Feierlichkeiten kam Franz Liszt, ber berühmte Tonmeister, nach Art der fallenden Sanger und Spiel- leitte des Mtertums und des Mittelallers, nach ber_ allen preußischen Krönungsstadt am Pregel. .Die Kimigsberger Studentenschaft wählle Liszt zum „eivis Academiae Awertinae und 3orban wurde dazu ausersehcn, dem gefeierten Muftkrhcftffoden eine diese Ehrung ausdrückende Urkunde unb bas nrft dem „Albertus , bem in Gestalt einer silbernen ober goldenen Nabel mit bem 23ilb» ni§ des Begründers der Universität versehenen Abzeichen des Königsberger Studenten, geschmückte Barett zu überreichen Seit- St gehörte Jordan zu den eiftigsten Lmehrern Liszts und begleftete ihn auf der Weiterrerfe an der Osyeekuste., Lifzt setzte in der ihm eigenen sckstvunghaften Weise feinem jungen Bereiter auseinander, wie die Kraft ihm.wachfe, wenn der begeisterte Beifall einer großen Zuhörerschaft nicht unr, den Han- Ven, sondern Geist und öcele „Flügel am Flügel verleihe. Dos habe der Musiker vor dem Poeten voraus, der nur mittelbar erfahre, welcher Wert seinen Leistungen von anderen zu- A^an wftd der Ansicht Jordans gewiß gern beipflichten, daß ber Eindruck von Gehörtem tiefer ist und nachhaltiger als Don Gelesenem. Viele Poeten machen es ihm daher heute bann nach und tragen an den in fast allen größeren Städten ^eutfch- lands seft einiger Zeit beliebten „Dicksterabenden" die,es ober jenes ihrer 2ßerte selbst vor. Doch wie häufig zum Entsetzen ifjrer Zuhörer, nicht etwa immer ihrer Dichtungen wegen, sondern wegen ihrer Vorttagsart. Darum ist es ein heikles Ding mit Jordans ästhetischer Theorie, biü Dichter und Rezitator in eurer Person sich .vereinigen müßten. Tie Fertigkeft der Rede ist erlernbar, bie Stimmbegabung aber eine auf keine Weise zu erwerbende inbiDibuelle Eigenschaft. Ihm freilich ward von der Natur das ganze Rüstzeug des Rhapf'oden. Wer Empfindung für bie Eigenart von Charakteren hat, wird oft aus bem Aeußeren eines Mensck)en besten hervorftechende Eigenschaften erkennen. Ein Jugendfreunb Jordans entwirft ein Porträt von ihm aus den vierziger Jahren. Stets, so,sagt er, war Jordans Kleidung von romantischem Anstrich. Ein Sammet- rock von unbeftimmbarem Aller, oer Jugend überhaupt nicht gekannt zu haben schien, bedeckte seine breite Brust. Bis oben hinauf zugeknöpft, gewährte er am Halse einem mächtigen Klapp- kragen von blendender Weiße Platz — der einzige Glanzpunkt ferner Kleidung. Sein langes, dunlles Haar, das von einer kecken, studentisch aussehenden Mütze bedeckt war, seine funkelnden braunen Augen, sein interessantes, scharf und männlich schön geschnitztes Gesickft, seine sehr statlliche, wohlgelagerte und in sich .gefestete Gestalt, mit ber ein kräftiger, einem Tyrsosstabc nickst unähnlicher Knotenstock durckjaus harmonierte, ^gaben ihm ein ebenso imponierendes, wie anziehendes Aeußere. Seine ganze Euscheinung wie sein feurig frisches unb freies Wesen waren dazu angetan, namentlich das schöne Geschlecht im Sturm hinzureißen. Äraftgefühl war seine dichterische Jiftuition. Tie Krank- Heft der Moderne, Nervosität geheißen, war ihm etwas unbekanntes, mifaßliches. .Nicht allein gegen körperliche Unbilden ift er von zäher Widerstandsfähigkeit. Ter Starrsinn, der eine ostpreußische Charaktereigenschaft ist, war auch ihm eigen. Unabhängig von der allgemeinen Geschmacksrichtung ist Jordan allzeit gewesen. Er ist stets seine eigenen Bahnen, fern vom allgemeinen Strome, gewandell. Damm vornehnllich ist auck) die Tageskritik nur jetten für ihn eingetteten. Nichts weniger als alltäglich sind seine ltterarischen Erzeugnisse. .Jordan hat seine Poesie selbft die „Poesie der wissenschaftlichen Erkenntnis" genannt. Es ist eine Poesie, die die Leser sinnbildlich verttaut machen will mit dem Entstehen, Bestehen und Vergehen der Dinge im Weltraum. Bezeichnend für ihn ist, daß er im Jahre 1844 in Leipzig eine Zeitschrift unter dem Titel „Die begriffene Welt, Blätter für wissenschaftliche Unterhaltung" herausgab, bie an ihrer Spitz? folgenden Leftvers ttug: An Drähten, die nach .oben langen. Kann keine Welt des Lebens hangen. Von Jugend aus bis zum höchsten Greisenalter hat er sich rastlos bemüht, das Buch der Bücher zu schassen, das Ausschluß gibt über die wichtigsten Lebens- unb Weltfragen nach dem modernen Standpunkt der Wissenschaften. Nach seiner Ansicht vermag allein die Poesie im Bunde mit den Wissenschaften diese Frage zu beanttvorten. Die chxislliche Theologie muß sich mit den Naturwissenschaften im allerweitesten Sinne vereinigen, um einer bem Geist unserer Zeit entsprechenden Neligionslehre das Leben geben zu können. Tabei ist ihm von Grund aus verhaßt alles Sttebertum und alle Unselbständigkeit. Seine „Letzten Lieder" beginnen mit folgender Strophe: MitJubel wurde die Rede des Finanzministers Dr. Gnauth, Exzellenz, ausgenommen. Se. Exzellenz gab zunächst seiner Freude darüber 2lu§bmcf, daß ihm seine Altersgenossen Gelegenheit gegeben, im Kreise der Gießener ein Fest mitzufeiern. Redner zog dann eine Parallele zwischen den Festfeiern einer Großstadt und denen einer Kleinstadt, und schloß daraus, daß ein Fest, wie das heutige zu feiern, nur in einer Stadt wie Gießen möglich sei. Der Hinweis des Vorredners auf seine (Redners) Verdienste um die Stadt Gießen veranlasse ihn zu bemerken, daß auch Fehler nicht vergessen werden dürften. So sei es z. B. als ein Fehler zu bezeichnen, daß er nicht in Gießen geboren, und nicht hier in die Schule gegangen sei. In die Schule, lind zioar in eine harte Schule, habe ihn wohl die Stadt Gießen genommen, aber dies habe ihm gut getan. Es bereite ihm einen Genuß, wieder einmal oberhessische Luft zu atmen, und das eigenartige Fest mitfeiern zu können. In einer Zeit, die sich so viel mit realen Interessen beschäftigen müsse, sei es schön, auch Ideale zu haben; das Ideal seiner Jugend sei der Glaube an die Gleichberechtigung nnd den Gleichwert des Menschen; dieser Glaube werde bestätigt durch das heutige Zusammensein. Redner bezeichnete die Stadt Gießen als Mutter der hier vereinigten Söhne; für ihn sei die Stadt zwar nicht Mutter, aber euie gute Stiefmutter gewesen, in ihr habe er die schönsten Jahre verlebt. Ter Zuversicht Ausdruck gebend, daß alle hier Versammelten einig seien in der Liebe zu unserem Gießen, richtete Redner an sie die Bitte, nut ihm einzustimmen in ein Hoch auf die Stadt Gießen. Gerichtsvollzieher Geißler hatte sich der schwierigen, aber um so dankbareren Aufgabe unterzogen, sämtliche Fünfziger in hübschen Versen in Gießener Mundart „dorch- zuhecheln". Daß ihm dies in humorvoller Weise gelang, bewies der Beifall, der am Schlüsse seines als besondere Beilage der Festzeitung erschienenen Poems den Saal durchbrauste. — Professor Nies vom Gymnasium zu Mainz gedachte der schönen Jahre, die er als Gießener Junge verlebt, ferner der Gießener Jugendfeste, die eine andere Stadt gar nicht in der Art, wie sie hier gefeiert würden, bieten könnö; er wünsche, daß es in Gießen :mit dem Jugendfeste ebenso bleiben möge, wie mit den Fünfziger-Feiern; daß die Stadt Gießen sich immer so schön weiter entwickele wie seither. Sein Hoch galt Herrn Finanzminister Gnauth, dessen Tätigkeit in Gießen diese schöne Entwickelung zu danken sei. — Stadtgeometer Wißner verstand es besonders, mit Humor den Toast zu ivürzen, den er auf die Frauen und Töchter der Fünfziger ausbrachte. Trefflich schilderte Redner das Wirken der um das Wohl der Männer, besonders der Fünfziger, besorgten Frauen, ebenso trefflich aber auch die nicht immer dieses Wirken richtig würdigenden Eheherren. — Genanntem Redner blieb es auch vorbehalten, dem Ausschuß der Fünfziger den Dank Aller für die beim Zustandekommen des Festes geleistete Arbeit durch ein Hoch abzustatten. Die folgenden Stunden verliefen unter den flotten Weifen der Bauerschcn Kapelle, Gesang von Chorliedern und Einzelgesängen, bei denen sich die Altergenossen Brückner, Emil Noll und Emil Müller als Künstler zeigten. Ihre Darbietungen fanden ebenso freudige Aufnahme wie das vom Altersgenossen Elle nach der Melodie ,£) alte Burschenherrlichkeit" verfaßte und der Gießener Mundart angepaßte Chorlied „Des 50ers Lebenslaufe. — Der folgende Sonntag vereinigte die Altersgenossen mit ihren Familien auf dem Schiffenberg. Hier trat die Geselligkeit in ihr Recht, während für gesangliche Unterhaltung der Gesangverein „Heiterkeit" mehr wie ausgiebig sorgte und schöne Lieder zum Vortrag brachte, die den. Sängern verdienten Beifall eintrugen. Die für Montag angesetzte Familienfeier fand in oem ebenfalls prächtig dekorierten Saale des Philosophen- ivaldeS und dem mit Lampions erleuchteten Walde statt. Die Zahl der Teilnehmer mochte sich auf etwa 500 belaufen. Eingeleitet wurde die Feier mit einem von Musikdirektor Krauße komponierten Festmarsch: „50er 1904", der rauschenden Beifall fand und oft wiederholt werden mußte. Es war für den Festausschuß keine leichte Aufgabe, das Programm durchzuführen. Es gab Festpolonaise, Kinderspiele, Konzert, Sologesang und komische Vorträge. Daneben mußten riesige Vorräte von Kuchen und Kaffee aufgeräumt, ein ergiebiges Abendessen durchgekostet und schließlich noch das Tanzbein geschwungen worden, welche Aufgabe nicht nur die Jungen, sondern eine stattliche Anzahl der Fünfziger selbst vortrefflich zu lösen verstanden. Manch köstliches Wort, ausklingend tn ein Hoch, wurde gesprochen. Kommerzienrat Gail feierte das Familienleben, Professor Nies die Frauen und Jungfrauen, Kaufmann Klein Henn die Erzieherinnen der Jugend, die deutschen Mütter und die, die cs werden wollen. Xiamens der Damen stattete Frau Winn den Dank für die schöne Feier ab, räumte diesmal den Herren das Recht ein, sitzen zu bleiben und forderte die Damen zu einem Hoch auf die Veranstalter des Festes, die Fünfziger auf. — Fabrikant Gustav Hornberger stattete den Vorstandsmitgliedern den Dank der Versammelten für die gute Führung der Geschäfte ab. — Nach 12 Uhr ordneten sich die Festteilnehmer unter Vorantritt der Regimentsmusik zu einem Lampionzug, der sich in langer Linie über den Mittelweg nach der Grünberger Straße bewegte und sich dort auflöste. Damit hatte die schön verlaufene Fünfziger-Feier ihr Ende erreicht. — Zum Schluffe sei bemerkt, daß Photograph Zimmer am Sonntag ein Gruppenbild der Fünfziger auf- uahm, das nach dem bereits am Montag fertiggestellten Probebild als gut gelungen bezeichnet werden muß. — Die Dekoration der Festlokaliiäten hatte Gärtner Louis Becker ausgeführt, die Lampions und Transparente Buchbinder- Heinrich Schneider, die Festschleifen, von denen eine 'Anzahl auch Fünfzigerinnen verliehen wurde, die Firma I. H. Fuhr geliefert. Aus ytniit uni» Land. Gießen, den 28. Juni 1904. ** Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den Oberlehrer an der höheren Mädchenschule und dem Lehrerinnenseminar zu Mainz, Dr. Hermann Büttner zu Mainz, seines Dienstes entlassen. ** Tagesordnung für die Sitzung der Stadt- verordnetenversammlungDonnerstag, den 30. Juni 1904, nachmittags 4 Uhr. 1. Mitteilungen. 2. Gesuch der Gail- schen Dampfziegelei um Erlaubnis zur Erbauung eines Ringofens; hier: Dispens. 3. .Baugesuch der Joh. Gg. Weber Erben für Neuen Baue 18 und 20; hier: Dispens. 4. Gesuch des Karl Geffert dahier um Erlaubnis zur Anbringung eines Firmenschildes am Hause Bleichstraße 31. 5. Gesuch der Firma Sack u. Jughardt um Erlaubnis zur Anbringung eines Firmenschildes am Hause Südanlage 20. 6. Herstellungen am Elektrizitätswerk und Anschaffungen für dasselbe. 7. Beschaffung von Farbe zwecks Anstrichs verschiedener Bruckcutonstruttionen. 8. Vergebung von Steinmetzarbcften fürs alte Schloß. 9. Anlage einer Zapfstelle der Wasierleitung in der städtischen Kaserne. 10. Beschaffung von Wandtafeln für die Stadtmädchenschule. 11. Beschaffung von Bureauräumen für die Bürgermeisterei. ,12. Befestigung des Viehmarktplatzes. 13. Ausbau einer Verbindungsstraße zwischen Frankfurterstraße und dem Bahnübergang. 14. Errichtung eines Geräteschuppens für das Tiefbauamt und den Stadtgärtner. 15. Das Adreßbuch her Stadt Gießen. JL6. Ausbeutung eines Sandlagers im Stadtwald. 17. Vertilgung der Obstschädlinge. 18. Ueberlassung einiger Beete im Pflanzgarten Lumpenmannsbrunnen an Forstwart Arft. 19. Vermietung eines Kellerraums int Schlachthaus an S. Klebe zur Fellaufbewahrung. 20. Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. 21. Gesuch des Karl Vogt dahier um Erlaubnis zum Wirkschaftsbetrieb im Hause Brandplatz 13. 22. Desgleichen des W. Schneider für Walltorstraße 24. 23. Desgleichen des Ludwig Gräf für eine Kantine bei den Kliniksbauten. 24. Desgleichen des Konrad Ruth für seinen Hof Klinikstraße 24. 25. Desgleichen ' des Heinrich Elges für seinen Garten Seltersweg 68. 26. Desgleichen des Heinrich Prieß um Erlaubnis zum Branntweinaussch-ank im Hause Ebelstraße 2. *• Der Kunstverein für das Großherzogtum Heffen hält seine ordentliche Hauptversammlung am 2. Juli in der Kunsthalle in Darmstadt ab. U. A. steht zur Verhandlung: 1. Die Verwendung von Mitteln aus Fonds C (V5 der Reineinnahme zur Beschaffung und Widmung von Kunstwerken zu öffentlicher Bestimmung) zur Beschaffung von plastischen Werken für das neue Landesmuseuni. 4. Die Ausgabe eines Vereinsblattes. g. Büdingen, 25. Juni. Die Schulhaus-Bau- platz frage, die hier schon viel Staub aufgewirbelt hat, wurde in der gestrigen GcmcinderatSsitzung endgiltig entschieden. Die Mehrheit des Gemeinderats stimmte für den Platz unterhalb des „Wilden Steins", der auch von der Baubehörde in erster Linie empfohlen worden war. Es wäre zu wünschen, wenn mit dem Bau bald begonnen würde, da die in verschiedenen Gebäuden sich befindenden Schulsäle alle überfüllt sind und in keiner Hinsicht den modernen Anforderungen entsprechen. 1. Aus dem Vogelsberg, 27. Juni. Eine drollige Verwechslung passierte einer Frau in einem kleinen Dörfchen Oberhessens. Sie ließ sich vom Arzt zur Linderung ihrer Zahnschmerzen eine Flüssigkeit zum Emreiben verschreiben, und ließ sie sich, da in dem Dörfchen keine Apotheke ist, von einem Manne besorgen. Dieser erhielt von einem Pferdcbesitzer noch einen Auftrag, ihm ein Glas Franzosenöl mitzubringen; dies ist ein Mittel, um die Fliegen von den Pferden fernzuhalten, da es einen fürchterlichen Geruch verbreitet. Vor dem Schlafengehen rieb sich die Frau das schmerzstillende Mittel ein, aber o Schreck, alle Mitbewohner des Zimmers flüchteten, denn sie konnten es vor dem schrecklichen Geruch nicht aushalten. Und die Fran meinte, ihr letztes Stündlein sei gekommen. Andern Morgens stellte es sich jedoch heraus, daß die Frau das Franzosenöl erhalten hatte und der Pferdebesitzer das schmerzstillende Mittel bei seinen Pferden angewendet hatte. Denn auf beiden Gläsern stand „Aeußerlich, zum Einreiben", wodurch auch die Verwechslung entstand. g. Langendiebach, 26. Juni. Heute fand hier der vom Gesangverein Liederkranz aus Anlaß der Feier seines 40jährigen Bestehens veranstaltete Gesang Swett streit statt. Es beteiligten sich insgesamt 12 Vereine an dem Wettstreit. Es wurde in 3 Klassen gesungen. In der 1. Klaffe erhielt den 1. Preis „Germania" von Dörnigheim, in der 2. Klasse erhielt Gesangverein „Liederkranz" von Büdingen den 1. Preis, den 2. Preis „Sängerkranz" von Niederroden. In der 3. Klasse wurde dem Männcrgcsang- verein Biebrich der 1. Preis zuerkannt. Den Ehrenpreis in dec 1. Klasse errang „Germania"-Dörnigheim, in der 2. Klaffe „L ied erkra nz"-Büdingen, in der 3. Klasse Männergesang, verein Biebrich. Tic höchste Punktzahl erreichte Liederkranz- Büdingen mit 201 Punkte. Frankfurt a. M., 27. Juni. Die Kriminalpolizei verhaftete eine Diebes- und Einbrecherbande von sieben Personen, darunter eine verheiratete Frau. Der Bande wird eine ganze Reihe von Einbrüchen in der letzten Zeit zur Last gelegt. Eine Anzahl der gestohlenen Gegenstände wurde vorgefunden. Bingen, 26. Juni. Gestern morgen um 10 x/2 Uhr begann nach Eintreffen der auswärtigen Delegierten der Schützentag des mittelrheinischen Schützenbundes in der Schützenhalle. Oberschützenmeister Brück-Gießen eröffnete den Schützentag in üblicher Weise. Schriftführer Roth-Gießen brachte dann das Protokoll vom Schützentag in Mainz zur Verlesung. Zu Punkt 1 erstattete Herr Brück den Jahresbericht. Im Jahre 1903 hatte der Bund 38 Vereine mit 2954 Mitgliedern. Das Vermögen des Bundes beträgt zur Zeit 3209.40 Mk. Eine Depesche an den Großherzog, der einen Ehrenpreis gestiftet hat, wurde abgesandt. Folge niemals gutem Rat! v, rrenb lieber leide, 0S verdanke glättern Pfad 0)nädigem Bescheide. Starte Beine wirkt die Last, Schwächung jede Krücke, Was du bist, nicht was du hast. Hilft zu rechtem Glücke. Fest und hoch hielt der Alte „die Fahne der Daseinslust und Freude an der Welt". s)todj sich beurteilte er die Menschheit. Man hat es ihm vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er Friedrich NietzM erst im Jahre 1893 nachsagte, daß „in Wahrheit kein Gedanke recht sein eigen" sei und „seine schärfsten Drucker unverkennbar ihm gestohlen" habe. Ich gebe zu, daß die überscharfe Form, in der er diese Beschuldigung aussprach, eine Kritik von gleicher Tonart herausfordern mußte! Längst schon war Nietzsche damals unfähig, sich selbst zu verteidigen. Doch die verspätete Anklage Jordans hatte ihren Grund, wie mir der Dichter selbst sagte, einfach darin, daß ihm die Schriften Nietzsche s nicht srüher zu Gesicht gekommen waren. Die modernen Erscheinungen der modernen Literatur waren ihm längst zuwider geworden, und nur wenn die Preßstimmen immer von neuem und sclsier unaufhörlich erklangen zum Lobe irgend eines Jüngeren, dann entschloß sich Jordan trotz heftigen inneren Widerstrebens zur Lektüre dieses oder jenes gerade viel gepriesenen Werkes. Ter Zorn des Greises war erklärlich, als er in den Schriften Nietzsch's sich selbst, nur auf den Kopf gestellt, wieder zu erkennen glaubte. Und man mag sagen, waS man will, so ganz unrecht hat Jordan mit seiner Beschuldigung nicht. Man lese nur einmal ganz unbefangen Jordans „Temiurgos" und „Nibelunge" und darum eines der Hauptwerke Nietzsche's, „Jenseits von Gut und Böse" oder „Also sprach Zarathrnftra", und man wird vielfach die gleichen Gedankenreihen finden; hier hinunter, dort hinauf, Has ist der Unterschied. Schon mancher andere hat dieselbe Beobachtung gemacht. Hoch über alle Gelehrten stellt Jordan Darwin. Mit Eifer aber wehrt er sich dagegen, ein Tarwinianer zu sein. In seinen „Strophen und Stäben" sagt er: Mich darwinisch nennend sagt ihr Wahres, doch ihr sagt es schief, Seil mein Lied vom Demiurgen - .ui) zu ernst war und zu tief, -ujnut hinein, so dürst ihr sagen eeljr jordanisch sei Darwin; Seinen Grundton könnt' er finden Schon in Meinen Melodien. Jordan übersah dabei, daß schon der griechische Philosoph Anaj.imander im 6. Jaljrhundert v. Ehr. ein Darwinist war! Als im Jahre 1896 'das Standbild Kaiser Wilhelms I. in Frankfurt a. M. enthüllt wurde, da dichtete Jordan zu dieser Feier einen Epilog, dem er einen Anhang gab, „Prophetisches" betitelt. Dieser Anhang enthält mehrere Jitate aus seinem „De- miurgos" und seinen „Nibelungen", gedichtet in den Jahren J852—1863, in denen er das neue deutsche Kaiserreich vorhersagt. Doch .er ist nicht der einzige Verkünder der deutschen Einheit zur Zeü der deutschen Zerrissenheit. Es sei nur an Geibel, .den „Kaiserherold", erinnert. Es ist überhaupt eine Eigentümlichkeit Jordans, so etwas wie mystische Maschen um sich zu weben. Seine „Zwei Wiegen"*) wie seine kleine epische Dichtung „Feli Dora" enthalten Mystisches. Ganz ernsthaft erklärt der Dichter, daß es ihn nicht unwahrscheinlich dünkt, ein Nachkomme zu sein von Jordanis oder Jor- nandes, dem Geschichtschreiber der Gothen aus der Mitte des 6. Jahrhunderts. Des italienischen Philosophen Giordauo Bruno Vorname in Jordan zu verdeutschen, macht ihm in seinen „Sebalds" besonderes Vergnügen. Der Biograph Jordans, Schiffner, ein Mann, der sich den eigentümlichen Scherz erlaubt, Jordan des Antisemitismus zu zeihen, trotz seiner „Sebalds", geht noch weiter als Jordan und leitet aus der Tatsache, daß der Mädchen- name von Jordans Mutter Goedsch war, eine mögliche Verwandtschaft Jordans mit Goethe ab; er zwingt sich infolgedessen dazu, zwischen dem Taunusplatz und dem Hirschgraben zu Frankfurt am Alain eine Gedankenbrücke zu schlagen, die ohne diese an den Shakespeare-Bacon-Wahn erinnernde Prämisse weniger scherzhaft wäre. .Wenn der an Lebenserfahrungen so überreiche Dlichtergreis zu mir einmal sagte, daß er sich selbst fast Mythisch vorkomme, so wird das weniger wundernehmen. Wehmütig, mit der patriarchischen Feierlichkeit seines ehrwürdigen Alters zitierte er, int Anschluß an diesen Ausspruch die von ihm so meisterhaft verdeutschten Verse aus des Sophokles „Oedi- pus in Kolonos": Wem das gewöhnliche Lebensmaß Nicht genügt, wer ein größeres wünsch' Ter — ich weiß es! gesteht sich einst: Ich war in Torheit befangen. Tenn der verlängerte Lebenstag Stellt gar vieles näher dem Leid, Und das Erfreuliche siehst du nicht mehr, Wenn dein Wunsch dir zu deutlich erhört ist. Zu den wenigen glückbegünstigten deutschen Dichtern, wie Goethe, mit dem Jordan die Gleichmäßigkeit des Kraftgefühls gemeinsam hat, oder Geibel, mit dem er die Freundschaft des Königs Max II. von Bayern**! teilte, gehört Jordan wahrlich nicht. In jungen Jahren, als er in Königsberg gegen den Willen seiner ganzen Familie von dem Studium der Theologie sich abwandte, um sich den Naturwissenschaften in die Arme zu werfen, zog sein Vater feine Hand von ihm ab und der Zwei- undzwanzigjährige sah sich auf eigene Füße und vor die schwere Pflicht gestellt, selbst ein volles Gleickjgewicht eigenen Wertes zu erwerben. Und als er sich, 25 Jahre alt, in Leipzig ein *) Die Lelandswiege in feinem Roman soll freilich, nach der Behauptung eines Bruders des Dichters, die Wiege der Jordans sein. **) Des Königs Studiengenosse Wilhelm v. Dönniges führte am Hofe zu München nach Jordans Dichtung den Beinamen „Temiurgos", als Urheber der sogenannten Triasidee, die bekanntlich den Zweck verfolgte, Bayern mit den damaligen zwei deutschen Großmächten gl. iu: zu ft eilen. eigenes Haus erschrieben hatte und seine Feder ums liebe Brot [log, da kamen zu ihm und seiner jungen Gattin aufs neue die Sorge und die Not. Ein Toast, den man „atheistisch" nannte, brachte ihn ins StockhauS, und eine Rede, die er am Grabe unschuldig Erschossener hielt, zog ihm die Landesverweisung aus dem Königreich Sachsen zu. Doch rastlos und wacker, stets unverzagt wirkte und schuf .er weiter und erst der Fünfziger erreichte dauernde Erfolge. Nach 48 jähriger, überaus glücklicher Ehe ward ihm seine Gattin, feine „treue Ute", durch den Tod entrissen, ein Verlust von fürchterlicher Herbheit für den Dichter, dessen Mund das schöne Wort entstammt: „Alle Religiosität wurzelt in der Familie", und der das photographische Bildnis der Verstorbenen wie einen Talisman stets bet sich trug. Und noch die letzten Jahre haben dem Dichter manches häusliche Ungemach .gebracht. Vor drei Jahren hatte der greife Dichter plötzlich einen jähen Schlaganfall erlitten, der seinen reckenhaften Körper auf das Krankenlager warf. Wenn seine ungewöhnlichen Kräfte auch noch mehreren folgenden Schlägen widerstanden, wenn er sich auch nicht so bald ganz unterkriegen ließ, .feine alte Geistesfrischc und hünenhafte Leibesstärke errang der Achtziger nicht wieder. Nicht fern scheint mir die Zeit, da man unseren literarischen Tagesgrößen vergessen haben wird. Tann wird man Jordans Nibelungen-Epos neu entdecken. Und man wird bedauern, daß man zu. seinen Lebzeiten nidjt genug sich freute an der Prachtgestalt dieses Mannes, nicht reinen Genuß empfand an dieiem starken Menschen aus einem Guß. Wer Gefühl für menschliche Größe hat, der mag sich bewußt werben, daß einer der Boten unter uns von hinnen gegangen ist. An der Stätte, wo Wilhelm Jordan nun so reichlich Zeit hat sich auszurnhen von den Werken seines Geistes, wird, seiner Verheißung gemäß, Urenkelmund noch sagen: Hier ruht ein ^tapferes Herz! 2er Familie von Wilhelm Jordan sind viele Kundgebungen des Beileids zugegangen. Aus St. Blasien telegraphierte der Großherzog von Baben: „Die Großherzogin und td) nehmen den wärmsten Anteil an dem schmerzlichen Verlust Ihres verehrten Vaters und teilen von Herzen Ihre tiefe Trauer. Wrr bewahren Herrn Wilhelm Jordan ein danLares Andenken." Tas aus Kiel, von Bord der „Hohenzollern" datierte Telegramm des Reichskanzlers Grafen B Ü1 o w lautet: „Mit aufrichtiger Teilnahme habe ich "bie Kunde von dein Hinsck-eiden Ihres verehrten Vaters vernommen. Möge es Sie in Ihrem Schmerze trösten, daß er in der Erinnerung unseres Volkes als kerndeutscher Dichter fortleben wird, dessen Name auch aus den ersten Blättern der Geschichte der deutschen Flotte ehrenvoll verzeichnet steht!" Telegramme sandten ferner u. a. die -an0- g r ä f in und der Landgraf von Hessen. Ter achtunte achtzigjährige Prof. Sepp-München, der mit Jordan un k^anl- furter Parlament saß, drückte brieflich sein Beileid aus. -Jet der Gedächtnisfeier in der Panlskirche am Mittwoch vormrttag wird Pfarrer Werner sprechen, untere Ansprachen werten am Grab gehalten. Der Beeidigung wird auch ein Bruder dcs Verstorbenen, Pfarrer Jordan aus Halle a. S., beiwohnen. K Ä3?1 ““fSeroirbctt ?• "9 «Nit „ 16 flinti.it 1* non b Nr. (y8 , "ncn n-vrdr 7" «MB. * obet”t« 'Not. * ®int hnobig, i'*» < it ~ °S »'«"« .,■5*1 von b,n * Noch » b,c Sinn ^3-M,tbM,h„ ■ Vot tat (Ni l,e üCQW, meinte, ihr ^Morgens fteUtce§ Mnzosenöl erhallen stillende Mittel bn aui beiden Gläjea, urd) auch die öeute fand hier b« “B der Feier feind cicingswettstren «eine an dem M L 3" dec 1. Klch Törnighenn, in da cbertranj* DK „Zängcrkranz' dk dem Männergesang. Ten Ehrenpreis n )cnn, in öer2Jlafi laße Älännergksa^ erreichte Liedeckanj. Tie Stiinhmlpdi;« brecherbandei.« le Frau. Ter fc;< , in der letzt«! tohlcnen Gegchwdr gen um 10% Uhi pn TelePeürn dc aTchützendundil ter Brück-Eiek!! Weife. Schriftführer itotoll vorn Schüp nlt l erstattete per 303 hatte dec Tas vermögen drt t. Eine Depesche er gestiftet hat, mir Zeder ums lick $ iGetlin aufs m-6 n,Munich nS -de, die er am Ö» LandesverwnM und ivac!er,.!s"- Ute", durchs Mit für da il- «Alle W Sfgl ” 5 *», heute anJw.j uh empio?6 Daß emer i'jol j Geiste»' gen:. । ?s ^r-' KW n£5’ ti?re 2^' $TW &■ @2 e 2 « "tS o — = S Cti 2* Z r» CT S- - 5 Co 7$ tS * SS r> 3” C er e o ? 2^ S? ^7 6 '*• p —• Le s ' er (Sl~ „02 v> rr. cv =- — ro 2 9=0 — o CTO zz & ÄO CD ~ § L 5t cv S*1 CT o S: Cü er er «'s tÄ C' ei — • * Cjt *■ < n 2 n " ^»< " ge- § ^0 = ^2.^*^ s es zs. o o 0D vs rs (D s tS' M* Kreisblatt für den Kreis Gietzen AeMecha5chlafded|«ti !?■. L|i !D seine Koste» bewerkstelligen lassen, widrigenfalls ihm im Januar fjLj nächsten Jahres eine vierwöchentliche Frist zur Nachholung der i|/ri ■'tmninna untüv SlrniAnXiMlmHi l" ■ • TL| M jeder TageZLeit. i-. lh MI NB. Den verehrlichen Vereinen und Vorständen steht ein Bereiuszimmer zur Verfügung. 5566 4761 j SiiitlgarterhebensYersichermigsbank a.ü. (Aitesuitm M 3SBOSS I n wenigs r°-Verkauf Kaffee 5523 in diversen Sorten empfiehlt sicherstes 17 Marktplatz 17. Gießen. Telephon 262. 5207 Karl Vorfeld. empfiehlt zum Besuche \ 45631 4985 Stottern Generalvertrieb: C. KOCH, BERLEBURG Emil Fischbacn. Z HOUBENS 600Ö 4000 5000 10000 Mittel zur schnellen und vollständigen Ausrottung. Packet 50 Pfg. Philipp Schwager Wwe., (Sieben Tuch-Geschäft Gegründet 1827. -n t50GO= f 2 13000- , 2 4 2000- j 5 41000 = Impfung unter Strafandrohung gesetzt wird. Ausier den Pflichtigen werden auch Kinder, welche im Lau feudcu Jahre geboren süld, auf Wunsch ihrer Vertreter geimpft. 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