Nr. 804 Dienstag 27. Dezember 1904 154. Jahrgang Zweites Blatt General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen < Kischen sich voller Ingrimms' wütend tm. e- Bestien bekämpfen sich die Menschen. In Frcnrkreich unb in Ungarn vlatzen in den Parlamenten die Geister auf- Einen Erfolg hat der Liberalismus noch kurz vor Zühresschluß durch den Ausfall der Reichstags- ersatzwahl ün überwiegend agrarischen Kreise Jerichow zu verzeichnen gehabt. Hier wurde für den verstorbenen Fürsten Herbert Bismarck der freisinnige Berliner Volksschullehrer Merten mit 11740 Stimmen gegen den Sozialdemokraten Voigt gewählt, der nur 5311 Stimmen erhielt. Tie Sozialdemokraten hatten große Anstrengungen gemacht, um ihren Kandidaten durchzubringen. Das Eintreten der rechtsstehenden Parteien für Aterteu ermöglichte aber den errungenen Sieg. Auf die hochgespannten Hoffnungen der Ver- faffungsresor.meriNRuß land ist büld genug Enttäuschung gefolgt. Bekanntlich hatte man am 19. d. M., dem Namenstage des Zaren, eine kaiserliche Kundgebung erwartet in der Nikolaus II. in einigen Punkten feinen Entschluß kundgeben würde, mit dem starren Absolutismus zu brechen. Diese Erwartungen sind aber §u Nichte gern Ungarn vlatz, einander uno zi Rotationsdruck unb Verlag der Brühk'scheu Unwerfitätsdruckerel. 9L Lange. Dietzen. Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7. Tel. Nr. 61. Telegr^-Adr. i Anzeiger Gletze«. Volitische Wochenschau. Greßen, 27. Dez. 1904. Das Weihnachtsfest ist vorüber, das Fest, das alle Welt um der Friedensbotschaft willen feiert, während alle Welt sich nach wie vor gegen den Frieden empört. Wie die Kcer und Itolte. S K. H. der Grob Herzog haben mittete Allerhöchster Ordre' vorn 21. Tezember geruht, den Generalmajor ä la suite der ArtUlerie Prinzen Ludwig von Batteüberg Durch- laucht auch ä la suite des 1. Großh. Hessischen Feld- Artillerie-Regiments Nr. 25 (Großh. Artillerre-Korps!)! zu stellen. __ SoziaUstische und tclißiöie Iolksvcwegungen in Sießen 1525-1526. Nur nenige Wochen trennen unb erst von der Jubelfeier am 13 No vember. Noch stehen wir unter dem Eindruck, den die Erinnerung an den großen hessischen Fürsten und sime große Zeit bei uns zurückließ. Sturm und Drang auf polittschem und kirchlichem Gebiete kennzeichnen bte_ Zeit, der P Hill pp von Hessen angehärte. 'Auch in Gießen sind diese Sturme des Reformationszeitalters nicht wirkungslos vorubergeraufcht. Es ist das Verdienst einer zur Philippsfeier ^schienenen LEbett vom hiesigen Universitätsbibliotheks-Tirektor Geh. Hoftat Pros. Tr Haupt 'ib-er „Sozialistische und religiöse Volksbewegungen in ' hessischen Städten 1525—1526", daß sie uns einen Euchlick gewährt über die Volksbewegungen jener Tage tn unserer Stadt, sr-ür Freunde der Lokalgesckstchte dürste es daher wohl von einigem Interesse sein, weim wir auf Grund.der Hauptschen Arbeit m kurzen Zügen über bie Volksgärungen tn Gießen vor 380 Jahren typ J-jffl tdl Von der bedrohlichen Zusammenrottung der Bauern gegen ihre Lehnsherren, wie sie sich im Hersfeldischen und Fuldcnschen zeigte, blieb unsere Gegend verschont. SMglicherweise daß sie nicht so sehr wie jene Bezirke unter dem Drucke des Adels litt. Der tatkrästigen und zugleich maßvollen Politik des Landgrafen Philipp war es zu verdanken, daß die Torfschasten in Hessen von der sozialen Revolution im angemeinen wenig berührt wurden. Nicht ganz so in dem städtischen Gemeinwesen. Hier, wo man unter der Steuerlast und der Will kür l-errschaft der Beamten litt, fanden die revolutionären Gedanken einen günstigen Boden Auch in Gießen zeigten sich im Jahre 1525 „lebhafte Sympathien mit den Zielen der bä ue r l i ch en Er h e v un g . Hier war durch sein Vorgehen in der leidigen >L>teue rf rage der Rentmeister und Verwaltungsbeamte Säs-rautenbach wenig beliebt Zündstoff zu revolutionären Bewegungen schemt hauptsächlich die Erhöhung der T r a n k st e u c r gegeben zu haben. Weihnachten 1525 saiiden sich 16—20 Gleichgesinnte zusammen, bie unter Führung eines gewissen Trommelschläger wock-enlang die Stadt in Unruhe versetzten. Mit Aexten und Säbeln be- wasinel rückten sie vor die Trinkstube der Edelleute und per» ursacht en in den Straßen ia.llgemeine Aufläufe. Der Rentmeister und feine Knechte waren ben Meuterern gegenüber machtlos und wurdeii in die Flucht geschlagen. Tie Exzedenten drohten, alle Pfaffen, Edelleute und deren Knechte zu erschlagen. Am 5. Januar 1526 nahm der Aufstand einen besonders bedrohlichen Charakter an. Als nämlich der Rat mit den Wirteii wegen der Tranksteuer abrechnen wollte, zogen die Gießener Demagogen vor das Rathaus, warfen die Fenster ein, verletzten den Bürge rm ei st er und verhinderten den Rentmeister bei Gefährdung feines Lebens, die Steuern zu erheben. Auf dem kommunistischen Programm der Freiheitsmänner stand die Teilung des Besitzes der Adeligen. Der Rentmeister berichtete sofort über die Gießener Revolte an den Landgrafen, der den Hoftichrer und Statthalter an der Lahn, Hermann Riedesel zu Eisenbach, beauftragte, die Sache zu untersuchen und gegebenen Falles eilends mit 60—80 Reisigen nach Gießen aufzubrechen, die Meuterer einzufangen und in Haft nach Marburg zu verbringen Zum Schlimmsten scheint es nicht gekommen zu fern; über die Bestrafung der Gießener Exzedenten fehlen uns alle Nachrichten. Hand in Hand mit den Bewegungen des Jahres 1525 auf sozialem Gebiete gingen die Volkserregungen bei Einführung der neuen lutherischen Kirchen lehre zu Anfang des Jahres 1526 Hier steht das Volk, das Luthers Lehre von der evan- gelischeii Freiheit auf seine sozialen Verhältnisse überträgt, der neuen Lehre sympathisch gegenüber im Gegensatz zur Beamtenschaft und Adeligen, die konservativ auf dem alten Standpunkt verharren. Es ist noch die Zeit vor der Homberger Landessynode, die erst die schwebende Religionsfrage für die Lcmdgrafschaft ordnet. . Gießen scheint die erste hessische Stadt gewesen zu fein, in der die neue Lehre unter der breiten M a s s c des Volkes begeisterte Anhänger gefunden hat. Es spitzten sich dadurch die Parteiverhaltnisse zwischen den „Evmi- gelischen Brüdern", wie man die Neuerer ironisch nannte, und den Anhängern der alten Lehre, denen der Rentmeister ^chrauten- bach, die Beamten und Adelige angehörten wieder in einer Weise zu, daß ein Zusammenstoß unausbleiblich war. Wad) den voraus- gegangeiicn Ereignissen des Jahres 152t> war es der Gegenpartei leicht, gegen die Neuerer auf religiösem Gebiete den Borwurf zu erheben, „daß sie sich gegen den Rat und Rentmeister alles Ungehorsams und Mutwillens befleißigen, täglich mehr zu Aufruhr und Empörung versammeln, andere zu sich reizen und rotticren sollen". Schrauteubad) ging gegen die „evaugelisckMN In Rußland drohen in zahlreichen Stadien die Reservistenunruhen, Studenten- und Arbeiteraufstände immer größere Dimensionen anzunehmen. Monarchien und Republiken rüsten und rüsten, Mordwerkzenge, eins immer raffinierter wie das andere, werden angehäust und die verantwortlichen Führer der Völker sinnen, wie sie recht viele Kultur-Menschen zum Tage des «großen Aneinanderprallens bereit haben. Klassenhaß und Rassenhaß verwirrt viele Köpfe und verhärtet viele Herzen. Des Lebens Not erhebt ihr grimmig Haupt und gesellt sich zu dem furchtbaren asiatischen Völkerkriege.--Arme Menschheit, wie tut dir Friede so not! Wie sehr es unseren österreichischen Nachbarn wenigstens um einen Handels frieden zu tun ist, geht daraus • hervor, daß österreichisch-ungarische Bevollmächtigte kurz vor dem Feste in Berlin eintrafen, um sofort mit den Beratungen zu beginnen. Am 23. reisten sie zum Feste auf wenige Tage in ihre Heimat, gleichzeitig um dort den maßgebenden Ministern Bericht zu erstatten. Unmittelbar danach, nachdem sie weitere Informationen erhalten haben, werden sie nach Berlin zurückkehren. Von dem Termin dieser gemeinsamen Beratungen wird es abhängen, ob die Fachreferenten in den letzten Tagen des Jahres bereits wieder in Berlin sind oder erst mit Beginn des neuen Jahres. Jedenfalls aber werden die ersten Tage des Januar den äußersten Termin bilden, an dem die Beratungen für das Zustandekommen der Handelsverträge in Berlin wieder eröffnet werden. Wie verlautet, wurde bei den neuen Verhandlungen in einzelnen Punkten, einerseits der deutschen aus die Jndustriezölle, darunter Maschinen, Papier, Eisenwaren, chemische Erzeugnisse, gebundene Bücher bezüglichen Forderungen ein teilweise genügendes Entgegenkommen konstatiert, während in einzelnen Fragen eine neue Formulierung der Gegenvorschläge nötig erscheine. Bei einem günstigen Fortgänge erwartet man den desini- tiven Abschluß des. Handelsvertrages frühestens Mitte Januar. Dem Grasen Posadowsky ist seine neulich im Reichs- nrge getane Aeußerung, daß vorzüglich auf der Assoziation des Kapitals der Kulturfortschrrtt bermhe, von den rechtsstehenden Parteien übel genommen wordeu T«s Organ der konservativen Fraktion, die ,Mmjerv. Korresp.", hat sie als eure bedenkliche Ansicht bezeichnet, die der offiziellen Wirtschaftspolitik entgegengesetzt sei. Das leitende Blacht des Bundes der Landwirte oroht dem Staatssekretär, daß er Gefahr lause, das Vertrauen der konservativen Partei, das ihm früher in so reichem Maße geschenkt sei, zu verlieren. Farlameutarlsches. Ter neugewählte Reichstagsabgeordnete Lchrer Otto Merten in Berlin wird der drittjüngste unter seinen parlamentarischen Kollegen sei Ter neue Vertreter von Jerichow wurde gerade in den Tagen der WM 30 Jahre alt. Jünger als er sind noch der freismnige Abg. Dr. Pott ho ff (Verbaudssekretär geb. 9. wlai 1875) und der Zentrums abgeordnete Schriftsteller und Redakteur Erzberger (geb. 20. Sept. 1875.) worden. Im letzten Ministerrat, welchem auch der Zar und der Prokurator des heiligen Synod beiwohnten, wurde nichts anderes beschlossen, als daß die Minister fortan über die Ausgaben in ihren Ressorts der Oeffentlichkeit ausführliche Mitteilungen machen sollen, als dies bisher der Fall war. Aus den Bericht des Ministers des Innern über den Ausdruck untertänigster Gesühle von 250 Personen aus Tambow, die zugleich die Erklärung übermittelten, daß nur der Selbstherrscher Rußlands aus der schlvierigen, durch „unbedeutende Gruppen simerer Feinde" hervorgerusenen Lage befreien könne, schrieb der Kaiser eigenhändig die Randbemerkung: ,^abe ich mit Ver- geügeu gelesen." In Marokko will der Sultan sich die Bevormundung durch die europäischen Großmächte, namentlich von Frankreich, nicht länger gefallen lassen. Es wurde kürzlich gemeldet, daß der Sultan beschlossen hat, die in seinem Heere als Instruktoren tätigen europäischen Offiziere umgehend zu entlassen, und diese Absicht auch den bei ihm akkreditierten Gesandten der betreffenden Mächte initgeteilt hat. Der französische Gesandte befahl darauf, daß sämtliche Franzosen, der Konsul einbegriffen, Fez sofort verlassen sollen. Tie übrigen diplomatischen Vertreter befahlen gleichfalls ihren Untertanen die 5)eimsendung der Frauen und Kinder und rieten Männern die Heimkehr an. Die Konsuln wurden autorisiert, Fez zu verlassen, sobald es ihnen notwendig erscheint. Allgemein wird besürchtet, Frankreichs Entschluß werde einen diplomatischen Bruch veranlassen, sodaß andere Mächte genötigt würden, Schutz- maßregeln zu ergreifen. Es verlautet, Frankreich entsende die Mittelmeer flotte nach Tanger. Nachrichten von besonderer Wichtigkeit sind in den letzten Tagen vom Kriegsschauplatz in der Mandschurei nicht eingegangen. Marschall O y a m a hat sein Hauptguartier in Liao Yang aufgeschlagen. Ten Rujsen ist es gelungen, mit schweren Belagerungsgeschützen vier Werst nach Süden vorzudringen. Im übrigen sind hinter der Front fast völlig friedliche Verhältnisse eingetreten, diur die unmittelbar vor dem Feinde liegenden Truppen werden durch vereinzelte Schüsse und hier und da durchs eine Kanonade an den 51'rieg erinnert. Bezeichnend für die Ruhe ist das Eintreffen von Vertretern deutscher Handelsfirmen aus Tientsin, um hier Filialen zu gründen. In dem Riesenkampf um Port Arthur haben die Japaner durch die Eroberung einiger Außenforts wieder Erjolge zu verzeichnen gehabt. Die Emnahme des Nord- forts von Tunglikwanschan gestaltete sich zu einem der erbittertsten Kämpfe per ganzen Belagerungszeit. Nach zwölsstündigem blutigem Ringen wurde das Fort genommen pnd die Besatzung fast völlig niederaemacht. Ferner hat die Belagerungsarmee Port Arthurs die Höhen östlich von Hojangscyatao, IVa Meilen vom 203 Km.-Hügel entfernt, erstürmt, und halt sie besetzt. Wie Gefangene berichten, sollen die russischen Generale Kvndra- teuko und Ilma (?) getötet, Fock verwunjdet sein. — Chinesischen Dschunken mit Proviant gelingt es aber trotz allem noch immer, die Blockade zu durchbrechen. Indessen ist das Schmuggeln sehr gefährlich, da von vier Schiffen stets drei beschlagnahmt werden. Die russisch- chinesische Bank bestreitet sämtliche Kosten für den Ankauf von Miegskontrebande. Eine Meldung aus Dalny besagt, die Russen hätten vorgeschlagen, PortArthur zu übergeben, wenn der Besatzung aus Schiffen die Rückkehr nach Rußland gestattet würde. Die Japaner hätten aber den Vorschlag abge- lehnt. Wmiral Togo meldete am 24., die Mehrzahl der Schiffe der japanischen Flotte sei von Port Arthur zurückgezogen worden. Sie ist bekanntlich, begleitet von den außerordentlichen Belobigungen des Mikado für die Vernichtrurg per russischen Port Arthur-Flotte^ nach dem Süden abgedampft, der baltischen Flotte entgegen. Allem Anscheine nach dürfte es sobald noch nicht zu einer Seeschlacht zwischen dem russischen und japanischen Geschwader kommen, vielmehr dürften sich die Ja- Pauer vorläufig darauf beschränken, den Gegner beobachtend zu verfolgen. Aus Sühweftafnfta Kleine Erfolge. General v. Trotha meldet vom 23. ds. aus Windhuk.' Von der Abteilung Kleist griff Oberleutnant Ritter mit zwei Kompagnien und einer halben Batterie am 21. Tezember die aufständischen Bethanier, Kamadams und Witbois überraschend an und zersprengte den 150 bis 200 a nn starken Feind .der in verschanzter Stellung bei Hudup, südlich von Aub, hartnäckigen Widerstand leistete, nach zehnstündigem Gefecht vollständig. 12 beladene Ochsenwagen. 50 Pferde, gegen tausend Stück Großvieh, mehrere tausend Stück Kleinvieh, mehrere Gewehre und zahlreiche Munition wurden erbeutet. Zehn tote Hottentotten wurden aufgefunden. Nach einer Meldung Lengerckes sind die Veldschoen- drager, die am 15. ds. bei Koes geschlagen und nach allen Richtungen zersprengt wurden, mit dem Hauptteil in südlicher Richtung nach den Karrasberger panikartig entflohen. Die Verfolgung wurde am 18. ds. abends abgebrochen. Der Feind verlor bei dem Gefecht und der Verfolgung insgesamt 54 Tote. 45 Gewehre, viel Munition, 50 Stück Großvieh, 50 Pferde und Esel, und etwa 3000 Stück Kleinvieh wurden erbeutet Neue Verluste. An Typhus sind gestorben: die Refter Menzel, Klose, Rahn und Ackermann. Der Gefteite Bauer an Herzschwäche. Im Patrouillengefecht bei S t a m p r i e t ist am 20. Dez. gefallen: Reiter Matthäus Beyer. Vermißt wird: Reiter Ludwig Pilzecker. Verunglückt ist: Reiter Wilhelm Tews. Infolge eigener Unvorsichtigkeit Schuß durch den rechten Oberschenkel. Nach Meldung aus Keetmannshoop haben sich die am 28. Nov. als bei Warmbad gefallen gemeldeten Mannschaften Gefteiter Ernst Wilke, Reiter Walter Riese und Reiter Johann v. d. Fecht nieder eingefunden. Eine Beschwerde. Der „Nordd. Allg. Ztg.^ zufolge erwiderte der Reichskanzler auf eine Beschwerde des Vaters des von den Bondel- zwarts erfchossenen Leutnants Jobst über angebliche Aeußerungw Leutweins über den Verstorbenen: , Euer Hochwohlgeboren gefälliges Schreiben vom 26. Oll. habe ich erhalten. Indem ich die Empfindungen des Vaters wie des alten Offiziers voll würdige, bitte ich Euer Hochwohlgeboren, überzeugt zu fein, daß alles zur Aufklärung des Falls Nötige von mir - veranlaßt werden wird. Weder in dem Bericht des Obersten Leutwein über den Friedensschluß mit den Bondelzwarts unb die gelegentlich desselben am 27. Januar in Kalkfontein stattgehabte Parade, noch lonit in den Akten über den ftaglichen Aufstand findet sich die angebliche, Ihren Herrn Sohn betreffende Bemerkung. Ich forderte daher bereits die Aeußerung des Obersten Leutwein darüber ein und traf Vorsorge, daß erforderlichen Falls eine genaue Untersuchung des Vorganges erfolgt Sc^ald das Ergebnis der Ermittelungen mir vorliegt, werde ich sofort Euer Hochsvohl- geboren davon in Kenntnis setzen. __ _______ Krrche und Schule. Olmütz, 26. Dez. Tas „9Nähr. Tagebl." meldet: Der frühere Fürsterzbischof Dr. Kohn hatte sich bei der Ber- lassenschaftsabhandlung nach dem Tode seines Vorgängers, des Landgrafen Fürftenberg, verpflichtet, die von diesem letztwillig verfügte Armenstiftung von 200 000 Gulden ans eigenen Mitteln zu errichten, wie immer die Abhandln^ ausfallen möge. Es wurden jedoch nur 20000 Gulden für diese Brüder" fck-arf vor, hatte er doch schon 1525 Ursache, über bie Feindseligkeiten der Gießener Demagogen gegen bie „Pfaffen zu klagen Strafen uub Bußen wegen Abhaltung geheimer Bruderversammlungen nutzten wenig; die Lutheraner wurden nur gereizter. Sie fühlten sich besonders gestärkt, als sie erfuhren, daß der Landgraf selbst ein begeisterter Anhänger ber neuen Lehre sei und sogar den Lutheraner Kraft zu seinem Hofprediger berufen habe So durften sie es wagen, gegen ihren ^odfemd Schrautenbach beschwerdeführend vorzugehen. Namens ihrer Partei- fteunde reichten Wolf und Junghans im März 1526 eine Klageschrift gegen den Gießener Rentmeister beim Lmidgrafen ein. Der Statthalter an ber Lahn, Hermann Riebesel, erhielt Weisung, die Streitsache der „Gießener evangelischen Brüder" zu untersuchen und zu schlichten. Zu diesem Zwecke berief er die Kläger, ben Rentmeister und Mitglieber bes Gießener Rates am 28. Ntarz, 1526 nad) Marburg. Bei dieser Gelegenheit sielen heftige Worte auf beiden Seiten. Der Rentmeister bezeichnete die Gießener Lutheraner geradezu als Rebellen, lieber die Beschwerde des Reittmeisters und des Gießener Rates ging Riebesel hinweg. Er schlichtete die Angelegenheit dahin, daß er die „evangelischen Brüder" ermahnte, künftighin mit dem Rentmeister und Rat Frieden zu hatten, sich aller geheimen Versammlungen -u enthalten, auch fernerhin zu unterlasien, „eigenmächttg ftemde lpthe- rsiche Prediger nach Gießen zu Rieben". Er konnte den Gießen« Lutheranern weiter in Aussicht stellen, daß der Landgraf selbst ihnen einen „geschickten, gelehrten unb frommen Prediger" schicken werde. Tie „Evangelischen" konnten mit der Marburger Entscheidung zuftieden sein, war ihnen doch 'im Namen bes Landgrafen eine gewisse Religionsfreiheit zugesichert worben. Tie schweren Unklagen der Gießener Ratsdeputation und ihres Sachwalters Schrautenbach konnten sie jedock-i nicht vettvinden. Es bedurfte nur eines äußeren Anlasses, und bie Fnnbsdwtt zwischen ber neu- und altgläubigen Partei kam wieder zum Ausbruch. Die „ebangcliitien Brüder" hielten ihre goUesdiensllidxn Versanun- lungcn in ber alten Mutterkirche am Seltersberg ab, während die Altgläubigen verniutlid) m ber Pankratius-« t i r d) e a m K i r ch enplatze, a\\o in der Stadt, ihren Uultus ausübten. Tie Neuerer scheinen also schon eine gewisse Olcineinbc für sich gebildet 311 ■ den, hatten demnach einen ständigen evan- geiildjeu Prediger gei inten od > wurden durch lutl.n'risck« Wandcr- prediger versorgt. Am Karfreitage 1526, zwei Tage nach der Grschelltt «gNch mÜ vuVnahm« M VonntagS. jRjP - a Die „Weinet KanMiendlStter" werben dem ||i| P|l AV / H |T X 1 O ,9lnflhtget viermal wöchentlich beigelegt. Der ■ I ■ I SL »^tsflscht Lairdwkt" erscheint monatlich einmal. I B -63SG7 *** * Stiftung, bie T-r. Kohn bisher nickt errichtet hat, zurückbehalteu. Dr. Kohn soll jedoch eine Bestätigung der Statthaltern darüber in den Händen haben, daß er alle seine Verpflichtungen erfüllt habe. Die Affäre erregt desl-iilb Aufsehen tntb mau rnixirtct gespannt die Aufklärung derselben. Ltudcntcnunruhen. Studenten unb Studentinnen der Universitäten Peters-- bürg, Moskau und Dorpat fordern fortgesetzt miss lebhafteste die sofortige Einstellung des Krieges und die Einberufung einer auf Grund eines allgemeinen Wahlrechts gewählten gesetzgeberischen Körpmä-aft. 17 Dorpa ter Professoren schlossen sich den Semstlvo-Forderungen an. — Die Privatdozenten und einige Professoren reichten bei dem Universitätsrat zu Moskau einen Antrag ein, um einen P r o t e ft wegen der am 19. Dezember gegen die Studenten verübten Gewalttätigkeiten anzrrregen. Der Rat beschloß einstimmig, vorläufig eine Untersuchung der Umstände vor- znnehmen, welche die Kundgebung am 19. ds. Mts. herbeiführten. Wie verlautet, hat der größere Teil der Privatdozenten den Antrag gestellt, die Ursachen auszuklären, welche die Studcnten- unruhen hervorgerufen haben und die Ordnung der Studien störten. Tie Leiter der Bewegung behaupten, zur Vermeidung von Unruhen sei die A u t o n o m i e d e r U n i v e r s i l ä t e n erforderlich, und diese letztere sei wiederum nur möglich bei einer Äenderung der bürgerlichen Ordnung Rußlands. In Venedig veranstalteten Studenten irrcdentistische ^Kundgebungen int Goldvni-Theater. Das Publikum rief unausgesetzt: „Hoch Italien, hoch Triest und Trient!" Tausende von Zetteln, die diele Worte enthielten, flatterten von der Öktlerie in den Saal. "Die Zöglinge der laitdwirlschaftlichcn Akademie steckten in ihrer Loge eine trikolore Fahne heraus. Als die Polizei die Studenten ersuchte, die Fahne zu entfernen, verbarrikadierten sich die Studeuten in ihrer Loge. Dabei wurde das elektrifck/e Licht abgedrehl und die Polizei rauntte in der Dunkelheit den Saal. Auf dem Markusplatz sanden später größere Tcmon- stranonen statt. Ans Staöt und Land. Gießen, den 27. Dezember 1904. *• D ie Weihnachtsrenumerationen, die bisher alljährlich den Bahn beamten und Vorarbeitern in den Eisenbahnwerkstätten zu teil wurden, sind diesmal zum ersten Male auSgeblieben. Man vermutet nun, daß eine Erhöhung der Gehälter bevorsteht. ** Von der Sparkasse. In der letzten Mitalicder- aersammlurtg sind aus den Ueberschüssen des Jahres 1903 folgende Unter ft ützungen aus der Bczirkssparkafse Gießen (vorher Spar- unb Leihkasse Gießen) bewilligt worden: A. Für Krankenanstalten, Krankenpflege usw. 1. Allae- meiner Verein für Armen- und Krankenpflege dahier, 1400 Mk. 2. Verein für Krankenpflege dahier 450 Mk. 3. Elisabethenstift in Darmstadt 400 Mk. 4. Anstalt Bethel bei Bielefeld (Pastor von Bodelschwingh) 400 Mk. 5. Unterstützungskasse für bedürftige Pfleglinge der Irrenanstalt zu Heppenheim und des Hospitals Hos- heim 500 Mk. 6. Kinde rhosyital in Bad-Nauheim 800 Mk. 7. Unterstützung skrophuloser Kinder im Sparkassebezirk zum Gc- brauck>e einer Badekur 1000 Mk. 8. Der Tekanatskrantenpflege (Dekanatskasse Gießen) 900 Mk. 9. Shxnile und blinde N. 'N. dahier 70 Mk. 10. Tiakonipenftativn Heuchelheim 100 Mk. 11. N. N. dahier 50 Mk. 12. Tiakonissenansdatt Alten-Duseck 150 Mk. 13. Tiakonissenstation Steinbach 250 Mk. 14. Tiako- nifsenftarion Beuern 150 Mk. 15. Anstalt für jugendliche Epileptiker in Nieder-Ramstadt 200 Mk. 16. Diakonissenstation in Dieseck (in 1901 einmalig 150 Mk. und Jahresbeitrag 100 Mk. 150 Mk. 16c. Diakonissenstation in Großen-Linden 150 Mk. Zusammen: 7120 Mk. B. Für Kleinkinder sch ulen. 17. Gießen 1 642.06 Mk 17a. Elisabeth-Kleinkinderschule Gießen 500 Mk. 18. Alten-Buseck 375 Mk 19. Beuern list in 1902 aus Versehen unberücksichtigt geblieben) 300 Mk. 20. Allendorf a. d. Lda. 300 Mk. 21. Burkhardsfelden 450 Mk. 22. Taubringen (noch nicht errichtet) —.—. 23. Großen-Linden 375 Mk. 24. Heuchelheim 250 Mk. 25. Klein-Linden 375 Mk. 26. Lang-Göns 300. 27. Leihgestern 375 28. Lollar (noch nicht errichtet) —.—. 29. Rödgen (noch nicht errichtet) —.—. Zusammen 5 242.06 Mk. C. Für Rettungshäuser und sonstige An st alten 30. Rettungshaus in Arnsburg 200 Mk. 31. Erziehungs- und Besserungsanstalt in Grafenhausen 200 Mk. 32. Arbeiter-Kolonie „Neu-Ulrichstein" 400 Mk. 33. Rauhes Haus in Horn bei Hamburg 200 Mk. 34. Herberge zur Heimat dahier 800 Mk. 35. Verein gegen Bettelei dahier 200 Mk. 36. Tierschutzvcrein dahier 200 Mk. 37. Feierabend für Lehrlinge dahier 300 Mk. 38. Anstalt für sittlich gefähackete, bezw. nicht mehr schulpflichtige Knaben, jetzt: Rettungshausveroand für das Großh. Hessen und die Provinz Hessen-Nassau 600 Mk. 39. Sonntagsverein für Mädchen in Gießen 225 Mk. Zusammen 3325 Mk. D. Lehranstalten. 40. Kaufmännischer Verein (Lehrlingsheim) 1200 Mark. 41. Ortsgewerbeverein (Handwerkerschule) dahier 1500 Mk. 42. .Ortsgewerbeverein (Handwerkcrfchule) in Lollar 180 Mk. 43. . Aliceverein für Frauenbildung dahier 900 Mk. 44. Landwirtschaftlicher Bezirksverein dahier 900 Mk. 45. Gießener Lesehalle-Verein 900 Mk. 46. Volks- und Jugendbibliothek in Allen- oorf a. d. Lda, 13 Mk. 47. Volks- und Jugendbibliothek in Burk- Marburger Verhandlung, kam es am Selterser Kirchhofe, vor allen Kirchengängern zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem oben erwähnten Steinmetz Wolf und dem Ratsschöffen Melchior Kandegießer. Wolf beschuldigte den Gießener Rat der fortgesetzten Feindseligkeit gegen die Evangelischen und tam auf die Marburger Verhandlung zu sprechen, wobei er jedenfalls sehr erregt dem Ratsschöffen oorwarf: „Wäre es nach Euerem Willen gegangen, so hättet Ihr uns auf die Schlachtbank geliefert und unsere Köpfe wären gefallen!" Natürlich wurde das Vorkommnis auf dem Selterser Kirchhofe in der Stadt eifrig besprochen. Ta man mit der Stimmung der „gemeinen Männer" zu rechnen hatte, so berief man den Rat und weitere Gemeinde- ausschußmllglieder (eine Art „Unterhaus") sowie die Vertreter der Evangelischen zu einer Besprechung auf das Rathaus. Zu einer Verständigt: .:g kam es in dieser Versammlung nicht. Tie Spannung wurde nur größer, als Steinmetz Wolf den Rats- mitgliedern vorwarf, sie seien nur in feindlicher Absicht nach Marburg gekommen und weiter nichts als gefügige Werkzeuge des Rentmeisters. Ter Rat berichtete in Gemeinschaft mit dem Rentmeister am 5. April 1526 über den Selterser Vorfall an den Statthalter Riedesel nach Marburg. Tiefer antwortete sofort durch eine Verfügung an den „Rat und die ganze Gemeinde zu Gießen". Tarin wird den „evangelischen Brüdern" Ungehorsam, Mutwillen unb Aufreizung zur Empörung vorgeworfen. „Ter Rat unb die ganze Gemeinde werden aufgefordert, den Rentmeister bei den Maßnahmen, die er auf Befehl des Landgrafen gegen die evangelischen Brüder treffen werde, zu unterstützen". Zu einer Maßregelung der Evangelisckien scheint es jedoch nicht gekommen zu sein. Ter Landgraf erfüllte wohl bald ihren Wunsch und sandte ihnen einen lutherischen Geistlichen, wie versprochen, und der Friede war äußerlich hergestellt. Damit dürfte aber auch festgestellt sein, daß nicht erst, wie gewöhnlich angenommen nitro, 1532, — zu welcKr Zeit Gießen den evangelischen Prediger Grefer erhielt —, die Reformation in Gießen eingeführt wurde, sondern daß sich bereits im Laufe des Jahres 1526 in Gießen als in einer oer ersten hessischen Städte, eine evangelische Gemeinde konstituiert hat. sJiod) verdient erwähnt zu werden, was die Hauptsche Arbeit mit Recht betont, daß den jungen Landgrafen Philipp während ort sozialistischen und religiösen Volksbewegungen die größte Gewissenschaft in der Erfüllung seiner Herrscherpfliästen, eine seltene Milde und Dnldsamkell neben der Treue der evangelischen Sache gegenüber leiteten, Regenteneigenschaftcn, die wohl dazu an getan waren, ihm eine Volkstümlichkeit zu verschaffen, nach der ur sich rühmen durfte, „lebet gemeine Mann vom Adel und vom gemeinen Volke fei ihm zugetan". haodSseldcn 10 Mk. 48. Leseverern in Mbach 20 Mk. 49. Lefe- vewin in Großen-Linden 40 Mk. 50. Lese verein in Grün in a en 21 Mk. 51. , Volks- und Jugendbibliothek in Hansen 20 Mk. 52. Volks- und Ingendbibliothet in Mein-Linden 25 Mk. 53. Lese- vevein in Lang--Göns 50 Mt. 54. Volks- und Jugendbibliotl-ek in Leihgestern 43 Mk. 55. Volks- und Jugendbibliothek in Mainzlar 12 Mk. 56. Volks- und In gen dbibliothet in Mnschenheim 20 Mk. 57. Volks- imb Jugcndbibliotliek in Reiskirchen 20 Mk. 58. Volks- und Jugendblllivthek in Ruttershausen 15 Mk. 59. Volks- und Jugendbibliothek in Steinbach 20 Mk. 60. Volksund Jugendbibliotl-ek in Wieseck 29 Mk. 60a. Volks- unb Jugendbibliothek in Hattenrod 20 Mk. Zusammen 5958 Mk. E. Sonstige Vereine. 61. Ludwig- und Alicestiftung in Darmstadt 400 Mk. 62. Mathildenstiftung für Ober heften 300 Mark. 63. Lutherstistung dahier 300 Mk. 64. Kaiser Wilhelm-Stiftung in Darmstadt lHilfsverein für die Krankenpflege und die Unterstützung der Soldaten im Felde) 200 Mk. 65. Jnvalidenunter- stützungSverein in Darmstadt (1866) 200 Mk. 66. Verein für Erhaltung oberhesfischer lveiblicher Volkstrachten 200 Mk. 67. Ernst Ludwig-Verein in Darmstadt 20 Mk. 68. Hessische Vereinigung für Volkskunde in Gießen 20 Mk. 68a. Zur Beschaffung warmen Frühstücks für arme Kinder der Stadtschule 150 Mk. Zusammen 1790 Mk. Gesamtsumme 23 435.06 Mk. Außerdem wurden zur Prämiierung von Tienstboten 1000 Dck. und für Sparer 350 Mk. zur Verfügung gestellt. Tie Verwalter von Sammelstellen der Pfennigsparkasse erhielten als Remuneration 1250 Mark. i- Wieseck, 27. Dezember. Die 78jährigen Eheleute Johannes Bie rau und Elisabeth geb. Schäfer feierten am 2. Christtag ihre goldene Hochzeit. Der Jubilar ist Werkführer in der Müller'scheu Zigarrenfabrik zu Gießen und langjähriges Mitglied des hiesigen Kirchen- vorstandes. Im Namen dieses brachte am genannten Tage der hiesige Ortsgeistliche mit dem ältesten Kirchenvorsteher Jakob Haas dem Jubelpaare unter Ueberreichung eines Straußes und eines 9ieuen Testamentes herzliche Glückwünsche dar. Das Großh. evangelische Dekanat Gießen und das Großh. O b e r k o n s i st o n u nl zu Darmstadt hatten innige Gratulationsschreiben dem hiesigen Pfarramt zugehen lassen, welche im Auftrag dieser Behörden der Ortspfarrer dem Jubilarpaar vorlas und dann überreichte. Dasselbe erfreut sich noch einer verhältnismäßig guten körperlichen und geistigen Rüstigkeit. Mögen all die guten Wünsche, die ihm heute dargebracht wurden, reichlich in Erfüllung gehen. k. Heldenbergeu (Wettercm), 26. T^z. Die Arbeiten an der Bahnstrecre Vilbel-Stockheim haben bedeutende Fortschritte gemacht. Von hier bis Stockheim ist man mit der Ferngsietluug des Oberbaus und mit dem Legen der Schienen beschäftigt. Wie verlautet, soll auf diesem Teil bereits im nächsten Frühjahr der Verkehr eröffnet werden. Größer sind die Geländeschwierigkeiten an dem preußischen Teil von Heldcnbergen bis Vilbel. Die Mdder macht hier bedeutende Bogen, sodaß ihr die Bahn nicht immer folgen kann. Mehrere Eipenbahnbrücken und ein ca. 400 Meter langes Tunnel bei Büdesheim müssen errichtet werden. Der zu durchbrechende Berg ist ein Basaltkegel. Merkwürdige Mistttllgebilde werben daraus zu tage gefördert. Tie Basaltntassen tverden hierher gebracht und zu Tammbauten benutzt. In Büdesheim waren seither zirka 450 Italiener, Kroaten unb Slavonier beschäftigt. Tie Teil- sttecke Vilbel-Helden bergen dürfte nicht vor Frühjahr 190'3 vollendet sein. Tie Bahn fiihrt von Vllbel über Gronau, Nieder- und Ober-Dorfelden, Killianstätten, Büdesheim, Heldenbergett-Windecken, Eichen, Höchst, Oberau, Altenstadt, Lindheim, Glauberg nach Stockheim. -k- Mainz, 26. Dez. Die letzte Sitzung des Kreisausschusses bejchafttgte sich iausschlietzlich mit den jüngsten Mainzer Stadt Perordnetenwahlen. Der von sozialdemokratischer Seite aufgestellte freireligiöse Prediger Freiherr v. Zucea-Ene- cagua war gewählt morben, und dagegen von drei Seiten Protest erhoben auf Grund des Artikels 16 Ziffer 2 der Städteordnung, nach welchem ein Geistlicher als Stadtverordneter nicht wählbar ist. Bei den Verhandlungen vor dem Kreisausschuß drehte es sich hauptsächlich um die Frage, ob Freiherr v. Zucea-Euecagna als Geistlicher int Sinne des Gesetzes zu betrachten ist, was von den Reklamanten und deren juristtschen Vertretern bejaht lvurde, wä.hreud Frhr. v. Zueea-Eueeagna und dessen rechtskundiger Beistand die gegenteilige Anschauung vertraten und besonders geltend machten, daß der Freiherr kein festangestellter Geistlicher sei, sandern von der Stadt nur eine Entschädigung für das Erteilen von Religionsunterricht erhalte. Ter Kreisausschuß stellte sich auf den Standpunkt der Reklamanten und kassierte die Wahl. Gegen den Beschluß des Kreisausschusses wurde alsbald Rekurs bei dem Pro- vinzialausjchuß erhoben. Wenn der letztere die Ansicht des Kreisausschusses billigt, so scheidet Freiherr v. Zueca-Euc- cagne von den Gewählten aus unb an seine Stelle tritt ber Kanbibat, ber bie nächste Stimmenzahl hatte. Jtl biefeni Falle ist bas ein Mitglieb der Zenttumspartei. — Da, der bisyerige Letter des hiestgen Stadttheaters, Direktor Steinert definitiv abgelehnt hat, das Stadtk- theater weiterzuführen, hat die Stadtverordnetenf- Versammlung beschlossen, das Theater aus drei weitere Jahre auszuschreiben. Ms Schluß des Anmeldetermins wurde der 15. Januar festgesetzt. Kaum war bekannt geworden, daß das Theater neu vergeben iver- den solle, so hatten sich ^auch schon 17 Liebhaber für dasselbe gemeldet. fc. Mainz, 26. Dez. „He ich will nooch Gundheim!" rief auf dem hiesigen Bahnhofe dieser Tage em Bauer unaufhörlich in den Schlitz des Automaten. Ter Landbewohner hatte dem Automaten das Geld für eine Fahrkarte 4. Klasse nach Gundersheim auvertraut, aber nicht an dem Hebel gezogen. Nachdem man ihn darüber belehrt hatte, meinte er mürrisch: „Lauter neimodische Kräm von idem .Stadtleit, knächft's Mal laaf ich nach, Guuden!" ä —i— Windeckeu, 25. Dez. Ter Arbeiter Bausch, den man anfangs für den Mörder des Pfarrers Thöbes in Heldenbergen hielt, ist infolge der großen Aufregung, körperlich und gerpig gebrochen, sodaß man an seinem Aufkommen zweifelt. Bekanntlich wurden auch die huude gegen ihn in Anwendung gebracht Unter dem Zöeiynachtsbaum. Gießen, 27. Dezember 1904. Die Weihnachtsglocken sind verklungen. Das vorige Jahr hatte uns ausnahinöwcise drei Feiertage gebracht. Dieses Jahr war darum desto sparsamer und bescherte der arbeit- famen Bevölkerung nur einen Feiertag. Samstag war dstsmal das Chrlftkind erschienen und machte den Sonntag zum ersten, den Montag zum zweiten Feiertag, und es halt nuu an, uns noch mehr in der Genügsamkeit und Wirtschaftlichkeit zu üben, inbem es diesmal auch den Neujahrstag zu feinem besonderen Feiertage im Laufe der Woche gestalten wird. In Frankreich haben noch kurz vor dem Feste die Parlamente befchlossen, m solchen Jahren, in denen der 25. Dezember auf einen Sonntag fällt, den Montag darauf —- man spart im festereichen katholischen Frankreich wie in alle» romanischen Landern die großen christlichen Feste nur immer an e i n e m T a g e — fomiejben Montag nach Neujahr zum Feiertag zu machen. Es wird bei uns in Deutschland wahrlich nicht wenige geben, die diesen Beschluß für nachahiiienswert haltew. Draußen und drinnen. Kiirz vor dem Weihnachtsfeste hatte sich erfreulicherweise für mehrere Tage angenehiner leichter Frost eingestellt, der ein schönes klares Frostivetter auch für das Fest zu verheißen schien. Deni Reif war eine Freistatt auf den Siiiisen unb Dächern unb auf den Bäumen vergönnt, die uns wie die rechten Ehrist- bäume anblickten und in ihrer matten Zartheit einen un- gemein seinen Iarbenton den Anlagen, dem Botanischen unb allen Privatgärten sowie namentlich bem Walde gaben unb bie Lanbschast draußen wie mit einem zierlichen, spinnweb- bünnen Spitzengewebe bedeckten. Dann aber kam, just am ersten Feiertage, der Nebel ins Land, unb schließlich beganns zu tauen, unb am zweiten Feiertage hat unsere hebe Stabt Gießen wieber ihr altgewohntes feuchtimfreunbliches Antlitz aufgesetzt. Wem bas Ehrist- kinblein etwa ein neues Rad beschert hatte unb wer es gleich in den Festtagen auf seine Güte erprobte, ber brachte statt bes funkelnden, blitzblanken Stahlrosses eine besudelte, jämmerliche 51arre heim, die Hinterm Ofen ganz hinten, wo sie niemand sieht, am besten aufgehoben schien. So blieb denn der rechte Weihnachtszauber diesmal gänzlich aus, der doch nur dann eintritt, wenn Mutter Erde ihre dickste weiße Winterrobe angelegt hat, wenn die Flocken unaufhörlich vom blaugrauen Himmelszelt herunterwirbeln unb tanzen. Erst bann wirb das Behagen im gesicherten, warmen, weihnachtlich geschmückten Heim von allen Dienschenkindern doppelt angenehm empfunden — ja dreifach angenehm, wenn noch mild waltende Frauenhände es verstehen, reiche Gaben der Küche und des Kellers in vorzüglicher Güte zu spenden. Zn den Kirchen. Erhebende Weihnachtsgottesdienste wurden in allen Kirchen der Stadt abgehalten. Die Gotteshäuser waren gefüllt, em Beweis, welche unwiderstehliche Zugkraft dieses älteste und herrlichste Fest aus das Gemüt jedes Ehristen, des Erwachsenen,wie des eben schulpflichtig gewordenen Kindes, auSübt wohl stets ausüben wird, so lange die Religion der Liebe besteht. Die Andachten waren in gleicher Weise herzergreifend und erhebend. Am heiligen Abend sand in der Kirche zu Klein- Linden die Bescherung der Kleinkinderschule statt. Etwa 70 Kinder wurden mit Geschenken bedacht. Die Feier wurde durch Gesang des gemischten KirchenchorS verschönett. § Burkhards, 25. Dez. Gestern abend fand in der hiesigen Pfarrkirche eine Christ vesper statt. Auf dem Altäre strahlte ein hoher Weihnachtsbaum in seinem Glanze. Vorträge unb zweistimmige Weihnachtslieder der Schulkinder beider Kirchspielgemeinden verschönten die Feier. Aus den Vereinen. Der Kriegerverein zu Klein-Linden veranstaltete am 2. Feiettage im Saale zur ^Deutschen Ejche^ eine Weihnachtsfeier mit einer Verlosung. Lehrer Keil gedachte ber Verlobung Sr. Kgl. Hoheit unseres GroßherzogS unb brachte ein Hoch aus das hohe Brautpaar aus. Veteran ©leger erzählte einige Episoden aus dem Feldzüge 1870/71 und toastete ans den Kaiser. Am Kaiserhofe. Berlin, 24. Dez. Nachdem heute nachmittag ber Kaiser den Bescherungen von den Mannschaften des ersten Garderegiments und die Kaiserin im Neuen PalaiS ber Bescherung der Dienerschaft beigewohnt hatten, fand um 4 Uhr Tafel beim Kaiserpaar statt, an der die hier versammelten Mitglieder der Kaiserfamilie, sowie bie Damen unb Herren ber Umgebung teilnahmen. Hieran schloß sich die Weihnach^- bescherung im Muschelsaal. Potsdam, 26. Dez. Das Kaiserpaar wohnte gestern vonnittag dem Gottesdienste in ber Garnisonkirche in Potsdam bei und kehrte bann zu Fuß nach dem Neuen Palais zurück. An der Familientafel nahmen die in Potsdam unb Berlin weilenden Mitglieder der königlichen Familie teil. Am Nachmittag machte das Kaiserpaar mit den Kindern einen Spaziergang, später arbeitete der Kaiser allein. Heute abend reiste der Kaiser nach Ko bürg. * K l e i n L T a g e S ch r o u i kV Ter Viehhäudler Papa aus Ignaz ewo '(Posen) ermordete fetne eigene Schwefter mit einer Axt. — In Posen beging die 25 jährige Ehefrau des Kaufmanns Ephraim, des Inhabers eines Abz-ahlungsgeschäftes, Selb ft mord, indem sie aus ihrer int 2. Stock beleg enen Wohnung auf die Straße sprang. — In Karlsruhe wurde im K u n ft v e r e i n ein Bild l o s g e r i s s e n und g e ft o h l e n. Es ist ein Gemälde des holländiscl-en Malers Jan Toroop von Patwijk und stellt Mei junge holländische Schneider, die mit Holzschnhen bekleidet auf einem Tische sitzen, dar. Das Blld führt den Namen „Kleedmactcr". Die Staatsanwaltschaft forscht uach dem Täter. — In Wien entgleiste auf der Stadtbahn ein Wagen eines Güterzuges. Der Wagen Aettrürnmerte das starke eiserne Geländer des Viadukts sowie zwei Sandstcinpfeller und stürzte um. Die zahlreichen Passanten konnten sich recl-tzeitig in Sicherheit bringen, sodaß größeres Unglück verhütet wurde. — In der Brusse 1 er Vorstadt Saint Giles beging ein Liebespaar, der 33 jährige Pferdehändler Bclcmnbre und die Dienft)- magd Therese Vtüller aus NLühlhausen im Elsaß,, Selbstmord. Ter Grund für die Tat ist darin zu suchen, daß die Eltern des jungen Mädäi-ens die Zuftimmmig zur Heirat vcrweigetten. Beide lvurd-en als Leichen int Zimmer vorgefunden. — Ter achtjährige Sohn einer Familie in C u t r y (Frankreich) lockte sein 5 jähriges Schwesterchen, welches er seit einiger Zeit haßte, an einen Brunnen und stieß e s h i n e i n. Der Knabe war wiederholt von seinen Eltern wegen Mißhandlung des Kindes beftraft woroen. — Gegen den Bürgermeister einer Ortschaft im Tepartement Soine infericure (Frankreich) ist am ersten Weih- nachtstage ein M o r b n e r s u ch gemacht worden. Ter Bürgermeister wurde, als er sich zum Markte begab, überfallen und durch einen Sä)uß in die Schulter schwer verletzt. Ter Mörder hoffte, den Bürgermeister, der 4000 J-r. bei sich trug, zu berauben, floh aber, als er nicrflc, daß sich noch ein junger Ncann in dem Wagen befand. Der Bürgermeiftier wird sich einer schweren Operation zn unterziehen haben. — lieber bie E i s e n b a h n ka tast r o p h e bei Paris wird noch berichtet, daß int ganzen 13 Leichen geborgen worden sind. Ueb er 50 Personen sind verletzt worben, darunter mehrere lebensgefährlich; eine ist bereits im Hospital gestorben. — In Hamburg wurde der Kunstmaler Anton Aßmussen, welck>cr seit dem 12. Nov. spurlos verschwunden war, als L e i cb e aus der Alster gezogew Ein sabethait billiges) Getränk liefert Meßmer'ü Teesvitzcn. Ein Päckchen ä 15 Pig. ist ausreichend für reichlich 16 Lassen seinen, wohlschmeckenden Tees. Meßnier's Teespitzen, durch ihre Billigkeit jedem Haushalte zugänglich, sollen zur Hcoung des Lee- koniuws beitragen. hv18/»