Nr. 49 Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags. Die „Gletzener LamlllenblStter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^«lfische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schön Universitätsdruckerei. R. Lange, Dießen. Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.7. Del. Nr. bl. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen. Viertes Blatt. 154. Jahrgang Samstag 27. Februar 1904 Gießener Anzeiger Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblait für den Kreis Gießen. Z>er Kampf der deutschcn Acrzte gegen die Sozialdemokratie. Von einem praktischen Arzt. Original-Artikel des „Gießener Anzeigers" (Nachdruck verboten.) ES gehen jetzt vielfach Notizen über Aerztestreiks, Leipziger Verband usw. durch die Presse, welche von den Lesern wohl nicht immer richtig gewürdigt werden. Befindet sich doch anscheinend sogar die preußische StaatS- regierung in dem Irrtum, außer in Köln seien auch noch in einigen anderen Orten Streitigkeiten zwischen Aerzten und Krankenkassen vorgekommen. Wenigstens sprach so der Hanbelsminister Möller in einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses. Tabei wollen wir ihm aber das Lob nicht vorenthalten, daß er ein wärmeres Wort für den Aerzsesland übrig gehabt hat, als sein Reichs-Kollege, der Staatssekretär Gras Posadowsky. Tatsache ist, daß zurzeit in ca. 60 Orten, darunter Städten wie Leipzig, Magdeburg, Düsseldorf, Elberfeld, Bonn, Stettin u. a. mit ebensoviel Krankenkassen Diffe- renzen bestehen, welche zur Weigerung der Aerzte geführt haben, für die Krankenlassen weiterhin zu reuten. Wenn ein Stand, der, wie der ärztliche, sich vom öffentlichen Leben möglichst zurückgehalten hat, der öffentliche Anzapfungen ruhig über sich ergehen ließ und sich wunderte, wenn er ab und zu Artikel über kalte Füße und rote Nasen von schriftstellernden Kollegen in Unterhaltungs-Zeitschriften fand, der seine Hauvtbefriedigung in seiner Berufs- und stiller wissenschaftlicher Tätigkeit auch unter mancherlei Entbehrungen und Widerwärtigkeiten suchte, wenn ein solcher Stand aus seiner Zurückhaltung heraus und mit einem Sprung mitten in den Strudel; -es öffentlichen Lebens tritt, so muß das seine guten Gründe haben. Es ist als erwiesen anzuschen, daß die Mehrzahl /er Krankenkassen stark sozialdemokratisch -urchsctzt sind. Auch der Leipziger K'rankenkassentag war ja fast ausschließlich von Sozialdemokraten besucht. Diese leugnen die Tatsache nur noch schwach. Aber ein einfacher Schluß sagt doch, daß die Sozialdemokratie, eingedenk des alten Satzes von dem im Stich gelassenen Bundesgenossen, der dem Feind nolens volens in die Arme getrieben wird, beziehungsweise die von der Staatsregierung verleugneten Kinder an ihren Busen nehmen und mit aller ziehmutterlichen Sorgfalt umgeben mußte. Tie ärztefeindliche Taktik der Sozialdemokratie, der Beschützerin aller mit der Negierung in Konflikt Befindlichen aus Prinzip, ist aber durch die enge Liierung mit der ganzen Organisation der Krankenkassen, deren Stellen sie vielfach besetzt, in deren Vorständen sie sitzt, hinreichend erklärt. So kann man in übertragenem Sinne bet dem Kampf gegen die Kranken lassen von einem solchen gegen die Sozialdeino- kratie sprechen. Tie flieg ierung hat ja anläßlich der Novelle zum Kran- ienversicherungs^NLsetz es abgelehnt, die Stellung der Aerzte gesetzlich zu regeln. So waren die Aerzte darauf angewiesen, sich selbst für die erheblichen Mehrleistungen, welche ihnen das Gesetz in der Erhöhung der Unterstützungsdauer von 13 auf 26 Woä>en und Einbeziehung der Geschlechtskranken, bie bisher keinen Anspruch auf kassenärztliche Leistungen hatten, ausbürdet, in geeigneter Werse schablos zu halten. Taß bei dieser Gelegenheit die berechtigten Forderungen der Aerzteschaft, nämlich Erhöhung der Honorare, deren Kümmerlichkeit ja aus den Verhandlungen des Reichs- tags genügend bekannt ist, Einsetzung von Schiebsgerichlen für Streitigkeiten, die bisher natürlich ganz willkürlich seitens der Kassenvorstände „geschlichtet" wurden und, wo dies erforderlich fdyicn, Einführung der freien Arztwahl, generell erhoben wurden, war klar. Ein neben dem Te ritschen Aerztevereinsbund existierender Verband der Aerzte TeulschlandS zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen hat In jenen Tagen einen fabelhaften Aufschwung genommen. Und obwohl der Beitritt vollkommen fveiwillig ist, sind jetzt bereits die Hälfte aller deutschen Aerzte Mitglieder des VerbandeS. UnD dieser Verband bat eS sich eben zur Pflicht gemacht, mit seinem Kapital den Aerzten gegen die Kassen beizustehen. Tenn lvie überall, gehört anck> hier zum Kriegführen Geld, Geld — und nochmals Geld. Dem einzelnen würde es natürlich meist nicht möglich sein, diese Macht des Kapitals inS Feld zu führen. Ten Krankenkassen wird das schon leichter. Sie haben fast durchweg nicht die Höchstleistungen an Beiträgen gefordert, sondern sind erheblich hinter denselben zurückgeblieben. Sie haben ferner Die Leistungen lveit über das gesetzlich, vorgeschriebene Maß erhöht. Und das alles aus Grund der Ersparnisse, die sie gemacht haben. Und diese Ersparnisse sind an d e n ä r z t l i ch e n H o n o- raren gemacht worden. Früher, ohne Organisation, war jeder Arzt der Sklave seiner Krankenkasse. Muckte er auf oder wollte er oescheidenllich anläßlich der Mehrarbeit auch mehr Honorar, so konnte er seine Kasse schleunigst an einen anderen weniger anspruchsvollen ad- treten. Ta schwieg er lieber. Tie Kassenrendaliten dagegen wurden nachweislich stets brillant bezahlt. Hat es doch im preuß. Abgeordnetenhaus kein geringerer als Minister Möller als ungesunden Zustand bezeichnet, daß fliendanten Einkommen von 10- und 17000 Mark hatten. Alles dies wäre aber noch annehmbar, wenn nicht jetzt diese anvcrtrauten und zum Besten der Kassenmilglieder bestimmten Gelder in einer unverantwortlichen Weise im Interesse des Machtkitzels der Kussenvorstände verschleudert und so ihrem edlen Zweck entzogen würden. Anstatt nämlich den Aerzten eine geringe Honorarerhöhung zu gewähren, geben die Krankenkassen Unsummen aus, um durch Seiidboten, Verrnittlungsbuceaus rc. fremde Kassenärzte herbci^uziehen. Darüber sterben so und soviel Leute infolge uiigenügender ärztlicher Versorgung, wie in Köln tatsächlich vorgekommen, alle aber leiden darunter. Und das Ende ist, daß außer den sestangestellten neuen Kassenärzten doch die alten zu den geforderten Bedingungen angestellt werden müssen, weil man nicht den notwendigen Ersatz gefunden hat. Es ist aber auch vorgekommen, oaß Die Kassen ihren Aerzten die geforderte geringe Honorarerhöhung üerrecv- gect und nun Stellen mit viel höherem Holiorar ausgeschrieben haben, nur u mdie alten Aerzte ihre Macht fühlen zu lassen. Tre Kassenmitglieder sind mit diesen Vorgängen meist nicht einverstanden, werden aber nicht gefragt, und wenn sie reden unb sich beschweren wollen, durch ihre Arbeli- geber mit Verlust ihrer Stellen bedroht, wie dies in Gera lMuß) wiederholt vorgekommen ist. Dies alles sind Dinge, welche die Langmut der deutschen Aerzte erschöpft haben. Der Aeskulapstab hat sich zuerst in einen Thhrsus- und bann in einen Marschallstab verwandelt und in seinem Zeick>en werden wir nicht eher ruhen, bis der letzte Mann unserem Leipziger VerbauD beigetreten und bis der Sieg auf der ganzen Linie unser ist. Dann wird vielleicht Die flleichsregierung die Sache der deutschen Aerzte für „spruchreif" halten. Kesstlcher «Landtag. R. B. Darmstadt, 26. Febr. Am Ministertisch: Staatsminister Rothe, Finanz- miniestr Dr. Gnauth, Ministerialräte Brann, Ewald und Rohde. Erster Gegenstand der heutigen Beratung ist die Besprechung der Interpellation Reinhart und Gen. in Betreff des Bahnbaus Vntzbach-Lich. Abg. Reinhart spricht zunächst der Regierung seinen Dank aus für die schnelle Beantwortung der Anfrage. Die Jutervellation sei gestellt worden zur Wahrung der Würde Dieses Hauses und nicht etwa aus Dar- telpolitischen Beweggründen. Es mußte sich darum handeln, hier eine Klarstellung über die im Lande umher laufenden Gerüchte herbeizuführen, die geeignet sein könnten, das Ansehen der Kammer unb des einzelnen Abgeordneten herabzusetzen. Tie Negierungsantwort habe nun bestätigt und Abg. Boutz habe auch selber zugestanden, 33 000 Mark Provision von Der Firma Lenz u. Co. erhalten zu haben. Er habe bie Obligation zum Preise von 94 Prozent übernommen und an bie Gemeinden weiter verkauft. Das habe er selber zugegeben, aber habet im Unklaren gelassen, ob er bie Gemeinden von dem Kursunterschied 94:100 unterrichtete. Der Abgeordnete habe sich auch erlaubt, die Tätigkeit des Präsidenten Haas und des Redners mit seiner eigenen Asfaire auf eine Linie zu stellen. Er müsse dem Abg. Haas überlassen, daraus zu erwidern. Wenn aber Der Abg. Joutz auch des Redners Stellung als Aussichtsrat für Handel uno Industrie hier herangezogen habe, so weise er diese Unterstellung auf das Entschiedenste zurück und protestiere dagegen, daß hier bie Privatangelegenheiten eines Abgeordneten mit seiner Stellung als Abgeordneter vermischt werden. Ein Abgeordneter müsse sich doch voll bewußt sein des Verhältnisses zwischen seiner Stellung als Geschäftsmann und als Volksvertreter und Da eine sehr scharfe Grenze ziehen. Wenn er das nicht tue, so verliere er seinen Wert als Mitarbeiter am Gemeindewohl. Es sei seit den 25 Jahren seiner parlamentarischen Tätigkeit das erstemal, daß man einen solchen Versuch, wie der Adg. Joutz, gegen ihn mache und er weise diesen Angriff nochmals aufs Entschiedenste zurück. Abg. Dr. Gut f lei sch führt aus: Abg. Reinhart habe mit Recht erwähnt, daß es sich hier nicht um eine Angelegenheit einer Partei handle, wenn auch die Interpellation von den Mitgliedern einer solchen unterzeichnet sei, sondern um die Ehre unb das Ansehen dieses Hauses. Als er zum erstenmal davon hörte, daß Abg. Joutz mit der Erbauung der Linie Butzback^Lich einen Erwerb verknüpft habe, und zwar einen sehr bedeutenden Erwerb, habe er großen Zweifel Daran gehegt und sich eingehend darnach erkundigt, leider aber bald die Bestätigung deS Gerüchts. erfahren. Es sei aufgefallen, daß Joutz bei seiner Verhandlung mit den einzelnen Gemeinden nirgends etwas davon erwähnte, daß er persönlich an der Sache mit einer solch hohen Einnahme beteiligt sei. Ein Gründer- gereinn für eine Beteiligung an der Finanzierung sei ja nichts Besonderes, aber die Höhe der Summe, der Betrag von 6 Prozent setze ihn in Erstaunen. Es handle sich doch nur um ein kleineres Unternehmen im eigenen Lande, woran bie kleineren Unternehmer interessiert sind, und nicht um irgend eine exotische Gründung. Käme Herr Joutz nur als Geschäftsmann hier in Betracht, so würde kein Wort weiter darüber zu verlieren sein, auch wenn er 6 Prozent nahm. Aber Herr Joutz sei auch Abgeordneter und der Vertrauensmann seines Wahlkreises; er stehe somit im Dienste der öffentlichen Interessen und der gemeinnützigen Tätigkeit. Dian messe den Wert eines Mannes nach dem I. S. Machs Matthäuspasstorr. Mas wir hier über Inhalt und Gestaltung des Wertes zu sagen vermögen, das kann natürlich die Eingabe des andächtigen Hörers selbst nicht ersetzen. Es Dürfte ober gerade in unserer Zeit geboten sein, diese Hingabe an das Werk auch inhaltlich vorzubereiten. Auch ist uns modernen Menschen bie Fähigkeit zu der hier erforderlichen naiügläubigen Hingabe mehr oder weniger abhanden gekommen unb wir müssen uns in den Geist Der Zeiten wiederum zu versetzen suchen, da man wahrhaft gläubig unb ohne bes Zweifels Stackiel sich in den Geist bes Evangelisten versenkte und feinen Bericht einer Offenbarung gleich annal)m. Welche Stellung Demgegenüber aber auch bas moberne Empfinden einnehmen möge, es wird diesen reinen unmittelbaren Glauben als eine Quelle reinster, menschlichster Gesinnung, edelster Güte stets zu achten haben. Wo gäbe es den Meister, der unserm Johann Sebastian Bach eben in der Behandlung geistlichen Stosses gleich käme, geschweige denn, überlegen wäre!'? Wenn irgend einer, bann hat es Bach vermocht, sich mit Der reinsten, wahrhaftigsten Gläubigkeit in Diesen Stoss zu versenken und dieser Gläubigkeit einen AusDruck zu verleihen, wie er anschaulicher nicht gedacht werden kann. Ten Kern des Werkes nehmen Das 26. unD 27. Kap. Des Evangeliums Matthäi ein. Dieser Teil des Evangeliums wird vollständig in Musik gesetzt: die redenden Einzelpersonen, der Evangelist, Christus, Judas, Petrus, Pilatus und Der Hohepriester, zween falsche Zeugen, Die Jünger, das Volk, Die Schriftgelehrten, sie alle finden Den ivahrhafteslen Ausdruck in Form von Rezitativen, an den bedeutsamsten Stellen erweitert und hervorgehoben durch eine breitere Begleitung nach Art eines Arioso, in kurzen, höchst charakteristischen Chorsätzen usw. Hinzugedich- tut ist als oratorischer Teil die Figur einer Tochter Zion mit dem zu ihr gehörigen Chor der gläubigen Seelen. Ter Dichter des Textes war ein Leipziger Postbeamter, BicanDer Henrici, Dem Bach dazu manchen Mnk gab. End- Üch sinD eine Reche Der schönsten in diesen Zusammenhang zehoriger Choräle in vierstimmigem Satz eingefügt und (ragen zur Veniefung, zur Verdeutlichung wesentlich bei. Eie zwei dem Evangelienbencht eilige fügten Teile geben bem ganzen Werke jein Gefüge. Bach hat aber Die Figur der Tochter Zion musikalisch nicht als Einzelstimme persönlichen Charakters beibehalten: „Er löst ihren persönlichen Charakter vollständig auf, indem er ihr musikalisch eine eigene Stimme verweigert. Tie Tochter Zion singt chre Soli als Alt, Sopran, Tenor und Baß; sie singt sie in Form von Duetten und als Chor". Als Chor leitet sie das Werk ein; sein erster Teil zerfällt in Drei Hauptbilder: a) Jesus mit feinen Jüngern und Die Einsetzung des Abendmahls, b) Jesus auf Gethsemane unb c) Tie Gefangem.ehmung. Im zweiten Teil fobann ist bie rasch uno reich bewegte Handlung in vier Abschnitte gegliedert: a) Vernehmung Christi vor Dem hohen Priester; als Anhang zwei Episoden: Die Verleugnung des Petrus und der Tod des Judas, b) Christi Verhör durch Pilatus, c) Tie Kreuzigung auf Golgatha mit dem Nachspiel in Der Erzählung von dem Erdbeben und d) Abschluß Des Ganzen durch wesentlich oratorische Ergänzung. Im Einzelnen dürfen wir den Berietet des Evangelisten Matthäus als bekannt voraussetzen. Eingeleitet wird er durch einen Dialog in Chorform, in dem Die Klage um Das Leiden und den Tod des Herrn in beweglichen Me- lodieen angestimmt und Durchgeführt wird. Tochter Zion ruft zur Klage auf; Die Gläubigen fragen in Ueberraschung unb Entsetzen bis sie sich mit Der Klage vereinigen. Es ist eine rührende unb Dramatische Szene, zu der m feierlichem Kontrast, wie eine lichte Erscheinung aus der andern Welt ein Knabenchor im unisono Den alten Passionschoral: „O Lamm Gottes unschuldig" anstimmt. Es folgen nun die Reden Jesu und der Jünger, wie auch Die Beratungen Der Schrifkgelehrten und Hohenpriester. Nach der ersten Verkündigung Fksu, „daß er gekreuzigt werde" setzt Der Choral: ,Herzliebster Jesu, was hast Tu verbrochen" ein. Nach v. 13 Ev. folgt ein stimmungsvolles Altsolo: „Tu lieber Heiland du" mit Der Arie: „Buß unb Reu", in dem entgegen dem törichten Benehmen der Jünger daS redjite Mitempfinden zum Ausdruck kommt, fllach dem Verraisanerbieten des Judas erhebet Tochter Zion in einer Sopranar.e: „Blute nur, du liebes Herz" Klage um diesen schwarzen Undank und Verrat. Auf bie Frage Der Jünger, als ihnen Jesus ben Verrat vorher- |agt; „Herr Dm ichs", ein nur 5 Satte langen Chorsatz ui der reich,.en Modulation des Ausorucks folgt der «Choral: „tz,ch bin y iu) jultte vutzeu". Tie nun lolge.we Einsetzung des Abendmahls ist auch musikalisch der hervorragendste Abschnitt in den Reden Christi. Hier erhebt sich fein Sprechen zum Gesang, der singend von Den Instrumenten begleitet iuirb; diese Art der Hervorhebung Der wichtigsten Stellen ist charakteristisch auch für Die Nebenpersonen : „Es ist eine lebhafte, Den Einzelheiten Des Tertbildes nackMhende Deklamation, bie an wichtigen Stellen in musikalische Figuren Übergeht, um zu malen (Kretschmar). Eine Sopranarie: „Wiewohl mein Herz in Tränen schwimmt" feiert Die Einsetzung Des Abendmahls als das Testament Christi in einer eigentümlichen Mischung von Entzücken und Abschiedstrauer. Tie zweite Szene beginnt mit einem musikalisch atpt* lich hervorgehobenen TeU der Reden Christi: „ich werde den Hirten schlagen usw." Hieran schließt sich der Choral: „Erkenne mich mein Hüter". Ten größten SLeil Der Geth- semaneszene füllt Bach mit betrachtenden Stücken unb sie sind hier mehr.als sonst am Platz; Denn Der Herr in höchster Not, von Verzweiflung ersaßt, bittet feine Jünger reieber unD wieber, ihn nicht zu verlassen, mit ihm zu wachen — unb sie schlafen. Tenorsolo mit Dem Chor Der Gläubigen zweimal hintereinander ergeht sich in schwerer Klage und darauf in ernster Freude: „O Schmerz, hier zittert das gequälte Herz", „Was ist Ursach solcher Plagen" singt Der Chor dazu. In der Haupt-Arie gelobt der Stimmführer Dem Heiland Treue und per Chor malt wie aus der Ferne den Erfolg dieses Gelöbnisses: „Ich will bei meinem Jesu wachen" und „So schlafen unsere Sünden ein". ES sind zwei Bilder, die in Der Form streng gesondert und im Inhalt das eine Der Reflex Des andern sind. Ter Sologesang — noch beredter als er fast die Solooboe mit eigentümlichen schiveren und trüben Akzenten gemischt — eine Melodie ernster hingebungsvoller Freudigkeit und der Chor dazu eine sanfte und zarte Sck)luminermusik, roie nach vollbrachtem Werk. — 'Nun folgen wir Dem Evangelium bis zur Gesangennehm- ung — die eingeschaltete Baßarie wird meist ausgelassen und nur der Choral: „Was mein Gott will, das g scheh allzeit" auf Die Worte Jesu: „Ich trinke ihn denn; so geschehe Dein Wille" gesungen. Ten Akt Der Gefangennehm- ung hat Bach zu einem der gewaltigsten Dramatischen Bilder gestaltet, das die Musik kennt. Es ist ein Meisterstück des genialen Realisten voll elementaren Schwunges Maß seiner gemeinnützigen Wirksamkeit, das Gegenteil sei die Eigennützigkeit. Derjenige, der in Aussicht aus die letztere arbeite, sei an fich schon stigmatisiert, man sagt, er steht unter der Herrschaft seiner privaten Interessen. Das Ansehen des Abgeordneten beruht doch darin, daß jedermann denkt, er spricht und handelt im öffentlichen Interesse, nicht im eigenen. Was sollte daraus entstehen, wenn es üblich würde, ans solchen Unternehmen, die doch im Landtag zur Verhandlung kommen, Nutzen zu ziehen? Die Folge würde sein, daß im Lande ein tiefes und wohlbegründetes Mißtrauen gegen die Abgeordneten entstände. Wenn der Glaube der Wähler an uns, daß wir uneigennützig unsere Pflicht erfüllen, verloren geht, so müßte ein ganz unberechenbarer Schaden für das öffentliche Leben entstehen. Abg. Joutz erklärt, er habe 9—10 Jahre für das Unternehmen viel Mühe und Arbeit gehabt. Ja, darin unterscheidet sich ja gerade der Abgeordnete von dem Ge- schüstsniann, daß er freiwillig und uneigennützig seine Kraft zur Verfügung stellt. In demselben Moment, in dem der Abgeordnete die 33 000 Mark bezog, konnte ihm jeder sagen: Du hast also für jeden Tag so und so viel Entschädigung als Abgeordneter bezogen. Der Abgeordnete muß meines Erachtens sein und bleiben der Gläubiger feiner Tätigkeit im Wahlkreis, er muß, wenn er sein Amt niederlegt, sagen können: Ich war derjenige, der einen ,Teil feiner Kraft dem Gemeindedienst widmete. Wenn er aber Geld bezieht, dann hört der Dank aus und das beklage ich Ich beklage, daß Herr Joutz die Position des Abgeordneten herabgedrüclt hat auf die Praxis des Geschäftsmannes. Ich habe in den letzten Tagen viel Urteile über die Angelegenheit vernommen, aber alle stimmten darin überein, das hätte ein Abgeordneter nicht tun dürfen. Es führt zu einer falschen Beurteilung der Abgeordneten und schmälert das Ansehen des Hauses, es geschieht der -Stellung der Abgeordneten ein wesentlicher Eintrag. Abg. Haas bemerkt, er habe nach der Darlegung des Abg. Reinhart keine Veranlassung mehr, auf die Interpellation selber einzugehen. Er fei aber durch den Abg. Joutz in die Debatte hineingezogen worden und deshalb seiner Ehre schuldig, auf die Angriffe zu antworten. Joutz habe mit seiner Bemerkung, daß er, Redner, auch in amtlicher Stellung an der Landwirtschaft verdiene, wohl nur sagen wollen, daß seine (Joutz) Handlung eine vollständig loyale sei. Aber wenn er auca den Redner mit diesen Worten pickst verdächtigen wollte, so hätten sie doch eine solche Wirkung gehabt und wären in der Presse ausgenutzt tooröen. Er habe sich seine Stellung im Reichsverbande der landwirtschaftlichen Berufsgenviserischaften erworben und das Amt mit Zustimmung der Regierung gegen einen festen Gehalt übernommen, aber er führe feine übrigen Stellungen als Ehrenamt und habe nie persönliche Vorteile daraus gezogen. Er muffe es deshalb weit zurüclweifen, auch nur jemals seine Stellung in der Weise, wie Abg. Joutz, ausgenutzt zu haben. Wenn er in der Kammer für die Interessen der Landwirtschajt eintrete, so habe dies mit seiner Leriifsstellung nichts zu tun. Sein Eintreten für die Landwirtschaft sei rein und fleckenlos, und das hier öffentlich zu erklären, sei er seiner Ehre und seinem Namen schuldig. Abg. Joutz verteidigt seine Handlungsweise in längeren Ausführungen. Er habe fast zehn Jayre hindurch mit aller Kraft gearbeitet, um den für seinen Wahlkreis so notwendigen Bahnbau enMicb zustande zu bringen. Tiefe Tätigkeit sei aber eine Privatsache gewesen und habe mit seiner Stellung als Abgeordneter nichts zu tun, dürfe daher auch hier nicht zusammengeworfen werden. Tie beregte Provision sei ihm von der Firma Lenz u. Co. angeboten worden und warum hätte er sie da nicht annehmen sollen? Geschädigt worden sei niemand dadurch, die Gemeinden hätten eher einen Vorteil davon, denit sie bekämen 4 Proz. Verzinsung. Andererseits wäre ohne die bou ihm bewirkte Unterbringung der Obligationen der Bahnbau überhaupt nicht zur Ausführung gerommen. Tie Interpellation fei von seinen alten politischen Feinden ausgegangen, die halten ihn in der Oesfentlichteit herabfetzen luollen. Er chabe auch noch verschiedene anöere Bcrhnprojekte zu bearbeiten und zahle für diese Tätigkeit Steuer, er werde von allen Seiten um Rat oder Mitarbeit ersucht; auch ein sozialdemokratischer Abgeordneter habe ihn darum angegangen. Abg. Gutfleijch habe ihm damals auch im Hause gesagt: Was Sie, Herr Jouk, in einer Zett fertig brachten, wo für nichts Geld übrig ist, das maajt Ihnen so leicht feiner nach! Im Jahre 1901 feien viele Eisenbahnunternehmungen verkracht, und er fei wirtlich froh gewesen, baß er die Firma Lenz u. Co. fand, die 751000 Mk. auf sich nahm. Es seien doch weder der Staat, noch die Gemeinden geschädigt worden. Redner verliest ein Schreiben der Firma Lenz u. Co. vom 24. Nov. 1901, woraus ersichtlich sei, daß zwischen ihm und der Firma ein reines Privat- ubkommen getroffen wurde, wovon deii Gemeinoen Kenntnis zu geben er sich nicht für verpflichtet erachtet habe. Er habe zuerst versucht, eine Gesellschaft zu bilden oder die Aktien bei Banken unterzubringen, aber es habe sich nur ein Liebhaber für 1U00 Mk. gefunden. Tann habe er den Gemeinden gesagt, wenn sie die Bahn haben wollten, müßten ie die Obligationen übernehmen. Tie ganze Sache stellte ich also im Geschäftsleben als etlvas ganz natürliches rar. Tie Firma Leitz u. Co. habe ihm Nicht gesagt, daß sie den für ihn bestimmten Betrag in dem oer Regierung vorgelegten Voranschlag mit ausnehmen werde, als er dies aber erfuhr, habe er sofort sein ganzes Abkommen mit der Firma öffentlich betumit gegeben. Sein Verdienst dabei sei von ihm auch sofort bet oer Steuerbehörde angemeldet worden. Tie Firma habe ihn mit der Provision anfpornen wollen. Daß sie mit dem Bahnbau Geld veroiene, jet doch klar, und die Gemeinden hätten auch großen Vorteil von der Bahn, auch der Staat durch vermehrte Steuerkraft. | Er sei auch heute noch der Ueberzeugung, daß er durcu die Erbauung der Bahn großen Nutzen gestiftet habe, und nehme für sich das Wort Kants in Anspruch: lieber mir der gestirnte Himmel, das sittliche Bewußtsein in mir! Man solle ihm doch nachweisen, daß er irgend jemand geschädigt habe. Abg. Ulrich bemerkt, Abg. Joutz habe zwei Seelen in der Brust, den Geschäftsmann und den Abgeordneten. Wir hätten keine Veranlassung, uns mit der Sache zu beschäftigen, wenn er nicht auch Abgeordneter wäre. Gegen das Geschäft sei gar nichts zu sagen, nur daß es ein Abgeordneter machte und seine Stellung mit dem Geschäftsmann verquickte, sei zu bemängeln. Ter springende Punkt sei, ob die Gemeinden von den 6 Proz. Provision gewußt hätten, und das sei nicht der Fall; sie müßten sich jetzt als die Geschädigten fühlen. Ein Geschäftsmann konnte das Geschäft machen, ein Abgeordneter durfte es nicht tun. Abg. Molthan erklärt, daß er sich namens seiner Parteifreunde den Ausführungen des Abg. Tr. Gutfleisch anschließe. Abg. Kprell mißbilligt ebenfalls das Verfahren des Abg. Joutz. Abg. Reinhart bemerkt, daß Abg. Joutz trotz feiner (des Redners) Versicherung die Interpellation als einen Ausfluß des politischen Hajses bezeichnet habe. Abg. Joutz habe mit seinen Ausführungen noch keine volle Klarheit über die Sache gegeben, was das Haus doch wohl verlangen könne. Er habe auf die Gemeinden einen gewissen Zwang ausgeübt, indem er ihnen sagte, wenn sie die Bahn habeil wollten, müßten sie die Obligationen übernehmen. Tamil seien die Gemeinden auch direkt geschädigt worden. Sehr erwünscht wäre eine Erklärung über die Stellung der Gemeinden zu der Sache. Redner protestiert schlietzlich noch- nials dagegen, daß Abg. Joutz zwischen seiner Handlungs- iveife und der Privattatigtert des Redners einen Vergleich ziehe. Abg. Weidner spricht sich ebenfalls abfällig über den Abg. Joutz aus und bedauert, daß derselbe nicht den Abgeordneten vom Geschäftsmann zu trennen verstanden habe. Er nahm zuerst an, daß Abg. Joutz im Laufe der Juhre lehr erhebliche Auslagen hatte, aber näheres sei darüber llicht vorgebracht worden. Wenn die Obligationen nicht unterzubrtilgen waren, so hatte er die Gemeinden und den klnternehmer davon benachrichtigen sollen. Tie Firma hätte, wie sie erklärt haben soll, den Gemeinden auch vielleicht das Geld'zu 3y2 Proz. gegeben. Finanzmtnister Tr. Gnauth bemerkt, daß das bescheidene Verdienst, die Angelegenheit herausgefunden und aufgeklärt zu Haden, dem Finanzministerium gebühre. Er werde auch in Zukunft in allen Eisenbaynangelegenheiten mit jedem Mitglied des Hauses zufammenarbeiten und ihm mit der Achtung begegnen, die seiner Ehrenstellung ent- fpricht, mit Ausnahme jedoch des Abg. Joutz. Nachdem sich Abg. Joutz noch kurz verteidigt, ist die Besprechung über die Interpellation erledigt. Tie Kammer setzt daraus die Etatsberatung beim 7. Hauptabschnitt: Landeskultur und Landwirt- fchast fort. Kap. 70, Landeskreditkasse, wird in Einnahme und Ausgabe mit 9,2 574 Mk. angenommen, ebenso der Landwirtschaftliche Tispositionssonds von 3000 Mk. Beim Kapitel Landwirtschaftliche Versuchsstation, Eiluiahme 42 660 Mark, Ausgabe 80 630 Mk., Wein- und Obstbauschule zu Oppenheim, Einnahme 27 300 Mk., Ausgabe 53150 Mk., Obstbau- und landwirtschaftliche Winter,chule zu Friedberg, iRnnahme 6760 Mk., Ausgabe 25 400 Mk., Landwirtschaft- >christliche Winterschulen, Ausgabe 61300 Mk., landwirtschaftliche Haushaktungsfchulen 3500 Mk., Molkereischulen uO*OO Mk. Hier wird ein Antrag S t ö p l e r angenommen, den Betrag, der für die Schute zu Lauterbach bestimmt ist, um 2o00 Wit. zu erhöhen. Bei Kap. «3, Lanowirtschaftliches Vereins- und Ge- nvssenschaftswesen, weroen ats Beitrag zu den Kosten des Landwirischastsrats 15000 Mk. verlangt. Abg. Tr. Hei- d e n r e i ch fragt, wie es mit den Vorarbeiten für eine berufsmäßige Vertretung der Landwirtfchajt stehe und wann Die Vorlage über die Errichtung einer Landwirt- jchaststammer zu erwarten fei. Ministerialrat Brann macht über den Stand dieser Frage nähere Angaben unb bemerkt, daß nach dem gegen- luärtigen Landtag eine Vorlage über dte Landwirts UM ts- tiunmer gemacht werden würde. Bei uap. <6, Booenmetiorations- und Wasserversorg- ungswesen, entipinnt stcy nua; eme lungere Debatte. Abg. Lensfetder vertangr, daß die Melioration des Rieds endlich enr.g.,u.) m Angriff genoninnn werde, worauf Ministerialrat Braun erwidert, es würde das schon längfl gefchehen sein, werde aoer noch immer durch den Wider stuno der Gemeinoen verymoert. 2)ie Ptäne für eine rationelle Entwas,erring oeS bneo lugen jajion dato 20 Jahre im Ministerium fix und fertig da, und das ganze Ried könnte schnell in einen btutjuiuen uutiurzuftano gebracht werden, wenn nicht die Gemeinden fortgrsttzt oagegen wären; jetzt befinde sich die Kultur oort eher im Rückgang. Yi.bg. Köhler ersucht, für eine schnellere Vornahme der Feldbereiiiigung Sorge zu tragen. Wenn sich in einzelnen Gemeinoen ein Wider,lano dagegen zeige, müßte eo. Zwang augewendet werden. Besitze man int Lanoe teine paffenden Kuliuringenieure uno Arbeiter, so mus,e man sie von auswärts holen. Es ,äßen in manchen Ge- nieinbeuertrelungen Bveryesstns v.ere Tunimtop,e, nut denen die Bürgermeister ihre tii.be Rot hatten; für eine oeldbereinigung hatten Dieselben natürlich ke.n Ver- ftandnis. Adg. Haas spricht: sich gegen die Anwendung von und doch reich an fein beobachteten und naturgetreu wiedergegebenen Einzetzugen. Im Gegensätze bereinigen sich wiederum Tochter Zion und der Gyor der gläubigen Seelen: Zwiegesang von Sopran- und Altsolo in heftig sagenden Melodieen um) weinenden Gesängen, während der Chor in kurzen entrüsteten, empörten Ru,en den Scher- gen fein „Halt! Bindet nicht!" zuruft, bis in-dem Stuck: „Sind Blitze, sind Tonner usw." in den dröhnenden und rollenden Baßfiguren und in den zischenden und bebenden Violinen alle Wetter losdrecken. ^cr Ehorsatz wird acht- stimnng und treibt zur hoch.ien Wut, b.S er bann in seinem Charakter in den Ton der Kiage euununbet. Ganz in den kirchlichen Eyaraiter der Pasfion lehrt Bach bann mit dem Schlußchor des erfreu Tecks zurück, eine seiner umfangreichsten Ehoralphanlajien über den ackGa,fischen Pa,,ions- chvral: „O 'Menfch bewein Tein Sünde groß". Der -sopran hat die führende Melodie, die nötigen Stimmen um* schreiben mit selbständigen Themen, oas Orchefier ver- vollfrandigt das grogaruge iLtimmungsbild durch alle Stufen der Klage bis zum puthersteyen Ausbruch des bitiern Schmerzes. Schluß folgt Zwangsmaßregeln aus. Ministerialrat Braun hält eine Ueberstürzung nicht empsehienswert. Im übrigen beschickst der Redner die uoin '21bg. -Lensfelocr ang.engte MeiWrution de» Ried, die bisher nur an der abityneiioen yattung dec Gemeinden gescheitert sind; nut einer radoneticn i-riuwusserung ließe । tu/ dort leiust ein brühendes, sruckstvareS Kulturland fchafsen. Abg. Weidner spricht noch die Hoffnung ans, daß das große Wert der Bodenrierbef^rung ocy oberen Bogels- bergeS, oie in so dantenswerter Wei,e in dem „General- tulturplan" des Willi,leriairats Braun vorgesastagen werde, reckst bald zur Durchführung kommen mochte. Nach einigen weiteren Bemerkungen bex, eibgg. H äu- s e l uno Bahr sckstteßt die Debatte und das Haus nimmt oie 5eapirei: KulturiNfperiion, Einnahme 4j 7uu wuiri, Aus gäbe 14z luO Marr u.io 33OO Matt, o-elbbereinigungsive,en 000 L'iark UNO Auiiorstung von Gi-ineindewu,iUngiN und Rieliorationen von Huuoeiden im oberen Voge^Sbe^g, 6uüu Marl, an. Die Sitzung wird darauf um V22 Uhr vertagt Nächste Sitzung: Dienstag vormittag 10 Uhr. AntialkokoliLer-Fersammrnnfl. -0- Gießen, 27. Februar. Die am Donnerstag abend in dem Turnsaale der Stabt* knabenschule einberufene Versammlung des Bezirksvereins Gießen gegen Mißbrauch geistiger Getränke war recht gut besucht. Vor allem merkte man den Anwesenden an, daß sie von der Ueberzeugung durchdrungen waren, es müsse nun endlich einmal zur Tat geschritten werden. Rach einer Ansprache des einstweiligen Vorsitzenden, Pfarrer ). Schlosser, wurden die Satzungen im wesentlichen nach dessen Entwurf angenommen. Wir heben daraus hervor, daß die regelmäßigen Mitglieder einen Jahresbeitrag von mindestens 2 Alk. zu zahlen haben. Dafür erhalten sie die Vereinszeitschrift, die bekannten grünen Hefte. Weiter ist Sorge getragen, daß auch Mitglieder, die nur 50 Pfg. zahlen, oder auch nur bestimmte Arbeitsleistungen übernehmen, an dem Vereinsleben vollen Anteil haben. Solche empfangen die in Berlin erscheinenden „Blätter zum Weitergeben". An der Spitze des Vereins steht ein von der Hauptversammlung gewählter Ausschuß von 15 Mitgliedern, der sich jedoch durch Zuwahl auf die Zahl von 21 Mitgliedern bringen darf. Die praktisch wichtigste Bestimmung ist die, daß für die einzelnen Vereinsaufgaben besondere Ausschüsse gebildet werden, öie ihre Arbeit ziemlich selbständig treiben und durch ihre Vorsitzenden im Ausschuß vertreten fein sollen. Bei der dann vorgenommenen Wahl wurden folgend, Mitglieder in den Ausschuß gewählt: 1. Prof. Dr. Som mer, 2. Medizinalrat Dr. Haberkorn, 3. Dr. Ploch, 4. Land- gerlchtsrat Prätorius, 5. Dekan Bayer, 6. Buchdruckerei- besitzer Lange, 7. Kaufmann E. Krumm, 8. Frau Medizinalrat Folie nius, 9. Pfarrer Schwabe, 10. Rektor Hahn, 11. Geh. Rat Prof. Dr. Gaffky, 12. Pfarrer ). Schlosser, 13. Medizinalrat Dr. Rouge zu Hungen, 14. Oberamtsrichter Mickel zu Grünberg, 15. Dekan Strack zu Leihgestern. Sodann wurden die Aufgaben des Vereins besprochen und das Arbeitsprogramm entworfen, wobei namentlich Prof. Dr. Sommer die Rotwendigkeit, in ganz anderer Weise als bisher alkoholfreie Ersatzgetränke zu schaffen, betonte, und dabei an die Mitwirkung der Damen appellierte. Man einigte sich, vier Ausschüsse zu bilden: L für Beeinflussung der öffentlichen Meinung, auch durch die Presse, sowie die Gesetzgebung und Verwaltung, II. für Gasthausreform, Schaffung von Ersatzgetränken, III. zur Fürsorge für einzelne Trinker, IV. für Mitwirkung der Schule und Beeinflussung der schulentlassenen Jugend. In den I. Ausschuß wurden vorläufig gewählt: Ober» slaatsanwalt Theobald, Professor Dr. Lütt er mager. Alfred Bock, Jnstitutsvorsteher Dr. Kübel, Pfarrer a. D. Hofmann, Repetent Lic. Fuchs, Beigeordneter Cursch- mann, Druckereibesitzer Lange, Dr. Gg. Koch; in den II.: Herr und Frau Prof. Sommer, Prof. Dr. Haupt, Fr. Profeffor Collin, Faktor Elle, Schlosser August Rinn, Pfarrer Schwabe, Medizinalrat Dr. Haberkorn, Pfarrer 1). Schlosser; in den III.: Dekan Bayer, Pfarrer Schwabe, Herr und Frau Pröschel, Gärtner Rudolf Schneider, Techniker O. sJl e u ni a n n, Gärtner W. Schneider; in den IV.: Rektor Hahn, Lehrer L>. Schmidt, Lehrer Schwöbei, Professor Dr. Collin. Selbstoersländlich ist die Absicht, noch weitere Mit« arbeiter zu werben und ailch den Ausschuß zu ergänzen, daß alle Kreise der 'Bevölkerung darin vertreten sind. 9iun sind, wie der Vorsitzende im 'Anfang wünschte, die Waffen geschmiedet, und willige Hände, sie zu sühren, haben sich ausgefireckt. Wird auch niemand ermatten, daß alsbald eingreifende Dinge geschehen, so darf man doch hoffen, daß eine Zeit wirklicher Arbeit zum Heil unseres Volkes auch bei uns beginnen wird. Aer AuMnv der Keretüs. L. Kapstadt, 26. Febr. In Deutschsüdwest. afrika sind die Dinge gegenwärtig zum Still ft and gekommen. Die ailfftändischen Hereros sind von den Eisenbahnlinien zurückgetneben, jedoch sind die Deutschen aus 'Mangel an Pferden vorläufig zur Untätigkeit oerur- teilt. 50 Kilometer Eisenbahn und eine große Brücke sind zerstört. Rian glaubt, daß die Hereros sich begnügen werden, weitere Vorwärtsbewegungen der deutschen Triippen aufzuhalten, bis sie ihr Vieh weggebracht haben, womit sie nach Ansicht der Deutschen auf britisches Gebiet zu treffen beabsichtigen. Von deutscher Seite wird behauptet, die britische Regierung habe Agenten entsandt, um die Hereros aufjuroiegeIn. Viele Engländer wurden deshalb f e ft g e n 0 m in en. Den Hereros sind aber auch von deutscher Seite 1500 Gewehre geliefert worden. Soweit bis jetzt ermittelt ist, sind 120 Deutsche getötet worden, während die englischen und die burischen Ansiedler unbehelligt blieben. Berlin, 26. Febr. Der großh. badische Forstpraktikant Dr. Gerber m Südwestasrika ist nach einem feinen Verwandten aus Kanbib zugegangenen Telegramm am Leben und gesund. Dr. Gerber hatte zusammen mit dem Berichterstatter der Köln. Ztg. Riüllendors eine Reise nach dem 'Rorden des Schiitzgebietes unternommen. Man berichtete, daß sie von aufiiandischen Hereros überfallen worden seien. Beide sind indessen gereitet worden. — Gouverneur Leulwein meldet von Windhuk, daß in dem Gefecht der Abteilung des KapliänleutnantS Gygas bei Gro ßbarmen am 19. Febr. außer den gemeldeten Verlusten noch der Weiter Max Müller vom Eiienbahndetachement ver m ißt wird. — Die „Nord. Allg. Ztg." weist den Borwurf mangelnden Ent- gegenfommenö der Kalonialverwaltimg bei Anfragen über das Schicksal deutscher? Ansiedler tm Ausstandsgeblete zurück und betont, die Kolonialverwaltung gab schon sehr erhebliche Betrage au5, um Privatpersonen die erbetenen Auskünfte zu erteilen. Man müsse die Schwierigkeiten berücksichtigen, welche die außerordentlichen Entfernungen und der 'Mangel rascher Verkehrsmittel einer peinlich genauen Berichterstattung bereiten. I Wartung vor f älschaag „ in Pillen Hock Puiveriurm noch mit Kakao» 11 gern?seht, sondern , ■ . 1..« inFlaeohen mu eingepragtem Kamen ist llaeinaio^rti ccuu 141 J Holzversteigernng. ES werden versteigert: Mittwoch den 2. März 1904 aus den Abteilungen iBrauhof 2 b, Hasenkopf 5, Bcauhofsbcrg 43: 1 Eichenstamm von 31 cm Durchmesser und 9 m Länge mit 0,68 fm, 13 Fichtenstämme von 19—28 cm Durchmesser, 8—14 m Länge mit 7,29 fm 10 Eschenstämme von 14—36 cm Durch, messer, 6—10 m Länge mit 2,46 fm, 5 Buchcnstämme von 46—54 cm Durchmesser, 6—9 m Länge mit 8,05 fm, 21 Eschen-Derbstangcn von 10—12 cm Durchmesser, 4— 10 m Länge mit 1,20 fm. Scheiter: 6o,6 rm Buchen, 2 rm Eschen, 2 rm Kiefern. Knüppel: 85,7 rm Buchen, 4 rm Eschen, 4 rm Eichen, 2 rm Fichten, 3 rm Erlen. Reisig: 5600 Buchenwcllen, 40 Eschcnwellen, 270 Eichemvetlen, 100 Fichtenwellen, 3300 Weichholzivcllcn. Stücke: 82,5 rm Buchen, 5 rm Eichen, 4 rm Fichten. Zusammenkunft morgens 9 Uhr im Hasenkopf oberhalb des alademischen Forstgartens. Nähere Auskunft erteilt der Großh. Förster Schlag zu Baumgarten. Gießen, den 24. Februar 1904. Großherzogliche Oberförsterei Schiffenbera. Heyer. 1926 Nutz- nnh Bmnhch-Vcrsleigcrog. Wi Klich-Solmstsche Hverfo sttret Koyensolms. Dienstag den 1. März 1904, Zusammenkunft vor» /nittags 9 Uhr auf der Wetzlarer Kreisstraße, Eingangs Hohensolms. 1935 Aus Distrikt Scheuernwald wird auf dem Wege zum Districkt Alteberg, ohne an das Holz im einzelnen heranzugehen, verkauft: Nutzholz: 3 Fichten- und 3 Lärchcn- siäunne mit 2,16 tm (darunter 1 Lerchen-Schnittstamm). Brennholz: Buche: 20 rm Scheit und Knüppel, 4 rm Stackholz, 2500 meist Stamm-Wellen. Eichen: 2 rm Knüppel, 250 Wellen. 30 Fichten-Wellen. Gegen 10 Uhr Ankunft am „Alteberg*. Verkauf an Ort und Stelle in den Distrikten Alteberg, Gruudwald und Anncwald: Nutzholz: 1 Eichcn-Schneidstamm mit 0,55 fm, 2 Eichen-Bauholzstämme mit 0,70 fm, 10 Fichten-Rcisstangen. Brennholz: Buchen: 53 rm Scheit und Knüppel, 2 rm Stockholz, 7400 Wellen. Eichen: 7 rm Scheit und Knüppel, 200 Wellen. Erlen: 8 rm Knüppel, 200 Wellen, Holz: 15 rm Knüppel, 30 rm Stockholz, 1200 Wellen. Men Sie gerne Hauslracken-Srot? Bitte verlangen Sie gratis und sranko die Broschüre IJnser iS rot 73 mit Anleitung zum Backen, Preisen und Zeugnissen über Prym's Paleul-Ziininer-Backösen für den Hausbedarf, von welchen in kurzer Zeit in der Euskirchen-Dürener Gegend uber200 Stück verkauft wurden. Lequeine Zahlungsbedingungen (auch inTcitzahlungen). 13mal patent. (Vertreter gesucht.) Prym & Co., Büsbach (3ihld. W B i 3lhr a öffnet. j KompL Betten von X 64.50 bi3 300.- I Nkuschclbtttstellen m.Sprungr. u. Wollmarr.o. 49.— an. Franko-Liescrung nach auswärts. Xameellasthpn-Divan h v. 54 X bis 200 g Salon-Garnilnren | Sopba u. 2 Sessel R 0.120 X bis 350 L Spipgel-Sfhrlnkt v. 65 X bis 135 K Silulen-Trnmeanx | v. 32 X bis 140 g ffaseMommoden | nußb. m. 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März an bei den zitständigen Hebestellen bezogen werden. Die lieber« Weisung des Holzes erfolgt Dienstag den 8. März d. Js., morgens 8 Uhr. Gießen, beit 26. Febr. 1904. Gr. Oberförsterei Schiffenberg. _______Heyer._____1942 Mühltll-Versteigkrung Dienstag den 1. März l. IS., nachmittags um 1 Uhr, soll auf dem Nathaufc zu Großen-Buseck dte in hiesiger Gemarkung 20 9)hmitcn von der Bahnstation gelegene Leppermühte, Mühle mit zwei Äkahlgängen, nebst großen niassiv erbauten Oekonontie- gebäuden, Garten, Obilbaum- anlagen und 35 Morgen Acker und Wiesen I. Qualität, und direkt an der Mühle gelegen, erbverteilungshalber öffentlich meistbietend versteigert werden. Auf Wunsch kann auch das dazu gehörige lebende und tote Inventar mit übernommen werden. 1783 Großen-Buseck, am 20. Februar 1904. Großherzogliches Ortsgericht Großen-Buseck. Schwalb. Giehener Omnibus Gesellschaft E. G. m. b. H. Das Firnißen und Ausbessern von 4 Sommerwagen soll ver^ geben werden. 1944 Reflektanten werden ersucht, ihre Offerte bis zum 1. März 19U4 auf dem Depot abzugeben._____ WilM-Pcnsimt LlMW MmM. Gegründet 1863. Voit März 1904 ab wieder im eigenen, neu umgebnuten Haufe 'Jiedarfiraüe 6 mit schönen, ge- junden Räuuten und großem Garten. Wissenschaftlicher Unterricht, Erlernung des Haushaltes und gesellichaitlicher Formen unter liebevoller Leitung. Handarbeiten, 'Dlufif, Kochen u. s. w. Angenehmes Fantilienleben und gute Verpflegung. 1945 Prospekte und zahlreiche Ein- pfehlungen durch die Vorsteherm __fron F. Thomas. Backhaus milch beste Säugl'.ngsernährung! Kosco-Milch (Meiiuii!j). L-. Keif, Hosgur Aflenheim, Telephon Friedberg 5. [45 jgy ^liederlage in Gießen: Hirschapotiieke. Nächste Geia-Louerie ü 1 Mk. Ziehung schon 5. März er. der Grossen Geld-Lotterie d.ßad.Landesvereinsv RoieuKreu; Aiiszahibar bar ohne Abzug. 3388 Ä. 44000 daupioew.M15000 «Gew.M. 15000 Büew.M. 5^410 2d10V0-LOOO 4 a 8776 Zum FerBteo. Dom 25. Februar bis 1. März serviert der 1824 schmrße Kellner iierWelt,M W. schwer Jedes feiner Bein- *at den Umfang von 1 Mtr. 20 Ctrn- Liu tritt frei. Bier per Glas 10 Pfg. ■ 8 $ IM R L finb dies Anzüge auS nur prima Qualitäten, fast alle reinwollene Stoffe und elegant verarbeitet. Sie entsprechen teilweise nicht mehr ganz der Mode, andere haben in den Schaufenstern etwas gelitten W Alle Anzüge, welche früher 15 bis 30 Mark gekostet haben, werden jetzt für 3.— bis 6.— Mark verkauft. -KN ist dies jedenfalls eine nie wiederkehrende Gelegenheit und empfehle ich, den Einkauf besonders jetzt vorzunehmen, da die Auswahl noch eine sehr große ist. ——— Auöwahlfeuduugeu in diesen zurückgesetzten A»abe«°Anzügeu können nicht gemacht werden. — Mache gleichzeitig höflichst daraus aufmerksam, daß sämtliche Neuheiten des* Saison sowohl in Anaben-Anzügen, als auch in allen Herren-Artikeln eit,getroffen sind. 1926 Giessen Aahnßosstraße, Kcke Zlmstadt. Carl Frensdorf. Aahnyofstraße, Ecke Aeufladt.