Nr. VAI Zweites Blrrtt. 154. Jahrgang Donnerstag 26. Mai 1904 »».W««.« “.“’S sässä: VllvIitiiU <£tlliv6wi dhrWlhr Landwirt" erscheint monatlich einmal. v 'W' iljö w W ™ Telegr.^ldr.. Anzeiger Gieß«, General-Anzeiger, Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Sichen. Are Heutige Kummer umfaßt 8 Seiten. dell LdchänZern dieser Richtungen ist, der vielleicht voll bester Absicht erfüllt ift; er befindet sich aber doch auf falschem Wege." Die ihm unangenehmen Lichtungen charakterisierte der Kaiser des weiteren dahin, daß sie bestrebt seien, das Elend noch scheußlicher darZustelleu, wie es schon ist, und daß sie in den Rinnstein niederstiegen. Bekanntlich hat die deutsche Kunst, natürlich auch die sez-efsio- nistische, die eigentlich kein^wegs eine Lichtung, sondern nur eine mehr anfällig gebildete Bereinigung von ernsthaft strebenden, der Schablone abholden Künstlern umschließt, seit etwa einem Jahrzehnt die sog. Armeleutmalerei überwunden und verachtet heute nichts mehr als iebe Tendenzmalerei, sondern ist in erster Linie bestrebt, den Menschen und die Natur zu charakterisieren und zu individualisieren. Die Folgen der kaiserlichen Mißbilligung traten aber trotzdem insofern bald zutage, daß Bilder, deren Kunstwert äußrer Zweifel steht, die aber von „sezessro- nistischen" Meistern verrühren, bei den Museumskäufeu übergangen wurden. Bei anderen deutschen Hofen, namentlich denen in Darmstadt, Weimar und München, erfreuen sich die Meister der Sezession einer höheren Wertschätzung, und die Museumsleiter jener Ginzelstaaten fragen {richt nach der Richtung, der ein Kunstwerk augehört, sondern nach dessen innerem Werte. Sie halten es mit Wolf v Menzel, der einmal sagte: jeder Schale läßt sich Gutes und Großes schaffen, und die Hauptsache bleibt. Mit schlichtem Abschied entlassen. Als im vorigen Jal-re die Schriften der drei B (Bils e, Baudissin und Beyerloiu) erschienen, als einzelne Vorkommnisse schlimmer Art unter den Offizieren bekannt wurden, gab sich ein Gefühl der Beunruhigung tunt), als wenn der deutsche Offizier Lange das nicht mehr sei, was -er früher gewesen. Geht man den Tatsachen auf den Grund, so stellt sich heraus, daß das Osfizierkorps unserer Armee noch immer aus der Höhe der Charakter fest-i gebeut, der Solidität und Zucht sich befindet. Die Z^l der mit schlechtem Abschied entlassenen Ossiziere ist im letzten Jahre so gering wie noch nie gewesen. In der gesamten Kavallerie mit den Maschttrengewehrobteilungen, in der Fußartillerie, den Eisenbahnregimenlern, den Telegraphen-Bataillonen war nicht ein Offizier, der unfreiwillig den bunten Rock aus- zicheu mußte. In der gesamten Infanterie befanden sich 11 Offiziere, 1 Assistenzarzt und 1 Zahlmeister, die mit schlichtem Abschied entlassen wurden. Die früher gemachte Erfahrung, daß die Vtehrzahl der Verfehlungen in den kleineren, und vornehmlich in den Grenzgaririsonen Vorkommen, bestätigt sich und), diesmal wieder. Bei dem 45. Infanterie-Regiment in Insterburg mußte ein. Oberleutnant, bei dem 6L In s anterre-Regiment irr Thorn ein Leut- Aer Reichstag uud die Kurrft. Dir Ausstellung in St. Louis sollte dem Beschauer ein Bild des ttrlturellen Fortschritts bieten, den die beteiligten Nationen in letzter Zeit erziell haben. Auch, von Deutschland wünschte man, daß sich sein Können auf ■ dem Gebiete der Industrie wie der Kunst möglichst vollständig darstellen sollte. In industrieller Hrnficht find wesentliche Wagen nicht laut geworden; aber der Kunst gegenüber hat man keine glückliche Hand gezeigt. Während cuq französischer Seite die beiden großen Küusllergesell- schaftell gemeinsam vorgingen, ist es in Deutschland nicht gelungen, eine Verständigung herbeizuführen. Die Künstlergruppe, die sich den Namen die Sezession beizulegen pflegt, bleibt in St. Louis unvertreten, und so fielst die WÜt dort nicht die ganze deutsche Kunst, sondern nur erneu ihrer Teile. Der teiufr und Anfang der Zwistigkeiten lag darin, -daß mau zuerst eine Kommission niedersetzte, welche die erAnderllchen ArranMments treffen sollte, und diese nachher überging, ohne chr auch- nur zu sagen, daß man sich eines Anderen besonnen habe und sie nicht in Tätigkeit treten lassen wolle.. Die Vorbereitungen wurden der all- gemeinell deutschen Künstlergenossenschaft übertragen, die sich in einem neuerdings schr verschärften Gegensatz zu der' sezessionistischen Richtung befindet. Gegen Gude des vorigen Jahres entstand unter dem Eindruck dieser und anderer Vorgänge der deutsche Künstler-bund, der nun auch, seine Rechte forderte. So vertiefte sich die Kluft,^ und das Ende war, daß Namen von bestem Nang der' Ausstellung fernblielum. Die ausführeudeu Verwaltungsorgane standen offenbar unter dem Einfluß der kaiserlichen Kundgebungen, die gegen die Sezession gerichtet waren. Der Kaiser hatte geäußert: ,^Jch empfinde es als Landesherr oft recht bitter, daß die Kunst in ihren Meistern nicht energisch, hinaus, daß bei der Vertelluug des fraglichen Fonds beide Zentralorganisationen der deutschen Künstlerschast berücksichtigt werden sollten. Vom Abg. Kirsch (Zentt.) wurde eine etwas allgemeinere Fassung gewünscht; er wollte die Worte ,cheide Zentralorganisationen der deutschen Künstlerschast" durch die Worte ,chie verschiedenen Richtungen der' deutschen Kunst auf dem Gebiete der Malerei und' OTnlptur nach gerechten Grundsätzen" ersetzen Dr. Pachnicke erklärte sich mit der Abänderung, die zwar keine ideale FormuLierANg dar,stellt, aber doch dem Gedanken der Gleichberechtigung Ausdruck gibt, einverstanden, und so wurde die Resolution! vom Reichstag fast e-instimmig angenommen. Die Reichsverwaltung kann diesen Beschluß nicht unbeachtet lassen. Sie wird bei künftigen Gelegenheiten immer von neuem befragt werden, wie sie den Fonds verwendet hat, und tmtni einer Antwort nicht ausweichen. Die verschiedensten Redner haben betont, daß sie ihn nur dann bewilligen, wenn er ohne jede Parteilichkeit verteill wird. Diese Voraussetzung muß also erfüllt sein, sobald man künftig eine Neubewilligung verlangt. Auch ochve den durch, die parlamentarische Kontrolle gegebenen Zwang hat die Reichsregierung allen Anlaß, ohne Ztücksicht auf persönliche Urteile und Meinungen die Sache der Kunst nach allen Seiten hin gleichmäßig zu fördern. Denn nur dann kann eine gegenseitige Annäherung erzielt und die Wiederkehr so unliebsamer Vorgänge vermieden werden, wie sie sich kürzlich abgespielt haben. Ein friedliches Zusammenwirken aller Gruppen und gcgebenen- alls ein gemeinschafllich.es Ausstellen muß dock) auch der Reichsregierung erwünscht erscheinen Das läßt sich aber nur erzielen, wenn nicht von oben her die eine Künstlergruppe auf Koslxn der änderen bevorzugt wird. Die Freft- heit der Kunst muß der Gesetzgebung wie der Verwaltung als unantastbar gelten In der Sonne dieser Freiheit wird die deutsche Kunst gedeihen. Alle Richtungen weisen hervorragende Namen auf, in allen Lagern regen sich, wie die Kunstausstellungen aller Orten, z. B. die kürzlich in Frankfurt ausgestellten Werke der Münchener Sezession, von neuem zeigen, Kräfte, die Tüchtiges leisten und noch Tüchtigeres versprechen. Kampf ist Leben, Wettbewerb'verbürgt den Fortschritt. Sache der Staatsgewall darf es nicht sein, den Fortschritt künstlich zu hemmen. Erne VoÜsvertretung hat nicht die Aufgabe, Parier für die eine oder die andere Richtung zu ergreifen. Sie ist keine Knnsttommission. Wie jeder schafft, was er kann, so darf auch jeder über das Geschaffene denken, was er mag. Die letzte Sichtung unter ben gewähren Ausdrucksformen nimmt immer erst die Zukunft vor. Für bte Gegenwart kommt es nur darauf an, daß man das Neue, das mqh Lichte strebt, nicht unterdrückt, daß man Men Trieben am Baume der deutschen Kunst die Entfaltung ermöglicht, das wirklich Lebensfähige fetzt sich dann schon von selbst durch. So wollte denn auch der Reichstag ber der er)ten -KUnstdebatte im Februar und bei der zweiten im Mai nichts anderes clls Gleichberechtigung. DreStaats- aewall sollte sich nicht dem Geschmack eines ernzelnen beugen- stehe dieser noch so hoch; alle Richtungen sollt«! vielmehr die gleiche Berücksichtigung erfahren. Diese Auf- fasfung konnte der Reichstag zur Geltung bringen, well' der Etat für das Reichsamt des Innern einen Tttel zur Unterstützung der deutschen Kunst bei internationalen Aus- stellunaen enthüll. Die hierfür ausgeworfene Summe ist niwgZng; sie beläuft sich aus nicht mehr als 20000 Mk. Doch die Art ihrer Verwendung bleibt deshalb wichttg, well sie als ein Zeichen amtlicher Wertschätzung angesehen zu werden pflegt. Bisher floß der Bettag der allgemeinen deutschen Kunstgenossenschaft zu. Nachdem nun aber eine zweite Zenttalorganisation der Küuftler- schast in Gestalt des deutschen Künstlerbundes begründet worden ist, mußte die Frage entstehen, ob nicht auch der neuen Vereinigung ein Teil des Fonds zuzuführen ist. Die Reichsregierung kann sich, nachdem der Kager zu imederhollen Malen über die „Session" abfällig gesprochen hat, zu einer Zuwendung an sie nur schwer entschließen, obwohl ein prinzipieller Unterschied zwischen Lezessionisteu und Nichtsezessionisten kaum gemacht werden kann, wenn auch den Sezesfionisten im ganzen wohl ein regeres Streben und mehr Originalität und Jndividualltat zugefprochen werden kann, als anderen Künstlergruppen. Grch P os ad o ws k y erklärte ganz richtig, die Frage lasse sich nur „von Fall zu Fall" b-eaiitlu orten. Eben deshalb war es nötig, eine förmliche Wlllensertlärimg des Reichstages in dem Sinne herbeizuführen, daß bei der Verteilung des Fonds der Grundsatz der Parität durchaus gewahrt werdeli soll. Diesem Zweck biente die Resolution, welche der freis. Abg. Dr. Pach nicke in Verbindung mit anderen Frakttonen dem Reichstag vorlegte. Sie ging daraus Komische Tagesschau. Verschmähte Freibillets. Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt nnterm 25. Mai: Wenig Dank erntet die Hamburg-Amerika- Linie für ihr dem Reichstag gemachtes Anerbieten von Freibillets zu einer Nordlandfahrt. Sozialdemokraten und Konservative verhalten sich ablehnend, und es ist kaum anzunehmen, daß die Mitglieder der anderen Fraktionen Geneigcheit zeigen werden. Denn die Herren müssen sich, agen, daß sie in eine vielleicht unliebsam werdende Ausnahmestellung geraten. Wenn aber geltend gemacht wird, die Hamburg-Amerika-Linie beabsichtige, die Volksvertreter zu beeinflussen zu Gunsten späterer die See- chiffahrt bett re ff en d er gesetzgeberischer Maßregeln, so kann man- dieser Auffassung nicht ohne weiteres beitreten. Auch die englischen und ftanzösischen Parlamentarier find von Rhedereien ihres Landes zu Seefahrten eingeladen worden, und es ist nicht die Vermutung alsbald aufgetaucht, daß es auf eine „Festlegung" der Abgeordneten auf die Jnteressenllnie dieser privaten Erwerbs- gefillschaften abgesehen sei. In Deutschland ist man mit dem Argwohn zu schnell bei der Hand. Das mußte ja auch der Norddeutsche Lloyd erfahren, als er zu der Erstlings- reije des Schnelldampfers Kronprinz Wilhelm" nach Schottland Parlamentarier und Journalisten, ja sogar Mitglieder der Regierung einlnd. Die gefürchteten ^Folgen" dieser Einladung sind au^Mreben. j । .4.., ■< „ , , , Die Diäten. Aus Berl'ün, 25. Mai, wird uns geschrieben: ,—1 Im Gegsrsatz zu einer unlängst von der „Dtsch. Tages- .ztg." gebrachlmr Meldung verlautet von einer der Reichskanzlei ncchestehenden Seite, daß in der Frage der Reichstags diät en ein Fortschritt bisher nicht zu verzeichnen ist. Graf Bülow behäll die Angelegenheit gleich- wohl unausgesetzt im Auge und gibt die Hoffnung nicht auf, in absehbarer Zell dem Reichstag die Erfüllung dieses seines .dringllchsten Wiunsches in Aussicht stellen zu können. Vielleicht trägen die für die nächste Session zu erwartenden bedeutungsvollen gesetzgebjerisck>en Akte: Handelsverttäge, Militär- und event. Marinevorlage dazu bei, den Horizont dieser „absehbaren Zeit" etwas näher zu rücken. uant, bei dem 140. Regiment in Jnowrazlaw ein Leutnant entlassen werden, der Zahlmeister, der unfteiwillig und ohne alle Ehren ausschied, stand bei dem 146. Infanterie-Rest, in Sensburg-Bis chossburg. Bei dem 7. Regiment in Liea- nitz hat sich ein adeliger Hauptmann derartige Veihchuld- ungen zukommen lassen, daß er mit schlichtem Abschied entlassen wurde. Der Fall des Oberstleutnants beim ersten Brandenb. Leib-Grenadier-Regiment Nr. 8 in Frankfurt a. O. erregte allgemeines Aufsehen. Der vor der Besöv- derung zum Oberste stehende Stabsoffizier hatte falsche Wechsel gemacht und wurde zu mehrjähriger schwerer Grafet verurtellt. Der Assistenzarzt, welcher ohne Ehren entlassen wurde, stand bei dem 11. Infanterie-Regiment in Breslau; sonst wurde noch je ein Leutnant mit schlichtenr- Abschied entlassen in Halberstadt (bei den 27.), in Köln (bei den 65.), in Weimar-Eisenach-Jena (bei den 91.), in Metz (bei den 98.) und in Mülheim a .d. Rühr (bei den 159). Bei der Jeldartillerie waren 5 Leutnants vorhanden, die den bunten Rock unft-eitmllig ausziehen mußten, sie. tanden bei dem 15. Regiment (Saarburg), 36. (Danzig), xL (Sttaßburg), 53. (Bromberg-Jnowrazlaw) und 73.(Allen- kein). Die Pioniere, die früher fast nie einen Offizier zu bellagen hatten, den sie nicht mehr äls den ihrigenbezeichnen dursten, hatten diesmal zwei Offiziere aufzuweisen, die mit chlichtem Abschied entlassen wurden, 1 Leutnant stand in Konigs'berg bei dem 1. Bataillon, ein Hauptmann bei dem 4. in Magdeburg. Bei dem Train wurden 2 Leutnants mit schlichtem Abschied entlassen; die unangenehmen Vorgänge, die un a. den schlichten Abschied der Leutnants, Bilse Usnd Schmidt in Forbach zur Folge hatten, sind ja noch in aller Gedächtnis. Alles in allem aber, wie gesagt, ist die Zahl der im letzten Berichtsjähre mit schlichtem Abschied entlassenen -Offiziere so gering gewesen, wie wohl nie. Wenn heute über Verfehlungen unserer Offiziere mehr als früher bekannt wird, so darf man aber nicht daraus den Schluß ziehen, daß solche auch häufiger Vorkommen; die deutsche Presse ist heute anders organisiert als früher, heute bleibt der Qeffenllichkell tvenig ver- borgen. __ Kirche uud Kchrtte. Breslau, 25. Mai. Ter 15. evan g e l rs ch. - soziale Kongreß wurde gestern abend mit einer Begrüßungsversammlung eröffnet. Der Vorsitzende des Lokalkomitees, Professor Kaufmann, hieß die zahlreich besuchte Versauunlung willkommen. Wettere Ansprachen hiellerr Prof. Dr. Harnack-Berlin, Gvegori-Leipzig, Pfarrer Naumann, Pfarrer Kappus-Oberamtshausen (Württemberg), Dr. Wagrier-Berlln und Bergrat Gothein. Die Verhandlungen eröffnete heute vormittag der Vorsitzende Prof. H arnack- Berlin, der die Bedeutung des Wortes „evangelisch-sozial" auseinanderfetzte. Einwttknng auf die Gedankenwelt, Erweckung des sozialen Sinnes und Schutz der Schwächeren seien die Hauptaufgaben des Kongresses, schließlich noch die Bekampsung der Trunksucht, der llnzuchl und der materialistischen LÄensanschauung. Oberpräsident Graf Zed- litz-Trutzschler begrüßte den Kongreß namens der Regierung. Ferner sprachen Konsistorialrat Kolepke als Vertteter beS- evangelischen Oberkirchenrates, Professor Eornill-Breslan für die evangelisch-theologische Fakultät der Universität, Pastor Hoffmann als Vertteter des Evangelischen Bundes und anbere. Dann hielt Pro fest or Tröllsch-Heidelberg einen Vortrag über das Thema: „Ehristliche Ethik und heutige Gesellschaft". In der Nachwittagssitzung des Kongresses erstattete Pastor Br0ecker--Halle a S. Bericht über das Thema: „Die religi-öfe Krise in der Arbeider- schäft" und schilderte die Gründe, die der moderne Ar- beiter gegen das Christentum an führt, sowie die Mittel, um die Arbeiterschaft dem Christentum wiederzugewinnen. Keer uud Motte. Rendsburg, 25. Mai. Generalmajor von Collani, Kommandeur der hiesigen 36. Infanterie-Brigade, ist zum Generalleutnant befördett und als Nachfolger des nach Südwestaftika kommandierten Generalleutnants von Trotha zum Kommandeur der 16. Division in Trier ernannt worden.__________ Aus Stadt und Mud. Gießen, 26. Mai 1904. " Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem evangelischen Pfarrer Kirchenrat Friedrich Kalbhenn zu Bnrggräfenrode den Charatter als Geheimer Kirchenrat erteilt. — Durch Beschluß des Großh. Ministeriums des Innern vom 17. Mai d. I. wurde mit Zustimmung des Ministeriums der Finanzen als Sekretär des Denkmalrats der ständige technische Hilfsarbeiter bei der Ministerialabteilung für Bauwesen, Baurat Heinrich Wagner bestM. • * Stadtverordneten - Versammlung. In der nächsten Woche, voraussichtlich am Donnerstag den 2. Juni, findet eine Sitzung der Stadtverordneten statt. Wir erfahren, daß u. a. auch über das in diesem Jahre wieder fällig werdende Jugendfest beschloffen werden soll. * * Das Museum des Oberhesfischen Geschichtsvereins im alten Rathause ist das erste Mal am kommenden Sonntag nachmittag von 2—4 Uhr für jedermann unentgeltlich geöffnet. * * Hessische Handwerkskammer. Die 8. Sitzung der Handwerkskammer findet am 6. Juni zu Darmstadt statt. Aus der umfangreichen Tagesordnung heben wir hervor: Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes, Prüfung und Abnahme der Jahresrechnung 1903/04, Feststellung des Haushaltsplans für 1995; danach betragen die von den Kreisen und dem Staate getragenen Kosten etwa 18 000 Mk., so daß auf den Kopf der Bevölkerung der geringe Betrag von etwa 1,5 Pfennig entfällt. Errichtung der Gesellenprüfungsausschüsse für 1904/07 und Wahl der Mitglieder dieser Ausschüsse, Anstellung von Beauftragten, Gesellen- und Meisterprüfungen, Handwerker - Zentralgenofstnschaft. — Etwaige Anträge müssen in bestimmt formulierter Weise bis spätestens 30. Mai schriftlich eingereicht sein. tz Lich, 25. Mai. Im Kloster Arnsburg fand, wie alljährlich am dritten Pfingsttage, gestern das Jahresfest des Arnsburger Rettungshauses statt. Die Feier wurde im Buchenwalde an der Wetter abgehalten und war von zirka 3000 Menschen besucht. Die hohe Zahl der Festgäste läßt sich nur durch die neue Bahnverbindung der Strecke Lich— Butzbach erklären. Festprediger waren Hofprediger a. D. D. Stöcker-Berlin und Professor Dr. Wurster-Friedberg. d» Friedberg, 25. Mai. Die Hauptversammlung des Oberhessischen Obstbauvereins findet am 29. Mai im Hotel „Zu den drei Schwertern" statt. Ihr geht eine Versammlung der Vereinsbaumwärter desselben Vereins voraus. )( Münster, 24. Mai. Dieser Tage verunglückte bet 6em Hessenbrückerhammer das Gefährt des Lehrers G. von Röthens, indem das Pferd scheute, der Wagen um fiel und sämtliche Insassen herausgeschleudert wurden. Eine Person erlitt solche Verletzungen, daß sie sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. ZBurkhards,25. Mai. Der hiesige, im hohen Alter stehende Kirchendiener Heinrich Heinz VT. kam am 1. Pfingstfeiertage bei seiner beruflichen Tätigkeit in der hiesigen Pfarrkirche zu Fall und brach den Oberschenkel des einen Beines. Da das andere Bein infolge Krankheit schon sehr gelitten hat, wird der alte, pflichttreue Beamte, der nahezu 30 Jahre seines Amtes waltet und vor 5 Jahren sein 25jähriges Dienstjubiläum feierte, allgemein bedauert. Mainz, 25. Mai. Im „Rh. Cour." erhebt jemand feine Stimme gegen die vielen Aktuarstitel der hessischen Gerichtsschreiber und erzählt dabei folgendes: Man hat hier letzthin in einer nichtöffentlichen Stadtverordnetensitzung viel gelacht. Da lag ein ganzer Stoß von Gesuchen vor — nicht etwa um Erhöhung der Gehälter, sondern um Ver--- leihung von Titeln. Der Polizeirat, der erst zwei Jahre in Mainz seine Tätigkeit entfaltet, wollte nun auf einmal „Polizeidirektor" angeredet werden. Die Polizeischreiber verlangten gleich einen ganzen Mund voll: den Titel „Polizeibureauamts-Assistent", zwei Bauinspektoren hätten sich gar zu gern „Baurat" nennen hören und was dergleichen „Eitelkeitchen" noch mehr sind. Die Stadtverordnetenversammlung, die bei der schlechten Finanzlage keine Zulagen an ihre Beamten gewähren konnte, hätte sich also auf dem Titelwege leicht aus der Patsche helfen können, sie tat e§ aber nicht und warf die Gesuche in den Papierkorb, nachdem sie eine Zeitlang an ihnen sich vergnügt hatte. -0- Aus dem Biebertal, 24. Mai. In altgewohnter Weise werden hier in sämtlichen ehemals hessischen Dörfern noch immer am zweiten Pfingsttage die Kinder konfirmiert. Mit Ostern aus der Schule entlassen, müssen sie bis zum Pfingstfest fast alltäglich den Konfirmandenunterricht besuchen. Allgemein besteht aber auch hier der Wunsch, die Kinder an einem früheren Termin konfirmiert zu sehen, da ja bekanntlich schon zu Beginn des Frühjahrs, also mit Ostern, überall die Lehr-, Tienst- und Arbeitsstellen offen stehen. -Offenbar hält man in diesem Punkte zu sehr am „Althergebrachten" fest. [ ] Marburg, 20. Mai. Im diesmaligen Sommer- Semester beläuft sich jetzt, nachdem noch eine ganze Anzahl Nachzügler eingetroffen sind, die Gesamtzahl der Studenten einschließlich von 72 Hörern und 8 Hörerinnen auf 15 01, eine bis jetzt noch nicht erreichte Ziffer. Biedenkopf, 24. Mai. Ein etwa zehnjähriger Knabe stand im Dorfe B. des Kreises Biedenkopf barhäuptig nahe beim Bienenstände, als eben ein Schwarm auszog. Nach einigem Hin- und Herfliegen nahm die Königin ihren Sitz aus dem Kopfe des Knaben, und rasch flogen tausende von Bienen hin. Der Vater, der die Sachlage sofort erkannte, rief dem Jungen, der schon öfter beim Schwarmfassen zugesehen hatte, in aller Eile M: „Rühr Dich nett, Schorsch! Mach' Maul on Aage zu, ich will den Schworm gleich nässe und einfasse." Ter Knabe gehorchte; der Vater goß Wasser übtzr den von Bienen eingehüllten Kopf des Knaben, bog letzteren etwas nach vorn und strich mit einem Federwisch die ganze Gesellschaft in einen untergehaltenen Strohkorb. Der Knabe hatte keinen einzigen Stich erhalten. Kassel, 24. Mai. Von der Hauptversammlung der Gesellschaft für Volksbäder seien folgende Ausführungen von Professor Dr. Sommer-Gießen über Verbindung von Volksbädern mit öffentlichen Ruhehallen mitgeteilt: Die Volksbäder bilden einerseits einen Teil der körperlichen Gesundheitspflege, anderseits ein wichtiges Mittel der psychischen Hhffiene. Es handelt sich nicht nur um Hautpflege, sondern besonders beim Schwimmen und den körperlichen Uebungen in und auf dem Wasser um Ausbildung der Willenskraft und geistigen Beherrschung des Körpers. Es empfiehlt sich, die auf Volks-Hygiene gerichteten Absichten miteinander in Beziehung zu setzen. Seit mehreren Jahren ist Sommer für die Einrichtung von öffentlichen Schlaf- und Ruhehallen eingetreten, die ein wichtiges Mittel zur Prophylaxe der nervösen Störungen werden könnten. Der Zweck besteht darin, als Gegengewicht gegen die Hast des modernen Verkehrslebens Gelegenheit zum Ausruhen auch am Tage für einige Zeit als Bestandteil der öffentlichen Hygiene zu schaffen. Will die psychische Hygiene vorwärts kommen, so muß sie sich an die ältere Schwester, die körperliche Hygiene, eng anschließen. Sommer schlägt daher vor, die Idee der öffentlichen Schlaf- und Ruhehallen probeweise in großen Städten mit den Volksbadeeinrichtungen zu verbinden, was konstruktiv und betriebstechnisch leicht geschehen kann. Faßt man bei den Valksbädern speziell den Schwimmhallen als hygienisches Moment die aktive Bewegung ins Auge, so bildet die Organisation des Ausruhens . trotz des scheinbaren Gegensatzes eine physiologische Ergänzung dazu. Die Verbindung von Volksbädern mit öffentlichen Ruhehallen erscheint dadurch inhaltlich gerechtfertigt. Beide Einrichtungen sind Mittel nicht nur der körperlichen, sondern besonders auch der psychischen Hygiene, deren Ausgestaltung sozial dringend notwendig erscheint. Sh. Frankfurt, 25. Mai. Die Delegierten-Versammlung des Gesamtverbandes der Evangelischen Arbeitervereine Deutschlands hielt heute und gestern hier ihre Jahresversammlung ab. Zuerst wurde der Geschäftsbericht für die Jahre 1902/03 erstattet. Im Laufe des Jahres wurden eine Reihe von Eingaben gemacht: die an den Reichstag, betreffend „den Gesetzentwurf für die Arbciter- kammern", ferner eine Petition an den Reichstag zur „Errichtung von Arbeitsnachweisen" und schließlich eine Eingabe wegen der „obligatorischen Einführung der Verhältniswahlen". Weitere Petitionen bezogen sich auf den „Schutz der Bauarbeiter", den „Schutz der Verbefferungen für Bauhandwerker", sowie für die „Einführung des BefähigungSnachweffeS im Baugewerbe". In besonderen Abteilungen sind der Zentralstelle der „deutsche Verein für ländliche Wohlfahrt und Heimatspflege", ferner Abteilungen der „Armenpflege und Wohltätigkeit" angeschloffen worden. Der westfälische Verband hat eine Eingabe an den Reichstag gerichtet gegen „die Stillegung der Zechen im Ruhrgebiet". Mit dem Reichs- verband gegen die Sozialdemokratie soll versucht werden, gemeinschaftliche praktische Arbeit zu leisten und die Arbeitervereine sollen Anschluß suchen; die Angelegenheit wird zunächst den Ausschuß beschäftigen. Degem ann-Frankfurt meint, den „Kuddelmuddel" mit dem Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, an dessen Spitze Junker ständen, könne er nicht mitmachen. Kott weist die Angriffe gegen die Junker zurück; sie hätten für den preußischen Staat Hervorragendes geleistet, man denke nur an Bismarck. Nach dem Anträge des Ausschusses beschloß die Versammlung den ^Beitritt zu der sozialen Geschäftsstelle für das evangelische Deutschland". Ferner beschloß die Versammlung, die Angehörigen der evangelischen Arbeitervereine aufzufordern, der christlichen Gewerkschaft beizutreten. — Sodann sprach Werkmeister B ä r r n - Frankfurt über „kommunale Sozialpolitik". In einer Reihe von Thesen trat der Redner für beffere Gestaltung von ArbeitS- und Lohnverhältniffen der städtischen Arbeiter ein. Er fordert ferner Arbeiterausschüsse und freies Koalitionsrecht unter Anführung mancher Mißstände; ferner Anerkennung von Tarifvereinbarungen , Errichtung von städtischen Fach-Arbeitsnachweisen, sowie Gewerbegerichte auch für kleinere Gemeinden. Des weiteren wünscht der Redner bezüglich der Wohnungsfrage : Erweiterung des kommunalen Grundbesitzes, Erbauung von Arbeiterwohnungen, Anwendung des Erbbaurechts, Wohnungsinspektionen, Schiedsgericht und Unterstützung von Wohnungsgesellschaftcn und -Genoffenschaften. Beim Submissionswesen fordert der Redner Berücksichtigung der ortsangeseffenen Gewerbetreibenden, Förderung der Volksbildung, Fortbildungsschulen mit Fachunterricht und konfessionellem Unterricht, Schulhygiene, soziale Ausschüsse bei den Gemeindeverwaltungen, allgemeines geheimes und direktes Wahlrecht für alle Personen, die mindestens zwei Jahre ansässig sind, Wegfall aller Sonderrechte unter eventueller Einführung des proportionalen Wahlsystems. Zum Schluß wandte sich der Redner gegen das Dreiklassenwahlrechts und fordert die Herabsetzung des Wahlmodus in Frankfurt. — Vorrol-Meiderich wünscht eine Reform des Schlafgänger- und Kostgängerwesens, das am Marke des Volkes zehre und die Sozialdemokratie fördere. Verschiedene Redner wandten sich gegen die Zola-Romane in öffentlichen Lesehallen. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Es dürste selten dagewesen sein, daß ein Selbstmörder selbst den Tagesblättern seine Tat berichtete. Tatsächlich ist dies im Odenwald vorgekommen. Der 42jährige ledige Schreiner A. Rothermel hat sich am Mittwoch morgen in seiner Werkstätte erschoffen, während schon am Dienstag die Notiz in den dortigen Blättern zu lesen war, daß sich R. aus Schwermut wegen eines unheilbaren Leidens erschossen habe. Es ist nun festgestellt worden, daß R. diese Notiz selbst schrieb und am Montag an die Blätter sandte. Die Dienstags-Blätter kommen aber dort oben erst Mittwochs in der Frühe an. R. zeigte nun am Mittwoch große Unruhe. Fortwährend sah er nach dem zu erwartenden Blätterträger. Als endlich Rothermels Blatt ankam, durchstöberte er es hastig und begab sich in die Werkstätte, wo sofort der tötliche Schuß fiel. vermischtes. • Berlin, 25. Mai. Nach einem Mordversuch an seiner Geliebten hat heute der 23 Jahre alte Friseurgehilfe Mendo Selbstmord begangen. Er schoß nach einer durchschwärmten Nacht mehrmals auf seine Geliebte, eine 18 jährige Chansonnette, und verletzte diese unerheblich. Der Grund der Tat war verschmähte Liebe. —Der finanzielle Zusammenbruch des Notars und Rechtsanwalts Georg Merlecker ist durch die Affäre des verschwundenen Lebemannes Alfred Nöhll herbeigeführt worden. Die Verpflichtungen, die der Anwalt für Röhll übernommen hat, betragen 430 000 Mk. Da er sich außer stände sah, Zahlung zu leisten, so entfernte er sich ins Ausland, um dort den Ausgang des Konkurses, der über sein Vermögen verhängt werden wird, abzuwarten. * Kiel, 25. Mai. Durch Zusammen st oß mit dem Brunsbütteler Schleusenwerck hcft die Kaiseryacht Hohen- zollern leichte Steuerb ordhavarie erlitten. Die Hohenzollern ist ins Dock gegangen; die Ausbefferungsarbeiten werden beschleunigt, dann beginnt die Ausrüstung für die Anbordnahme des Kaisers. * Danzig, 25. Mai. Die beiden Töchter des kaiserlichen Maschinfften Jetzlaff bei Breesen, einem Nachbarorte von Danzig, stürzten sich in die See; während die jüngere, 14 jährige, ertrank, wurde die ältere, die 20 Jahre zählte, gerettet. Die beiden Mädchen hatten sich durch einen Strick aneinandergebunden, lieber die Motive zur Tat konnten bisher keine bestimmten Feststellungen gemacht werden. * Nancy, 24. Mai. In einer hier gastierenden Menagerie stürzte sich gestern ein Tiger auf einen Tierbändiger und zerfleischte denselben. Sein Zustand ist hoffnungslos. * Lille, 25. Mai. In Escandin explodierte beim Krähenschießen eine Kiste mit Munition, wobei 15 Teilnehmer mehr oder minder schwer verletzt wurden. — Durch eine Feuersbrunst wurde eine Kartonagefabrik vollständig eingeäschert. Der Schaden beträgt 100000 Francs. * Padua, 25. Mai. Bei dem vorgestrigen Zyklon in der Provinz Padua wurden 3 Personen getötet und 15 schwer verletzt. * Wien, 25. Mai. Der vor acht Tagen hier eingetroffene 46 jährige Professor an der Universität Göttingen, Rudolf Meißner, ist seit gestern früh verschwunden. Meißner sollte gestern mit der Tochter des Göttinger Arztes Dr. Fischer in der hiesigen Wohnung der Großmutter der Braut seine Hochzeit feiern. Er entfernte sich wenige Stunden vor der Hochzeit und ist seither verschollen. Möglicherweise liegt Selbstmord vor. Da er bei der Entfernung aus der Wohnung Geld und Wertsachen zurückgelaffen hat und in den letzten Tagen auch trübsinnig schien, ist Selbstm ord wahrscheinlich. • Budapest, 25. Mai. In der Universitäts- quästur wurden größere Defraudationen konstatiert. Bisher fehlen mehrere tausend Kronen. Der Beamte Krics wurde in Hast genommen. * Bukarest, 24. Mai. Heute früh 6 Uhr wurde hier ein ziemlich heftiges, mehrere Sekunden dauerndes Erdbeben verspürt. * Newyork, 24. Mai. Der Dampfer „Corwin", der zwischen Seatle und Nome (Alaska) verkehrt, ist anscheinend verloren, da Trümmer von ihm bei Vancouver angetrieben sind. Das Schiff hatte insgesamt 130 Personen an Bord, war aber anscheinend nicht seetüchtig. * Naturmenschliches, Allzu naturmenschliches. Warum sich Meta Nagel von ihrem „gustaf", dem Naturmenschen Gustav Nagel, getrennt hat, darüber machte sie der Redaktion des „Altmärker" einige Mitteilungen. In erster Reihe habe sie es nicht vergessen können, daß Nagel ihr neugeborenes Kind mit kaltem Wasser abhärten wollte, und sie fürchte, wenn sie zu ihm zurückkehre, daß er es mit einem zweiten Kinde ebenso machen würde. Sie beklagte sich auch bitter über „gustafs spielereien". Er habe sich ein Billard angeschafft, eine Patentkaffe, ein Klavier gekauft und in ähnlicher Weise das von beiden verdiente Geld — im Monat fünfzehnhundert Mark und mehr — vergeudet. Frau Meta hielt ihren Mann für nicht ganz zurechnungsfähig und befürchtete, daß er auf dem Wege zum Wahnsinn sei. Auch das Naturmenschenleben gefiel ihr nicht länger; auch das häusliche Leben ließ in letzter Zeit viel zu wünschen übrig. Die Naturmensch-Gattin behauptete, daß ihr „gustav" sie eingeschlossen, sie ihn aber mit der Ofenschaufel ge- schlagen habe. * Zu der Weinheimer Vergiftungsaffäre erfährt man: Der Verstorbene ist der stud. Sonntag, 1. Chargierter des KorpS „Rhenania", Braunschweig. Das Mädchen folgte mit verschiedenen anderen Kindern dem Zuge der Studenten nach der Fuchsschen Mühle. Dort soll sich dann der Student mit dem Mädchen zu schaffen gemacht haben. Am Mittwoch voriger Woche erfolgte die angebliche Verfehlung und am Freitag begab sich die Staatsanwaltschaft zur Feststellung des Tatbestandes nach Weinheim. Tatsächlich scheint die Staatsanwaltschaft den Angaben des Mädchens keinen vollen Glauben beigemessen zu haben, denn e§ wurden die notwendigen Schritte zur Freilassung des Inhaftierten eingeleitet. Es war aber zu spät — in der Nacht am Freitag auf Samstag vergiftete sich der Verhaftete mit Cyankali, das er stets bei sich führte, eine Gepflogenheit, die das Vorkommnis in einem noch seltsameren Lichte erscheinen läßt. Vor Begehung des Selbstmordes schrieb der Student noch Abschiedsbriefe an seine Eltern und Geschwister und seine Braut. Die eingeleitete eingehende Untersuchung dürfte über den mysteriösen Fall noch volle Klarheit bringen. * Prinzessin Chim ay macht wieder von sich reden. Wie man schreibt, ist der Zigeuner Riga jetzt wieder zu seinem alten Berufe zurückgekehrt und spiell allabendlich in einem Caf6 in Paris, spielt seine wehmütigen ungarischen Lieder, die ihm einst eine Prinzessin erobert haben. Wie er glaubte, auf ewig, denn, die Prinzessin hatte ihm ewige Treue geschworen, und daß ie nicht auf übliche Weise Mann und Frau geworden sind, ge- chah nur deshalb, weil die Ehefrau Rigas, die jetzt noch in Ingarn wohnt, in die Scheidung nicht willigte. Aber deshalb lebten sie gut, glücklich, immer wie ein Liebespaar, bis ... ein neapolitanischer Athlet kam, schön, stark, alle Frauen- berzen auf einmal erobernd. Ja, er war stärkker m der Liebe als Rigo, und die schöne Prinzessin fand ihn als Liebhaber so ausgezeichnet, daß Riga bald den Laufpaß erhielt, und seine Prinzessin nun wieder die „Frau" des Athleten wurde. Dies geschah vor etlichen Wochen in Neapel, und Rigo, der Tiefbetrübte, hat sofort Italien verlassen, im Herzen voll von Haß gegen das schöne Land, wo die Zitronen blühen. Er ging wieder nach Paris, wo nach seiner Ansicht ein Zigeuner wie er noch 'immer sein Glück machen kann. Vielleicht findet sich wieder eine Prinzessin, die ihr Leid mit ihm vergessen will. * Das Opfer eines amerikanischen Duells. Vor einigen Tagen verschwand in Budapest der 23jährige, nach Kecs- kemet zuständige Privatbeamte Andreas Szillai aus Nagy-Maros. In einem zurückgelassenen Briefe erklärt der junge Mann, daß er ein amerikanisches Duell eingegangen ist und die schwarze Kugel gezogen hat, infolgedessen er sich das Leben nehmen müsse. Jetzt wurde eine Leiche aus der Donau gezogen, in welcher der verschwundene Andreas Szillai agnosziert wurde. * Der Schauspieler als Duellant. Dieser Taye fand bei Paris ein Duell zwischen dem Schauspieler Severm Mars und dem Leutnant Mangin statt. Den Anlaß dazu gab ein Wortwechsel im Nouveautös-Theater. Der Offizier ließ sich zu dem Ausspruch „GeMlemen disputieren überhaupt nicht mit Komödianten" hinreißen. Der Schauspieler, ein geübter Fechter, entgegnete sofort: „Dann werden Sie mit einem fechten." Da der Offizier keine andere Genugtuung bieten wollte, fand das Duell statt. Es dauerte jckwch nicht lange, da Mangin gleich zu Anfang eine tiefe Wunde in den Unterarm erhielt, die ihn kampfunfähig machte. „Sie werden nun wohl zugeben, daß Schauspieler ebenso gut fechten, wie Offiziere", sagte Mars nach dem Kampfe. „Gewiß, ich gebe zu, daß ich int Irrtum war!" erwiderte Mangin und beide Gegner schieden versöhnt mit einem Händedruck. * Eine heitere Komödie der Irrungen soll sich ganz kürzlich in einem Kirchspiel Londons zugetragen haben. Der Pfarrer saß eines Morgens und brütete über der Predigt für den kommenden Sonntag, als in großer Aufregung der Küster in sein Studierzimmer stürzte und rief: „Herr Pfarrer! Herr 3E. (der junge Kaplan) läßt Sie inständigst bitten, gleich in die Kirche zu kommen. Er hat zwei Paare getraut, die unrichtigen Leute zusammengegeben und weiß nun schlechterdings nicht, was er tun soll." „Haben Sie schon das Pfarrregister unterzeichnet?" fragte der Pfarrer, auch bestürzt, aber schon ganz bei der Sache. „Nein, noch nicht", erwiderte der Küster. „Dann", sagte der Pfarrer, „kann die Sache iwch ins reine gebracht und die Leute können aufs nette getraut werden. Sagen Sie Herrn $., ich würde in einigen Minuten in der Kirche fein, um sell>st die Trauung vorzunehmen." Gesagt, getan. Ter Küster eilte in die Kirche zurück, der Pfarrer machte sich bereit, und bald erschien auch er an der Kirchtür, wo er die beiden Paare und noch ein paar andere Leute wartend vorsand. Ehe er aber noch ein Wort sagen konnte, trat einer der beiden Bräutigame, ein Polizeibeamter, zu ihm heran und sprach: „Wir haben die Sache miteinander besprochen, Herr Pfarrer, und sind zu dem Entschlüsse gekommen, die Sache so bleiben zu lassen, wie sie nun einmal i ft", und es blieb dabei. Die beiden Paare zogen ruhig und kühl ab in den Ehestand hinein, unbekümmert darüber, daß jeder mit einem andern verheiratet war, als er es noch eine Stunde vorher erwartet hatte. Ta zweifle noch jemand daran, daß Ehen im Himmel geschlossen werden. Allgemeiner deutscher ebe Wischen Md Der Konigsb Dr. Arndt, bc deren Arbeit t lätslehrer di fa£L) Nachdem hotte, daß ein n uehrersci-ajt dem £ und Waisenkaye überwiesen habe, telegramm a. Gulmann-M die Lehrerveyamn M n ä ch st e n T tages. . .hieraus nahm erster Stelle sprao über Kant, indeir hervorhob und dic Lehren ermahnte. Es folgt dann über die al10 Gutmann-Mit folgende Leitsä leche WeüerenMic! es der Ms bluti innere zugesellt, ist die allgemeine samten Volk meinsam unt Lehrplan und U den Anforderung nur die zlveämäi schule, fonbcrn a anfalten." „3.5 in der allgemei im Gegenteil ma vermögen, die m besucht werden." Kampfe gegen bii Vorurteile umfo / too sie seit längere Ter Redner fü Kinder an den in Umgangssormen \ gemutet. Er wo! seien diese nicht zu dünkel und den müßten. Tie all Kindern, sondern müllen. Man jd Verantwortlichkeit Schüler und brin arbeitem bei. Di für die höheren gemeine Volksschi Vorschule oft sehr S °’t >n sch ta Volksschule na yofaetes Ku, unterricht in dies 'vahrend auf d bures schwach be 9« nicht nach öt «otlttale in ^Umgangs rt M bürgen; unö ^erricht bi da- K Deba S um j &°Jütoc ei ^Elches fadjiirt rechten, wenn g Ich "„daben, das ■W hi9e 2 besuchen L?-ertötlfi der Aiik.^en. in LAder ( und tinhx ' die Muftj&efa nach Segen ( 5u einen, ■> Ma sonders nach z^chlver der ri1 d'ese^Nur Mhr? uAes § •«10 Hu •^n3( erste Hauptversammlung Des Allgemeinen deutschen Lehrertages zusammen. Die Zahl der Teilnehmer betrug über 6000. Als Vertreter des engeren Ausschusses des Allgemeinen deutschen Lehrervereins eröffnete die Sitzung dessen zweiter Vorsitzender, Lehrer D n e t t n e r - Friedrichroda: Wir stehen hier, so führte er aus, auf einem Boden, auf dem Kant, ein Muter und Herder geweilt haben. „Das Licht kommt vom Osten", sagt ein bekanntes Sprichwort, möge sich dies auch an der Versammlung bewahrheiten und mochten unsere Beratungen alle Lehrer des deutschen Reiches anfeuern, mit neuen Kräften weiter zu arbeiten an dem Kleinod, das uns gegeben ist in unserer Jugend und damit an der Zukunft unseres ganzen Volkes." Als Vorsitzende des Allgemeinen deutschen Lehrervereins wurden Lehrer Klausnitzer -Berlin zum ersten, der Obmann der Hessischen Lehrerschaft, Oberlehrer Backes- Darmstadt zum zweiten und Oberlehrer R u d l o f f - Königsberg zum dritten Vorsitzenden gewählt. Lehrer Klaus- nitzer übernahm den Vorsitz und teilte mit, das; bei der Ver- sammlurrg mit Ausnahme Elsast-Lothringens alle deutschen Bundesstaaten vertreten seien. Geh. Oberregierungsrat Dr. Schnaubert als Vertreter der kgl. Regierung in Königsberg führte aus: „Der große Königsberger Schulmann Dinter habe einmal gesagt, der Lehrerstand sei mit einer Karre vergleichbar, deren vier Räder: Lösung, Besoldung, Wahrheit und Freiheit seien. Wenn auch nur ein Rad dieser Karre versagt, so gehe sie nicht (Lebhafter Beifall-. Sie ser aber gegangen (Beifall), wobei er es dahingestellt lassen wolle, ob das eine oder andere Rad etwas besser hätte geschmiert werden können. (Große Heiterkeit und lebhafter Beifall.) Und daß die Karre gehe, müsse die allererste Sorge aller Beteiligten lein, weil sie dem Wohle dec deutschen Jugend diene. Der Redner Ichlceßt: Erziehen Sie die Jugend zu treuen Dienern Ihres himmlischen und irdischen Königs." (Großer Beifall.) Der Königsberger Universitätsprofessor Geh. Bergrat Prof. Dr. Arndt, begrüßte die Lehrer als die Herren Kollegen, deren Arbeit in ihren Idealen allezeit der der Universitätslehrer durchaus gleichwertig sei. (Lebhafter Beifall.) Nachdem Oberlehrer R u d l o f f - Königsberg mitgeteilt hatte, daß ein ungenannter Königsberger Freund der deutschen Lehrerschaft dem ostpreußischen Pestalozziverein für dessen Witweu- und Waisenkasse 1000 Mark aus Anlaß dec Lehrerversammlung überwiesen habe, sandte die Versammlung ein Huldigungs- telegramm an den Kaiser ab. Danach begrüßte Lehrer- Gutmann- München namens des Bezirkslehrervereins München die Lehrerversammlung. Redner dankt für die Wahl Münchens zum nächstenTagungsortdes Allgemeinen deutschen Letwer- tages. Hierauf nahm die Versammlung die Vorträge entgegen. An erster Stelle sprach Universitätsprofessoc Dr. Busse-Königsberg über Kant, indem er die Bedeutung Kants süc die Pädagogik bervorhob und die Lehrerschaft zum Festhalten an den Kantschen Lehren ermahnte. Es folgt bann der zweite und Hauptvortcag des Tages über die allgemeine Volksschule. Referent Lehrer Gutmann-München. Derselbe unterbreitet der Versammlung folgende Leitsätze: „1. Das vornehmste Ziel für eine gedeihliche Weiterentwicklung unseres Volkes ist darin zu erblictcn, daß es der auf blutiger Wahlstatt errungenen äußeren Einheit die innere zugesellt. Eines der Mittel, die zu diesem Ziele führen, ist die allgemeine Volksschule, in welcher die Kinder des gesamten Volkes mindestens vier Jahre lang gemeinsam unterrichtet werden." „2. Tragen Organisation, Lehrplan und Unterrichtsverfahren der allgemeinen Volksschule den Anforderungen der Pädagogik Rechnung, so bietet sie nicht nur die zweckmäßigste Vorbereitung für die Oberstufe der Volksschule, sondern auch für alle übrigen weiterführenden Bildungsanstalten." ,,3.Me Erziehung der Kinder aller Stände leidet in der allgemeinen Volksschule durchaus nicht Not: sic erfährt im Gegenteil mannigfache Förderung, die Schulen nicht zu bieten vermögen, die nur von Kindern bestimmter Bevölkerungsgruppen besucht werden." „4. Die deutsche Lehrerschaft darf in ihrem Kampfe gegen die der allgemeinen Volksschule entgegenstehendn Vorurteile umso weniger erlahmen, als sich dieselbe überall da, wo sie seit längerer Zeit besteht, trefflich bewährt hat." Der Redner führt aus: Wer behauptet, daß die wohlhabenden Kinder an den ärmlichen Kleidern der armen Schüler und ihren Umgangsformen Anstoß nehmen würden, verkennt die Kindesgemüter., Er wolle die Standesunterschiede nicht leugnen, doch feien diese nicht zu verwechseln mit ihren Auswüchsen, dem Standesdünkel und dem Klassenhaß, die entschieden bekämpft werden müßten. Die allgemeine Volksschule habe aber nicht nur an den Kindern, sondern auch an den Eltern eine soziale Aufgabe zu erfüllen. Man schaffe durch die allgemeine Volksschule das soziale Verantwortlichkeitsgefühl der in die höheren Stände übergehenden Schüler und bringe diesen einen größeren Respekt von den Handarbeitern bei. Die Behauptung, daß die Vorschule die Kinder für die höheren Schulen besser vorbereiten könnte, als die allgemeine • Volksschule, sei hinfällig, denn in Wirklichkeit gehe die Vorschule oft sehr einseitig vor und stelle sich in ihren Anforderungen ost in schroffen Widerspruch zu der Kindesnatur. Ein in der Volksschule nach pst)chologiscy-methodisck)en Grundsätzen 4 Jahre vorgebildetes Kind sei unbcöingt nach dieser Zeit reifer für den Unterricht in dieser Schule, als das in der Vorschule vorgebildete, während auf der anderen Seite nach dieser Zeit die Eltern eines schwach befähigten Kindes es leichter hätten, dieses erst gar nicht nach dem Gymnasium zu bringen, als wenn es durch die Vorschule in bad Gymnasium geschleppt und bort noch eine Weile mitgenommen werde, bis es schließlich doch nicht weiter gehe. Der Umgangston in unseren SchulUassen muß auf das Niveau des gut bürgerlichen geyoven werden, das; sie für Erziehung und Unterricht die günstigsten Bedingungen bieten. In der Debatte nahm zuerst Lehrer Ries-Frankfurt a. M. das Wort, um seine Gegnerschaft eingehend ,u begründen. Es gibt, so führte er aus, .in der ganzen Weit keine Schule, die ein wirkliches sachliches Interesse Daran hätte, ihre unteren und Mittelstufen mit Schülern zu füllen, von denen sie im voraus weiß, daß sie dec Bildungsstufe in den ersten Klassen doch nicht zustrebe. Diese Schule arbeite vielmehr am sichersten und erfolgreichsten, wenn sie bis zum letzten Schuljahr einen möglichst konstanten Schulbesuch behält. Es gibt ferner keine Schule, die ohne sich zu schaden, erklären dars. Diejenigen Schüler, die sich durch große Intelligenz auszeichnen, müssen in andere höhere Schulen yineingegeben werden, denn jede Schule muß von sich das Vertrauen haben, daß sie selbst das Tüchtigste leistet. Es ist schließlich eine große Täuschung, daß die regierenden, die nachgebenden Kreise in Staat und Gemeinde ein größeres Interesse für die Volksschule betätigen würden, wenn ihre Kinder diese einige Jahre besuchen müssen. (Oho-Rufe.> Denen ist es einerlei, was aus der Bildung der anderen Kinder wird, wenn die ihrigen ihre Zeit in der Volksschule absolviert haben. .Wir haben große Städte und Länder, die die ungebrochene allgemeine Volksschule haben und ttotzdem bestehen dort die traurigften Zustände in dieser Beziehung. (Rufe: wo?) Ich empfehle Ihnen eine Studienreise nach Oesterreich (Heiterkeit). Das sicherste Argument aber, das gegen dieses Ideal spricht, ist das, daß die Trennung der Schüler zu einem Zeitpuntt erfolgen soll, zu dem die Kinder der Armen besonders schwer diese Trennung empfinden müssen, nämlich erst nach Ablauf der ersten vier Schuljahre. Ter Redner beruft sich in dieser Beziehung auf einen Aussatz des Lehrers Weber-München, der dieses Argument ttotz seiner sonstigen Anhängerschaft an ein allgemeines Volksschulsystem darin als ein schweres Bedenken aufführe und schließt: „In einer Frage kämpft der Lehrerstand in völliger geistiger Vereinsamung. Er hat in 30 Jahren nichts damit erreicht (Oho!), demgegenüber trat ich für auf eigenen Füßen stehende, in gerader, ungebrodjener Lime sich entwickelnde Volksschule mit neuen Kräften und dem wissenschaftlich gebildeten Lehrer ein. Kreuzigen Sie mich, wenn Sie nicht anders können." (Heiterkeit, Zischen, sdstvacher Beifall.) _ Oehnsche - Hamburg empfiehlt anstelle der Gutmann-These folgende Resolution anzunehmen: ,L)as gesamte öfsentliche Schul- wesen ist als allgemeine Volksschule so zu gestatten, baß jedem Kinde, unabhängig von den Bermögensverhältnissen seiner Eltern gewährt werde, sich die Bildung anzueignen, die seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht." (Beifall.) Professor Dr. Lenz-Danzig erklärte als Gymnasiallehrer unter lebhaftem Beifall feine volle Zustimmung zu den Ausführungen des Referenten und bat um Unterstützung des deutschen Vereins für Schulreform, der die durchaus maßvollen Forderungen des Referenten feit Jahren zu verwirklichen beftrebt sei. Dr. Hubert-Leipzig bat, den ersten Teil der Thesen wie folgt abzuändern: 1. Das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit, gegründet auf das Bewußtsein gleicher Rechte und gemeinsamer Pflichten aller Glieder des Volkes muß in sämtlichen Ge- sÄlschaftsschichten soviel als möglich gestärkt werden: als ein in dieser Richtung bedeutsam wirkendes Mittel beweist sich die allgemeine Volksschule." „2. Ein nach psychologisch-pädagogischen Anforderungen organisierter vierjähriger unentgeltlicher Elementarkursus muß als gemeinsamer Untergrund für alle weiterführenden Bildungsanstatten anerkannt werden." Puenger -Altona beantragte ebenfalls eine Abänderung der These, die sich im großen und ganzen mit der von Hamburg eingebrachten deckt. Großh. Kreisschulinspektor Scherer-Büdingen betont, daß Lehrer Ries als einziger Gegner der allgemeinen Volksschule den Kernpunkt seiner gegenteiligen Ansicht, die ^Notwendigkeit der Vorschule, nicht begründet habe. Lehrer B e n d i x - Frankfurt a. M. teilt mit, daß die Majorität der Frankfurter Lehrerschaft nicht hinter Ries stehe. (Lebhafter Beifall.) Oberlehrer L e g l e r-Reichenberg in Böhmen wendete sich dagegen, daß Ries Oesterreich als abschreckendes Beispiel angeführt habe, und behauptet demgegenüber, daß die allgemeine Volksschule in Oesterreich unendlichen Segen gestiftet habe. Vor allem habe sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit gestärkt und den Gemeinsinn gehoben. (Beifall.) Weber- München protestierte dagegen, daß sein von -Ries zitierter Artikel eine Gegnerschaft für die allgemeine Volksschule darstelle. Polz-Weimac brachte dann noch eine Resolution ein, in der verlangt wird, daß den Vorschulen die zu große Unterstützung seitens der Behörden entzogen wird. Nach einem kurzen Schlußwort des Referenten Gutmann- München, in welchem dieser anstelle seiner ersten beiden Thesen Die von Schubert-Leipzig eingebrachte Abänderungs-These in Vorschlag brachte, wurde diese in Der Abstimmung einstimmig zusammen mit seinen Thesen 3 und 4 angenommen, ebenso die Resolution Polz. Alle übrigen Anträge wurden abgelehnt. Damit schloß die erste Hauptversammlung. * Königsberg i. Pr., 25. Mai. Die Versammlung nahm heute nach einem Vortrage des Oberlehrers K. M u t h e f i u S - Weimar über „Universität und Volksschullehrerbildung" nachstehende von Langer- inann-Barmen ausgestellte T h e ) e n an: 1. Die Universität als Zentralstätte wissenschaftlicher Arbeit ist die geeignet st e, durch feine andere Einrichtung zu ersetzende StättefürVolks- schullehrerbildung. 2. Für die Zukunft erstreben wir daher Hochschulbildung für alle Lehrer. 3. Für die Jetztzeit dagegen fordern wir, daß jedem Volksschullehrer auf Grund des Abgangszeugnisses vom Seminar die B e r e ch t i g u n g zum Universitätsstudium erteilt werde. In der Diskussion forderte Kreisschulinspektor Scherer- Büdingen kleine Schrttte, um das große Ziel zu erreichen, da sich dies auch bei anderen Forderungen der deutschen Lehrerschaft bewährt habe. Er hält es für unfruchtbar, wenn die Lehrer unter den heutigen Bedingungen die Universität besuchen, da sich daraus doch nichts Ersprießliches für die Volksschule ergeben würde. In Der Nachmittagssitzung sprach Rektor Juds-Kolberg über Schulaufsichtsfrage. Es wurden folgende von ihm aufgeftellten Thesen angenommen: 1. Im Interesse der Schule ist eine fachmännische Schulaufsicht einzuführen. 2. Die Volksschulen sind unmittelbar den Kreisschulinspektoren zu unterstellen: die Lokalschulaufsicht ist zu beseitigen. 3. Die Kreis- schulinspektion im Nebenamte ist aufzuheben. Zu ständigen Kreisschulinspektoren sind Schulmänner, die sich im V o l k s s ch u l d i e n st bewährt haben, zu berufen. Der Redner berief fich auf zahlreiche Stimmen von Theologen, die nach ihrer Erklärung den Tag segnen würden, an dem die geistliche Schulaufticht falle, und die Zahl der Geistlichen nehme noch immer zu. Einer von ihnen habe die geistliche Schulaufsicht sogar als das Werk des Teufels.bezeichnet. (Heiterkeit.) In Der Debatte erhielt auch dec General-Superintendent der Provinz Ostpreußen Dr. Braun das Wort: Er fiihrte u. a. aus: Ich gebe gern zu, daß nicht alle Geistlichen völlig zubereitet sind für das schwierige Nebenamt der Schulaufsicht. ,Rufe: Na, also!) aber daß sie in ihrer überwiegenden Mehrheit genügend pädagogisch vorgebüdet finD, um auch ihrerseits einmal ihren liehen Lehrern Die Sache vorzumachen, ist doch außer Zweifel (Oho-Rufe und Lachen). Es ist ferner keine Frage, daß Die jungen Lehrer Anregung und Ueberwachung nötig haben, die ihnen meines Erachtens nur der Geistliche bieten kann (Lachem. Nach- Dem jedoch hier Die Erklärung abgegeben und mit allgemeinem Beifall aufgenommen worden ist, daß Sie Den Religionsunterricht nicht aus Der Schule heraus haben wollen, habe ich die Ueberzeugung, daß Ihr Herz gesund ist und da wird die Entwicklung der Dinge schon ihren rechten Weg gehen. (Schwacher Beifall, lebhaftes Zischen.) Lang er mann-Barmen: Die Kärche den Theologen, die Schule den Pädagogen, darauf muß sich unser ganzes Bestreben richten unD ich wende mich an das Herz der Geistlichen, die es gut meinen mit ihrem eigenen Stande und frage sie: „Würden Sie es dulden, wenn aus einem anderen Stande Ihnen eine Inspektion bestellt wird. (Heiterkeit und Beifall.) Spott. Radsport. Me „W andere r", Gießener Radfahr-Ge- sellschaft, werden in diesem Jahre auf dem Sportplatz an der Hardt wieder große Radwettfahrten veranstalten. Wie wir erfahren, steht in Aussicht, daß am 19. Juni nach Beendigung des Gordon-Bennett-RennenS die erste radsportliche Veranstaltung in Gießen in dieser Saison stattfindet, zu welchem auch Wettfakwten mit Mlttorfahrzeugen ausgeschrieben werben. Bekannt'ich war die Rennbahn an der Hardt im vergangenen Jahre an einen Privatunternehmer verpachtet. Arbeiterbewegung. Berlin, 25. Mai. Die Aufhebung des Bäcker- ftreiks wird in einer morgen abzuhaltenden Gehilfenversammlung beschlossen werden. — Der Aus st and der Straßenbahn-Arbeiter Dauert fort Ten heutigen Mittwoch hatte Die Direktion als Den äußersten Zeitpunkt bezeichnet, an welchem die Arbeit wieder aufgenommen werden sollte. Nur ein kleiner Teil Der AusstänDigen ist aber in Die Werkstatt surüdgeteljrt. Newyork, 25. Mai. Der Korrespondent des „Newyork Herald" in Philadelphia schätzt, daß 75 000 M ann vom 15. April bis 6. Juni bei allen Bahnen bei Verein. Staaten entlassen wurden bezw. enllassen werden. Die Pennsylvania- Eisenbahn unterbrach Den Durchgangsverkehr auf Der Linie nach Portage, Die vor zwei Jahren mit einem Kostenaufwande von fünf Millionen Dollars erbaut war, um Den Damals bei Pitts- burg ungewöhnlich stark werdenden Verkehr zu erleichtern. Die Führer der Verlader gnben Die Parole aus, daß Der A u s st and auf alle Plätze, wo Eisenbahn- und Dampferdienst der New- York-Newhaven-Connecttkut-Eisenbahn besteht, ausgedehnt werde. Gerichts saal. Stockholm, 24. Mai. Der verantwortliche Redakteur des Blattes „Veckensnyheter", Bjoeckegren, wurde wegen Beleidigung des russischen Kaisers und russischer höherer Beamte zu Drei Monaten Gefängnis verurteilt. Daudet und Verkehr. Volkswirtschaft. Born Geldmarkt. Die Geldgeber treten neuestens wiederum etwas aus ihrer Zurückhaltung heraus; es ist dies hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß sie eine größere Jnanspruch^ nähme des Geldmarktes durch die Begebung der Rerchsschatzau- Weisungen erwarteten; dies ist bis jetzt nicht eingetreten. Werte? waren die Geldgeber in Zweifel, ob verzinsliche ober unverzinsliche Schatzanweisungen Zur Begebung gelangen würden. Man neigt nun in zunächst interessierten Kreisen Der Ansicht zu, daß unverzinsliche Schatzanweisungen ausgegeben werden, die an erster Stelle die Reichsbank übernimmt, sodaß der Geldmartt nicht sofort davon in Anspruch genommen wird. Dec neueste Reichsbankausweis zeigt, daß die Kräftigung des Reichsbankstatus in der dritten Maiwoche ansehnliche Fortschritte gemacht hat, obwohl sich, wie schon wiederholt erwähnt, auf Dem Geldmarkt die Sätze relativ hoch gehalten haben und nod) Hatteil. Zur B a n k en i u s i o n. In einem Bericht Der „K. Ztg." lesen wir: _ Tie noch selbständig gebliebenen, rein Frankfurter Banken, besonders die Deutsche Vereinsbank und die Deutsche Effekten- und Wechselbailk werden bei dem allgemeinen Zug zur Zentralisation stark umworben, aber bei beiden besteht die Absicht, ihre Selbständigkeit wenigstens vorerst nicht aufzugeben. Berlin, 24. Mai. Bei dem Festmahl der Berliner Handelskammer für den internationalen Kongreß für gern e r b 1 i ch e n Rechtsschutz hielt der Pariser Handels- kammerpräsident Legrand eine Rede, in der er die Bedeutung der Berliner HanDelskammer hervorhob, deren Libe- r a 1 i s m u s und Unabhängigkeit Frankreich bereits rühmen durfte, als sie die Erweiterung der Handelsverträge forderte, die in einer langen Reihe von Jahren zu dem fabelhaften wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands beigetragen habe. Auch die Pariser Handelskanimer verfocht stets den Grundsatz, daß Handelsverträge nötig seien für die Entwickelung des internationalen Handels und daß sie dazu beigetragen, die Schranken, die den Verkehr zweier Völker mit einander hemmen, zu verkleinern. — Ter Präftbent der Wiener Handelskammer, M a r e s ch, gedachte Der Entwickelung Der Handelskammern und ihrer Aufgaben. Märkte. h. Alsfeld, 24. Mai. Vorn prächtigsten Maiwetter begünstigt, sand heute hier dec weithin bekannte Pfingsttnarkt statt. Sckwn in ben Morgenstunden strömten die Bewohner Der UmgegenD sckjarenweise Der Stadt zu; zahlreiche Wagen langten an, und die drei Vormittagszüge brachten Hunderte von Marktbesuchern, sodaß sick, allenthalben bald ein lebhaftes Treiben entwickelte. Besonders der Marktplatz und die anstoßenden Straßen boten mit ihren zahlreichen Verkaufsbuden bereits am Vormittage ein lebhaftes Bild, dessen buntes Gepräge mehr und mehr an malerischer Farbenpracht gewann, als in den ersten Nachmittags- stunden die ftöhlichen Trupps Der stattlichen Schwälmer Mädchen und Burschen in ihrer vielfarbigen Original» tracht sich einfanden. Dec Pfingstmackt bietet nämlich besonders Der „jungen Welt" ein Stelldichein, und Der Pfingsttanz ist gewöhnlicy Der Hauptgrund ihres Marktbesuches. Auck) aus dem nahen Badeorte Salzichlirf waren, angelockt durd) die malerischen Trachten Der ländlichen Macktbesuchec, zahlreiche Kurgäste mit den Nachmittagszügen eingetroffen, so daß dec Heurige Pfingsttnarkt einen Besuch auszuweisen hatte, der größer war als der fast aller seiner Vorgänger im letzten Jahrzehnt. Auszug aus iitu KicheüWcru to Statt Gießen. Evangelische Gemeinde. Getraute. Matthäusgemeinde. Den 14. Mai. Heinrich Herrmann, Kreisstraßenmeister zu Gießen, und Anna Katharine Elisabethe Minna Knauß, Tochter des Hauptlehrers Heinrich Knauß zn Gießen. — 15. Hermann Deuster, Schreiner zu Gießen, und Marie Honig, Tock)ter pes verstorbenen Landwirts Georg Honig zu Appenrod. — Ai a r k u s g e ni e i n b e. Den 14. Mai. Karl Ludwig Käppele, Hilfsheizer au Gießen, und Karoline Therese Schnabel, Tochter des verstorbenen Schaffners i. P. Ludwig Schnabel. — L u k a s g e m e i n b c. Den 11. Mai. Friedrich Karl Gottfried Leopold HanS Biese, Dr. med. Spezialarzt zu Gießen, und Diargot Lina Therese Elisabethe Luise Müller, Tochter des Majors Wilhelm Karl Friedrich Müller zu Hagenau. — 14. Heinrich Friedrich Neu, Buchdruckerei-Faktor zu Offenbach a. M^ und Anna Sophie Kreie, Tochter des Werkführers Wilhelm Kreie zu Gießen. — 15. Adolf Winkler, Mechanikus zu Greßen, und Wilhelmine Zoll, Tochter des Drehers Wilhelm Zöll zu Gießen. — Johannesgemeinde. Den 14. Mai. August Wilhelm Roth, Schreiner zu Gießen, und Katharüle Hartmetz, Tochter des Fabrikarbeiters Friedrich Hartmetz zu Fechenheim. — Karl Keil, Weißbinder zu Gießen, ein Witwer, und Elisabeche Menz, geb. Kühn zu Gießen. — 15. Georg August Heinrich Todt, Kaufmann zu Gießen, unb_ Minna Vogt, Tochter des Bureaudieners Hermann Vogt zu Gießen. — 19. Otto Adolf Eduard August Karl Reinhard Koch, Chemiker, Dr. phil. zu Offeilbach a. M., und Anna Marie Charlotte Meltzer, Tochter des verstorbenen Fabrikanten Hermann August Meltzer zu Riga. Getaufte. Matthäusgemeinde. Den 14. Mau Dem Küfer Karl Christian Pstind em Sohn Karl Christian, geboren den 31. Januar. — Ai arkusgemein de. Den 12. Mai. Dem Glaser Heinrich Baum eine Tochter Auguste Margarete, geb. den 3. März. — Dem Bierbrauer Gabriel Jacobi ein Sohn Otto, geb. ben 28. März. — 13. Dem Schlosser Otto Heil eine Tochter Elisabethe Anna, geb. ben 13. April. — L n k a s g e m e i nde. Den 13. Mai. Dem Dreher Friedrich Rökner ein Sohn Fritz, geb. ben 17. April. — 15. Dem Lokomotivheizer Wilhelnl Aiüller ein Sohn Wilhelm, geb. den 7. April. Beerdigte. Matthäusgemeinde. Den 11. Mai. Peter Mulch, Pfandmeister i. P., verheiratet, 61 Jahre alt, starb den 9. Mai. — Wilhelm Rudolf Pauli, 10 Jahre alt, starb ben 12. Mai. — Lukasgem einde. Den 10. Mai. Otto Rühl, Postschaffner, 38 Jahre alt, starb ben 7. Mai. — 18. Mar Leszinski, Telegraphenmeister, 54 Jahre alt, starb ben 16. ~ Mai. — Johannesgemeinde. Den 19. Mai. Luise Friebel, Witwe des Lohndieners Philipp Friebel, 59 Jahre alt, starb ben 16. Mai. Eingesandt. (Für Form und Jnhatt aiu.. umer Dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Gießen, 20. Mai 1904. Sehr geehrter Herr Redakteur! Wenn in dem Eingesandt in Nr. 116 die Mängel Der von mir eingerichteten Motorschiffahrt getadelt werden, so bin 'ch dem Einsender dafür dankbar. Aller Anfang ist aber schwer. Hatte bas Bieberlieschen anfänglich mit verschiebeneii Entgleisungen zll tun, so ging es Dem jungen „Hcmnchen" bisher nicht besser. Kapitän und Schiff finb aber inzwischen miteinanber bekannt geworben, ebenso kennt der Führer „Hannchens" nun auch das Wasser, ivelches er zu befahren hat, zur (dornige. Es ist von mir treng ungeordnet worben, baß für bie Folge bie planmäßige Ab- ahrt von Gießen auf jeben Fall innegehalten wirb. Was nun bie „verschwiegene Stelle" anlangt, so bedauere ich selbst, baß man mit Dem Fahrzeug nicht weiter lahnaufwärts fahren kann, weil bas oberhalb allzu flache Bett des Flusses dies nicht zuläßt. Zur besseren Orientierung werden aber in den nächsten Tagen am Wege nach bet Abfahrtstelle mehrere Schilber angebracht werden. Hochachtungsvoll Jean Borger. ■ - " ~ . ... . . .■ Frisch eingetroften: Diesjährige Gänse und Enten, Französische und Metzer Poularden; | ferner: frischer Ananas, Erdbeeren, ^Pfirsiche und Mirscben. Car-3 Schwaab, Hofdelikatessenhandlung. Telephon 265. 324 Seltersweg 23. verlaufen ist. 4654 veranschlagt zu 938.80 Mk. u Bilanz am 31. Dezember Vermietbare Schrankfächer (Safes). Diebes- und feuersicheres Gewölbe. und zwar 2595 7. Reingewinn 7598.60 6398.08 138.06 1. 2. auf bis 6. Noch zu zahlende Verwaltungskosten 246.05 1000.— 1819.98 3. Betriebsrücklage 4. Aufgenommcnes ^kapital 5. Warenschulden Passiva. Stammguthaben Reservefonds tAb