Mittwoch 22. Juni 1904 Nr. 144 tes Blatt 154. Jahrgang Gießener Anzeiger Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitätsdruckerei. 9L Lange, Gießen. Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7. Tel. Nr. bl. Telegr.-2ldr. r Anzeiger Gießen. Die „Gießener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigclcgt. Der »hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Seneral-Mzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. £>ie heutige Kummer umfaßt 12 Seiten. Die Umgestaltung der Dörfer. (Schluß.) In der günstigen Zeit des Getreideverkaufs steigen die Bodenwerte in Oberhessen wie überhaupt in Deutschland sehr auf- fnlLg, beispielsweise hebt sich zwischen 1857 und 1877 der Turch- schnittspreis des Hektars in A l S l e i d von 583 ML auf 1073 Mk., in B u tzbach von 1299 Mk. auf 2260 Mk., in Nidda von 895 Mk. auf 1815 Mk., in Schotten von 330 Mk. auf 757 Mk. Man kann sich denken, wie eine solche Wertsteigerung in kurzer Zeit das psychologische Verhältnis zum Acker ändert. Das Erb- rcd t rechnet mehr als früher mit dem Geldivert, der im Acker ist, das treibt: das gleiche Erbrecht der Kinder steigt, im Bewußtsein der Bevölkerung. .Das Land ist etwas verkäufliches, teilbares, berechenbares geworden. Die Ueberfüllung der Betriebe mit überzähligen Familiengliedern wird vom Bauern als ungeschäftlich empfunden und infolgedessen findet man die Geschwister ab, um von ihnen frei zu sein. Die Nichtbesitzer wandern ab und zwar umsomehr, als für sie der $rei3 der Lebensbedürfnisse steigt. Je höher der Roggenpreis, desto größer die Auswanderung. Ter Gedanke des privatwirtschaftlichen Nutzens siegt und löst bic Reste alten Gemeinbesitzes auf. Der Besitzer hebt sich aus der Reihe der übrigen heraus, wird Herr im Dorf und kauft zu seinem Ackerbestande hinzu. Auch das Dorf bekommt nun erst eine eigent- licfye Oberschicht und Unterschicht. Mag die Oberschicht auch im großen betrachtet noch immer aus kleineren Besitztümern bestehen, im Dorfe selbst entscheiden nur die relativen Werte, hier wird der Ackerbesitzer zum Arbeitgeber und zwar zum Bezahler von zeitweiliger Arbeit. Der Nichtbesitzer muß bei wachsender Intensität der Wirtschaft und bei Vermehrung der landwirtschaftlichen Maschinen sich als Saisonarbeiter einrichten, den bre Landwirtschaft nur teilweise noch nährt. Das aber ist die Ursache, weshalb die tüchtigeren Elemente der Unterschicht überhaupt dorfslüchtig werden. Nur der weniger Strebsame verkauft sich auf Monate. Die Arbeiternot beginnt nnb führt zur Einführung ftemder Wanderarbeiter für die Arbeitsmonate. Der Zuzug von Fremden aber ist derartia, daß nun die ländliche Lohnarbeit erst recht an Achtung und Wertschätzung verliert. Das Dorf hört auf eine innere Ivirtschaftliche Einheit zu sein, denn die Gutsbesitzer holen Polen herein, während die Dorftinder nach Westfalen auf Arbeit gehen. Das alte in sich geschlossene Dorf stirbt und wird zur lockeren Anhäufung von Einzelwirtschaften, von denen jede mit der Außenwelt ihr eigenes neues Verhältnis findet. Man hat kein ein- heitliä)es gemeinsames Dorfschicksal mehr. Natürlich verschärft sich diese Tendenz auf Zersplitterung der Dorfinteressen überall dort, wo die Jndustriearbeft bis in die Dörfer hineinreicht. Zwar auch die alten Dörfer waren in ihrer Weise industriell. Dr. Katz berichtet von der Zeit, wo im Vogelsberg exportierende Leinweberei landesüblich war. Aber das alle Dorsgcwerbe war kein Beruf neben der Landwirtschaft, sondern Hilfsbeschäftigung der Landleute. Jetzt ist es anders. Ter ländliche Industriearbeiter hat zwar meist sein .Stückchen Feld, scheidet sich aber nach oben bestimmt vom Bauern und nach unten vom ländlichen Lohnarbeiter. Er ist eine beständige Lockung für den Landarbeiter, sich auch durch gewerbliche Arbeit zu verbessern, besonders auch, da er erfahrungsgemäß seine Frau besser zu falten weiß als der Landarbeiter. Nur von der Frau des Landarbeiters gilt, daß sie erbarmungslos ansgenutzt wird. Der Kleinbauer wird lieber Industriearbeiter als landwirtschaftlicher Lohnarbeiter, wenn sein eigener Betrieb für ihn nicht ausreicht, er aber ist es, der nach Zeiten schwerer Demütigung neuerdings wieder besseren Lebensspielraum gewinnt, denn ihm hilft die Verschiebung der landwirtschaftlichen Gesamtlage, deren vaupterschein- ung ist, daß der Getreidepreis sich nach unten, der Viehpreis aber sich nach oben bewegt. Vorhin sprachen wir von den Folgen der hohen Getreidepreise für die Veränderung der inneren Zusammensetzung des Dorfes. Das Ergebnis war die Herausarbeitung einer getreide- verkaufcnocn Oberschicht. Kaum cntstandeu, ist diese Schicht durch das billige Auslandsgetreide notleidend geworden, wenn sie es aicht versteht, sich der Viehzucht und Milck)wirtschaft zuzuwcnden. Tas aber läßt sich mit den geringwertigen Saisonarbeitern nicht machen. Hier entscheidet, wenigstens bei Stallfütterung, die persönliche Pflege. Damit bekommen die Hände der Kleinbesitzer erst ihren eigenen Wert. Das Vieh bringt viel Geld in die Dörfer und ändert oft binnen kurzer Seit die sozialen Höhenlagen der verschiedenen Gruppen. Das Dorf ist kein stiller Teich mehr, es ist wirbelndes Wasser, so wenig der Städter, der nur gelegentlich das Land sieht, die Unterschiede und Wechsel merken mag. Man kann vielleicht sagen, daß gerade jetzt ältere Industriegebiete, besonders in der Textilbranche, ein innerlich gleichmäßigeres Dasein führen als die meisten Dörfer. Und glücklicherweise ist das Resultat der modernen Bewegung trotz alles Klagens und Schreiens in seiner Gesamtheit kein ungünstiges. Unsere Dörfer bessern sich. Jeder Mensch, der selbst vom Dors stammt und Lebensweise der Landleute früher und jetzt vergleichen kann, gibt zu, daß im Durchschnitt die Eltern des heutigen Geschlechts knapper und ärmlicher gelebt haben als dieses. Dr. Katz geht bei seiner Arbeit besonders daraus aus, die Besserstellung der Unterschicht anschaulich darzulegen. Seine Tabellen über Gesi nd e l ö h n e auf zehn oberhessischen Gütern während 30 Jahren sind neu und lehrreich. 5)er Oberknecht bekommt in Altenburg (Oberhessen) vor 30 Jahren 172 ML, vor 20 Jahren 250 ML, vor 10 Jahren 320 Mk. und jetzt 520 ML Die Obermagd steigt von 80 Mk. auf 250 Mk., der einfache Knecht in Eichenrod von 120 Mk. auf 280 ML, die Magd von 40 (24) auf 170 (148) ML Mit dem Lohn steigen Ansprüche und Leistungen. Das letztere ist wichtig und zum Verständnis der Gesamtlage nötig. Wenn man nur die Klage dcr Bauern über hohe Löhne hört, so stellt sich leicht der Gedanke ein, daß es genau dieselbe Arbeit ist, für die jetzt doppelt soviel bezahlt wird als früher. Der ganze rechnerische Geist des neuen Dorflebens hat aber auch die Arbeit selbst intensiver gemacht Wo viel bezahlt roirb, wirb auch mehr geforbert. Billig sind geringe Kräfte aus dem Osten, aber auch sie steigen in Preis und Wert, je länger die Wanderungsgewohnheit sich einbürgert. Die Unterschicht verlangt ihren Anteil am Ertrage der neuen Zeit und wird durch ihre höheren Ansprüche eine Triebkraft für Technik und Arbeitsbenutzuug. Der Landmann muß sich an die höheren Ansprüche gewöhnen und je mehr er es tut, desto mehr wird er Quolitätsprodukte zu liefern im stände sein. Das ist an der Arbeit von Dr. Katz das erfreulichste, daß sie auf bestimmtem Gebiet festftelll, wie durch die Modemisier- ung die Dörfer vorlvärts kommen. Er sagt: „Für den größten Teil der bäucrlick)en Pnümzenteu ist heute die Gesamtlage günstiger als jemals früher. Die steigende Konjunktur für animalische Produkte hat im Vogelsberg zu einer starken Steigerung der Einnahmen in den bäuerlichen Betrieben geführt, überall da, wo nur einigermaßen fortschrittlich gewirtschaftet wird. Den Vogelsberg nannte man wohl früher wegen der mißlichen Produkttonsverhältnisse und der Armut seiner Bewohner das „hessische Sibirien"; nach der Abwanderung der überschüssigen Bevölkerungsteile entwickelt sich dort heute infolge technischer Verbesserungen (hervorragende staatliche Unterstützung), getragen von der wirtschaftlichen Konjunktur ein kräftiger Bauernstand, toi e ihn diese Gegenden niemals gesehen haben. Nicht anders steht es in dem größten Teil der bäuerlichen Betriebe der Wetterau, wo infolge des wachsenden Koifiums in den Städten die steigende Rentabilität von Mllch- wirtschafl und Obstbau den sinkenden Erlös des Getreideverkaufs mehr als ausgeglichen haben.... Dem oberhessischen Bauer gehrt es trotz der Lohnsteigerung der Arbeiter besser als je — das war das Ergebnis einer Anzahl Aussagen, die mir von bäuerlicher Seite gemacht wurden. Der größere Grundbesitzer nur ist es, der in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte der leidttagende Tell war." Die erste Periode der neueren Landwirtschaft kam den größeren Besitzern mehr zu gute, die zweite hilft den kleineren, durch beide Perioden hindurch aber wandelt sich die alle stille Heimat des deutschen Volkstums, das Dorf. Volilische Tagesschau. Das „Arbeiterin imsterimn" des australischen Staaleubundes setzt sich folgendermaßen zusammen: der neue Premierminister Watson war Schriftsetzer, der Minister des Aeußeren Schneider, der Handelsmrnist«: Grubenarbeiter der Landesverteidigungsminister Goldgräber, der Generalpostmeister Journalist. Die neuen Minister sind nicht marxistische Sozialdemokraten, wie ihre Forderungen auf Schaffung einer eigenen australischen Marine und Verbot der Einwanderung von Farbigen deutlich erkennen läßt Im Mittelpunkt ihres Programms stehen bodenreformerische Forderungen. Ministerpräsident Watson führte in seinem ersten Vortrage aus, daß das erste Gesetz, das er durchzubringen hosse, ein Verbot für alle australischen Staaten sein würde, künftighin noch R e g i erun g s l an d der Privatspekulation auszuliefern. Es solle im Ge- genteil den Staaten möglichst erleichtert werden, den Boden der großen Landgesellschasten zurückzugewimwn. Eine billige Verpachtung von kleinen Grundstücken sei nach feiner Meinung auch die beste Hilfe gegen Arbeitslosigkeit. Ob das Ministerium sich lange wird halten können, ist die Frage. Im Unterhaus verfügt es von 75 stimmen über nur 24, im Oberhaus von 36 über nur 14. Da Konservative und Liberale sich in den Rest der Stimmen fast gleich 'teilen, so besteht das Bundesparlament aus drei fast gleich großen Gruppen und cs wird zunächst alles von dem staatsmännischen Geschick des neuen Ministeriums abhängen. Iortführung der ^LaynLaualisatiou. LEI General-Direktor Kayser-Wetzlar, der Vorsitzende des Lahnkanal-Vereins, teilt int Anschluß an Dr. Knippers Ausführungen eine Berechnung mit, welche Frachtersparnis pro Jahr allein für Gießen, Hungen, Lumda, Mücke sich ergibt, wobei er zu Grunde gelegt hat die lahnabwärts gegangenen Sckwergüter von diesen Stationen nach ber Eisenbahnstatistik für 1902, wonach sich das Quantum dieser Güter auf 396 000 Tonnen beläuft, dessen Wasfer- fracht eine Ersparnis von 400 000 Mk. gegen Bahnfracht ausmacht. Oekonomierat Schlenke erllärt, daß er den Ausführungen gegenüber, es würde die Landwirtschaft Oberhessens durch den an* gestrebten Wasserweg vom Rhein bis Gießen Vorteile haben, von Anfang an mißttauisch gegenüber gestanden habe. Er halte diese Wasserstraße für das Einfallstor, welches unsere Provinz mit ausländischem Getreide überschwemmen werde und so der l-eimisck>cn Landwirtsck-ast Schaden bringen müsse. Tie Wirkung der kanalisierten Fulda auf die kurhessische Landwirtschaft sei ähnlich gewesen. Herr Schlenke macht Mitteilung von den ihm von der Landwirtschaftskammer Kassel zur Verfügung stehenben Zahlen, wonach dort allerdings die Einfuhr von Getreide und Mehl von Bremen die Fulda hmauf von Jahr zu Jahr zugenommen habe, dagegen nennenswerte Quantitäten landwirtschaftlicher Produkte aus Kurhessen per Wasser nicht verfrachtet worden seien. Oekono- mieiat Schlenke nimmt an, daß den Profit aus den vom Ausland zu beziehenden Futtermitteln wohl der Handel etnstecken würde. Er bemerkt jedoch, daß er persönlich trotzdem gegen die Durchführung des Wasserweges bis Gieeßn sich nicht wenden wolle, well er wohl einsehe, daß dieses wenig nützen würbe unb weil er anerkenne, daß allgemeine wirtschaftliche Zwecke für eine Schiffbarmachung ber Lahn sprächen, denen man sich nicht entgegenstellen solle. Aber als Vertreter der oberhessischen Landwirte könne er für das Projett nicht eintreten. General-Tirektor Kayser verweist demgegenüber darauf, daß es doch falsch sei, Kasseler Verhältnisse, welche gewiß ganz anders liegen, auf unsere Verhältnisse an der Lahn zu übertragen. Die ausländischen Getreidetransporte ließen sich mit Vorteil nur in größeren Schiffen als solche von 300 Tonnen Ladefähigkell verfrachten. Es werde sich schwerlich ein Spekulant finden, der, um Getreide auf der Lahn nach Oberhessen zu bringen, das Risiko ber eventuell zweimaligen Umladung mit der Hoffnung auf nennenswerten Gewinn übernehmen werbe. Oekonomierat Schlenke erllärte, man werde die Frage im landwirtschaftlichen Provinzialverein resp. in dessen Ausschuß einer eingeheuben Prüfung unterziehen, was bis jetzt noch nicht habe geschehen können. Er regt bann die Frage an, ob es nicht angebracht sei, im Interesse einer gleichmäßigen Verteilung der Wassermenge in der Lahn, auch im Interesse einer gleichmäßigen Schifffahrtsmöglichkeit, an der oberen Lahn und auch an der Ohm Talsperren zu errichten; bamit würde zweifellos einem großen Tell unserer Landwirte ein Vortell erwachsen; man würde deren Felder vor den Verwüstungen der Wildwasser schützen. Baurat Röder bemerkt darauf, daß diese Talsperren Millionen toften würden. Sei aber später der Verkehr auf dem Fluß so bedeutend, so wäre die Mögllchkell ber Ausführung solcher Talsperren gegeben, die fick) bann ja auch für industrielle Zwecke und zur Anlage von Wasserleitungen rc. benutzen ließen. Rückblick auf den Ilrauenkougreß. Orig.-Arr. d. „Gieß. Anz." dort E. E. Berlin stand fast 14 Tage unter dem. Zeichen des „Jnter- nattonalen Frauenkongresses". Wo immer in den Kaufläden, in Konditoreien ober Restaurants sich eine Angehörige des Frauenkongresses zeigte, wurde sie mit ausgesuchter Höflichkeit und besonderer Zuvorkommenheit bedient. In den Straßen- und Stadtbahnen dagegen wurde sie angestarrt, inehr oder minder rücksichtslos bekrittelt — genug, sie war Gegenstand der Bewunderung — der Spekulation — der 9öeugierde oder der Verachtung, je nach dem Stanbmuitte des jeweiligen Kritikers. Tre Fwauen aber, denen diese entgegengesetzten Empfindungen galten, hatten wohl ein leichtes Lächeln bei gar zu offenen Kundgebungen des Publikums — im übrigen nahm ihre Arbeit sie viel zu sehr in Anspruch, als daß solche „Kritiken ungelesener Bücher" großen Eindruck auf sie hätten machen können. Denn eine ernste, anstrengende Arbeit mutete dieser Kongreß seinen Mitgliedern zu, sowohl den Empfangenden, als der: Gebenden. Wohl waren unter den vielen tausenden von Frauen Hunderte, welche bis dahin der Frauenbewegung skeptisch gegenüber gestanden hatten, zahlreiche, welche die bloße Neugierde herbeigeführt hatte, wiederum tausende, die hungernd nach klarer Er- ienntnis gekommen waren. Die letzteren sollten volle Klarheit erlangen und den Nikodenrusnaturen sowie den Spott- leistungen hat sich wohl bald jedes Gefühl der Abneigung oder des Mißverstehens umgewandelt in Staunen und ehrAche Bewunderung. Ter Einbruch der sich einem von Anfang an ouf- i bräunte und bei jeder neuen Sitzung verstärkte, war der- enige der Abgeklärtheit und der Reife in der ganzen Be- 'venuna und allen ihren Führerinnen. Hier konnte nicht •mebr über phantastische Hirngespinste gespöttelt werden, iüenn die Frauen dursten auf die reifen Fruchte Hinweisen, ibic ihre jahrelange ehrliche Arbeit gezeitigt hat und das i bereits Geleistete berechtigt zu vollem Vertrauen auf das nioch zu Erstrebende. Es würde zu wert führen, aus alle Eutzelhetten etn- -m geh en, aber schon der flüchtigste Blick auf die Leistungen j dieser Woche läßt die Grünülich.keit und Allseitigkeit erkennen, durch- welche sich die gmrze Veranstaltung und alle einzelnen Ausführungen ausAeichneten. In der Woche vom 5.—11. hatte der Internationale Frauenbund getagt. Er hatte durch die verschiedenen Empfänge, Begrüßungen und Sitzungen hinlänglich Gelegenheit gegeben, gegenseitig Fühlung mit einander zu nehmen, alte Beziehungen ouszufrischen und neue zu schließen. Tas Prinzip, dem der Internationale Frauenbund seine Gründung und Ausgestaltung verdankt, ist die goldene Regel: „Handle an andern, wie du wlllft, daß sie an dir handeln". Unter diesem Gesichtspunkte verhandelte der Bund über Maßregeln gegen den internationalen Mädchenhandel, über die politische Gleichberechtigung der Frau, über die Vertretturg des Bundes nach politischen und nationalen Gesichtspunkten usw. In der Woche vom 12. bis zum 18. saird dann der eigentliche Kongreß mit seiner anstrengenden Arbeit statt. Es wurde bereits berichtet, wie die Räume der Philharmonie dazu hergerichtet waren und wie mtt erstaunlicher Umsicht und überraschetrdem Organisationstalent alle Einrichtungen getroffen waren, welche für Ordnung des Ganzen, für das Behagen aller sorgten. Die künstlerische, geschmackvolle Ausstattung der Räume hob sofort über jede Alltagsstimmung hinaus — da gab es ein Schreib- und Lesezimmer, Salon, Erfrischungsräume, Pressezimmer, Post und Telephon, — kurz alles war so bequem und einheitlich wie möglich hergerichtet. Die Gegner der Frauenbewegung hoben auch nach dem Kongreß — sie hatten also offenbar die Gelegenheit, sich selbst an Ort und Stelle zu informieren, versäumt — hervor, die Hauptsache bei dem ganzen Kongresse sei den Damen doch, ;ür sich das politische Stimmrecht zu erkämpfen. Tas ist nicht der Fall. Wohl wurde verschiedentlich betont, wie wünschenswert es sei, das politische und kommunale Stimmrecht zu erkämpfen, da nur dadurch die Frau imsrande sein würde, das von ihr für notwendig Erkannte durchzusetzen, aber in den Vordergrund trat diese Frage nicht. Das wärmste Interesse der Frauen galt überall der Erziehung und der Berufswahl des weiblichen Geschlechts. Der kurz bemessenen Zeit und der sich aus allen Kreisen zusammensctzenden Zuhörerschaft entsprechend, ließ man bei den Schulfragen die rein technischen Fragen mehr beiseite und betonte hauptsächlich die kulturelle und soziale Seite. So wurde über die Frauenbildung im allgemeinen und über die Aufgabe der Volksschule im besonderen mit Rücksicht auf die Stellung der Frau als Mutter, als Berufsarbeiterin und als Mensch gesprochen. Für die Einheitsschulen traten, durch ihre langjährige Erfahrung da^u berechtigt, Frau Jlrni Hallfteu aus Frnland und Frau Dr. Schwarzwald aus Oesterreich ein. Sie hoben die Vorzüge solcher Schulen für die Sittlichkeit, die Natürlichkeit und Tüchtigkeit der Jugend hervor. Eingehende Besprechung fand auch die Krankenpflege, die sich ja sett alter Zett in hervorragender Wette als gegebener weiblicher Beruf bewährt hat. Es wurde darauf hingewiesen, daß mau hier in den meisten Fällen einen zusagenden edlen Beruf, aber keinen (Srtoerb hätte. Da aber die Frauen ost durch Familienrücksichten gehindert feien, einen Beruf ohne Erwerbsmöglichkeit zu erwählen, oa weiter auch zum Ausreifen der Persönlichkeit pekuniäre Unabhängigkett wünschenswert erscheine, würden hier verschiedene Wege vorgeschlagen, um Wandel zu schaffen. Eingehende Vorträge fanden über die Fortbildungsschulen, über die Mädchengymnasien und die Universität statt, und auch hier wurde wie bei der Besprechung über oie Volksschule stets als Ziel dar Ausbildung neben der Befähigung für den Erlverb — das Ausreisen des Individuums zur Persönlichkeit, die volle Befähigung der Fcau, in richtiger Weise Mutter- und .Erzieherinnenpflichten zu üben — hingestellt. Ein Morgen war den neuen Berufsarten der Frauen als Oberinnen, Lehrerinnen, Wärterinnen in Gefängnissen und als Pflegerinnen und Aufseherinnen in Fabriken und als Gewerbetreibende gewidmet. Mit warmem Interesse wurde auch die Lage der besitzlosen Frauen, der Arbeiterinnen und der Dienstboten besprochen und auf die Verantwortlichkeit aller Gebildeten gegenüber den Schwachen und Schulbedürfttgen hingewiesen. Die Berufe der Advokatin, der Predigerin, die in Amerika bereits von Frauen geübt werden, wurden erwogen und Beispiele angeführt, die sich in diesen Berufen bewährt hatten, ohne dadurch Einbuße an Eigenart zu erleiden! Besonders die Ausländerinnen traten ein für die energische Bekämpfung des Al ko Holismus, Tie Versammlung trat dem schon früher gefassten Beschluß der, der dahin gebt, die Großh. Staatsregierung durch die Handels- ckammer und die Bürgermeisterei Gießen zu bitten, damit diese bei der preußischen Ltaatsregierung die Ausführung des Lahnkanal- projcktes befürwortend fördern möge und dem preußischen Ministerium eventuell ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gebe, die Schiffbarmachung des Flusses bis Gießen zur Durchführung zu bringen. Aus Stadl und Land. Gießen, den 22. Juni 1904. * * Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben dem seitherigen Mitglied der König!. Preuß. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M., Geheimen Vaurat Ritnr o tt in Berlin, aus Anlaß seines Ausscheidens aus dem Eisenbahndirektionsbezirks Frankfurt a. 2)L das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. "* Das Großh. Regierungsblatt 9Zc. 20 enthält: 1) Bekanntmachung, die Bestimmungen über den Bau und die Einrichtung der Schulräume und Lehrenvohnungen betreffend. 2) Bekanntmachung, die Organisation der Oberförstereien betreffend. 3) Bekanntmachung, die David Elias Levinger-Stiftung in Mainz betreffend. * * Lahnkanalisation. Bekanntlich findet am nächsten Sonntag nachmittag 3 Uhr in Limburg a. d. L., Hotel zur „Alten Post", die Hauptversammlung des Lahnkanal- Vereins statt. Der Verein hat am 2. Mat dss. Js. eine Eingabe an das preuß. Abgeordnetenhaus gerichtet mit dem Antrag: „Für die Lahnschiffahrt von der Mündung bis zur preußisch-hessischen Grenze bet Gießen wird ein Betrag bis zu höchstens 15 Millionen Mark aufgcwcndet und die Schifffahrtsanlagen nach einem von dem Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten zu genehmigenden Plan für Schiffe von 1,6 Meter bis 2 Meter Tiefgang binnen 5 Jahren nach Verabschiedung dieses Gesetzes ausgebaut." Dieser Antrag soll in der Versammlung durch einen entsprechenden Beschluß wirkungsvoll unterstützt werden. Im übrigen werden ausführliche Mitteilungen über die Tätigkeit des Vereins seit der letzten Hauptversammlung gemacht und eingehende Angaben über den Stand der Kanalisation gegeben werden. 9lud) haben verschiedene Abgeordneten zugesagt, darüber zu berichten, was von ihrer Seite in dieser Angelegenheit geschehen ist. Gerade diese Versammlung bietet die .Möglichkeit, zu zeigen, daß der Vercm tatsächlich die Jntereffen des ganzen Lahngebietes vertritt. • * Wettertalbahn. In Steinfurth i. d. Wetterau fand, wie man uns schreibt, am letzten Sonntag eine von 260 bis 280 Personen besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher die Frage, soll dte Wettevtalbahn über Bad- Nauheim geführt werden, besprochen wurde, und welche von zahlreichen Orten der Umgegend besucht war. Sie verlief unter lebhafter Beteiligung aller Anwesenden und schloß mit einer einstimmig (mit drei Stimmenenthaltungen) gefaßten Resolution, in welcher der Wunsch ausgesprochen wurde, daß die Wettertalbahn über Bad-Nauheim geführt wird. a. Marburg, 21. Juni. Heute abend fand die Einweihung der von den Studenten und Bürgern Marburgs errichteten Bismarcksäule statt. Von 7—9 Uhr hielt die Studentenschaft zunächst an den Abhängen des Berges eine Faßpartie in großem Maßstabe ab, die allerdings durch die kühle Witterung etwas beeinträchtigt wurde. Um 9 Uhr setzte sich der Zug nach der Bismarcksäule in Bewegung, an der jetzt em trästiges Fener schwarze Rauchwolken zum Himmel sandte. Nach dem gemeinsamen Gesang eines Blsmarckliedes tübergab der Erbauer der Säule, Architekt Reising, den .Schlüssel dem Vertreter der Studentenschaft, der ihn dem lVertceter der Stadt, Beigeordneten Schimpff, überreichte. Dieser übernahm ihn mit dem Versprechen, das dem größten verewigten Ehrenbürger Marburgs gewidmete Denkmal treulich zu hegen und zu pflegen. Die Festrede hielt hierauf ein ^Chargierter von der „Frankonia", mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland schließend. Daran schloß sich der Gesang „Deutschland, Deutschland, über alles", worauf sich die gesamte Studentenschaft in großartig wirkendem Fackelzuge von den Höhen ins Tal und durch die Stadt nach der Scherzenwiese begab, wo unter Absingung des Liedes „Gaudeamus igitur" öie yacrein zusainmengeworfeu wurden. Morgen abend findet großer Festkommers statt. Vermischtes. Tas neue Automobil des Kaisers, welches gelegentlich des jüngsten Kaiserbesuches in Homburg v. d. H. zum erslenmale in Benutzung genommen wurde, ist in derselben hellen Elsenbeinsarbe lackiert, wie der kaiserliche Hofsonderzug; es weist auch dieselben blauen Ränder aus. Mtt einer Erkennungsnummer ist der Motorwagen nicht versehen, dagegen ist an der Stelle, wo sonst die Nummer zu sein pflegt, die königliche Krone angebracht. Tas Führerpersonal trägt braune Livree; Iackenkragen und Mütze sind mit breiter goldener Adlerttesse besetzt. Ter eine, aus der rechten Seite des Führersitzes befindliche Fahrer trägt auf dem rechten Aermel seiner Jacke eine doppelte goldene Adlerttesse. Die Mütze mit der Adlertresse wird von dem Führerpersonal nur dann getragen, wenn der Kaiser sich im Wagen befindet, bei anderen Fahrten trägt das Personal die Mütze ohne Tressen. * Der gepfändete Prinz. Eine interessante Stenerrechtsvorlage wird demnächst zum Austrag gelangen. Auf Grund des in Elsaß-Lothringen neuerdings eingeführtcn und im vergangenen Jahre zum erstenmal zur praktischen Geltung gelangter: Kapttalrentensteuer-Ge- sctzes war der in Longeville bei Metz wohnende, zur Dienstleistung beim Generalkommando des 16. Armeekorps kommandierte Oberstleutnant Prinz Otto Heinrich zu Schaumburg-Lippe von der Steuerkommission mit 8000 Mk. zur Kapitalrentensteuer veranlagt worden. Der Prinz, der sich in seiner Eigenschaft als Mitglied eines deutschen souveränen Herrscherhauses für nichtsteuerpflichtig hielt, jedoch versäumt hatte, im Laufe des Rechnungs- jalnes die nötigen Einwände gegen seine Veranlagung zu erheben, weigerte nunmehr, als nach dem 1. April der Zahlbefehl über den „Steuerrest von 8000 Mk." ihm zu- gestellt rourbe, die Zahlung, worauf der Rentmeister (Steuereinnehmers ihm den Exekutor auf den Hals oder richtiger in den Marstall schickte, wo er 12 der schönsten Vollblutpferde pfändete. Der Zwangsverkauf war schon überall in der Stadt durch Plakate, sowie in den Zeitungen an- gezeigt — zum allgemeinen Verblüffen — als der Prinz im letzten Augenblicke vom Statthalter eine Sistierung des Verfahrens erwirkte, bis die Hauptfrage, ob er mit Recht oder Unrecht zur Steuer veranlagt sei, erledigt jein wird. Auf die Entscheidung, die wohl in letzter Instanz vom kaiserlichen Rat als obersten Verwaltungsgerichtshof gefällt werden wird, kann man gespannt fein. Formell kennt das elsaß-lothringische Kapitalrentensteuergesetz keinen Standesunterschied bei den Steuerpflichtigen, und folglich auch keine sich daraus ergebende Steuerbefreiung. Anderseits würde es aber widersinnig erscheinen, daß Mitgtteder legierender deutscher Häuser, die auf Grund gegenseitiger Vertrüge in allen deutschen Staaten die Steuerfreiheit genießen, gerade in Elsaß-Lothringen, das dem deutschen Reiche in seiner Gesamtheit angehört, eines solchen Privilegiums verlustig sein sollten. Praktisch ist übrigens die [^rage insofern niaft ohne Bedeutung, als fortwährend eine mehr oder minder große Anzahl Mitglieder regierender oder ehemals souveräner stand eshorrtich er Häuser, die Stellen in der Armee oder in der höheren Verwaltung innehaben, nach Elsaß-Lothringen konrmt und dort auch längere Zeit wohnt. UnivrrMts Nachrichten. — Die Zenttaldirektion des kaiserlichen Archäologischen Instituts Hal für das Studienjahr 1904/05 die Herren: Dr. Ludwig Curtius in München, Dr. Hugo Hepding in Gießen, Dr. August Köster in Berlin, Oberlehrer Dr. Max Ruhland in Bonn und Oberlehrer Dr. Friedrich Mie in Bremerhaven zu Stipendiaten des Instituts in der Abteilung für klassische Archäologie und zwar mit der Maßgabe gewählt, daß die beiden Letztgenannten von einem vollen Jahresstipeudium je die Hälfte erhalten. — Die neue technische Hochschule zu Danzig erhält folgendes Lehrerkollegium: Zu etatmäßigen Professoren sind ernannt worden: 1. der Schiffbauingenieur, Oberingenieur beim Norddeutschen Lloyd in Bremerhaven, Schütte; 2. der ordentliche Professor an der Landwirtsck)aftlichen Akademie in Hohenheim Dr. Behr end; 3. der Abteilungsvorsteher am 1. Chemischen Institut zu Berlin, Professor Dr. Ruff; 4. der Dozent an der Hochschule in Aachen, Dr. Wien; 5. der Dozent an der Hochschule zu Berlin Professor Dr. Rößler; 6. der außero. Professor in der Philosophischen Fakultät in Göttingen, Dr. Lorenz; 7. der Direktor der Brückenbauabteilung der „Gutehoffnungshütte" in Sterttade, Professor Krohn; 8. der Privatdozent in der Philosophischen Fakultät der Universität zu Berlin, Prof. Dr. Wohl; 9. der Regierungsbaumcister Oder zu Berlin; 10. der Privatdozent an der Landwirtschaftlichen Hochschule und an der Universität zu Berlin, Dr. Eggert. — Der Privatdozent an der Technischen Hochschule zu Berlin, Oberingenieur bei der Firma Siemens und Halske, Dr. D o l e z a l e! ist unter Beilegung des Titels „Professor" zum Dozenten m Danzig ernannt worden. — Ter etatsmäßige Professor für Brückenbau und höhere Baukonsttuktionen an der Technischen Hochschule zu Aachen, Geh. Regierungsrat Dr. Heinzerling, feierte am 20. Juni sein 50 jähriges Dienstjubiläum. Heinzerling steht im 80. Lebensjahre. .Ein geborener Hesse, absolvierte Heinzerling das Gymnasium zu Darmstadt und die höhere Gewerbeschule daselbst und studierte an den Universitäten Gießen und Berlin. 1848 bestand er hier die Fakultätsprüfung. 1860 wurde er zum Lehrer des Bauingenieursaches an der höheren Gewerbeschule inTarm- stadt ernannt. 1864 folgte er einem Rufe als Professor der Bau- und Jngenieurwissenschaften an der Universität Gießen. Seit 1870 lehrt er in Aachen. Landwirtschaft. Saatenstand in Preußen Mitte Juni 1904, wenn eins sehr gut, zwei gut, drei mittel bedeutet: Winterweizen 2,5, Sommerweizen 2,8, .Winterspelz 2,3, Winterroggen 2,6, Sommerroggen 3,2, Sommergerste 3,0, Hafer 2,9, Kartoffeln 2,8, Klee 3,1, Luzerne 2,7, Wiesen 3,9, Bewässerungswiesen 2, 5, andere 3,2. Die entsprechenden Zahlen des Vormonats waren 2,4, 2,5, 2,3, 2,5, 2,7, 2,5, 2,5, 2,8, 2,5, 2,6, 2,6, fehlt, fehlt. In den Bemerkungen der „©tat. Korresp." über den Saatenstand heißt es: Auch in der zweiten Hälfte des Mai ist das Wetter bei anhaltenden Winden vorherrschend kühl und trübe gewesen, aber im Gegenteil zu der ersten Monatshälfte trocken. Wiederholt sei das Thermometer während der Nachte unter den Gefrierpunkt gesunken. Fast allgemein seien von den Nachtfrösten die östlichen Landcsteile und das ganze Küstengebiet betroffen. .Da die Feuchtigkeit des Vormonats schon durch nordöstliche Winde fast völlig .ausgewogen war, habe die gegen Ende des jetzt abgclaufcnen Berichtsmonats eingetretene hohe Temperatur mit Sonnenschein, die inzwischen bereits recht empfindlich gewordene Trocknis verstärkt. Vor den überreichlichen Niederschlägen seien die Aecker zusammengeschlagen. Sie verkrusteten nun. Stellenweise hörte fast jegliches Wachstum auf. lieber» wiegend wird darüber geklagt, in den Provinzen Ost- und Wesl- preußen sowie in Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien und Sachsen, ausgenommen den Regierungsbezirk Erfurt und Schleswig-Holstein. .Man befürchtet hier und da sogar schon eine Mißernte an Sommerfrüchten und Futter-Gewächsen, wenn nicht seljr bald ergiebige Feuchtung komme. Aber auch .in Hannover und Westfalen wird vielfach über ungenügende Regenfälle geklagt. Von 4617 bis zum 18. Juni eingegangenen Berichten melden 2794 oder 60,5 v. H. über Trockenheit. Erfreulicherweise werde in diesem Jahre über Schädlinge nicht sehr getlagt, jedoch sott die im vormaligen Berichte angezeigte Rostbildung im Winterweizen größeren Umfang angenommen haben. Was die einzelnen Fruchtsaaten anlange, hätten die Winterhalmfrüchte der Ungunst der Witterung bisher noch einigermaßen Widerstand geleistet, .über die Sommerhalmfrüchte dagegen werde selten günstiger berichtet. Auch für Futtergewächse seien die Etteaussichten allgemein wie für Sommerhalmfrüchte nicht unerheblich gegen die des Vormonats schwächer geworden. Kandel und Verkehr. llalkswülfchasl. Deutsches Kapital und russische Bedürfnisse. Trotzdem, schlecht gerechnet, ein halbes Dutzendmal das Gerücht austauchte, daß Rußland in Deutschland eine neue Kriegsanleihe aufnehmen werde und dieses Gerücht ebenso oft dementiert wurde, ist es einfach nicht umzubringen und erscheint immer wieder auf dem Plan. Jetzt läßt sich die „N. Fr. Pr." aus Paris melden, daß eine neue russische Anleihe im vorläufigen Betrage von 250 Mill. Mark im Prinzip abgeschlossen sei. Schon die Valuta, auf welche diese Anleihe laute, lasse es als zweifellos erscheinen, daß es sich um eine Anleihe bei dem deutschen Kapital handelt. — Man kann gespannt sein, wie lange es dauert, bis dieser neuen Meldung das neueste Dementi folgt. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. Juni 1904. Barometer auf 0° reduziert Temperatur der Luft Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke 1 Wetter 21. 225 749,9 . 19,6 9,9 58 NNW. 4 Sonnenschein 21. 9" 753,5 14,2 8,6 72 NW. 4 Heller Hünmel 22. 73s 756,6 12,6 8,6 80 W. 2 Sonnenschein Höchste Temperatur am 20—21. Juni — -+■ 20,4u C. Niedrigste . „ 20.—21. „ = + 7,8 VC. durch den Unsittlichkeit und Gesundheit in gleicher Weise geschädigt würden. Es wurde ferner Bericht erstattet über die Frauen, die sich in öffentlichen Ehrenämtern, in der Armen- und Waisenpflege, in Kaufmannsgerichten, städtischen Schul- deputationcn usw. durch Tüchtigkett ausgezeichnet, und erwogen, ob nicht auch für Deutschland diese Berufsarten für Frauen zu erstreben seien. Einen interessanten Punkt bildeten die Referate und die Sessionen über Kunst und Ku n st g e w e r b e — über Literatur und Journalismus. Frl. Natalie v. Milde aus Weimar und Frau Marie von Bülow-Berlin schilderten in beredter Weise die Mißstände im Leben der Schauspielerinnen, wiesen auf die sittlichen Gefahren, aus das Proletariat unter den Künstlerinnen, auf das geringe Gehalt für die tüchtigen Durchschnittskünftler und die verhängnisvolle Ikolle hin, welche den eleganten Toiletten ein- geräumt find — sodaß der Erfolg aus der Bühne zuweilen mehr dem Schneider als dem Talent zu danken sei. Sie verlangen gründliche Ausbildung der Bühnenkünstlerinnen, deren Auffasung und Leistungen von unschätzbarem Werte für die Arbeit an der Kulturentwicklung eines Volkes seien oder sein sollten, und dringen auf staatliche Prüfung durch berufene Fachleute einerseits und andererseits verlangen sie, daß die Schauspielerinnen die Garderobe geliefert bekommen, statt sie selbst — zuweilen aus nicht ganz lauteren Mitteln oder mit Aufopferung ihrer notwendigen Existenzmittel — zu liefern. Die Malerinnen verlangen Zugang zu den Akademien — das Recht gleicher ^lnsbildungsmöglichkeit mit dem Manne und gleiche staatliche Unterstützung. Frau Sabine Lepi iuS ermahnt die Künstlerinnen, nicht zu jammern, als ob der Weg zu höchster Kunst für sie schwerer sei oder als ob sich ihnen mehr Hindernisse in den Weg stellten als dem Mann — der Weg unserer tüchtigen Künstler sei dornenvoll genug — vielmehr sich vor dem Dilettantismus zu hüten, der der Tod aller wahren Kunst sei, und in unserer Arbeit zu sorgen, daß ein Talent unter sorgsamer Führung auch erst ausreifen könne. Frau Charlotte Klein aus Dänemark legte die hohe Bedeutung des K u n st g e w e r b e s als das besondere Gebiet der Frau dar, und tüchtige Rednerinnen sprachen dann noch über die Frauen in der Literatur und im Journalismus. Alle warnten einstimmig vor Dilettantismus, vor Modetorheiten, vor Nachahmung des Mannes und wiesen wiederholt hin auf die schwere Verantwortung, welche gerade auf den Frauen läge, die literarisch tätig seien. Eine Norwegerin meinte, wohl werde man dereinst zur Beurteilung unseres Jahrhunderts auch die Frauenliteratur heranziehen, aber bei so manchem Produkt einer perversen, unsittlichen Lebensanschauung würden die Menschen der Zukunft auscufen: „Ao waren die Mütter zu einer Zett, wo solche Bücher geschrieben und gar von der Jugend gelesen wurden." Zum Schlüsse des Kongresses sprachen noch Mrs. Charlotte Perkins-Gilman über eine neue Theorie der 5 rauen frage und Helene Lange- Berlin über „das Endziel der Frauenbewegung". Aus den Schlußworten dieser beiden so verschiedenen interessanten Frauen flingt derselbe Grundton, der sich von der ersten Sitzung bis ^ur letzten durch die Vorträge sämtlicher Frauen zog: Nicht Gegnerin, sondern verständisvolle gleichberechtigte Gefährtin des Mannes soll die Frau sein — in den Rechten und Pflichten der Mutter soll sie nach wie vor das höchste Frauenideal sehen — aber um andere leiten zu können, muß sie selbst wissend und voller Verständnis sein. Darum verlangen wir eine gründliche Ausbildung der Individuen — wir verlangen einen Beruf, der vollständig die Kraft des Weibes aussüllt — bei die Jungfrau in dem verhängnisvollsten Alter vor dem unglückseligen, Geist und Körper vernichtenden Träu- men und „Warten" bewahrt, und welcher der Frau die Möglichkeit der Erwerbes und der sorgenfreien Existenz gibt * (Schluß folgt.) — Vom Claar-Jubiläum. Am Montag abend fand im Frankfurter S ch a u s p i e l h a u s e eine Festvorstellung statt. „Demetriu s", mit dem Elaar sein Regime begonnen Halle, I und der 2. Akt des Götz von Berlicbin gen wurde gegeben. L Das Demetrius-Fragment eröffnete den Abend. Die großen Parlamentsszenen zeugten von Claars meisterhafter Regiekumt. -ten Schluß bildete der Att aus „Götz", in dem namentlich Herniann als Selbitz und die Adelheid Fräulein Bochs hervortraten, «iie- gelmanns Götz war die bekannte, tüchtige Leistung. Bor dem Theaterpublikum wurde zwischen den zwei Fragmenten eine „Thea- terrebe" des Jubilars von Frl. Rottmann vorgetragen, die in hübschen Versen an den Demetrius anknüpfte _unb bat, den Lorbeer dem großen Dichter zu reichen, nicht feinem Diener. Für den Lorbeer, der ihm in Fülle doch Zespenbet wurde, dankte dann Claar selbst mit dem Wunsch „es möchte ivirtlta) so gewesen sein, wie es heute scheine, daß er nämlich bie Anerkennung, die ihm gezollt werde, tatsächlich verdient hatte. Wenn es ihm gelungen sei, dem Publikum nach Wunsch nno Willen zu dienen, so habe er die Genugtuung, nicht umsonst gelebt und gearbeitet zu haben. Frankfurt sei ihm zu einer zweiten Heimat geworden, die er liebe und die er auch Dann nicht verlassen wolle, wenn es ihm nicht mehr beschieben sei» würbe, an dieser Stätte zu mitten. So lange es ihm aber vergönnt sei, hier zu arbeiten, werde er fein Bestes geben . Darauf wiederholten sich .die herrlichen Ovationen des puvn kums. — Dem Jubilar wurde von Theaterfreunden eine Ll)ten- gäbe von 20 000 Mark dargebracht. ♦ — Jüngst wurde in dem kräftig anssttebenden Bielefeld ein neues Stadttheater festlich eröffnet, das in nianaK Beziehung vorbildlich für derartige Anlagen Jein ;;lh einem Aufwande von nur 500 000 Marl (ausschließlich Gruna stück und Bühnenfundus- hat Bernhard Sehring, der Erbauer Dj „Theaters des Westens" in Charlottenburg-Bertin, hier em i“ » von 1100 Plätzen geschaffen, das sich in seiner aruitcrtond^ Anlage und in seinem Schmuck, vor allem aber ui der Dur dachten inneren Anlage ohne Bedenken neben manches ungn teuerere, viel prunkvollere Großstabttheater stellen bars. --1 dem neuen Rathaus der Stadt durch einen unmittel uren : uev- gang verbunden, der die gemeinsame Benutzung der oiunui ttonsräume beider Gebäude fiebert, ist der Hauptbau, Da» ö ' schauer Haus mit dem schönen Foyer, in den Formen Des io. -ö Hunderts, mit rnaiül-erlei Renaissance-Anklängen, ^halle , renb das Bühnenhaus sich gleich einer wuchtigen Gratsourg dahinter aufbaut Für die Decke des Zuslhauerranlla-, v II Rahmen in freier Umformung klassizistische Motive ^.gt, Y Baumeister Sehring die wirlungsvott Jitorbnimj d.s 0 1 - Himmelszeltes gewählt, mit der er schon einmal bei o m bau des Berliner Wintergartens überraschte. °lskr D Berlin fot-" L sn.. ^en ; )4«Uu* 1 c b t H, fte:^A lw»» >U?'Ä gw «YEK "reichend - onQt59fd)onttn9c6l(! r- hab! di! 2 N^T-L übmejÄ^-npfindL- ^«Kchen Nieder TS£ % i‘rt upurt uni> SH, s-h°n L %UUb!nVV®i; wird Diclfad)"^^^ VI bis zum 10 t '■’ «.»». t: & lm Vormaligen <8erife 9w&eren Umsang r. Laoten anlangt, höht Witterung bisher w die SommerhalmfM ^(fljur MergeM !ur eommcrbalmirufc Qts schwacher gwockn iolhswiM ische Söebirinijje, Tuhendmal iti Mdii eine neue Änigsanltil): so oft btnentien rourbe cheinl immer wieder c. fc" aus Paris mM rläufigtn betrage tc fei. Schon die Salut 3 zweifellos erschein ltschen Kapital handel : es dauert, bis bir. r Wett« A V. 4 7. 4 2 Sonnen«- Heller i'i-- SonneniL Achtungen en. ini = + ?£?' *i* E' em namentlich <■. ochs hervor-r^. - ge Stiftung. K*. Fragmenten er.-7. M vorgeM^ - MM i, nicht gjj doch 9^?' - r; ikuw itung-”lK ifi urt )ei.^^ UNd |'i. cht mehr ^. ei.i So .terfie^ rifN*'.., [#. v lagen 1 '1 ' C. Röhr & Co 44 Bahnhofstrasse 44. 5289 RUDOLF MSSE-GIESSE» SCHULSTRASSE 7 SCHULSTRASSE 7 werden. 5412 Annoncen-Annahme für alle Zeitungen und Zeitschriften Lehrlinge: 1 Tapezier. Giessener Anzeiger empfiehlt 5362 Letzte Woiiltäliokeils- GO CD 5435 5 CD ix B 5 Müllers^ v 5433 03431 Empfehle mich im 4920 e E E Jagd Verpachtung. Montag den 11. 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