Mittwoch, 20* Januar 1904 154. Jahrg. Erscheint ISgNch mit AuSnahm» deS Sonnta-S. Li. .Gießer 5 Samtlienblötter" werden, dem Sln^etgec o erma wöchentlich beigelegt. Der ..Hessische Landwii '* erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger BerantwarlNch ffif de» eBgemetw* Ml v- ÖUlto; tia der. iRxtfattonfebrud und Vertag da UntDaftiätotxcudeiet jPuchch Srda^ SvU* General-Anzeiger, Amts- und AnzeigeblaLL für den Kreis Gießen. Parlamentarische ÜreriianSlmMn. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gsstattrt. als Grund dieses Umstandes irgendwie eine schlimmere Katastrophe zu befürchten. Las Telegramm lautet weiter: Ich halte Entsendung eines Bataillons mit bespannter H-eld- battene sirr notwendig. Oberstleutnant Leutwein bittet Major von Estorff um Führer auf Kriegsdauer der Geschütze. Ich teile diesen letzten Satz mit, weil daraus hervorgeht, daß Oberstleutnant Leutwein in Verbindung mit Windhoek in diesem Moment, am 14., gestanden hat. Es besteht zwischen Windhoek und Keet- manshoop eine heliographische Verbindung; es ist anzunehmen, daß Oberstleutnant Leutwein sich an einem Orte dieser heliographlschen Verbindung befand. Allerdings, aus diesem Telegramm geht mcht hervor, ob er zwanzig Tagereisen ober drei Tagereisen oder welche Entfernung von Windhoek entfernt war. Das andere Telegramm ist von dem Vertreter des Gouverneurs, einem Verwaltungsbeamten, dem Oberrichter Richter, gezeichnet und lautet folgendermaßen: Sämtliche Farmen in der Umgebung Windhoeks durch Hereros geplündert. Einzeln wohnende Weiße ermordet. Lage kommen ist. r - Wie aber unter denjenigen, die die Verhaltniste so ganz besonders kennen, die Sache beurteilt wird, geht aus einem Berichte hervor, den ein Farmer imd Kaufmann, der seit 12 Jahren im Schutzgebiet gelebt hatte, in diesen Tagen an den Referenten für Deutsch-Südwestafrika in der Kolonialabteilung geschrieben bat, nämlich der Farmer Vogts von. der: Firma.Mer . V’" diesem Briefe werben ungefähr dieselben Grunde aufgesuhrt, wie id) sie geschildert habe; der Ausbruch ist zur Ueberraschung aller ge- Abg. Dr. Spahn sZknft.j: Tas Haus wird hoffentlich den Schlußworten des Kolonialdirektors zustimmen und die geforderten Summen bewilligen. Freilich kann man die ^Verwaltung nicht so ganz von jeder Verantwortung an den Ereignisien lossprechen. Jpxe. „Deutsche Zeitung" hat schon im November darauf aufmerksam aemacht, daß dort etwas vorgehen müsse, und die „Frankfurter Zeitung" sand die Häuptlingsversammlung in Okohandsa sehr auf» fallend Warum hat man nicht bei Zeiten darauf geachtet? Auch ist es mehr als fraglich, ob man die Hereros immer richtig behandelt Bat. Trotzdem ist natürlich jetzt schleunige Hilfe geboten. Die Nach- tragssorderung zum Etat für 1903 kann sehr wohl ohne Kommissionsberatung erledigt werden, heute in erster und zwetter, in den nächsten Tagen in dritter Lesung. Dagegen kann der Nachtragsetat für 1904 in dritter Lesung erst bei der dritten Lesung des Gesamtetats für 1904 erledigt werden; die erste und zweite könnte Mich gleich jetzt vorgenommen werden. Präsident Graf Ballestrem stellt sich in Bezug auf dre geschäftsordnungsmäßige Bebairdlung der Nachtragsetats auf den Standpunkt des Abg. Spahn. Abg. Bebel sSoz.j: Ich sehe keinen Anlaß, warum nicht, auch die zweite Lesung des 1904er Nachtragsetats erst später stattfinden soll. Dadurch würde eine gründlichere Behandlung ermöglicht. Zur Sache selbst: Aufftände gehören fteilich nicht.zur Kolonisation an sich, wohl aber zu der Art, lvie bei uns kolonisiert wird, d. h. rote die sog. Kulturnationen gegen die Urbevölkerung auftreten. Die Summe, die jetzt verlangt wird, ist keineswegs unbedeutend. Und zudem: wir können ganz sicher sein, daß noch weitere Sorbe« rungen nachkommen. Wir kennen das ja von Ehina her. Ter Reichskanzler hat die Vorlage damit begründet, daß der Aufftand der Hereros „ohne sichtbaren Anlaß" ausgebrochen sei. Das ist denn doch überraschend. Sollte die Reichsregierung wirklich lerne ?lhnung haben von den Gründen, die die Hereros zum Aufstand getrieben haben? ES war mir sehr bezeichnend, daß der Kolonialdirektor beute von einem „Verzweiflungskampf" der Hereros gesprochen hat. Nun. was hat sie denn in diesen Verzwetflungs- karnpf getrieben? Davon erfahren wir nichts, wir erfahren überhaupt sehr wenig von diesem dunklen Gebiet, es sei denn, daß einmal jemand indiskret ist und au§ der Schule vlaudert. So erzählt jetzt ein Missionsbericht: „Besondere Unzucht und Trunkenhert herrschen in hohem Grade. Leider sind oft Weiße nicht allem schlechte Vorbilder in dieser Beziehung, sondern auch direkte Verführer. (Hört I hört! bei den Soz.) Venerische Krankheiten haben in besorgniserregender Weise um sich gegriffen. Sehr bedauerlich ist es, daß eS hier in weiten Kreisen üblich ist, eingeborenen Arbeitern den Genuß von Branntwein regelrecht cmzugewohnen. (Hörti hört! bei den Soz.s. Diese Zeilen charakterisieren die Situation. Aber der Empörung muß mehr zu Grunde liegen. Wenn die Grundlage vcm Eigentum und Eristenz in Frage gestellt wird — wie man das mtt den Hereros macht — so kann das auch die allerzivtlinerteiten Europäer zur Empörung treiben. sGelächter rechts.s . A,taDt« bahn, die durch das Gebiet der Hereros geht, hat bewirkt, daß Dte Gelände längs derselben von weißen Farmern einfach in Besitz genommen und die Herreros Vertrieben werden. Ter Aufstand ist daher leicht erklärlich; gerade so, wie die alten Deutschen um wre Eristenz kämpften und die Römer zum Lande hinaustrieben Auch der Schwarze hat Liebe zu seiner Heimat. Und daher soll Die Reichsregierung die Sache mit anderen Augen ansehen und. wenn der Krieg schon notwendig ist, nicht etwa nachträglich noch einen Racheakt vornehmen. Was unsere Stellung zu den gegenwärtigen Forderungen betrifft, so würden, wenn es schlüssig nachgewiesen wäre, daß die Schuld an dem Aufstand einzig an der tttegrerung liegt, wir dieselben ablehnen. Da die Sache aber doch noch zweifelhaft ist, so werden wir uns der Abstimmung enthalten, ^ch bemerke aber ausdrücklich, daß dies unsere prinzipielle Haltung gegenüber der Kolonialpolitik keineswegs ändert. Wir halten diese nach wie vor für unheilvoll. (Lebh. Beifall bei den Soz.s Abg. von Normnnn skons.): Meine Freunde worben die Forderungen bewilligen, nachdem ber Reichskanzler gestern die Lituatmn dargelegt hat. Wir halten es auch nicht für angebracht, angesichts derselben noch mit einer Kritik zu kommen. Abg. Dr. Müller-Sagan (frei?. Volksp.s: Wir sind zwm Gegner der Kolonialpolitik, wollen aber eine Forderung nicht ablehnen, bet der es sich darum handelt, einen Aufstand niederzuwerfen und die Ordnung der Tinge w >erherzustellen, zumal die Rettung schwer gefährdeter Menschenleben m Frage kommt. Wir können aber die Entsendung der Marineinfanterie nur als eine vorübergehende Maßnahme ansehen und erwarten mit Sicherheit, daß das Haus, angesichts dieesr großen Ausgaben, auf anderen Gebieten der Ko- i leniaivolitif um so sparsamer sein wird. Abg Dr. Sattler (nat.4ib.): Es handelt sich darum, daß Än- sehr ernst. _ . , ... y, Heber die Größe ber Gefahr unb den Umfang ber zu befürchtenden Katastrophe eine Vorstellung zu haben, möchte ich aus ber Statistik des Schutzgebiete? einige Zahlen mitteilen, die sich auf das Aufftanbsgebiet beziehen. Die Gesamtbevölkerung des Schutzgebiets am 1. Januar 1903 beträgt 4640 Köpfe, davon 1836 Frauen und Kinder. Die von dem Aufstande betroffenen Bezirke Windhoek, Karibik) und Omaruru haben zusammen eine Bevölkerung von 1800 Weißen, davon 1542 Deutsche, unter diesen sind 489 Beamte und Schutztruppensoldaten, die Zahl ber Frauen beträgt in diesen drei Bezirken 250, die ber Kinber 318. Unter den erwachsenen Männern ber drei Bezirke sind 216 Ansiedler und Farmer. Größere Orte sind Groß- und Klein-Windhoek mit zusammen 684 Einwohnern, Karibik) mit 164, Okahandja mit 139, Omaruru mit 155 Einwohnern, Hohewarte mtt 166, Otjimbingwe mit 59. Abgesehen von diesen sechs größeren Orten verteilt sich die Weiße Bevölkerung in den beiden Bezirken aur nicht weniger als 118 einzelne Wohnplätze, die vielfach nur ein, zwei, drei Weiße zählen. Die Zahl der Farmer im Bezirk Karibib betragt 21, im Bezirk Windhoek 78, in Omaruru 15, zusammen im Auf- standsgebiete 114. Der Viehbestand im Besitze weißer Farmer stellt sich folgendermaßen: Es befinden sich in den drei Bezirken 17 800 Stück Rindvieh, 1350 Pferde und 56 000 Kleinvieh. Sucht man nun nach den Beweggründen der Erhebung der Hereros, so muß davon ausgegangen werden, daß diese Eingeborenen die Zeit vor der Okku- vatton des Landes durch uns noch nicht tiergeffen haben, die Zeit, wo sie vollkommene Freiheit, Ungebundenheit, Zügellosigkeit genoficn. Im Jahre 1888 nahmen sie sich sogar heraus, den in Otjimbingwe sich aufhaltenden damaligen Kommissar Dr. Göring, ber allerdings ohne eine hinreichende Polizeimacht aufgebrochen war, einfach des Landes zu verweisen. Als die Deutschen spetter in das Land mit wenn auch einer geringeren, so doch immerhin einer Schutztruppe zurückkehrten, die ihnen den notwendigen Schutz in dem fremden Lande gewährte, kam in Bettacht, daß die HereroS damals mit den Wttboh's in Fehde lagen und daß die Deutschen ihnen als geeignete Bundesgenossen gegenüber den Wttboys erschienen. Aber schon im Jahre 1896 kam eS, loenn auch nur zu einem partiellen Aufstande, doch immerhin zu Unruhen in dem Gobabis-Disttikte, wo eine Kapitänschaft der Hereros ssih mit einem Hottentottenstamm verband unb infolgedessen in bem Distrikte Gobabis einmarschierenbe Truppenabteilungen angriff. Es beburfte zweier Gefechte, um diesen Aufstand niederzuwerfen, und der Aufstand wurde schließlich beendet durch ein standrechtliches Verfahren in Okahandja, in welchem die beiden Rädelsführer, die beiden Kapttäne Nttodemus und Kahi- mema zum Tode verurteilt und auch erschossen wurden. Der Hauptstamm der Hereros indesien unter Maharero hat sich damals durchaus lohal benommen. Es lag also nicht der mindeste Grund vor, in die Loyalität und die Friedferttgkeit der HereroS im allgemeinen Zweifel zu setzen. Immerhin blieben die Hereros die Gegner der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung, die wir ihnen doch schließlich aufzwingen müssen. Dazu kommt, daß durch die zunehmende Besiedelung die Bewegungsfreiheit der Eingeborenen, wie in jedem Kolonisationslande, auch in Südwestaftika immer mehr eingeschränkt wird. Die Besiedelung ist insbesondere gefördert worden durch den Bau einer Eisenbahn. Eine große Anzahl ber Farmen links und rechts ber Eisenbahn ist in den letzten Jahren in die Hände der Weißen übergegangen, und, wie ich hier besonders bemerken will, sie sind Wohl sämtlich den Weißen durch die Hereros selbst verkauft worden. Es kommt Wetter hinzu, daß die wirtschaftliche Selbständig- kett der Hereros unter dem Schuldenmachen vielfach eingeschränkt worben ist. Es liegen hier vielfach untereinanber widerstreitende Interessen vor. Es ist versucht worden, die Sauftierträge Zwischen Eingeborenen und Weißen klaglos zu stellen, um die Eingeborenen dadurch in Schutz zu nehmen. Gegen eine solche Maßregel hat sich der lebhafteste Widerspruch der weißen Interessen geltend gemachr, unb man ist schließlich auf ein Kompromiß hinausgekommen, wonach wenigstens für solche Kaufverträge eine kurze Verjährungsfrist eni- gefitfjrt worben. Das sind Wohl die hauptsächlichsten Beweggründe, die Aufstandsgelüfte unter diesen Eingeborenenstämmen immer lebendig erhalten haben. Ms Anlaß ist Wohl natürlicherweise die Entblößung des Gebiets dieser Eingeborenen von Schutzttuppen aus Anlaß des Bondelzwartsaufstandes anzusehen. Vielleicht sind auch falsche Nachrichten über erhebliche Niederlagen und Rückschläge der Schutztruppen im Süden an die Eingeborenen gelangt. Die d uns aber gän-lich unwillkommen. Je eher sie den deutschen Boden verlassen, desto erwünschter ist es uns und desto erfreuter werden wir über ihre Abwesenheit lein. (Zurrn links: Kutlur und Sitte! Die Erregung hält an.) Es wurde in eurer Zeitung gesagt, man würde bei der Besprechung dieser Interpellation Fraktur sprechen, und besonders auch mir dem preußischen Mmister des Innern. Der Minister des Innern scheint keinen Wert aus diese Aussprache zu legen, denn er ist nickst erscheinen (Z.:rur links' Er drückt sich!) Tann schreckt die „Berliner Zeitung": „Wie sich die Majorität des Reichstages gegenüber der lozialdemotratijchen Interpellation wegen der russischen Polizeispitzel verhalten wird, darauf braucht man wirklich nicht gespannt zu sein. Es werden einige mehr oder minder schöne Reden gehalten werden, aber auf den Gedanken wird wohl niemand kommen, einen Antrag auf Untersuchung der betreffenden Vorgänge zu stellen." Wenn es sick in Preußen und Deutschland so schlecht leben läßt, warum legen denn die Herren Wert darauf, hier zu sein? (Lachen links.) Wir anderen aber freiten uns, in Preußen und Teutscbland zu (eben, und :ck, der ich viel im Auslande gelebt habe, kann die Versickerung abgeben, daß ich mich nirgends lieber aufhalte, als in Preußen und Deutschland. (Erneutes Lachen bei den Soz.) Ick kann nur hoffen, daß die Voraussage der „Berliner Zeitung" sick bestätigen möge. Auf Antrag des Abg. Singer findet eine Besprechung der Interpellation statt. Abg. Bebel (Soz.): Tr. von Waffckeslaff war kein Anarchist Tas russische Konsulat hat ihm ausdrücklich bestätigt, daß er sick in Deutschland aiifhaltcn könne. Wenn jemals die deutsche Polizei und die deutsche Negierung sich blamiert haben, so war cv in Mcjem Fall. (Sehr wahr! bei den Soz.) Präsident Gras Ballestreni: Sie dürfen nicht sagen, daß die deutsche Negierung sich blamiert hat. Das ist hier im Reichstage richt zulässig. Sollten Sie den Ausdruck wieder brauchen, so rufe ich Sie zur Ordnung. Abg. Bebel (fortfatirenb): Unerhört ist es, zu sagen: Die» jenigen, die wir ausweifen, bringen wir an die Grenze, die uns paßt! Tas ist unerhört. Solche Leute den russischen Schergen zu überantworten, damit sie in Sibirien elend verkommen, das ist einfach eine Barbarei. (Lebh. Beifall bei den Soz.). So sehr bat sich selbst das Preußen Friedrich Wilhelms IV. nickst gedemütigt. Würde Graf Limburg die Reden, die er im preußischen Landtao gehalten hat, in Rußland halten, so würde er höchstwahrscheinlich nach Sibirien kommen. (Große Heiterkeit.) Eine Sckmach uni eine Schande vor der ganzen Kulturwelt ist die Behandlung russischer Studenten in Deutschland. (Sehr richtig! bei den Soz.) Verstehen Sie denn garnickst die geradezu erbärmliche Nolle, die unsere Polizei Rußland gegenüber spielt? Ick würde mich bis zum letzten Atemzuge in der Seele schämen, wenn ich mir sagen müßte, daß durch eine Unvorsichtigkeit von mir jemand nach Sibirien aus- geliefert wäre. Der Herr Staatssekretär aber verteidigt es, daß Leute über die russische Grenze gebracht werden. Bei uns herr- jchen Zustände, die sich Deutschland und der deutsche Reichstag anstandshalber nicht gefallen lasten sollten. Das Deutsche Reich, die deutsche Regierung, scheint bereit, sich zum Stiefelputzer des Zaren zu machen. (Große Unruhe.) . . . Präsident Gras Ballestrem: Wegen dieses Ausdrucks rufe ich Sie zur Ordnung. Aba. Bebel (fortfahrend): Weiß der Staatssekretär nicht, wie Rußland Deutschland behandelt? Ich erinnere ihn an die Zirkularnote von 1882. Tie russische Regierung schützt die Deutschen nicht, sie macht einen Unterschied zwischen Deutschen erster und zweiter Klasse, zwischen Juden und Christen. Wie kann das Deutsche Reich sich das gefallen lassen? Aber bei uns ist eben alles möglich, wir fügen uns, wir ducken uns, wir kriechen vor dem Zaren. Der Reichskanzler sagte neulich im Herrenhause: Ter König in Preußen voran! Preußen in Deutschland voran! Deutschland in der Welt voran! (Lacken bei den Soz.) Womir voran? Im Kriechen vor Rußland! (Beifall bei den Soz.) Abg. Schrader (freif. 23g.): Wäre ich preußischer Justiz- minister, ich würde nach den Angriffen, die hier erfolgt sind, die erste Gelegenheit benutzen, im Reichstage Auskunft zu geben. (Sehr wahr! links.) Was hat eine fremde Polizei bei uns zu suchen? Daß Polizeispitzel sich solcher Mittel bedienen, wie sie die Kollegen Haase und Bebel hier angeführt haben, glaube ich gern. Wenn ein Russe über die russische Grenze geschafft wird, so ist das keine Ausweisung, sondern eine Auslieferung. (Sehr wahr!) Von einem geordneten Austizwege kann nur da die Rede sein, wo man die Gewähr hat, daß nach Recht und Gerechtigkeit verfahren wird. Wie aber die russische Justiz beschaffen ist, das haben wir an dem Kischinewer Prozeß gesehen. Abg. Dr. Spahn hZentr., sehr schwer verständlich, zum großen Teil fast unverständlich): Wir haben gehört, daß die russische Motschaft hier einen Beamten unterhält, der zur Ueberwackung der russischen Anarchisten sich hier aufhält. Mit dieser Beschränkung nlaube ich, können wir uns ganz wohl einverstanden erklären. Es sind aber sehr viele Fälle angeführt worden, die uns zu denken geben. Nicht nachgewiesen ist meines Erachtens, daß nur Anarchisten ausgewiesen worden sind, wenigstens in dem Sinne, was man unter Anarchisten völkerrechtlich versteht. Sehr bedenklich scheint öS mir, daß durch Vertrauensbruch Briefe und Telegramme auSgehefert sind. Taaegen muß ich die preußische Staatsanwaltschaft vor dem Vor Wurfe in Schutz nehmen, daß sie unberechtigter Weise erst die russische Regierung veranlaßt hat, Strafantrag zu stell^i. Nach dem Hochverratsparagraphen muß eine ausländische Regierung genau so behandelt werden, wie die inländische, und so wie die Staatsanwaltschaft die Pflicht hätte, die inländische Regierung aufmerksam zu machen auf das, was gegen sie geplant sei, so auch eine ausländische. m Ferner: Zweifellos hat unsere Negierung das Recht, Ausländer auszuweisen, aber dieses Recht darf sie nach unseren Kultur- anschauungen nur solchen Personen gegenüber anwenden, die sich wirklich lästig gezeigt haben. Sie hat nicht die Pflicht, gegen unsere Ehre, gegen untere Anschauungen von Recht und Sitte einer fremden Negierung Gefälligkeiten zu erweisen. Der Fremde muß in Deutschland des gle-chen Schutzes teilhaftig fein, wie der Deutsche. Das erscheint uns ganz selbstverständlich. Das Gegenteil ist mit unseren Begriffen unvereinbar. Also unsere Regierung hat woh! das Recht, einen Ausländer auszuweisen, aber hieraus folgt noch nicht, daß sie ihn nach einem bestimmten Ort hin auszuliefern hat, jnodern nur dahin, wohin er will. Und es kommt ferner darauf an, daß die Lästigkeit dieses Ausländers für uns wirklich erwiesen ist. Ob er Anarchist ist oder nicht, das muß uns so lange gleichgiltig sein, jo lange er uns nicht lästig fällt. Wenn solche Fragen an die Einzelstaateii herantreten, so mochte ich wünschen, daß sie stets die Information des Bundesrats cm- holen. (Bravo! und vereinzeltes Händeklatschen tm Zentrum.) Präsident Graf Ballestrem: Ick mache darauf aufmerksam, daß das Händeklatschen als Beifallszeichen im Reichstage nicht üblich ist. . v , , Abg v. Normann (kons.): Im Namen meiner H-reunde habe ich zu erklären, daß wir mit der Antworr des Staatssekretärs durchaus einverstanden sind ^Lachen links) und die Regierung nur bitten können, auf dem betretenen Wege zu verharren. Abg. Tr. Müller-Sagau (frei). Vp.): Es ist uns nicht-weiter verwunderlich, daß die Herren von der Rechten mit dem Staatssekretär einverstanden sind. 2ßtr aber haben die Befürchtung, daß, wenn auf den. betretenen Wege fortgefahren wird, wir bald in russische Zustände hineingeraten. Mich erfaßt ein Abscheu angesichts der Tatsache, daß russische Polizeiagenten innerhalb der Reichsgrenzen tätig sein dürfen. Tie Antwort des Staatssekretärs hat mich garnickt befriedigt. Er hätte vor allem die Pflicht gehabt, auch auf die Ausführungen des Abg. Bebel über die Behandlung jüdischer deutscher Geschäftsleute in Rußland einzugehen. (Sehr richtig! links.) Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.): Nach meiner Meinung hat der Kollege Dr. Spahn Reckt, es müssen gewisse Einzelfälle hier aufgeklärt werden, wir haben sonst kein Material zur Beurteilung der Behauptungen, die hier aufgestellt sind Wenn solche Fälle wirklich passiert sind, so ist eine weitere Aufklärung dringend nötig. (Rufe bei den Soz.: Ist das alles?) Hiermit schließt die Besprechung. Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Mittwoch 1 Uhr. (Dritte Lesung des Nach. tragSetats, erste Lesung des Gesetz-Entwurfs betr. die Kaufmannsgerichte.) Schluß nach 5% Uhr.