Nr. 139 Erstes Blatt. 154. Jahrgang Donnerstag 16. Ium 1904 Vrschetvt tügltch autzer Sonntag». Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gtehener Kamillen. Mähet viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck n. Verlag der Brüh l'scheu Un tvers^-Buch-u. Slein- brurferti. St. Lang«. Redaktion, Ernedittoa und Druckerei: vchulstratze 7. Adresse für Depeschen: «uzetger Gießen. Fernsprrchanschluß Nr. 61. Gietzener Anzeiger *u' General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen veiugsdrsl», monatlich 76Ps^ viertel« iäbrlich Mk. 3.20; durch Aohole- iu Zweigstellen? monatlich 6o Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel« fährt. ausschl. Bestellg. Nnnahme von Anzeigen für die TageSnununer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pfg, Verantwortlich für den polit. und allaem. Teil: P. Witt ko: für .Stadt und Land'' und .GerichtSfaal': August Goetz; für den Anzeigenteil: HanS Beck. Are heutige Kummer umfaßt 10 Seiten. Die hessische Wahlrechtsvorlage. Der Bericht des fünften Ausschusses, der die Regierungsvorlage, betreffend den Gesetzentwurf über die Lcrnd- stande, und der den Antrag der Abgg. Ulrich und Genossen, betreffend: Einführung des allgemeinen gleichen direkten und igeheimen Wahlrechts mit Proportionalsystem zum Landtag behandelt, liegt jetzt gedruckt vor. Nach Ansicht des Ausschusses ist es nicht erforderlich, einen weitausschauenden Bericht über den Entwurf zu geben, nachdem die Debatten über den im Fahre 1902 von der Regierung vorgelegten Entwurf noch in alter Er- nnrerung stehen. Der Ausschuß erkennt an, daß die Großh. Regierung auch jetzt wieder in loyaler Weise den stets dringender werdenden Wünschen auf eine Revision des Wahlgesetzes mit dem Prinzip der direkten Wahl entgegen gekommen ist. Der Ausschuß seinerseits hat unter Zurückstellung einzelner Wünsche wie Proportionalwahl, Wahlpflicht, uneingeschränktes Wahlrecht usw. im Interesse des Zustandekommens des Gesetzes sich bemüht, mit der Regierung in möglichst allen Punkten eine Uebereinstimmung zu erzielen, und ist der Ansicht, daß dies im großen und ganzen auch gelungen ist und daß keine prinzipiellen Fragen zwischen der Regierung und der Mehrheit des Ausschusses streitig geblieben sind. Der Ausschuß vermeint insbesondere, daß auch die Verbindung der Wahlrechtsvorlage mit einer neuen Wahlkreiseinteilung keine prinzipielle Stellungnahme gegen die Ansicht der Regierung bedeute. Die Negierung hat wiederholt erklärt, daß sie lediglich das Bedenken habe, es könne durch diese Verbindung die ganze Vorlage gefährdet werden. Hätten sich im Ausschuß derart divergierende Ansichten herausgestellt, daß es zu Majoritäts- und Minoritätsbefchlüssen gekommen wäre, so wäre vielleicht die Ansicht der Regierung begründet gewesen. Nachdem aber der Ausschuß mit allen Stimmen die Ansicht vertritt, daß es im Interesse des Landes liegt, mit der jetzigen Vorlage auch gleichzeitig eine Neueinteilung der Wahlkreise vorzunehmen, wie dieselbe durch den Beschluß der Zweiten Kammer vom 20. April 1899, der mit allen gegen 3 Stimmen gefaßt wurde, niedergelegt ist, so darf wohl angenommen werden, daß auch das Plenum in seiner überwiegenden Majorität diese Anschauung teilt. Die Anträge des Ausschusses zu den einzelnen Artikeln werden wie folgt präzisiert: Der Ausschuß beantragt zunächst: Der lleberschrift folgendes Wortlaut zu geben: Gesetzentwurf, den Landtag betr., und in den Einleitungsworten die Worte „Unserer getreuen Stünde" durch die Worte „Unseres getreuen Landtags" zu ersetzen. Das Wort „Stände", oas allerdings modernen Anschauungen nicht mehr entspricht, soll überhaupt ausgemerzt und durch Landtag ersetzt werden. Von der Ersten Kammer hofft der Ausschuß, daß unter den in pos. 9 bezeichneten Staatsbürgern sich künftig auch Angehörige kleinerer K'reise, als Bürger, Arbeiter, befinden möchten. Eine besondere Berücksichtigung der Bürgermeister der größeren Städte glaubt der Ausschuß schon um deswillen nicht befürworten zu sollen, weil es ja dem Großherzog unbenommen bleibt, den einen oder anderen Bürgermeister nach Pos. 9 zu berufen, in welcher Position die im Entwurf vorgeschlagene Zahl von zwölf Mitgliedern auf fünfzehn erhöht worden ist. Dabei wurde mehrfach betont, daß es zunächst der ersten Kammer zu überlassen sei, eine anderweite Zu- sancmensetzung oder eine weitere Erhöhung der Anzahl ihrer Mitglieder anzuregen. Hierbei wurde zugleich an eine offizielle Vertretung großer Berufs stände in der Erften Kammer gedacht. Zu Artikel 3 (Zusammensetzung der 2. Kammer) traten bekanntlich im Ausschuß die verschiedensten Ansichten hervor. Bei der Llbstimmung über Artikel 3 wurde dieser- mit allen gegen drei Stimmen (Reinhart, David und Gutfleisch) abgelehnt. Es wurden die verschiedensten Vorschläge für die Neueinteilung der Wahlkreise gemacht, und bezüglich der Einteilung von Starkenbürg und Rheinhessen ergab sich eine Uebereinstimmung des Ausschusses. Bezüglich der Provinz Oberhessen aber entstanden erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Von dem Abg. Weidner wurd'e der nachfolgende Vorschlag auf Schaffung eines neuen Wahlkreises: Altenstadt — Nieder- W öllstadt — Heldenbe-rgen — Nieder-Florstadt gemacht und angenommen. Abg. Köhler beantragte darauf, daß, falls Gießen zwei Mandate erhalten solle, mit ihm Wieseck zu verbrnden wäre. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Köhler mit 5 Stimmen (Gutfleisch, v. Brentano, Reinhart, David, Weidner) gegen 3 Stimmen (Köhler, Schönberger, Haas) abgelehnt. Darauf wurde die vorgeschlagene Neueinteilung der Provinz Oberhessen mit Majorität angenommen. Der Abg. Köhler beantragte darauf, eine Wiederholung seines Antrages stattfinden zu lassen, weil bei der früheren Ab- stimmung über seinen Llntrag der Abg. Stöpler nicht anwesend gewesen sei. Bei der mnmreh'rigen Wiederholung der Abstimmung über den Antrag Köhler ergab sich die Annahme dieses Antrages mit allen gegen eine Enthaltung, wobei der Ausschuß von der Absicht ausging, das wesenllichsre Hindernis gegen das Zustandekommen der Vorlage zu beseitigen. Der Ausschuß beantragt somit folgende Fassung des Artikel 3: „Die Kammer der Abgeordneten wird gebildet: 1. aus fünfzi hn Abgeordneten derjenigen Städte, welchen ein resonderes Wahlrecht zusteht. Die Städte sind: a) die Haupt? und Residenzstadt Darmstadt, b) die Pro- vinzialhcmptstadt Mainz, von welchen jede drei Maeordnete zu wählen hat, c) die Vrovinzialhauptstadt Gießenneb st Wiese ck, d) die Kreisstadt Offenbach, e) die Kreisstadt Worms, von welchen jede zwei Abgeordnete zu wählen hat, f) die Kreis- stradt Friedberg, g) die Kreisstadt Msfcld, h) die Kreisstadt Bingen, von welchen jede einen Abgeordneten zu wählen hat. 2. Aus 45 Abgeordneten, welche von den nicht mit einem besonderen Wahlrecht begabten Städten und den Landgemeinden in den zu diesem Zweck gebildeten Wahlkreisen gewählt werden. Es entfallen auf Starkenburg 19, auf Oberhessen 14, und auf Rheinhessen 12 Abgeordnete der ländlichen Wahlkreise. Diese Wahlkreise werden in Artikel 19 gesetzlich festgeleat." lieber die Notwendigkeit und Erheblichkeit der in Artikel 6 verzeichneten Kautelen gingen die Ansichten im Ausschuß teilweise erheblich auseinander. Zu Pos. 2 wurde hervorgehoben, daß es völlig richtig sei, daß eine im eigentlichen Sinne fluktuierende Bevölkerung nicht zur Wahl zuzulassen sei, weil dieser Masse wohl das genügende Verständnis und das notwendige Interesse fehle. Der Meinung, daß bei Beibehaltung von drei Jahren eine Steuerbefreiung für die Betreffenden für diese Zeit richtig sei, wurde von der großen Majorität nicht zugestimmt, ebensowenig der Auffassung, daß die Absicht des Artikels 6 Pos. 2 sei, den Arbeitern das Wahlrecht zu erschweren. Es wurde auch die Frage erwogen auf Anregung des Referenten, ob nicht nach Analogie des bayerischen Entwurfs in Artikel 5 die Ablegung des Verfassungseides Voraussetzung der Stimmberechtigung sein solle, da doch nur derjenige staatsbürgerliche Rechte solle ausüben können, welcher auch seine staatsbürgerlichen Pflichten und Voraussetzungen erfülle. Schließlich wurde die Regierungsvorlage mit allen gegen zwei Stimmen angenommen, sund der Ausschuß beantragt demgemäß Annahme des Artikel 6. • Zu Artikel 7, der von der Entziehung der Stimmberechtigung zur Wähl handelt, beantragt der Ausschuß u. a., der Pos. 11 folgende Fassung zu geben: Personen, welche zurzeit der Wahl mit der Entrichtung der direkten Staats- oder Genreindesteuer länger als zwei Monate sich im Rückstände befinden und deren Zahlungsunfähigkeit festgestellt ist. Der Ausschuß beantragt ferner zu den folgenden Artikeln : Mitglieder der Ersten Kammer können nicht an den Wahlen zur Kammer der Abgeordneten teilnehmen. Kein Staatsangehöriger kann gleichzeitig Mitglied oder Wähler der erften und der Kammer der Mgeordneten sein. Die Fassung des Artikels 19 ergibt sich für den Ausschuß nach Maßgabe des vom Ausschüsse beantragten Artikels 3. Der Ausschuß beantragt: den Artikel 19 in folgender Fassung anzunehmen: Außerhalb der Städte, welchen ein besonderes Wahlrecht zusteht, werden in der Provinz Starkenburg 19, Oberhessen 14, Rheinhessen 12 Wahlkreise gebildet. In jedem Wahlkreise wird ein Mgeordneter gewählt. Die Wahlkreise sollen, soweit möglich, ein zusammenhängendes Ganzes bilden und eine annähernd gleich gro ße Zahl Einwohner haben. Zu Artikel 21 wurde der Wunsch geäußert, daß die Wählerlisten gedruckt, jedenfalls vervielfältigt und veröffentlicht werden möchten. Auch wurde die Frage aufgeworfen, wer zur Erhebung von Einwendungen gegen die Wählerlisten berechtigt sein solle und in welchem Umfange oiese Berechtigung existieren solle. Der Ausschuß beantragt, den Artikel 21 also zu fassen: Absatz 1. Die Wählerliste ist zu vervielfältigen. Jeder wahlberechtigte Einwohner der betreffenden Gemeinde erhält auf Wunsch ein Exemplar unentgeltlich ausgeliefert. Die Kosten der Vervielfältigung trägt die Gemeinde. Absatz 2. Die Wählerliste ist nach der Vervielfältigung acht Tage lang auf der Bürgermeisterei zu jedermanns Einsicht offen zu legen. Absatz 3. Hier beantragt der Aarsschuß Annahme des Absatzes 2 der Regierungsvorlage als Absatz 3 mit folgendem Zusatz: „Berechtigt zur Erhebung von Einwendungen sind alle männlichen Personen, welche zur Zeit der Wahl das 25. Lebensjahr zurückgelegt haben und innerhalb des Wahlkreises oder, falls der Wahlkreis zu einer Stadt gehört, welche in mehrere Wahlkreise zerfällt, innerhalb dieser Stadt ihren Wohnsitz haben und zwar bezüglich aller Eintragungen in die Wählerliste." Der Ausschuß beantragt in Uebereinstimmung mit der Regierung folgende Fassung des Artikel 23: Wird in einem Wahlkreise eine Neuwahl erforderlich, so bedarf es einer neuen Aufstellung und Offenlegung der Wählerlisten nicht, falls die Neuwahl innerhalb der Zeit von sechs Monaten nach einer in demselben Wahlkreise stattgehabten Wahl, für welche neue Wählerlisten aufgestellt worden waren, stattfindet. Der Kammer der Mgeordneten bleibt das Recht Vorbehalten, bei der Ungiltigkeitserklärung einer Wahl zu beschließen, daß auch ungeachtet des Laufs dieser Frist von sechs Monaten für die Nemvahl neue Wählerlisten für den ganzen Wahlkreis oder für einzelne Teile derselben aufzustellen und offenzulegen sind. Bei allgemeinen Neuwahlen bedarf es stets einer neuen Aufstellung und Offenlegung der Wählerlisten. Der Ausschuß beantragt: den Artikel 26 nach Ersetzung des Wortes „Wahlkommission" durch das Wort „Orts- wahlkommission^ anzunehmen; fernerL>emselben als Msatz 2 und 3 anzufugen: „Zur Ablehnung der in Absatz 1 genannten Aemter berechtigen nur folgende Entschuldigungsgründe;: 1. anhaltende Krankheit: 2. ein Alter über 60 Jahre; 3. sonstige besondere Verhältnisse, welche nach dem Ermessen des Wahlvorstehers eine giltige Ent- schuldigmig begründen." Wer sich ohne einen dieser Entschuldigungsgründe weigert, eines der in Absatz 1 bezeichneten Llemter anzunehmen, oder wer sich der Ausübung des übertragenen Amtes tatsächlich entzieht, wird mit einer Geldstrafe in Höhe eines Zieles seiner Gemeindesteuer b- straft. Die Strafe wird auf erhobene Anzeige des Wahlvorstehers vom Kreisamt ausgesprochen. Ter Betrag derselben fließt in die betreffende Gemeindekasss. Der Ausschuß beantragt zu Artikel 27, Dem Absatz 2 folgenden Wortlaut zu geben: „Die Wahlhandlung, beginnt um 12 Uhr mittags und wird um 8 Uhrabends, geschlossen. In Gemeinden unter 500 Seelen kann die Ortswahlkommission mit Zustimmung des Kreisamts die Wahlzeit auf 2 Uhr nachmittags bis 6 Uhr nachmittags feft- setzen. Zur Stimmabgabe sind diejenigen Wähler, welche um 8 Uhr abends bezw. 6 Uhr nachmittags bereits int Wahllokal anwesend waren, noch zuzulasseu." Bei diesem Artikel hatte der Ausschuß die Frage erwogen, ob nicht die Wahl an Sonntagen vorzunehmen sei. Es wurde dagegen hervorgehoben, daß weder das Reich noch ein' Bundesstaat die Sonntagswahl habe, daß gewichtige reit* giöse und prinzipielle Bedenken gegen das Aufgeben fccr, seitherigen Gewohnheit sprächen, daß insbesondere Unruhen unb Störungen zu befürchten seien. Der Ausschuß beantragt folgende Fassung des Ms. li des Artikels 36: „Um 8 Uhr bezw. 6 Uhr nachmittags erklärt der Wahlvorsteher, daß nur noch diejenigen Wähler zur Stimmabgabe zugelassen werden, welche int Wahllokal bereits anwesend sind. Zum Zwecke einer geordneten! Durchführung der hiernach noch zuzulassenden Stimmabgaben ist der Wahlvorsteher berechtigt, vorübergehend und längstens bis zur letzten Stimmabgabe die Zugänge zu dem Wahllokal schließen zu lassen." Im übrigen Annahme des Artikel 36. Der Ausschuß beantragt zu Artikel 39, dem Msatz 1 folgenden Zusatz zu geben: „Im Falle der Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Wahl»; Vorsteher s." Der Ausschuß beantragt, dem Msatz 1, 2 und 3 des Artikels 57 folgende Fassung zu geben: „Die Mitglieder zur Kammer der Abgeordneten werden auf die Dauer von sechs Jahren gewählt. Es wird jedoch hie Kammer der Mgeordneten alle drei Jahre in der Weife: erneuert, daß von den 60 Mgeordneten alle drei Jahre 30 Abgeordnete austreten und durch neue Mahlen ersetzt werden, abgesehen von den Bestimmungen des Artikels 62 für die erste! Wahl. Wenn die Kammer der Mgeordneten durch neue Wahlen, im ganzen Lande vollständig neu gebildet worden ist, so habest nach den drei ersten Jahren 30 Abgeordnete auszuscheiden, welche, in einer Sitzung der Kammer der Abgeordneten derart durch das? Los bestimmt werden, daß entweder sämtliche Abgeordnete der. Städte, Darmstadt, Mainz und Gießen, oder sämtliche Abgeord-^ nete der Städte Offenbach, Worms, Friedberg, Alsfelds und Bingest und außerdem von den nach Artikel 3 Ziffer 2 gewählten Abge^ ordneten so viele ausscheiden, daß die Gesamtzahl aller Aus- scheidenden, einschließlich der ausscheidenden Abgeordneten der vor-- genannten Städte, in der Provinz Starkenburg 12, in der Pro-) vinz Oberhessen 9 und in der Provinz Rheinhessen 9. beträgt. . im übrigen den Artikel anzunehmen. Der Ausschuß beantragt zu Artikel 62: Die neu hinzwe tretenden städtischen Mgeordneten werden zum ersten Male! im Jahre 1905 auf die Tauer von drei Jahren gewählt! und zwar von den Stimmberechtigten der in Betracht kommenden Städte in der bisher für die Mgeordnetenwahleni maßgebend gewesenen Umgrenzung dieser Städte. In den Städten, welchen ein besonderes Wahlrecht zu- steht, wird erst im Jahre 19 0 8 nach derneuenWabl- kreiseinteiluna gewählt. Im Jahre 1905 finbeiri auf die Dauer von sechs Jahren in folgenden oberhesjischenj Wahlkreisen Neuwahlen statt: Vilbel, Bad-Nauheims Lich, Heuchelheim bei Gießen, Homberg, Groß- und Klein-! Felda, Nidda, Büdingen, Nieder-Florstadt. IstGießen rc., wäre erst 1908 neu zu wählen. * In einer an den Wahlrechtsausschuß der Zweites Kammer gerichteten Zuschrift hat die Regierung, wie! dem „Mainzer Journal" geschrieben wird, erklärt, daß fiej vorerst davon Mb standnehme, zu den abweichendem Beschlüssen des Ausschusses betr. der Wahlrechts reform Stellung zu nehmen, bis' die Kammer selbst bat* über entschieden habe. Es handelt sich dabei um die Ber-/ Mehrung der ländlichen Mandate, sowie um die vom Ms^ schuß einstimmig in Vorschlag gebrachte völlige Neueiw,, teitung der Wahlkreise. Wie das genannte Blatt vernimmt^ besteht begründete Aussicht, daß die Regierung den dies-^ bezüglichen verfassungsmäßigen Beschlüssen der Zwei-j drittelmehrheit der Kammer ihre Zustimmung! nichv versagen wird. VoMische Tagesschau. Die Tabakberufsgenossenschaft und der Tabakverein. In Heidelberg tagte, wie wir schon meldeten, die Tabakberufsgenossenschaft und der Deutsche Tabakverein. Der .Deutsche Tabakoerein" hatte eine umfangreiche Tagesordnung! zu erledigen. Nachdem Syndikus Schloßmacher (Frankfurt a. M.) den Geschäftsbericht erstattet und namentlich über die zwischen dem Deutschen Tabakverein und dem Verbands Deutscher Privat-Feuerversicherungs-Gesellschaften schwebenden Verhandlungen, insbesondere über die Versicherung der Fremdläger und der Mitversicherung von Zoll und Steuer eingehende Mitteilungen gemacht hatte, brachte Herr A. Crü- well (Bielefeld) eine Reihe von Wünschen in Bezug auf die Notwendigkeit einer baldigen Abänderung des Warenzeichen- und des Geschmacksmuster-Gesetzes zur Sprache. Es wurde! beschlossen, dafür einzutreten, daß möglichst bald wenigstens' einige nötige Aenderungen in Bezug auf den Schutz der Warenbezeichnungen getroffen werden, und zwar betreffend! das Recht der Weiteroerwendung eines für einen anderen gewünschten Zeichens seitens des rechtmäßigen Vorbenutzers, die! Zuständigkeit des Tabakoereins für die Entscheidung aller Streitfälle aus Verwechselungsfähigkeit zweier Zeichen und bie. Beseitigung der Mißstände aus Klaffe 42. Auch wird eine baldige Revision des Geschmacksmuster-Gesetzes, dessen Geltungsbereiche sich häufig mit der Wirksamkeit des Warenzeichen- Gesetzes kreuze, als dringend wünschenswert bezeichnet. Auf Grund eines Berichtes des Herrn I. Wolff (Düffeldorf) wurden die sich aus der von falschen Voraussetzungen ausgehenden Sucht der Raucher nach hellfarbigen fahlen Zigarren ergebenden Mißstände für die Fabrikation zur Erörterung gebracht und eine Kommission mit der Aufgabe betraut, Mittel zur Abhilfe durch Aufklärung der Raucher in Erwägung zu ziehen. So viel helle, fahle Tabake, als verlangt werden, wachsen nicht, und die Preise sind deshalb unsinnig hohe geworden, wiewohl auch reife braune und andere Tabake gleichfalls leicht, gut brennend und gut bekömmlich sein können. Auch die Irreführung der Raucher durch unrichtige Reklamen für sogen. Gesundheits-Zigarren und die Schädigung des Tabakgewerbes durch auf falschen, angeblich wissenschaftlichen Forschungsergebnissen beruhenden Behauptungen über die Schädlichkeit der nicht auf Rikotinverniinderung oder -Beseitigung behandelten Fabrikate wurden im Anschlüsse an ein von Kommerzienrat Collenbusch (Dresden) erstattetes Referat eingehend erörtert. Der Vorstand wurde unter Bewilligung der erforderlichen Mittel ersucht, das in dieser Frage bereits vorhandene Material zu sammeln und durch eine anerkannt wissenschaftliche Autorität entsprechende chemische und physiologische Untersuchungen der sogen, nikotinfreien Zigarren anstellen zu lassen, um Mittel zur Aufklärung, namentlich auch der Aerzte, zu beschaffen. Herr Minderop (Köln) erstattete sodann Bericht über Mißstände im Rohtabakhandel, wobei er die Fabrikation namens des Vorstandes vor zu frühen Rohtabakkäufen bei neuen Ernten warnte, und Kommerzienrat W. Landfried (Heidelberg) machte zum Schluß sehr interessante Mitteilungen über die Versuche der Firma P. I. Landfried (Heidelberg) zur Verbesserung des deutschen Tabakbaues durch rationelle Anpflanzung, durch zweckentsprechende Düngung, insbesondere mit Martelli (kohlensaures Kali) und richtige Weiterbehandlung der Tabakpflanze. Auf Antrag des Stadtrats Hirschhorn (Mannheim) wird beschlossen, an die beteiligten Regierungen die Bitte zu richten, in geeigneter Weise auf die Tabakpflanzer einzuwirken, daß sie ihren Tabakbau nach der erprobten neuen Methode, wie sie Herr Landfried geschildert, einrichten. Irr Krieg zwischen Japan und Rußland. Ruffische Befehlshaber. Der Kommandeur des X. Armeekorps, Generalleutnant Slutschewski, ist nach dem Kriegsschauplätze abgereist. Amtlich wird die Ernennung des Generalleutnants Dembowski zum Kommandeur des fünften sibirischen Armeekorps bekanntgegeben. Zum Kommandeur des sechsten sibirischenArmeekorps wurde Generalleutnant Ssobolew ernannt. Die Kämpfe bei Wafangon haben am 14. d. Mts. wieder begonnen. 20 000 Japaner versuchten die russische Vorhut des Generals Ssamsonow zurückzudrängen. Das Resultat des gestrigen Kampfes ist noch unbekannt, doch scheinen die Russen ihre Position, wenn auch unter großen Verlusten, behauptet zu haben. Die ruffische Flottenmacht scheint in Aktion treten zu wollen. Verschiedene Meldungen bestätigen, daß die Wladiwostok-Flotte aus dem Hafen entkommen ist. Bei der Richtung, welche die Flotte genommen hat, steht es außer Zweifel, daß sie die Absicht hat, die Port Arthur-Flotte zu verstärken. Sie soll bereits verschiedene japanische Küstenplätze angegriffen haben. Zuerst wurde sie am 14. ds. Mts. gesichtet in der Nähe von Okmoshima, östlich der Tschuschima-Jnsel, wo drei Kriegsschiffe, zweifellos von Wladiwostok, erschienen, später wurde Geschützfeuer gehört nordwestlich von Nagato. Eine fernere Bestätigung der Tätigkeit dieser russischen Flotte ist in Tokio eingetroffen von dem Kapitän eines russischen Handelsdampfers, der von den Russen beschossen wurde. Schiffe, von denen man glaubt, daß sie dem Wladiwostok- Geschwader angehören, sind auch vor der Insel Colnet gesichtet worden. Kanonendonner wurde, wie verlautet, nördlich von Tschuschima Strait gehört. Nach den neuesten Depeschen aus Tokio ist das vordringende Wladiwostok-Geschwader in der Nähe der Tschuschima-Insein bereits von einem japanischen Geschwader aufgehalten worden, wo ein schweres Gefecht im Gange ist. Eine noch unbestätigte Meldung besagt, daß der japanische Kreuzer „Niitaka" unweit der Insel Trutima mit dem russischen Wladiwostokgeschwader in K ampf geriet. Bei der Insel Jki begegneten heute zwei nach Japan zurückkehrende Transportdampfer russischen Kriegsschiffen, letztere verfolgten die Dampfer und gaben 16 Schuß auf sie ab, doch gelang es ihnen, den Hafen von Katsumoto auf Jki zu erreichen. Ferner trafen am 15. d. Mts. früh drei japanische Transportdampfer, die von Schimonoseki Japan verließen, außerhalb der Straße von Korea auf russische Kriegsschiffe. Die Russen feuerten 18 Schuß auf die Dampfer ab. Ein Transportdampfer entkam, das Schicksal der beiden anderen ist noch unbekannt. Die Marinckreise von Sa sch o halten eine S ee sch l a cht für nahe bevorstehend. Die Hafeneinfahrt von Port Arthur ist vollständig frei. Die russische Flotte ist ausgelaufen und hatte ein Gefecht mit der japanischen Flotte, über deffen Resultat noch nichts Bestimmtes verlautet. In Liaoyang kursieren Gerüchte, daß bei Port Arthur ein See- kämpf stattgefunden und die russische Flotte angeblich die hohe See gewonnen habe. Die Ruffen hätten ein Kanonenboot, die Japaner einen Kreuzer und vier Torpedoboote verloren. Die Lage spitze sich so zu, daß bald entscheidende Ereignisse zu erwarten sind. Das japanische Geschwader unter Admiral Kamimura, welches sich im japanischen Meere zur Bewachung des Wladiwostoker Kreuzergeschwaders befand, war auch nicht untätig. Vielleicht ist das Loskommen der russischen Flotte aus Wladiwostok nur so zu erklären, daß dies japanische Geschwader seine Vereinigung mit dem Geschwader des Admirals Togo vollzogen hat. Man schließt daraus, daß eine größere Operation nahe bevorstehe. Der Kreuzer Novik war beim Auslaufen aus Bort Arthur von zehn Torpedojägern begleitet. Die japanischen Schiffe versuchten die russischen auf die hohe See zu locken. Die letzteren kehrten aber nachmittags in den Hafen zurück. Zu Lande. Das Reuter'sche Bureau empfing von seinem Berichterstatter in dem Hauptquartier Kurokis überFusan folgende, kein Datum tragende Depesche: Heute wird gemeldet, daß der Feind, der sich vor der zweiten japanischen Armee befindet, an Zahl zunimmt und sich die beiden Parteien einander näherkommen. Eine Schlacht wird erwartet. An der Front der ersten japanischen Armee fand seit dem 12. Juni kein Kampf statt. An jenem Tage wurden zwei russische Kompagnien aus Wutaono vertrieben, wobei sie 20 Mann verloren. Die Russen besetzten wieder mit kleinen Abteilungen folgende Punkte: Tangjengpu an der Straße nach Liaujang, Simingtsu an der Straße nach Lienschankwan und Santschiatsu auf der Straße nach Haitscheng. — Aus Tschifu wird telegraphiert, es verlaute, die Japaner hätten eine schwere Niederlage nördlich von Kintschau erlitten. lieber die Verproviantierung Port Arthurs erklärte ein in Tschifu eingetroffener russischer Kaufmann, daß Port Arthur gut verproviantiert sei, es befänden sich neuntausend Stück Schlachtvieh dort. Das Haus, zu dem er gehöre, lieferte der Regierung kürzlich 90 000 Pfund gesalzenes Fleisch, auch andere Häuser trugen, zur Verproviantierung der Stadt bei. Der Kaufmann schätzt die Zahl der Menschen in Port Arthur auf 50 000. In der ganzen Mandschurei hat die Hitze zu genommen und so furchtbar eingesetzt, daß man kaum zu atmen vermag. Flüsse trocknen aus. Der Zeit der unerträglichen Hitze folgt furchtbare Regenzeit. Die Japaner verließen die Schanzen bei Wafangon und Wafandian. Beim Rückzug sprengte der Feind an zwei Stellen die Schienengeleise mit Pyroxilinkapseln. Gegenüber Kaitschou erschienen 12 japanische Schiffe und eröffneten das Feuer gegen zwei Dörfer. Die Bewegung des Feindes nach Norden trägt einen demonstrativen Charakter und soll die Aufmerksamkeit der Russen von der Kwantunghalbinsel abziehen. Zur Verhütung von Betrügereien und Unterschlagungen auf der transsibirischen Bahn macht man nach einer Meldung des „Daily Expreß" in Rußland neuerdings große Anstrengungen. Tie Kaiserin-Witwe, die selbst beträchtliche Summen zur Erleichterung des Loses der kranken und verwundeten Soldaten gespendet hatte, soll die Entdeckung gemacht haben, daß ihre Sendungen ganz oder zum Teil unterschlagen worden wären. Bei den Untersuchungen, die veranstaltet wurden, soll sich herausgestellt haben, daß im besten Falle die Sendungen um 30 P r o z c n t des Wertes und des Inhaltes geplündert wurden. Im ganzen seien Summen von nahezu 140 MillionenMark unterschlagen worden. Ein Großgrundbesitzer aus der Moskauer Gegend hatte u. a. 160 000 Mark zur Ausrüstung eines Ambulanzzuges gespendet und in aller Form eine amtliche Quittung und auch Nachricht über den Abgang des Zuges erhalten. Er machte aber angeblich dann in Petersburg auf Umwegen die Entdeckung, daß das ganze Geld in den Taschen von Beamten verschwunden war. Einer von den Dieben hätte dem Spender bei seiner Ankunft in der Hauptstadt ein festliches Ehrenmahl veranstaltet. Deutsches Keich. Berlin, 15. Juni. Heute besuchten der Kaiser und die Kaiserin das Mausoleum an der Friedenskirche in Potsdam, um dort, als am Sterbetage des Kaisers Friedrich, Kränze niederzulegen. — Um Vs 10 Uhr hörte der Kaiser den Vortrag des Stellvertreters des Chefs des Zivilkabinetts von Valenttni. — Der Kaiser und die Kaiserin reisten um 8% Uhr abends nach Homburg ab. — In der „Kreuzztg." finden wir folgende Nottz: „Aus dem Kabinett Sr. k. und k. H. des K r o n v r i n z e n ist dem Lehrer enter. Hardt in Gumbinnen für Ueberreichung seines Schriftchens „Ehre den König und verabscheue dieSozialdemokratie" ein Schreiben zugegangen, worin der Kronprinz ihm für den in dem Schriftchen betätigten Ausdruck patriotischer Gesinnung seinen Dank aussprechen läßt. Dieses Schriftchen, das die weiteste Verbreitung besonders unter der Jugend verdieitt, ist vom Verfasser für 7 Pf. das Stück zu beziehen." — Im Abgeordneten hause wurde heute der Entwurf eines Ausführungsgesetzes zum Gesetz über die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten nach längerer Debatte in zweiter Lesung an die Kommission zurückverwiesen. — Der „Vorwärts" teilt mit, daß in Berlin ein neues Weltblatt gegen die Sozialdemokratie gegründet werden soll. Es soll heißen: „Deutsche Reichszcitung für alle Deutschen". Die ursprüngliche Absicht sei gewesen, daß sie vom 1. September d. I. in 500 000 Exemplaren täglich zweimal in Berlin erscheinen solle. Dieser Zeitpunkt habe jedoch abgesetzt werden müssen, weil die „kapitalkräftigen Neigungen für das Deutsche Reich noch nickt kräftig genug" seien. Ausland. Paris, 15. Juni. Die Kommission zur Untersuchung der Angelegenheit der K a r t h ä u s e r trat heute zusammen und nahm die Aussage des Handelsministers Trouillet entgegen, der bestätigte, es war Läon Chabrol, der Michael Lagrave erklärte, die Karthäuser seien geneigt, dem Ministerpräsidenten 2 Millionen anzubieten, wenn dieser der Kammer einen ihnen günstigen Gesetzentwurf vorlege. Die Kommission lehnte sodann den Antrag ab, eine Abordnung nach Havre zu entsenden, damit diese Lagrave bei seiner Ankunft vernehme. Abends hörte die Kommission sodann noch Cvmbes und Millerand. Rom, 15. Juni. Heute wurde der Schiedsspruch des Königs von Italien in der. zwischen England und Brasilien schwebenden (Streitfrage bezüglich der Grenze zwischen Britisch-Guayana und Brasilien veröffentlicht. Hiernach wird die Grenze durch bie Linie gebildet, welche von dem Pakonttpuberge ausgehend in östlicher Richtung bis zur Quelle des Mahn und der Wasserscheide geht und dann dem Lause dieses Flusses bis zur Einmündung des Tacutu folgt. Sie geht dann weiter bis zur Quelle des Tacutu, trifft hier auf die Grenzlinie, welche durch die dem am 6. November 1901 zwischen den streitenden Parteien in London abgeschlossenen Schiedsvertrage angefügte Deklaration festgesetzt ist. Auf Grund dieses neuen Schiedsspruches wird die ganze streitige Zone östlich der Grenzlinie England und der ganze Streitige Teil westlich desselben Brasllien zugesprochen. Die Grenze längs der Flüsse Mahu und Tacutu loirb durch einen Talweg bezeichnet. Beide Flüsse sind bei den Grenzstaaten für die Schiffahrt geöffnet. Falls die Flüsse sich in mehrere Arme teilen, wird die Grenze an dem Talweg des östlichen Armes entlang gehen. Aer Internationale Irauen Kongreß. (9tachdruck verboten.) IV. S. il H. Berlin, 15. Juni. Die zweite öffentliche Abend-Versammlung, die unter dem Vorsitz von Alice Salomon im Großen Saale tagte, behandelte die Frage des Lohnes der Arbeiterin. Fran Harie Lang -Wien behandelt die Frage mit Humor. Durch die Arbeit der Hausftau habe die Welt sich an den Gedanken gewöhnt, daß Frauenarbeit eine Tugend sei und eine Umwertung^ in barer Münze nicht erfordere. Sie, der Ingenieur des Hauses, habe in der Mehrzahl der Fälle für sich keinen Pfennig zur Verfügung, wenn sie nicht von dem zum Haushalt bestimmten Gelde für sich verwende: und dadurch entstände dann die ewige Unruhe der Hausftau, die nach Schillers Worten „nimmer ruhe?' zum Ausdruck gelangt. Auch Ladp Aberdeen sprach sich dafür aus, daß gleicher Lohn für gleiche Arbeit sei. Die Ursache erblickte sie in der unsachgemäßen Ausbildung der Frau und der mangelnden Organisation. Nur durch billigere Entlohnung glaube die Frau in den Erwerb hineinzukommen und die mangelnde Ausbildung sei eine Tatsache, die eine geringere Leistung zeitige gegenüber derjenigen ihrer männlichen Mitarbeiter. Das Sittlichkeitsproblem stand im Mittelpunkt der heutigen Verhandlungen. Das einleitende Referat gab Frau Katharina Scheven-Dresden. Aus allen anderen Gebieten sei die Kultur fortgeschritten, nur allein auf diesem sei es noch im Zustande wie vor hunderten von Jahren. Anstelle der Roheit sei nicht größere Dezenz getreten, sondern lediglich eine geschicktere Heuchelei. Von praktischem Wert für diese Frage waren sodann die Ausführungen der Norwegerin Frau Professor E i ch e l e t, durch die Mitteilung, daß die Aufhebung der Reglementierung keinen wesentlichen Fortschritt in der Hebung der Sittlichkeit bedeute, wohl aber sei es die Arbeit, dem Volke eine gute Unterhaltung und eine bessere Literatur zu geben. Sodann betonte sie, daß allerdings vom Standpunkte der Frau die Moral des Mannes eine mindere sei, aber die Frauen nicht daran behindert habe, ihre jungen Töchter einem solchen Manne zum Weibe zu geben. Das sei ja auch damals fast entschuldbar gewesen, da dem Mädchen nichts anderes blieb, als die Ehe, nun sei dies aber anders geworden, da die Frau außer der Ehe auch andere Lebenszwecke haben müsse. Gegen das Bordellwesen wendete sich Frau W p - naendis-Franken. Die energische junge Holländerin referierte über die Fortschritte, die man in Holland dank der Mitternachtsmisiion gemacht habe. Anna Pappritz -Berlin will die Zwangserziehung auch auf alle erblich belasteteten, auf alle Kinder von Trinkern, Verbrechern usw. ausgedehnt wissen, da sie schon von vornherein nicht in genügender Weise moralisch gefestigt seien. Wohnungsreform ist das weitere, das mit aller Energie anzustreben sei, die Bekämpfung desSchlafftellenwesens. Als bestes Kampfmittel gegen die venerischen Krankheiten wünschte sie dann den Kampf gegen die Prostitutton. Tie wichttgste Aufgabe aber sei, das Odium von den Geschlechtskrankheiten zu nehmen. Der Arzt habe in dem Kranken lediglich den Kranken, nicht aber den Schuldigen zu sehen. Sie verlangt unentgeltliche Behandlung aller derer, die nicht die Mittel besitzen, zu ihrer Heilung selbst beizutragen. Der öffentlichen Meinung, dem Publikum aber müßte es eingeimpft werden, in diesen Krankenhäusern für Tuberkulose usw. könne nur darin bestehen, daß neben Arzt und Aerzttn auch ein pädagogisches Element tätig sei, denn bei keiner Krankheit tritt eine derartige Gemütsdepression ein und dadurch auch die Möglichkeit einer Beeinflussung zur Hebung des moralischen Bewußtseins des Kranken. Eine weibliche Aufficht, eine Anordnung von Beschäftigung solcher kranken weiblichen Wesen sei auf jeden Fall wünschenswert, um den Einfluß schlechter Elemente auf bessere zu unterbinden. Oft komme ein jugendliches Opfer der Ansteckung zur Behandlung und verlasse die Anstalt äußerlich vielleicht gebessert, aber moralisch in schlimmster Weise infiziert. Krankenversicherung mit der Ausdehnung auf alle, die ein geringeres Einkommen als 3000 Mark jährlich haben, ist ein weiter anzustrebendes Ziel. Zuletzt wies Anna Pappritz noch auf den studentischen Verein „Ettros", der die Keuschheit seiner Mitglieder bis zur Ehe verlangt. Es werden die Mütter gebeten, ihre zum Studium nach Berlin kommenden Söhne auf diesen Verein hinzuweisen. Gräfin Hegendorp verbreitete sich dann über die Fortschritte des Kampfes gegen den Mädchenhandel. — Die Frage des Vereinsgesetzes behandelte Frl. H e p m a n n. Sie gab u. a. verschiedene Beispiele, wie das Gesetz, das Frauen an der Anteilnahme an politischen Versammlungen und Gründung eines politischen Vereins ausschließt, zu umgehen ist. Frl. Zietz-Hamburg fügte hinzu, daß in Hamburg früher alle Versammlungen, die der „Verein für Frauenstimmrecht" abhielt, selbst solche in Privathäusern stets polizeilich überwacht wurden, während dieses nicht mehr geschehen sei, seitdem Frl. Heymann Hamburg verlassen habe, Frl. Heymanns Propaganda sei der Hamburger Polizei gar zu gefährlich vorgekommen. Hin Aampferunglück in Amerika. New York, 15. Juni. Die deutsche lutherische St. Markus-Ge- mein de hatte heute einen Ausflug für ihre Sonntag sschule veranstaltet und dazu den Vergnügungsdampfer „General Slocum" gewonnen. Dieser fuhr htr§: nach 8 Uhr mit tausend Kindern und fünfhundert Erwachsenen, meistens Frauen, a5>, um nach Locust Grove am tiong Isländer Sunde zu fahren. Die Gesellschaft war in fröhlichster Stimmung als unweit der Hellgate-Untiefen an der Einfahrt des Lang Isländer Sundes plötzlich der Ruf Feuer ertönte. Der große Dampfer war tatsächlich in Flammen und es entspann sich nun eine gräßliche Panik, die mit dein Verlust von etwa fünfhundert Menschen endete. Die meisten Personen an Bord waren Kinder im zartesten Alter, mit denen bei dieser Panik gar nichts anzufangen war, aber auch die Erwachsenen verloren den Kopf und stürzten sich blindlings ins Wasser. Kurz nachdem das Feuer ausgebrochen war, stürzte das obere Deck ein und begrub viele derjenigen, die nicht versucht hatten, sich durch Springen zu retten. Bis jetzt sind etwa hundert Leichen geborgen. Nach Ausbruch des Feuers ereigneten sich erschütternde Szenen. Die Schiffer ^benahmen sich heldenhaft; sie fuhren bis dicht an den brennenden Dampfer heran und begannen das Rettungswerk. Weniger heldenhaft waren die Männer an Bord des „Slocum",' denn diese sollen rücksichtslos Frauen und Kinder beiseite gestoßen haben, um selbst gerettet zu werden. Auch die Mannschaft des „©Iocum" scheint nicht sehr um die Passagiere bemüht gewesen zu sein, denn nur wenige derselben sind umgekommen. Die Mütter an Bord des Dampfers stürzten sich mit ihren Kindern im Arme ins Wasser, andere warfen ihre Kinder über Bord in der Hoffnung, daß die heranfahrenden Retter sie auf* fischen würde. Wieder andere liefen wie wahnsinnig auf dem Dampfer umher, unfähig, irgend etwas zu ihrer Rettung oder der ihrer Kinder zu tun. Vom Ufer aus wurden Frauen und Kinder gesehen, wie sie sich an den Seiten des Bootes festklammerten. Der Kapitän ließ den Dampfer auf den Strand von North Brother Island fahren, als er sah, daß der Brand unmöglich zu löschen fei. Pastor George C. F. Haas, der Seelsorger der Markus- gemeinbe wurde gerettet, jedoch sind seine Frau sowie seine Tochter Anna unter den Toten. Er sagte folgendes: Ter Brand kam im vorderen Teile des Schiffes, in der Küche, zum Ausbruch. Soviel ich in Erfahrung gebracht habe, wurde das Feuer durch überkochendes Fett verursacht und das Küchenpersonal, statt das verhältnismäßig unbedeutende Feuer zu löschen, rannte davon. Zu dieser Zeit waren die meisten Frauen und Kinder im rückwärtigen Teile des Schiffes, da dort die Musik spielte. _ Warum bei Ausbruch des Feuers der Kapitän nicht sofort das Land aufsuchte, ist unverständlich, namentlich, da ein frischer Wind dem Schiffe entgegenblies und das Feuer gerabe in den Dampfer hinein trieb. Sinnen wenigen Minuten ffe! ianonerte' Tod W &fii und M t-urch nun Msch gedE w *1*^! ÄieW“5 sä?» L* sä Wfer y* Die Mannschaft be M im Nestaus fn Vrooklin gebar lang. Eine Stund eisten Leichen auf kleinen llmgekom sie waren augensch Nur wenige Kinde aber diese hattm Untiefen als gefah Personen : prangen schon Feuer gesan wagen oder Hospit Polizeiinspekto: schwanke zwischen 966 Zulaßkarten P waren sehr viele f nicht nötig waren, schastigt, die Leich dessen werden wohl da nur ein lleinei fläche hinausragt. Die Bnndesbeh geleitet. Nachmittags w nach Leichen: fast geborgen. Es ergal gesunken sind, die ei dürften. Ein Poliz gerettet hatte. Die der Nachbarschaft ! Tausenden, da dor den. Immer neue buretni gemetbet, st fäintl’enift, abgejefy Gine große Bracht, indessen fto 'letzte. Ein Gang unteren Lstseite zeigt alle Geschäfte find ' Die gegenwärti betragt 300. Mehre an den Rettungsgü Politeiinspektor m der Leichenhalle Avenue-Polizeistatioi 0 auf Riker Jslan Es werden üi Schatzung der Um hundert. Personal, »r Feuerweh Entschließung C. K dem Mitgliede der f ^Süinbach tt* $°nntag auf Monta Ä Wirtschaft e ^offenen Nacht j, * letzten e° °9ei ft? bos 6 r°*Lb'Va,a" » '!* dezh « an Tb-ns Ueten - * >" bat . Sotf» ,7$ ”* Beteilt Sch dk eift ktki ° sowohl an W 3 <8iirf( btu4> i’ ?• ■rl der '1 lebe D J^nen gW W* »ur Ae bmh1\.minten ’rtcn „nTJiettoigt sei. Ä^Müt S»'*'S lein Ngen. Ho» . ’ÄebeMteß* '°etgesckritt^sden. ° w"Ä »t 9^te ^chriri ffi?*®8’ m dieVZ'' Vrak- durch bitÄjP^n Lrtzs «Wt iu <Ä "bieä\bt“ . „äQ6tr*ri,2 ■U£K lief) Fran SV Xiibert®H' zu retten. >> -- ** fr •** >(bft geleitet i“ ■ ft«11 K1'5«» OS HS war der Brand derart angewachfen, daß er nicht mehr bewältigt hätte werden können. Solche Szenen, tote ste sich da entwickelten, habe ich nie gesehan und ich glaube, daß sie niemals jemand gesehen hat. Ich war am rückwärtigen Teile des Fahrzeuges mit meiner Frau und Tochter. Die Frauen jammerten, ihre Kinder im Arme an die Brust gepreßt. Manche Mütter hatten drei oder vier kleine Kinder bei sich. Unser Schicksal schien hoffnungslos, denn der Tod durch Feuer oder durch Wasser schienen die einzigen Aussichten. Plötzlich brach der Brand durch aufs Oberdeck und jetzt ereignete sich die furchtbarste Szene, denn nun wurden durch die gräßliche Hitze alte noch nicht umgekommenen Menschen in einen Teil des Bootes zusammengedrängt. Manche wurden unter die Fü ß e getrampelt. Ein Tttl der schweren Geländers gab unter dem Drucke nach und viele fielen dcnrn ins Wässer, während Dutzende anderer freiwillig hinäbfprangen. Jetzt konnten wir Boote, die sich nahten, sehen und eine schwache Hoffnung kam. Meine Frau, Tochter und ich wurden in diesem Augenblicke über Bord gedrängt, und als ich wieder auftauchte, sah ich Hunderte im Wasser, die versuchten, sich oben zu halten Das gräßliche Jammergeschrei werde ich nie vergessen, das ich da hörte. Ich konnte nri.rh kaum über Wasser halten, sah mich aber nach meinen Angehörigen um, ohne sie finden zu können. Meine Kraft verließ mich bald, ich wurde ohnmächtig und erwachte erst wieder, als ich in einem Boote war. „General Slocum" war einer der größten Exkursionsdampfer im hiesigen Hafen und stets in Anspruch genommen. Die Mannfchaft bestand aus 23 Köpfen außer den Bediensteten im Restaurant. Der Dampfer war vor 13 Jahren m Brooklin gebaut, hatte 1284 Tons und war 263 Fuß lang. Eine Stunde nach Ausbruch des Brandes trieben die ersten Leichen auf ^orth Brother Island an. Manche der kleinen Umgekom. jnen hielten sich noch im Tode umarmt, sie waren augenscheinlich zusammen über Bord gesprungen. Rur wenige Kinder waren mit Rettungsgürteln versehen, aber diese hatten in den Strudeln von Hellgate, welche Untiefen als gefährlich bekannt sind, nichts genützt. Viele Personen sprangen erft ins Wasser, nachdem ihre Kleidung schon Feuer gefangen hatte. Manche sind im Krankenwagen oder Hospital gestorben. Polizeiinspektor Albertson erklärte, die Zahl der Toten schwanke zwischen 400 und 500. Es waren im ganzen 666 Zulaßkarten zur Exkursion verkauft worden, indessen waren sehr viele kleine Kinoer an Bord, für welche Karten nicht nötig waren. Drei Polizeiboote sind jetzt damit beschäftigt, die Leichen auf dem Dampfer zu bergen. Indessen werden wohl Taucher herangezogen werden müssen, da nur ein kleiner Teil des Wracks noch über die Wasserfläche hinausragt. Die Bundesbehörden haben eine Untersuchung ein- geleitet. Nachmittags waren etwa fünfzig Boote auf der Suche nach Leichen; fast durchweg wurden solche kleiner Kinder geborgen. Es' ergab sich, daß manche Leichen unzweifelhaft gesunken sind, die erst nach Tagen an die Oberfläche kommen dürften. Ein Polizist ertrank, nachdem er zwölf Personen gerettet hatte. Die Polizeistationen und Leichenhäuser in der Nachbarschaft der Unglücksstätte sind umlagert von Tausenden, da dort die Toten vorläufig aufgebahrt werden. Immer neue Vermißte werden im Zentralpolizei- bureau gemeldet, sodaß die Liste derselben auf 500 angel' chwollen ist, abgesehen von den schon identifizierten Leichen. Eine große Anzahl Verletzter wurde nach Pikers Island zebracht, indessen starben dort 53 unter den Händen der Aerzte. Ein Gang durch den deutschen Distrikt an der unteren Ostseite zeigte mir allenthalben tiefjte Trauer. Fast alle Geschäfte sind dort geschlossen. Die gegenwärtige Zahl der Opfer in den Hospitälern beträgt 300. Mehrere Ueberlebende versichern, die Schnüre en den Rettungsgürteln seien verfault gewesen. Polizeiinspektor Brooks erklärt, 80 Leichen befinden sich im der Leichenhalle von Massasoit, 37 in der Alekander Alvenue-Polizeistation, 51 in der Leichenhalle von Fidelity, 40 auf RiLr Island sowie 200 auf North Brothers Island. Es werden immer noch Leichen gefunden. Die letzte Schätzung der Umgekommenen beziffert sich auf sechshundert. Aus Stadt und Aaud. Gießen, den 16. Juni 1904. •* Personalien. Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Allerhöchste Entschließung S. K. H. des Großherzogs vom 28. Mai d. I. dem Mitgliede der freiwilligen Feuerwehr zu Alzey, Ludwig Hei merke, und dem Mitgliede der freiwilligen Feuerwehr zu Steinbach i. SD., Philipp Orth. ’• Polizeibericht. Nachdem in der Nacht vom Sonntag auf Montag Diebe einer außerhalb der Stadt gelegenen Wirtschaft einen Besuch abstatteten, wurde in der verfloßenen Nacht in dem alleinstehenden Komptoir eines hiesigen Geschäfts eingebrochen. In beiden Fällen fiel den Dieben nur geringe Beute in die Hände. — In der Nacht vom 14. auf 15. d. Mts. wurde in der Gaststube einer hiesigen Wirtschaft em Brand zu legen versucht.— Verhaftet wurde gestern abend ein Dienstmädchen wegen Dieb st ah ls. SWK. Darmstadt, 15. Juni. Die Zahl der evangelischen Theologen des Großherzogtums, die in den letzten Jahren das Schulexamen bestanden haben, reicht nicht ams, um die vakanten Stellen zu besetzen. Das Ober- komsistorium ist deshalb genötigt gewesen, in verschiedenen Fällen Pfarrstellen nichthessischen Theologen zu übertragen. Namentlich treten — wie auch schon bei dem großen Mangel an Theologen in den 80er Jahren — gern Pfarrer aus der Rheinpfalz und Bayern in den Dienst der hessischen Landeskirche über. Bei den Besoldungsverhältnisien der bayerischen evangelischen Geistlichen ist das weiter nicht merkwürdig. Lorsch, 14. Juni. Dem Vernehmen nach hat der in her Mordsache Schneller hier verhaftete Rosenberger jeiine Beteiligung eingestanden und seine Genoßen ge- nonnnt, die sowohl an dein Einbruch, als auch an dem Mord beteiligt waren. Es sind dies Johannes Brückmann und Faikob Berg aus Bürstadt. Es wird eifrig nach ihnen ge- ialhndet. Homburg v.'d. H., 15. Juni. In der vergangenen Macht wurde in der hiesigen Hof-Apotheke ein Einbau ch die bst ah l verübt. Der Kasscnschrank wurde mit Gewalt geöffnet und ihm etwa 800 Mk. entnommen. Von dem Tätern fehlt jede Spur. Danöel und Derlrehr. Volkswirtschaft Berliner Börse vom 15. Juni 1904. (Mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie, Gießen.) Privat-Diskont 3‘/a Prozent. Oest. Kredit . Deutsche Bank Darmstädter Bank Bochumer Guß . Harpener Bergbau Tendenz: Anfangs- u. Schlußkurse. . —201.25 . 219.20 219.00 . 137.40 137.50 190.00 198.90 . 190.20 . 198.90 Ziemlich fest. Berlin, 15. Juni. Die Blätter melden Zahlungsschwierigkeiten der großen Berliner Baufirm a M. Z i egra> In einer Gläubigeroersnmmlung wurden die Passiva mit Mark 4 940 000, die Aktiva auf Akk. 5 284 000 angegeben. Aus zahlreichen Bauten, die die Firma gegenwärtig betreibt, ruhte die Arbeit heute größtenteils. Das „Berliner Tageblatt" berichtet, daß der Inhaber der Firma der Schwager des Kommerzienrats Sanden ist. An der Insolvenz seien die Preußische Hypothekenaktienbank und die Neue Bodenaktiengesellschaft beteiligt. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Gießen, 16. Juni. Dem Briefträger, der am Sonntag an den Herrn Ve» lasier des gestrigen „Eingesandt" den ein Geldstück enthaltenden gewöhnlichen Bries bestellt hat, ist — worüber der mit den Verhältnissen nur einigermaßen vertraute Leser von vornherein wohl nicht im Zweifel gewesen sein wird — weder vom Postamt noch von einem Beamten der unsinnige Auftrag erteilt worden, dem Empfänger Vorhaltungen zu machen oder ihm für den Wiederholungsfall Bestrafung anzudrohen. Damit werben auch die von dein Herrn Einsender gezogenen lehrhaften Schlußfolgerungen hinfällig^Kaiserliches Postam t 1. Temperatur der Lahn und der Luft am 16. Juni 1904. Nach Reaumur gemessen mittags zwischen 12 und 1 Uhr. Wasser 17°, Luft 18°. Albert Rübsamen. vermischte». * Berlin, 15. Juni. Wie aus bester Quelle gemeldet wird, ist es heute mittag der Kriminalpolizei gelungen, den Mörder der n e u n j ä hri gen B erlin zuergreifen. DerMörder heißt Berger und wurde durch den Kriminalkommissar Woy- mann verhaftet. In welchem Zusammenhänge der noch in Haft befindliche Lenz mit dem ergriffenen Mörder steht, ist noch nicht festgestellt. Am Mittwoch nachmittag wurden am Hafen zu Plötzensee, von spielenden Knaben der Kovf und die Arme der kleinen Lueie Berlin gefunden. Die Teile sind ansckieinend nicht mit einem besottders scharfen Instrument, auch nicht mit besonderer Geschicklichkeit abgetrennt, sondern mit grober Gewalt ausgebrochen beziehungsweise abgerifien. Ober- und Unterarm eines jeden Armes sind intt Sänur zusammmg b nden Ter eine Arm ist nackt, der andere mit einem roten Tuchärmel bekleidet. Der Gesichtsausdruck des kleinen Köpfchens ist ruhig, nicht schmerz- oder schreckensentstellt, nur die Nase ist etwas eingefallen. Tie Teile waren wahrscheinlich in Zeitungspapier eingepackt, welches ebenfalls aufgefischt wurde. * Berlin, 15. Juni. Amtlich wird gemeldet: Heute nachmittag sind, vermutlich durch den Funkenauswurf von einem v o r b e ifa hre n d e n Ringbahnzug, die auf den eisenbahnseitigen Lagerplätzen neben dem Bahnhof Putlitzstraße und dem Güterbahnhofe Moabit lagernden neuen Eisenbahnschwellen in Brand^gesetzt worden. Durch die schnelle Entwicklung des Feuers mußte der Verkehr auf den Ringbahngleisen zwischen Gesundbrunnen und Beusselstraße, sowie zwischen dem Lehrter Hauptbahnhof und Spandau vorübergehend eingestellt werden. Tie Züge wurden von Spandau über die Stadtbahn geleitet. Tie Reisenden vom Lehrter Bahnhof wurden über die Stadtbahn nach dem Westen und Norden befördert. Personen wurden bei dem Großfeuer nicht verletzt. An Material wurden umfangreiche Schwellenstapel vernichtet. * Berlin, 15. Juni. Gestern abend vergiftete die Frau des Bierfahrers Grab sich und ihre beiden Kinder. Tie Frau und der ältere Knabe sind tot. Das jüngere Mädchen wurde durch Gegenmittel am Leben erhalten. * Köln a. Rh., 15. Juni. Ein in Liblar beschäftigter junger Mann wurde gestern abend auf dem Heimwege nach Weilerswist kurz vor letzterem Orte von einem Unbekannten durch einen Revolverschuß niedergestreckt. Der Wegelagerer sprang hinzu, plünderte den tödlich Verletzten vollständig aus und überließ ihn seinem Schicksal. Der Ueberfallene wurde später aufgefunden und nach Köln ins Spital gebracht. * Aachen, 15. Juni. Ein zum Gordon Bennett- Rennen fahrendes^ Aachener Automobil schlug bei Eschweiler um. Von sechs Insassen sind zwei schwer verletzt. — Bei Montjoie stießen zwei Güterzüge zusammen. Ein Zugführer wurde erheblich verletzt. Der Materialschaden ist bedeutend. Gelsenkirchen, 15. Juni. Zwei Burschen überfielen ohne jede Veranlassung eine Frau Kr a ft und töteten sie durch drei Messerstiche. Tie Mörder entkamen. * Hannover, 15. Juni. In der Untersuchungssache betreffend eine nächtliche Schlägerei in Hannover zwischen Berliner Herren und hamwverschen Schutzleuten ist auf Grund eines Haftbefehls des kgl. Amtsgerichts der meistbeteiligte an der Schlägerei der frühere Oberleutnant Freiherr v. Boden- haus en bei seiner Entlassung aus der Klinik durch den Kriminalpolizei-Inspektor Homrighausen und den Kriminal-Inspektor Meyer in das hiesige Gerichtsgefängnis eingeliefett worden. Frhr. v. Bodenhausen wird der schweren Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung angeklagt werden. * Posen, 15. Juni. Behördlich wurde das Vorhandensein schwarzer Vockeu festgestellt. Tie Krankheit wurde von der Gattin eines hiesigen Arztes bei ihrer Rückkehr aus Russisch- Polen eingeschleppt. Umfassende Vorkehrungen wurden getroffen. * München, 16. Juni. Wie die „Reuest. Nachr." mitteilen, find die drei T ou ri st e n, welche in der vergangenen Woche im Ampezzo-Tale von italienischen Grenzwächtern wegen Zeichnens verhaftet wurden, alle drei aus München, nämlich Proviantamtassistent Ziegler, der Geheime Kalkulator im Kriegsministerium Gueth und der Ingenieur Mayer. Sie waren auf einer Ferienreise begriffen und führten einen Apparat zum Photographieren bei sich. Sie befinden sich noch in Haft. * Bern, 15. Juni. Ter Geschäftsführer derSpar- kasse von Prunttut Schmieder ist verschwunden. Das Defizit der Kasse beträgt 40 000 bis 50000 Frs. Die Sparkasse weigert sich, die Einlagen zurückzuzahlen. In der Bevölkerung herrscht große Erregung. * Wien, 15.Juni. Aussehen erregt hier der Selbstmord des Dr. Josef K i r ch n e r , eines früher viel beschäftigten Advokaten, der sich gestern nachmittag aus dem Heuberg bei'Dornbach erschossen hat. „ * Glatz, 15. Juni. In Allgersdorf ist die der Witwe Gröger gehörige Besitzung völlig niedergebrannt. Während der Abwesenheit der Witwe kam ein Fremder in das Haus, der die neunjährige Tochter der Witwe auf den Heuboden lockte. Das Kind wurde in den Trümmern verkohlt aufgefunden. Der Fremde wurde als mutmaßlicher Brandstifter verhaftet. * Eine Fahrt im Automobil wird in der „Neuen Zür. Ztg." nicht übel folgendermaßen geschildert: Kaum hat sich das Türchen hinter einem geschlossen, kaum beginnt der Wagen sich in Bewegimg zu setzen, und der Hochmutsteufel sitzt dir im Nacken und bläst dich auf wie ein Ochsenfrosch. Nur durch die Hauptstraßen fährst du, damit jeder dich erblicken kann, das Signalhorn läßt du brüllen, als gälte es Tote zu erwecken . . . schneller, bitte schneller, Herr Chauffeur! . . . und der Motor raft, die Staubwolken fliegen, bald hast du jenes Tempo erreicht, da der Polizist, so er dich erblickt, sich duckt, um mit jenem ominösen Griff nach der Seitentasche und dem Notizbuch deine blauweiße Nummer zu erspähen. Vergiß nie sie, die Nummer vorher etwas mit Oel zu befeuchten! und wäre er mit einem Horoskop bewaffnet, es ttrirrb: ihm die Lösung dieses Nummerrätsels nie gelingen. — Kurve rechts, jetzt links, hinüberge- worfen, zurückgesetzt, wir sind am Ziele, die Tonhalle nimmt uns auf. Am nächsten Tag eine kleine Spritztour nach Baden. Ratata, ratata, Zürich liegt hinter uns, ratata — — — — waren wir nicht noch eben in Altstetten? ratata, ratata, das war einmal, augenblicklich liegt Schlieren zwischen uns--- weiter, ratata, weiter — Dieiikon grüßen wir souverän, vorwitzige Hühner rasen gegen die Scheunen, schmutzige .Kinder bilden Spalier---ratata, erschreckte Köpfe hier und dorten, böse Blicke ab und zu .. . (bie sind stereotyp und gehören ins Bild, lächelt unser Führer) ratata, ratata, herrlich, herrlich, Heuduft überall, Leben überall, mitten in der Natur, mitten im Sonnenschein, ratata — — fo ein klägliches Tram da vorn und auch noch in Gelb . . . hallo, wir holen es . . . ratata, vorwärts, 300 Meter, 200 Meter, es erhöht die Geschwindig- keft — wir auch — heißa — auf in den Kampf — 100 Meter — schon sehen wir das neidische Gesicht seines Kondukteurs — 50 Meter, ratata — hurra----da plötzlich Bruch — Pang — — tschtsch, ra. — ta — ta — ta — ta--aus — — ganz aus — — — Wenn wir den Kerl zwischen den Fingern gehabt hätten, der die Nägel erfunden hat, wehe ihm, er hätte fein neues Dutzend mehr geliefert. In Wetter Ferne zog das Tram dahin, Dutzende von Sportskollegen benzinten an uns vorüber, scheinbar fteundlich grüßend, im Innern rohlockend über unsere Liebenswürdigkeit, vor ihnen den Nagel „auszuklauben". Wir kehrten ihnen stumm den Rücken und ar- beiteten, was das Zeug hielt; nach einer Stunde Verspätung kamen wir in Baden an, just als der letzte Forellenschwanz ab- 'erinert wurde.--- * Der belebte st e See der Erde ist derVierwald- ’tätter (See. Im Jahre 1903 beförderten die zwanzig großen Dampfer laut den statistischen Aufzeichnungen nicht weniger als 1529 000 Personen. Ter Verkehr hat also dort einen ungeahnten Aufschwung genommen, seit . der erste Raddampfer am 20. September 1837 den See befuhr. Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst. Voraussichtliche Witterung in Hessen für Freitag, den 17. Juni 1904: Zeitweise heiter, etwas wärmer, im allgemeinen trocken, höchstens rm Norden stellenweise sehr geringer Regen. Näheres durch die Gießener Wetterkarte. Neueste Meldnngen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 16. Juni. Zu dem großen Feuer in bet Puttlitzstraße toirb noch gemeldet: 6 Stunden dauerte der Kanrpf der Feuerwehr mit dem entfesselten Element. 18 Löschzüge waren zur Stelle, die aus 40 Schlauchleitungen den Brand bekämpften. 10 Dampfspritzen waren stundenlang in Tätigkett. Verschiedene Feuerwehrleute trugen Verletzungen davon, andere wurden durch die enorme Rauch en twickelung betäubt. Der Verkehr auf dem Ring- bahngeleife zwischen Gesundbrunnen und Beusselsttaße^ sowie Lehrter Bahnhof und Spandau war stundenlang unterbrochen. Die Abschätzung des Schadens ist vorläufig nicht möglich, doch dürfte sich eine sehr hohe Ziffer ergeben. Als Ursache des Schadenfeuers gilt llebertriagung von Lokomotivenfunken in das durch die Hitze ausgv- trocknete Lager. Homburg v. d. H^, 16. Juni. Der kaisarbiche Sonderzug ift pünttlich um 8 Uhr früh hier eiuge- troffen. Zürn Empfang war der Oberbürgermeister und Landratsamtsverweser Dr. Ritter v. Marx anwesend. Nach kurzer Begrüßung fuhren der Kaiser und die Kaiserin durch die überaus reich geschmückte Luisenftraße, von enter großen Menge lebhaft begrüßt, zum königlichen Schlöffe, woselbst das Frühstück eingenommen wird. Nach denn Frühstück begeben sich die Majestäten zur Saalburg. Zu dem Gefolge des Kaisers ist außer den Bereits bekannten Personen noch der Generaladjutant v. Scholl Hinzuge»' kommen. Prinz Friedrich Leopold trifft erst mit Bern fahr». planmäßigen Zuge um 10 Uhr hier ein. Kaiserslautern, 16. Juni. Die „Pfälz. Presse^ meldet: Ein Großfeuer äscherte die Baumwollspinnerei in Speyer teilweise ein und richtete großen Schaden, namentlich an den Maschinen, an. 300 Arbeiter sind brotlo s. Söul, 16. Juni. In der Nähe einer kleinen Jnfek drei Stunden von Shmwnoseki wurden gestern morgen 5 Uhr Schüsse gegen das amerikanische Handelsschiff „Ohio" abgegeben, an dessen Bord sich der japanische Gesandte Hayaschi befand. Der Kapitän des Wladiwostok- Geschwaders, welches diese Insel passierte, scheint von der Anwesenheit des Gesandten gewußt zu haben. Tokio, 16. Juni. Wie gestern hier eingelaufene Meldungen besagen, hat seit Samstag eine heftige Schlacht bei Funtschon stattgeftlnden. Die Russen haben tausend Mann verloren. Ihre sämtlichen Feldgeschütze wurden von den Japanern genommen. Die russischen Streitkräfte, 7000 Mann stark, haben darauf am Sonntag den Rückzug nach Norden angetreten. (Die Meldung ist nicht vertrauenswürdig.) Tokio, 16. Juni. Ein große Schlacht am Motienpaß steht unmittelbar bevor. Die russischen Strett- kräfte werden geschätzt auf 14 000 Mann am Motienpaß, auf 30 000 bei Liaoyang und 13 000 zwischen Telissu und Kauschialing. Tokio, 16. Juni. Drei russische Kriegsschiffe, die in der Straße von Tsuschima kämpften, vielleicht dem Wladi- wostock-Geschwader angehörend, wurden vom Admiral Kamimura aufgebracht. Telephonischer Kursbericht Frankfurt a. 58., 16. Juni. 372% Reicheanloihe . . 101.95 3% do. ... 90.15 3»/,% Koneols .... 102.00 3% do 90.25 31/o% Hessen .... 99.80 3l[t% Oberhessen . . . —.— 4% Oesterr. Goldrente . . 101.25 476% Oestorr. Silberrente 100.00 4% Ungar. Goldrente . . 99.65 4<>/g Italien. Rente , . . 102.40 4V2% Portugieser , . . 60.85 8°/ Portugiesen 60.25 1% C. Türken .... —.— Türkenlose 128.00 4% Griech. Monopol.-AnL 47.55 41/,% äussere Argentiner —.— 3% Mexikaner .... 26.30 4%% Chinesen .... 87.80 Electric. Sohuckert . . . 103.90 Nordd. Lloyd . . . . 100 00 Kreditaktien .... 201.20 Diskonto-Kommandit. . . 186.60 Darmstädter Bank . . 137.50 Dresdener Bank .... 150.10 Berliner Handelsgea. . . 151.75 Oesterr. Staatsbahn . . . 136.00 Lombarden .... 16.60 Gotthardbahn 192.20 Laurahütte 242.70 Bochum 189.60 Harpener . . ... 139J0 Tendenz: still. srr.t2 etw^9’1 »•**! jtai Von Montag den 20. 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