Nr. 369 Zweites 154. Jahrgang Erscheint tLgNch mü Vu-nahme de- VormtagS. Die Lietzener KamilienblStter- werden dem ^Anzeige, viermal wöchentlich betgelegt Der «heskllchr Landwirt" erscheint monatlich einmal. Dienstag 15. November 1904 Rotationsdruck und Verlag der Brüh lechem UnwerfttätSdruckerei. ÖL Lange. Dietzen. Redaktion. Expedition u. Druckerei: Schulst?. K, Tel. Nr. 6L Lelegr^Adr. < Anzeiger Dietz«» General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. »Mik»»I 1.1 IUMI ,„„ Bekanntmachung. Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Berstadt. In der Zeit vom 16. bis einschließlich 29. November l. J8. liegen auf dem Nathause zu Berstadt die Arbeiten des II. Abschnittes obiger Feldbereinigung, nämlich: 83 Blatt Bonitirungskarten, 3 Bände Besitzstandsverzeichnisse, 3 Bände Gütergeschosse, 1 Band Zusammenstellung der Gütergeschoffe, sowie das Protokollbuch zur Einsicht der Beteiligten offen. Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungrn hiergegen und co. Wahl eines Schiedsrichters nebst Stellvertreters findet daselbst statt: Mittwoch den 30. November 1904, vormittags 9—10 Uhr, §ozu ich die Beteiligten nut dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen und zu begründen. Büdingen, den 12. November 1904. Ter Grt.,stherzogliche zeloberemig.mgskommMr: Schnittsvahn, Regieriingsassessor. A_"_____■■■'. ____!—. .. in Rebel unö das JuKuNkts-A-Liv. Endlich hat Herr Bebel sein Steckenpferd, die „Frau der Zukunft", wieder einmal bestiegen uitb die Wege gezeigt, wie an der zarten Hand der „Frau der Zukunft" allein der „Zukunftsstaat" seinen geistigen und moralischen Inhalt sich erwerben und das gegenwärtige irdische Jammertal in das Himmelreich auf Erden verwandeln kann. Herr Bebel ist ja aus seinem Buche über dieses Thema bekannt genug und wenn ihm, dem Illusionisten, das „ewig Weibliche" als die Treppe zur allein seligmachendien Sozialdemokratie erscheint, so lvird kein Mensch, der einen Sinn fcit für die geistige und leibliche Wohlfahrt seiner Mitmenschen, ihm darob grollen. Leute, die den alten August näher kennen, wissen, daß ihm trotz mancher seiner blutrünstigen Reden ein weiches Herz im Busen schlügt unb daß er kein Blut sehen kann, also wobl, wenn einmal „Sein Volt" auf die Barrikaden steigt, einer der Ersten sein wird für die Krankenträger. Auch Robespierre vergoß manche Träne über die Grausamkeiten seiner Kameraden und, wenn er auch Tanton und Marat geistig weit überragte, so siel er doch, hauptsächlich weil er, der Weiberfreund, es nicht verwand, die Amazonen der großen Revolution für den unedlen Stoff des Petroleum zu begeistern. lieber seinen weiblichen Zukunftstraum sprach Bebel nach langer Zeit wieder einmal in Tempelhof bei Berlin und zwar über das sozialdemokratische „Originalweib". T-er unverdächtigen Quelle des „Vorwärts" entnehmen wir eine Schilderung des großen Tages nicht in Dithyramben sozialdemokratischer Selbst- Ökeit, sondern in bürgerlicher Philister-Einfalt des gesunden .enverstandes, der den Trupven des roten Zukunftsbanners gänzlich abhanden gekommen ist und n un n ach den Prophezeiungen Bebels in blendender Schönheit und Reinheit im Zukunftsweibe wieder auferstehen soll. Tie Genossin T hi e l, Gattin des Genossen Thiel, soviel wir wissen, Gaitwirtin in Nixdorf, hatte die Versammlung einberufen und eröffnete die Sitzung, in der August Bebel von den angeblich zahlreich versammelten Männlein und Weiblein mit stürmischen Hochrufen — laut glaubhafter Versicherung des „Vorwärts" — empfangen wurde, worauf dann sofort „weihevolle" Ruhe eintrat. Außerdem trug die Rede Bebels die Signatur: „Die Frau in Staat und Gesellschaft", und der „Vorwärts" schickt seinem sentimentalen Bericht eine Beschreibung voraus, wie von seilen des Landrats und seiner Gendarmen alle Vorkehrungen getroffen worden seien, um die „Ruhe und Ordnung" aufrecht zu erhalten und Herrn Bebel zu verhindern, den Zukunftsstaat fdjon in Tempelhof zu begründen. An sich war diese „weihevolle" Versammlung, wie es bei sozialdemokratischen Veranstaltungen dieser Art üblich ist, durchaus von den Genossinnen mit ihren ehelichen Genossen besucht, sowie denn stets überall, wo es die sog. „Frauenbewegung" der Sozialdemokratie zu schieben gilt, für das Weibliche gefechtsbereiten ledigen Genossen, an sich ein Beweis, daß, Iim die sozialdemokratische Frauenwelt für sozialdemolratische Agitation einzufangen und zu verwenden, die männliche Bevormundung unerläßlich ist In der Tat ist die Frau des Sozialdemokraten, der man die Gleichberechtigung mit dem Mann im Zukunftsstaate voripicgelt, in der „Erziehung" für dieses hohe Ziel viel mehr Sklavin der Partei, als je eine Frau im bürgerlichen Leben dies.werden kann. Das weibliche Sklaventum in der Sozialdemokratie ist es deshalb gerade, das die Bande der gesellschaftlichen Ordnung sprengen hilft und deren ideale von sich wirft. Charakteristisch im Vortrage Bebels, wie er vom „Vorwärts" im Auszuge mitgeteilt wird, sind nur wenige Punkte, und diese haben auch für weitere Kreise ein bestimmtes Interesse. Zunächst, um sich M seinem Auditorium weiblichen Charakters vorteilhaft einzuführen, brauchte Herr Bebel einen Trick, in dem ec die unwürdige Stellung der Frau in der Gegenwart auf den „Egoismus der Männer" schrieb, natürlich nur 'der bürgerlichen, denn im Zukunftsstaat gibt es ja keinen Egoismus, da herrscht allein das Ideal, wie sich's der Herrgott im Paradiese vor dem Sündenfall gedacht hatte. Ta die „kulturelle Entwicklung der Menschheit nur in der Sozialdemokratie seine Verkörperung" finde, könne natürlich auch n ur durch die Sozialdemokratie die Frau als tätiger, gleichberechtigter Faktor im politischen wie im Erwerbsleben durch diese zu der ihr gebührenden menschenwürdigen Stellung gelangen. Für diese Behauptung spreche der Erfolg des sozialdemokratischen Frauenkongresses in Bremen, welcher geistig bedeutend höher stand in s.imn Verhandlungen, als diejenigen des Bremer Männer-Parteitages! Eiuschallcn möchten mir, daß an dem Frauenkongreß in Bremen auch ein gut Teil Männer unter Parteiaussicht teil- nahmcn, wie an dem Parteimanner-Kongreß auch Fräulein Baader und F r a u K l a ra Zetkin den weiblichen, sozialdemokratischen Geist gebührend zur Geltung brachten und es von diesen besonders betont wurde, daß die bürgerliche Frauenbewegung auf ihren nationalen wie internationalen Kongressen sich, für den Fortschritt der Emanzipation der Frau als völlig unfähig erwiesen habe und deshalb von ihnen garnichts zu hoffen sei. Herr Bebel urteilte in Tempelhof nicht gar so schroff, denn er gab zu, daß die bürgerliche Frauenrechtlerer immerhin einiges geleistet habe, natürlich aber auch hier alles wictschaftliche und politische Heil nur von dem Proletariat zu erwarten wäre. Bekräftigt wurden die Ausführungen Bebels seitens der gemischten Versammlung durch lauten Beifall, sowie einigen Gesangsvorträgen eines proletarischen Gesangvereins, und — sagt der „Vorwärts" — „langsam und friedlich zerstreute sich der Menschenstrom". Also die sozialdemokratische Frau voran! Herrn Bebels Vertrauen auf die männlichen Genossen ist erschüttert, er steckt sich, nicht zum ersten Male, hinter den kampfbereiten Unterroü, wie seinerzeit die braven Kommunarden in Paris hinter die Petroleusen. Ob es ihm und seinen Rittern sozstldemolratischer Minne gelingen wird, die deutschen Arbeiterfrauen für die Petroleumtanne zu erziehen, wo die männlichen Barrikaden wanken, das liegt im Schoße des Zukunftsstaates. Es ist wirklich kaum möglich, ernst zu bleiben bei solcher Art der Agitation, welche keinen anderen Zweck hat, als das Proletarier-Weib ihrer wahrhaften, edlen Pflicht zu entfremden und, lote die Agitatorin Frau Maria Holma in einer Rixdorfer Versammlung von Frauen sagte, zu gleichberechtigtem „kameradschaftlichem Verkehr" mit den Männern zu verhelfen, d. h. zu Genossen einer sinnlosen, Geist 'und Körper zerstörenden Revolutions-Idee. Sie preußische Kanulvoctage angenommen. Die Lahnkanalifation obgelehnt. Berlin, 14. Novemver. Die Ka n a lkom Mission beriet heute die Petitionen. Im Anschluß an solche für die Mosel-, Saar- und Lahnkanalisation beantragen Roschlmg, Frhr. v. Zedlitz und Eahcnsly, dem Gesetze eine Bestimmung einzufügen, nach welcher die Mosel von der Lothringer Grenze bis Eoblenz und die Saar von Brebach bis Konz für 6OO-Tonnenschlffe, ferner die Lahn von der preußisch - hessisch en Grenze dis zu ihrer Mündung für 3O0-Tonnenschiffe kanalisiert werden sollen, insofern bis zum 1. September 1905 die Nheinprovinz und der Regierungsbezirk Wiesbaden die Garantie für die Verzinsung und Amortisation, sowie für die Unterhaltungs- und Betriebskosten nach der für den Rhein-Hernekanal maßgebenden Grundsätzen zu übernehmen. Ter Berlchtetstaiter drückt fein Bedenken gegen die Einfügung des Antrages in das Gesetz, aus und hält es für billig, Luxemburg und Lothringen zu den Kosten heranzuziehen. Sodann folgten die Abstimmungen. Die Kanalisierung der Lippe wurde mit 18:10 Summen beschlossen, die des Dortmund-Rhemtanals mit 22 gegen 6, die des Kanals von Bevergern bis zur Weser mit 19 gegen 9 und die des Kanals von Minden bis Hannover mit 16 gegen 10 Stimmen Die Minorität setzt sich aus den Konservativen und den Frei- konservativen abzüglich zweier Konservativer und eines Frei- konservativen zusammen. Der Antrag Wallbrecht (Ztr.) betr. die Ausdehnung des Kanalbaues nach Hildesheim und der Peine wurde abgelehnt. Der Antrag Am Zehnhosf wurde wegen einer vierten Variante hinsichtlich der Mündung des Dortmund-Rheinkanals in den Rhein sowie die Zusetzung von 4 Millionen für Grunderwerb mit 35 gegen 3 Stimmen angenommen. Der so gestaltete § 11a der Vorlage betr. den Dortmund-Nheinkanal mit dem Antrag Am Zehnhoff und der Lippekanalisierung wurde mit 19 gegen 9 Stimmen angenommen. Die ErgänzungSbauten am Dortmund-Ems-Kanal (§ 1, 1b) wurde einstimmig angenommen. Die Strecke Bevergern— Hamwver wurde mit 18 gegen 10 Stimmen angenommen, ebenso der Antrag Am Zehnhoff bezüglich der 6 Millionen zur Verbesserung der Landeskultur und der hiernach gestaltete § 1. Zu § 2 wurden die Anträge Herold, betreffend den Ausbau der Lippe ein Jahr nach Inbetriebsetzung deS Dort- mund-Ems-Kanals, mit 18 gegen 10 Stimmen angenommen. Hinsichtlich Bremens wurde der Antrag v. Armin, welcher den Ausbau des Kanals Bevergern—Minden von der Kanalisierung der Weser durch Bremen abhängig macht, abgelehnt. Dagegen wurde der Antrag Frhr. v. Zedlitz und Herold, der die Herstellung des Wehres b und die Tragung eines Drittels der Kosten zu den Talsperren durch Bremen fordert, mit erheblicher Majorität angenommen. Der Antrag Am Zehnhoff, betreffend die Enteignung in Entfernung von je einem Kilometer, wurde einstimmig angenommen, ebenso die Anträge Herold und des Frhrn. v. Zedlitz, betreffend die Sicherung der Anlieger, bezw. deren Entschädigung. Der gesamte § 2 fand Annahme mit 18 gegen 10 Stimmen. Der Antrag Am Zehnhoff, betreffend den Wasserslraßenbeirat, wurde mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. Die Anträge Röchling, Frhr. v. Zedlitz und Eahensly, betreffend die Mosel-, Saar- und Lahn-Kanalisierung, wurden ab gelehnt. Für die Mosel und Saar stimmten vier, für bie Lahn sechs Mitglieder. Ferner wurde von der Redaktionskommission beschloßen, es dem Vorsitzenden zu überlassen, nach dem Einvernehmen mit der Redaktionskommission eine zweite Lesung anzusetzen. Bei den Abstimmungen stimmten das Zentrum, die Nationalliberalen und Freisinnigen geschloffen. -StSSSSS*----- — ! 1 LJ— SSEBSSSSÜSSSSSSSSSSA Politische Tagesschau. Eine neue soziale Lokalbehörde in Hessen-Nassau. Bei Gelegenheit der Bereifung des Bezirks der Landes-Ver* sicherungs-Anidalt Hessen-Nassau durch Kornmissare des Reichs- auits des Innern und des Reichs-Versicherungsamts zur Feststellung der Ursachen für die unvermutete Steigerung der Invalidenrenten, wurde es von den Kommissionen als erwünscht bezeichnet, wenn in gleicher Weise, wie solches die Landes-Versicherungsanstalt Schlesien bereits getan hat, auch im Bezirke einer westlichen Versicherungsanstalt ein Versuch mit einer R e n t e n st e l l e gemacht werde. Es fei nicht unmöglich, daß man später auf den Plan der obligatorischen Rentenstellen von feiten der Reichsbehörden znrückgreifen werde und infolgedessen sei es von hohem Interesse, wenn nach dieser Richtung hin ausreichende Erfahrungen vorlägen. Ter Vorstand der rwndes-Ver- sicherungs-Änimlt Hessen-Raisau hat dieser Anregung folget für die Kreise Ober- und Unterwestertvald und Westerburg eine Rentenstelle mit dem Sitze in Montabaur errichtet. ♦ Getreidebau oder Viehzucht in Südafrika? Zu dieser, aua) für unser Schuogebiet Südwestafrika wichtigen Frage schreibt ein Londoner Korrespondent: Oberst Owen Thomas, ein angesehener englischer Landwirt, der zwei Jahre in den verschiebenen Teilen Südafrikas zu- brachte, um die dortigen landwirtschaftlichen Verhältnisse zu ftubieren, hat seine Beobachtung in einem Buche zusammengefaßt, in dem er die Aussichten erörtert, die sich der Landwirtschaft und der Viehzucht in Südafrika bieten. Sein Urteil hinsichtlich des Getreidebaues lautet k ei neswegs günstig. Ter süd- afrikanische Farmer, so erklärt Oberst Thomas, ist gehindert durch ungebührlich hohe Bodenprcise, armen und schnell erschöpften Boden, große Temperaturschwankungen unzuverlässige und ungeschulte Aroeitslräfte, durch kostspieligen Transport, Dürre, Heuschrecken und Viehkrankheiten. Unter solchen Umständen ist es nicht möglich, den Ackerbau in großem Maß stabe erfolgreich zu betreiben;, er wird sich vielmehr nur als Hilfsgewerbe bezahlt machen. Daran, daß Südafrika jemals aus dem Getreide einen Stapelartikel machen könne, ist g a r n i ch t z u d e n k e n, da b~r Weizen in Argentinien und Kanada weit billiger erzeugt lvird , cus in Südafrlla. Selbst loenn Südafrika int stände wäre, die 2-,2 Mill. Lstrl. Cerealien, die cs gegenwärtig importiert, daheim zu produzieren, so wäre es nach Ansicht unseres Gewährsmannes immer noch ein Fehler, dies zu tun, da der Boom Süd- 11 hihihi H |—||||| | ——MUM cper gling. Kriminal-Roman von O. Elster. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Damals ging's uns noch leidlich. Ich hatte auf dem Rennen gute Geschäfte gemacht. Dennoch drohte mir das Verderben, ich sollte einen Wechsel bezahlen ... ich konnte es nicht. . . der, Gläubiger war unerbittlich . . . und wenn der Wechsel zur Cm- klage kam, war mir das Zuchthaus gewiß." „O mein Gott!" L f ,/pa, Anna, ich hatte eine Unterschrift unter dem Wechiel iic unglückliche Fraü schlug die Hände vor das Gesicht. Aber Kaminski fuhr mit einer gewissen Selbsiverachtung und selbstquälerischer Schadenfreude fort: „Ich war ein elender Kerl .... ein Feigling . . . ich wollte nichv ins Zuchtbaus . . . erinnerst Tn Dich noch, daß ich Dich allein nach Berlin zurück- sahren ließ? Ich hatte noch ein Geschäft abzuwickeln, bei dem ich niemanden gebrauchen konnte. Ich wollte den falschen Wechsel wieder haben, toste es, was cs wolle. . . und es kostete mich meine Seligkeit..." Keuchend hielt er inne. Eine unheimliche Stille trat ent. Da klopfte cs an die Zimmertnr. Anna fnyr empor. Als fte die Tür öffnete, standen der Justizrat und Ferdinand Groller vor ihr. „ ~ 15. Kapitel. „Guten Tag, Frau von Kami.iski", sagte der J^ustizrat freundlich , Ich sehe, Sie haben wieder geweint, ^ie sollten sich " h habe, wie ich es Ihnen versprach, elt, und ich denke, er wird meinen s wäre eine Wohltat für meinen armen Mann." wirklich nicht aufregen. Z mit Ihrem Vater verhano Gründen zugängliclf fein." „Ach, Herr Juftizro- da „Sie denken nur an Ihren Mann, vbgleict) er's eigentlich nicht verdient. Doch das ist nicht meine -Lache. Ich möchte Ihnen helfen, Ihrem Manne ist nicht mehr zu helfen." „Ach Gott —" „Mit wem sprichst Tu ba, Anna?" rief der Kranke von seinem Bette her mit heiserer Stimme. „Ist es der Justizrat?<' „Jawohl, Herr von Kaminski", entgegnete dieser, in das Zimmer tretend. „Ich bin es und da bringe ich Ihnen den Herrn Groller." Der Kranke zuckte zusammen. Tann sah er Ferdinand mit finsterem Blick an und sagte: „Was will Der Herr?" „Sie scheinen vergessen zu haben, mein Bester", antwortete der Justizrat, „daß Sie Herrn Groller eine Gescksichte erzählen wollten." „Dummes Zeug! Ich habe nichts zu erzählen. . ." „Warten Sie einmal, Freundchen", sagte der Justizrat leise. „Gehört diese Brieftasan: Ihnen? — Ja — sie ist wenigstens bei Ihnen gefunden. Nun haben Sie mir versprochen, diesem Herrn, der der Bruder und Erbe des verstorbenen Herrn Franz Groller ist, zu erzählen, wie Sie zu dieser Brieftasche gekommen sind. Wollen Sie nun Ihr Versprechen einlösen oder soll ich die Brieftosche dem Gericht übergeben?" T«r tftanfe streckte die Hand aus. „Schicken Sie die Frau fort", flüsterte er. „Frau von Kaminski", luanbte sich der Justizrat an die abseits stehende Anna, „wollen Sie die Güte haben, uns eine W^ile allein zu lassen? Wir haben mit ihm geschäftlich zu reden . . . aber seien Sie unbesorgt, ich führe nichts Böses int Schilde. Ich bitte Sie, gehen Sie. . ." „Ja, geh!" rief der Lbrauke. Mit gebeugtem Haupt entfernte sich die arme Frau, bie auch jetzt noch nicht die Mraft gewonnen hatte, sieh dem Willen ihres Mannes zu widersetzen. (Fortsetzung folgt.) — Aus Hannover wird uns gesa-rieben. Zn Ä,nwesen- heit des Exleutnants B i l s e fand hier im Residenztheater die Erstaufjuhrung seines Dramas „Fallobst" ftatt, eines jammervollen Machwerks, dessen Autorschaft keinem normalen Ter- tiaiur zuzutrauen wäre. Rachdem das Publikum ieme Neugierde befriedigt hatte, den „Helden und Märtyrer" Bilse in seiner Garv ouph:, iiognomie lebhaft zu bewundern, war es doch so vernünftig, das gemeine Jöert auszülachen. A. B. — Der neue „Sudermann". Hermann Sudermann hat vor kurzem die erste ^Niederschrift eines neuen Schau- fp i el s vollendet, das in der Gegenwart spielt und einen ethischen Stoff behandelt. Tas Schauspiel wird seine erste Aufführung im Berliner.Lessing-Theater linbcn, es ist aber noch ungewiß, ob in dieser ober erjt in der nächsten Spielzeit. — Im Insel-Verlag zu Leipzig beginnt demnächst eine Grotzherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe Deut- s d) er Klassiker zu erscheinen, herausgeg. im Auftrage von Alfred Walter Heymel in Bremen, unter Beirat von Bernhard Suphau^ in Weimar für den Text und Oberleitung, von Harry Gras Keßler und Emerh Walker für bie Ausstattung. Jeder Band wird ca. 700 Seiten stark und ist einzeln käuflich. Zunächst erscheinen: Goethes sämtliche. Werke vollltändig in 8 bis 10 Bänden. Romane und Novellen ^vollstäitdig in 2 Banden) 1. Band. Herausgeg. von Hans GerlM'd Gräf. Preis für den Band in Leinen geb. 4 Mk. — Schillers sämtliche Werke vollständig in ca. 1 Bänden. Trauten ^vollständig in 2 Bänden). Herausgeg. von Max Hecker. Preis für den Band in Leinen geb. 4 Mark. — Im Januar: Schopenhauers sämtliche Werte. Herausgeg. von Eduard Grisebach. Vollständig in drei Toppcibänden zu 90 Bogen Umfang. Preis für den Doppelband in Leinen geb. 5.50 Mi. Zunächst erscheint: Die Welt als Wilke und Vorstellung. Vorgesehen sind außerdem vorläufig: Ausgaben von Brentano, E > d) > n b o r f f, Körner, Lessing, Herder in Auswahl. W i e la n d in Auswahl, Winkel ma nn in Auswahl, Mörile und anderen. afrikaS weit tnefir Gewinn abwirst, wenn er für die Viehzucht oder für die Er^euauna von HandelSgewächsen benutzt wird. Tie beiden letzten ErwcrbSzweige sind im fhinbc, 10—20 Prozent einzubrinqen. ivährenb txrSsclbe Land und Kapital, für Getreide- bmt vern'andt. fick mir mit 2—3 Prozent verzinsen würde. Was die Kultur von >?andelsctew.tcksen anlanqt, so empfiehlt Oberst Thomas insonderbeit den Anbau von Obst, wofür die Verhältnisse am Kap äußerst aünstia sind, sowie die Kultur von Tabak, Baum wolle und verschiedenen anderen subtropischen Pflanzen. In diesen Spezialitäten bat Südafrika zweifellos eine Zukunft. Tvcb seine Stärke wird außer der G e l d q c w i n n u n a nach wie vor die Viehzucht sein. Oberst Tbomas erackstel die vorhandenen Rindmorten für qnt und dem Feld vollkommen angepaßt: qleichwobl empfiehlt er die Variierung und noch größere Vervollkommnung der einheimischen Rassen durch Einführung fremder Rassen. Vor allem über fordert er die Negierung aus. strenge veterinäre Maßregeln zlvecks Ausrottung der zahlreichen Viebkraukbeiten zu treffen, die sich während der letzten zwanzig Jahre in Südafrika eingebürgert haben. Rbodesia. dessen Oberst Thomas sehr lobend gedenkt, und das er als den besten Ansied- lungSdistrikt fi'rr Farmer bezeichnet, ist mit dem Erlaß solcher zwangsweisen Schutzmaßreg«'ln bereits vorangegangen..Tas übrige Südafrika wird dem Beispiel Rhodesias folgen müssen, zumal wenn es sich außer der Rinderzucht auch noch der ^Pferdezucht zuwendcn will, wofür gleichfalls die Bedingungen günstig sind. Von der Besiedelungspolitik, die die englische Regierung in Transvaal und dem Oraniestrrat inauguriert hat, verspricht sich Oberst ThomaS nickt viel, da der gute Boden bereits von den Buren in Besitz genommen ist, und für den britischen Farmer nur die schlechten Reste übrig geblieben find, bi' wenig ertragreich sind und sich nun gar für den Getreidebau überhaupt nicht eignen. ♦ Das deutsche Schlachtvieh. Mit der im „Reich-kanz." kürzlich veröffentlichten Sta» tistik über die der Schlachtvieh- und Fleischbeschau während des Vierteljahres von Anfang Juli bis Ende September unterworfenen Stücke Vieh wird der Anfang zur Ermög- licknmg periodischer llcberblicke über sämtliches in Deutsch landgeschlachtete Vieh gemacht. Das jüngst im „Reichsanz." veröffentlichte Material, bezog sich zwar nur auf Preußen. Man wird aber wohl in der Annahme nicht fehl gehen, daß ähnlich wie in Preußen, auch in anderen Bundesstaaten die Zusamntenstellnngen der Beschau-Ergebnisse vorgenommen werden und daß es sich demnach ermöglichen lassen wird, die Uebersicht über das ganze Reichsgebiet zu gewinnen. Mit den der Schlachtviehs und Fleischbeschau unterworfenen Stücken .Vieh ist allerdings noch nicht das überhaupt geschlachtete Vieh erfaßt. Es fehlen in einer solchen Statistik alle jene Tiere, die dieser Beschau nicht unterworfen sind, also in erster Linie die meisten Hausschlachtungen, lieber diese wird sich die Statistik in so fortlaufender Art wie über die anderen Schlachtungen nicht führen lassen. Jedoch ist schon dafür gesorgt, daß man in längeren Zeiträumen auch hierüber einen genauen Aufschluß erhält. Wie bekannt, wird mit der nächsten Viehzählung auch eine solche der Hausschlachtungen verbunden sein und man wird wohl ohne weiteres voraussetzen dürfen, daß die folgenden Viehzählungen überhaupt nicht mehr ohne die Lösung dieser Nebenaufgabe vor- genommen werden sollen. Man wird also nächstens in längeren Zeiträumen ganz genau über die in Deutschland erfolgten Schlachtungen bei den einzelnen Viehkategorien unterrichtet werden und über die Schlachtungen in kürzeren Zeiträumen wird man sich auf Grund von Schätzungen annähernde Zahlen verschaffen können. Damit wird man Aufschlüsse nach den verschiedensten Richtungen erhalten. Haupt- sächlich werden danach über die Ernährung der Bevölkerung mit Fleisch feste Anhaltspunkte gewonnen werden, die Landwirtschaft wird sich über die Entwicklung in einem ihrer wichtigsten Produktionsgebiete von Zeit zu Zeit mehr oder wertiger genau unterrichten können, die Lederindustrie und der Häutehandel, die bisher über den Verbrauch von Häuten und Fellen in Teutschland lediglich durch die Ein- und Ausfuhrzahlen lückenhaft unterrichtet wurden, werden genaue Aufschlüsse über das im Jnlande fehlende Häute- und Fellmaterial erhalten u. a. m. 5>tr AuMand in Aenlsch-Südwestafrika. Berlin, 14. Nov. General v. Trotha meldet aus Windhuk: Ein Pionicrzug der dritten Ersatzkompanie, Leutnant Effnert mit 50 Mann, erreichte am 2. Nov. Bethanien, sodaß dort 70 Gewehre sind. — Die.N ordbethanier sind ab gefallen. Sie griffen am 24. Nov. eine Patrouille von 5 Mann bei Kunjas an. 4 Mann sind gefallen, nur einer ist gerettet. Die Bersehger- und Veldschoendrager- Hottentotten waren bis zum 26. Okt. noch treu. Gerüchte, betreffend den Abfall eines Teiles derselben laufen jedoch um Nach einer Meldung aus Bethanien vom 2. Nov. plünderte Morenga am 25. Oktober die Farm HeinabiS südlich von Keetmannshoop. — Nach dem Eintreffen der Pferde von Kapstadt sind marschbereit bei Kubub etwa am 23. November: Ein Jnfanteriezug der dritten Ersatzkompanie, ein Zug der Eifenbahnkompanie im ganzen 100 Gewehre und am 28. Nov. die zweite Gebirgsbatterie. London, 14. Nov. Um bei der Bekämpfung des Ausstandes in Südwestafrika mitzuwirken, sind 130 Buren von Johannesburg nach Kapstadt abgereist, von wo sie sich nach dem Tamaraland begeben wollten. Die int Süden des deutschen Schutzgebietes bereits angesiedelten Buren kämpfen seit Beginn' des Hottentottenaufstandes auf deutscher Seite, einige sind gefallen, andere wurden von den Eingeborenen ermordet. 3>ie Tätigkeit des laudu>ir1sH«fMcheu Vereins für Höeröeffen 1903/04. Tiefer Bericht soll sich lediglich beschäftigen mit der Tätigteit innerhalb des Vereins. Ueber die Gesamtlage der Landwirtschaft in der Provinz -Oberhessen gibt nur der Bericht Ausschluß, der periodisch etwa alle fünf Jahre erscheint und den seinerzeit zu versassen sich der Präsident Vorbehalt. Die Vereinsorganis ation ist im allgemeinen die alte geblieben. Das Präsidium besteht aus dem 1. Präsidenten Oekonomierat Sch lenke, dem Bicepräsidenten Kreisrat Tr. Wallau, dem Vereinssekretär Oekonomierat Leithiger. Ter Provinzialausschuß setzt sich zusammen aus 63 Mitgliedern, die durch die Bezirksvereine gewählt worden sind, und aus 8 Mitgliedern, die als Referenten in den Ausschuß berufen wurden. Mit Tode gingen ab int Berichtsjahre zwei langjährige Ausschußmitglieder, die Herren Heinrich Rnppel-Kloppen- heim und Oberverwalter Beilstein-Laubach. Beide Herren waren besonders tüchtige Tierkenner und haben dm Verem in seinen Bestrebungen zur Hebung der Rind- vühzucbt jederzeit tüchtig unterstützt. Der Verein bewahrt ihnen auch deshalb ein treues und ehrendes Andenken. Tr- Ausschuß hielt im Berichtsjahre drei Sitzungen ab, ent 8. Oktober 1903, 21. Januar 1901 und 24. Mär- Der Provinzialverein gliedert sich in 6 Bezirksvereine, von denen der in Msseld 386, Büdingen 531, Friedberg 547, Gießen 476, Lauterbach 475, Schotten 200 Mitglieder zählt. Mit einer Anzahl auswärtiger Mitglieder zählt der Provinzialverein 2603 Mitglieder, das bedeutet einen Nettozugang von 12 Mitgliedern. Neben diesen Bezirksvereinen zählt der Provinzialvcrcin noch angeschlossene und anerkannte Vereine, das sipd 7Be- zirkSzuchtvereine mit 93 Lokalvereinen, 6 Sch weine zucht- vercine, 5 KreiSziegenznchtvereine mit 4 OrtSziegenzucht- vereinen, 9 Geflügelzuchtvereinen, einen Provinzialobstbau- verein und 6 Sektionen und einer großen Anzahl von Orts- vereinen. DaS Rcchnungswesctt wird in zwei Teilen geführt. Jin ersten Teil Finninett die eigenen Mittel, im zweiten Teil die Staatszuschüsse zur Verrechnung. Der Staatszuschuß teilt sich aus 87 960 Mk.; davon sind bestimint zur Hebung der Viehzucht, des Obst- und Gemüsebaues 73 960 Mk., zur Unterhaltung der Molkereischnle in Lauterbach 6000 Mk., für allgemeine Vereinszwecke 8000 Mk. DaS landwirtschaftliche U n t e r r i ch t s w c s c n nimmt einen erfreulichen Aufschwung. Unsere kleinen Landwirte ehen immer mehr ein, daß ihre. Jungen noch etwas dazu einen müssen, wenn sie einsichtig ihren kleinen landwirt- chaftlichen Betrieben einmal mit Erfolg vorstehen sollen. Unsere Ackerbauschulen wurden längst überfüllt sein, wenn unsere Bauern ihre Söhne in der Wirtschaft mir besser entbehren könnten. Ersatz durch Dienstboten ist heute kaum möglich. Tic intensivere Fütterung des zunehinenden Rind- viehstandes erfordert auch im Winter viel mehr Arbeit, als in früherer Zeit und nimmt die wenigen Hände vollauf in Anspruch. Tie landwirtschaftliche Wintcrschiile in Friedberg wurde besucht von 64 Schülern, die in AlSfcld von 36, die in Büdingen von 21, die in Lauterbach von 18, die .Haushaltungsschule für Mädchen in Lind heim von 40 Schülern. Tie Förderung des landwirtschaftlichen Betriebes gc- 'chah in erster Linie durch zahlreiche Meliorationen einschließlich der F e l d b e r c i ni gung. Tje beiden Feld- 5ereinignngskvmmissärc mit ihrem Beamtenapparat haben ihren Sitz in Friedberg und Büdingen. Mit der Fcldberei- nignng wurde begonnen: int Kreise Büdingen mit Ran- tadt, 'Borsdorf, Mittelgründan, .Harbwald, Unterwidders- icün, Obcrmockstadt, OberwidderShcim. Kreis Friedberg: Fauerbach v. d. Höhe und Hochweisel. Kreis Gießen: Bellersheim, Feldhcim, Inheiden, Utpl)e. Kreis Lauterbach: Wernges. Beendet wurden die Feldbereinigungen: Kreis Bü- )ingen: Büches, Aulendiebach a. d. H. und Unterdiebach, Lehrbach, Rohrbach und .Himbach. KreiS Friedberg: Obcr- lorstadl Kreis Gießen: Bettenhausen, Taubringcn 3. Feld, Gießen rechts der Lahn. Kreis Lauterbach: Reuters. In Verbindung mit diesen Feldbercinigungcn wurden Ent- und Bewässerungen im großen Umfang vorgenommen. Tie Wasserregulierung in Aeckern und Wiesen st die Grundlage aller rationellen Bodenwirtschaft. Be- ondcrs erscheint sie notwendig und ist aller Hilfe Anfang im Vogelsberg. Tie Meliorationsarbeiten nehmen besonders auch im Vogelsberg fortgesetzt zu. Tie Vorteile sind so in die Augen jpringend, daß sie auch das blödeste Auge nicht mehr übersehen kann. Tadurch werden auch die Trägsten angeregt, etwas zu tun zur Förderung der Meliorationen in ihrer Gemarkung. Im Berichtsjahre wurden ausgesuhrt ^Meliorationen aus wüsten mit FelSblöckcn übersäten Flächen im Kreise Lauterbach in Bermuthshain, Nösberts und Salz. Im Kreise Schotten in Hartmannshain und Schotten. In den Gemeinden Eichenrod uni) Volkartshain wurden die früher meliorierten Flächen zu Viehweiden eingerichtet, d. h. die Flächen wurden in eingezäunte Weideschläge eingeteilt und diese nach und nach besonders mit Jungrindern besetzt, sodaß in solchen Gemarkilngen die Einzelheit immer mehr beschränkt wird und damit die Hütekinder im Vogelsberg immer mehr eine Rarität werden. Weitere Meliorationen in Siechenhausen und Burkhards int Kreise Schotten konnten teils wegen Arbeitermangel, teils durch diesen hervorgerufen, zu hohe Forderungen für die Ausführungsarbeiten nicht ausgesuhrt werden. Auch in Bermuthshain und Hartmannsh-ain konnten Arbeiten nur in beschränktem Maße Dor genommen werden, da dort Arbeitermangel herrscht infolge des Bahnbaues. 1903/04 wurden daher nur ausgeführt Meliorationen auf 18.91 Bektar, die Kosten betrugen im Mittel 251 Mk. pr. Hckt., neue iehweiden wurden eingerichtet auf 19.85 Hekt.; die Kosten betrugen im Mittel 131 Mk. pr. Hekt. — Eichenrod hat bis jetzt im ganzen 23 Hekt. Jungviehweiden, auf denen das vielfache an Futter wächst, als früher. Dabei ist die Qualität des Futters durch die Meliorationen und durch rationelle Düngung so gehoben, daß die Tiere jetzt eine reich-- liche Nahrung finden, reichlicher als früher auf der vielleicht zehnfach größeren Weidefläche. Im Acker - und Pflanzenbau sind die früheren Arbeiten zur Hebung desselben fortgesetzt und neue Arbeiten in Angriff genommen. Unter der Oberleitung der landwirtschaftlichen Versuchsstation Darmstadt waren in allen Kreisen der Provinz auf Aeckern und Wiesen Felddüngungsversuche eingeleitet, die leider zum Teil nicht fortgesetzt werden konnten und keine Resultate ergaben, durch die zahlreichen Mißverständnisse und Unterlassungssünden der unter der Oberleitung stehenden Wersuchsleiter. Die von dem früheren Professor Albert eingeleiteten Sortenanbauversuche wurden im Berichtsjahre zur Ausführung gebracht auf Versuchsfeldern in Friedberg und Alsfeld. Professor Tr. Gisevius als Nachfolger des Professors Albert hat in sehr dankenswerter und sehr energischer Weise die Versuchsarbeit fortgesetzt und insbesondere die Sortenanbauversuche auch auf die anderen landwirtschaftlichen Kulturpflanzen ausgedehnt. Tiefe Arbeiten find schon im Geschäftsjahre 1904/05 außerordentlich ausgedehnt. Saatbaustellen in der ganzen Provinz sind errichtet für svrtenächtes Saatgut, sodaß die Landwirte Hessens in der Lage sind, im Lande selbst sortencichtes Saatgut, das geeignet ist, die Produktion wesentlich zu heben, zu beziehen. Hiervon wurde schon in diesem Jahre in großem Maßstabe Gebrauch gemacht, nachdem die nach der Aehrenenlwicklung begutachteten und angetörten mit Körnerfrüchten bedeckten Flächen und deren Inhaber bekannt gegeben waren. Die Organisation dieser Saatgutstellen im ganzen Lande ruht in den Händen des hessischen Landwirtschaftsrates, der sich dadurch ein großes Verdienst um die Hebung der Pflanzenproduktion erworben hat. Der Futter- und Wiesenbau hat sich durch die wachsende Erkenntnis der ausgezeichneten Wirkung der uns zur Verfügung stehenden mineralischen Dünger außerordentlich gehoben. Wesentlich dazu hat auch beigetragen, daß unser einheimisches Vieh dank der Grenzsperren von verheerenden Seuchen seit mehreren Jahren verschont blieb. Die Landwirte haben wieder den Mut gefunden, ihre Viehbestände zu ergänzen und zu vermehren dur ch rationelle Aufzurcht. Nicht allein die Zahl der Tiere, sondern das Gewicht der einzelnen Tiere und die Qualität der Tiere hat sich gehoben. Das danken wir dem verbesserten Futterbau und der Hebung der Rasse unserer landwirtschaftliches Nutzticre. In der Provinz will inan gute- Milchtiere züchtetij und viel Milch gewinnen. Die Produktion von Milch steigert ich von Jähr zu Jahr, 18 Genossenschaftsmolkereien Oberhessens verarbeiteten irrt Berichtsjahre 27V2 Millionen Liter Milch. Die Landwirte erlösten für diese Milch 3 Millionenj Mark. Ströme von Milch werden der Stadt Gießen und insbesondere der Stadt Frankfurt und seiner Umgebung zngcsührt und weitere Mengen zur Aufzucht von Jungtieren und im eigenen Haushalt verbraucht. Die Rindvieh- zucht mußte schon deshalb einen immer größeren Umfang annchmen, weil die Kühe, welche die ungeheuren Milchmengen liefern sollen, im Ankauf immer teurer werden und'kaum noch in guter Qualität zu beschaffen sind. Aus der norddeutschen Tiefebene bis zur russischen Grenze suchen die Händler das Milchvieh herbeiznschaffen, um es den Märkten und insbesondere dem Gießener Milchviehmarkt zuzufi'ihren. Tas Risiko, welches mit dem Ankauf dieser weit gereisten Tiere verbunden ist, veranlaßt gerade unsere kleineren Landwirte, mehr und mehr den eigenenj Bedarf im eigenen Stalle zu züchten und lieber weniger Milch zu verkaufen. Auch diese Tatsache tragt zur Steigerung unserer Viehbestände bei. Schon seit betrtf Jahre 1873 hat sich der Rindviehbestand bis zum Jahre 1890 in Oberhessen gehoben um 34.4 Prozent, dem Werte nach ist der Rindvichbcstand in jener Zeit gestiegen umj 63.8 Prozent. Wenn vorübergehend durch eingeschleppte Seuchen in die Viehbestände große Lücken gerissen wurden, o haben sich diese Lücken wieder geschlossen in den letzten euchefreien Jahren. Die Gesamtproduktion aus der Rindviehhaltung betrug in den letzten Jahresdurchschnitten ca. 26 Millionen Mark. — Die Zahl der Herdbuchtiere Simmentaler Rasse stieg im Berichtsjahre auf 7763 Stück, die der Vogelsberger Nasse auf rund 3000 Stück. Von ersterer! Nasse entfallen auf den Kreis Alsfeld 1020, auf Büdingen 1129, Friedberg 857, (besten 670. Auf die Vogelsberger entfallen auf den Kreis Gießen 778, auf Schotten 964. Neu aufgenommen wurden in das Herdbuch: an Simmen- talcrn 1100 Stück, an Vogelsbergern 240 Stück. Durch den neuangestellten Zuchtverwalter ist es dem Tierzuchtinspektor müglickx, in stetiger Fühlung mit den Züchtern zu bleiben. Die Revision der Herdbuchtiere ift gesichert und auf die Aufnahme des Jungviehes konnte eine ausgiebigere und ordnungsmäßigere Arbeit verwendet werden. Jin Berichtsjahre wurden ausgenommen 1106 Stück Jungvieh. Ter Kreis Msseld zahlt für die Zucht der Simmentaler 5 Ortsvereine, Lauterbach 10, Friedberg 25, Büdingen 27, Gießen 4. Ter Kreis Gießen für Vogelsberger 10 Ortsvereine, Schotten 12 Ortsvereine. An Bullenstaticmen für Simmentaler befinden sich im Kreise Lauterbach: in Angersbach, Maar, Niedermoos. IM Kreise Alsfeld: Angenrod, Windhausen, Otterbach. Gießen: Oberhörgern und Langsdorf. Friedberg: Melbach, Reichelsheim, Rodheim v. d. Höhe, Niederweisel. Büdingen: We- ningS, Tauernheim, Bleichenbach. Den mit eingeführten Simmentaler Bullen bester Qualität besetzten Stationen sollen nur Herdbuchtiere zugeführt werden. Man züchtet weniger auf äußere Formen, sondern auf Milchergiebigkeit. .Hoffentlich führen diese Bestrebungen zum Ziel. Zur Hebung der einheimischen Rasse, der Vogelsberger, errichtete man in der Provinz Zucht? viehhöfe, um in diesen bestes Vogelsberger Zuchtmaterial heranznziehen und es insbesondere den Gemeinden! der Provinz zur Verfügung zu stellen. Es bestehen heute drei Zuchtviehhöfe, die die Anforderungen erfüllen. Es bleibt bedauerlich, daß so viele Gemeinden der einheimischen Rasse untren werden und sich der Simmentaler Zucht zuwenden, ohne vielleicht genügend zu berücksichtigen, daß es ihnen nicht gelingen kann, das, entsprechende Simmentaler Rind ausreichend zu ernähren. Die Züchter des Simmenthaler Rindes bedürfen noch auf viele Jahre hinaus der (Einfuhr besten Zuchtmaterials aus der Schweiz, um die Rindviehbestände zu immer fortschreitender Entwickelung zu bringen. Die Erwerbimgskosten sind nicht allzu hoch. Im Durchschnitt stellt sich für die Gemeinden ein importierter Bulle auf 826 Mk. Bei der vorzüglichen Pflege entwickeln sich diese Tiere bei uns so günstig, daß an jeder Einkaussfumme beim späteren Verkauf als Schlachttier die Gemeinde keine wesentliche Einbuße erleidet. Im Berichtsjahre betrugen die gesamten Einsichrkosien für den Provinzial- verein 3792.45 Mk. Die Aufwendungen für die Beschaffung guter Gemeinde bullen der Vogelsberger Rasse betrugen 1437 Mk., da der Provinzialverein 20 Proz. der Ankauss- fumnte trug, während bei den Simmenthaler Bullen 15 Proz. der Ankaufssumme übernommen wurden. Die Geschäftsstelle des Provinztalvereins hat in Alsfeld eine Vermittelungsstelle für den An- und Verkauf von Zuchtvieh errichtet. 143 Simmenthaler und 41 Vogelsberger Zuchttiere wurden den Käufern nachgewiesen und der Ankauf vermittelt. Ebenso vermittelte diese Stelle den Ankauf von 42 Zuchtschweinen und 40 Ziegen. Der Provinzialverein hat vier vollständig eingerichtete Jung Viehweiden geschaffen. Der Tiergarten bei Hungen nimmt vorherrschend Fohlen auf und war int Berichtsjahr mit 66 Fohlen und 11 Rindern^bcseht. Die Weide in Wer- nings mit 64 Rindern und 10 Fohlen, die in Zell mit 56 Rindern und die in Lauterbach mit 70 Rindern- Die Ge- meindcjungviehweiden bei Volkartshain werden von 145, die m Eichcnrod von 123, in Hörgenau von 56, Crainfeld von 50 und die in Steinfurth von 66 Stück Jungrindern begangen. In diesen Gemeinden ist durch die Einrichtung der meliorierten und eingezäunten Weiden die Einzelhut nahezu abgeschafft und damit das Institut der Hütekinder, das oft viel zu scharf beurteilt und verurteilt wurde, zurückgedrängt. Auch der Schweinezucht wurde im Berichtsjahre die größte Aufmerksamkeit geschenkt. In der Provinz wird fast allgemein das frühreife deutsche Edelschwein gezüchtet, das viel mageres Fleisch und verhältnismäßig wenig Fett bei der Abschlachtung zeigt. Schon mit 6—8 Monaten erreichen die Tiere bei geeigneter Haltung ein Gewicht von 150 bis 200 Pfund. Solche Tiere sind von den Metzgern besonders in der warmen Jahreszeit sehr begehrt und werden besonders gut bezahlt. — Schweinezuchtvereine, die es sich zur Aufgabe machen, das deutsche Edelschwein rein zu züchten und die ihr Geschäft zu machen hoffen, befinden sich in Langgöns, Windhausen, Großfelda, Strebendorf, Eudorf, Burggemünden. Die Zucht milchreich er Ziegen^ zu denen in erster Linie die weiße hornlose Ziege des Berner Oberlandes ge- qvrr, wurde eifrig fortgesetzt. ES bestehen unter vortrefflicher Leitung Kreisziegenzuchtvereine in Alsfeld, Lauterbach und Friedberg, Ziegenzuchtvereine in Gießen, Wieseck, Lich, Langsdorf, Büdingen und Schotten. In Lauterbach ist int Anschluß an die Rinderjungviehweide eine Ziegenzuchtstation errichtet, in der Zuchtmaterial für die Ziegenhalter der Provinz herangezüchtet wird. Man hofft dadurch Zuchtmaterial zu gewinnen, das, an Boden und Klima gewöhnt, sich widerstandsfähiger erweist, als das importierte Material. Auch für die Stadtgemarkung Gießen ist eine solche Ziegenzuchtstation geplant. Hoffentlich wird der Stadtvorstand dem Vorhaben sein Interesse zuwenden, zum Segen der zahlreichen kleinen »Familien in der Stadt und deren Umgebung, für deren Wohlergehen eine milchreiche Ziege so viel beiträgt. Die Geflügelzucht wird in zahlreichen Vereinen gepflegt. Kann auch in unseren enggebauten Dörfern die Zahl der nützlichen Hausgeflügelarten nicht wesentlich vermehrt werden, so kommt es darauf an, Russen einzuführen, die in Bezug auf Eiecpcoduktion mehr leisten als die oft noch vorhandenen, durch Inzucht verdorbenen Hühnervölker. Auch in den Geflügelzuchlvereinen hat man Zuchtstationen für rassereines Geflügel geschaffen, von diesen werden Eier zu Brutzwecken abgegeben und so erreicht, daß mit verhältnismäßig geringen Kosten es jedermann ermöglicht wird, seinen Hühnerhof rentaber zu gestalten. Im Berichtsjahre wurden von diesen Geflügel-Zuchtstationen 13 280 Stück Hühnereier, 1434 Stück Enteneier, 121 Gänseeiec abgegeben. Der Obstbauverein für die Provinz Oberhessen in Friedberg, verbunden mit der staatlichen Obstbauschule daselbst, zählt über 5000 Mitglieder. Die Herren, die an der Spitze desselben stehen, haben es verstanden, alle Kreise in der Provinz für den rationellen Obstbaii zu gewinnen, ihr Interesse zu wecken und in der Obstbaupflege immer größere Erfolge zu erzielen. Der Direktor Dr. v. Peter in Friedberg hat einen Bericht verfaßt: Rückblicke auf 15 Jahre seit dem Bestehen des Oberhessischen Obstbauvereins, der Interessenten allen Aufschluß giebt über den Fortschritt des oberhesstschen Obstbaues. Der Bericht ist zu finden in der Zeitschrift für die landwirtschaftlichen Vereine des Großherzogtunts. Dieser Bericht ist ausführlich geworden und doch noch lange nicht ausführlich genug. Die unablässige Arbeit aus allen Gebieten des landwirtschaftlichen Betriebes konnte nur mehr angedeutet, als geschildert werden. Dank gebührt allen denen, die durch selbstlose Arbeit mitgewirkt haben, auch tnt Berichtsjahre 1903/04 das landwirtschaftliche Gewerbe in unserer Provinz zu fördern, zu heben. Ans Siadt und Lafld. Gießen, den 15. November 1904. ** Provinzial-Ausschuß-Sitzung. Am 16. l. Mts., vormittags 9 Uhr, findet eine Sitzung des Provinzial-Aus- schilsses mit folgender Tagesordnung statt. 1. Gesuch des Wilhelm Schneider zu Gießen um Erteiliing der Erlaubnis zur Ausdehnung seines Wirtschastsbetriebs im Hause Walltor- straße 24 dahier. 2. Gesuch des Hiigo Ramspeck zu Alsfeld um Erteilung der Konzession zum Betrieb einer Schankwirt- schaft. 3. Gesuch des Ernst Reuter zu Nidda um Erlaubnis zur Errichtung einer Dampfkesselanlage, sowie einer Steinklopsmaschine, eines GeleisanschlusseS und Abladeplatzes zu Ober-Widdersheint. ** Französische Vorträge. Lektor Goetschy hat /einen für morgen vorgesehenen ersten Vortrag um 8 Tage verschoben, da morgen, Mittwoch, ein Vortrag der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde angesagt ist. Lektor Goetschy wird über E. Bri eux, den berühmten Verfasser ber „Robe rouge6, sprechen und zwar mit besonderer Rücksicht auf dessen Erstlingswerk „Blanchette“, welches das tragische Schicksal der Lehrerin unserer Zeit darstellt. ** Kälte. Heute früh zeigte das Thermometer den höchsten Kältegrad, den wir bisher hatten, nämlich — 2 Grad R. Bäume und Dächer waren bereist, und die Wiesenflächen zeigten ebenfalls den gleichmäßigen iveißen Ueberzug, den der Frost darauf gehaucht hatte. ** Auch im Winter Schutz den Anlagen! Es ist eine bei den Besitzern von Hunden tveitverbreitete Ansicht, baß sie ihre Tiere im Winter aus den Grasplätzen und Beeten der Anlagen herum laufen lassen können, da Schaden hierdurch nicht verursacht werde. Eine derartige Unterstellung ist jedoch unzutreffend. Wie uns von fachniännischer Seite mitgeteilt wird, haben die von Hiinden besudelten Wurzeln der Bäume, Sträucher und sonstigen Gewächse bei Frostwetter derartig zu leiden, daß sie oft ganz eingehen. Es ist daher dringend geboten, and) im Winter dafür zu sorgen, daß die Hunde nicht in den Anlagen umherlaiisen dürfen. " Winterfest des Turnvereins. In Eröffnung der Wintervergnügungen feierte dec Turnverein Gießen, gegründet 1846, am SamSlag abend sein Winterfest, welches in allen Teilen glänzend verlausen ist. Die hiesige RegimentS-- musik unter persönlicher Leitung deS Musikdirektors Kraiiße brachte ein schönes, mit packenden Solls ausgestattetes Pro- gralnm zu Gehör, während Gesangsvorträge des Sängerchors des Turnvereins und ein flott gespielter Einakter: „Die Kraniche des Jbykns", sowie lebende Bilder, gestellt üoii Damen, den übrigen Teil des Abends aiisfüllten. Der I. Sprecher des Vereins gedachte in warmen Worten der Verdienste des langjährigen Turnwarts Franz Wigandt und überreichte ihm zu seiner kürzlich stattgefundenen Ernennung zum Ehrenturnwart eine stattliche Ehrenurkunde. Der nach Bichlers Hardt am Sonntag nachmittag unternommene AuS- llug war ebenfalls stark besucht und verlief zur Zufriedenheit. -fi Sck)otten, 13. Nov. Hier bestand seither em Geflügelzuchtverein, der jedock) nicht weiter hervortrat. Die hiesigen Geflügelzüchter begrüßen es deshalb mit Freuden, daß fid) heute auf Anregung des Schlniedmelsters Appel aus Ulrichstein, Vorsitzender des dortigen Vereins, eine Sektioii des Oberhessischen Geflügelzuchtvereins bildete. Der jährliche Beitrag zur Kasse des HauptveremS (Sitz in Grünberg) beträgt 2 Mk., außerdem sollen 50 Pfg. zur Bestreitung der Sektionskosten erhoben werden. Wahrscheinlich findet im nächsten Jahre in Schotten eine GeflügelaiiSstellung statt. Frankfurt, 14. Nov. Die /Vollstreckungsgebühren" für jede der leiden Hinrichtungen in Preungesheim betragen 750 Mk. Der Scharfrichter Engelhardt, dec als ein „Mann mit freundlichen Gesichtszügen* geschildert wird, hat in diesem Jahr im Kulturstaat Preußen bereits 15 Enthauptungen vorgenommen. Er ist der Schwiegersohn und Nachfolger des Scharfrichters Neindel in Magdeburg. Bereits am Samstag mittag 12 Uhr 8 Min. reiste er von hier wieder ab. Er fuhr nach Breslau, wo seiner wieder Arbeit harrt. (Kl. Pr.) Zer Waubmord in KejOenöergen. Pfarrer Joseph Eberhard Thöbes stand im 61. Lebensjahre. Ec wurde im Jahre 1844 in Gernsheim a. Rh. geboren. Trotz seines Alters war er außerordentlich rüstig. Er strotzte förmlich von Gesundheit. Sein joviales Wesen und fern warmes Herz, das aus den freundlichen Augen leuchtete, machten ihn allgemein beliebt. Für.Jedermann, einerlei, welcher Konfession, arm oder reich, hatte er ein freundliches Wort. Besonders die Kinder hingen mit aufrichtiger Liebe an ihm. Der Pfarrer von Heldenbergen war ein seingebildeter, sehr musikalischer Mann, der außer seinen Berufspflichten viel wissenschaftliche Studien trieb. Für Architektur hatte er ein sehr reges Interesse. Die Friedberger Kirche und die Heldenbecgec Kirche renovierte er zum großen Teil auf eigene Kosten, rok er überhaupt dafür sorgte, daß gemeinnützige Arbeiten von den ortseingesessenen Handwerkern ausgeführt wurden. Bei dec Einführung des Klingelbeutels habe er mit scherzhaften Worten bemerkt: Ec wolle die Gemeinde nicht ausbeuten, und um das zu beweisen, verpflichtete er sich, alljährlich dieselbe Stimme wie die ganze Gemeinde zusamnien in den Klingelbeutel zu stiften. Sein Tagewerk begann auch im Winter um 6*/, Uhr. Er lebte einfach und mäßig. Gegen zehn Uhr legte sich der Pfarrer regelmäßig zu Bett, wo er noch lange las. Da er die Gewohnheit hatte, sich die Nase wund zu kratzen, ließ er sich die Aermel seiner Nachthemden vorn zunähen. So war dec starke Mann ivehrlos, als der Mörder über ihn kam. Das katholische Pfarrhaus in Heldcnbergen liegt direkt hinter der katholischen Kirche, von einer hohen Mauer umgeben, die Fenster im ersten Stock tragen Eisengitter. Bewohnt wird das Haus vom Pfarrer und seiner Haushälterin. Ersterer hatte sein Schlafzimmer parterre, letztere tnt ersten Stockwerk. Am Freitag abend weilten beide Bewohner in der Kirche und es wird nun von einer Seite angenommen, daß dec Tätec sich während dieser Zeit in das Pfarrhaus eingeschlichen, verborgen gehalten und dann einen günstigen Augenblick zur Ausführung der Tat abgewartet hat. Glaubhaft erscheint auch, daß dec Täter vom Garten aus durch das Abortfenster eingestiegen und dann in das Innere des Hauses gelangt ist. Nach Mitternacht vernahm die Haushälterin einen kurzen Ruf, legte demselben aber keine weitere Bedeutung bei, da dec Pfarrer an Beklemmungen litt und des öfteren nachts stöhnte. Morgens wurde der Pfarrer in seinem Bette ermordet ausgefunden. Zur Ausführung der Tat hat der Raubmörder sich ein in der Küche liegendes, dem Pfarrer selbst gehörendes kurzes Küchenmeffec ausgewählt. Ein ganz kurzer Kamps scheint vorausgegangen zu sein, ebenso sicher kann auch angenommen iverden, daß die Tat mit Vorbedacht ausgesührt worden ist. Der Psarrer schlief stets auf der rechten Gesichtsseite. In diesem Zustande des Schlafes erhielt er auch den ersten Stich in die linke Seite des Halses. Er wurde wach und schnellte auf, sodaß dec zweite ihm zugedachte Stich fehl ging und das Kopskisten, ein dritter Stich das Gesicht traf. Nun ivird ein kurzes Ringen stattgefunden haben, denn es konnte konstatiert werden, daß der Psarrer an dem Halse gewürgt worden ist. Der Mörder hat seinem Opfer den £>al§ zugeschnürt und ihm sein Messer einige Male in die Brust gestoßen. Ein in das Herz getroffener Stich war nach dem Sektionsbesunde tätlich. Mit den Fingern hat dann der Täter das Blut vom Messer abgestreist und das Mordinstrument auf die Kassette, welche ec ausraubte, gelegt. Die Polizei fahndet nach einem in den zwanziger Jahren stehenden Dresch maschine narb eit er, der seinerzeit einige Wochen in Heldenbergen arbeitete und nach längerer Abwesenheit am abend vor dem Morde wieder in dem Orte auftauchte, jetzt aber verschwunden ist. Ein Arbeiter, nantens Bausch, welcher verdächtig ist, den Pfarrer ermordet zu haben, wurde, nachdem er schon einmal verhaftet, aber wieder an§ der Haft entlassen worden war, wieder aufs Neue verhaftet. Man fand gestern, Montag in der Nähe der Mordstelle ein blutiges Hemd und eine blutige Hose. In Büdesheim wurde dec hier wohnende Arbeiter Rick und ein Metzgergeselle verhaftet. VermischreA. * Berlin, 13. Nov. Ueber das Schicksal der verhafteten Russin Janina Borson wird der „Berl. Zig/ mitgeteilt, daß trotz wiederholter Bitten dem Bräutigant dec Verhafteten kein Zutritt zu thr gewährt wurde. Beim ersten Verhör wurde derart schroff mit ihr verfahren, daß sie jede wettere Auskunft verweigerte. In einem an ihre Angehörigen gerichteten Briese heißt es, daß sie sich bet ihrer Untersuchung vollständig entkleiden mußte, da sie, wie man sich ausdrückte, Dynamit an ihrem Körper versteckt halten könnte. Von ihrem Bräutigam ist der Oberstaats- anwaltschast eine Anzeige gegen Dr. Hennigec wegen Freiheitsberaubung emgerelcht wocden. Atlßerdem hat fid) der Rechtsbeistand an den hiesigen russischen Generalkonsul und den Botschafter gewandt. — Wegen Majestätsbeleldigung wurde gestern nachmittag auf dem Bahnhofe Zoologischer Garten aus dem Zuge heraus em dem Arbeiterstunde angehörender Mann namens W. verhaftet. In dem Vorortzuge befand sich eine Militärpatrouille, die einen Gefangenen zu seiner Aburteilung nach Berlin einlieferte. Den W., der zufällig in dasselbe Abteil elngestiegen war, befiel angesichts dieses Transportes den Blatikoller: er schimpfte und schmähte auf alle Militär- und StaatSemrichtungen und erging fid) schließlich in Majeftätsbeleidigungen. Der Führer der Patrouille machte auf dem Bahnhof dem Stationsvorsteher Anzeige von dem Vorgesallenen und dieser ließ durch einen Polizeibeamten den Mann seftnehmen. * Ein Pistolenduell mit tragischem Ausgang and dieser Tage mt Kaiserwalde bei Riga zwischen den Sttidierenden des dortigen Polytechnikums Heinrich Stamm und Hugo Zeh dec statt. Stamm gab den ersten Schuß ab und traf seinen Gegner in das Schienbein. Als dieser infolge der heftigen Erschütterung zu Boden sie, entlud sich seine Pistole und die Kugel drang dem Studenten Zehder mitten in das Herz, sodaß auf der Stelle der Tod eintrat. Nach dem unglücklichen Ausgange des Duells begab sich der Sekundant des Getöteten sofort zur Polizei, wo er den Vorfall zur Anzeige brachte. Beinahe lebendig seziert wurde in Grenoble eine Dirne, welche man kurz vorher betrunken an einer Straßenecke aufgelesen hatte. Als man sie morgens aus dem Polizeigewahrsant holen wollte, konstatierte der Amtsarzt, sie sei an einem Gehirnschlag erlegen, und schaffte sie sofort zur Ecole medecine, damit sie dort zu anatomischen Zwecken verwandt werde. Als cm junger Mediziner soeben ihren Hals mit seinem Messer berührte, richtete sich „die Tote" mit einem höchst unparlamentarischen Fluch empor und sprang zum Entsetzen der Umstehenden vom Marmoctisch herunter. Wie sich bann heraus, stellte, hatte es sich bei ihr nur um einen lethargischen Schlaf gehandelt. «Landwirtschaft. Eröffnung des ersten o b e r he ssi s ch en Korn- Hauses in Alsfeld. Nachdem anfangs Februar b. I. eine größere Anzahl von Landwirten aus der Umgegend von Alsfeld den Beschluß gefaßt hatte, eine Kornhausgmossenschast zu gründen, war von vornherein beabsichtigt, ein Lagerhaus zu bauen, ver» mittels dessen alle hanoelsgeschäftlichen Erledigungen vollkommener und besser erreicht werden konnten. Nach anfänglich außerordentlichen Schwierigkeiten war es der Kornhausgenossenschaft doch möglich, ihren Zweck zu erreichen. Tas neue Lagerhaus, welches, wenn auch nicht in der ursprünglich beabsichtigten Ausdehnung, jetzt in fertigem Zustande am Bahnhofe in Alsfeld steht, wurde aint vorigen Samstag feierlich eröffnet und dem Betriebe übergeben. Zu diesem Zwecke hatten sich gegen y23 Uhr der größere Teil der Mitglieder und die eingeladenen Gäste, unter denen sich ein Vertreter des Großh. Kr:eisamtes, der Provinzialdirektion, des landw. Provinzialvereins, der Stadt Alsfeld und Interessenten aus den benachbarten Kreisen befanden, im neuen Lagerhausgebäude eingefunden, um sich den Betrieb anzusehen und erklären zu lassen. Das jetzige provisorische Gebäude faßt nur 3500 Zentner Getreide. Es hat Eisenbahnanschluß. Der Betrieb ist automatisch, d. h. die Transportierung des Getreides im Lager, die Umarbeitung, die Reinigung, die Sortierung erfolgt ohne Handarbeit. Zur Bewegung der Maschinen dient Elektrizität, die vom Alsfelder Elektrizitätswerke geliefert wird. Tie Einrichtung und die Lieferung der Maschinen war der Geislinger Maschinenfabrik übertragen worden, welche, soweit sich dies jetzt übersehen läßt, die Genossenschaft gut bedient hat. Nach der Besichtigung folgten die Teilnehmer einer Einladung des Genoffenschaftsvorstandes zu einem gemeinsamen Festessen im großen Saale des Teutschen Hauses, wo sie in angeregtester Stimmung sich über das Gesehene und die Zukunft des neuen Unternehmens unterhielten. Von den Festreden wollen wir nur die des Präsidenten des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen, Oekono- mierat Schlenke, des Tirektors der Genossenschaft, des Landtags- abgeordneten Korell, der Vertreter der Kreise und der Provinz, erwähnen. Aus allen ging hervor, daß man in den Kreisen der Landwirte dem Kornhauswesen, das mit der Errichtung des Lagerhauses in Alsfeld seinen Einzug in die Provinz Oberhessen hält, nicht nur das größte Interesse, sondern auch große Hoffnungen cntgegenbringt und daß daher die unternehmenden Landwirte des Kreises Alsfeld von allen Seiten auf das lebhafteste beglückwünscht wurden. Familien Nachrichten. Gestorben: Herr Karl Bernbeck, evang.-luth. Pfarrer i. P., Herr Kaspar Henning, beide in Lauterbach. — Herr Markus Levo, Worms. — Frau Theodora Haupt, geb. Luy, Wetzlar. '1 ...... ---- ,. Neueste Hodestoffe Verlangen Sie Muster in schwarz, weiss und farbig. C”/£ Seiden-Grieder-Zürich Quaker Oats wird am besten und 100 • w .. V ABTEILUNG E. T. 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November 1904, nachmittags Uhr, findet die vu/u Tasse extra starker — 2 Portionen in Kapseln zu 10 bezw. 15 Pfg. — empfiehlt an- gelegentüchst C16/n Christoph Bieker Neustadt 55, Orannas werden alle Bestellungen bei Slerbesällen besorgt von dem Ersten GtetzcuerSargmaga-ttt, z. B. das Ansagen, das Bestellen der Leichenfrauen, der Annoncen, Normal-Hemden Unter-Jacken und -Hosen Handschuhe Strümpfe und Socken empfiehlt billigst Versteigerung. Mittwoch dcu 10. Wob. l. I., nachm. 3 Uhr, sollen im städt. Pfandlokal Selteröweg 11 dahier die wegen rückständigemMädchcu« und Realschulgeld, Kami«- segergeb., clettr. Stromgcld, Strageubauloftc«, vccrdi- guugokostcn, VerufSgeuosieu- schaftö-Veitrag und Pachtgeld gepiandeten Gcgensiände als: üaffenjch ranke, Kletderjchränte, Kotmnoden, Soias, Sessel, Glas- schränke, VertikotvS, 1 Pianino, 1 Pferd und 1 Wagen versteigert PALMIN feinste Pflanzenbutter Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde RüddiugShausen pro 1905 Nj. liegt vom 18. d. 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Dezember 1904, vormittags 10 Uhr, wird im diesseitigen GefchÜitszimmer Rajenie I der Bedarf an Fleisch- und Wurstwaren für die Garniion (Äleßen auf die Zeit vom 1. Januar btd 80. Juni 1905 verdungen. Die Lieferung« - Bedingungen liegen im GeschaitSzimtner au«; dieselben können auch gegen Zahlung der Selbstkosten bezogen werden. Schriftliche und versiegelte Angebote sind im Geschäftszimmer vor Begum de« Ternrtns mit der Aufschrift: ^Angebot aui Lieferung von Fleisch- und Wurstwaren"