Nr. 1 S Mittwoch, 15. Juni 1904 154. Jahrg Eichener Anzeiger Erscheint ttgltcd mti Ausnahme bei Sonntag». General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehe». nähme eine Die »Sletzena Somülenblötter* werden berr »Slnietfu otenno wöchentlich betgetegt Dc tanfc tr> • erschein' monatlich einmal Redaktion. Expedtttou ».Druckerei: SchuMr.K. Tel. Str.u. itiegc^ebta La-«g« and «erlag der SrÜhrichm UnwersttütSdruckeret. 8L Lang«, Steden. 2lbg. Richter ffreif. Volksv.): Für die Togcbahn ist namentlich /oii den Baumwoll-Interessenten eine lebhafte Agitation entfesselt. Wir haben gewiß nichts dagegen einzuwcnden. wenn man angesichts der hoben Baumwallpreise auch dort, wo bisher noch keine Baum- Wollkultur ist, eine solche an-uleaen nicht., aber der Bau der Bahn IntMlaLiorrale Krauen-Korrgreß. (Nachdruck verboten.) III. S. u. H. Berlin, 14. Juni. In her zweiten Sektion begann um y210 Uhr das einleitende Referat Alice Salomons über „Die Lage der gewerblichen A r b e i t eri n n c n". Sie bedauerte, daß es nicht möglich gewesen sei, Rednerinnen aus den arbeitenden Klassen selbst zu gewinnen. Lie ausländischen Arbeiterinnen hätten sich für die Lauer des Kongresses nicht frei machen können, während die dcutsä)en nicht gewagt hätten, öf,entlich auszutreren. Sodann nahm Frl. Henriette von der Ney -Holland das Wort zu Schilderungen aus chrem Lande. Wohl sei Holland ein kleines Land, das soziale Elend aber so groß wie irgendwo anders. Tie Schuld treffe die Regierung mit ihrem Prinzip „Laissez aller". Es folgte nun eine Schilderung der Lage der Fabrikarbeiterin in Deutschland von Frl. Dr. Marie Braun- Karlsruhe. .Die Rednerin tritt besonders der Frage näher, ob überhaupt die Frauenarbeit ein unentbehrlicher Teil unserer Industrie bilde, unb kommt zu dem Resultat, baß die ungelernte Frauenarbeit minderwertig ist, die systematisch dur^g.führte in manchen Produktionszweigen der des NVannes durchaus gleich wertig, während sie in einigen Industriezweigen, z. B. in der Schmuclindustrie uuo der Zigarrensabrikation heutzutage völlig unersetzlich sei. Im blauen Saale wurden inzwischen die Verhandlungen zur „Fürsorge für Kinder und Jugendliche" gepflogen,, bei welchen die Ausführungen von Frau Plo thow-Berlin Interesse fanden Sie sprach über Kinderhorte. Während! durch Krippen und Süuglingswesen die Fürsorge für die Anderschon lange begonnen habe, sei die Anteilnahme am Wohlergehen der schulpilichtigen Jugend neueren Datums. Nur die Verwilderung und das Zunehmen der Zahl jugendlicher Verbrecher habe die Aufmerksamkeit auf diese gelenkt. Allerdings habe man bereits« Beschäfligungsanstalten gehabt für auflichtslose Kinder, die aber ; Es folgt die zweite Lesung des Gesetz-Entwurfes betr. die Aus- ' te eine Anleihe für das Schutzgebiet Togo. Zu § 1, der den Reichskanzler ermächtigt, dem Schutzgebiet Togo zum Bau einer Eisenbahn von Lome nach Palime ein Darlehen bis zu 7 800 000 Ml. zur Verfügung zu stellen, bemerkt Parlamentarische Perüanvlnngen. Kachdr»ck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 97. Sitzung vom 14. Juni 2 Uhr. Tas Haus ist gut besetzt. Am Bundesratstische: Frhr. v. Stengel, Dr. S t u e b e l. Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Beratung des Entwurfs eines Gesetzes betreffend Aenderung des Münzgesetzes. (Einführung neuer größerer 60 Pfg.-Stücke.) In der zweiten Lesung ist außerdem die Ausprägung von 3 Mk.-Stücken beschlossen worden. Abg. Blell (freif. 83p.) beantragt die Ausprägung der 8 Mk.- Stücke aus dem Gesetze wieder zu entfernen. In der Generaldebatte ergreift zunächst das Wort Sckxchsekretär Frhr. v. Stengel: Die vom Reichstag in zweiter Lesung beschlossene Aenderung enthält einen Bruch mit dem Dezimalsystem, welches unserem Münzwesen zu Grunde liegt. Ein so tiefer Eingriff würde nach Auffassung des Bundesrats überhaupt nur in Frage kommen, wenn ein dringendes Verkehrsbedürfnis vorhanden wäre. Ein solches Bedürfnis ist aber nicht nachgewiesen, es ist vielmehr bis auf weiteres anzunehmen, daß auch nach Ein- gehen der Taler durch Ausprägung von Fünf-, Zwei-, Ein- und Einhalbmarkstücken dem Verkehrsbedürfnis nach Silbermünzen in ausreichendem Maße Rechnung getragen werden kann. Unter diesen Verhältnissen sieht sich der Bundesrat nicht in der Lage, seine Zustimmung zum Gesetzentwurf in der Fassung der 2. Lesung zu geben. Wenn daher der Reichstag auch in 3. Lesung auf seinem in 2. Lesung gefaßten Beschluß bestehen bleiben foHte, so würde die Vorlage für den Bundesrat unannehmbar. Aber es würde damit zugleich zu unferm Bedauern die schon seit Jahren als ein dringendes Bedürfnis empfundene veränderte Ausprägung der 60 Pfg.-Stücke hinausgeschoben. Diese Ausprägung von 60 Psg.-Stücken läßt sich aber durchaus nicht mehr länger hinausschieben und ich möchte daher dem Hause in letzter Stunde die Wiederherstellung der Regierungsvorlage ans Herz legen. Sollte der Reichstag in einer Resolution seinem Wunsche nach Ausprägung anderer Silbermünzen Ausdruck geben, so würden die verbündeten Regierungen diesen Wunsch eingehend prüfen. Präsident Graf Ballestrem teilt mit, daß eine Resolution des Abg. Blell (freif. Vp.) eingegangen ist, worin die Regierung ersucht wird, die Ausprägung von 60 Vfg.-Stücken mit kleinern Adler und Lorbeerkranz in die Wege zu leiten. (Die Resolution ist bereits in 2. Lesung gestellt aber abgelehnt worden.) Abg. Blell (freif. Vp.) befürwortet feine Anträge. Durch die Resolution solle eine deutlichere Unterscheidung von den Nickelmünzen herbeigeführt werden. Abg. Kirsch (Ztr.) beantragt, für den Fall der Wiederherstellung der Regierungsvorlage die Ausprägung von Dreimarkstücken in einer Resolutton zu verlangen. Abg. Dr. Arendt (Rp.) tritt für die Beschlüsse zweiter Lesung ein, und bittet den Staatssekretär, wenigstens die noch vorhandenen Taler nicht mehr einzuziehen. Staatssekretär Frhr. v. Stengel erklärt, daß er eine dahin gehende Erklärung gar nicht abgeben könne, da sie dem bestehenden Münzaesetz widersprechen würde. Abg. v. Strombeck (Str.) wünscht eine Verkleinerung der silbernen Fünfmarkstücke, die sich durch eine Beimengung von Goldteilen sehr wohl erreichen ließe. ,,Abg. Kern (konf.) bittet namens seiner Partei, an den Be- schlüsien zweiter Lesung festzuhalten. Abg. Kämpf (freif. Vgg.) meint, man könne sich auf parttelle Beobachtungen nicht verlassen. Zwei bayerische Abgeordnete seien zum Beispiel zu ganz entgegengesetzten Resultaten gekommen. Der eine habe die größte Abneigung gegen die Taler konstatiert, während der andere ein heißes Sehnen nach ihrer Beibehaltting feststellen zu können glaubte. Angesichts solcher Tatsachen dürfe man das Gesetz nicht an den Beschlüssen der zweiten Lesung scheitern lasten. Es könne nur maßgebend fein die Erklärung der Reichsbank, daß ein Bedürfnis für das Dreimarkstück nicht vorliege. Es fei ja auch statistisch nachaewiesen, daß die Talerstücke in besonders hohem Maße in die Reichskasten zurückfließen, also zum mindesten keine Vorliebe für sie vorhanden fein könne. Abg. Raab (Sntif.) hält das Gesetz für nicht so bedeutend, daß man ihm im Falle seines Schetterns Tränen nachweinen würde. Redner tritt für die Beschlüsse zweiter Lesung ein und will eventuell für die Resolutton .Kirsch stimmest. Abg. Sindermann (Soz.) ist für die Aufrechterhaltung der Beschlüsse zweiter Lesung. Das Dreimarkstück läßt sich sehr Wohl im Dezimalsystem einfügen. Tas wird die Regierung schon merken, toeim sie später einmal 30 Mark Diäten gibt. (Heiterkeit.) Abg. Cefel (Ztr.) erklärt für seine Person, daß es ihm sehr gleichgültig sei, ob das Gesetz mit oder ohne Taler falle. Äbg. Bartling (nat.-lib.) spricht sich für die Beibehaltung der Taler aus. Ihre Abschaffung würde den Verkehr sehr erschweren. Hiermit schließt die Generaldebatte. In der Spezialdebatte wird das Wort nicht verlangt. _Der Beschluß zweiter Lesung betr. die Ausprägung von Taler stücken wird, entgegen dem Antrag Blell, aufrechterhalten. Dafür sttmmt die gesamte Rechte, die Antisemiten, der größte Teil des Zentrums und der National-Liberalen sowie die Sozialdemokraten. Auch der Nest des Gesetzes und das Gesetz im ganzen werden angenommen. Durch das Ergebnis der Absttmmung ist die Resolution Kirsch hinfällig, geworden, die Resolution Blell wird angenommen. der Nachbarschaft der englischen Goldküste in die Taschen der Engländer fließen, uns zu gute kommen. Die Resolution dec Sozialdemokraten ist unberechtigt. Der Eingeborene kennt keinen Begriff des Eigentums im Sinne des römischen Rechts, und es gibt weder eine englische noch eine französische Kolonie, in der die Rechtsverhältnisse nicht nach den einheimischen Sitten beurteilt werden. Wir sind bereits in eine Prüfung der Landverhältniste eingetreten, und diese hat ergeben, daß die Eingeborenen so aroße Ländereien, wie sie besitzen, zur Bcftiedigung ihrer Lebensbedürfnisse nicht nötig haben. Ueberhaupt ist bisher nur ein ganz geringer Teil des Landareals im Besitz von Weißen. Ich habe infolge Der Verhandlung-n in der Budgetkommission in einem Erlaß das Gouvernement von Togo zur Veranstaltung genauer statistischer Erhebungen über den durchschnittlichen Landbesitz einer Familie, über Wertstcigungen des Landes durch den Bahnbau und dergleichen angewiesen, und ich hoffe, daß wir in kurzer Zeit im Besitz dieses statistischen Materials sind. Sollte es sich Herausstellen, daß daS im Besitz der Eingeborenen befindliche Lano nicht ausreicht, so wird die Kolonialverwaltung nicht zögern, von den ihr zustehenden Machtbefugnissen zur Abhilfe Gebrauch zu machen. Abg. Frhr. v. Richthofen skons.): Daß die Baumwollinteressenten sich selbst eine Bahn bauen, ist doch zu viel verlangt. Auch in England hctt der Fiskus durch Kolonialanleihen die Mittel für Kolonialbahnen zur Verfügung gestellt. Deutschland hat seine Kolonien in Erfüllung einer welthistorischen Mission erworben, und deshalb muß das Reich auch etwas dafür tun. Abg. Schrader (freif. Vgg.): Die Resolution der Sozialdemokraten ist nach der Erflärung des Kolonialdirektors für mich überflüssig. Was die Babn anlangt, so würde, wenn man vorher den Rentabilitätsnachweis verlangte, auch mancher Bahnbau in Deutschland unterbleiben. Um ein unentwickeltes Land aufzuschließen, sind eben Bahnbauten unentbehrlich. Daß die Bahn nicht von den Interessenten gebaut werden kann, liegt auf der Hand. Man kann nicht bei ihnen mit dem Klingelbeutel Herumgehen. (Lachen bei den Soz.) Abg. Bartling (nat.-lib.): Ich kann die Ausführungen bei Abg. Schrader Wort für Wort unterschreiben. Wir haben doch ietzt im Landtage eine Vorlage für den Bau von Nebenbahnen, Die über 100 Millionen umfaßt. Ich bin überzeugt, daß noch nicht der zehnte Teil dieser Bahnen gebaut werden dürfte, wenn man von vornherein einen Rentabilitätsnachweis verlangte. Abg. Dr. Spahn (Ztt.): Man darf nicht vergessen, daß die Kolonie die Bahn ursprünglich aus eigenen Mitteln bauen wollte, und die deutschen Bankhäuser waren der Meinung, daß eine solche Anleihe durchaus unterzubringen sein würde. Angesichts dieser Tatsache kann auch das Reich ganz beruhigt fein, wenn es die Zinsgarantie übernimmt. Abg. Werner (Antis.) schließt sich den Vorrednern an. Nachdem Abg Ledebour (Soz.) nochmals die Vorlage bekämpft hat, wird § 1 in der Kommissionsfassung in namentlicherAostimmungmit 148 gegen 68 Stimmen bei einer Stimmenthaltung angenommen. Präsident Graf Ballestrem: Einer unserer Kollegen hat im Eifer des Gefechtes drei Zettel abgegeben. (Heiterkett. Abg. Singer: Hoffentlich doch nicht drei Verschiedenei). Nein, sie lauten alle gleich. Ich habe einen Zettel davon für gültig erklärt. Die Resolution der Sozialdemokraten wird gegen die Stimmen der Anttagsteller abgelehnt. Angenommen wird die Resolution der Kommission, den Kanzler zu ersuchen, darauf hinzuwirken, daß bei Abschluß von größeren Lanokäufen in den Schutzgebieten die Lebensbedingungen der eingeborenen Bevölkerung nicht geschädigt werden und den Inhalt solcher Verträge dem Reichstage zur Kenntnis zu bringen. Ter Rest des Gesetzes wird debattelos angenommen. Um 6% Uhr wird ein Vertagungsantrag gegen die Stimmen der Freisinnigen, der Sozialdemokraten und des Abg. Dr. Arendt (Reichsp.) abgelehnt. Es folgt die zweite Lesung des Gesetzentwurfs betteffend die Uebernabme einer Garantie des Reiches inbezug auf eine Eisenbahn von Dar-es-Salaam nach Mrogoro. DaS Reich soll für den Bettag von 18 700 000 eine Garantie übernehmen, die Bahn soll eine Spurweite von 0,75 Meter haben. Die Kommission bat aber in einer Resolurion die Forderung gestellt, daß die Spurweite mindestens 1 Meter beträgt. Ein Kompromißantrag beantragt, die Spurweite im Gesetz selbst auf einen Meter festzusetzen und außerdem die Garantiesumme auf 21 Millionen zu erhöhen. Schatzsekretär Frhr. v. Stengel führt aus, daß die Banken, die die Bahn bauen wollten, dies nur mit einer höheren Spurweite tun könnten, wenn die Bausumme auf 21 Mill, erhöht werde. Er sei mit diesem Anträge einverstanden. Damit sei das Bedenken der Kommission, daß das Hans die Bausumme nicht einseitig heraufsetzen könne, beseitigt. Abg. Richter (fr. Vp.): Ich will vorläufig auf die Sache selbst nicht eingehen, denn ich kann doch nicht annehmen, daß Sie die Absicht haben, eine so wichtige Vorlage jetzt noch durchzupeitschen. (Zurufe: Ja!) So? Dann gibt es doch noch geschäftSordnungS- mäßige Mittel, um das zu verhindern. Abg. Dr. Südekum: Das Haus ist heute allerdings beschlußfähig, aber es sind Kollegen hier, die in der ganzen Session noch nicht zweimal int Hause waren. (Unruhe.) Abg. v. Kardorff (Rp.) beantragt mit Rücksicht auf den von großen Parteien des Hauses ausgesprochenen Wunsch Vertagung. Der Antrag auf Vertagung wird angenommen. Nächste Sitzung Mittwoch 12 Uhr. (Sozialdemokratische Interpellation betr. den preußischen Gesetzentwurf gegen ländlichen Kontraktbruch, Gesetzentwurf bett, die Bahn von Dar - es - Salaam —Mrogoro, Servistarif, Kaufmannsgerichte.) Schluß 6| Uhr. ist durch die Baumwollkultur weder qualitattv noch quantitativ gerechtfertigt. Die Ersparnisse an Transportkosten, die durch Die Eisenbahn erzielt würden, fallen im Vergleich zu den sonstigen Kosten nicht wesentlich in Bettacht, und die Rentabilität der Bahn ist in keiner Weise nachgewiesen. Die Regierung hat keine Rentabilitätsberechnung aufgestellt, der Kolonialdirektor meinte, das geschehe grundsätzlich nicht mehr, denn die Berechnungen würden so zerpflückt, daß nichts davon übrig bleibt. (Heiterkeit.) Dieser Ausspruch ist recht charakteristtsch. In der Tat haben sich die Rentabilitätsberechnungen für die Kolonien ja immer als falsch erwiesen. Es wird darauf hingewicsen, daß man die Kosten der Eisenbahn eventuell aus Zöllen decken könnte. Aber es ist doch sehr fraglich, ob Zollerhöhungen wirklich Mehrüberschüsse abgeben, ganz abgesehen, daß die zwischen Togo und seinem Nachbarstaat geschlossene Konvention eine Zollerhöhung garnicht gestattet. Was nun die Form betrifft, so war zuerst eine Kolonialanleihe ins Auge gefaßt; die Kommission hat diesen Weg aufgegeben und schlägt vor, daß statt dessen das Reich die Gelder zur Verfügung stellt. Ich fürchte, daß Togo, niemals imstande sein wird, das Geld zurückzuzahlen und daß infolgedessen das Reich belastet wird. Warum bringen denn die Interessenten nicht selbst die Gelder auf? (Sehr gut! links.) Treffend ist einmal gesagt worden, es kommt nicht nur auf den Fisch an, man muß auch die Butter dazu geben. (Heiterkeit.) Die Selbsthilfe der Interessenten ist ja in Deutschland mehr und mehr abhanden gekommen, aber wenn es irgendwo berechtigt ist, an die Selbsthilfe zu appellieren, so ist es hier der Fall, die Baumwollenkönige haben Geld genug, es handelt sich um eine blühende, kapitalkräftige Jndusttie. Wo in der Heimat so viele wichtige Aufgaben ungelöst bleiben, sind wir nicht in der Lage, Gelder für den gewünschten Zweck zu bewilligen. Wir werden deshalb gegen die Vorlage stimmen. (Beifall bei den Freisinnigen.) * Abg. Dr. Arendt (Reichsp.): Wie oft haben wir nicht schon diese Rede in allen Tonarten gehört? Es ist immer dieselbe Rede. Die Handelskammern haben sich für den Bau der Bahn ausgesprochen, aber jetzt gibt Herr Richter auf das Gutachten der Handelskammern auf einmal nichts. Wir werden uns das merken. Herr Richter spricht von Selbsthilfe, aber die Interessenten haben doch für Versuchszwecke auf dem Gebiet der Baumwollkultur in den Kolonien 700 000 Mk. aufgebracht, während in England der Staat zu diesem Zwecke 1 Million Pfund Sterling geben mutzte. Die 7,8 Millionen spielen gar keine Rolle, namentlich bei einer Kolonie wie Togo, Die schon Überschüsse abwirft. Die Gründe, die der Abg. Richter angeführt hat, find die nämlichen, wie man sie immer gegen alle Bahnen hört. Die Bahn wird sicher lieber« schüfst abwerfen. Ohne Hilfe des Reiches können die Kolonien sich nicht entwickeln; wir dürfen ihnen die Mittel nicht vorcnt- halten, sondern müssen ihnen das bewilligen, was nötig ist, damit sie aus einem zehrenden ein werbendes Kapital werden. Bedauerlich ist es, daß die Form der Kolonialanleihe fallen gelassen ist; hoffentlich wendet man sich nicht prinzipiell von Kolonialanleihen ab. Ich schließe mit dem dringenden Wunsch, den Bau der Bahn zu bewilligen. Abg. Lcvebour (Soz.): Nach unserer Meinung haben die Interessenten, die den Hauptvorteil davon haben, auch die Pflicht, den Bahnbau in die Hand zu nehmen. Wie können die Verbündeten Regierungen den deutschen Steuerzahlern zumuten, 8 Millionen aufzubringen für Kolonialzwecke, wo es doch in Deutschland selbst an allen Ecken und Enden an Mitteln für Kulturaufgaben fehlt? Erstaunlich ist es, wie geringen Preis die Togogefellschaft für das zum Bahnbau erworbene Land bezahlt hat, 6 Pfennig pro Hettar l (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Den Eingeborenen ist der Wert von Grund und Boden nicht bekannt, die Händler haben den Häuptlingen einfach die Konttakte vorgelegt, sie unterzeichnen lassen und ihnen dafür Geschenke gegeben. Das Kolonialamt hat die Kontratte genehmigt, der Direktor ließ aber in der Kommission durchblicken, daß er heute solche Konttatte nicht mehr genehmigen würde. Redner begründet hierauf folgende Resolution Auer (Soz.) und Genossen: Der Reichstag wolle beschließen: In Erwägung, daß im Togogebiete der Verkauf von Land, das sich im Besitz der Ein- aeborcnenstämme befindet, dem Gewohnheitsrecht der Eingeborenen widerspricht, in Erwägung ferner, daß der für die Ländereien der Togolandgesellschaft den Häuptlingen gezahlte Kaufpreis nicht entfernt als Aequivalent für den Wert der Ländereien angesehen werden kann, in Erwägung schließlich, daß die Durchführung der Kaufverträge zahlreichen Eingeborenen die Existenz untergraben unb daher die Gefahr von Aufständen heraufbeschwören muß, den Reichskanzler zu ersuchen, er wolle die Annullierung der dem Landerwerb der Togolandgesellschaft zu Grunde liegenden Kaufverträge und die Zurückführung des Landes in den Stamm- besitz der Eingeborenen in die Wege leiten. Es fei eine Ehrenpflicht des Deutschen Reiches, die Verträge, durch welche die Eingeborenen in der ungeheuerlichsten Weise übervorteilt wurden, wieder rückgängig zu machen. (Beifall bei den Soz.) Berichterstatter Abg. Graf Criola (nat.-lib.) bemerkt, in der Kommission seien allerdings auch schon Ausführungen im Sinne des Vorredners gemacht worden, die Resolution sei aber Dort noch nicht gestellt gewesen, und er könne infolgedessen als Berichterstatter dazu auch nicht Stellung nehmen. Kolonialdirektor Dr. Stuebel wendet sich gegen den Abg. Richter, die Baumwollenindusttiellen werden wohl besser über die Bedürfnisse des Landes unterrichtet fein, als er. Tie Bahn hat eine doppelte Bedeutung, erstens eine solche als Aufschließungsbahn, sie ermöglicht es der Baumwollenkultur, sich weiter auszubreiten, und zweitens eine Bedeutung als Ausbeutungsbahn. In Dem Schutzgebiet sind etwa 6 Millionen Palmbäume, Deren ProDukte einen großen Ertrag liefern, Der aber ohne Die Bahn nicht nutzbar gemacht werden kann. Die Kolonie hat sich bis jetzt sehr gut rentiert. Sie hat nur in 4 Jahren Zuschüsse verlangt und auch diese sind nur zu werbenden Anlagen benutzt, zur Herstellung einer Landungsbrücke, zur Anlegung einer vorbereitenden Küstenbahn usw. Seit Drei Jahren sind überhaupt keine Zuschüsse erforderlich gewesen, und auch im nächsten Jahre werden solche unter keinen Umständen beansprucht werden. Die Bahn wird noch insofern von großem Vorteil sein, als eine Reibe von Zöllen, die jetzt infolge die Kinderkraft unglaublich anSnntzten. Nach dem Bericht der Arbeitsschule in Bnnzlau seien den Zöglingen allerdings 3056 Mark ausgezahlt, auf den Kopf ungefähr 20,50 Mk. oder 1,70 Ml. tm Mouat. Die Kinder haben dafür aber 3835 Paar Strümpfe stricken, 17 550 Puppenkleider hakeln und 672 Sammetstreifen mit Perlen benähen müssen. Ein erfteulicheres Bild zeigen ihre Bestrebungen der Kinderhorte, deren Begründer Professor Sc^nidt- Schwarzenberg in Erlangen war. Ueber „Die gemeinsame Erziehung der Geschlechter" sprach Frl. Maikki Frib erg-FinnlaÄ). Der Besuch der Universitäten sei dort kostenlos und als Hörerin sei die Frau schon lange willkommen gewesen. Die Zahl der Schüler aus gemeinsamen Gymnasien betrüge jetzt 1200. Die Knaben und Mädchen säßen nicht gesondert wie die Bauern auf dem Lande in der Kirche, sondern werden geflissentlich in den engsten Konnex mit einander gebracht, was ftch als ein großer Vorteil «erwiesen hat. Die Machen lernen da die Knaben nicht auf ein ungebührlich hohes Piedestal zu stellen und ihren Kopf als einen uner>ä)öpflichen Born von Weisheit zu halten. Sie erkennen, daß es ebensowohl dumme wie lluge gibt, und die Knaben dagegen lernen Achtung vor dem weiblichen Geschlecht und es entschwindet das Vorurteil der weiblichen Minderwertigkeit. Dasselbe Thema wurde auch von Frau Christine de Faucemont -Hamburg behandelt. Sie hob nicht nur die erziehliche, sondern auch die soziale Bedeutung der Einheitsschule hervor und forderte in erster Linie allgemeinen kostenlosen Schulbesuch. Sollte sich dies aus praktischen Gründen nicht ermöglichen lassen,, so solle das Schulgeld nach dem Einkommen der Eltern bemessen werden. Dadurch werde das golbcne Gitter ge- offnet, zu dem bislang nur die vermögenden Klassen den Schlüflel besessen. vermischtes. *Esi st nicht gut,daß der Mensch allein sei, scheint der Naturmensch ,L U st a f nagel" zu denken, nachdem seine Ehebälfte ihn verlassen hat. In der Nr. 149 der „S). W." findet sich folgendes Inserat: „für mein natur- heim, ferbuirden mit sonnenbad, suche ich eine wegetarische weibliche stüze, arendse i. altm. gustaf nagel." — Ob's wohl ,>erfolch" hat? * Eine Abenteurerin hat dieser Tage auf gräßliche Art in ihrem Geburtsort geendet. Sie hieß Emma und kam als Kindsmädchen aus Italien nach Nizza. Hier unterhielt sie zwei Liebesverhältnisse zu gleicher Zeit, ersparte 2000 Fr., ging heim und heiratete. Der Mann verpraßte das Geld, sie ging ihm durch und war nun „höhere Lebedame", obgleich sie weder lesen noch schreiben konnte. Zu Anfang dieses Jahrhunderts verliebte sich ein Graf della Torre in sie, und als dessen Frau starb, reiste Emma mit ihm als Gräfin della Torre, welchen Titel sie auch nach seinem Tode beibehielt und mit dem sie in sehr hohen Kreisen verkehrte. Sie leistete verschiedenen Diplomaten Dienste und war letztes Jahr in Japan und später in London.Gutsbesitzerin. Als sie sich mm auch in San Remo an kaufen wollte, hatte sie die Unterschrift ihres längst ver- .gejjenen Mannes Pisano nötig, der mittlerweile als Geldfälscher und Spieler sich durchgeschlagen hatte. Er verlangte 100 000 Fr. für seine Unterschrift, worüber „die Gräfin" in solche Wut geriet, daß sie ihn ohrfeigte. Er nahm ein Messer nnd zerstückelte sie förmlich; dann ging er auf den Friedhof und erhängte sich. Kerichlssaal. fc. Frankfurt a. SOL, 14. Juni. Das hiesige Schwurgericht verurteilte den früheren Friseur und jetzigen Agenten und Casstier Adam P f a a r, 1870 in Hanau geboren, wegen Abtreibung der Leibesfrucht gegen Entgelt zu zwei Jahren Z u°ch t- b a u 3. Tie Mitangeklagte Verkäuferin Katharina Eller, 30 Jahre alt, erhielt 6 Monate Gefängnis. Hannover. 14. Ium. In öffentlicher Verhandlung des Kriegsgerichts wurde heute der Verleger des „Harmov. Kour/, Landtagsabg. Dr. Max Jänecke, Leutnant der Reserve, wegen Herausforderung des melsischen Reichstagsabg. Frhrn. v. Hoden- b erg zum Z w e i k am p f zu vier Tagen Festungshaft verurteilt. Stuttgart, 13. Juni. Wegen Herausforderung zum Z w e i k a m p f wurde der Maschinentechniker Hans Tillmanns, Vizewachtmeister der Reserve, und der Justiz- reserendar Friede. Schmidt. Einjährig-Freiwilliger im Dragoner- Regiment Nr. 26, vom Kriegsgericht zu einem Tag Festungs- haft verurteilt. Justizreserendar Manfred Zimmermann, Leutnant der Reserve, erhielt wegen Kartelltragens einen Tag Festungshaft. Arbeiterbewegung. [ J Marburg, 14. Juni. Außer den Maurern, die noch im Ausstand stehen, haben auch die Maler- und Lackierer- g e h ü l f e u einen Lohntarif eingereicht. Derselbe ist ebenfalls von den Meistern abgelehnt worden. In einer heute abend abgehaltenen Versammlung beschloß man, vorläufig von einem Streck Ab - st a n d zu nehmen und eine günstige Gelegenheit zur Einführung des Tarifs abzuwarten. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. llr! Temperatur ber Luft Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Wetter Juni 1904. Baromete auf 0° reduziert 14. 14. 15. 9“ 7-^ 747,8 746,9 746,2 24,0 18,0 14,4 10,1 11,7 10,6 46 76 87 Still Still W. 2 Sonnenschein Heller Himmel Bed. Himmel Höchst e Tem: jeratur am 1 3.—14 Juni = 4 25,1 C. ytiebrigfte u 13.—14 = 4 10,4 6 C. Auszug aus bk» Kirche»biicher» der Stadt Gieße». Getraute. M atthäusaemeinbe. 5. Juni: Emil Louis Schweitzer, Weißbinder und Lackierer zu Gießen unb Katarina Schneiber, Tochter des Maurers Johannes Schneiber zu Machtlos. — M i- litärgemeind e. 25. Mai: Friebrich. Wilhelm Mörsch, Sanitätssergeant unb Katharine Friebrike Hengst, Tochter bes Hanb- schuhfabrikanten Jakob Hengst zu Gießen. Getaufte. Matthäusgemeinde. 5. Juni: Dem Weißbinder- meister Konrad Dürr eine Tochter, Marie Luise, geb. den 14. Mai. — Markusgemeinde. 5. Juni: Dem Taglöhner Johann Heinrich Appel ein Sohn, Paul, geb. den 31. Mai 1903. Dem Steinbrecher August Ernst Valentin ein Dotzn, Dernyarv innrer,1 Sb den 18. Mai. Dem Schlossermeister Wilhelm Ziegeler eine ochter, Amalie, geb. den 18. April. — JohanneS- gemeinde. 9. Juni: Dam Aktuariatsaspiranten Wilhelm Satorius ein Sohn, Karl Konstantin, geb. den 11. Mai. — Lukasgemeinde. 5. Juni: Dem Kaufmann Wilhelm Kahl eine Tochter, Margareta, geb. den 3. Mai. 9. Juni: Dem Lokomotivführer Arnolb Landloser ein Sohn, Friebrich Wilhelm Arnolb, geb. ben 2. April. Dem Kaufmann Heinrich Erle eine Tochter, Ottilie Marie, geb. den 20. April. — Militär- gemeinde. 5. Juni: Dem Sergeant Karl Gottfrieb Burger ein Sohn, Erich August Karl, geb. ben 2. April. Dem Sanitätsunteroffizier August Bues ein Sohn, Adolf Wilhelm August, geb. den 13. April. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Gießen, 14. Juni. Sonntag früh klingelte mich der Briefträger aus ben Federn und überreichte mir einen mit einer. Zehnpsenniamarke frankierten Bries mit den Worten. „In dem Brief ist Gelb, wenn das noch einmal vorkommt, werden Sie bestraft/ Ich bestritt die Be- haupttmg bc Postbeamten, daß in dem Briefe Geld sei, weil daraus als ii:. enber eine Dame angegeben war, von welcher ich meines Wissens kein Geld zu fordern hatte, fand aber dann beim sofortigen Oeffnen des Brieses bre Behauptung des Beamten bestätigt. Ich sollte ber alten Dame etwas besorgen, wofür sie im voraus ben Betrag einsandte. Das ist der Tatbestand. — Und nun die Moral von der Geschichte: Entweder hat ber Briefträger ben ihm erteilten Auftrag falsch ausgeführt und bann hätte sich bie Postbehörde eines zuverlässigeren Mannes bei ber Uebermitlelung einer solch heiklen Botschaft bedienen sollen, ober ber Auftrag ist. richtig ausgesührt worden, und dann ergibt sich die Tatsache, daß ich, nach den Anschauungen der Postbehörde, für eine Handlung bestraft werden könne, die ein anderer begangen hat! Derartige Ansichten sind aber mit den heutigen Rechtsanschauungen ganz unvereinbar. Also der Empfänger einer solchen Sendung ist auf keinen Fall strafbar, aber auch der Absender ist es nicht 1 Hat ber Adsenber eines solchen Briefes etwa die Garantie, daß der Brief unversehrt und richtig ankommt? Der fehlenden Garantie steht einfach das fehlende Porto gegenüber. Nach dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung, das doch sonst überall in ber Welt Geltung hat, kann überhaupt von Strafbarkeit hier keine Rebe sein. Familien-Nachrichten. Gestorben : Milly Hirsch, Friebberg. — Adolf Gros, Kürnbach. Braut-Seide 300 — Zollfrei! — Muster au Jedermann! — Seidenfabrikt. Henneberg, Zürich. Ganz umsonst erhält Jedes Herren-9 ober Damen-Taschenuhr, welches 400 leere Schachteln von Gioth's gemahlener Kernseife an den Fabrikanten I. Gioth, Hanau, ein- s endet. 3663 63 2) & -Ä *$»> M. = x 5« •. © £> § ÖD <5 CO S 63 ro o; 2 S E. D". 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