Nr. 291 Samstag, 10. Dezember 1904 Erschein- ftgilft enti Du«nahms bei Bdmrfogft. Die »Gtrtzeva gawtitenbidtter* werden berr eBn)et#v ote-mc wöchenttich betgelegt Dk w^clßj taub- tr * «schevr «mmtitch tttrxml Gießener Ayeiger 154. Jahrg. ShtattimShrMf web Mqj her brf^'Vbfli Umx>«1titU5buirfereL 9L Tange. Dreh«. Redaktion. nerheben. Was aber tun zur Sanierung der Reicksftnanzen? Wir sollen die Steuerschraube weiter anziehen! Reichseinkommensteuern! ruft man uns zu! Ja, das siebt in der Therorie ganz einfach aus, im praktischen Leben spielen sich aber die Dinge doch wesentlich anders ab. Dieselben Abgeordneten die hier im Reichstage den Ruf nach einer Reicho- einkominensteiler erheben, dürften weniger geneigt sein, m ihren Einzelstaaten für die Erhöhung der direkten Steuern zui stimmen. Die direkten Steuern sind schon jetzt in den einzelnen Landtagen bis auf das höchste angespannt. Vielfach, müssen Kulturaufgaben deshalb zurückbleiöen, z. B. muß an den öffentlichen Gebäuden.gespart werden, worunter dann tausende von Arbeitern , leiden. Tausende von kleinen Beamten warten vergebens auf eine Erhöhung ihrer Besoldung. Handwerker, kleine Landwirte haben den Hauptnachteil davon. Das ist der Schaden der Matrikiilarbeitrage, und ich muß. wenn ich gerade diese Not der kleinen --eute änsehe, sagen, wer sich hier um eine gründliche Sanierung der Finanzen herumdrückeu will, der rede mir von allem in^der Welt, nur nicht von d-'r Nückuchtnabme auf die wirtschaftlich Schwachen. Abg. Graf Stolberg (kons.): Ich kann namens meiner Freunde nur erklären, daß sie dem Abg. Dr. Stockmann vollständig in dem beistimmen, was er über den Frhr. von Mirbach gesagt hat. Ter Abg. Bebel hat gesagt: Rußland sei zusammengebrochen. Ich glaube, bei ihm ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Rußland ist heute in einer schwierigen Lage. Aber 1812 war es in einer noch schwierigeren Lage, trotzdem hat 1814 der Kaiser AIer;an- ber von Paris aus der Welt die Politik vorgeschrieben. Wir wollen eine Politik des guten Einvernehmens mit unserm östlichen Nachbar. Tie neue Militärvorlage wird die Zustimmung Freunde finden. Die Kavallerievermehrurig scheint uns gerechtfertigt. Es ist strategisch unrichtig, daß die Kavallerie in einem Zulunftskriege entbehrt werden kann. 1871 hat Kai,er Napoleon in seiner Unterredung mit Kaiser Wilhelm anerkannt, daß die durchschlagenden deutschen Siege in erster Linie der Kavallerie zu danken seien. Auch im russisch-japanischen Kriege zeigt sich die Notwendigkeit der Kavallerie. Tie Japaner können mangels der Kavallerie ihre Siege nicht ausnutzen. In einem Kriege, vor dem uns Gott möglichst lange bewahren möge, wird die Kavallerie noch einmal eine hervorragende Rolle spielen. Ich glaube, daß der Kriegsminister alles tun wird, um seine Forderung durchzusetzen. Was die zweijährige Dienstzeit betrifft, so hat die Militärverwaltung früher erklärt, sie könne ohne dreijährige Dienstzeit nicht auskommen. Es ist nun die Probe nut der zweijährigen Dienstzeit gemacht und die Folge war Ueberanstrengung und Ueberarbeitung des Ausbildungspersonals. Hierauf sind die meisten Soldatenmißhandlungen zurückzuführen. Deshalb mutz man für eine Vermehrung und bessere Besoldung des Unteroffizierkorps bemüht sein. Namens meiner Freuiide habe ich zu erklären, daß w'.r noch zweifeln, ob die von der Negierung geforderten Kompensationen ausreichen. Auf alle Fälle aber stellen sie das Minimum dessen dar, was nötig ist. Hoffentlich wird das Gesetz mit einer großen Mehrheit angenommen. (Beifall rechts.) Abg. v. Vollmar (Soz.): Ich beschränke mich auf wenige Punkte, indem ich mir und meinen Freunden Vorbehalte, auf alles, was uns wichtig erscheint, bei der Spezialberatung zurückzukommen. Der Reichsschatzsekretär hat uns klaren Wein über die Finanzlage eingeschenkt, er hat im Gegensatz zu seinen Vorgängern eine große Offenheit an den Tag gelegt. Man hält uns Sozialdemokraten für Träumer, weil wir die Politik nicht durch das enge Guckloch der Tagesereignisse betrachten. Aber wer sehen konnte und wer sehen wollte, der konnte seit Jahren sehen, wohin wir mit Notwendigkeit geraten müssen. Ein Unbefangener könnte zu der Annahme kommen, die Rede des Schatzsekretärs stamme von einem Redner der äußersten Linken. Man könnte den Schatzsekretär eigentlich bedauern, er ist aus einem leidlich reichen Hause hervorgegangen, wo man nicht wußte, wohin mit den Ueberschüssen, und jetzt kommt er aus dem Schuldenmachen nicht mehr heraus. Verantwortlich^ für diese Zustände sind die Parteien, die in ihrer Bewilligungswut alle Forderungen der Regierung erfüllt haben. Von Sparen kann keine Rede fein, denn wo gespart werden kann,, da wollen ja die Herren nicht sparen. Neue Steuern stehen in Aussicht. Der Schatzsekretär sagt, die wirtschaftlich Schwachen werden geschont. Nun, nicht nur die Sozialdemokraten, sondern weite Kreise des Volkes, die nicht zu uns gehören, glauben nicht an die Einlösung dieses Vresprechens. Tas Wort ist schon zu oft gebraucht. Wir werden das Volk daran erinnern, wenn es die Folgen des Zolltarifs an seinem eigenen Leibe zu spüren bekommt. Ter Abg. Spahn hat sich dagegen verwahrt, daß das Schönheitspftaster des Zolltarifs, die Wirwen- und Waisenversorgung fallen gelassen werden könnte. Wir werden ja sehen. Ter Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. (Heiterkeit.) An uns Sozialdemokraten soll es nickst fehlen, wir werden Ihr , Gedächtnis schärfen, wenn es gewohnheitsmäßig schwach werden sollte. Ein anderes Schöiibeitspftafter des Zolltarifs, das Verbot der Erhebung kommunaler Steuern auf Lebensmittel ist ja schon im Abbröckeln beariffen, man petitioniert schon um Beseitiaung dieses Verbots. Will man eine Belastung der Minderbemittelten vermeiden, so wird nichts anderes übrig bleiben, als die Einführung einer progressiven Einkommensteuer. Damit verlasse ich das Gebiet der Einnahmen, soweit wir überhaupt von Einnahmen reden können (Heiterkeit) und wende mich zu den Ausgaben. Gegenüber dem Kolonialwesen nehmen wir Sozialdemokraten konseguent eine ablehnende Haltung ein.. Die Begründung neuer Militärvorlagen ist noch keinem Kriegsminister so schwer gemachst wie dem jetzigen. Man erklärt, daß man eine Friedenspolitik treiben will und erhöht trotzdem die Präsenzstärke der Armee, und die Regierung bezeichnet das, was sie fordert, noch dazu als das Minimum des Notwendigen. Tie von manchem Redner so bewunderte Zurückhaltung der Militärvorlage ist nicht so hoch anzuschlagen, sie ist nur eine momentane. Warten wir ab, bis die neue Flottenvorlage kommt, die ja ihre Schatten schon vorauswirft. iSe^r wahr! links.) Der Herr Reichskanzler hat sich neulich wiederholt mit dem Ton des Abg. Bebel beschäftigt, aber er selbst hat wieder wie im vorigen Jahre in einer so verärgerten persönlichen Art gesprochen, wie es in einem halbwegs konstitutionell regierten Staate unmöglich ist. Seine Rede ist in englischen Blättern als mutwillige Herausforderung eines großen machtvollen Teils der deutschen Nation angesehen worden. (Hört, hört! bei den Soz.) Es könnte so scheinen, als ob ter höchste verantwortliche Beamte des Deutschen Reich? nicht di" Aukaabe hätte, parlamentarisch Rede und Antwort zu stehen und die Politik zu verantworten, die seinen Namen trägt, sondern als ob es gar keine höhere Aukaabe gebe, als diejenige, die größte Partei in Deutschland nach Möglichkeit zu brüskieren. Aber ganz abgesehen davon, möchte ich fragen, was soll denn mit solcher Art von Polemik eigentlich erreicht werden? Zweifeftos gibt es hier im Hause und auch außerhalb manche Leute, die solchen Ausführungen Beifall zollen. Aber in Bezug auf die bleibende Wirkung seiner Rede gibt sich der Kanzler Täuschungen hin. Die Scharfmacher, die Freunde neuer Ausnahmegesetze, die Männer des Staatsstreichs, denen ist doch nicht bloß mit Worten gedient, die wollen Taten sehen. (Sehr wahr! bei den Soz.) Sie wollen, daß Der Sozialdemokratie an die Gurgel gefaßt werde. (.Heiterkeit links.) Indessen weiß der Kanzler doch zweifellos, daß diese Art des Vorgehens gegen die Sozialdemokratie eine sehr gefährliche ist. (Lachen rechts.) Warten wir es ab! Ich sage, daß das ein sehr gefährlicher Weg ist und daß dieser Weg auf die Dauer auch außerordentlich wenig Erfolg verspricht. Der Kanzler weiß weiter, daß, wenn dieser Weg beschritten würde, ihm die Zügel außerordentlich schnell entrissen würden, denn was die Leute, die diesen Weg wünschen, haben wollen, das ist der starke Mann mit wenig Hirn (stürmische Heiterkeit) und eisernen Nerven. Das ist der Reichskanzler nicht. Ter Reichskanzler sollte sich weniger an Aeußerlich- feiten und Kleinigkeiten halten und mehr in den Kern einzudringen suchen. (Abg. Bebel: Sehr gut!) Wer in einer Zeit wie der unsrigen, wo Uingestaltungen im Innern des sozialen Körpers sich vollziehen und wo gewaltige Erscheinungen sich vorbereiten, nicht versucht, das Wesen des Sozialismus zu erkennen und ihm gerecht zu werden, der mag ein pflichtgetreuer Beamter, der mag ein formgewandter Diplomat fein, ein Staatsmann ist er nickst. (Sehr gut! bei den Soz.) Und nun zur Sache! Der größte Teil der Rede des Kanzlers bezog sich auf das Verhältnis der Sozialdemokratie zum russischen Reick: er hat versucht, uns ins Unreckt und sich um jeden Preis ins Reckst zu setzen. Ich kenne keinen Sozialdemokraten, der Sehnsucht nach der gepanzerten Faust hätte,(Sehr wahr! bei den Soz.), am allerwenigsten aber kenne ich einen Sozialdemokraten, aer wünschte, daß in einem .Kriege unser Vaterland unterliegt. (Sehr Ivnlir! bei den Soz.) Ter Kanzler sollte uns doch nickst mit jenen Leuten aus der herrschenden Klaste verwechseln, die jeden Augenblick bereit sind, ihren egoistischen Interessen zu Liebe einen Weltbrand zu entzünden, wenn sie Vorteil davon haben (Sehr gut! bei den Soz.), ober mit jenen Leuten, die mit Gewalt den inneren Feind niederwerfen wollen, und deren Haß gegen uns so groß ist, daß man vor einiger Zeit hat lesen können, eine russische Invasion in Deutschland könnte wenigstens den Vorteil haben, Deutschland von der Pest der Sozialdemokratie zu befreien. (Hört, hört! bei den Soz.) Wenn wir nickt auf eine Intervention zur Beendigung des ostasiatischen Krieges bringen, so aus dem Grunde, weil wir der Ansicht sind, daß die Tinge dazu noch nickst reif sind, sowohl auf dem Kriegsschauplatz, wie im Innern Rußlands, wo sich bedeutungsvolle Umwandlungen vorzubereiten scheinen. Aber wir verlangen eine tatsächliche Neutralität, nicht bloß eine formelle mit Gefälligkeitsbezeugungen gegen den lieben Nackbar. Die offizielle Stellung Deutschlands kann aber schließlich doch nicht bewirken, daß alle Sym- oathien und Interessen innerhalb unseres Volkes schweigen, sie darf nickst dazu führen, daß man den Kampf gegen den russischen Absolutismus hier in Deutschland zu einem Verbrechen stempelt. Wenn der Reichskanzler das verlangt, so erklärt sich das nur aus der traditionellen spezifisch borussischen Vorliebe und Tienstwillig- kcit gegenüber Rußland, die Deutschland zu einer Satrapie Rußlands macht und schweifwedelnd jeden Befehl des Zaren entgegen# nimmt. Wir wünschen allerdings einen Umsturz der innern Verhältnisse Rußlands, ja wohl, Herr Reichskanzler, das wünschen wir (Lebh. Beifall), und wir haben dabei das ganze gebildete Europa, das ganze gebildete Rußland hinter uns. (Lebh. Beifall bei den Soz.). Wie ist'dieses russische System in dem Königsberger Prozeß gebrandmarkt worden, in jenem Prozeß, der der preußischen Justiz einen nicht wieder gutzumachenden Schlag zugefügt hat. Rein juristischer Natur sollen die Erörterungen sein, die sich daran knüpfen, meinte der Reichskanzler. Nur aus rein juristischen Gründen seien die Schuldigen nicht bestraft worden! Ich denke: schuldig ist nur der, der sich gegen die Gesetze des Landes vergeht. Also hier nur gegen die Gesetze unseres Landes! Was soll da für ein neuer Begriff des „Schuldigen" konstruiert werden! Was ist Denn geschehen? Es ist eine literarische Propaganda zur Aenderung der Verhältnisse in Rußland betrieben worden. Tie Sympathiecn aller Gebildeten standen auf der Seite dieser Propaganda! Denken Sie daran, wie Ihre (zum Zentrum). Parteigänger, die Reichensperger, die Windthorst über eine derartige Propaganda dachten! (Redner zitiert einige Aeußerungen der Betreffenden). Man kann gesetzlich und staatsrechtlich solche Sbrnvathieen nicht verbieten, „auch solche, die konkreten Charakter tragen", wie sich ein berühmter Staatsrechtslehrer ausdrückt. Wir sollten in Deutschland nicht russifcher sein, als die Rusten selbst! Ter Reichskanzler will „an zuständiger Stelle" Rede über jenen Prozeß stehen. Unter der „zuständigen Stelle" verstehen wir allein Den Reichstag. Und wir werden Sorge dafür tragen, daß alle diese Tinge hier in vollster - Oeffentlickkeit behandelt werden, damit wir das Gefühl Der brennenden Schande über unser Verhältnis zu Rußland loswerden. So viel über Rußland! Daß wir mit England, obschon es unser Konkurrent ist, im besten Einvernehmen leben wollen, versteht sich von selbst; wir werden mit England durch zu mächtige kulturelle Bande verbunden. Nur noch ein paar Worte über unser Verhältnis zu Nordamerika. Der Depeschenwecksel zwischen dem deutschen Kaiser unb' dem nordamerikanischen Präsidenten ist in mehrfacher Hinsicht sehr lehrreich für uns Deutsche. Wir können aus der Vermeidung boit' Ueberschwänglickkeiten und der Ueberreserve in dem amerikanischen Telegramm viel lernen. Aber wir können noch weit mehr uns zu Herzen nehmen. Wir Sozialdemokraten sehen in den Zuständen Nordamerikas wahrlich durchaus nicht das Ideal, weil der republikanische Kapitalismus schließlich um nickts bester ist, als der monarchische. Aber nach einer anderen Richtung können wir lernen: daß da? Volk dort politische Freiheit und Selbstbestimmung hat, daß der Wille des Volkes ausschlaggebend ist, daß e§, keine erbliche und angeblich von Gottes Gnaderi stammende Negierungsgewalt kennt, sonden. daß es sich seine Regierung selbst wählt. (Sehr gut! bei den Soz.) Ans dem ganzen Depeschenwecksel kann auch der loyalste Deutsche lernen, daß es in geordneten Staaten nichts Absolutes. ewig Bestellendes gibt, daß alles Gesellschaftliche der Entwicklung unterworfen ist und geändert werden kann. (Sehr gut! bei den Soz.) Und auch dieser loyalste Deutsche kann dann erkennen, daß auck das deutsche Volk, das doch nicht weniger kultiviert ist, als das amerikanische, sich auch einmal ermannen und freiheit-. liche Verhältnisse herbeiführen kann. (Lebhafter Beifall bei den Soz.) Reichskanzler Graf v. Bülow: M. H. Ich möchte zunächst in aller Kürze eine Bemerkung richtig stellen, die der Vorredner, der Herr Aba. v. Vollmar,' soeben über mich gesagt Hatz Der Herr Abg. v. Vollmar hat gemeint, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ich hätte am bori'rn Montag in verärgertem Tone gesprochen. M. H. so leicht ärgere ich mich nicht. (Heiterkeit.) Ich halte mich an den Rat des seligen Generalfeldmarschalls Wrangel, den er einst seinem Adjutanten gab, als dieser ihn fragte, ob er sich bet einer Besichtigung, die nickt besonders gut ausgefallen fei, geärgert hätte. Darauf erwiderte der alte Feldmarfchall: „Mein Sohn", sagte er zu ihm, „ich ärgere mich . . . (Zuruf bei den Soz.: Mir, mir! Heiterkeit.) nur äußerst selten, ich ärgere lieber andere." (Große Heiterkeit.) Nun hat der Abg. v. Vollmar weiter gemeint, ich hätte die fozialdeinokratische Partei herausgefordert. M. H., mich wundert, daß selbst ein so hervorragender Dialektiker, wie es der Herr Abg. v. Vollmar ist, daß er glaubt, in Vergessenheit bringen zu können, daß die Herausforderung auf der ganzen Linie doch bisher die Sacke der Sozialdemokratie ist. (Sehr richtig! reckt?.) Die Sozialdemokratie richtet beständig die heftigsten Angriff gegen die Negierung, gegen die Minister, gegen den Staat, gegen Gott und alle Welt. Tas sollen wir ruhig herunterschlucken. Wenn aber jemand etwas sagt, was der Sozialdemokratie nicht gefällt, dann wird sie empfindlich. (Lärm bei den Soz.) Das gibt un§ einen schönen Vorgeschmack von der Meinungsfreiheit, die in der sozialdemokratischen Zukunftsordnung herrschen wird. Vorläufig sind wir aber doch nicht so weit, daß wir den Türkenkopf abgegeben hätten, auf dem man herumtrommelt. Die Sozialdemokratie soll aber da§ Pflänzchen „Rührmichnichtan" sein, das niemand antaften darf. Ich habe ebenso gut das Reckt, meine Meinung zu äußern wie jeder andere lRufe bei den Soz.: Gewiß I) und werde mich nicht daran verhindern lasten, wenn aber, in. H., der Abg. v. Vollmar mir Vorhaltungen gemacht hat über meinen Ton, über die Tonart, die ich pflege, so habe ick wohl hier unb da in der mir wohlwollenden Presse gelesen, ick sei zu höflick, idi sei zu liebenswürdig, ich befleißige mich zu urbaner Formen, ick möchte einmal doch recht grob werden, denn daö gefalle dem Deutschen sehr gut. (Stürmische Heiterkeit.) Ob ich diesen Rat befolgen werde, da§ kann ich frei« lieft nicht sagen, ich fürchte, daß ich c5 mit gewissen Leuten darin doch nie werde aufnehmen können. (Heiterkeit.) Mer, meine Herren, es entbehrt doch nicht einer gewissen Pikanterie, daß der Abg. v. Voll mar mir meine Tonart vorwarf in demselben Augenblick, lvo mir ein Artikel unterbreitet wurde, der in einem, ich will nicht sagen, ibm nadestebcnden Blatte (Heiterkeit), aber doch in einem Blatte seiner Partei („Leipziger Volksztg.") fleht, und in dem c? wörtlich heißt — ich bitte um die Erlaubnis, diesen Artikel borlesen zu Tonnen —: „Die konservativen Wegelagerer (Heiterkeit), die Zentrumsgauner (erneute Heiterkeit), die national-liberalen Jesuiten (schallende Heiterkeit) und als der oberste der Philister Eugen Richter" (erneute Heiterkeit), — der Abg. Richter, von dem neulich Herr v. Mardorfs gesagt hat, daß wir alle bedauern, ihn wegen Krankheit nicht an seinem Platze zu sehen und von dem wir alle hoffen, das; er bald seinen gewohnten Platz wieder einnehmen möge (Beisalll, aber weiter: „der parlameu tarischc Strolch" — ich bitte um Verzeihung (Heiterkeit) — „Herr v. Kardorff (stürmische Heiterkeit), der ReichLgerichtSrat Spahn, der die deutsche Justiz in Permanenz durch einen niederträchtigen Staatsstreich illustrierte, der beschäftigungslose Advokat und Streber Bassermann (stürmische Heiterkeit), der zum ersten Mal in seinem Leben einen juristischen Kommentar gab (Heiterkeit), — es ist heute überflüssig, an die schamlosen Bubenstücke und das infame Vorgehen dieses parlamentarischen Gesindels Zu erinnern, das damals wie eine Sauherde ischallende Heiterkeit) in Geschäftsordnung und Ver- fasiung einbrach und niedertrampelte, was im Wege stand." (An haltende Heiterkeit.) Die Herren, die sich einer so geschmackvollen Tonart befleißigen, die machen mir Vorhaltungen über meinen Ton! (Sehr gut!) Nun bat Herr von Vollmar Iveitcr gemeint, ich hätte kein Ber ständnis für die Sozialdemokratie. Ich habe im Gegenteil die Vorgänge in der sozialdemokratischen Partei mir besonderer Auf rnerksamkeit verfolgt und mit ganz besonderer Aufmerksamkeit die Haltung eines so hervorragenden Politikers und Parlamentariers, wie es Herr von Vollmar ist und seine näheren Freunde. Vor zwei Jahren wurde in manchen Kreisen manche Erwartung geknüpft an den Revisionismus. Wie der edle Marquis Posa lHeiterkeit) vor den bösen König Philipp, so irat damals der Revisionismus vor den Führer der sozialdemokratischen Partei: „Geben Sie Gedanken freibeit, Sire!" (Stürmische Heiterkeit.) Ter sagte aber: „Sonderbarer Schwärmer!" (Erneute Heiterkeit.) Er gab keine Gedankenfreiheit, er ließ durch seinen Freund Kantsku verkünden In der sozialdemokratischen Partei sei sogar das Anzweifeln der gerade herrschenden Meinung gefährlich und nicht erlaubt! (Abg. Bebel: Wollen Sie nichr zitieren, Herr Neichskan-lerk Heiterkeit.) Ich habe das nicht wörtlich im Gedächtnis, Herr Bebel. Iedcn- falls war damals die Handlung des Abg. Bebel eine solche, daß selbst ein angesehenes französisches sozialdemokratisches Blatt. „L'Humanltc", von dem unduldsamen Dogmatismus der deutschen Sozialdemokratie sprach. (Hört! hört!) Da dn^te sich der Rcv.- sionismus (Heiterkeit), da überließ er die Führung den utopischen Politikern, da zog er sich zurück vor denjenigen, die das mit seltenem Scharfsinn und mit seltener Denkart, mir ungewöhnlichen Kenntnissen und mit noch ungewöhnlicherer Dialektik fciftruicrtc, aber durch die geschichtliche Entwickelung der Dinge in seinen Fundamenten erschütterte Shstem von Marx für ein Dogma halten, so stark und unanfechtbar wie nur je irgend ein asiatisches Dogma. Als der Revisionismus sich so zurückzog, sich so duckte, da schaltete er sich eben aus auS der Zahl derjenigen Faktoren, die Realpolitik treiben. Gewiß, die Behandlung, die ihm damals zii teil wurde, die könnte Mitleid erregen, wenn, wie Herr non Vollmar eben treffend sagte, die Politik nicht bis zu einem gewissen Grade das Mitgefühl Misschlösse. (Heiterkeit.) Aber and) die Art und Weise, wie damals der Revisionismus reagierte oder vielmehr, wie er nickst, reagierte, auch die könnte ein gewisses Mitgefühl Hervorrufen. Und deshalb hat eS keinen praktischen Wert, wenn die Herren von jener Richtung sich mit einer Mäßigung — ich brauche wieder einen Ausdruck - Abg. von Vollmar — mit einer relativen Mäßigung aussvrechen, solange sie iiicht im stände sind, sich zu emanzipieren von demjenigen Herrn, den ich nicht beim Namen nennen will, den aber vor zwei Jahren mit seinem Witz der Abg. von Vollmar mit dem Lord-Protektor Cromwell verglich. (Sehr gut!) Solange Sie sich nicht auf eigene Füße stellen, so lange haben Ihre relativ gemäßigten Anschauungen auch nur einen akademischen Wert. Und daß in der sozialdemokratischen Partei das mische nicht allzu hoch bewertet ist (Heiterkeit), daS wissen nnu seit dem Dresdner Parteitag. Nun hat der Herr Abg. v. Vollmar sich eingehend beschäftigt mit unserem Verhältnis zu Rußland. Er hat gemeint, es sei ein Unterschied zwischen der Haltung einer Partei und zwischen den Handlungen einer Regierung. Das kann ich nicht zugeben. Die Annahme, es sei gleichgültig, Ivie die Parteien, wie die Presse, wie das Parlament sich stellt zu den großen Fragen der auswärtigen Politik, trifft nicht niehr zu. Wir gewinnen nicht an Ansehen, wenn schwierige Verwicklungen, heikle Fragen der internationalen Politik lediglich vom Parteistandpunkt auS behandel: werden, gerade so wie man während des südafrikanischen Krieges Mif falschem Wege war, als man sich von Gefühlen leiten ließ, als man das vermeintliche moralische Recht ober Unrecht verwechselte mit dem internationalen Vorteil oder Nachteil. (Sehr richtig!) So ist man auch heute auf verkehrtem Dege, wenn man sich auf dem Gebiete der auswärtigen Politik nur von GefühlS- bewegungen oder gar nur von Fraktionsrücksichten bestimmen läßt, und darum möchte ich noch einmal wiederholen, wir halten gegenüber Rußland fest an demjenigen Maß von wohlwollender Neutralität, daS unseren traditionellem Verhältnissen zu Rußland entspricht, ohne daß wir damit anderen Ländern, die mit im? in Allianz oder freundschaftlichem Verhältnis stehen, irgend welchen Grund zu berechtigtem Mißtrauen und berechtigten Beschwerden geben, und ich kann nur wünschen, daß alle PMteien und daß auch die Presse dieselbe Linie einhalten möge. Wir Deutsche haben einen unglücklichen Sang — ich will daS ganz offen au& sprechen —. in fremden Händeln Partei für den einen oder den anderen zu .ichmcn, uns mit unserem teil einzumischen in >remde Streitigkeiten. Dabei kommt vra:tisch nicht viel heraus. Tas.ist ein Mangel an politischer Erziehung, wenn bei uns weite .MTeije sich so verhalten und dann womöglich noch denken, das ichadet nichts, wenn die Regierung sich nur korrekt verhalte. Je ?r° wc .ker ^raane der öffentlichen Meinung, sowohl der Abgeordneten wie der Presse, geworden ist — auch für Fragen der auswärtigen Politik —, um so mehr muß man sich auch bc- Verantwortliche kit, die auf einem ruht, gegenüber Schwierigkeiten, die aus der Erregung von Volkslesdeuschaften erwachten für Den Gang unserer auswärtigen Politik. Ich will gern anerkennen, daß nnscre große politische Presse, von der „Kreuzzeitung" bis zur „Frankfurter Zeitung", sich gegenüber dem ost asiatischen Krieg einer anerkennenswerten Ruhe und Besonnenheit befleißigt. Da mich aber Herr von Vollmar genötigt hat, daS Thema nochmals anzuschnciden, so füge ich hinzu, daß ich zu meinem Bedauern dasselbe nicht von unserer Witz- presse sagen kann. Gerade so wie unsere Witzpresse während deS südafrikanischen Krieges maßlos heftig und unverständig gegenüber England war, beobachtet sie auch jetzt wieder gegenüber Rußland die nämliche Haltung. Und das ist doppelt bedauerlich angesichts der von dem Gegner bewiesenen Tapferkeit. (Zustimmung.) Tie Tapferkeit, b*e ich der Witzpresse im übrigen gern gönne — über mich mögen Sie schreiben, waS Sie wollen, da gebe ich Ihnen vollkommene MaSkenfreibeit (Heiterkeit) — muß ihre Grenze finden in einem gewissen Maß von politischer Einsicht. Sie dürfen nicht dem Ausland Material liefern zu Hetzereien gegen das deutsche Volk. Solche bösartigen Illustrationen, solche rohen Witze können mehr Schaden anriänen, als ein leidenschaftlicher Zeitungsartikel oder als Reden wie wir sie zuweilen von dieser Leite (zu den Soz.) gehört haben. Iw vermag auch keine mildernden Umstände darin zu erblicken, das; ieiche Zeichnungen ment von Nichtpolitikern entworfen ober inspir>ert werden. Heute mutz die Nation die Fenster ersetzen, die ihre Presse cinschlägt. Dieses Gefühls der Mitver- antwortlichkeit für den Gang der auswärtigen Politik, dieses Gefühls müssen wir *1118 noch mehr bewußt sein. (Beifall.) Nun meinte Herr v Vollmar weiter, die Sozialdemokratie wolle feinen Krieg mit Rußland Ja, dann müßte Herr v. Vollmar aber damit anfangen, den Ädg. Bebel zu verhindern, so zu ivrcchcn, wie er es nun schon zu wiederholten Malen aetan hat. Wie weit sein Einfluß in biricr B. Ziehung reicht, weiß ich nicht (Heiterkeit), ich hoffe aber, nach der ritterlichen Art, wie er für ihn eingetreten ist, daß er Einfluß auf Herrn B-bel hat. Eins aber ist sicher: Jemehr Sie gegen Rußland koSziehen, umsomehr muß ich mich bemühen, die Be->i.'hungeu zu Rußland in freundschaftlichen Bahnen zu halten und Angriffe, and denen nicht die nötigen Konsequenz- • gezogen werddn, sind vom Nebel. Der andere wird dadnr flcrcrr, und man selbst blamiert sich, wenn man seinen Worten feine Daten folgen läßt (Sehr wahr!) Herr v. Vollmar ist auf den c önigSbcrctr Prozeß zurückgetommen. Ich habe idion gesagt, daß ich darübe' nid’t als Jurist, sondern als Politiker gcsprockxn habe, und alles was Herr v. Vollmar gesagt hat, ändert nichts an der von nur konstatierten Tatsache daß die Sozialdemokratie mit volle in Bewußtsein und mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gegen die rupndx- Regierung arbeitet. Damir aber schädigen Sie da? gute Verhältnis, in dem wir zu Rußland stehen, dies Verhältnis, das in sriedlichen Bahnen zu halten Aufgabe unserer Politik fein mutz. ES bat mich gefreut, daß Herr von Vollmar seiner Partei einen nationalen Mantel umgehängt hat. Denn er mir Beharrlichkeit und Zähigkeit auf diesem Wege weiter fortschreitct, so kann er iick) vielleicht noch zu einem deutschen IauröS entwickeln. Ich würde das iviinfcficii. Vorläufig aber muß ich mit Bedauern konstatieren, daß die deutsche Sozialdemokratie gegenüber Rußland eine überaus feindliche und ungeschickte Propaganda betreibt. Nun hat Herr von Vollmar audi Andeutungen gemacht ober vielmehr er hak sich bezogen auf Andeutungen bc3 Herrn Bebel, die mir darauf hinaus zukommen schienen, als ob wir Rußland gegenüber irgendwie gebunden wären. In dem offiziellen Organ der sozialdemokratischen Partei habe ich dieselbe Behauptung gelesen. ES heißt da: „Tas Verhalten deS Reichskanzlers int Reichstage gegenüber den kurzen Andeutungen, die Bebel über den Königsberger Prozeß gcmad)t J)at, beweist zur Genüge, daß bie gegenwärtige Regierung im Russen- dienst völlig und unrettbar verstrickt ist. Ter langjährige englische Botschafter in Berlin, White, hat nun in einer englischen Zeitschrift behauptet, das; er ganz fidber wisse, cS sei ein Gcheimvertrag zwischen Rußland und Teistschlanb abgeschlossen worden. Alle Anzeichen fprcdxii dafür, daß ein solcher Vertrag tatsächlich existiert und daß Deiirfchlaud sklavisch an Rußland gebunden ist. Man har säst den Eindruck, als ob die erstaunliche Nachgiebigkeit des Kanzlers Rußland gegenüber nur dadurch zu erklären ist, daß man sich vor unangenehmen Enthüllungen fürchtet. Man hat mit diesem Vertrage Rußland eine Waffe in die Hand gegeben" — meine Herren, ick; bin fein übermäßig gescheidter Mensch, aber halten Sie mich wirflich für einen so folossalen Echsen? (Stürmische Heiterkeit) — „und auch der Regierung die Möglichkeit genommen, sich von dem Jock) zu löse«. Vielleicht gen innen die Freisinnigen wenigstens die Energie, bei dieser Gelegenheit sich nach dem geheimen Vertrage, der zwischen Rußland und Deutschland abgesck',losten ist, zu erkundigen." Was die Herren von der freisinnigen Vereinigung tun werden, weiß ich iiirfrt, aber was- die Bemerkung artlangr, daß eine solche Behauptung aukgegangen märe von bem langjährigen englischen Botschafter in Berlin White, so hat eS allerdings einmal einen englischen Bot- schaftcr gegeben, der White hieß, der war aber nicht Botschafter in Berlin, sondern in Konstantinopel (Heiterkeit). Dann hat es audi mal einen Botschafter in Berlin gegeben, der White hieß, der war aber nicht englischer, sondern amerikanischer Botschafter. (Erneute Heiterkeit.) Auf dieser Höhe der Sachkenntnis, die an Pichels- wcrder erinnert (Heiterkeit), steht ber Inhalt dieses ganzen Artikels ober ähnlicher — ick; will nicht sagen Insinuationen, aber Andeutungen. Für die große Mehrheit dieses Hauses brauche ich wohl nicht zu sagen, daß ein solcher Vertrag nicht existiert. Tann hat Herr von Vollmar gemeint, die auswärtige Lage sei eine so friedliche, daß er nicht einsehe, weshalb wir unsere Wehr- fraft noch zu verstärken brauchen. Wir haben keinen Grund, an der Aufrichtigkeit der FricdcnSversichcrungen zu zweifeln, die die Regierungen der Großmächte abgegeben haben. Die Negierungen, Fürsten und Staatsmänner sind all.' ben dem aufrichtigsten Wunsche erfüllt, den Frieden ausrecht zu erhalten. Ich kann noch hinzufügen, daß die zwischen den Mächten bestehenden Alliancen sich mehr und mehr als Instrumente des Friedens bewährt haben. Wie sehr dies vom Dreibund gilt, habe ich schon einmal dargelegt: aber auch die französisch-russische Alliance hat sich als friedenserhaltend bewährt, indem sie auf gewisse weniger friedliebende Elemente in Frankreich Einfluß ausgeübt hat. Wir hoffen, daß auch die französifch- englische Annäherung von friedenserhaltender Wirkung sein wird. Für Deutschland dürfen iuir wohl daS Verdienst in Anspruch nehmen, daß es dank der Friedenspolitik unseres alten Kaisers und seines großen Kanzlers den Grund für eine lange FriedcnSepoche gelegt hat. Ich tvürde aber nicht meinen Pflichten als auswärtiger Minister genügen, wenn ich die Augen dagegen virfchlietzen wollte, daß es in Europa auch Ilnterströmiingen gibt, die zu kriegerischen Verwicklungen drängen. Denken Sie an die Revanche-Gelüste in Frankreich! Wir haben den innigen Wunsch, daß sie mehr und mehr siel; verflüchtigen mögen, aber als so friedlich, wie Herr von Vollmar, vermag ich doch die Situation jenseits der Vogesen nicht anzusehen. Wenn Sie denken an die kürzlich von mir berührte Verhetzung englischer Journale und an analoge Erscheinungen, so werden Sie mir zugeben, daß es tveder in der Welt an Zündstoff fehlt, noch an Leuten, die Lust hätten, den Zündstoff zur Flamme zu entfachen. Eins ist sicher: wenn Deutschland bisher ein Bollwerk friedlicher Bestrebungen gewesen ist, so konnten wir das nur sein dank unserer Stärke. (Sehr wahr!) Ein schwaches Deutschland würde sofort kriegerische Neigungen groß werden lassen. Ein schtvachcs Deutschland — und damit will ich schließen — würde nicht nur für uns eine Gefahr bedeuten, sondern auck) für ben europäischen und für den Weltfrieden, ben wir aufrecht erhalten mochten. (Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Spnhn (Ztr., sehr schwer verständlich): Die Vorwürfe. die man dem Zentrum gemacht hat, sind unberechtigt. Dem Schatzsekretär, der heute wieder so beweglich die Finanzlage geschildert hat, möchte ich erwidern, daß wir uns in nerster Linie zu- sammenfi.iden müssen, die Reichsansgaben zu beschränken. Daß eine Erhöhung der Matrikularveiträge die Lösung von Kulturaufgaben unmöglich machen soll, glaube ich nicht. Es braucht ja nicht alles auf einmal gemacht 311 werden. Ten Königsberger Prozeß halte ich auch nicht für eine Ruhmestat der preußischen Justiz. Ll?an har uns eine Denkschrift über Südwestafrika vorgelegt, aber sie ist unvollständig, es fehlt cm sehr wichtiger Brief, den Lentwein an die rheinische Mission geschrieben hat, und in dem er die Reser- vatpolitik ablehnt. Wenn man aber eine solche Denkschrift vorlegt, so müßte sic doch auch vollständig sein. Inbezug auf die Diäten hat sich der Reichskanzler in früheren Jahren weit entgegenkommender als jetzt geäußert. Heute legt der Reichskanzler so großes Gewicht au: die Verfassung, aber der Zustand, der jetzt besteht, widerspricht bem Geiste Der Verfassung. Ter Reichskanzler macht es jetz! selbst den Revisionisten unmöglich, in den Reichstag zu kommen: öcbanfcnfrcihcit kann nur durch die Diäten kommen. Dräger deS deutschen Einheitsgedankens waren nicht die Fürsten, das war da? benriefte Volk, da sollte man cs doch erreichen, daß anS allen Gegenden Deutschlands die Abgeordneten möglichst zahlreich zusammenkommen. Früher war Der Reichstag auch nicht stärker besetzt als jetzt. Zu einer Gefahr ist der Absentismus nur dadurch geworden, daß die Sozialdemokraten infolge ihrer Partei- diäten zahlreicher hier versammelt sind, als die anderen Parteien. Der Reichskanzler sollte daher nicht ablenken, sondern den Wunsch des RcichStaae>' nach Diäten erfüllen. Abg. Stöcker (b. k. Fr.): Tie Reden der Sozialdemokraten machen auf mich gar keinen Eiiidruck. Sic können sich nicht rühmen, die Ausgaben abgelehnt zu haben, denn sie lehnen ja daS ganze Budget ab. Ihre Abstimmung ist daher feinen Pfifferling wert. Zu einer Erhöhung der indirekten Steuern lärmen wir nicht kommen, ehe wir nicht die großen Vermögen stärker herangezogen haben. Gegen eine Reichscinkommcnsteuer bin ich iiichr, halte aber eine Rcichserbschaftssteuer für weit besser. Der japanische Krieg gibt uns gute Lehren. Was die Japaner aus- itekirnet, isr vor allem unbedingte Vaterlandsliebe und unbedingte Pietät. Daher stammen die Erfolge der Japaner. Es ist gar nicht unmöglich, das; sich da im Osten eine Aendcrung der Weltgeschichte anlahnt. Die 500 Millionen Chinesen und Japaner bilden für Europa eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Es ist meine Hoffnung, daß Die schweren Schickialsschläge Rußland? für Rußland das werden, waS Jena für Preußen wurde. In Südwestafrika wäre es Wohl nickst so nxit gekommen, wenn man rechtzeitig die Vorschläge der rheinisdicn Mission befolgt hätte. Ter unglückselige Braunt- weingenuß scheint leider da auch eine Rolle gespielt zu haben. Wie die Sozialdemokraten nach dem Dresdner Parteitag noch Vorlesungen über den guten Ton halten können, verstehe ich nicht. Ebenfalls verstehe ich es nicht, wie sic sich über den Zolltarif ereifern können. Sic selbst sind durch ihre Obstruktion ja Schuld daran, daß der Zolltarif eine solche Gestalt bekommen hat. (Lachen bei den Soz.) Die Art. wie die Sozialdemokraten auftreten, wie sie selbst so schöne Lieder wie das „Stille Nacht, heilige Nacht!" pcrfif!icicn, zeigt nur, daß sic das ganze Volk bis ins innerste Herz vergiften wollen. Unsere erste Aufgabe mutz es daher fein, Die Sozialdemokraten zu bekämpfen. Wenn die Sozialdemokraten nur Sozialisten wären, wenn sie nur das Los der ärmsten Klassen verbessern wollten, dann könnte man mit ihnen paktieren. Ta sie aber den Kamps gegen alles wollen, müssen wir sie bekämpfen. Tie Hauptaufgabe der Negierung mutz es sein, die berechtigten Forderungen der Arbeiter zu erfüllen, dadiirch gräbt man den Sozialdemokraten das Wasser ab. Leider aber tut die Regierung sehr viel, was im Volke Unwillen erregt. So bat man mich überall qcfi-agt. weshalb hat die Ncchernng die Kosten der Fleischbeschau so ungeheuer erhöht. Wir müssen die christliche Grundlage unseres Volke? wieder gewinnen, sonst gehen wir den grötzten Gefahren entgegen. Für Tiätcn bin ich auch, bann würden wir auch Arbeiter in den Reichstag bekommen. . Abg. v. Gerlach (frei)- Vgg.): Auch ich trete ftir eine Rcichs- vermögenssteuer ein, doch mutzte sie für alle Vermögen über ICO 000 Mark eingeführt werben, auch für die agrarischen. Die agararischen Zeitungen reden jetzt schon davon, bah nur bas mobile Verrnöaen, nicht der Grunbbcsitz besteuert locrben mutzte. Davon kann natürlich keine Rede sein. Es wäre ein großer sozialpolitischer Fortschritt, wenn eine solche Steuer aus dieser Debatte her- vorainge. Herr Stöcker hat in seinen Bemerkungen über den Zoll-i tarif die Tinge auf den Kopf gestellt. Es läßt sich doch nicht leugnen, daß die 2)?ajorität damals keine Debatte tvollte. sondern einfach jede Diskussion abschuitt und jede Beratung uiimogiia) machte. Sic ließ Gewalt für Recht ergehen. DaS bekannte Urteil dc? Kriegsgerichts in Dessau hat nese Erregung hervorgerufen; selbst Kriegervereinsmitglieder, die kurz vorher beim Einzug des Kaisers Spalier gebildet hatten, verurteilten einmütig das Urteil. Wegen einer Bagatelle, wegen einer einfachen Tanzbodciigeschichte fünf Jahre Zuchthaus! . Der Prozeß beweist Die Notwendigkeit einer Aendcrung deS Militarstrasgeietze^. An solcher Aendcrung haben namentlich diejenigen ein Interejje, die die Aufrechterhaltung des Bestehenden wünschen. Wir toollen keinen Kadavergehorsam, sondern einen Gehorsam aiu> Ueocr* Nicht verstehen wird man cs im Volke, daß der Reichskanzler den AuSgang des Königsberger Prozesses als Produkt „piristiichee Meinungsoerlchicdenheiten" dargestellt hat. Die Schmach, ne ixt deutschen Justiz angetan ist, besteht nicht darin, daß er kläglich uns elend ausgelaufen ist, sondern, daß er,aus Gesalligfeit gegen Rußland Überhaupt cingeleitet wurde. Wie der Reichskanzler über die Witze unserer Witzblätter so nervös sem kann, ver;whe ich nicht Nach Rußland kommen diese ja doch nicht hinein. Da kommt ja überhaupt kein Hauch modernen Geistes Hinern. Hierauf vertagt das HauS die weitere Beratung au) Sonnabend, 1 Uhr. Schluß gegen 6 Uhr. FrlctNcs Keuitleton. — M endesohn-Bartholdys Paulus. Mit Unrecht Vt in der gemeinen Meinung Mendelsohn in unserer Zeit etwas in den Hintergrund gedrängt worden. Richt nur haben wir ihm die Wiedererweckung Johann S e b a st i a n B a ch's in alleren:er Linie zu danken — sein Eintreten für Diesen unergründlichen Großmeister kann nicht hoch genug gesck-ätzt werden — er hat ev auch verstanden, den alten und neuen (Seift mit- tmant i auszujöhnen, durch eigene vollendete Werke uns die M । näher zu bringen. Hans v. Bülow nennt M^del* lohn einmal „das höchste Formgente nach Mozart" und Ro b. Schumann macht denselben Vergleich, indem er Mendelsohn den „Mozart des 19. Jahrhunderts nennt, den hellsten Musiker, ter £>1 2: is< riorüchc der jcit am klarsten durchschaut uno zuerst versöhnt." — Zu den Höhepunkten (eines Schaffens gehört sein Paulus. Dies Oratorium, 1833 begonnen ivurcc zum ersten- male am ri. Mai 1836 auf dem rbemrieften Musikfest in Düsse! dorj aujgeführt, oarnach von l^enocisohn bedeutenD gekürzt und ,t oiejer Gestalt dann ab 11 '/> Jiul in dem knappen Zeitraum . on kaum Jahren airigcffrijrt. Eben der Pauius sicherte dem Komponisten cj:e critc Stelle unser seinen Zeügcnossen. Rach Haydns S ch ö p s u n g hat bis zum Paulus rein Oratorium ben annähernd gleichen Erfolg gehabt. „Er hat", sagt Kretzschmar, „bis auf die Gegenwart in immer wechselnder Umgebung und mitten unter der neuerwachten Pflege Handels seine Stellung behauptet. Die Zeit, wo über dieses Werk einsach zur Tages- oronung i'ibergcganAen werden könnte, ist noch sehr fern. Es gehört eine barbariiche Einseitigkeit dazu, sich der reichen menschlichen und musikalischen Individualität zu verschließen, welche aus diesem Oratorium spricht. Ehöre, wie „Siehe, wir preisen selig" und „O welch eine Tiefe des Netchtums" oder „Wie lieblich sind die Boten", Sologesänge wie „Jerusalem", „Gott sei mir gnädig" und „Sei getreu bis in den Tod" find unter das Schönste und Eigentünilichstt zu zählen, Ivas die 9Rnsik des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Sie vertreten den EmpsindungSgehatt des Oratoriums. Aber auch die dramatische Charakteristtt ist in dem fanatischen Chore der Juden lai.e „Sei uns gnädig' mit Leistungen bedacht, bie in bei* I)ra-- toneniitcTatur einen ersten Platz verdienen." Den Text hat siel; ur Komponist ous der Bibel zujaminengejlellt unb zwar unter iirengiicr Bejchrunkung. Ter „Messias" und bie „Matth.ius- passiou" warm feine Vorbild.'r. Tie Bekehrungsszme des PiruluS bildet das Hauptstück, vorbereitet durch die Szene dc§ Stephanus. ^Rach der Bekehrung sehen wir Paulus unb Barnabas ausziehen zur Verkündigung des Evangelinms, den Widerstand der Juden — man beachte besonders den ausgezeichnet charakteristischeir Chor: „Ist das nicht der zu Jerusalem" — und dann nach dem wiederholten „Steiniget, steiniget ihn" die Aftschiedsszene deS Paulus, die. ihren ergreifendsten Ausdruck in dem einfack-en Satze: „schone doch deiner felbst^ gefunden hat. Und nicht in Wehmut, sondern apologetisch schließt das Gmize mit dem Lvb- gesang: „Richt aber ihm allein — Lobe den Herrn, meine Seele" einen erbauenden Abschluß verbürgend. — Möge denn der Paulus auch hei uns heute die Würdigung finden, die er verdient. — Vaca t. In einer Kirche in Sachsen sind die vermieteten Plätze mit den Rainen bet Mieter bezeichnet, die nicht vcvnueteten haben die schöne Umschrift: Vacat (— frei). Das Kind einer zu- gezogenen Familie kommt nach bem ersten Besuche ber Kirche nach Hause unb sagt zur Mutter: „Die Vaeats müssen aber reiche Leute jem; bie haben so viele Plätze in der Kirck)e." Aufzergervohnlieh vorteilhaftes Weihnachts-Angebot! 1 Damen-Wäsche Baumwollwaren Baumwollwaren 28 Psg. 1 Posten Hemdentuche, ftorHäbige L35 Mk. Mtr. Qualität gesticktem Collis Stück 1 1 Dameu-Hemde« aus feinem 1.95 1 1 1 1 tf 1 Pollen.Hauskleiderstoffe, karierte QtL Muster Mtr. VJ 1 n u L Kleid, 6 Mk. Kleid, 6 Kleid, 6 Kleid, 6 , 1.25 Kleid, 6 ii Kleid, 6 68 Kleid, 6 Mtr. vorz. glatte Stoffe 7.50 Psg. 4.75, 3.50, 2.25, 1.50, Heilbronner ■ a10/1’ WtihnatMs-AisVerkaef! Gebe von jetzt bis Weihnachten außer meinen billigen Preisen auf 8755 K CARL LUDWIG LEIB Kirchstrassee 2. D86/11 jjj&F Absolute Sicherheit gegen das Herausstürzen Iss Arilkeil unb Aiistrilkeil nur bieten V-f SG 3 3 Reform-Kinde. 1.15 1.75 30 48 35 48 Dient ol» hoher und niedriger K indern tu hl sowie nie Fahrstuhl m, kt. 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